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Der Stammbaum Jesu Christi

Wenn jemand in das Collegium Orientale, das ostkirchliche Priesterseminar des Bistums Eichstätt, zu Besuch kommt, taucht er in eine besondere Welt ein. Diese ist zum Beispiel durch den mehrstimmigen Gesang im Gottesdienst und durch den muttersprachlichen Akzent der Hausbewohner in deutscher Sprache gekennzeichnet. Dazu gehört auch das Erlebnis einer Umgebung von Ikonen in all ihrer Buntheit und Vielfalt von Motiven.

Ein besonderes Motiv, vor allem in der weihnachtlichen Zeit, ist das mit dem Baum. Dabei geht es nicht um einen Christbaum, sondern um den Stammbaum unseres Herrn Jesus, den wir als menschgewordenen Gott, den Gott mit und unter uns Menschen, feiern. Eine Darstellung des Stammbaumes in ikonenhafter Ausführung aus der westsyrischen Tradition der Maroniten, der Christen Libanons, findet sich im Collegium Orientale. Sie stellt die uns allen bekannte Aufzählung der einzelnen Geschlechter der Vorfahren Jesu „dem Fleische nach“ dar. Man sieht den im Wurzelbereich liegenden Vorvater Isai („die Wurzel Jesse“). So heißt es im Neuen Testament: „Buch des Ursprungs Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams: Abraham zeugte den Isaak, Isaak zeugte den Jakob, Jakob zeugte den Juda und seine Brüder … Juda zeugte den Perez und den Serach mit der Tamar … Salmon zeugte den Boas mit der Rahab. Boas zeugte den Obed mit der Rut. Obed zeugte den Isai, Isai zeugte David, den König … Jakob zeugte den Josef, den Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren, der der Christus genannt wird … usw.“ (vgl. Mt 1,1-17, am Sonntag vor Weihnachten, dem Vierten Adventssonntag).

Genealogie Jesu Christi – Darstellung im Collegium Orientale Eichstätt

Diese gekürzt zitierte Lesung galt für mich als jugendlichen Ministranten in meinem ukrainischen Heimatdorf als eine der langweiligsten Lesungen: das Vortragen der sogenannten Genealogie Jesu Christi. Der Inhalt und die gleichklingende Kette von Fremdnamen ergaben für mich keinen Sinn und ließen mich immer wieder wundern, dass man in der unmittelbaren Vorbereitungszeit auf eines der Hochfeste so eine Lesung wählt. Da man sich im Ukrainischen wegen der abschätzigen Konnotation des Wortes „zeugen“ in der offiziellen Übersetzung auch noch für das „gebären“ entschieden hatte, kam mir diese Lesung nicht nur langweilig, sondern auch seltsam vor. Denn im Vortrag hieß es dann: „Abraham gebar den Isaak, Isaak gebar den Jakob, Jakob gebar den Juda und seine Brüder …“.

Erst als ich ins Priesterseminar eingetreten bin und mich mit der Bibel intensiver beschäftigte, verstand ich immer mehr, wie wichtig diese Texte sind: für die Menschwerdung des Sohnes Gottes und vor allem für jeden Christen und für mich persönlich.

Bekanntlich hört eine Sache oder eine Angelegenheit auf, langweilig zu sein, wenn sie plötzlich für einen selbst relevant wird, wenn man in ihr einen Sinn und Bedeutung für sich sieht. So ist es auch mit dem Stammbaum Jesu. Es lohnt sich ihn zu betrachten, besonders in der Weihnachtszeit, die uns darüber Einiges offenlegt.

Die erste und wohl allgemein bekannte Erkenntnis ist: Durch die klare Nachfolge der einzelnen Geschlechter des Ziehvaters und der Mutter Jesu Christi, Josef und Maria, wird seine wahre Menschheit dokumentiert. Gott ist in seinem Sohn, so wie er wahrer Gott war und bleibt, wahrer – echter – Mensch geworden, und zwar mit einer Vorfahren-Kette hier auf Erden.

Der zweite Aspekt liegt mehr oder weniger auch offen: Durch Jesu Einordnung in das Menschengeschlecht, mit all den Männern und Frauen in all ihrer unterschiedlichen charakterlichen, existentiellen und moralischen Verfasstheit, wird der klare Wille Gottes manifestiert, sich in das menschliche Geschlecht mit allen Schwächen und Stärken einzubinden und einer von uns zu werden. Der menschgewordene Gott nimmt die Menschheit so an, wie er sie vorfindet: erlösungsbedürftig, unzulänglich und auf den Messias, den Befreier, harrend.

Mit diesem zweiten Gesichtspunkt, mit dem der Stammbaum Jesu Christi wertvoll wird, kommt man schon dem eigenen Interesse näher, das uns zum dritten für mich als sehr wichtig erscheinenden Punkt bringt. Denn dieser letzter erschloss mir das Verlesen des Evangeliums vom Stammbaum Christi, ja freundete mich mit dem Stammbaum für immer an.

Der Stammbaum Jesu Christi ist ein lebendiger Baum. Er endet nicht mit der Geburt Jesu Christi, er wächst weiter, auch heute noch. Und wir alle sind Zeugen dafür. Jesus Christus ist die lebenspendende Mitte unseres Geschlechts und unseres Stammbaumes.

Wir sollen seine Äste und Zweige nicht nur in der Perspektive nach unten betrachten, zu den Wurzeln hin. Unser Blick soll sich wenden, und zwar vor allem in seine Wucht nach oben, in die Krone hinein. Denn mit dem Eintritt Jesu in unsere menschliche Geschichte wurden am Baum des auserwählten Volkes unzählige Anschnitte verursacht, an die angedockt werden kann, an die – mit dem Apostel Paulus gesagt – eingepfropft werden kann. Durch unsere Taufe werden wir, ein jeder und eine jede von uns zu einem Zweig am Stammbaum Jesu. Wir gehören somit zu einem tollen Geschlecht, zum Geschlecht der Erlösten, der Auserwählten: Wir sind aus dem Geschlecht Jesu Christi, des menschgewordenen Heilands! Kann es für uns Menschen, für uns Christen, eine schönere genealogische Linie geben als die der Eingepfropften an Jesus Christus, an der Quelle des Lebens?!

Dies ist der wahre Grund, um den Stammbaum und die Lesung darüber zu lieben. Dies ist auch der wahre Grund zur Freude in dieser Weihnachtszeit und warum wir einander „Frohe Weihnachten“ wünschen dürfen.

In der Freude, zum Stammbaum Jesu, des menschgewordenen Heilands, gehören zu dürfen, mögen alle Leserinnen und Leser des Blogs WEITBLICK gegrüßt werden. Ein freudiges Fest der Geburt Jesu Christi und Seinen reichen Segen für das mit großen Schritten kommende Neue Jahr 2020!

Liebe säen: Cristo Vive in Bolivien und Chile

Überwältigt und beschenkt vom Dienst unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Fundación Cristo Vive Bolivia und Perú kehre ich nach Chile zurück. Aber all dieser Einsatz in den drei Ländern ist nur möglich mit Hilfe eurer solidarischen Unterstützung, liebe Freunde in Europa. Ich danke und lobe Gott für jede eurer Spenden, die wir in Bolivien, Peru und Chile für unsere Geschwister in Not einsetzen und in ein besseres Leben für sie verwandeln können. All das gäbe es nicht ohne euren treuen Beistand über die vielen Jahre hinweg.

Ein Höhepunkt für Cristo Vive im Jahr 2017 war am 10. Oktober die Einweihung des Internats für 16 Landwirtschaftsschüler aus den ärmsten Gegenden Boliviens: Ein unglaubliches Fest auf dem Quetchua-Bauerndorf Bella Vista am Fuß des Berges Tunari (5000m) mit Freunden aus der Schweiz, Frankreich, Deutschland, Italien, Luxemburg, Vietnam, Argentinien, Peru und Chile. Wir konnten Margarita, die Präsidentin der Louis Dreyfus Stiftung und ihre Delegation, die den Bau und den Unterhalt der Landwirtschaftsschule finanziert, begrüssen und ihr von Herzen danken. Auch freuten wir uns über Franziska Hildebrand, die Präsidentin von Cristo Vive Schweiz, den Architektur-Professor des Baus, Ralf Pasel und seine wissenschaftliche Assistentin Lorena Valdivia, sowie über Elisabeth Voyeux in Vertretung der Luxemburger Pfadfinder. Auch der Gobernador von Cochabamba Iván Canelas, der französische Botschafter, der deutsche Honorarkonsul Gerardo Wille, Vertreter der deutschen und der Schweizer Botschaft und die Quetchua-Maurerinnen, die zusammen mit den anwesenden deutschen Studenten der TU auf dem Bau gearbeitet haben, feierten mit unseren Lehrern und Schülern. Vor dem Segen wiederholte unser Freund Tito Solari, der Alt-Erzbischof von Cochabamba, mehrmals: “Das ist ein Wunder, ein Wunder Gottes!“

Nun ein kleiner Überblick über den Einsatz der Cristo Vive in Bolivien:

  • 260 Kinder zwischen 6 Monaten und 5 Jahren sind ganztags in unseren Tagesstätten in Bella Vista, Chocaya und Tirani. Es wird auch mit ihren Eltern erzieherisch gearbeitet.
  • 140 Schulkinder bekommen Schulaufgaben-Nachhilfe und kulturelle Förderung in Bella Vista und Tirani
  • 500 junge Menschen erhalten eine 3-jährige Berufsausbildung im Instituto Tecnológico Sayarinapaj in Elektrizität, Metallmechanik, Schweißer, Tischler, Landwirtschaft, Küche und Bäckerei, Sozialarbeit und Kleinkindererziehung. 45 dieser Schüler leben in unserem Internat Musuj Kanchay, da sie aus entlegenen Gegenden kommen. Im neuen Internat werden weitere 16 Schüler unterkommen.
  • 85 arme, alte, häufig auf der Straße lebende Menschen, meist Frauen, werden ambulant betreut.
  • 26 Familien wird professionell beigestanden, um ihre Gärten und Kleinfelder ertragreicher anzubauen

In den beiden Polikliniken in Bella Vista und Tirani werden die Kranken behandelt, aber auch Gesundheitserziehung geleistet.

In Bolivien erreichen wir es nach und nach, kleine Subventionen für die Kindergärten von den Stadtgemeinden zu bekommen. Gleichzeitig kämpfen wir weiter um eine staatliche Unterstützung für unser Berufsausbildungszentrum Sayarinapaj.

Staatliche Unterstützung in Chile

Nach 48 Jahren Arbeit unter den Armen in Chile haben wir es zusammen mit unseren Mitarbeitern geschafft, dass der chilenische Staat im Jahr 2016 ganze 88,6% der Kosten unserer Dienste finanziert hat. Durch private Spenden in Chile waren 5,4% eingegangen und unsere europäischen Freunde haben 6% beigetragen, das waren aber immerhin noch 448.000 Euro, ohne die wir nicht über die Runden gekommen wären.

Fundacion Cristo Vive hilft armen Kindern. Foto: Cristo Vive Chile

Jesus, der Sohn Gottes, hat uns keinen Zweifel hinterlassen, wie wir ihm begegnen können, als er sagte: „Ich war hungrig, durstig, wohnungslos, nackt, krank, im Gefängnis und du kamst mir zu Hilfe!“ In allen Menschen, denen wir dienen, begegnen wir Ihm. Wir können auf die Menschen in Not mit liebevollem Herzen zugehen und ihnen nach unseren Möglichkeiten beistehen. Dabei werden wir selbst auf die Dauer eine tiefe innere Freude spüren, in der Jesus uns seine wirkliche Gegenwart erfahren lässt.

Cristo Vive ist in Chile weiter gewachsen. Schwester Teresa begleitet mit ihrem Team die Arbeit mit den Obdachlosen, den Dienst, den wir im Mai 2012 begonnen haben. In der Herberge Cristo Acoge können 20 bis 25 Obdachlose übernachten, im Wohnheim werden 30 Menschen auf ihrem Weg zur Resozialisierung begleitet, während weitere 32 Obdachlose ambulant betreut werden. In den beiden Rehabilitationszentren Talitakum sind rund 130 jugendliche und erwachsene Drogenabhängige in ambulanter Begleitung und Behandlung. In der Poliklinik Villa Mercedes werden rund 4000 Pobladores medizinisch und krankenpflegerisch versorgt und im Familiengesundheitszentrum Cristo Vive haben 22.000 Menschen von morgens 8 Uhr bis 24 Uhr, sieben Tage die Woche, bei uns das Recht auf medizinische Behandlung.

Rund 1.200 Schülerinnen und Schüler konnten wir in diesem Jahr in unseren vier Berufsschulzentren ausbilden. Zu unserer Freude haben die meisten von ihnen nach ihrem Praktikum Arbeit gefunden. Ich bin weiter davon überzeugt, dass der Staat mindestens zwei Semester beruflicher Ausbildung für die jungen Arbeiter/innen finanzieren müsste, damit sie einen besseren Einstieg mit mehr Kenntnissen und praktischer Erfahrung fänden, aber das ist unserem Staat immer noch zu teuer und wir konnten das Arbeitsministerium bisher nicht davon überzeugen. Eine Ausnahme ist unsere kostenfreie Krankenpflegeschule mit bis zu drei Semestern Ausbildung – bis jetzt die Einzige in ganz Chile – finanziert mit 70% staatlicher Subventionen und 30% Spenden von Cristo Vive Schweiz und Europa.

Viele tausend Kinder sind seit ihrer Gründung im Jahr 1973 durch unsere Kindertagesstätte Naciente im ehemaligen Elendsviertel Angela Davis gegangen. Inzwischen ist aus diesem Viertel eine Arbeitersiedlung geworden, in der rund 12.000 Menschen leben

Liebe Freunde, unser Dienst, die Liebe zu säen, ist kein „MÜSSEN“, sondern unser höchstes Ziel, unsere tiefste Berufung und unser größtes Glück. Zusammen mit all unseren Mitarbeitern möchte ich euch in dieser Heiligen Nacht viel Liebe und Freude und ein gesegnetes Jahr 2018 wünschen. An der Krippe des göttlichen Kindes begegnen wir uns.

(Aus dem Weihnachtsbrief 2017)

Friede durch Gerechtigkeit und Versöhnung

Mit den Jahren, so stelle ich fest, gestaltet sich meine religiöse Wahrnehmung und gerade an Weihnachten wird mir deutlich, wie schön und hilfreich unser Glaube ist. Weihnachten heißt: Gott wird Mensch. So zeigt Gott wie wichtig wir ihm sind und so will er das Göttliche in uns zur Geltung bringen. Das sind die Güte, die Freundlichkeit, die Barmherzigkeit, die Versöhnungsbereitschaft, die Liebe und so vieles mehr. Diese Werte sind wie ein Leitfaden für unser Leben.

Bei alledem weiß ich natürlich nur zu gut, dass in dieser Welt elend viel gelitten wird. Menschen hungern und werden erniedrigt. Sie sind Kriegen, der Brutalität und der Verachtung ausgesetzt. Kinder werden geboren und sterben bald darauf. Auch im Privaten, in den Familien, in den Altersheimen wird viel gelitten und oft kommen Menschen an ihre Grenzen. Aus diesem Grund können wir manchmal an keinen Gott (mehr) glauben und fragen: „Wo ist Gott? Warum greift er nicht ein?“. Hinter dieser Frage versteckt sich aber, dass wir einen allmächtigen Gott wollen. Einen, der eingreift. Natürlich so, wie wir es gerne hätten.

Dabei kommt Gott uns in einem Stall entgegen. Ohnmächtig auf dem ersten Blick. Zwischen Ochs und Esel kommt er in einer kalten Krippe zur Welt. Seine Botschaft ist: Friede durch Gerechtigkeit und Versöhnung. Er leidet mit einem jeden Menschen mit und seine Menschenfreundlichkeit steckt an. Er zeigt eine tiefe Ehrfurcht vor jedem Leben und sagt: „Was du einem Geringsten meiner Brüder getan hast, das hast Du mir getan“. Jesus lebt uns vor, was wirkliches Menschsein ist. Indem wir seinem Beispiel folgen, bekommt unser Leben einen Sinn. Aus diesem Grund haben wir alle, wenn wir ihn ernst nehmen, seit seiner Geburt eine Mission: Nämlich mitzuwirken, dass jeder Mensch auf dieser Erde ein Mensch sein oder werden kann. Der Kranke, der Alte, der Flüchtling, der Hungernde und, und, und…. Gott will durch uns wirken. Das ist das Geheimnis und macht einen jeden und jede von uns zum Bringer des Heils. In Anlehnung an ein Gebet von Albert Schweitzer könnte man (theologisch wohl nicht ganz richtig) sagen: „Gott verändert nicht die Welt. Gott verändert Menschen und Menschen verändern die Welt“.

Advent und Weihnachten im Heiligen Land

Vom Ort der Berufung des Apostels Andreas, dem wunderbaren Seeufer des Sees Genezareth, sende ich adventliche Grüße in die Heimat.

Ufer des Sees Genezareth. Foto: Andrea Krebs

 

Advent und Weihnachten im Heiligen Land, was man sich darunter vorstellt und was wir hier vorfinden, mag sich unterscheiden.

Zunächst wird deutlich, dass es hier sozusagen keinen Advent im Land gibt. Sogar Ikea, wo wir gern für vertraute Einkäufe hin pilgern, hat hier nichts Weihnachtliches im Sortiment.

Ein Wadi Qelt, das auf Wasser wartet. Foto: Andrea Krebs

Was wir aber hier haben sind die weihnachtlichen Orte: Ort der Verkündigung in Nazareth, der Heimsuchung in Ein Kerem und der Geburt Jesu in Betlehem (Ort der Danksagung am Tempelberg am 8. Januar, was aber nur das Konfliktpotential erhöhen würde). Diese Orte miteinander aufzusuchen, wie wir es diese Woche mit den Volontären taten, und dort in der Botschaft des Evangeliums zu verweilen und es örtlich Gestalt annehmen zu lassen, ist ein Geschenk.

So führte uns der Weg durch die Wüste über Jerusalem zu den Hirtenfeldern von Betlehem. Hier sind Gebetsräume in den Höhlen, wie sie damals Mensch und Tier Heimstatt waren und auch für die Heilige Familie gastfreundliche Zuflucht und nicht in unserem Sinn ein Abgeschobenwerden in einen Stall darstellen.

Geburtsgrotte in Betlehem: Foto: Andrea Krebs

Nach einem Stadtbummel durch den glitzernd hell erleuchteten Ortskern von Betlehem trafen wir uns mit anderen deutschen Gästen, Pilgern, Schwestern, Priestern…, um für eineinhalb Stunden in der Geburtsgrotte in Betlehem das Wunder der Menschwerdung Christi zu feiern und zu meditieren. Das sind dichte Augenblicke, in die auch alle mit hineingenommen sind, die wir im Herzen tragen.

Weihnachten im Heiligen Land, das sind hier unter den Christen im Land, die nur zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen, drei große Feste: Für uns ist am 25. Dezember Weihnachten, für die orthodoxen orientalischen Christen am 6. Januar und zehn Tage später für die armenischen Christen. So klingen die wichtigen Feste im Jahreskreis lange nach.

Foto. Andrea Krebs

Was hier besonders schön ist, sind die sprechenden prophetischen Bilder, die in der Natur erlebbar werden. Wenn nach der langen Dürre der erste Regen fällt, ist dies ein Fest, das die ganze Natur verwandelt. Noch ist der Regen spärlich, aber die Ahnung ist da und das Wissen, wie sich die Berge und Hügel in sattes Grün verwandeln, die Wadis sich mit Wasser füllen und sogar die Wüste blüht.

Hier in Tabgha, angegliedert an das monastische Leben, habe ich gelernt, dass wir uns nun in den Tagen der O-Antiphonen befinden, die letzten sieben Tage vor Weihnachten, in denen Jesus mit sieben Titeln angerufen wird, die im Alten Testament dem erwarteten Messias zugesprochen wurden.

Ich hörte einmal Abt Gregory sagen, in den Tagen der O-Antiphonen sollen alle zu Hause sein. Ein schöner Gedanke: Bei sich zu Hause sein, an dem Ort, an dem wir leben und den Herrn erwarten, wie auch immer er sich zeigt, das wünsche ich uns in den letzten Tagen des Advents.

 

Betlehem liegt in Barcelona

Es ist Samstag, der 24. Dezember 2016, halb acht am Abend. Mit Sharon und Johannes, den beiden Freiwilligen unserer deutschsprachigen Gemeinde, eile ich durch die Straßen der Innenstadt Barcelonas. In Spanien sind die Geschäfte an Heiligabend ganz normal bis 21 oder 22 Uhr geöffnet. Dementsprechend herrscht noch die ganz normale „vorweihnachtliche“ Großstadthektik. In den engen Gassen der Altstadt kämpfen wir uns durch Massen von einkaufswütigen Schnäppchenjägern und Weihnachtstouristen aus aller Welt. An den großen Plätzen der Stadt sehen wir überall ein Großaufgebot von Polizei postiert, zum Teil mit gepanzerten Wägen und Maschinengewehren. Wenn wir nicht gerade von der Kindermette unserer Pfarrei kämen, kämen wir sicher nicht auf die Idee, dass es Heiligabend ist (Da die weihnachtliche Lichterdekoration ja schon seit fast sechs Wochen zum Straßenbild gehört, löst auch diese inzwischen keine besonderen weihnachtlichen Gefühle mehr bei uns aus).

Wir sind auf dem Weg zum „Chiringuito de Dios“, zur „Suppenküche Gottes“. Es ist eine Obdachlosentafel mitten im Raval, dem vielleicht verrufensten Stadtviertel Barcelonas mit dem größten Migranten- und Prostituiertenanteil. Seit fast 20 Jahren gibt hier Wolfgang Striebinger mit seinen Helfern täglich an 60 bis 80 Personen Frühstück und Abendessen aus. Donnerstags gibt es eine Paella, gestiftet von einem Fünf-Sterne-Hotel. Heute sind die Leute zu einer „cena nadal“, zu einem Weihnachtsessen eingeladen. Mitglieder unserer Gemeinde haben zahlreiche Taschen voll mit Lebensmittel gespendet (dazu auch eine schöne Summe Geld) und Ivan, der Chefkoch, hat zusammen mit dem Chiringuito-Team ein festliches Weihnachts-Buffet vorbereitet: Gemüsesuppe, Brathähnchen, Tortilla, Empanadas, Kroketten, Reis, Kuchen …

Um acht wird die Tür geöffnet. Manche haben schon eine halbe Stunde davor gewartet. Die Situation erinnert mich fast ein wenig an die Bescherung am Heiligabend in meiner Kindheit, an den Augenblick, in dem der Vater die Tür zum Wohnzimmer öffnete und sich vor uns Kindern endlich der Christbaum mit den Geschenken auftat. Wolfgang Striebinger begrüßt die Gäste mit Handschlag, er kennt sie alle beim Namen, manche kommen ja schon seit Jahren. Die meisten leben auf der Straße, andere haben zwar irgendwo im Viertel mehr oder weniger ein Dach über dem Kopf, aber es reicht nicht für ein anständiges Essen. Für viele ist der Besuch im Chiringuito die einzige warme Mahlzeit des Tages. Es sind vor allem Männer, aber auch nicht wenige Frauen, jeden Alters. Sie stammen aus aller Herrn Länder. Ruhige Musik aus dem CD-Player gibt dem kleinen Saal eine feierliche Stimmung. Wolfgang heißt noch einmal alle willkommen und weist kurz darauf hin, warum sich das Abendessen heute von den Essen der anderen Tage des Jahres unterscheidet.

Dann darf ich die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium vorlesen. Die Erzählung von dem jungen unbekannten Paar aus einem vergessenen Kaff dieser Erde, das durch die Mächtigen der Welt in die Fremde geschupst wurde. Die Erzählung von den armen Schluckern, die sich als Hirten durchs Leben fretten. Die Erzählung davon, dass gerade diesem jungen Paar ein Kind geboren wurde und dass genau jene Hirten es waren, die als erstes davon erfahren haben. Und wie mit diesem Kind neue Hoffnung in die ganze Welt kam – angefangen dort, am Rand von Betlehem.

Es ist mucksmäuschenstill im Chiringuito de Dios. Alle hören sie ganz aufmerksam zu. Manchen kommen ein paar Tränen. Wir spüren, es ist unsere Geschichte, und sie ereignet sich jetzt.