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40 Jahre AK Shalom für Gerechtigkeit und Frieden – Shalompreisverleihung 2021

Der Arbeitskreis Shalom für Gerechtigkeit und Frieden an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wird in diesem Jahr 40 Jahre alt. Er wird von Studierenden und drei Eichstätter Bürgerinnen getragen. Margarete Müller, das älteste Mitglied (Jahrgang 1933) ist seit 1985 dabei. Sie kam zum AK Shalom, weil eine ihrer Töchter sie bat, sie rechtzeitig zum nächtlichen Friedensgebet in der Schutzengelkirche zu wecken. Die Mutter entschied, auch dorthin zu gehen. Am nächsten Morgen sagte sie zu ihren Kindern, sie habe sich gewundert, dass keine Bürger aus Eichstätt da waren, auch kein Geistlicher. Die Kinder rieten ihr, doch einen Leserbrief zu schreiben. Ganz gegen ihre Gewohnheit schrieb sie diesen, der mit der Überschrift ‚Frieden nicht gefragt?‘ im Eichstätter Kurier veröffentlicht wurde. Von da an wurden AK-Mitglieder auf sie aufmerksam und sie engagiert sich bis heute. Jahre lang waren die Gäste aus aller Welt bei Müllers untergebracht. Die sogenannten Shalom-Tücher, aus Wollresten gestrickte Dreieckstücher, die gegen eine Spende verkauft werden, sind für die 88-Jährige heute ein Beitrag, den sie mit Freude leistet.

Gegründet wurde der AK von Studenten der Theologie. Sie waren vor allem von der Theologie der Befreiung und der Umsetzung christlicher Ideale inspiriert. Das Wort Shalom bedeutet im Hebräischen mehr als Frieden. Es bedeutet Frieden, der nur in Gerechtigkeit möglich ist.

Als der AK Shalom sein 25-jähriges Jubiläum feierte, war ein Team des Bayerischen Rundfunks vor Ort. Ein Redakteur sagte nach dem Drehen, wie ungewöhnlich es sei, dass eine Gruppe so lange bestehe und immer wieder wechselnde, neue Mitglieder zähle. Inzwischen sind auch wissenschaftliche Mitarbeiterinnen, die als Studentinnen zum AK Shalom kamen, dabei. Es gibt keine Vorsitzenden, keinen Kassenwart etc. Jedes Mitglied des AKs macht die Arbeit, die ihr oder ihm liegt. Welches Projekt ausgewählt wird, wird demokratisch entschieden.

Der Shalompreis ist einer der höchstdotierten Menschenrechtspreise in Deutschland. Neben den drei großen institutionellen Spendern – Bistum Eichstätt, Oswald-Stiftung und Rotary Club Eichstätt – setzt sich das Preisgeld aus vielen kleineren und größeren Spenden von Privatpersonen zusammen. Alle Kosten, wie Flüge, Flyer, Unterbringung der Gäste, bezahlen die Mitglieder aus ihrer eigenen Tasche. Den Mitgliedern ist der Kontakt zu den Preisträgerinnen und Preisträgern sehr wichtig. Sie berichten weiter über ihre Projekte. Auch private Kontakte entstanden dabei.

Wie gefährdet viele der Preisträgerinnen und Preisträger waren und sind, zeigen zwei Beispiele: Pfarrer Ngyuen Van Ly aus Vietnam, erhielt den Preis 2004 in Abwesenheit. Die Shalom-Gruppe stellte bei der Preisverleihung einen leeren Stuhl auf, weil er von der vietnamesischen Regierung in einem Arbeitslager interniert worden war. Die Preisträgerin von 2012, Berta Cáceres, wurde 2016 wegen ihres Einsatzes für die indigenen Völker in Honduras ermordet.

Margit Stein, ehemaliges AK-Mitglied und Unterstützerin, die heute Professorin für Pädagogik in Vechta ist, berichtet zum Beispiel, dass sie noch immer Kontakt zum Projekt von Yanette Bautista in Kolumbien hat, das 1998 den Shalompreis erhielt. Mit dem Preisgeld begann ein Projekt, das sich für Angehörige von Vermissten und Verschleppten einsetzt und Menschenrechtsarbeit in Kolumbien fördert.

Als Studentin war ich in den Jahren 1988 bis 1989 Mitglied. Der Preisträger des Jahres 1989 war der CIMI (der Indigene Missionsrat in Brasilien). Stellvertretend für den CIMI nahm der renommierte Theologe Paulo Suess den Preis 1989 entgegen. Ihn traf ich im März 2016 bei einer Tagung im Priesterseminar in Eichstätt wieder. Viele Jahre hatte er sich zusammen mit Bischof Erwin Kräutler für den Erhalt des natürlichen Flussverlaufs des Xingu und gegen das zerstörerische Staudammprojekt eingesetzt. Wenige Tage vor der Tagung Anfang März 2016 wurde die Shalompreisträgerin Berta Cáceres Flores in Honduras ermordet. Es war ein angekündigter Mord. Die bekannte Umweltaktivistin und Leiterin des COPINH (Ziviler Rat Indigener Völker in Honduras) war den Bauherren eines Staudammprojektes im Wege. Paulo Suess kannte die Aktivistin Berta Cáceres und war ebenso geschockt wie wir.

Die Preisträgerin vom Projekt PCFF (Parents Circle Families Forum) aus Israel, Robi Damelin, schreibt uns regelmäßig zur Situation im Land und in der Welt. Es ist ein beeindruckendes Projekt der Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern.

Auch Therese Mema aus dem Kongo meldet sich immer wieder. Der AK Shalom startete zum Beispiel nach einem verheerenden Erdbeben dort eine Spendensammelaktion. Ein Jahr nach der Preisverleihung (2015) traf ich Therese Mema bei einer Filmpremiere mit der Filmemacherin Claudia Schmid wieder. In dem Dokumentarfilm „Voices of Violence“ werden unter anderem Therese Mema und ihre Arbeit mit traumatisierten Menschen im Kongo porträtiert. Den Zusammenhang zwischen den dort ausgebeuteten Rohstoffquellen (z. B. Coltan) für elektronische Geräte hierzulande und dem andauernden Krieg in der Republik Kongo verdeutlicht die Sozialarbeiterin und in Friedensforschung ausgebildete Therese Mema immer wieder.

Padre Paulo Joanil da Silva aus Brasilien, der den Preis 2013 für die Landpastoral (CPT) entgegennahm, schreibt uns ebenfalls. Er arbeitet inzwischen an der Grenze zu Surinam mit Indigenen und berichtet von der verheerenden Lage, in der sich Brasilien durch den rechtsradikalen Präsidenten Jair Bolsonaro befindet.

Ebenfalls intensiven Kontakt haben wir weiterhin zu Shay Cullen auf den Philippinen (Shalompreis 2017). Er schreibt regelmäßig zur Lage im Land und der Arbeit mit den Kindern, die sexualisierte Gewalt erfuhren, in Gefängnissen saßen, weil sie auf der Straße leben mussten. Das Projekt PREDA, bei dem Bauern für ihre fair und ökologisch produzierte Mangos angemessene Preise erhalten, ist inzwischen europaweit bekannt. Die Produkte können in allen Fair-Trade-Läden erstanden werden.

Die Preisträger des Jahre 2018, der Menschenrechtsanwalt und Journalist Mazen Darwish und seine Frau, die Journalistin Yara Bader, die in Syrien inhaftiert und gefoltert wurden, schrieben Rechtsgeschichte. Durch das Weltrechtsstaatsprinzip können Verbrechen gegen die Menschlichkeit auch außerhalb des Landes, in dem sie geschahen, verfolgt werden. Folterer des Assad-Regimes standen und stehen so zum Beispiel in Koblenz unter Anklage. Der Generalbundesanwalt hat Anklage erhoben. Bei der Beweisführung war Mazen Darwish federführend. Prozesse in Frankreich werden vorbereitet. Ein Mitglied des AKs hat Yara Bader und Mazen Darwish in Paris, wo sie inzwischen leben, besucht.

Der AK Shalom für Gerechtigkeit und Frieden 2021

Die Zeit der Pandemie war auch für den AK Shalom nicht einfach. Wir trafen uns nur virtuell über Zoom-Konferenzen. Zugleich bot dieses Format die Möglichkeit, mit Mitgliedern in Kontakt zu treten, die in anderen Ländern leben, aber weiterhin aktiv mitarbeiten. So betreut zum Beispiel ein Mitglied, der inzwischen bei der OSZE in Warschau arbeitet, unsere Homepage. Eine Studentin, die eines der diesjährigen Projekte aus Tansania verschlug und in Eichstätt Internationale Beziehungen studierte, lebt jetzt wieder in Russland. Das sind nur einige Beispiele. Andere Studierende sind aus München, Berlin oder Lille zugeschaltet.

Im Jubiläumsjahr entschieden wir uns, zwei Projekte aus Tansania auszuzeichnen.

Inklusives Schulprojekt in Nyashishi/Tansania – Sister Dr. Felista Tangi

Shalompreisträgerin 2021 Dr. Felista Tangi mit Schülerinnen und Schülern

Als Reaktion auf die erschreckend hohen Raten an Schülerinnen und Schülern, die Körperstrafen sowie Gewalt im Schulkontext durch Lehrkräfte und Mitschülerinnen und Mitschülern ausgesetzt sind, gründete Schwester Felista Tangi zusammen mit Mitschwestern vom Orden der Teresina Sisters eine gewaltfreie und inklusiv arbeitende Secondary School in Nyashishi, in der Provinz Mwanza in Tansania. Die 1964 geborene Pädagogin Felista Tangi promovierte zum Thema der Auswirkungen von Schulgewalt auf die Leistungs- und Kompetenzentwicklung der Schülerinnen und Schüler. Die Schule setzt sich in besonderem Maße für Menschen mit Albinismus ein. Behauptungen, dass es sich um eine „Strafe Gottes“ oder um Pech handele und dass die „Krankheit“ ansteckend sein könnte, sind in der Gegend um den Viktoriasee in Tansania häufig zu hören. Dieser Mangel an Wissen über Menschen mit Albinismus bedeutet, dass Volksmärchen und Aberglauben zu Verfolgung und/oder Diskriminierung führen. Die Schule arbeitet nach modernen Konzepten des „Classroom Managements“ gegen Gewalt, Mobbing und Diskriminierung auf Basis von Material, das im Rahmen des Projekts gegen Schulgewalt von Prof. Dr. Margit Stein und Prof. Dr. Daniela Steenkamp (Universität Vechta und Duale Hochschule Villingen) entwickelt und kostenfrei in Kiswahili auf einer Homepage für Lehrkräfte zugänglich ist. Die Schule benötigt für den Bau und die Ausstattung neuer Gebäude dringend finanzielle Hilfe.

Pippi House Foundation – Frauenhaus in Arusha/Tansania – Aristides Nshange

Die Pippi House Foundation for Girls (siehe Bild am Beitragsanfang) ist das einzige Frauenhaus in der tansanischen Großstadt Arusha. Der Name deutet den Charakter des Hauses als Zufluchtsort an, indem das Wort in Suaheli für Süßigkeiten, „Pippi“, aufgegriffen wird – das Frauenhaus als eine Süßigkeit in einem bitteren, harten Leben. Derzeit beherbergt das Haus bis zu 100 Mädchen und junge Frauen im Alter von 14 bis 25 Jahren, die zuvor auf der Straße gelebt haben, als Dienstmädchen verkauft wurden oder Opfer von Kinderarbeit, Kinderhandel, Vergewaltigung oder Prostitution geworden sind. Einige von ihnen waren schwanger oder hatten bereits Kleinkinder, als sie im Pippi House aufgenommen wurden, daher leben dort derzeit auch 16 Kleinkinder und Säuglinge.

Gegründet wurde das Pippi House 2011 vom Tansanier Aristides Nshange, der bei seiner Arbeit als Sozialarbeiter in Arusha bemerkte, dass sich alle Unterstützung in der Stadt auf männliche Waisen oder jüngere Straßenkinder konzentrierte. Mädchen im Teenageralter, besonders Schwangere oder junge Mütter, fielen durch das sowieso schon weitmaschige soziale Netz des Staates oder privater Initiativen. So gründete Aristides die Nichtregierungsorganisation. Sein Ziel ist es, den Mädchen eine Perspektive für ein selbstbestimmtes Leben zu bieten. Allen Bewohnerinnen wird ein Schulbesuch ermöglicht. Die Mädchen bekommen Unterstützung beim Lernen und später, nach dem Schulabschluss, Hilfe bei der Suche nach einem Praktikum, einem Studium oder einem festen Job. Das Pippi House wird nicht finanziell von der Regierung unterstützt und ist daher komplett auf nationale und internationale Spenden angewiesen. Promanity, ein deutscher Verein, der das Pippi House seit 2017 kontinuierlich finanziell unterstützt, wurde von drei jungen Frauen gegründet, die nach ihrem Freiwilligenaufenthalt im Pippi House das Projekt weiterhin von Deutschland aus fördern wollten. Das Pippi House möchte im Januar ein eigenes Haus beziehen und freut sich über jede Spende.

Die Shalompreisverleihung 2021 wird als sogenannte hybride Veranstaltung stattfinden, ebenso der Vortrag zu den beiden Projekten am 24. September 2021 im Holbeinsaal.

Der Shalompreis des Jahres 2020, der an den Chirurgen Dr. Massimo Del Bene aus Italien ging, konnte wegen der Corona-Pandemie nicht verliehen werden. Es konnte für das Projekt War Children Hospital die Rekordsumme von 32.000 Euro gesammelt werden. Dr. Del Bene wird im Rahmen der Shalompreisverleihung über seine Arbeit sprechen.

Öffentliche Präsentation der Projekte der Preisträgerinnen und Preisträger mit Videoschaltung
24. September 2021 um 19.30 Uhr im Holbeinsaal des Alten Stadttheaters Eichstätt, Residenzplatz 17, Eichstätt

Öffentliche Shalompreisfeier mit Videoschaltung
25. September 2021 um 19.30 Uhr im Holzersaal der Sommerresidenz, Ostenstraße 26, Eichstätt

Abschlussgottesdienst 26. September 2021
26. September 2021 um 10.45 Uhr im Salesianum, Rosental, Eichstätt

Die Links zu den Vorträgen am 24. September sowie zur Shalompreisverleihung am 25. September werden auf der Homepage www.ak-shalom.com veröffentlicht.

Spenden für die Projekte aus Tansania werden noch bis Ende 2021 entgegengenommen.

Wenn Sie eine Spendenquittung wünschen, notieren Sie bitte Ihre Adresse auf dem Überweisungsformular.

Spenden an KHG Eichstätt
Volksbank Raiffeisenbank Bayern Mitte eG
IBAN DE 34721608180109620320
Stichwort „Shalompreis 2021”

Besuch beim Club für Kinderrechte

Letzte Woche Donnerstag ging es wieder ins Dorf (Village). Nach einer guten Stunde Autofahrt über gute Straßen, holprige Wege und mit viel Zuckerrohrgeknabber besuchten wir eine Primary School in Musoma. Dort präsentierten uns die 16 Mitglieder des Children’s Rights Clubs (Alter: 6 bis 13 Jahre) ihre Kenntnisse über ihre Rechte. Außerdem zählten sie die Möglichkeiten auf, wohin sie im Falle einer Missachtung der Menschenrechte gehen könnten. Das ganze Ereignis fand im Freien statt, weshalb sich um uns herum eine Traube neugieriger Mitschüler bildete. Wir erfuhren, dass der Children’s Rights Club am Nachmittag mit der ganzen Schule zusammenarbeitet, um allen ihre Rechte bekannt zu machen.

Anschließend trafen wir im Zentrum des Dorfes auf ein Community-Mitglied des Villages. Er erzählte uns von der Zusammenkunft einiger Frauen, die einmal in der Woche etwas über Gesundheit, ihre Rechte und grundlegende Fertigkeiten lernen dürfen. So soll ihnen ein Leben in Würde ermöglicht werden. In Gang gesetzt wurden diese Treffen von der Organisation Jipe Moyo Center. Nun kümmert sich die Dorfgemeinde selbstständig um die Weiterführung des Projekts.

Daraufhin besuchten wir den “Club für Kinderrechte“ einer Secondary School. Nach einer Diskussion über die Menschenrechte, berichteten die Schüler (Alter: 14 bis 17 Jahre) von Vorfällen in ihren Dörfern, die gegen die Menschenrechte sprechen. Deshalb statteten wir danach einer der Familien, die von den Clubmitgliedern genannt wurden, einen Besuch ab. Anscheinend handelt es sich um eine arme Familie, deren Kinder nicht genug Geld für Schulbildung haben und tagsüber nach Essen suchen und betteln müssen, um abends ins Haus gelassen zu werden. Bei der Lehmhütte angekommen, trafen wir allerdings nur auf die Kinder. Der achtjährige Sohn berichtete uns von seiner Situation. Die Mutter könne alleine nicht genügend Geld zum Familienunterhalt aufbringen, da der Vater die Familie einfach verlassen habe. Um der Sache weiter auf die Schliche zu kommen, befragten wir die Dorfgemeinde, ob sie über die Situation der Familie Bescheid wüsste. Laut eines Dorfvorsitzenden bekommt die Familie monatlich bereits einen Betrag von der sozialen Wohlfahrt, um den Kindern eine Schulbildung zu ermöglichen. Sie würden sich um ein weiteres Vorgehen kümmern.

Der Tag war sehr interessant und aufgrund der vielen verschiedenen Besuche auch relativ anstrengend. Mir wurde aber wieder bewusst gemacht, wie wertvoll die Arbeit des Jipe Moyo Centers ist. Indem es die Community des Dorfes so stark einbezieht, leistet das Center Hilfe zur Selbsthilfe. Außerdem hat mir der Tag gezeigt, dass die Menschenrechte durch eine gute Bildung verbreitet und weitergegeben werden können.

Einsatz für Menschenrechte in Tansania

Im Jipe Moyo Center in Musoma, Tansania, wo ich derzeit einen Freiwilligendienst leiste,  hat der Einsatz für die Menschenrechte oberste Priorität. Für deren Einhaltung setzen sich hier alle Mitarbeiter konkret ein. So auch Sister Annunciata, meine erste Ansprechpartnerin hier und Leiterin des Centers. Sie ist eine bewundernswerte Frau.

Sister Annunciata, Leiterin des Jipe Moyo Center: Foto: Olivia Ermel

Mitarbeitergruppen des Centers gehen zum Beispiel in Schulen und gründen ‚Children’s Rights Clubs‘, in denen sich die Kinder gezielt mit ihren Rechten beschäftigen – vor allem lernen sie, dass Mädchen und Jungen die gleichen haben. Neben den Clubs werden Kurse für Frauen angeboten, in denen ihnen beigebracht wird, ihr eigenes kleines Business zu starten. Dabei wird ihnen dann erst einmal erklärt, dass sie den Männern gegenüber gleichberechtigt sind. Um die Menschenrechte immer weiter zu verbreiten, ist das Ziel deshalb auch, das Jipe Moyo Center in der Mara Region in Tansania bekannter zu machen. Eine große Hilfe stellt zudem die Polizei dar, die dazu beiträgt, dass das Center an Autorität gewinnt. Oft bringt sie hilfsbedürftige Kinder her und verhindert, dass Verwandte kommen, um sie sofort wieder zurückzuholen. Einige nationale Regeln stehen in Tansania nämlich auch hinter den Menschenrechten. So sind Kinderehen und Kinderarbeit zum Beispiel gesetzlich verboten. Leider macht die Regierung viel zu wenig, um diese Gesetze durchzusetzen. So erhält das Center auch keine finanzielle Unterstützung vom Staat.

Letzte Woche habe ich drei Mitarbeiter ins Dorf begleitet. Zuerst haben wir eine Primary School besucht. Dort haben die ‚Grundschüler‘ des Children Rights Clubs ihr Ergebnisse der vergangenen Woche präsentiert. Durch Gesang und Tanz versuchen sie, die Menschenrechte ihren Mitschülern weiterzuvermitteln.

Besprechung zur Lage der Kinderrechte. Foto: Olivia Ermel

Childrens Rights Club Besprechung – das Interesse an unserem Besuch ist groß (siehe die Zuschauer im Hintergrund).
Anschließend ging es weiter zu einer Familie, in der die minderjährige Tochter als Prostituierte gearbeitet hat, um an Geld zu gelangen. Nun wird sie vom Jipe Moyo Center finanziell unterstützt, damit sie sich ihre Schulsachen leisten kann und sich nicht mehr verkaufen muss.

Familienberatung. Foto: Olivia Ermel

Danach sind wir in eine Secondary School gefahren. Der Children Rights Club dort hatte zusätzlich zu Gesang und Tanz noch ein Schauspiel zum Thema Menschenrechte einstudiert. Zudem haben sie uns von Vorfällen in ihrer Umgebung erzählt, in denen diese Rechte nicht eingehalten werden. Die Kinder einer Familie dürfen abends zum Beispiel nicht ins Haus kommen, wenn sie nichts zu Essen mitgebracht haben. Dann müssen sie draußen schlafen. Ein Mädchen einer anderen Familie wiederum darf nicht zur Schule gehen. Daraufhin sind wir zur Community des Dorfes gefahren, um dort von den Missetaten zu berichten und die betroffenen Familiennamen zu nennen. Nun werden sich die Menschen vor Ort, um diese Probleme kümmern. (Das hoffen wir zumindest. Laut Sister Annunciata wird das manchmal mehr und manchmal weniger getan.)

Secundary School – Childrens Rights Club. Foto: Olivia Ermel

Bisher kannte ich solche Umstände nur aus Filmen. Es ist für mich manchmal schwer zu begreifen, dass ich nun tatsächlich mitten im Geschehen bin. Das Problem der weiblichen Genitalverstümmelung, die in vielen Dörfern noch traditionell praktiziert wird, kennen viele auch nur aus dem Film “Wüstenblume“.

Jipe Moyo Gemeinschaft. Foto: Olivia Ermel

Nach einem Gespräch mit einem Mädchen, das vor dieser Tradition geflüchtet ist, wird mir wieder bewusst wie wichtig die Existenz und der Fortbestand des Jipe Moyo Centers ist. Ansonsten hätte dieses Mädchen keinen Platz auf der Erde gehabt, wo es hingehen  hätte können, um vor dieser Gewalttat beschützt zu werden.

Herzlichkeit und Freundlichkeit zeichen die Menschen in Tansania aus. Foto: Olivia Ermel

Trotz der oben genannten Probleme gibt es in Tansania sehr viele herzliche und freundliche Menschen. Deshalb fühle ich mich hier wohl und freue mich, das afrikanische Temperament und den Lifestyle besser kennenzulernen. Viele Frauen haben eine enorme Ausstrahlung und sprühen vor Lebenslust. Sie tanzen gerne und begeistern mit ihrer Fröhlichkeit.
Die Schwestern haben gestern sogar in ihrer Sisterbekleidung Aerobic am Boden im Wohnzimmer gemacht und sich gegenseitig ausgelacht.

Zudem hatte ich auch schon die Gelegenheit tansanische Männer kennenzulernen, mit denen man sich gut unterhalten konnte und die lustig und gut drauf waren. Der Bischof von Musoma wirkte auf mich mit seinem Dauergrinsen und seinem offenen, fröhlichen Verhalten auch auf Anhieb sympathisch.
Feiern sind hier außerdem immer mit Tanzen, Singen, gutem Essen und Fröhlichkeit verbunden.

Feiern und Tanzen gehören zusammen. Foto: Olivia Ermel

Es gibt ein afrikanisches Sprichwort, das besagt:

“Ihr Europäer habt die Uhren, wir Afrikaner haben die Zeit.“

Da man in Deutschland öfter mal von Zeitdruck, Hektik und Stress spricht, war der Prozess der “Entschleunigung“ für mich anfangs sehr schwer. Inzwischen schätze ich es allerdings schon mehr, dass man sich hier auch öfter mal die Zeit nimmt, um miteinander zu relaxen und einfach mal zu Sein.

Worauf es im Leben ankommt

Meine Ankunft in Musoma, Tansania, war überwältigend – so viele Eindrücke auf einmal. Als die Kinder des Jipe Moyo Centers die Landung meines Flugzeugs sahen, rannten sie anscheinend zum Flughafen. Dementsprechend wurde ich auch begrüßt: von allen Seiten Umarmungen und “Karibu“ ’s („Willkommen“ in Suaheli). Das Leben sprüht hier im Jipe Moyo Center förmlich. Lachen und Tanzen scheint eine der Lieblingsbeschäftigungen zu sein, sobald die Kinder erst einmal richtig im Center angekommen sind.

Die Kinder Lachen und Tanzen gerne. Foto: Olivia Ermel

Ich bin nun seit drei Wochen im Jipe Moyo Center und habe das Gefühl, dass ich hier sehe, worauf es im Leben wirklich ankommt. Das Jipe Moyo Center ist ein Zufluchtsort für schutzbedürftige Kinder, die vor der Genitalverstümmelung, Vergewaltigung oder Obdachlosigkeit flüchten. Hier können sie sich in Sicherheit wissen, es wird ihnen keine Gewalt angetan und sie bekommen zu Essen und zu Trinken. Außerdem wird ihnen ermöglicht, in die Schule zu gehen und sie bekommen medizinische Versorgung. Ebenso wichtig ist für die Kinder die Gemeinschaft, das Miteinander und zusammen Lachen. Man kann wirklich von einer Familie sprechen, in der sich die Kinder respektiert und geborgen fühlen können. Es ist schön zu sehen, wie herzlich und freundlich hier miteinander umgegangen wird und wie viel Spaß die 54 Mädchen und 10 Jungen an einfachen Dingen wie Singen, Tanzen und Zusammensein haben können.

Freude über entwickelte Fotos von den Kindern. Foto: Olivia Ermel

Leider ist das Center abhängig von Spenden, sodass der Ausbau des Hauses der Mädels und die Renovierung des Schlafplatzes der Jungs noch nicht ermöglicht werden kann. Die Betten der Mädchen stehen sehr eng beieinander, so dass eine große Ansteckungsgefahr bei Krankheit vorliegt. Die Jungen duschen aktuell noch hinter dem Haus. Zudem essen die Kinder draußen, weshalb der Wunsch eines Essens- und Aufenthaltsraumes besteht.

Schlafzimmer der Mädchen. Foto: Olivia Ermel

Die Anschaffung eines Fahrzeuges, mit dem gleichzeitig mehrere Kinder zum Arzt gebracht werden können, steht auch auf der To-Do-List. Ebenso wird hier gehofft, dass man das Geld aufbringen kann, um Kinder, die ihre Eltern verloren haben, im Fernsehen oder Radio zu erwähnen. Bevor dies alles erreicht werden kann, müssen jedoch immer die Kosten für Nahrung, Wasser, Schulbildung und Gesundheit gedeckt werden. Dies hat selbstverständlich Priorität.

Gelebter Glaube in Tansania

Jeder Sonntagmorgen stellt hier in Tansania mit dem Besuch der Kirche etwas ganz Besonderes dar. So stellen sich alle Kinder des Jipe Moyo Centers um 9 Uhr schick gekleidet zum Gehen bereit am Tor auf und strahlen bereits die Vorfreude auf den Gottesdienst aus. Die Mädchen ziehen eigens genähte Röcke und Schmuck an, die Jungen glänzen mit Anzugschuhen. Alle Kinder zeigen ihre Zusammengehörigkeit durch das Tragen der Jipe Moyo T-Shirts und zelebrieren den Gang in die Kirche, der als große Gemeinschaft eine Besonderheit im Alltag darstellt.

Mit wie viel Gesang und Tanz der Gottesdienst hier gestaltet wird, hat mich von Anfang an beeindruckt. So wird man von der Begeisterung für den Glauben mitgerissen und kann sich der Energie und der Freude, die von den Stimmen des Chors ausgehen, welche die ganze Kirche mit Leichtigkeit füllen, nicht entziehen. Jedes Lied wird mit Rasseln und Trommeln rhythmisch begleitet und mit Bewegung verbunden. Meine Faszination für den tansanischen Gesang lebe ich inzwischen als Mitglied des Chors Mtakatifu Yosefu aus. So wird mein Bemühen im Alt der Sauti ya Pili auf Kiswahili mein Bestes zu geben mit Begeisterung aufgenommen. Gottesdienste werden hier gefeiert und sind mit ehrlicher Freude, statt mit Pflichtgefühl verbunden. Die Kirche ist zentrale Anlaufstelle für alle Mitglieder der Gemeinde und bildet sowohl Ort des Gebets als auch des Zusammenkommens. Alle Generationen treffen sich hier, tauschen sich aus und bilden eine Gemeinschaft. Der Gang in die Messe und das Kultivieren des Glaubens ist den Menschen sehr wichtig und spielt auch im Leben der Jipe Moyo Kinder eine tragende Rolle. So hat sich auch meine Beziehung zum Glauben durch meine Zeit in Tansania verändert.

Glaube erfüllt bei Jipe Moyo den Sinn, alle zusammenzubringen und legt das Fundament für eine starke Gemeinschaft. Das gemeinsame Beten bildet ein wichtiges Ritual im Alltag des Centers, bei dem täglich alle Kinder zusammenkommen. Dabei werden alle Mädchen und Jungen miteinbezogen und niemand fühlt sich ausgegrenzt. Auf diese Weise stärken wir das Gruppengefühl und finden einen Weg, auch neue Kinder schnell in die Gemeinschaft zu integrieren. Im Gebet haben die Kinder die Möglichkeit, ihren Gedanken und Gefühlen Ausdruck zu verleihen, sich zu öffnen und sich frei mitzuteilen. Beim abendlichen Beten reflektieren wir alle gemeinsam über den vergangenen Tag und versichern uns der gegenseitigen Unterstützung für die Zukunft. So fühlen sie sich verstanden, können Sorgen, die sie bedrücken, loswerden und stehen einander bei. Das Vertrauen in die Liebe Gottes wirkt sich auch auf das Zusammenleben bei Jipe Moyo aus und unterstützt den Heilungsprozess, sowie das Rückgewinnen der eigenen Würde und die Stärkung des Selbstwertgefühls. Glaube bildet eine starke Verbindung zwischen allen Kindern und schenkt ihnen neue Hoffnung.

Diese Auffassung vom christlichen Glauben wird von den Immaculate Heart Sisters of Africa, die das Jipe Moyo Center leiten, vertreten und täglich vorgelebt. Sie schenken den Kindern ein Zuhause sowie neue Hoffnung und eine Zukunftsperspektive. So nehmen die Mädchen und Jungen bei Jipe Moyo Kirche als etwas Schönes wahr und verbinden es mit Geborgenheit und Zuneigung. Auch für mich war diese positive Energie im Jipe Moyo Convent der Sisters, in dem ich seit fünf Monaten lebe, sofort spürbar. Ich bin froh und dankbar von Beginn an als Teil der Gemeinschaft aufgenommen worden zu sein und auf beeindruckende Weise zu erleben, wie Glaube aktiv gestaltet und die christliche Lehre in tätiger Nächstenliebe gelebt werden kann.

Hilfe von Ordensschwerstern

Die Gemeinschaft der Immaculate Heart Sisters of Africa strahlt Akzeptanz und Offenheit aus. Die Sisters zeigen immer Interesse an ihren Mitmenschen und suchen die Verbindung zu ihnen. So haben sie in jeder Situation ein offenes Ohr und vermitteln Verständnis und das Gefühl, nicht allein zu sein. Egal zu welcher Zeit oder an welchem Ort nehmen sie sich Zeit für die Geschichten und Sorgen der Leute und versuchen ihnen eine helfende Hand zu sein. Sie begrüßen einander offen und schließen Freundschaft mit ihrem Umfeld. Durch diese offen gelebte Nächstenliebe, die von ihrem Engagement ausgeht, begegnet man ihnen überall mit offener Zuneigung und großem Respekt.

Die Immaculate Heart Sisters sind im selbstlosen Dienst für ihre Mitmenschen auf vielfältige Weise tätig und bemühen sich um ein friedvolleres Zusammenleben. So setzen sie sich vor allem für Bedürftige ein und bilden besonders in ländlichen Gegenden oft die einzige Anlaufstelle und Unterstützung. In der Diözese Musoma, in der auch Jipe Moyo für Menschenrechte und den Schutz von Kindern und Frauen kämpft, unterhalten sie zahlreiche weitere Projekte. Mit der Kitenga Secondary School ermöglichen sie Mädchen den Zugang zu Bildung und die freie Entfaltung ihrer Fähigkeiten. Neben der Förderung von Mädchen und Frauen vermitteln die Sisters mit der Baraki Krankenstation medizinisches Grundwissen und retten Leben in einer Gegend, in der die Menschen unter der fehlenden medizinischen Versorgung leiden. Außerdem haben die Immaculate Heart Sisters of Africa das St. Justin Heim für Kinder mit Behinderungen gegründet, mit dem sie gegen deren Ausgrenzung vorgehen und ihnen die spezielle Hilfe, die sie brauchen, geben.

In ihrem Engagement vermitteln die Sisters immer die Einladung, den Glauben mitzufeiern und ihn so zu leben wie sie. Die Gemeinschaft wirkt jederzeit offen und heißt alle Menschen willkommen. Im Dezember letzten Jahres fanden mehrere Feierlichkeiten statt bei denen auch ich zu Gast sein durfte. Alle wurden wie selbstverständlich aufgenommen und die Freude über jeden, der mitfeierte, war intensiv zu spüren. Es war beeindruckend, den lebendigen Glauben von dem so viel Energie ausgeht, in der Gemeinschaft mit anderen zu erleben.

Video: Hilfe für Kinder in Not: Besuch im Zentrum Jipe Moyo in Tansania