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„Menschen in der Zeit“ – Karoline Mayer

Die Mutter Teresa von Südamerika wird sie genannt – und in Chile, ihrem Missionsland, wird sie von den Armen wie eine Heilige verehrt.

Karoline Mayer – Das Geheimnis ist immer die Liebe

Die aus Eichstätt in Bayern stammende Missionarin und seit einem halben Jahrhundert in Südamerika wirkende Karoline Mayer bezeichnet sich selbst als Chilenin. Etwa wie der aus Südtirol stammende China-Missionar Joseph Freinademetz von sich selbst sagte: ich bin ein Chinese. Das heißt: das sind Menschen, die ihr Herz in ihr Missionsland und an andere Menschen verloren haben, bedingungslos und ohne Abstriche.

Eigentlich hatte es Karoline auch nach China gezogen – doch das Schicksal wollte es anders. Die Enttäuschung, von der Ordensgemeinschaft der Steyler Missionsschwestern nicht in das Reich der Mitte geschickt zu werden, war anfangs groß – doch bald sollte Chile für Karoline Mayer das Land ihrer Verwirklichung werden. Immer wieder wird sie von den Schergen der Pinochet-Diktatur verfolgt und wird für kurze Zeit sogar verhaftet. – Seit dem Übergang von der Diktatur von Augusto Pinochet zur Demokratie leitet die Missionarin ihre eigene Stiftung Cristo vive. Christus lebt. Unter dem Regime Pinochet war die Entwicklungshelferin eine offene Unterstützerin des zuvor demokratisch gewählten Salvador Allende. Die Steyler Missionsschwestern riefen sie darauf zurück in die Zentrale nach Holland. Kaum zwei Monate später tritt Karoline aus der Gemeinschaft aus und kehrt nach Santiago zurück. Zurück in die Elendsviertel am Rande der Großstadt.

Es ist ein sehr schwieriges Erlebnis, in die Hütten der Leute zu kommen und zu sehen, dass die Kinder unterernährt sind, dass es im Haus an allem fehlt .

Zurück in die Bergregionen Lateinamerikas. Hier kann die begabte Missionarin ihren Weg nach oben beginnen: begleiten wir Karolina Mayer jetzt persönlich auf ihrem mühsamen aber erfolgreichen Weg der Nächstenliebe:

„Es ist ein sehr schwieriges Erlebnis, in die Hütten der Leute zu kommen und zu sehen, dass die Kinder unterernährt sind, dass es im Haus an allem fehlt und dass der Inhalt des Kochtopfes für eine gesunde Ernährung der ganzen Familie nicht ausreicht. Ich merkte, dass der Familienvater zwar hart arbeitete – oft mehr als 48 Stunden pro Woche – sein Verdienst jedoch nicht ausreichte, die Familie zu ernähren und die Grundbedürfnisse zu befriedigen. Dieses Erlebnis hat mich für immer geprägt und ich verstehe jetzt, warum die Menschen, die dort inmitten der Armut leben, immer darum bangen, dass sie genügend zum Leben haben. Diese Grunderfahrung bleibt über Jahrzehnte hinweg nicht nur in ihren Kleidern, sondern auch in der Seele haften. Und auch, wenn es ihnen dann bessergeht, haben sie dennoch nie genug. Denn in ihrem Leben gibt es immer das „Gespenst“, dass es nicht ausreichen könnte.

Als dann die Kinder zum Essen kamen, staunte ich, dass sie in den ersten Wochen stets drei überhäufte Teller leeraßen

Das habe ich auch gemerkt, als ich mit den Frauen die Suppenküche anfing. Sie hatten die Idee gehabt, dass wir miteinander kochen könnten, dass wir in den Supermärkten nach Lebensmitteln mit abgelaufenem Verfallsdatum und auf Märkten nach leicht angefaultem Obst und Gemüse fragen könnten, das sich nicht mehr verkaufen lässt. Die Männer mussten in die Berge gehen und dort alles Brennbare holen, damit wir Feuer für den Suppentopf machen konnten. Und als dann die Kinder zum Essen kamen, staunte ich, dass sie in den ersten Wochen stets drei überhäufte Teller leeraßen. Ich hatte oft das Gefühl, sie müssten Bauchschmerzen haben und ich wollte ihnen so viel Essen verwehren, aber die Kinder mussten futtern. Das war ein Bedürfnis. Manchmal, wenn es ein Stück Brot dazugab, haben sie sich auch noch das ihres Nachbarn geschnappt. So war es zunächst.

Nach sechs bis acht Wochen regelmäßigen Essens ist dieses Bedürfnis bei den Kindern verschwunden, während ich oft gemerkt habe, dass die Eltern sehr viel mehr Sorge hatten, dass es nicht ausreichen könnte. Und das nicht nur bezüglich des Essens, sondern auch ihrer ganzen Lebensbedingungen. Sie haben Sorge, dass ihre Kinder keine Chance auf eine bessere Zukunft haben. Das ist ihr größter Wunsch. Gleichzeitig ist dieser aber immer verbunden mit dem Gefühl, dass das, was sie jetzt haben, wieder verloren gehen könnte oder dass sie nicht in der Lage sind, endgültig aus dieser sehr schwierigen Situation herauszukommen. Das ist ein Gefühl der Ohnmacht vor dem Leben und für diejenigen, die solche Situationen nie erlebt haben und nicht kennen, ist es sehr schwierig, diese Menschen zu verstehen.

… vor allem, wenn sie spüren, dass ich sie nicht verurteile

Von daher ist es eine ganz wunderbare Erfahrung, ihnen so nahe zu kommen und auch zu wissen, was im Armenviertel nachts passiert. Welche Probleme es gibt, worüber sich die Familien streiten. In den Holzhütten mit nur 50 Zentimeter Entfernung hörte ich alles: Die Person von nebenan, die sich gerade im Bett herumdreht, den Streit, wenn der Familienvater nach Hause kam und seine Frau anfing zu schimpfen, weil er betrunken war, die Kinder im Haus schrien und kreischten. Diese Situation mitzuerleben ermöglicht es, den Menschen näherzukommen, vor allem, wenn sie spüren, dass ich sie nicht verurteile, dass wir sie so annehmen, wie sie sind. In dieser Erfahrung war dann vor allem wichtig, dass die Menschen an der Lösung ihrer Probleme selbst beteiligt waren.“
Karoline Mayer aus den Anfängen ihrer Zeit

Unter dem Schutz der Kirche und in enger Zusammenarbeit mit der deutschen Hilfsorganisation „Cristo vive“ baut Karoline in den nächsten Jahren als gelernte Ärztin ein großes Familiengesundheitszentrum und eine Polyklinik auf, eröffnet weitere Kindergärten, Drogen-Therapiezentren sowie eine Obdachlosenherberge in acht Stadtteilen von Santiago de Chile. Weitere Stiftungen gibt es nun auch in Peru und in Bolivien. Eine fast unmenschliche Leistung. Fast 90 Prozent der Kosten werden inzwischen durch den chilenischen Staat übernommen, doch rund zehn Prozent müssen über Spenden finanziert werden. – Doch hören wir noch einmal Karoline selbst:

„Damals überlegten wir mit den Frauen: „Was könnt ihr machen?“ Ich hatte vorgeschlagen: „Wir könnten stopfen.“ Sie sollten ihre kaputten Sachen mitbringen, aber keine der Frauen – wir waren etwa zwölf – hatte etwas mitgebracht. Sie sagten, sie hätten nichts zum Mitbringen, hatten gar kein Interesse daran, stopfen zu lernen. Unglücklicherweise sagte eine von uns Frauen daraufhin unglücklicherweise: „Aber in deiner Jacke ist doch so ein dickes Loch!“ Da hat sich die Frau mit der Jacke so geärgert und fühlte sich so beleidigt, dass sie weggegangen ist. Wir mussten lernen damit umzugehen, wie sich diese armen Menschen vor uns, die wir ihnen ja helfen wollen, verteidigen. Einer von uns fiel dann ein, dass sie ja auch noch andere Dinge mitgebracht hatte und sie fing an, den Armen Kreuzstich beizubringen. Und das war fantastisch. Wir haben dann diese Individuals für den Tisch gemacht und die Frauen waren fasziniert. Sie wollten auch den Anderen zeigen, was sie konnten. Dass daraus Werkstätten und eine richtige Schule für Frauen werden würde, konnten wir uns damals nicht vorstellen.

Verboten ist hier nur eines, nämlich zu sagen: „Ich bin nicht fähig. Ich kann nicht. Ich weiß nicht.“ Alle können etwas, alle wissen etwas und alle sind fähig zu etwas

In den späteren Jahren konnten wir den Frauen anbieten, dass sie nicht nur Kreuzstich lernen, sondern auch Stricken und Nähen. Eine Frau gibt eine Jacke ab, die verkauft werden soll, doch der eine Ärmel ist drei Zentimeter länger als der andere. Im ersten Moment ärgert sich die Frau: „Ich habe so viel gearbeitet. Ihr versteht das nicht!“ Sie besteht darauf: „Ich habe so viel gearbeitet!“ Aber mit Liebe und Festigkeit musste ich ihr sagen: „Nein, es ist ganz wichtig, dass du das noch einmal aufmachst. Ich kann das natürlich auch für dich tun. Ich kann den Ärmel jetzt auch so machen, dass es ordentlich ist, aber auf die Dauer ist das nicht möglich, denn du wirst dein Produkt nicht verkaufen können.“ Die Leute haben es gelernt, und das hat auch ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Sie merkten, dass sie etwas wert sind und dass sie etwas können, dass ihre Produkte auch verkauft werden können – zu einem guten Preis, wenn sie es gut machen. Wir haben an die Wände geschrieben: „Verboten ist hier nur eines, nämlich zu sagen: „Ich bin nicht fähig. Ich kann nicht. Ich weiß nicht.“ Alle können etwas, alle wissen etwas und alle sind fähig zu etwas.

Die Frauen haben so einen kleinen Horizont. Unsere Mission ist, mit ihnen einen größeren Horizont zu erreichen. Das bedeutet, dass die Frauen etwas dazulernen müssen, sich mit dem, was sie wissen, nicht zufriedengeben dürfen. Sie müssen dazulernen, vor allem, um auch den Kindern mehr vermitteln zu können. Talente sollen gefördert werden, von denen die Frauen sich manchmal gar nicht vorstellen können, dass sie in ihren Kindern schlummern. Unsere Aufgabe ist, die Frauen auf ihrem Weg zu begleiten, um den Kindern eine Erziehung zu ermöglichen, die ihnen Zukunft gibt und das Potential, das in ihnen steckt zum Blühen bringt. Aber der Weg ist noch lang. Er darf nicht von oben herunter bestimmt werden, sondern gemeinsam mit den Leuten. Sie sollen immer spüren, dass sie dabei sind. Ganz wichtig in unserer Mission ist, dass das, was uns prägt, die Liebe zum Menschen ist. Eine Liebe nicht nur auf emotionaler oder sentimentaler Ebene, sondern eine Liebe, die bereit ist, das Leben für den Anderen einzusetzen, ein Stück Leben für den Anderen zu geben. Das ist eines der Ziele. Mit diesem Dienst wollen wir auch viele andere in der Gesellschaft zum Mitträumen einladen.“

Die Ehrungen und die Ungerechtigkeiten

Soweit ein kurzer, unvollständiger Rückblick auf das segensreiche Werk und Wirken von Karoline Mayer im O-Ton und auf ihre große Stärke, Menschen anzuregen und zu begeistern.

Die Liste der bisherigen Auszeichnungen für die „Mutter Theresa von Südamerika“ ist schier endlos, hier die wichtigsten: Bundesverdienstkreuz am Bande, Schalompreis der katholischen Universität Eichstätt, Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, Kardinaal Augustin Bea-Preis, Kardinal Fringspreis, Göttinger Edithstein-Preis, Marion Dönhofpreis, Preis „Heldin des Friedens“ der Jesuitenuniversität Santiago de Chile, „Goldenes Herz“ von „Ein Herz für Kinder“.

Post Scriptum: Karoline Mayer musste auch Ungerechtigkeiten erleben und ertragen. Von einem RTL-Explosiv Fernsehteam wurde ihre Stiftung „Cristo vive“ vor Jahren angeklagt, Spendengelder veruntreut zu haben. Natürlich hatte die Missionarin nichts damit zu tun, wie sich später herausstellte.. Zweitens: In einer Fernsehreportage der ARD war es Schwester Karoline vor laufenden Kameras nicht gelungen, sich von sexuellen Übergriffen eines Priesters aus Deutschland – mit dem sie viel zusammengearbeitet hatte – zu distanzieren. Die gute Samariterin zeigte, wenn es um ihre eigenen Angelegenheiten geht, wenig Talent zur Selbsthilfe. Das ist Charaktersache. Karoline Mayer hatte darunter sehr gelitten und beschrieb die Episode als eine der dunkelsten Stunden in ihrem bisherigen Leben. Dennoch hält sie weiterhin oder gerade deshalb eisern an ihrem Motto fest: Das Geheimnis ist immer die Liebe.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich von vatican news veröffentlicht.

Blogbeiträge von Karoline Mayer

Zu Besuch bei Pater Josef Schmidpeter in Arequipa

„Josef, kümmere dich um die Kranken und Armen“, das war und ist die Berufung, die P. Josef Schmidpeter verspürt und die den 81jährigen Comboni-Missionar aus dem Bistum Eichstätt bis heute nicht ruhen lässt.

Nachdem er von 1982 bis 1994 bereits in Peru tätig war ist er vor sechs Jahren wieder an seine alte Wirkungsstätte zurückgekehrt, an der er nie vergessen war. 2008 hat man aus Dankbarkeit für sein sozial-pastorales Wirken ein kommunales Hallenbad nach ihm benannt. Und auch in vergangenen Tagen habe ich die Liebe der Menschen zu ihrem „Padre Jose“ in der Pfarrei Buen Pastor in einem der armen Randgebiete von Arequipa erlebt. Man grüßt ihn über die Straße, Kinder winken ihm zu. Die Mitarbeiter im Altenheim freuen sich, wenn er vorbeischaut, und selbst die über 90jährige Indigene, die kein Spanisch spricht, ruft seinen Namen zur Begrüßung. Aktuell fehlen rund 8.000 Euro, um einen Aufzug in den zweiten Stock zu bauen, dann könnte die Aufnahmekapazität in der sehr familiär konzeptionierten Einrichtung verdoppelt werden.

Aber Schmidpeters größte Leistung sind seine beiden Polikliniken „Espiritu Santo“, in denen täglich 2000 Menschen von 140 Fachärzten behandelt werden. Viele der Mediziner haben auch eine eigene Praxis, aber einen Tag in der Woche arbeiten sie bei Padre Jose für die Armen und Kranken mit. Während des Streiks in den öffentlichen Krankenhäusern waren es täglich bis zu 2600 Hilfesuchende.

Stolz verweist P. Josef am Eingang auf die drei Tafeln mit Namen von Spendern und dass sein Heimatbistum ganz weit oben darauf steht. Auch der deutsche Botschafter hat sein herausragendes Werk gewürdigt.

So sehr er sich darüber freut, noch wichtiger sind ihm die Menschen, die als Kranke kamen, aber wie Menschen behandelt wurden. Dazu gehört auch, dass er als Klinikseelsorger wirkt, weil er aus Erfahrung berichten kann, dass viele Krankheiten seelische Ursachen haben. Darum sind ihm die Stunden im Beichtstuhl wichtig, als Ort der Versöhnung. „Leider gibt es aber unter den jungen Priestern wenige, die für diese Aufgabe Zeit aufwenden“, findet Schmidpeter, aufgrund seiner pastoralen Erfahrungen.

Leider ist der Aufenthalt hier viel zu schnell vorbei, um sein gesamtes Wirken nachvollziehen zu können. Dazu gehört zum Beispiel seine Zeit als Gründer des Kolpingwerks in Peru Mitte der 80er Jahre. Aber er hat auch in Zukunft noch viel vor. So will er in einer der Kapellen, in der am Samstagabend Mariä Himmelfahrt gefeiert wurde, einen Chor aufbauen und sich um die Ministranten kümmern. Missionare der alten Schule gehen halt nie in den Ruhestand. Was für ein Leben für die Armen und Kranken.

Im Dienst für die Armen in Lateinamerika

Wie gerne würde ich heute alle unsere lieben Freunde einladen, von meinem Fenster aus, die im Glanz der Wintersonne schneebedeckten strahlenden Anden zu betrachten. Ich bin von Herzen dankbar für die vielen wunderbaren Begegnungen während meiner „Missionsreise“ im vergangenen Juni durch Deutschland, Luxemburg und die Schweiz.

Nur wenigen Freunden habe ich während meines Aufenthaltes in Europa erzählt, dass meine Reise ein Schatten begleitete: Vor meinem Abflug nach Europa lag unser langjähriger ehrenamtlicher Mitarbeiter und Geschäftsführer, Freund und Mitgründer von Cristo Vive, Jorge Fernandez, todkrank im Krankenhaus und der Arzt fragte mich, was ich machen würde, im Falle wenn er heimgehen würde… Der Arzt wusste, dass Jorge mich gebeten hatte, seine Beerdigung zu feiern. Ich hatte immer geantwortet mit ja, – wenn er dann auf meine Beerdigung gehen würde, aus Spaß. Dem Arzt versprach ich, ich würde sofort meine Reise unterbrechen und zur Beerdigung kommen. Jorge selbst rief ich dann an, um ihn zu erinnern, dass wir am 11. Juli seinen 80. Geburtstag feiern wollen und er sich daran halten müsste.

Während meiner Reise jedoch war ich immer mit einem Ohr in Chile und im Herzen bat ich Gott, dass wir noch Jorges Geburtstag feiern dürfen. So rief ich ihn gleich nach meiner Rückkehr an und machte mich auf, um ihn umarmen zu können. Wir verbrachten zwei glückliche Stunden und ich konnte ihm die Grüße aller Freunde überbringen, worüber er sich unglaublich gefreut hat. Dennoch ließ er mich wissen, dass es ihm voll bewusst ist, dass er zwischen Leben und Tod lebt, in Gottes Händen.

Es ist unbeschreiblich, wie unser lieber Jorge Fernández über jeden der vielen Hundert Geburtstagsgrüße überrascht war und sich gefreut hat. Aber auch ich bin überwältigt und kann nur danken für die unzähligen Zeilen, Wünsche, Gedanken und Gebete für Jorge. In einer Zeit des Lebens, in dem jeder Tag für Jorge ein besonderes Geschenk ist, konnte ich in einem persönlichen Gespräch herausfinden, wie er sich die Feier seines 80. Geburtstages mit uns wünschte. Er wollte, dass wir mit ihm und seiner Frau Nena „im Kleinen“ in seiner Wohnung als Comunidad, im Kreis der Gründergemeinschaft und Vorstandsmitglieder Cristo Vive, das Gedächtnis Jesu feiern. So verwandelte sich Jorges Wohnzimmer in den Abendmahlssaal, wo wir miteinander Gott für Jorges Leben, seinen Einsatz für die Armen und seinen Beitrag zur Gründung der Fundación Cristo Vive dankten. Mit Nena und Jorge und dem mit Jorge verwandten Befreiungstheologen, Pater Sergio Torres, waren wir zusammen 18 Jünger und Jüngerinnen Jesu.

Was unsere Dienste angeht, habe ich inzwischen viele Mitarbeiter getroffen und mit Freude gesehen, dass die Arbeit auf Hochtouren läuft. Immer geht es darum, den Menschen mit Liebe zu dienen.

Wir hatten in der vergangenen Woche das Abschieds-Seminar unserer 25 Freiwilligen, die ein Jahr in unseren verschiedenen Diensten unter den Armen Einsatz geleistet haben. Ist das nicht eine neue Form von missionarischem Dienst? Durch ihr Engagement wird den Menschen Jesu Frohe Botschaft sichtbar.

Fünf junge Frauen aus der Diözese Eichstätt kehren in ihre Heimat zurück: Franziska Breitenhuber und Katharina Geitner aus Eichstätt, Isabell Schöpfel aus Kipfenberg, Theresa Schmidt aus Weigersdorf und Susanna Bauer aus Rupertbuch, die schon daheim sein müsste. Ihnen allen von Herzen Dank! Gleichzeitig erwarten wir im August schon die neuen Freiwilligen für 2017/18 in Chile, Bolivien und Peru: Bienvenidos – Willkommen!

Ganz herzlich grüße ich alle Eichstätter Schulen, die unsere Arbeit beim Altstadtfest unterstützt haben und danke allen unseren lieben Unterstützern!

Eine ganze Reihe ehemaliger Freiwilliger ist bereit, bei Vorbereitungsseminaren künftiger Freiwilliger bei Cristo Vive Europa mitzumachen, um den Neuen aus erster Hand Erfahrungen für ihren Dienst zu vermitteln. So zum Beispiel Agnes Birzer aus Pietenfeld. Warum sie mitmache? Ihre Antwort: „Weil ich seit meinem Jahr in Chile ein Teil der Cristo-Vive-Familie bin und jedes Seminar wie ein Familientreffen ist. Es tut gut, die eigenen Erfahrungen an die neuen Freiwilligen weiterzugeben. Ich kann dort meine eigenen Erlebnisse immer wieder reflektieren und daran zurück denken. Es ist mir wichtig, dass die Vision und Mission von Cristo Vive weitergegeben werden und möglichst viele Menschen erreichen“.

Partnerschaft Kolping Eichstätt-Peru

Seit fast 30 Jahren besteht die Partnerschaft zwischen dem Kolping-Nationalverband Peru und dem Kolping-Diözesanverband Eichstätt. Vom 14. bis 29. August sind wir – eine Reisegruppe von zwölf Personen aus dem Kolping-Diözesanverband Eichstätt – zu Besuch bei den Partnern in Südamerika. Ziel der Reise ist es, die Kontakte zu unseren peruanischen Kolpingschwestern und -brüdern zu verstärken und auszubauen.

Erster Station war Cajamarca im Nordwesten des Landes. Die Stadt, einst Residenz des Inkaherrschers Atahualpa, ist für seine barocken Kirchengebäude, heißen Quellen und Inkabäder bekannt. Nach einem Stadtrundgang ging es mit dem Bus über einen 3950 Meter hohen Pass nach Bambamarca. Alle Kolpingfamilien der Umgebung waren mit Abordnungen erschienen, um uns zu begrüßen. In einem Umzug mit Musik um den Marktplatz wurden wir in das Pfarrheim geführt zu einer feierlichen Zeremonie mit Tanz- und Gesangseinlagen.


Von Bambamarca aus besuchten wir eine Kolpingfamilie in Chalapampa Bajo. Das Kolpingwerk unterstützt und begleitet wichtige Projekte in dem Dorf. Der Erlös aus den Projekten kommt in eine gemeinsame Kasse. Angefangen hat es mit dem Aufbau einer kleinen Schafzucht. Jetzt wird auch eine Cuyzucht (Meerscheinchenzucht) betrieben. Aktuell ist die  Wasserversorgung das größte Problem. Das Grundwasser ist zum Teil durch die umliegenden Minen verseucht und das Regenwasser reicht nicht aus. Mehr Wassertanks würden hier helfen. Spannend war der Besuch bei einer der Frauen zu Hause, wie sie lebt, kocht und arbeitet. Es ist schon bewundernswert, was diese Frauen alles leisten.

Weitere Besuche führten uns zu Kolpingfamilien in San Juan de Lacamaca, Miraflores und Capuli. In Machaypongo Bajo erwarteten uns die Familien vor dem Haus im Gras sitzend. Das besondere hier ist eine große Meerschweinchenzucht mit manchmal über 500 Tieren. Ein Cuy (aus dem Quechua Quwi für Meerschweinchen) lebt drei Monate und bringt rund 25 Soles Erlös. In San Antonio trafen wir uns im Rohbau einer Kirche, deren Bau von der dortigen Kolpingfamilie unterstützt wurde. Einige Mitglieder sind in politischen Gremien tätig. So begrüßte uns auch der Bürgermeister vor Ort.

Auf fast 3000 Höhenmeter leben die Mitglieder der Kolpingfamilie San Isidro Labrador, benannt nach dem Heiligen ihrer Kapelle. Die Mitglieder der noch jungen Kolpingfamilie versorgen sich weitgehend selbst mit dem Anbau von Mais und Kartoffeln und der Kleintierzucht. Das größte Problem ist auch hier die Wasserversorgung. Es gibt zwar ein Wasserreservoir, aber das gehört der Nachbargemeinde. Die Wasserverschmutzung durch den Bergbau ist hier ebenfalls ein sehr wichtiges Thema.

Über abenteuerliche Wege gelangten wir zu einer weiteren Kolpingsfamilie in der Nähe von Bambamarca. Dazu gehört eine Gruppe von taubstummen Menschen. Die Menschen dort sind von staatlichen und anderen Organisationen weitgehend allein gelassen. Umso wichtiger ist für sie die Kolpinggemeinschaft, um Unterstützung zu bekommen.

Ereignisreiche Tage in Bagua

Am Sonntag, 21. August, waren wir Gäste bei der zentralen Aufnahmefeier neuer Kolpingmitglieder in der Pfarrkirche in Bagua in der Provinz Amazonas. Pfarrer Don Magno hielt eine Katechese mit Gruppenarbeit zur Papstenzyklika „Amoris Laetitia“. Im Gottesdienst versprachen die 21 Neumitglieder, dass sie den Zielen des Kolpingwerkes verbunden bleiben wollen.

Am Nachmittag fuhren wir am Rio Maranon, einem der beiden großen Quellflüsse des Amazonas entlang, überquerten ihn mit einer abenteuerlichen Seilbahnfahrt und wanderten zu einem Wasserfall hinauf. Am Abend trafen wir uns noch im Pfarrheim mit der Kolpingfamilie Virgen de Fatima, einer Frauengruppe aus der Stadt Bagua.

Am zweiten Tag in Bagua ging es wieder hinauf auf ca. 800 Meter Höhe zur Kolpingfamilie San Isidro de Labrador. Der Vorsitzende, der auch der Bürgermeister ist, zeigte uns mit Stolz das neue Projekt: den Aufbau einer Fischzucht. Am Abend besuchten wir die Kolpingfamilie Virgen de Primavera in einem Vorort von Bagua. In diesem Armenviertel bessern vor allem die Frauen das Familieneinkommen durch Sammeln, Trennen und Verkaufen von Kompost und Wertstoffen auf. Stolz zeigten sie uns ihre aus Plastikmüll gefertigten Kleider, Taschen und Hüte. Bei einem Wettbewerb für recycelte Kleidung haben sie dafür schon einen Preis bekommen. Dank des Einsatzes der Kolpingfamilie erhielten sie auch den Preis für das sauberste Stadtviertel in Bagua. Es entwickelte sich ein sehr interessantes Gespräch über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Länder und Kolpingfamilien, was mit dem Singen der Bagua- und Bayernhymne endete.

Auf dem Programm der letzten Etappe unserer Reise stehen Besuche bei Kolpingfamilien

der Region Loreto in Nordosten Perus.

Mehr zum Thema:

  • Ausführliches Reisetagebuch mit vielen Bildern und weitere Informationen zu Kolping Peru
  • Video: Verband lebt von Verbindung – Kolping Partnerschaft mit Peru

Hoffnung für das Klima in Peru

Derzeit findet die 20. Vertragsstaatenkonferenz der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (COP20) in der peruanischen Hauptstadt Lima statt. Der Klimawandel lässt auch die Peruaner nicht kalt, wie man hier im Alltag erfahren kann. Vor einigen Wochen war ich mit einer anderen Laienmissionarin aus Brasilien im Armutsviertel von Arequipa unterwegs, um eine Familie mit einem frisch geborenen Baby zu besuchen. Auf dem Rückweg von diesem Besuch kamen wir ins Gespräch mit einer Frau, die in einer einfachen Hütte wohnt. Sie erzählte, dass sie Angst hat vor den Starken Regenfällen im Januar und Februar und dass sie hofft, dass der Regen wie in diesem Jahr „ausbleibt“ oder sich auf geringe Mengen beschränkt. Der Regen bedeutet für sie, für ihre kleine Hütte und alles was für sie existenziell ist, eine ernsthafte Bedrohung. Der Regen könnte ihr mit seiner gewaltigen Macht alles nehmen.

Ihre Aussage ist verständlich und doch zugleich verstörend. Denn das Wasser ist knapp hier. Besonders nachdem es im letzten Jahr in der Regenzeit kaum geregnet hat. Alle Pflanzen, die sich nicht mit der Hilfe von Bewässerung ans Leben klammern können, vertrocknen. Der große Fluss Arequipas, der „Rio Chili“, führt wenig Wasser. Alle warten sehnsüchtig auf die Tropfen, die vom Himmel fallen sollen, außer die Bewohner im Armutsviertel. Für sie ist scheinbar der Regen eine Bedrohung und kein Segen.

Dass Arequipa unter Wassernot leidet, ist kein Zufall. Peru bleibt nicht vom Klimawandel verschont. An nichts lässt sich das so gut ablesen wie am Wahrzeichen Arequipas, dem Hausberg Misti. Traditionell ist seine Spitze von einem zarten weißen Schneemantel überzogen. Doch seit zwei Jahren ist nur noch roher Stein die Zierde des Vulkans. Nur wenn Nebel den Berg verhüllt lässt sich manchmal hier und da ein kleiner Fleck Schnee entdecken. Auch der andere Vulkan in der Nähe von Arequipa, der Chachani, der wesentlich höher ist als der Misti, ist nur noch an oberster Stelle von Schnee bedeckt. Zerstört der Klimawandelt also die Wahrzeichen Arequipas?

Erst kürzlich habe ich mit einer Arbeitskollegin aus dem Kindergarten über dieses Phänomen gesprochen. Sie glaubt, dass der Klimawandel die Peruaner nachdenklich stimmt, sie beschäftigt. Sie hat mir gesagt, dass die meisten Menschen diese Anzeichen durchaus ernst nehmen. Aber es ändere sich nichts, weil es kaum Hilfestellungen von der Regierung gebe. Für die Politiker seien diese Anzeichen offensichtlich nicht so bedeutend wie sie es für die Bevölkerung sind. Steckt Resignation hinter dieser Aussage? Hoffnungslosigkeit, die ein Stoppen des Klimawandels nicht mehr für möglich hält?

Ich glaube nicht, denn es gibt Zeichen, die den Glauben an Möglichkeiten des Einzelnen und ihre Tragweite bestärken. Wenn meinen Fünfjährigen eine Woche lang im Kindergarten die Bedeutung von Strom und Wasser erklärt wird. Wenn sie die Bedeutung des Wassers und seine Kostbarkeit verstehen lernen und sich voller Begeisterung ausdenken, wie sie Wasser sparen können. Wenn sie Bilder malen, die das Einsparen von Strom zeigen, um das Klima zu schützen. Und wenn sie selbst kleine Pflanzen züchten, um ein Verständnis für deren Einfluss auf unser Leben zu erhalten.

Der Klimaschutz ist auch ein Anliegen der Kirche, die anlässlich der COP20 (vom 1. bis 12. Dezember) verschiedene Veranstaltungen zum Thema Klimawandel und Umweltschutz organisiert. Bereits am 9. November haben Katholiken in Peru und in Deutschland (hier besonders in der Erzdiözese Freiburg, die eine Partnerschaft mit der Katholischen Bischofskonferenz Peru pflegt) gemeinsam einen Tag des Fastens und Gebetes abgehalten. So haben sie unter anderem für die Achtung vor den Gütern der Schöpfung gebetet.

Am 5. Dezember findet zudem ein Treffen von Bischöfen aus der ganzen Welt mit Regierungsvertretern der teilnehmenden Staaten an der Klimakonferenz in Lima statt. Auswirkungen des Klimawandels insbesondere auf die arme und marginalisierte Bevölkerung sowie die Achtung vor den Gütern der Schöpfung und Vorschläge für mehr Klimagerechtigkeit stehen auf der Gesprächsagenda. Wenn das kein Anlass zur Hoffnung ist!

Mehr zum Thema:

Ein Jahr in Peru (persönlicher Blog von Anna Schönstedt)