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40 Jahre AK Shalom für Gerechtigkeit und Frieden – Shalompreisverleihung 2021

Der Arbeitskreis Shalom für Gerechtigkeit und Frieden an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wird in diesem Jahr 40 Jahre alt. Er wird von Studierenden und drei Eichstätter Bürgerinnen getragen. Margarete Müller, das älteste Mitglied (Jahrgang 1933) ist seit 1985 dabei. Sie kam zum AK Shalom, weil eine ihrer Töchter sie bat, sie rechtzeitig zum nächtlichen Friedensgebet in der Schutzengelkirche zu wecken. Die Mutter entschied, auch dorthin zu gehen. Am nächsten Morgen sagte sie zu ihren Kindern, sie habe sich gewundert, dass keine Bürger aus Eichstätt da waren, auch kein Geistlicher. Die Kinder rieten ihr, doch einen Leserbrief zu schreiben. Ganz gegen ihre Gewohnheit schrieb sie diesen, der mit der Überschrift ‚Frieden nicht gefragt?‘ im Eichstätter Kurier veröffentlicht wurde. Von da an wurden AK-Mitglieder auf sie aufmerksam und sie engagiert sich bis heute. Jahre lang waren die Gäste aus aller Welt bei Müllers untergebracht. Die sogenannten Shalom-Tücher, aus Wollresten gestrickte Dreieckstücher, die gegen eine Spende verkauft werden, sind für die 88-Jährige heute ein Beitrag, den sie mit Freude leistet.

Gegründet wurde der AK von Studenten der Theologie. Sie waren vor allem von der Theologie der Befreiung und der Umsetzung christlicher Ideale inspiriert. Das Wort Shalom bedeutet im Hebräischen mehr als Frieden. Es bedeutet Frieden, der nur in Gerechtigkeit möglich ist.

Als der AK Shalom sein 25-jähriges Jubiläum feierte, war ein Team des Bayerischen Rundfunks vor Ort. Ein Redakteur sagte nach dem Drehen, wie ungewöhnlich es sei, dass eine Gruppe so lange bestehe und immer wieder wechselnde, neue Mitglieder zähle. Inzwischen sind auch wissenschaftliche Mitarbeiterinnen, die als Studentinnen zum AK Shalom kamen, dabei. Es gibt keine Vorsitzenden, keinen Kassenwart etc. Jedes Mitglied des AKs macht die Arbeit, die ihr oder ihm liegt. Welches Projekt ausgewählt wird, wird demokratisch entschieden.

Der Shalompreis ist einer der höchstdotierten Menschenrechtspreise in Deutschland. Neben den drei großen institutionellen Spendern – Bistum Eichstätt, Oswald-Stiftung und Rotary Club Eichstätt – setzt sich das Preisgeld aus vielen kleineren und größeren Spenden von Privatpersonen zusammen. Alle Kosten, wie Flüge, Flyer, Unterbringung der Gäste, bezahlen die Mitglieder aus ihrer eigenen Tasche. Den Mitgliedern ist der Kontakt zu den Preisträgerinnen und Preisträgern sehr wichtig. Sie berichten weiter über ihre Projekte. Auch private Kontakte entstanden dabei.

Wie gefährdet viele der Preisträgerinnen und Preisträger waren und sind, zeigen zwei Beispiele: Pfarrer Ngyuen Van Ly aus Vietnam, erhielt den Preis 2004 in Abwesenheit. Die Shalom-Gruppe stellte bei der Preisverleihung einen leeren Stuhl auf, weil er von der vietnamesischen Regierung in einem Arbeitslager interniert worden war. Die Preisträgerin von 2012, Berta Cáceres, wurde 2016 wegen ihres Einsatzes für die indigenen Völker in Honduras ermordet.

Margit Stein, ehemaliges AK-Mitglied und Unterstützerin, die heute Professorin für Pädagogik in Vechta ist, berichtet zum Beispiel, dass sie noch immer Kontakt zum Projekt von Yanette Bautista in Kolumbien hat, das 1998 den Shalompreis erhielt. Mit dem Preisgeld begann ein Projekt, das sich für Angehörige von Vermissten und Verschleppten einsetzt und Menschenrechtsarbeit in Kolumbien fördert.

Als Studentin war ich in den Jahren 1988 bis 1989 Mitglied. Der Preisträger des Jahres 1989 war der CIMI (der Indigene Missionsrat in Brasilien). Stellvertretend für den CIMI nahm der renommierte Theologe Paulo Suess den Preis 1989 entgegen. Ihn traf ich im März 2016 bei einer Tagung im Priesterseminar in Eichstätt wieder. Viele Jahre hatte er sich zusammen mit Bischof Erwin Kräutler für den Erhalt des natürlichen Flussverlaufs des Xingu und gegen das zerstörerische Staudammprojekt eingesetzt. Wenige Tage vor der Tagung Anfang März 2016 wurde die Shalompreisträgerin Berta Cáceres Flores in Honduras ermordet. Es war ein angekündigter Mord. Die bekannte Umweltaktivistin und Leiterin des COPINH (Ziviler Rat Indigener Völker in Honduras) war den Bauherren eines Staudammprojektes im Wege. Paulo Suess kannte die Aktivistin Berta Cáceres und war ebenso geschockt wie wir.

Die Preisträgerin vom Projekt PCFF (Parents Circle Families Forum) aus Israel, Robi Damelin, schreibt uns regelmäßig zur Situation im Land und in der Welt. Es ist ein beeindruckendes Projekt der Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern.

Auch Therese Mema aus dem Kongo meldet sich immer wieder. Der AK Shalom startete zum Beispiel nach einem verheerenden Erdbeben dort eine Spendensammelaktion. Ein Jahr nach der Preisverleihung (2015) traf ich Therese Mema bei einer Filmpremiere mit der Filmemacherin Claudia Schmid wieder. In dem Dokumentarfilm „Voices of Violence“ werden unter anderem Therese Mema und ihre Arbeit mit traumatisierten Menschen im Kongo porträtiert. Den Zusammenhang zwischen den dort ausgebeuteten Rohstoffquellen (z. B. Coltan) für elektronische Geräte hierzulande und dem andauernden Krieg in der Republik Kongo verdeutlicht die Sozialarbeiterin und in Friedensforschung ausgebildete Therese Mema immer wieder.

Padre Paulo Joanil da Silva aus Brasilien, der den Preis 2013 für die Landpastoral (CPT) entgegennahm, schreibt uns ebenfalls. Er arbeitet inzwischen an der Grenze zu Surinam mit Indigenen und berichtet von der verheerenden Lage, in der sich Brasilien durch den rechtsradikalen Präsidenten Jair Bolsonaro befindet.

Ebenfalls intensiven Kontakt haben wir weiterhin zu Shay Cullen auf den Philippinen (Shalompreis 2017). Er schreibt regelmäßig zur Lage im Land und der Arbeit mit den Kindern, die sexualisierte Gewalt erfuhren, in Gefängnissen saßen, weil sie auf der Straße leben mussten. Das Projekt PREDA, bei dem Bauern für ihre fair und ökologisch produzierte Mangos angemessene Preise erhalten, ist inzwischen europaweit bekannt. Die Produkte können in allen Fair-Trade-Läden erstanden werden.

Die Preisträger des Jahre 2018, der Menschenrechtsanwalt und Journalist Mazen Darwish und seine Frau, die Journalistin Yara Bader, die in Syrien inhaftiert und gefoltert wurden, schrieben Rechtsgeschichte. Durch das Weltrechtsstaatsprinzip können Verbrechen gegen die Menschlichkeit auch außerhalb des Landes, in dem sie geschahen, verfolgt werden. Folterer des Assad-Regimes standen und stehen so zum Beispiel in Koblenz unter Anklage. Der Generalbundesanwalt hat Anklage erhoben. Bei der Beweisführung war Mazen Darwish federführend. Prozesse in Frankreich werden vorbereitet. Ein Mitglied des AKs hat Yara Bader und Mazen Darwish in Paris, wo sie inzwischen leben, besucht.

Der AK Shalom für Gerechtigkeit und Frieden 2021

Die Zeit der Pandemie war auch für den AK Shalom nicht einfach. Wir trafen uns nur virtuell über Zoom-Konferenzen. Zugleich bot dieses Format die Möglichkeit, mit Mitgliedern in Kontakt zu treten, die in anderen Ländern leben, aber weiterhin aktiv mitarbeiten. So betreut zum Beispiel ein Mitglied, der inzwischen bei der OSZE in Warschau arbeitet, unsere Homepage. Eine Studentin, die eines der diesjährigen Projekte aus Tansania verschlug und in Eichstätt Internationale Beziehungen studierte, lebt jetzt wieder in Russland. Das sind nur einige Beispiele. Andere Studierende sind aus München, Berlin oder Lille zugeschaltet.

Im Jubiläumsjahr entschieden wir uns, zwei Projekte aus Tansania auszuzeichnen.

Inklusives Schulprojekt in Nyashishi/Tansania – Sister Dr. Felista Tangi

Shalompreisträgerin 2021 Dr. Felista Tangi mit Schülerinnen und Schülern

Als Reaktion auf die erschreckend hohen Raten an Schülerinnen und Schülern, die Körperstrafen sowie Gewalt im Schulkontext durch Lehrkräfte und Mitschülerinnen und Mitschülern ausgesetzt sind, gründete Schwester Felista Tangi zusammen mit Mitschwestern vom Orden der Teresina Sisters eine gewaltfreie und inklusiv arbeitende Secondary School in Nyashishi, in der Provinz Mwanza in Tansania. Die 1964 geborene Pädagogin Felista Tangi promovierte zum Thema der Auswirkungen von Schulgewalt auf die Leistungs- und Kompetenzentwicklung der Schülerinnen und Schüler. Die Schule setzt sich in besonderem Maße für Menschen mit Albinismus ein. Behauptungen, dass es sich um eine „Strafe Gottes“ oder um Pech handele und dass die „Krankheit“ ansteckend sein könnte, sind in der Gegend um den Viktoriasee in Tansania häufig zu hören. Dieser Mangel an Wissen über Menschen mit Albinismus bedeutet, dass Volksmärchen und Aberglauben zu Verfolgung und/oder Diskriminierung führen. Die Schule arbeitet nach modernen Konzepten des „Classroom Managements“ gegen Gewalt, Mobbing und Diskriminierung auf Basis von Material, das im Rahmen des Projekts gegen Schulgewalt von Prof. Dr. Margit Stein und Prof. Dr. Daniela Steenkamp (Universität Vechta und Duale Hochschule Villingen) entwickelt und kostenfrei in Kiswahili auf einer Homepage für Lehrkräfte zugänglich ist. Die Schule benötigt für den Bau und die Ausstattung neuer Gebäude dringend finanzielle Hilfe.

Pippi House Foundation – Frauenhaus in Arusha/Tansania – Aristides Nshange

Die Pippi House Foundation for Girls (siehe Bild am Beitragsanfang) ist das einzige Frauenhaus in der tansanischen Großstadt Arusha. Der Name deutet den Charakter des Hauses als Zufluchtsort an, indem das Wort in Suaheli für Süßigkeiten, „Pippi“, aufgegriffen wird – das Frauenhaus als eine Süßigkeit in einem bitteren, harten Leben. Derzeit beherbergt das Haus bis zu 100 Mädchen und junge Frauen im Alter von 14 bis 25 Jahren, die zuvor auf der Straße gelebt haben, als Dienstmädchen verkauft wurden oder Opfer von Kinderarbeit, Kinderhandel, Vergewaltigung oder Prostitution geworden sind. Einige von ihnen waren schwanger oder hatten bereits Kleinkinder, als sie im Pippi House aufgenommen wurden, daher leben dort derzeit auch 16 Kleinkinder und Säuglinge.

Gegründet wurde das Pippi House 2011 vom Tansanier Aristides Nshange, der bei seiner Arbeit als Sozialarbeiter in Arusha bemerkte, dass sich alle Unterstützung in der Stadt auf männliche Waisen oder jüngere Straßenkinder konzentrierte. Mädchen im Teenageralter, besonders Schwangere oder junge Mütter, fielen durch das sowieso schon weitmaschige soziale Netz des Staates oder privater Initiativen. So gründete Aristides die Nichtregierungsorganisation. Sein Ziel ist es, den Mädchen eine Perspektive für ein selbstbestimmtes Leben zu bieten. Allen Bewohnerinnen wird ein Schulbesuch ermöglicht. Die Mädchen bekommen Unterstützung beim Lernen und später, nach dem Schulabschluss, Hilfe bei der Suche nach einem Praktikum, einem Studium oder einem festen Job. Das Pippi House wird nicht finanziell von der Regierung unterstützt und ist daher komplett auf nationale und internationale Spenden angewiesen. Promanity, ein deutscher Verein, der das Pippi House seit 2017 kontinuierlich finanziell unterstützt, wurde von drei jungen Frauen gegründet, die nach ihrem Freiwilligenaufenthalt im Pippi House das Projekt weiterhin von Deutschland aus fördern wollten. Das Pippi House möchte im Januar ein eigenes Haus beziehen und freut sich über jede Spende.

Die Shalompreisverleihung 2021 wird als sogenannte hybride Veranstaltung stattfinden, ebenso der Vortrag zu den beiden Projekten am 24. September 2021 im Holbeinsaal.

Der Shalompreis des Jahres 2020, der an den Chirurgen Dr. Massimo Del Bene aus Italien ging, konnte wegen der Corona-Pandemie nicht verliehen werden. Es konnte für das Projekt War Children Hospital die Rekordsumme von 32.000 Euro gesammelt werden. Dr. Del Bene wird im Rahmen der Shalompreisverleihung über seine Arbeit sprechen.

Öffentliche Präsentation der Projekte der Preisträgerinnen und Preisträger mit Videoschaltung
24. September 2021 um 19.30 Uhr im Holbeinsaal des Alten Stadttheaters Eichstätt, Residenzplatz 17, Eichstätt

Öffentliche Shalompreisfeier mit Videoschaltung
25. September 2021 um 19.30 Uhr im Holzersaal der Sommerresidenz, Ostenstraße 26, Eichstätt

Abschlussgottesdienst 26. September 2021
26. September 2021 um 10.45 Uhr im Salesianum, Rosental, Eichstätt

Die Links zu den Vorträgen am 24. September sowie zur Shalompreisverleihung am 25. September werden auf der Homepage www.ak-shalom.com veröffentlicht.

Spenden für die Projekte aus Tansania werden noch bis Ende 2021 entgegengenommen.

Wenn Sie eine Spendenquittung wünschen, notieren Sie bitte Ihre Adresse auf dem Überweisungsformular.

Spenden an KHG Eichstätt
Volksbank Raiffeisenbank Bayern Mitte eG
IBAN DE 34721608180109620320
Stichwort „Shalompreis 2021”

Shalompreis 2020 für Projekt „War Children Hospital“

Der Arbeitskreis Shalom für Gerechtigkeit und Frieden an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt verleiht den Shalompreis 2020 an Massimo Del Bene aus Monza. Der Chirurg wird für sein unermüdliches Engagement für Folteropfer aus libyschen Flüchtlingslagern und sein Projekt „War Children Hospital“ ausgezeichnet. Die Verleihung findet am 25. April statt.

Am vergangenen Sonntag, 2. Februar, fand der Eröffnungsgottesdienst der diesjährigen Shalompreis-Aktion im Salesianum Rosental statt. Mitglieder des Arbeitskreises Shalom formulierten, was Frieden für sie bedeutet. Frieden ist, wenn wir nicht wegsehen. Zum Beispiel wenn es um Flüchtlinge geht. Das Europäische Netzwerk „United against refugee deaths“ mit Sitz in Amsterdam hat seit 1993 insgesamt 36.570 im Mittelmeer ertrunkene Migranten gezählt. Das sind nur die, die man fand.

Am 31. Januar hat ein Bündnis unter dem Namen „United for rescue“ aus evangelischer Kirche, katholischen Organisationen – zum Beispiel BDKJ, Arbeitnehmerbewegung, Ärzte ohne Grenzen, dem Deutschen Gewerkschaftsbund, dem Regisseur Wim Wenders, dem Bürgermeister von Palermo und vielen anderen ein Rettungsschiff gekauft. „Die Menschen, die im Mittelmeer ertrinken, sind Christus.“ So formulierte es Kardinal Marx bei einem ökumenischen Gedenkgottesdienst in München im Dezember 2019.

Frieden bedeutet, nicht wegzusehen

Frieden bedeutet Versöhnung. So wie es zum Beispiel die Shalompreisträger von 2016 leben. Robi Damelin aus Israel verlor ihren Sohn, Student der Philosophie und Pädagogik, durch einen palästinensischen Scharfschützen. Mazen Faraj, Palästinenser, verlor seinen Vater durch Schüsse eines israelischen Soldaten. Die beiden wollen, wie mehr als 600 Familien, die im Parents‘ Circle Families Forum zusammengeschlossen sind, Versöhnung und nicht Hass.

Oder die Shalompreisträger von 2018, der Rechtsanwalt und Journalist Mazen Darwish und seine Frau, die Journalistin Yara Bader. Darwish wurde dreieinhalb Jahre in einem Foltergefängnis des syrischen Regimes gefangen gehalten. Einfach, weil er die Wahrheit schrieb über die Niederschlagung friedlicher Proteste. Nach seiner Freilassung, für die sich weltweit Schriftsteller und Journalisten einsetzten, ist er nicht voller Rachegefühle. Er und die anderen Mitarbeiter des Projektes Syrian Center for Media and Freedom of Expression arbeiten dafür, dass andere Gefangene freikommen, oder wenn sie ermordet wurden, nicht vergessen werden. Vor internationalen Gerichten setzen sie sich dafür ein, dass Folterer des Assad-Regimes vor Gerichten zur Rechenschaft gezogen werden. Bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist dies auch in Gerichten im Ausland möglich. Erste Anklagen erfolgten 2019 in Deutschland.

Frieden ist auch, nicht zu vergessen. Am 27. Januar gedachte die Welt der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Hier fanden 1,1 Millionen Menschen einen grausamen Tod. Über sechs Millionen Juden wurden durch Nationalsozialisten ermordet. „Wo war die Welt?“ fragte bei der Gedenkfeier in Ausschwitz eine Überlebende. Die Stolpersteine des Künstlers Günter Demnig, die auf Initiative eines Lehrers und von Schülerinnen und Schülern des Gabrieli-Gymnasiums gelegt wurden, erinnern uns an die aus Eichstätt vertriebenen und ermordeten Juden. Es gibt Menschen, die nicht ertragen, wenn jemand eine Blume zum Gedenken an die Stolpersteine legt. Frieden ist, nicht zu vergessen.

Pater Stefan Weig (links) und Dr. Gerhard Rott (rechts) mit Mitgliedern des AK Shalom beim Aktions-Eröffunggottesdienst im Salesianum Rosental. Foto: Praller-Rott

In diesem Jahr haben alle katholischen Hilfswerke ein gemeinsames übergeordnetes Thema: Frieden. Dies war ein Anlass für den Leiter des Referates Weltkirche, Dr. Gerhard Rott, vor der Gemeinde zu sprechen. Rott zitierte Papst Franziskus, der als wichtigste Voraussetzung für Frieden den Dialog sieht und das Zuhören. Da man im Sitzen, auf Augenhöhe, gut zuhören könne, nahm er sich einen Stuhl. Pater Stefan Weig wies in seiner Predigt darauf hin, dass der AK Shalom immer wieder auf Wunden hinweise und ein Licht sei. Deshalb sei der 2. Februar auch ein sehr passender Termin für den Shalom-Eröffnungsgottesdienst.

Massimo Del Bene

Der Shalompreisträger 2020, Massimo Del Bene, ist ein renommierter plastischer Chirurg. Er ist spezialisiert auf die Operation von Händen. In Italien war er der erste Arzt, der beide Hände zugleich operierte. Unter anderem durch die Wiederherstellung von Nervenbahnen können die Hände wieder funktionsfähig gemacht werden.

Der 66-Jährige in Monza arbeitende Arzt hat in den letzten Jahren sehr viele Flüchtlinge, die zuvor in libyschen Lagern gefoltert wurden, operiert. Wie Del Bene immer wieder mit Entsetzen feststellt, werden die Flüchtlinge in den Lagern in Libyen mit grausamsten Methoden an Händen und Füßen gefoltert, um Geld von Verwandten und Freunden zu erpressen. Es werde bewusst so misshandelt, dass die Folgen für die Überlebenden mit jedem Schritt und jeder Bewegung spürbar seien. Massimo Del Bene spricht von mittelalterlichen Foltermethoden und kann eine lange und traurige Reihe von Röntgenaufnahmen als Belege liefern.

Den bekennenden Christen macht das Reden über Migranten, die angeblich keine Gründe hätten, zu fliehen, ebenso wütend, wie die Tatsache, dass die Staaten der Europäischen Union Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken lassen oder Seenotretter kriminalisiert werden. Das Zurückschleppen von Migranten nach Libyen hält er aufgrund der Situation in den libyschen Lagern für unhaltbar.

Damit eine Wiederherstellung der Hände erfolgreich sein kann, ist es wichtig, sie möglichst bald nach der Verletzung zu operieren. Leider müssen die Geflüchteten aber häufig monate- oder jahrelang in den Lagern aushalten. Wenn sie dann die Überfahrt nach Italien überleben, können sie von Spezialisten wie Dr. Del Bene operiert werden.

Massimo Del Bene möchte seinen Traum von einer Spezialklinik für Kinder, die durch Kriege verletzt wurden, umsetzen. Die Behandlung von Kriegsverletzungen ist in der Regel eine Notversorgung und häufig bleibt nur die Amputation.

Mitarbeiter von Physicians for Human Rights – Ärzte für Menschenrechte – haben belegt, dass seit 2011 durch gezielte Attacken auf Krankenhäuser durch das Regime von Bashar al-Assad – und seit 2015 vor allem durch russische Kampfflugzeuge – 916 Ärzte und Ärztinnen in Syrien getötet wurden.

Mit Hilfe von abgehörten Funksprüchen der russischen Piloten, Videoaufnahmen der zerstörten Krankenhäuser, Logbücher der Flugzeuge, die geleakt wurden, konnte dieses bewusste Bombardieren von Krankenhäusern belegt werden. Im Oktober 2019 veröffentlichten Journalisten der New York Times diese Belege des Vorgehens der russischen und syrischen Kampfpiloten.

Die heutige Chirurgie bietet viel mehr erhaltende Hilfsmöglichkeiten. Da die Ärzte und Ärztinnen der Regel nicht in Kriegsgebiete, wie derzeit nach Syrien, in den Irak oder nach Afghanistan reisen können, wäre es wichtig, die Kinder nach Italien zu bringen. Es gibt bereits konkrete Pläne mit den Fachleuten in der Lombardei, die bereit sind, freiwillig in dem geplanten War Children Hospital zu arbeiten. Das alte Hospital von Legnano ist für das Krankenhaus vorgesehen. Auch mit der UNICEF ist Dr. Del Bene im Gespräch. Spenden für das Krankenhaus für im Krieg verletzte Kinder sind dringend notwendig.

Die Verleihung des Shalompreises findet am Samstag, 25. April, um 19.30 Uhr im Holzersaal der Sommerresidenz in Eichstätt statt. Am 24. April ebenfalls um 19.30 Uhr spricht der Preisträger über seine Arbeit für die in libyschen Flüchtlingslagern gefolterten Menschen und das geplante War Children Hospital. Der Abschlussgottesdienst wird am Sonntag, 26. April, um 10.45 Uhr im Salesianum Eichstätt sein.

Spenden unter dem Stichwort
„Shalompreis 2020 – Katholische Hochschulgemeinde“
Volksbank Raiffeisenbank Bayern Mitte eG
IBAN: DE 34721608180109620320

Aktualisierung vom 16. März 2020: Aufgrund der aktuellen Gefährdungssituation durch das CoV-2-Virus sagt der AK Shalom für Gerechtigkeit und Frieden die geplante Preisverleihung am 25. April 2020 ab. Die Veranstaltungen – der Vortrag, die Shalompreisverleihung und der Abschlussgottesdienst – werden zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt.

Indien ganz anders – typisch Indien!?!

Erfahrungen am Rande einer Migrationstagung

Mittlerweile war ich elfmal in Indien, oft in der Umgebung von Poona, aber auch einmal ganz im Norden und Osten des Landes, um Projekte von Misereor kennen zu lernen. Doch Kerala ist anders, und das ist schon wieder typisch. Indien ist einfach sehr vielfältig.

Der Bundesstaat Kerala in Südindien unterscheidet sich von den anderen Teilen Indiens. Es ist ein anderes Indien. Es gibt deutlich weniger Bettler und Bedürftige, die man von der Straße aus sehen kann. Und dennoch wird hier der landesweite Aufruf zum Generalstreik konsequenter befolgt als in anderen Gegenden Indiens. Es war der weltweit größte Streik, mehr als 150 Millionen Menschen haben die Arbeit nieder gelegt, um v.a. für eine Anhebung des Mindestlohns und bessere Sozialleistungen zu streiken. Unsere Gastgeber mussten das Programm umstellen, weil wir an diesem Tag das Hotel nicht verlassen sollten und sowieso alle Einrichtungen, die wir an diesem Tag besuchen wollten, geschlossen waren. So leer habe ich noch keine Straße in Indien gesehen, wie die vor unserem Quartier, eine der Hauptstraßen des Landes.

Kerala ist anders: Die westliche und arabische Kultur haben mehr Einfluss, das sieht man an der Kleidung. Viele gut gebildete Menschen aus diesem Teil Indiens gehen als Gastarbeiter in die Golf-Staaten. Dort können sie noch mehr verdienen als in der Heimat. Einen Großteil des Gehaltes überweisen sie aber zurück nach Indien, um die zurückgebliebene Familie zu finanzieren. Nach ein paar Jahren kehren dann viel zurück, um mit dem erarbeiteten Kapital ein eigenes Unternehmen zu starten. Kerala ist aber zugleich auch ein Einwanderungsland. Aus vielen ärmeren Teilen Indiens kommen Arbeitskräfte, um hier mehr Geld zu verdienen. Migration ist in Kerala in doppelter Weise real, es ist Entsende- und Aufnahmestaat zugleich. Das macht es für die Wissenschaft zu einem spannenden Forschungsobjekt. Zusammen mit dem Rajagiri College of Social Sciences (RCSS) wollen Wissenschaftler der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt hieran arbeiten. Meine Frau, Dr. Monika Pfaller-Rott, folgte einer Einladung und hielt dazu einen Vortrag über „Social Diversitiy“ während einer Tagung, an der auch Forscher aus den USA teilnahmen. Mein Beitrag bestand darin, die globale Situation von Migration darzustellen. Wenn sich diese Kooperation etabliert, gibt es neben der Beziehungen der WFI zum Rajagiri Centre for Business Studies (RCBS) eine zweite Säule der akademischen Zusammenarbeit. Diese haben echte Pionierarbeit geleistet.

Besonders beeindruckt war ich von der einwöchigen Pflichtexkursion für alle Erstsemester-Studenten, die sieben Tage in einem Dorf gut 120 km von Cochin entfernt leben und arbeiten müssen. Zu ihren Aufgaben gehört es, eine Straße anzulegen. Dazu müssen mit den Händen die Pflanzen gerodet werden, Steine klein geklopft und verlegt werden sowie am Nachmittag mit den einfachen Bauern Interviews zu deren Situation geführt werden. Abwechselnd müssen sie auch füreinander kochen. Und geschlafen wird auf einfachen Schilfmatten auf dem Boden des Schulhauses, wo dann am Vormittag die Kinder zur Schule gehen. Selbstverständlich können sich die Professoren und Professorinnen, darunter auch Priester und Ordensschwestern, nicht davon absetzen, sie sind die ganze Zeit mit dabei. So erfahren die angehenden Akademiker, was ländliche Armut wirklich heißt. Viele waren in ihrem Leben das erste Mal in der Küche, weil es selbst für indische Mittelschichtsfamilien normal ist, dass „Angestellte“ (ein echter Euphemismus, eigentlich sind es „Diener“) das Essen zubereiten. Pro Jahr schaffen die rund 100 Studenten in dieser Woche so immerhin gut zwei Kilometer neue Straße. Nebenbei entsteht so aber auch eine familiäre Verbindung an der Universität, die sich sehr positiv auf das Lernklima wirkt.