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„Wenn der Wind vom Osten kommt, gibt es ein starkes Gewitter“

Das Glutnest in den separatistischen Gebieten der Ukraine kann jederzeit Feuer fangen und zum Schauplatz eines Weltkrieges werden.

Mein Großvater, der dieser Tage 90 Jahre vollendet hat, ist ein weiser Mann. Er hat uns, seinen Enkeln, schon als Kleinkindern verschiedene Lebensweisheiten beigebracht. Unter anderem lehrte er uns: Wenn dunkle Wolken vom Osten her den Himmel verdunkeln und der Wind aus dem Osten kommt, gibt es ein starkes Gewitter. Sehr oft haben wir dann in unserer Gegend, in der Westukraine, seine Worte als wahr erleben dürfen.

In unseren Tagen scheint sich diese Lebensweisheit nicht nur in direktem Sinn als wahr zu erweisen, sondern auch im übertragenen Sinn – und diesmal leider als Beschreibung der Wirklichkeit in der gesamten Ukraine. Bei unserem östlichen Nachbarn Russland wird gerade mit verschieden Mitteln politisch und militärisch geschürt und gewirbelt, um einen Tornado Richtung Westen auszulösen und möglichst viel beim Nachbarn wegzufegen und zu vernichten. Mehr als Hunderttausend Soldaten, schweres Militärgerät und Munition sind aus ganz Russland für angebliche Übungen an der ostukrainischen Grenze zusammengezogen worden. Dazu ein riesiges Aufgebot von russischen Streitkräften zu Land, zu Wasser und in der Luft für Übungen im Schwarzen und Asowschen Meer an der südlichen sowie in Belarus an der nordöstlichen Grenze der Ukraine.

Seit der Annexion der Krim im Jahr 2014 und der Separationsbestrebung von zwei Provinzen im Donbass ist die Ukraine in einen unsäglichen hybriden und indirekt realen Krieg mit Russland hineingezogen worden, und zwar besonders durch diese beiden abgespalteten und nur von Russland unterstützten und selbstverwalteten Regionen im Osten. Mehr als 14.000 Menschen sind seither durch diesen immer noch andauernden Konflikt in der Ukraine getötet worden. Eine große Welle von Binnenflüchtlingen ist eine gravierende Folge davon: 1,5 Millionen Menschen sind jetzt innerhalb der Ukraine auf der Flucht.  Und dies bei dem durch den Krieg wirtschaftlich ausgelaugten Staat und im Rahmen eines sozial labilen Gefüges, überstrapaziert durch die politischen Verhältnisse, die Korruption und das Oligarchensystem. Mit der Errichtung der separatistischen Gebiete ist in der Ukraine ein Glutnest entstanden, in dem es immer heißer wird. Es kann jederzeit Feuer fangen, sich in ein Großbrand verwandeln und im schlimmsten Fall zum Auslöser eines Weltkrieges werden!

Ja, die vom Osten aufziehenden Wolken verdunkeln den Himmel über der Ukraine immer mehr. Der Ostwind nimmt an Geschwindigkeit immer mehr auf, so dass die Farben der ukrainischen Fahne (Blau und Gelb), die für die leuchtende Sonne am hellblauen Himmel über den goldenen ukrainischen Weizenfeldern stehen, immer düsterer werden. Der Westen und die Welt sind nun alarmiert, da das Glutnest in der Ukraine aufzuflammen droht und der aufbrausende Wind aus dem Osten in jedem Augenblick das Glutnest entzünden könnte.

Wenn der Fall eines offenen kriegerischen Konfliktes eintreten sollte, dann besteht die Gefahr, dass Europa und die ganze Welt in einen neuen Weltkrieg hineingezogen werden. Dann gibt es nicht nur auf dem Territorium der Ukraine ein Unwetter ohne gleichen. Nach Prognosen von westlichen Politikern und Militärexperten würden bei einem solchen Krieg in den ersten Tagen und Wochen vermutlich bis zu 50.000 Menschen getötet werden; und noch einmal mehr als 5 Millionen Menschen als Flüchtlinge ihre Heimat verlieren. Dies wäre nur ein Anfang und eine Katastrophe für die Ukraine – und nicht minder für Russland und die ganze Welt. Es bestünde eine große Gefahr von dramatischen Unruhen auf dem ganzen europäischen Kontinent mit im Augenblick noch nicht abschätzbaren Folgen.

Von allen politischen Spielen und Ambitionen der regierenden politischen Eliten Russlands und des gesamten seit fast zehn Jahren andauernden kriegerischen Konflikts in der Ukraine sind konkrete Menschen mit ihren persönlichen Schicksalen betroffen. So geht es meinem Opa genauso wie vielen meiner Altersgenossen in der Ukraine: Unsicherheit und Angst vor einem großen Krieg begleiten die Menschen Tag und Nacht. Besonders groß ist die Angst davor, dass wieder viele Männer und Frauen an die Front müssen, für meinen Opa eine Vorstellung, die die alten schmerzlichen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg wachrufen.

Die Ukraine hat sich lange gerühmt, ohne Blutvergießen sich von der Sowjetunion losgelöst und ihre Unabhängigkeit 1991 friedlich erlangt zu haben. Doch die sowjetische Ideologie des Kalten Krieges ist östlich der Ukraine in den Untergrund gegangen, konnte wiedererstarken und holt die Ukraine ganz offensichtlich in diesen Tagen wieder ein. Sie verlangt nach Größe und Wiederherstellung eines antiwestlichen Imperiums, und scheut auch vor Menschenopfern nicht zurück. Vor diesem Hintergrund ist das russische Ignorieren der Interessen und Souveränität der europäischen Nachbarländer von der Ukraine über Polen, bis zum Baltikum und sogar Finnland und Schweden zu verstehen, die auf eine NATO-Mitgliedschaft und möglichst auch einen EU-Beitritt / -Mitgliedschaft verzichten sollten.

Die Ukraine ist ein plurales Land, und zwar in Weltanschauungen, politischer Willensäußerung, mit Freiheit des Wortes und der Religion. Dies ein wesentlicher und nicht zu unterschätzender Unterschied zu seinem großen Nachbarn im Osten, der sicherlich im Hintergrund des ganzen Vorhabens steht.

Was kann die Ukraine tun? Was dürfen sich die Menschen in dieser komplizierten Lage noch erhoffen? Wie kann die mehrheitlich christliche Bevölkerung der Ukraine zur Beilegung des Konfliktes beitragen?

Zwei Punkte waren in der Ukraine immer schon gegeben und sind seit dem Beginn der Krise 2014 ganz offensichtlich geworden. Trotz ihrer religiösen und vor allem christlich-konfessionellen Pluralität treten die Vertreter der jeweiligen Glaubensrichtungen und Kirchen auch heute gemeinsam auf. Die Kirchen stehen auf der Seite des Volkes, der Seite der erstarkten Zivilgesellschaft. Sie engagieren sich noch intensiver in den sozialen und humanitären Projekten und rufen konfessionsübergreifend zum Gebet für den Frieden in der Ukraine auf. Dies ist ein gutes Zeichen. So können die Menschen einerseits mit Unterstützung von Kirchen im sozialen Bereich rechnen, andererseits beten jetzt alle, dass die diplomatischen Bemühungen nicht abreißen und sie auch Früchte tragen. Sie beten darum, dass sich das Glutnest nicht zu einem Brand entwickelt, dass in der Region endlich der Friede einzieht und das gegenseitige Miteinander möglich ist, vor allem, dass es zu keinem Krieg in Europa kommt. Vielleicht kann aus dem Zankapfel Ukraine doch eine Vision des Brückenbaus werden, dass langfristig auch Russland begeistern und dem Westen näherbringen kann.

Vor diesem Hintergrund ist die Gebets-Initiative der Solidaritätsaktion Renovabis der deutschen Katholikinnen und Katholiken mit den Menschen in Süd- und Osteuropa ein großartiges Zeichen! Wir tragen sie gerne mit und schließen uns diesem deutschlandweiten Gebet am Freitag, 18. Februar 2022, in Eichstätt an!

„Deutschland soll sich für Versöhnung in Syrien und Irak einsetzen“

Interview mit Seiner Seligkeit Patriarch Ignatius Youssef III. Younan

Seine Seligkeit Patriarch Ignatius Youssef III. Younan, das Oberhaupt der Syrisch-katholischen Kirche von Antiochien, hat vom 21. bis 24. November die Diözese Eichstätt besucht. In diesem Rahmen führte Archimandrit Dr. Thomas Kremer, Vizerektor des Collegium Orientale Eichstätt, am 23. November 2015 das nachfolgende Interview mit dem Patriarchen.

Eure Seligkeit, man spricht vielfach vom Reichtum der christlichen Traditionen des Orients. Den Gläubigen in Deutschland fällt es oft schwer, die Besonderheiten der einzelnen Traditionen zu unterscheiden. Sie sind der Patriarch der Syrisch-katholischen Kirche von Antiochien. Könnten Sie einen Eindruck vom Reichtum der Tradition Ihrer Kirche geben?

Patriarch Younan: Wenn wir von der Syrisch-katholischen Kirche sprechen, sprechen wir vom syrischen Erbe des Patriarchats von Antiochien – ein reiches Erbe, das aber noch immer in vielem unentdeckt ist, da die Römisch-katholische Kirche stets den Kontakt mit den Kirchen der byzantinischen Tradition stärker gepflegt hat, mit denen sie ja auch bis 1054 verbunden war. Wir dagegen sind bereits seit dem 5. bzw. 6. Jh. von den großen Zentren der römischen und byzantinischen Kirche abgeschlagen. Wir lebten unter muslimischer Herrschaft und wir wurden dadurch in vielem gebremst, etwa in Fragen der liturgischen Erneuerung, der Ikonographie, und wir waren in gewisser Weise gettoisiert. Wir konnten kaum mehr tun, als das zu bewahren, was wir aus den ersten Zeiten des Christentums geerbt haben. Dazu zählen die Texte so bekannter Väter wie Ephräm dem Syrer und Jakob von Sarug und anderer, die in syrischer Sprache geschrieben haben und der west- wie der ostsyrischen Tradition angehören. Diese Kirchen wurden durch die soziokulturelle Situation ins Abseits gedrängt, da wir stets unter Bedrohungen gelebt haben und in die Berge oder die Wüste abgedrängt wurden. Immer wieder wurden unsere Kirchen und Klöster aufgrund der jeweiligen Situation aufgegeben und zerstört. Der Westen hat im Allgemeinen eine unzureichende Kenntnis unseres spirituell-liturgischen Erbes. Dieses ist vor allem für seine Einfachheit bekannt. Es gab nie die großen theologischen Entwürfe wie im Westen und in der byzantinischen Kirche, doch wir blieben stets den Ursprüngen eng verbunden. Heute beginnt die Gesamtkirche glücklicherweise, sich für das syrische Erbe zu interessieren. Als syrische Kirchen – dazu gehören die syrisch-katholische, die syrisch-orthodoxe, die maronitische, aber auch die chaldäische und assyrische Kirche sowie die syro-malabarische und syro-malankarische Tradition Indiens – besitzen wir ein reiches spirituell-liturgisches Erbe, dessen Kennzeichen stets die Einfachheit ist.

: Thomas Kremer (2. Von links) im Gespräch mit Patriarch Ignatius Youssef III. Younan (rechts). Links im Bild: Abouna Ignatius Offy aus Qaraqosh im Irak, ab 2016 Kollegiat des Collegium Orientale Eichstätt. pde-Foto: Rostyslav Myrosh/COr
Thomas Kremer (2. Von links) im Gespräch mit Patriarch Ignatius Youssef III. Younan (rechts). Links im Bild: Abouna Ignatius Offy aus Qaraqosh im Irak, ab 2016 Kollegiat des Collegium Orientale Eichstätt. pde-Foto: Rostyslav Myrosh/COr

Die Kirchen syrischer Tradition verwenden bis heute nahezu dieselbe Sprache, die Jesus Christus selbst gesprochen hat. Hat die Verwendung und die Verwurzelung in der semitischen Tradition eine besondere Bedeutung für Ihre Kirche?

Patriarch Younan: Die syrische Sprache betrachten wir als einen großen Schatz. Uns ist es gelungen, sie zu bewahren trotz aller Hindernisse, die uns entgegengetreten sind. Wir haben sie in unserer Liturgie bewahrt. Aber leider kennen sie nicht mehr alle Gläubigen, abgesehen von denen, die in Gegenden wie dem Nordirak, dem Tur Abdin oder in der Gegend von Ma’alula lebten und leben, die bis heute einen aramäischen Dialekt sprechen. Leider konnten wir sie aufgrund der Umstände, die uns von den Regierungen auferlegt wurden, in den großen Städten als gesprochene Sprache nicht lebendig erhalten, wohin viele unserer Gläubigen aufgrund sozioökonomischer Gründe hinziehen mussten. Die Politik in Syrien, im Irak und in der Türkei, wo unsere Syrisch-katholische Kirche ihre Wurzeln hat, hat uns nicht gestattet, in unserer Sprache zu kommunizieren, so dass sie heute im Wesentlichen auf die Liturgie beschränkt ist und von Priestern und Mönchen beherrscht wird, die sie studieren. Leider sind wir Christen nicht mehr so sehr in unserer Sprache verwurzelt, so dass nur noch wenige Christen die Sprache Christi und der Gottesmutter sprechen. Anderen Religionen gelingt es besser, ihre Ursprungssprache zu bewahren, wenn wir an das Arabische und Hebräische denken. Vielleicht hatten wir die Vorstellung, dass die Universalkirche nicht an ein spezielles Gebiet und eine Sprache gebunden sei.

Kommen wir jetzt zur derzeitigen Lage. Können Sie uns beschreiben, wie sich heute die Situation der Gläubigen Ihrer Kirche angesichts der vielen aktuellen Probleme darstellt?

Patriarch Younan: Die Situation unserer Kirche als Gemeinschaft von Gläubigen zusammen mit ihrem Klerus ist derzeit sehr bewegt und steht vor der Gefahr einer regelrechten Auslöschung, des Verschwindens, denn die beiden Länder, in denen unsere Kirche seit Jahrhunderten ihre Wurzeln hat, Syrien und Irak, leiden unter einem brudermörderischen Krieg, einem konfessionellen Bürgerkrieg. Was wir erleben, ist ein äußerst gewalttätiger Krieg. Ein großer Teil der Infrastruktur ist zerstört, viele archäologische Monumente, Kirchen und Klöster. Unsere Kirche hat ebenso wie die syrisch-orthodoxe, die chaldäische und assyrische viele Beschädigungen hinnehmen müssen, vieles liegt in Ruinen. Die wesentliche Frage ist: Wie können wir unsere Gläubigen und Kleriker überzeugen, im Land unserer Vorfahren verwurzelt zu bleiben, sowohl in Syrien wie im Irak, und für die Zukunft eine hoffnungsvolle Vision zu entwickeln. In der Praxis versagt selbst diese optimistische Vision vielfach. So stehen wir vor der Tatsache, dass es einen verstärkten Exodus der Christen gibt, insbesondere seit dem vergangenen Jahr und der Entwurzelung von mehr als 140.000 Christen aus Mossul und der Ebene von Niniveh. Sie hoffen, zu ihren Dörfern und Ländereien zurückkehren zu können, während bis auf den heutigen Tag diese terroristischen Banden, die sich „Daesch“ oder „Islamischer Staat“ nennen, immer noch die Herrschaft über diejenigen Gebiete ausüben, wo die Christen in einer relativen Freiheit leben konnten. Ähnliches gilt auch für Dörfer in Syrien, etwa im Nordosten Syriens oder nordöstlich von Homs, wo ebenso das Überleben unserer Christen ernsthaft bedroht ist. So ist die Kirche immer wieder herausgefordert, auf die Bedürfnisse unserer Gläubigen und Gemeinden zu reagieren. Es geht nicht nur um die grundlegende humanitäre Versorgung der Menschen, sondern darum, wie man sie inspirieren kann, Zuversicht angesichts der Zukunft zu gewinnen.

Darf ich Sie angesichts der schwierigen Lage nach den ökumenischen Beziehungen unter den christlichen Kirchen fragen: Arbeiten die Kirchen der verschiedenen Konfessionen im Vorderen Orient zusammen, um die Probleme gemeinsam zu lösen und die christlichen Gemeinden zu retten?

Patriarch Younan: Wissen Sie, Papst Franziskus hat einen Satz geprägt, der sehr ausdrucksstark ist, wenn er davon spricht, dass unsere christliche Berufung und die Botschaft unseres Glaubens darin besteht, dass die Christen heute an der „Ökumene des Blutes“ teilhaben. Das heißt, dass im Vorderen Orient den Christen aller Kirchen, der orthodoxen, katholischen und protestantischen, diese barbarische, terroristische Bedrohung bewusst ist und alle Kirchen Märtyrer und Bekenner des Glaubens zu verzeichnen haben. Sie alle müssen Unterdrückung und Gefängnis ertragen. Was den geschwisterlichen Umgang miteinander anbelangt, hat dies die Kirchen einander näher gebracht. Die Kirchenführer werden nicht müde, sich zu versammeln, um diejenigen, die die politische Macht besitzen, zu ersuchen, ihre Politik zu ändern und den Frieden im Vorderen Orient zu fördern, insbesondere um den Christen zu helfen, fest in ihren Heimatländern verwurzelt zu bleiben. Was unsere beiden Kirchen syrischer Tradition anbelangt, die orthodoxe und die katholische, kann ich sagen, dass wir in bestem Kontakt stehen. Wir hatten noch nie eine Zeit eines solch wahren ökumenischen Kontaktes zwischen unseren Kirchen. Wir, Orthodoxe wie Katholiken, betrachten uns als eine syrische Kirche mit einem orthodoxen und einem katholischen Zweig. Mit der Wahl des neuen syrisch-orthodoxen Patriarchen Mor Ignatius Ephräm II. Karim haben sich diese Kontakte sowohl in der Qualität wie in der Quantität intensiviert. Wir treffen uns oft, sprechen regelmäßig miteinander und beraten uns gegenseitig in der Frage, wie wir dieser entsetzlichen Situation unserer syrischen Kirchen begegnen sollen. Mehrfach haben wir im Irak und in Syrien gemeinsam Flüchtlinge und ihre Helfer besucht, um sie mit Zuversicht und Hoffnung zu erfüllen. Dabei denken wir auch beständig darüber nach, wie sich unsere Kirchen noch mehr als in der Vergangenheit näher kommen können, auch um die Pastoral unserer beiden Kirchen sowohl im Vorderen Orient wie auch in der Diaspora stärker zu koordinieren.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, möchten Sie in guter Zusammenarbeit mit der Syrisch-orthodoxen Kirche den Gemeinden in ihrer Heimat bei ihrem Überlebenskampf helfen, aber ebenso auch diejenigen als Gemeinden sammeln, die in die Diaspora gegangen sind.

Patriarch Younan: Auch hier zeigt sich, dass die Gläubigen uns oft in der Frage einer wahren Ökumene voraus sind. Deshalb hindern wir unsere Gläubigen in keiner Weise daran, wenn sie ihre christliche Berufung in Gemeinschaft mit der Syrisch-orthodoxen Kirche leben möchten, da wo wir keine kirchlichen Strukturen besitzen. Wir sind davon überzeugt, dass unsere Trennung rein nominal gewesen ist und nichts mit der Substanz unseres christlichen Glaubens zu tun hat. Wir gehen sogar so weit, gemeinsam an der Eucharistie teilzunehmen. Ich nehme keinerlei Anstoß daran, wenn man die Kommunion in einer syrisch-orthodoxen Kirche empfängt, um unsere Einheit im Glauben und in den Sakramenten zu bezeugen. Ich selbst kann diese Position nicht teilen, dass man zunächst die volle Kirchengemeinschaft verwirklicht haben müsse, um die Kommunion teilen zu können. Wenn wir davon überzeugt sind, dass in unseren beiden Liturgien die eine wahre Eucharistie gefeiert wird, warum sollten wir uns dessen enthalten, die Kommunion in dieser selben Liturgie zu empfangen, in der die eucharistische Gegenwart des Herrn wahrhaftig ist?! Ich habe es selbst schon praktiziert, auch einige Bischöfe, sicher nicht wenige Priester und wir empfinden kein Problem dabei. Wir sind die einzigen Schwesterkirchen, die diese Überzeugung teilen, dass uns nichts wirklich Substantielles trennt außer den historischen Umständen, die leider zur Trennung geführt haben, als sich ein Teil der Orthodoxen mit dem Heiligen Stuhl von Rom wiedervereinigt hat. Wir sind an den Punkt gekommen, das Vergangene zu überwinden. Wir bleiben nicht in der Vergangenheit verhaftet, sondern müssen in die Zukunft schauen, da wir alle vor die Herausforderung gestellt sind, zu überleben. Das fordert unsere Aufmerksamkeit, und dem geben wir die Priorität.

Ich danke Ihnen von Herzen für diese große ökumenische Vision! Mit Ihrer Offenheit können Sie anderen Patriarchen und Bischöfen ein wunderbares Beispiel geben.

Ich möchte nun zu Frage einer möglichen Unterstützung kommen. Sie sind nach Deutschland gekommen, in ein Land, das in verschiedener Hinsicht die Möglichkeit besitzt, womöglich auch Ihrer Kirche zu helfen. Ich denke insbesondere an die Position der deutschen Regierung. Vielleicht können Sie etwas dazu sagen, welche Unterstützung Sie sich wünschen.

Patriarch Younan: Was die deutsche Regierung anbelangt, so wünschen wir uns, dass sie sich wesentlich stärker einbringt und engagiert, um die verschiedenen Konfliktparteien miteinander zu versöhnen, sowohl in Syrien wie im Irak. Die Tatsache, dass Deutschland Abertausende von syrischen Flüchtlingen aufgenommen hat, ist eine schöne Geste von Freundschaft, Geschwisterlichkeit und Gastfreundschaft. Aus humanitärer Sicht ist das sehr lobenswert. Wir wünschen uns, dass Deutschland noch einen Schritt weiter geht, um die wahren Ursachen für diesen massiven Exodus von Hunderttausenden Syrern zu ergründen.

Welches sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?

Patriarch Younan: Die westlichen Länder haben die Uneinigkeit und die Konflikte geschürt und nicht geholfen, die Konfliktparteien zu versöhnen und im Dialog eine demokratische Lösung zu finden und sie auf das Ideal der Menschenrechte und die wahren Ideale einer echten Demokratie zu gründen. Wir wünschen uns, dass die deutsche Regierung sich nicht darauf beschränkt, Flüchtlinge aufzunehmen, sondern dass sie sich mit allen Beteiligten guten Willens zusammentut, um die Konfliktparteien zu versöhnen. Die humanitären Hilfen werden in höchstem Maße geschätzt, da sie auf die Bedürfnisse der leidenden Menschen, derer, die alles verloren haben, antworten und auf die Hilfe ihrer Brüder und Schwestern in Deutschland angewiesen sind.

Erlauben Sie mir noch, den Wunsch zum Ausdruck zu bringen, dass die westeuropäischen Länder sich noch stärker darin engagieren, den Ländern des Vorderen Orients zu helfen, eine stabile Situation in Frieden und Wohlstand wieder zu erlangen, insbesondere indem der gegenseitige Respekt wiederhergestellt wird. Wenn Deutschland und Europa etwas zu sagen hat, sollten sie nicht nur die eigenen materiellen Interessen verfolgen und dabei die Prinzipien und Werte vergessen, auf denen Europa gegründet worden ist. Ich wünsche mir, dass sie verstehen, dass ein Land, das man bezichtigen kann, eine Diktatur zu sein, immer noch viel besser ist als ein Land, das einem religiösen Totalitarismus unterliegt, d. h. dass es über alle Maßen schlecht ist, wenn die Religion in das private Leben des Einzelnen und in das öffentliche der ganzen Gesellschaft eingreift. Wenn man eine Wahl zu treffen hat, muss man die Regime wählen, die eher laizistisch sind und die Freiheit den Minderheiten und unter ihnen eben auch den Christen gewährleisten. Das, was ich mir wünsche, ist, dass Europa wahrhaft Europa ist und als Gemeinschaft von vielen Staaten, die sehr viel im internationalen Kontext zu sagen haben, seine Entscheidungen trifft und sich nicht vor allem von den Amerikanern und den Russen ihre Lösungen diktieren lässt.

Eure Seligkeit, ich danke Ihnen von ganzem Herzen für ihre klaren Worte und für dieses ausführliche Gespräch!

Erlauben Sie mir zu guter Letzt noch die Frage zu ergänzen, in welcher Weise die Diözese Eichstätt und insbesondere das Collegium Orientale seinen Beitrag leisten kann.

Ich bin dem Collegium Orientale und seinen Verantwortlichen sehr dankbar, dass ich so brüderlich und mit so großer Hingabe empfangen worden bin. Ich glaube, dass das Collegium Orientale in Eichstätt eine besondere Berufung besitzt, und ich hoffe, dass es sowohl in Deutschland wie auch in Europa eine immer größere Bekanntheit erlangt, damit wirklich in die Tat umgesetzt werden kann, was wir mit dem Worten des hl. Papstes Johannes Paul II. bekennen, dass die Kirche mit zwei Lungenflügeln atmet, dem des Ostens und dem des Westens. Und das ist wahr. Es gibt einen so großen Reichtum in beiden Teilen der Kirche, in den beiden Traditionen. Es berührt mich sehr, dass das Collegium Orientale sowohl Seminaristen wie auch Priester, die postgraduierte Studien betreiben, aufnimmt und sich dabei nicht auf die Kirchen byzantinischer Tradition beschränkt, sondern eben auch offen ist für die Kirchen syrischer Tradition. Wir freuen uns, dass im kommenden Jahr einer unserer Priester mit seinem Promotionsstudium im Collegium Orientale beginnen wird, und ich hoffe, dass wir weitere Kandidaten entsenden können, die ihre Studien der syrischen Tradition in diesem Collegium vertiefen möchten.

Vielen Dank, unsere Türen sind stets geöffnet – für Sie, für Ihre Priester und Seminaristen und für die Gläubigen Ihrer Kirche! Wir vom Collegium Orientale wünschen Ihnen die Kraft, Ihren Gläubigen auf der ganzen Welt beizustehen. Wir fühlen uns den Kirchen der syrischen Tradition mit ihrem spirituellen Reichtum aufs Engste verbunden und wünschen Ihnen und Ihrer Kirche Gottes reichen Beistand für eine gesegnete Zukunft!

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Quo vadis, Ukraine?

Seit letztem Jahr und noch mehr in den letzten Monaten kann die Ukraine als „ein Land der Tränen in Europa“ bezeichnet werden. Die „Revolution der Würde“ (wie der Euromaidan in der Ukraine rückblickend genannt wird – A.d.R.*), die Proteste im ganzen Land, das brutale Vorgehen der Janukowitsch-Polizei und die Todesfälle am Maidan-Platz in Kiew, der Konflikt mit Russland um die Halbinsel Krim, der „inoffizielle Krieg“ mit Russland in der Ostukraine, Tausende Tote und zahlreiche Flüchtlinge – dies alles ist die Realität der heutigen Ukraine, in der eine neue Generation heranwächst und sich gesellschaftlich formiert. Sie ist die Zukunft der Ukraine, und daher ist es überaus wichtig für sie, sowie für alle Ukrainer, die gegenwärtigen Geschehnisse im christlichen Geist einzuordnen und manche Seite der heutigen ukrainischen Geschichte auch positiv zu betrachten. Aus meiner Sicht entwickelten sich aus den letzten Ereignissen auch positive Aspekte für die Zukunft des Landes, unter anderem:

  • eine klare Entscheidung der überwiegenden Mehrheit der Ukrainer für die Werte der Demokratie und Freiheit;
  • das Gefühl der Würde und des Bewusstseins, ein eigenes Volk zu sein;
  • die Relativierung der unterschiedlichen Sprachen für die Einheit der Ukraine;
  • ein starkes Zeichen der Menschlichkeit in den Krisensituationen.

Die Erfahrung der Menschlichkeit und des Eintretens füreinander hat für die Gesellschaft in der Ukraine weitreichende Folgen. Die Ukrainer zeigen gegenwärtig ein großes Maß an Selbstorganisation, der gegenseitigen Hilfe und des Altruismus. Dies bemerken auch viele Menschen, die aufmerksam die heutige Situation in der Ukraine beobachten. Beispielhaft ist das kurze Zitat der Lemberger Journalistin Tetiana Sliysarschuk vom Medienportal „Zaxid.net“, die den Einsatz ihrer Mitbürger so beschreibt: „Der Freiwillige ist ein Phänomen der „Revolution der Würde“ und eine unentbehrliche Hilfe […]. Der Enthusiasmus und der Erfindungsreichtum der Ukrainer im Hinterland machen einen großen Eindruck“.

Seit dem Anfang der „Revolution der Würde“, den Ereignissen auf der Krim und in der Ostukraine unterstützen die Ukrainer einander mit einem beispielhaften Engagement. Es geht nicht nur um die große finanzielle Unterstützung der freiwillig Engagierten, die von unzähligen Menschen guten Willens erbracht wird, sondern auch um die breite Basis für die „Revolution der Würde“, die auf diese Weise sichtbar wird. Man kann in diesen Tagen besonders bemerken, wie das konkrete menschliche Leben geschätzt wird. Die Menschen in der Ukraine kümmern sich um die Familien der Verstorbenen am Maidan genauso wie um die Angehörigen der Opfer der Kämpfe und um die hunderttausend Binnen-Flüchtlinge.

Die ukrainischen Kirchen spielen momentan im Prozess dieser neuen Menschlichkeit auch eine wichtige Rolle: Sie möchten dem eigenen Volk in diesen schweren Stunden seiner Geschichte beistehen und versuchen mit verschiedenen sozialen Projekten die Gesellschaft zu unterstützen. Darüber hinaus sind viele Priester der verschiedenen ukrainischen Kirchen als Militärkapläne tätig, um die Zivillisten und die Soldaten in der Ostukraine geistlich zu betreuen. Im Blick auf die zurück liegenden Monate kann man sagen: Durch die Ereignisse seit dem Beginn der „Revolution der Würde“ haben die Ukrainer die Gesellschaft und den Alltag für sich selbst reorganisiert und befinden sich heute in einer Phase gelebter Solidarität.

Die Ukraine ist anders geworden. Obwohl die Ukrainer fast täglich Tote zu betrauern haben und viele Menschen Not leiden, sehen sie trotzdem mit großer Hoffnung in die Zukunft. Wie oben gesagt, das letzte Jahr ist das Jahr der großen positiven Änderungen in der ukrainischen Zivilgesellschaft geworden. Die Ukraine wartet auch auf die gleichen positiven Änderungen in der eigenen Politik und will ein Land mit europäisch-demokratischen Werten sein, in dem Frieden herrscht.

*Anmerkung der Redaktion: Der Euromaidan – in der Ukraine auch „Revolution der Würde“ genannt – wurde im November 2013 ausgelöst durch die Ankündigung der damaligen ukrainischen Regierung, ein geplantes Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union nicht unterzeichnen zu wollen.

Der Konflikt in der Ostukraine und die Kirchen: ein Propagandakrieg

Seit mehreren Monaten wird der ukrainische Staat von dem Konflikt im Osten des Landes zerrissen. Dabei geht es nicht nur um die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen ukrainischen Militärkräften und prorussischen Separatisten, sondern parallel dazu wird auch ein Propaganda- bzw. Informationskrieg geführt. Die russische Propaganda versucht mit allen Mitteln, den Konflikt, der aus Russland mit allen Kräften unterstützt wird, als einen Krieg der Kiewer Regierung gegen das eigene Volk darzulegen.

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Ökumenisches Gebet für die Ukraine in Lviv / Lemberg. Foto: Pressestelle der griech.-kath. Erzeparchie Lviv

In den ersten Augustwochen gerieten auch die Kirchen in den Fokus der russischen Propaganda. Am 14. August meldete sich Patriarch Kyrill, der Vorsteher der russisch-orthodoxen Kirche, zu Wort. Er wandte sich an die orthodoxen Kirchen und rief ihre Vorsteher dazu auf, ihre Stimme zur Verteidigung der orthodoxen Christen zu erheben. In seinem Aufruf benannte er auch die „Schuldigen“ an der prekären Lage der Orthodoxen, nämlich die „Uniaten“ und „Schismatiker“. Damit waren die Mitglieder der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche und der ukrainischen orthodoxen Kirche Kiewer Patriarchat gemeint.

Das Moskauer Patriarchat erhob in der auf seiner Internetseite veröffentlichten Stellungnahme den Vorwurf, bewaffnete Mitglieder der griechisch-katholischen Kirche und des orthodoxen Kiewer Patriarchats hätten in der Ukraine „moskautreue Priester beschimpft, gefoltert und verhaftet“. Der Patriarch listete mehrere angebliche Fälle von „gezielter Verfolgung“ orthodoxer Priester auf, die er „Unierten und Schismatikern“ zuschrieb.

Dabei blieb es aber nicht. Am 20. August ging der russisch-orthodoxe Patriarch noch weiter und bat die Vereinten Nationen um Hilfe für seine Kirche in der Ukraine. Nach Angaben des russisch-orthodoxen Außenamtes und der Agentur „Interfax“ wandte er sich an die UNO, den Europarat und die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) mit der Bitte, sie sollten Gewalt gegen orthodoxe Priester „nicht gleichgültig“ gegenüberstehen. Im Mittelpunkt der Kritik standen wiederum die mit Rom verbundene griechisch-katholische Kirche und das orthodoxe Kiewer Patriarchat. Diese hätten der ukrainisch-orthodoxen Kirche, die mit Moskau verbunden ist, „Schaden zufügen“ wollen.

Beide betroffenen Kirchen waren herausgefordert, auf diese Angriffe zu reagieren. Entsprechende Vorwürfe weisen sie entschieden zurück. Der für die griechisch-katholische Militärseelsorge zuständige Erzpriester Lubomyr Jaworskyj erklärte in einer Stellungnahme, Kyrill I. lasse sich von „Informationen aus Quellen der russischen Propaganda leiten“. Es habe keinerlei Übergriffe von Geistlichen seiner Kirche auf orthodoxe Priester gegeben. Darauf folgten auch zwei offizielle Erklärungen der griechisch-katholischen Kirche (UGKK) auf die Vorwürfe des Moskauer Patriarchen. Am 15. August wurde in einer Mitteilung erklärt, dass die Situation in der Ukraine die „Tragödie des ganzen Volkes, der Anhänger aller Konfessionen und aller Schichten der Gesellschaft“ sei und nicht bloß nur der einen Konfession, wie es das Moskauer Patriarchat zu vermitteln versuche. Es sei unzulässig, den Konflikt auf die interkonfessionelle Ebene zu übertragen, denn dies würde die Spannungen in der ukrainischen Gesellschaft nur vertiefen.

Die UGKK unterstrich, dass „Geistliche aller Konfessionen, welche ihren Seelsorgedienst in den Regionen von Donetsk und Luhansk sowie in der Autonomen Republik Krim verrichten, leiden und ihr Leben riskieren“. Unabhängig von der konfessionellen und religiösen Zugehörigkeit der Betroffenen wurde in der Stellungnahme der UGKK jegliche Art von Gewalt gegen friedliche Bewohner verurteilt. Darin wurde ebenfalls an das Engagement des gesamtukrainischen Rates der Kirchen erinnert, dem alle ukrainischen Kirchen angehören und der sich seit Monaten um eine friedliche Lösung des Konflikts bemüht.

Am 21. August wandte sich auch das Oberhaupt der UGKK, Großerzbischof Sviatoslav Shevchuk an die weltweite Gemeinschaft der Katholischen Kirche und an alle Menschen guten Willens. In seiner Erklärung wies er die Vorwürfe des Moskauer Patriarchen erneut zurück. Er hob das gemeinsame Martyrium der Kirchen und der kirchlichen Vertreter im vom Konflikt beladenen Osten der Ukraine hervor und führte eine Reihe von konkreten Beispielen auf, die zeigen, dass im Osten nicht nur die Katholiken, sondern auch die Orthodoxen und Protestanten zu Opfern von Gewalt, Misshandlung und Tötung werden. Der gegenwärtige Propagandakrieg macht es nochmals deutlich, dass der russische Staat alle Mittel einsetzt, damit die Situation nicht nur im Osten, sondern in der Gesamtukraine instabil bleibt. Es erweist sich erneut, dass auch die russisch-orthodoxe Kirche sich in diesem Propagandakrieg wieder in den Dienst des Staates stellen und missbrauchen lässt.

Die russischen Propagandastrategen und das Moskauer Patriarchat bedenken jedoch zu wenig, dass sie durch solche Vorwürfe und Versuche einen interkonfessionellen Konflikt in der Ukraine entfachen und der ukrainischen orthodoxen Kirche, die dem Patriarchen in Moskau unterstellt ist, großen Schaden zufügen können. Denn diese Kirche, die vor kurzem ihr neues Oberhaupt, den Metropoliten Onufrij, gewählt hat, wird in ihrer gegenwärtigen Haltung zwischen Kiew und Moskau zerrissen. Sie, die seit Jahren als eine Kirche galt, die die russischen Einflüsse und Interessen in der Ukraine vertrat, muss sich einerseits in der heutigen Situation neu definieren, um ihre Gläubigen nicht zu verlieren; andererseits muss sie ebenfalls einen solchen modus vivendi mit ihrem geistlichen und jurisdiktionellen Zentrum in Moskau finden, dass aus der öffentlichen Meinung der Verdacht weggeräumt wird, diese Kirche erfülle weiterhin die Funktion eines verlängerten Armes der russischen Politik in der Ukraine.
Es bleibt also die Hoffnung, dass die Kirchen in diesem Informationskrieg doch nicht missbraucht werden oder sich missbrauchen lassen, sondern umgekehrt durch ihr Engagement und ihre Frieden stiftende Rolle zur Beilegung des Konfliktes in der Ukraine beitragen.

Ukraine – ein Grenzland versinkt in grenzenlosem Leid

Eine der dominierenden etymologischen Deutungen des Landesnamens „Ukrajina“ = Ukraine, der zum ersten Mal schriftlich im 12. Jahrhundert bezeugt ist, heißt Grenzgebiet oder Grenzland. Geschichtlich und geografisch gesehen bringt diese Bezeichnung das Schicksal des Landes und seiner Einwohner trefflich auf den Punkt. Es liegt an der Grenze zwischen der westlichen und östlichen Mentalität; durch sie geht eindeutig eine sprachliche Grenze zwischen den zwei slawischen Sprachen Ukrainisch und Russisch, in vielen Teilen der Ukraine gemischt. Nicht zuletzt liegen die Grenzen der christlichen Konfessionen (katholisch und orthodox) nirgendwo so nah beieinander wie in der Ukraine. Deshalb ist hier auch die größte unierte Kirche zu Hause, die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche, die zweitgrößte in der katholischen Welt.

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In der jüngsten Geschichte zeigt sich die Ukraine als Grenzgebiet in den gesellschaftspolitischen Belangen. Das Land, nach mehreren Versuchen endlich seit 1991 ein unabhängiger Staat, existiert zwischen zwei größeren geopolitischen Blöcken, der Europäischen Union und der Russischen Föderation. Beide Nachbarn sind sehr unterschiedlich im Denken, im Sprechen und im Handeln, gestalten ganz unterschiedlich ihre gesellschaftlichen Prozesse. Die westlichen Nachbarn sind demokratisch und freiheitsliebend. Die östlichen bevorzugen bzw. dulden einen autoritären und gebieterischen Regierungsstil. Alle Nachbarn haben freilich ihr Interesse an der Ukraine. Aber auch die Ukraine, meine Heimat, will sich als junger Staat behaupten und ihrerseits mit allen an sie grenzenden Nachbarn gute Kontakte unterhalten und in Frieden leben. Doch das war ihr öfter und wird ihr besonders heute nicht gegönnt, besonders vom östlichen Nachbarn, der ihr militärisch und zahlenmäßig überlegen ist, jedoch – wie es aus den aktuellen Ereignissen hervorgeht – wohl nur militärisch und zahlenmäßig.

Mit Empörung und einem totalen Unverständnis, was das Verhalten Russlands gegenüber der Ukraine angeht, nehme ich persönlich die Ereignisse wahr. Auch meine Freunde, Nachbarn und Bekannte, hauptsächlich aus der West- und Zentralukraine, sowohl ukrainisch- als auch russischsprachig, reagieren genauso auf die momentane Situation in der Ukraine. Der russische Präsident zeigt durch diesen von ihm schon lange vorbereiteten und verursachten Konflikt sein wahres Gesicht. Besonders entpuppen sich dadurch sein autoritärer und rücksichtsloser Regierungsstil und seine imperialistischen Absichten und Visionen von Großrussland beziehungsweise der Wiederbelebung der UdSSR, mit denen er 1999 in Tschetschenien handelte und 2008 im Krieg gegen die Georgier vorging. Damals reagierten die Opponenten mit Waffen und lieferten ihm so den Grund, militärisch durchzugreifen und alles in seinem Sinn sehr schnell zu erledigen. Heute zeigt die Ukraine und die ukrainische Armee große Geduld, wobei sie ihre prowestlichen Werte vor der ganzen Welt hervorragend unter Beweis stellt, und erschwert somit die Erfüllung der Pläne des östlichen Nachbarn. Und doch ist die Situation sehr schlimm, so dass der russische Nachbar sein Ziel wahrscheinlich erreichen wird: zunächst die Halbinsel Krim und dann möglicherweise noch weitere Teile der Südostukraine. Zumindest ist das sein zweiter Plan, nachdem der erste mit der ganzen Ukraine gescheitert ist. Der langjährige ideologische ukrainophobe Informationskrieg hat bereits seine menschlichen Opfer gefordert und wird womöglich für Russland noch mehr Beute servieren. Sehr schade für die Ukraine – und vor allem gefährlich für die Staaten der Europäischen Union sowie für die demokratischen Abmachungen, die wieder einmal nur so viel wert sind, wie das Papier, auf dem sie verfasst sind. Die Grenzen der Ukraine sind zwar international geklärt und Russland hat sich 1994 zusammen mit den Vereinigten Staaten und Großbritannien schriftlich verpflichtet, als Gegenleistung für die Abrüstung der Atomwaffen ihre Grenzen – samt der Krim als Teil der Ukraine anzuerkennen und sogar zu schützen. Doch ein Grenzland muss nach Ansicht Russlands ein Grenzland – mit unbestimmten Grenzen – bleiben, die je nach politischer Stimmung der Regierung Russlands hin oder her geschoben werden dürfen. Jetzt hat es sich der östliche Nachbar anders überlegt und zeigt, wie viel seine Unterschrift wert ist und wie ernst sie künftig zu nehmen ist.

In der blutigen und schwarzen Maidan-Woche (17.-22. Februar 2014) war ich in meiner Heimat auf einer Reise, die seit langem geplant war. Es gab keine Probleme, weder an der Grenze noch bei den Fahrten zwischen den Hauptstädten der Westukraine. Unsere Reisegruppe wurde vor den Einfahrten in die Städte und bei den Ausfahrten immer wieder kontrolliert, ob wir nicht Unruhestifter sind. Aufgrund der deutschen Kennzeichen unseres Kleinbusses und an unseren Talaren erkannte man uns von Weitem und ließ uns überall durch. Wir hatten sehr tiefgehende Gespräche über die ganze Situation. Alle waren von der Situation und von der blutigen Machtgier der Janukowitsch-Oligarchen und der antiukrainischen und somit antidemokratischen russischen Politik gegenüber der Ukraine schockiert und betroffen. Auch meine Familie habe ich besucht. Die ganze Situation hat schon schlimme Auswirkungen wirtschaftlicher und psychischer Art. Männer arbeiten nicht – oft die einzigen, die das Geld in die Familie bringen – sondern fahren wochenweise zum Demonstrieren. Die Frauen und die Kinder haben traurige und unsichere Gesichter. Momentan lassen sich viele junge Männer freiwillig zum Militärdienst einziehen. Wenn die Ärzte unser Dorf und unser Krankenhaus verließen, um freiwillig die Dienste auf dem Maidan Kiew zu übernehmen, hieß es, dass unsere Kranken vor Ort auch nicht richtig versorgt werden konnten. Das Lieblingsspiel der Jungs ist einer Umfrage zufolge das Barrikadenbauen. Das alles sind Auswirkungen der Bosheit der machtgierigen Erwachsenen.

Die Kirchengemeinde in Sykhiv, ein Stadtteil von Lemberg, hatte wie viele andere Städte auch ihre Toten zu beweinen: Tausende von Menschen waren bei der Beerdigung. Auch auf unserer Reise trauerten wir mit mehreren Angehörigen der ermordeten Demonstranten. So wurden ein Professor der Ukrainischen Katholischen Universität in Lemberg und der Ehemann einer Krankenschwester des Lemberger Priesterseminars ermordet, und auch ein Verwandter des Rektors des griechisch-katholischen Priesterseminars von Ivano-Frankivsk, der beim dem Totengedächtnis für den Verwandten vor lautem Weinen kaum singen konnte.

Man kann sich fragen, ob der Wechsel in der Regierung weiter in die Gesellschaft hinein wirkt. Ich meine, der Wechsel wirkt sich schon jetzt aus und wird sicherlich auch weiterhin tiefere Auswirkungen haben, auch wenn die Ukraine geografisch vielleicht kleiner wird. Nie waren die Ukrainer gewohnt, einen Zaren an der Spitze zu haben, der seine Leute versklavte und für dumm hielt. Und wenn es einen gab, dann war er ein Fremdherrscher und regierte von außerhalb des Territoriums. Das haben leider weder Janukowitsch noch der Kreml bisher verstanden. Keiner der Politiker, auch nicht Frau Timoschenko, wird sich ab sofort trauen können, kurz- oder langfristig krumme Wege zu gehen und nicht transparent zu handeln. Wenn wieder Ruhe eingekehrt ist, werden auch die neuen Reichen, Einflussreichen und Politiker es nicht so schnell wagen, das eigene Volk auszubeuten und sich nur um ihre eigenen Taschen zu sorgen. Denn sie merken, das ukrainische Volk – ukrainischsprachig und russischsprachig – ist keine nichtdenkende Masse, sondern eine reife, verantwortungsbewusste, zielstrebige und nach Frieden verlangende Gemeinschaft. Sie will das Leben im eigenen Land und das Miteinander mit den Nachbarn – auch mit den Russen! – im Guten gestalten.

Was wir heute in der Ukraine erleben, ist der eindeutige und öffentliche Ausdruck dafür, aber auch für die innere Reife für demokratische Prozesse und westeuropäische Entwicklung. Wichtig ist, dass die westliche Demokratie und die EU uns heute unterstützen und uns helfen. Denn der heutige Kampf der Ukraine mit allen legalen Mitteln und – leider – mit bereits viel zu vielen Toten ist ein Kampf für die europäischen Werte und für den Bestand der Demokratie, auch im Westen Europas. Für die bisherige Unterstützung jeglicher Art – ökonomisch und ideell – sind wir sehr dankbar. Die Solidarität der westeuropäischen Welt mit dem Grenzland Ukraine ist grenzenlos groß. Nochmals vielen Dank dafür!

In vielerlei Hinsicht verwischen sich momentan die Grenzen in der Ukraine, besonders im persönlichen Leben der Menschen. Die Ukrainer im Westen sprechen Russisch und im russischsprachigen Osten der Ukraine wird Ukrainisch gesprochen als handfestes Zeichen der Zugehörigkeit zu einem Volk. Gemeinsam trauert man um die Toten, gemeinsam ermuntert man einander in der Hoffnung auf die baldige Überwindung des Konflikts. Gemeinsam ringt man im Parlament um die Lösung. Das Gemeinsame in Ost und in West der Ukraine wird hervorgehoben. Die Gemeinsamkeiten und die Begegnung sind eben auch Stärken eines Grenzlandes!

In meinem Leben habe ich mich noch nie so viel und so intensiv für Politik und politische Nachrichten interessiert wie jetzt. Mit einem Wirrwarr von Gedanken kann ich jeden Abend nicht einschlafen und ich stehe zur Zeit immer mit dem gleichen Gedanken auf: Was gibt es nun Neues in der Ukraine, hoffentlich kein weiteres Blutvergießen. Auch im Gebet bitte ich Gott – ich bin mir sicher, in Gemeinschaft mit Millionen Menschen guten Willens – dass die Unruhen endlich ein Ende nehmen, dass die Verantwortlichen und die Verursacher von der Bosheit loslassen. In der Hoffnung, dass über allem doch die starke Hand Gottes weilt, gehe ich meinen täglichen Aufgaben nach.

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