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„Wenn der Wind vom Osten kommt, gibt es ein starkes Gewitter“

Das Glutnest in den separatistischen Gebieten der Ukraine kann jederzeit Feuer fangen und zum Schauplatz eines Weltkrieges werden.

Mein Großvater, der dieser Tage 90 Jahre vollendet hat, ist ein weiser Mann. Er hat uns, seinen Enkeln, schon als Kleinkindern verschiedene Lebensweisheiten beigebracht. Unter anderem lehrte er uns: Wenn dunkle Wolken vom Osten her den Himmel verdunkeln und der Wind aus dem Osten kommt, gibt es ein starkes Gewitter. Sehr oft haben wir dann in unserer Gegend, in der Westukraine, seine Worte als wahr erleben dürfen.

In unseren Tagen scheint sich diese Lebensweisheit nicht nur in direktem Sinn als wahr zu erweisen, sondern auch im übertragenen Sinn – und diesmal leider als Beschreibung der Wirklichkeit in der gesamten Ukraine. Bei unserem östlichen Nachbarn Russland wird gerade mit verschieden Mitteln politisch und militärisch geschürt und gewirbelt, um einen Tornado Richtung Westen auszulösen und möglichst viel beim Nachbarn wegzufegen und zu vernichten. Mehr als Hunderttausend Soldaten, schweres Militärgerät und Munition sind aus ganz Russland für angebliche Übungen an der ostukrainischen Grenze zusammengezogen worden. Dazu ein riesiges Aufgebot von russischen Streitkräften zu Land, zu Wasser und in der Luft für Übungen im Schwarzen und Asowschen Meer an der südlichen sowie in Belarus an der nordöstlichen Grenze der Ukraine.

Seit der Annexion der Krim im Jahr 2014 und der Separationsbestrebung von zwei Provinzen im Donbass ist die Ukraine in einen unsäglichen hybriden und indirekt realen Krieg mit Russland hineingezogen worden, und zwar besonders durch diese beiden abgespalteten und nur von Russland unterstützten und selbstverwalteten Regionen im Osten. Mehr als 14.000 Menschen sind seither durch diesen immer noch andauernden Konflikt in der Ukraine getötet worden. Eine große Welle von Binnenflüchtlingen ist eine gravierende Folge davon: 1,5 Millionen Menschen sind jetzt innerhalb der Ukraine auf der Flucht.  Und dies bei dem durch den Krieg wirtschaftlich ausgelaugten Staat und im Rahmen eines sozial labilen Gefüges, überstrapaziert durch die politischen Verhältnisse, die Korruption und das Oligarchensystem. Mit der Errichtung der separatistischen Gebiete ist in der Ukraine ein Glutnest entstanden, in dem es immer heißer wird. Es kann jederzeit Feuer fangen, sich in ein Großbrand verwandeln und im schlimmsten Fall zum Auslöser eines Weltkrieges werden!

Ja, die vom Osten aufziehenden Wolken verdunkeln den Himmel über der Ukraine immer mehr. Der Ostwind nimmt an Geschwindigkeit immer mehr auf, so dass die Farben der ukrainischen Fahne (Blau und Gelb), die für die leuchtende Sonne am hellblauen Himmel über den goldenen ukrainischen Weizenfeldern stehen, immer düsterer werden. Der Westen und die Welt sind nun alarmiert, da das Glutnest in der Ukraine aufzuflammen droht und der aufbrausende Wind aus dem Osten in jedem Augenblick das Glutnest entzünden könnte.

Wenn der Fall eines offenen kriegerischen Konfliktes eintreten sollte, dann besteht die Gefahr, dass Europa und die ganze Welt in einen neuen Weltkrieg hineingezogen werden. Dann gibt es nicht nur auf dem Territorium der Ukraine ein Unwetter ohne gleichen. Nach Prognosen von westlichen Politikern und Militärexperten würden bei einem solchen Krieg in den ersten Tagen und Wochen vermutlich bis zu 50.000 Menschen getötet werden; und noch einmal mehr als 5 Millionen Menschen als Flüchtlinge ihre Heimat verlieren. Dies wäre nur ein Anfang und eine Katastrophe für die Ukraine – und nicht minder für Russland und die ganze Welt. Es bestünde eine große Gefahr von dramatischen Unruhen auf dem ganzen europäischen Kontinent mit im Augenblick noch nicht abschätzbaren Folgen.

Von allen politischen Spielen und Ambitionen der regierenden politischen Eliten Russlands und des gesamten seit fast zehn Jahren andauernden kriegerischen Konflikts in der Ukraine sind konkrete Menschen mit ihren persönlichen Schicksalen betroffen. So geht es meinem Opa genauso wie vielen meiner Altersgenossen in der Ukraine: Unsicherheit und Angst vor einem großen Krieg begleiten die Menschen Tag und Nacht. Besonders groß ist die Angst davor, dass wieder viele Männer und Frauen an die Front müssen, für meinen Opa eine Vorstellung, die die alten schmerzlichen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg wachrufen.

Die Ukraine hat sich lange gerühmt, ohne Blutvergießen sich von der Sowjetunion losgelöst und ihre Unabhängigkeit 1991 friedlich erlangt zu haben. Doch die sowjetische Ideologie des Kalten Krieges ist östlich der Ukraine in den Untergrund gegangen, konnte wiedererstarken und holt die Ukraine ganz offensichtlich in diesen Tagen wieder ein. Sie verlangt nach Größe und Wiederherstellung eines antiwestlichen Imperiums, und scheut auch vor Menschenopfern nicht zurück. Vor diesem Hintergrund ist das russische Ignorieren der Interessen und Souveränität der europäischen Nachbarländer von der Ukraine über Polen, bis zum Baltikum und sogar Finnland und Schweden zu verstehen, die auf eine NATO-Mitgliedschaft und möglichst auch einen EU-Beitritt / -Mitgliedschaft verzichten sollten.

Die Ukraine ist ein plurales Land, und zwar in Weltanschauungen, politischer Willensäußerung, mit Freiheit des Wortes und der Religion. Dies ein wesentlicher und nicht zu unterschätzender Unterschied zu seinem großen Nachbarn im Osten, der sicherlich im Hintergrund des ganzen Vorhabens steht.

Was kann die Ukraine tun? Was dürfen sich die Menschen in dieser komplizierten Lage noch erhoffen? Wie kann die mehrheitlich christliche Bevölkerung der Ukraine zur Beilegung des Konfliktes beitragen?

Zwei Punkte waren in der Ukraine immer schon gegeben und sind seit dem Beginn der Krise 2014 ganz offensichtlich geworden. Trotz ihrer religiösen und vor allem christlich-konfessionellen Pluralität treten die Vertreter der jeweiligen Glaubensrichtungen und Kirchen auch heute gemeinsam auf. Die Kirchen stehen auf der Seite des Volkes, der Seite der erstarkten Zivilgesellschaft. Sie engagieren sich noch intensiver in den sozialen und humanitären Projekten und rufen konfessionsübergreifend zum Gebet für den Frieden in der Ukraine auf. Dies ist ein gutes Zeichen. So können die Menschen einerseits mit Unterstützung von Kirchen im sozialen Bereich rechnen, andererseits beten jetzt alle, dass die diplomatischen Bemühungen nicht abreißen und sie auch Früchte tragen. Sie beten darum, dass sich das Glutnest nicht zu einem Brand entwickelt, dass in der Region endlich der Friede einzieht und das gegenseitige Miteinander möglich ist, vor allem, dass es zu keinem Krieg in Europa kommt. Vielleicht kann aus dem Zankapfel Ukraine doch eine Vision des Brückenbaus werden, dass langfristig auch Russland begeistern und dem Westen näherbringen kann.

Vor diesem Hintergrund ist die Gebets-Initiative der Solidaritätsaktion Renovabis der deutschen Katholikinnen und Katholiken mit den Menschen in Süd- und Osteuropa ein großartiges Zeichen! Wir tragen sie gerne mit und schließen uns diesem deutschlandweiten Gebet am Freitag, 18. Februar 2022, in Eichstätt an!