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Eindrücke aus dem Flüchtlingslager von Idomeni

Seit Wochen gibt es Meldungen in den Nachrichten, dass sich die Flüchtlingsströme aufgrund von Grenzschließungen auf der sogenannten Balkanroute von Nahost und Afrika nach Europa zunehmend stauen. Vor wenigen Tagen wurde die Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland bei Idomeni nahezu vollständig geschlossen. Die Folge ist, dass sich rund 15.000 Menschen vor der Grenze in einem nicht organisierten Lager aufhalten. Nicht organisiert heißt, dass es keine geordnete Lebensmittelversorgung gibt, dass keine offizielle Verteilung von lebensnotwendigen Dingen stattfindet und dass die medizinische Versorgung  nicht existiert.

Die internationale Nichtregierungsorganisation humedica hat – wie auch andere Hilfsorganisationen  – entschieden, Ärzteteams nach Idomeni zu senden. Wie dringend der Bedarf vor Ort in Griechenland ist zeigt die Tatsache, dass es akzeptiert wird, dass ich nur eine Woche in den Einsatz fahren kann – normalerweise sind keine Einsätze unter zwei oder drei Wochen möglich. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich meine Erfahrungen aus den Einsätzen in Afrika und Asien irgendwann mal auf europäischen Boden anwenden sollte und könnte.

Bei der Ankunft im Lager direkt vom Flughafen aus gehe ich durch das Areal, um mir einen ersten Eindruck zu verschaffen. Die Zelte stehen zwischen den Bahngleisen, auf den Bahnsteigen, auf jedem denkbaren freien Fleck, direkt aneinander. Dazwischen brennen oft die stark rauchenden Feuer, auf denen Wasser gekocht oder auch Essen zubereitet wird. Es sind viele hunderte von Zelten, meist kleine Campingzelte, gelegentlich erweitert mit Decken und Folien. In bestimmten Bereichen stehen auch Großzelte mit Betten, die von Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen, UnHCR, Rotes Kreuz und anderen Organisationen aufgebaut wurden. Hier sind auch „sanitäre Anlagen“ vorhanden, die von allen benutzt werden: rund 30 Dixi-Toiletten an einer Stelle, daneben die Waschcontainer, etwas weiter unten ist ein (neu erstandener?) See, auf dem viel Unrat schwimmt. Man hat das Gefühl, dass die Toiletten auch nicht immer ihr „Dichtigkeitsversprechen“ halten und manchmal etwas in den See ablassen. An mehreren Stellen sind solche Plätze aufgebaut. Auch wenn wirklich täglich zweimal versucht wird, diese Toiletten zu reinigen, bei der Vielzahl der Menschen reichen sie einfach nicht aus und die Verschmutzung der Häuschen passiert ziemlich schnell immer wieder.

An der zentralen Stelle, neben dem Lager der griechischen Polizei, ist ein mit Drahtverhau abgeschirmter Gang, der direkt zur Essensausgabe führt. Wenn hier die Uhrzeit gekommen ist, ist es schon ein stark gewöhnungsbedürftiges Bild, wenn die dichten Menschmassen in diesem Käfiggang stehen, um zu ihrem Essen zu gelangen. Aber es ist nicht sinnlos. Vor Kurzem wurde die Essensausgabe an einem Tag ausgesetzt, weil vorher die Essensverteiler – freiwillige Helfer – von einer kleinen Gruppe militanter Flüchtlinge mit dem Essen beworfen wurden. Sie wollten Forderungen mit einem Hungerstreik durchsetzen und mit dieser Aktion alle anderen zum Mitmachen zwingen. Andere solche Aktionen sind zum Beispiel das Absperren der Autobahn. Das alles wird natürlich immer medienwirksam inszeniert. Wie übrigens die Presse sehr oft hier vertreten ist. Praktisch jeder von uns wird von Journalisten angesprochen, zu einem Interview gebeten, telefonisch oder persönlich. Wir versuchen unsere Arbeit und Motivation zu erklären und enthalten uns jeder politischen Stellungnahme.

Politik – auch für uns ist es nicht so ganz einfach, hier zu arbeiten: Es dauert einige Tage bis wir von der inoffiziellen Duldung dann die Erlaubnis der griechischen Ärztekammer haben, hier als mobile Klinik im Lager auf griechischen Boden arbeiten zu können.

Unsere Arbeit: Jeden Morgen fahren wir über die griechisch-mazedonische Grenze zum Lager. In den griechischen Dörfern und Städtchen in der Umgebung des Lagers finden wir einfach keine Unterkunft. Die Bereitschaft, Unterkünfte zu vermieten ist sehr stark eingeschränkt oder die Preise sind massiv überteuert für ziemlich heruntergekommene Häuser. Also sind wir in einer mazedonischen Unterkunft kurz hinter der Grenze. Wir holen aus einem der anderen Lager unseren Übersetzer ab, fahren anschließend zu unserem Standplatz am Bahnhof und bauen aus dem Sprinter heraus unser Vorzelt auf. Hierin befinden sich eine der Behandlungsplätze und die Medikamentenausgabe zusammen mit dem Wundbehandlungs- und Versorgungsplatz für die Verbände und Ähnliches. Im Wagen ist der zweite Behandlungsplatz. Ein Arzt und der Übersetzer sind immer beim Patienten und versuchen, so gut wie eben möglich, eine Diagnostik zu erstellen und mit den vorhandenen Mitteln eine adäquate Therapie durchzuführen. Natürlich sind da Grenzen gesetzt. Die eventuell empfohlene Krankenhausbehandlung wird in den allermeisten Fällen nicht durchgeführt – aus Geldmangel, aus Angst nicht zurückzukommen oder auch anderen für uns nicht nachvollziehbaren Gründen.

Wir sehen die üblichen grippalen Infekte, Bronchitiden und Lungenentzündungen, Sonnenbrände, Verbrennungen von den offenen Feuern, Erschöpfungszustände, aber auch chronischen Erkrankungen (bei denen die benötigten Medikamente ausgehen), Kriegsfolgen und akute Verletzungen von Rücktransporten aus mazedonischem Gebiet, wo Kontakt mit der dortigen Polizei stattgefunden hat. Vom 27 Tage alten Säugling bis zum 85 jährigen Opa – auf alle Altersklassen sind wir eingestellt. Bis zu 33 Grad hatte es schon, alles wird staubig und der Helikopter, der vormittags und nachmittags teilweise stundenlang über dem Lager kreist, führt nicht unbedingt zu einer ruhigen Atmosphäre. Ebenso die Tatsache, dass nicht klar ist, wie lange das Lager überhaupt noch besteht – morgen schon die Räumung oder in den nächsten Tagen – oder überhaupt nicht. Eine Räumung würde wohl mit ziemlicher Unruhe einhergehen – es bleibt abzuwarten und spannend.

Als Flüchtling Glück im Unglück gehabt

Mein Name ist Dorey Mamou und ich komme aus der nordsyrischen Stadt Al Hasaka. Ich bin 31 Jahre alt und arbeite seit März diesen Jahres als Dolmetscher in der Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber Maria Ward in Eichstätt. Die Caritas hat mich hierfür auf Minijob-Basis angestellt. Es freut mich, dass ich mich im Blog „Weitblick“ vorstellen darf.

Ich muss zugeben, dass ich im Gegensatz zu anderen Flüchtlingen Glück gehabt habe. Das hört sich aus dem Mund eines syrischen Flüchtlings vielleicht erst einmal verwunderlich an. Und natürlich war es für mich auch schwierig. Schließlich brach ich vor drei Jahren ein Studium in meiner Heimat ab und flüchtete aus meinem Land. Seinerzeit wurde es schon immer schlimmer. Ich hatte Angst, irgendwann zum Militärdienst eingezogen zu werden, aber als überzeugter Christ wollte ich keinen anderen Menschen töten. Auf dem Weg zu einer staatlichen Schule, in der ich als Englischlehrer arbeitete, fürchtete ich zudem stets, von aufständischen Gruppen gefangen genommen zu werden, die mir womöglich Regierungsunterstützung vorgeworfen hätten. So verließ ich schweren Herzens mein Elternhaus und meine Heimat.

Anerkennung als Asylbewerber: „Wie frische Luft“

Mein Glück im Unglück: Anders als viele meiner Landsleute musste ich nicht in einem wackeligen Boot unter lebensgefährlichen Umständen über‘s Mittelmeer schippern. Ich hatte Gott sei Dank etwas mehr Geld. Das ermöglichte mir, von der Türkei aus nach München zu fliegen. Aus der dortigen Erstaufnahmeeinrichtung kam ich 2013 in eine dezentrale Unterkunft nach Wettstetten. Hier hatte ich noch einmal Glück: Caritas-Asylberater Mathias Schmitt, der damals dort tätig war, lernte mich kennen und offenbar meine Sprachkenntnisse schätzen. Schmitt spannte mich in Dolmetschertätigkeiten ein. So half ich ehrenamtlich unter anderem, Post für arabisch sprechende Flüchtlinge zu übersetzen oder ich begleitete Betroffene zum Arzt, um die Verständigung zu ermöglichen. Dieses Engagement hat mir geholfen, auch selbst die deutsche Sprache besser zu lernen. Natürlich büffelte ich aber auch wie Andere Deutsch in einem von der studentischen Initiative „tun.starthilfe für flüchtlinge“ organisierten Sprachkurs. Erfreulicherweise hat sich dieser Einsatz gelohnt: 2013 wurde ich als Asylbewerber anerkannt. Das war wie frische Luft, denn ich wusste, jetzt kann ich mit dem Leben hier etwas anfangen.

„Sprache schafft Verständigung“

Mein nächstes Glück: Im März diesen Jahres wurde ich hauptamtlicher Mitarbeiter der Caritas-Kreisstelle Eichstätt auf Minijob-Basis. Sieben Stunden in der Woche helfe ich nun in der Erstaufnahmeeinrichtung Maria Ward in Eichstätt mit Dolmetschertätigkeiten. Ich freue mich, dass sowohl die Caritasberater als auch Flüchtlinge das dankbar annehmen. „Sprache schafft Verständigung“, hat meine Kollegin Christine Pietsch die Bedeutung der Unterstützung neulich auf den Punkt gebracht. Zudem erfahren alle, dass es auch gut ist, wenn jemand dabei ist, der aus eigener Erfahrung weiß, was Flucht bedeutet. Zahlreiche arabisch sprechende Flüchtlinge – neben Syrien auch viele aus Eritrea und dem Irak – sind froh, dass ich diese Arbeit mache. „Das ist eine sehr wichtige Hilfe für die Kommunikation, aber auch, weil es Vertrauen schafft, wenn jemand aus unserer Kultur als Helfer da ist“, hat mir zum Beispiel Ahmad Abuzarad bestätigt, der ebenfalls aus Syrien kommt. Was mache ich konkret? Immer wieder kommt es zum Beispiel vor, dass ich Flüchtlingen einen Befreiungsantrag für GEZ-Gebühren erkläre.

Caritas-Dolmetscher Dorey Mamou (links) erklärt zwei syrischen Landsleuten den Befreiungsantrag von den GEZ-Gebühren. Foto: Peter Esser/caritas
Caritas-Dolmetscher Dorey Mamou (links) erklärt zwei syrischen Landsleuten den Befreiungsantrag von den GEZ-Gebühren. Foto: Peter Esser/caritas

Die Caritas ist eine Organisation, die den Leuten hilft, und ich bin sehr froh, dass ich für sie tätig sein kann. Später möchte ich möglichst auch einmal als Berater für Asylbewerber arbeiten. Deshalb will ich in Kürze ein Pädagogikstudium an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt beginnen – studienbegleitend aber auch weiterhin als Dolmetscher für Flüchtlinge tätig sein. Es ist eine Tätigkeit, die mir Spaß macht und die ich vor allem als sinnerfüllend empfinde, weil ich Menschen, die alles verloren haben, etwas Orientierung geben und sie somit auch beruhigen kann.

Fühle mich in Eichstätt wohl

Dank meiner neuen Perspektiven bin ich in letzter Zeit wirklich zufrieden und erleichtert. Ich vermeide es zunehmend, mir Nachrichten im Fernsehen über meine Heimat anzuschauen, aber ich weiß von Freunden, wie es dort zugeht. Besonders schockiert hat mich, dass in der Nähe von Al Hasaka vor einigen Monaten rund 200 Leute von der Terrorgruppe IS entführt wurden. Immer wieder erfahre ich auch, das frühere Weggefährten ums Leben kommen.

Deutschland erlebe ich als sehr organisiert, und ich möchte in Eichstätt bleiben. Erst wollte ich in einer großen Stadt leben, aber hier fühle ich mich wohler. Für andere Flüchtlinge wünsche ich mir vor allem, dass deren Asylverfahren schneller als bisher abläuft und dass sie in dieser Zeit nicht nur warten müssen, sondern sich auch beschäftigen können, zum Beispiel in einem Praktikum. Und dass sie so wie ich, auch das Glück haben, in ihrer neuen Umgebung Lebens- und Berufsperspektiven zu finden.

Radio K1-Beitrag: Früherer syrischer Asylbewerber jetzt Caritasmitarbeiter

Weitere Informationen zum Thema:

Verfolgung um Christi und des Evangeliums willen: „Es ist eine religiöse Säuberung“

„Grausame, unmenschliche, unerklärliche Verfolgungen, vor allem gegen Christen“, nennt Papst Franziskus das Vorgehen von islamischen Terroristen und Fanatikern im Nahen Osten gegen Minderheiten. „Sie sind die Märtyrer von heute, gedemütigt und diskriminiert um ihrer Treue zum Evangelium willen“ (Papst Franziskus, rv 6.8.2015). „Ich rufe die internationale Gemeinschaft von neuem dazu auf, nicht stumm und tatenlos zu bleiben angesichts dieses inakzeptablen Verbrechens“ (Papst Franziskus, Mai 2014). Seit Beginn der Kämpfe in Syrien im Frühjahr 2011 wurden Schätzungen zufolge rund 250.000 Menschen getötet. Fast die Hälfte der Bevölkerung – zwölf Millionen Männer, Frauen und Kinder – sind auf der Flucht. Der Patriarch der syrisch-katholischen Kirche Ignace Youssif III. Younan ruft uns zu:

„…Es ist eine religiöse Säuberung! Was Ihre Regierungen nicht sehen wollen, und wovon Ihre Regierungen nichts wissen wollen. Denen ist die Religionsfreiheit dieser Gemeinschaften, die über Hunderte von Jahren durch ihre Treue zum Evangelium dort durchgehalten haben, ziemlich egal! …Man sagt uns, es gebe internationale Einrichtungen zur Verteidigung der Menschenrechte und der Religionsfreiheit – aber wo sind die denn? Das ist eine Lüge! …Was sollen wir tun? Wie hat es der ‚Islamische Staat’ geschafft, so weit zu kommen!“(rv 08.08.15).

Wachen wir endlich auf! Realitätssicht und kein falsches Neutralitätsprinzip! Wir werden an unserer Äquidistanz und verbaler Ausgeglichenheit noch kaputt gehen. Wir sind dabei, die eigenen christlichen Wurzeln zu verleugnen. Ohne eigene Identität aber fehlt uns die Fähigkeit, Ereignisse und Zusammenhänge richtig zu deuten. Der permanente Versuch, die Christenverfolgungen der Gewalt gegen andere religiöse Gruppen gleichzustellen, entspricht nicht den Tatsachen. Mindestens 70 Prozent aller Verfolgungen in der Welt trifft Christen (Pew Research Center, Washington). Die EU verwechselt leider bis heute oft die europäische Identität mit der eigenen Brieftasche. Europäische Identität ist ohne das Christentum nicht denkbar.

Die Ankunft von immer mehr muslimischen Flüchtlingen bei uns wird sehr bald zu einer großen Herausforderung für die christliche und demokratische Identität des Kontinents werden. „Als Christen haben wir die Pflicht, die Flüchtlinge aufzunehmen, aber Europa muss auch die eigene, d.h. eine christliche Identität wahren können. … Es gibt muslimische Migranten, die sich (bei uns) mit einem speziellen Problem konfrontiert sehen. Sie können z.B. die Trennung von Religion und Politik, von Kirche und Staat, wie wir es sagen würden, nicht akzeptieren. Das hat einen direkten Einfluss auf den Integrationsprozess. Und was machen wir da? Wir müssen sagen, dass es Grundwerte gibt, die akzeptiert werden müssen. Dazu gehört die Wahrung des Pluralismus in unserer Gesellschaft, die Trennung von Politik und Religion und die Akzeptanz normaler demokratischer Prozesse, sodass ein friedliches, konstruktives Zusammenleben möglich ist, und die Menschen, die kommen, Teil der Gesellschaft werden und sie bereichern“ (Erzbischof S. M. Tomasi, Vertreter des Hl. Stuhls bei der UNO, 23/08/2015).

Hilfe für alle, ja – aber auch in Rücksicht auf unsere christlichen Schwestern und Brüder. Wenn wir größere Zusammenstöße vermeiden wollen, dann müssen wir bei der Flüchtlingsverteilung bei uns auch über die nationale und religiöse Zusammensetzung der einzelnen Gruppierungen nachdenken. Es müssen sich die Christen wenigstens in unseren Einrichtungen sicher und wohl fühlen können, was längst nicht mehr überall gewährleistet ist.

Ich bitte Sie alle, soweit es Ihnen möglich ist, engagieren Sie sich in Helferkreisen für die Flüchtlinge. Jeder von Ihnen hat ein Talent, das dringend gebraucht wird. Im Vertrauen auf die Hilfe Gottes, seiner Mutter und aller Heiligen, werden wir, dank Ihrer Mithilfe und Ihrem Gebet, auch weiterhin unseren notleidenden Brüdern und Schwestern helfen können.

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Aus dem Krieg in eine neue Heimat

In diesem Blog „Weitblick“ berichten in der Regel Menschen aus dem Bistum Eichstätt über ihre Erfahrungen in fernen Ländern. Viele Menschen aus diesen Ländern begegnen uns freilich mittlerweile auch mitten in Eichstätt. Seit vergangenem Jahr sind dies vor allem Asylbewerber, die in der Erstaufnahmeeinrichtung in der früheren Realschule Maria Ward untergebracht sind. So kann auch ein Besuch in dieser Einrichtung „Weitblick“ ermöglichen.

Flüchtlingsfamilie in Eichstätt
Die syrische Familie Almoustafa in der Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Eichstätt. Foto: Peter Esser

Bei einem Besuch dort treffe ich Familie Almoustafa. Sie ist erleichtert. Heute hat sie den Bescheid bekommen, nach über vier Monaten endlich aus der Erstaufnahmeeinrichtung Maria Ward in eine neue Unterkunft im Süden Bayerns umziehen zu können. Nicht, dass es der fünfköpfigen syrischen Flüchtlingsfamilie in Eichstätt schlecht ergangen wäre. Ganz im Gegenteil: „Es gefällt uns hier sehr gut und auch die Bewohner sind ganz nett“, sagt mir die derzeit alleinerziehende Mutter Maysoun. Auch in der Einrichtung selbst – in der rund 200 Flüchtlinge untergebracht sind – hatte die Familie vergleichsweise Glück. Während viele andere zusammen mit ihnen fremden Menschen in einem ehemaligen Klassenzimmer leben müssen, blieb ihre Privatsphäre gewahrt. Zwar teilt Maysoun ihr Wohn- und Schlafraum mit drei Töchtern, einem Sohn und einem Schwiegersohn, „aber in arabischen Ländern leben die Leute ja ohnehin meistens noch bei den Eltern, wenn sie verheiratet sind“, sagt sie.

Jahrelang ohne Schule

Dass sie trotz guter Erfahrungen in Eichstätt froh ist, jetzt wegziehen zu können, liegt vor allem an ihrer Sorge um die Bildung der Kinder. Bereits seit mehreren Jahren gehen diese nicht zur Schule. Und dabei sind sie zum Lernen hochmotiviert. Die zehnjährige Tochter Rama zeigt mir auf, was sie in mehrmals wöchentlich stattfindenden Deutschkursen in Maria-Ward bereits gelernt hat: „Das ist die Nase, das der Mund, hier sind die Ohren und Haare“, beschreibt sie ihr Gesicht, und zählt anschließend noch auf Deutsch bis 20.

Jetzt, wo die syrische Familie kurz vor der Anerkennung als Asylbewerber steht, sind alle hoffnungsvoll, bald ein geregeltes Leben beginnen zu können. Dann fehlt nur noch, dass auch der Ehemann und Vater nach Deutschland nachziehen kann, der seit zwei Jahren in Saudi-Arabien lebt. Mit ihm steht Ehefrau Maysoun per Handy nahezu täglich in Kontakt. Caritas-Flüchtlingsberater Mathias Schmitt sagt zu, sich für die Zusammenführung der Familie einzusetzen.

Ende einer Fluchtodyssee

Wenn die Familie schließlich vereint in einem neuen Zuhause sein wird, geht für sie eine mehrjährige Fluchtodyssee zu Ende. Durch den Krieg im Heimatland wurde ihr Haus zerstört, eine Tochter musste sogar in der Schule einen Angriff miterleben. Maysoun Almoustafa flüchtete mit ihren Kindern nach Ägypten. Sie hoffte, von dort zu ihrem Mann nach Saudi-Arabien zu gelangen. Da das nicht klappte, entschloss sie sich zur Flucht nach Europa. Wie viele andere, war die Familie in einem kleinen Boot nach Italien unterwegs. „Wenn wir gewusst hätten, wie beengt das wird und dass wir dort Leute sterben sehen würden, hätten wir das nicht gemacht“, gesteht die syrische Frau. Jetzt ist sie freilich froh, fast alles durchgestanden zu haben. Während sie mit ihren Kindern die Koffer packt, besorgt ihr Caritasberater Schmitt Zugtickets und Reisepläne für ihre Fahrt in ein neues Zuhause am nächsten Tag. Auch er zeigt sich erleichtert: „Für die Familie hat das alles schon sehr lange gedauert. Eigentlich ist es nicht vorgesehen, dass hier ankommende Kinder vier Monate lang nicht in die Schule gehen“, erklärt er. „Doch das ist natürlich auf die große Anzahl an Asylbewerbern zurückzuführen, auf die vielen Krisenherde weltweit, aber auch auf noch ungeklärte Zuständigkeiten bei den Behörden, sodass vieles nicht so schnell geht, wie man sich das wünscht.“

Knüpfen am Netzwerk für Flüchtlinge

Nachdem ich mich von der Familie verabschiedet habe, werfe ich einen Blick in die Turnhalle der ehemaligen Schule. Laut und stimmungsvoll geht es dort zu. Rund 30 Flüchtlinge spielen Basketball. Geleitet wird die Sportstunde vom 18-jährigen Ehrenamtlichen Daniel Krasselt. Zweimal in der Woche bieten er und oft auch andere Helfer Basket-, Fuß-, Feder- oder Volleyball für Asylbewerber an. Daniel hielt vor kurzem in der Schule ein Referat über die Terrorgruppe IS. Das hinterließ Spuren bei ihm und er entschloss sich, für Flüchtlinge bei uns konkret etwas zu tun, „denn die brauchen ja mal eine Abwechslung“.

Daniel Krasselt (rechts) bringt Flüchtlingen Basketball bei. Foto: Peter Esser
Daniel Krasselt (rechts) bringt Flüchtlingen Basketball bei. Foto: Peter Esser

Sportstunden für Erwachsene sowie auch für Kinder sind ein Baustein innerhalb eines Angebots, das die Caritas-Fachkräfte Mathias Schmitt, Eva Dengler und Christine Pietsch mit Ehrenamtlichen aufgebaut haben. Ganz wesentlich sind für die Alltagsarbeit die sogenannten flexiblen Helfer. „Sie können wir jederzeit anrufen, wenn es zum Beispiel darum geht, ein Kinderbett zu organisieren. Dann setzen diese sich mit ihren Freunden und Bekannten in Verbindung“, berichtet Eva Dengler. Gewinnen konnten die Caritasmitarbeiter zudem einige Paten. Diese kümmern sich speziell um eine Person oder Familie. „Die Paten organisieren zum Beispiel für kranke oder behinderte Flüchtlingskinder Termine beim Arzt und fahren auch mit ihnen dorthin“, so die Caritas-Sozialberaterin. Um Sprachbarrieren zu überwinden, konnte mittlerweile ein Kreis ehrenamtlicher Dolmetscher aufgebaut werden. Im Aufbau befindet sich zudem laut Eva Dengler eine Gruppe Ehrenamtlicher zur Begleitung schwangerer Flüchtlingsfrauen. „Sehr engagiert ist zudem unsere Fahrradgruppe: Studenten kommen einmal in der Woche in unsere Einrichtung, verleihen Fahrräder oder reparieren solche mit den Asylbewerbern. Das findet großen Anklang, auch wenn die Verständigung manchmal schwierig ist.“

Der Libanon und die Situation der syrischen Flüchtlinge

Die Situation im Libanon wird mit der zunehmenden Zahl der Flüchtlinge aus Syrien jeden Tag schwieriger. Es sieht bereits ähnlich aus wie im Jahr 1975, als der Zustrom von palästinensischen Flüchtlingen in den Libanon die Sicherheitslage destabilisierte und zu einem fünfzehn Jahre lang dauernden Bürgerkrieg führte. Aber heute ist die Gefahr auch deshalb sehr groß, weil die große Zahl der syrischen Flüchtlinge die libanesische Identität gefährdet. Geschätzt wird, dass bis 2015 rund vier Millionen syrische Flüchtlinge Schutz im Libanon suchen werden. Dies entspricht der Einwohnerzahl des Libanon. Derzeit schätzt die libanesische Regierung der Zahl der syrischen Flüchtlinge auf ca. 1,5 Millionen, das entspricht einem Drittel des libanesischen Volkes. Aus dieser hohen Zahl folgen viele Probleme:

  • Die Bevölkerung hat sich in vielen Städten und Dörfern mehr als verdoppelt.
  • Eine sehr hohe Belastung für die Lebensqualität und den Arbeitsmarkt, die Infrastruktur und die öffentlichen Dienste.
  • Der Wettbewerb um Arbeitsplätze zwischen den libanesischen und syrischen Flüchtlingen ist dramatisch.
  • Eine zunehmende Gewaltkultur: Die Zahl der festgenommenen Syrer beträgt heute bereits 17% der gesamten Insassen in libanesischen Gefängnissen. Die Ursache dafür ist, dass die Vertriebenen fast keine Arbeit finden können.
  • Äußerst schlimm ist der Gesundheitszustand von Vertriebenen: Die steigende Zahl der Vertriebenen und die damit verbundenen Lebens- und Wohnbedingungen hat sehr negative Auswirkungen auf ihre Gesundheit.

Statistiken der internationalen Hilfsorganisation Amel Association, die in ihren 24 Zentren und drei mobilen Kliniken etwa 90 000 Patienten pro Jahr betreut, zeigen folgendes:

  • Bis zu 47% der Patienten sind an Hautkrankheiten erkrankt unter anderem an Leishmaniose (Orientbeule, Kala Azar – eine Infektionskrankheit die weltweit in warmen Ländern vorkommt – in Europa zum Beispiel im Mittelmeerraum). Die Erreger werden von Sandmücken übertragen. Menschen und Tiere – wie Hunde – können erkranken).
  • 27% leiden an Krankheiten des Verdauungssystems und Darms.
  • 19% leiden an Erkrankungen der Atemwege.
  • 19% leiden an Unterernährung, vor allem Kinder.
  • 2% leiden an Infektionskrankheiten: Masern, Gelbsucht und Typhus.
  • 13% leiden an psychischen Erkrankungen als Folge von Trauma und Verdrängung.
  • Viele Menschen leiden zusätzlich an Krankheiten in Folge von häuslicher Gewalt oder sexuellem Missbrauch von Frauen.

Viele syrische Flüchtlinge im Libanon leiden an chronischen Krankheiten und sind nicht in der Lage, eine Behandlung zu bezahlen. Die Hilfsorganisationen sagen, dass es bereits ca. 300 Nierenversagen gibt, 200 Fälle von Thalassämie – darunter 150 Kinder – und zusätzlich ca. fünfhundert Fälle von Krebs.

Die libanesische Regierung, der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge und die vielen medizinischen Hilfsorganisationen entschuldigen sich, nicht alle dieser Fälle behandeln zu können, da dafür einfach das Geld fehlt und die Kosten sehr hoch sind. Die Föderation der Hilfsorganisationen im Libanon sagt, dass die Anzahl der chronischen Krankheiten unter den Flüchtlingen sehr gefährlich ist und es schnellst möglichst einer internationalen Finanzierung unter großer Beteiligung der Regierungen bedarf.

Eine bezahlbare Behandlung von chronischen Krankheiten durch die libanesische Regierung und die Hilfsorganisationen besteht derzeit nur für die Dialyse und Thalassämie. Die Kosten dafür sind von Wohlfahrtsverbänden und Wohltätern, aber auch nur für eine begrenzte Zeit bezahlt. Das Hauptproblem ist, dass die internationalen und lokalen Gremien die chronischen Krankheiten nicht wahrnehmen und den Großteil ihres Budgets für andere Krankheiten aufwenden.

Von der Kommission der Geberländer wurde der Finanzbedarf für das Jahr 2014 auf 1,9 Milliarden Dollar geschätzt, davon sind bis jetzt einschließlich dieses Monats nur 13% finanziert. Zusätzlich verschlimmern sich die Leiden mit dem ständigen Zustrom von neuen Flüchtlingen.

Der wöchentliche Bericht des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge zeigt, dass offiziell die Zahl der syrischen Flüchtlinge im Libanon 1.044.000 Menschen erreicht hat und der Libanon das Land in der Welt ist, in dem in Bezug auf die Bevölkerung die höchste Konzentration von Flüchtlingen und Vertriebenen besteht.

Rund die Hälfte der Vertriebenen mieten Wohnungen und teilen oft kleine und bescheidene Unterkünfte mit anderen Familien, wobei eine sehr große Überbelegung herrscht. Vierzig Prozent leben in fragilen Umgebungen, wie zum Beispiel in Zelten, in informellen Siedlungen und Garagen  oder Arbeitsstätten und unfertigen Gebäuden.

Deutschland versucht den syrischen Flüchtlingen im Libanon zu helfen. Im Mai ist der zwölfte Flug aus humanitären Gründen vom Libanon nach Deutschland im Rahmen des deutschen Programms für Flüchtlinge erfolgt. Damit wurden 259 Vertriebene und Flüchtlinge nach Deutschland gebracht. Damit steigt die Zahl der Vertriebenen, die im Rahmen dieses Programms nach Deutschland gebracht wurden auf 2.555. Die Bundesregierung hat zwei Sonderprogramme mit insgesamt 10.000 Plätzen aufgelegt, um syrische Flüchtlinge gezielt nach Deutschland zu holen. Auch fast alle Bundesländer starteten eigene kleinere Aufnahmeprogramme.

Mehr zum Thema: Dr. Gerhard Gradl, Arzt für Allgemeinmedizin aus Nürnberg-Moorenbrunn, berichtet über seinen Einsatz im Flüchtlingslager im Libanon.