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Jugendliche als Akteure des Wandels

„Este es mi barrio“ ist eine in meinen Ohren sehr melodische Liebeserklärung an die Heimat, es wurde komponiert von Pater José Daniel Vallecillos und bildet den emotionalen Abschluss aller Vorträge, die Erika Torres in den letzten Wochen gehalten hat. Dabei hat die 26-jährige Sozialarbeiterin aus El Salvador, dem Beispielland der Misereor Fastenaktion 2019, sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, wie sie in ihrer Arbeit für die Stiftung Fundasal das Prinzip der Orientierung an den Stärken und Potentialen von jungen Menschen umsetzt.

Typisch für das bei uns vorherrschende Bild von Jugendlichen in El Salvador ist das Ergebnis einer Blitz-Recherche von Studentinnen und Studenten an der Katholischen Universität in Eichstätt-Ingolstadt. Es lautet: Bandenkriminalität!

Doch Erika Torres muss ihre Zuhörer enttäuschen. Sie sieht nicht die Defizite, sie setzt bei den Fähigkeiten und Interessen an. Zugleich rottet sie damit einen der Hauptgründe für die Migration vieler junger Menschen in Richtung USA aus. Bei Fundasal lernen die Jugendlichen nämlich, mit einer indigenen Technik Ziegel herzustellen und diese für den Bau der eigenen Häuser zu verwenden. Gleichzeitig öffnet ihnen das Erlernte Chancen, ein eigenes Einkommen zu generieren oder sich gegenseitig zu helfen. Doch das Konzept von Fundasal ist viel umfassender, es begnügt sich nicht mit der Vermittlung handwerklicher Kompetenzen. In dem von Misereor unterstützten Projekt werden auch die eigene Lebensgestaltung, der Zusammenhalt in der Gruppe und das gesellschaftliche Engagement geschult. Besonders auf den letzten Punkt legt Erika Torres ihren Schwerpunkt.

Ziegelherzustellung mit einer indigenen Technik. Foto: Schwarzbach/Misereor

Dieser Punkt ist ihr sehr wichtig, „die Schulung von Jugendlichen als Akteure des Wandels“, des gesellschaftlichen Wandels um noch genauer zu sein. Ermuntert fühlt sie sich dabei von Papst Franziskus, der zuletzt beim Weltjugendtag in Panama die jungen Menschen aufrief, sich aktiv für die Erhaltung des gemeinsamen Hauses, unserer Erde, und der Menschen, die darauf leben, einzusetzen. Fundasal schafft Räume und Gelegenheiten, damit junge Menschen ihre Themen und Anliegen zum Ausdruck bringen können. Ihre Argumente werden ernst genommen, ihre Lösungswege verdienen Respekt. „Friday for future“ lässt grüßen. So entsteht eine Identität, die sich an die Heimat gebunden fühlt und hier auch Perspektiven schaffen will. Nicht passiv auf Hilfe von außen wartend, sondern aktiv, mit dem, was man selbst zur Verfügung hat. Auf die Rückfragen aus dem Publikum beim abendlichen Vortrag in einer Pfarrei in Nürnberg-Langwasser bringt Erika Torres ihre Hoffnung zum Ausdruck, dass auch die Kirche diesen Weg der Selbstorganisation in der Jugendpastoral mehr berücksichtigt. So könne es gelingen, die Kirche wieder mit der Jugend zusammen zu bringen und einen lebensorientierten Dialog zu beginnen.

Und natürlich kommt die Frau aus El Salvador damit auch auf den 1980 ermordeten Erzbischof Oskar Romero zu sprechen. Der Heilige habe in seinem bischöflichen Wirken immer wieder versucht, die Kirche in Kontakt zu bringen mit den Menschen, die sich eher an den Rändern befinden.

Torres nimmt auch etwas mit von ihrem Aufenthalt in Eichstätt. Ein Stück Jura-Marmor, mit einer kleinen Versteinerung. Beim nächsten Haus, das mit Hilfe von Fundasal gebaut wird, wird es ein Teil den Bodens, es soll zum Ausdruck bringen, dass durch ihren Besuch auch eine symbolische Verbindung entstanden ist und die jungen Menschen in El Salvador auf unsere Solidarität bauen können.

Im Liedertext des eingangs erwähnten Liedes werden übrigens nicht nur die tollen Seiten besungen, sondern auch die Schattenseiten. Zum Beispiel die kaputten Dächer oder der Dreck im Fluss. Aber das gehört dazu, es klingt nicht resignativ, sondern will Mut machen, gemeinsam nach besseren Lösungen zu suchen. Keine „Heile-Welt-Phantasie“, sondern eine pragmatische Botschaft der Hoffnung.

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Misereor-Fastenaktion 2019

Misereor-Gast Mutebi, der Mann, der die Lösungen bringt

Obwohl James Mutebi, der Mann, dessen Name übersetzt so viel heißt wie, „der die Lösungen bringt“, nun schon seit drei Tagen wieder weg ist und gestern gut in seiner Heimat Kampala/Uganda gelandet ist, kann ich viele Aspekte der intensiven viertägigen Begegnung während der Miseoreor-Fastenaktion nicht so leicht vergessen und zur Alltagsroutine übergehen. Es warten die Vorbereitungen für die erweiterte Adveniat-Patenschaftstagung und den Renovabis-Gast aus Leitmeritz, der Stand am Katholikentag und gleich anschließend eine Veranstaltung mit Bischof Dabre aus Poona über weltkirchliche Modelle der zukünftigen Gemeindearbeit.

James Mutebi im Interview mit Valentin Nowak (Radio K1). Foto: Daniela Bahmann
James Mutebi im Interview mit Valentin Nowak (Radio K1). Foto: Daniela Bahmann

Die Mutebi-Lösungen haben mich tief beeindruckt, auf der Ebene der unmittelbaren Hilfe für Bauern, die ihr Land aufgeben müssen, weil Investoren aus Europa Blumenfarmen auf dem guten Boden in der Nähe der Hauptstadt von Uganda und dessen Flughafen aufbauen. Die Jobs in den Blumenfarmen sind nicht nur schlecht bezahlt, sondern auch extrem gesundheitsschädlich, weil keine Schutzanzüge da sind, wenn mit der chemischen Keule gegen Ungeziefer vorgegangen wird.

Zu allem Überfluss wird das dadurch verseuchte Wasser nicht gereinigt, so dass auch die benachbarten Felder vergiftet werden. Vom Wasserverbrauch gar nicht zu reden. Zu glauben, dass man damit was Gutes tut, ist mehr als naiv. Schon vor 40 Jahren wurden die Hoffnungen auf den „Trickle down Effekt“ durch die Realität entlarvt. Auch Papst Franziskus hat diese kritische Sichtweise in seinem Schreiben Evangelii Gaudium Nr. 54 aufgegriffen.

Achtzig Prozent der Menschen in Uganda leben von dem, was sie selbst auf den Feldern anbauen und ernten. Nur den seltenen und geringen Überschuss versuchen sie auf dem Markt zu verkaufen. Sich und die eigene Familie auf diese Art zu versorgen und so das Leben und die Ausbildung der Kinder sicherzustellen ist die zentrale Herausforderung, mit der sich die Menschen in Uganda konfrontiert sehen. Dabei hilft ihnen die katholische Kirche des Landes. James Mutebi ist beim Erzbistum Kampala für die nachhaltige Landwirtschaftsberatung angestellt, die finanziellen Mittel dafür kommen von Misereor. Da kann ich nur sagen: Weiter so, meine Unterstützung haben James und seine vielen unbekannten Kollegen in vielen vergleichbaren Projekten weltweit. Weiter so Misereor!

Und „Danke“ an die Kolleginnen und Kollegen im Bereich der Medien und Öffentlichkeitsarbeit sowie der Kirchenzeitung, die mit Filmen, Radiobeträgen und Reportagen dazu beitragen, diese guten Nachrichten aus Afrika weiter zu verbreiten.

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