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Renovabis-Aktion 2020: Eine Bildbetrachtung

Die deutschen katholischen Hilfswerke haben entschieden, ein gemeinsames Zeichen der Solidarität zu setzen und dieses Jahr unter ein gemeinsames Thema zu stellen. Dies wurde längst vor dem Ausbruch der Coronakrise geplant. Die Entscheidung und das gewählte Thema „Frieden“ waren richtig und können aus aktueller Sicht als prophetische Handlung gedeutet werden. Denn für die jetzige Situation sind sie mehr als treffend. Es ist anerkennenswert, dass die deutschen Hilfswerke ihre Schwerpunkte in diesem Jahr zum ersten Mal von der Thematik her bündeln: „Frieden“ wurde in die Mitte ihrer Projektarbeit, ihres Gebetes und ihres Nachdenkens gestellt.

Auch Renovabis, die Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel­ und Osteuropa, macht sich für diese Idee stark. Das Thema trifft in der Tat den Kern der Nöte und Sorgen der Renovabis-Partner auf dem europäischen und asiatischen Kontinent. Ganz besonders deutlich wird es an dem Land, das Renovabis als Beispielland für die diesjährige Pfingstaktion und damit verbundene Sammlung gewählt hat: die Ukraine. Der Inhalt der Pfingstaktion berührt nicht nur eine der tiefsten Sehnsüchte der Ukrainerinnen und Ukrainer, sondern das Leben eines jeden Menschen, „der den Wunsch nach Frieden, erfülltem Leben und Heil in sich trägt.“ (Patriarch Shevchuk, Grußwort zur Pfingst-Novene).

Auch wenn die Corona-Pandemie die ganze Welt im Griff hält und sie wirtschaftlich und sozial lahm legt, schafft sie es nicht, die Waffen und die Kriegsherde zum Stillschweigen zu bringen. So herrschen in der Ukraine, einem Land direkt vor der Tür der Europäischen Union, ohne Unterbrechung seit Herbst 2014 bis auf den heutigen Tag Kriegszustände mit bereits mehr als 13.000 Toten, Millionen von Binnenflüchtlingen und viel Elend und Not an Seele und Leib. Wenn sich dazu auch noch die Ängste des Corona-Virus gesellen, stehen die Menschen vor echten existenziellen Herausforderungen. Werden sie gefragt, gehen die Antworten alle in eine Richtung: Unser einziger Traum ist, dass der Friede wieder kommt und dieser wieder das Leben bestimmt und ermöglicht.

Der Friede ist eine der Früchte des Heiligen Geistes. Er ist mit dem Heiligen Geist wesensgleich. Der Friede ist von uns Menschen allein nicht machbar. Er kann von uns nicht festgehalten werden, er ist immer auch zerbrechlich und niemals etwas Selbstverständliches. Der Friede muss und darf von Gott erfleht werden. So ist die Pfingstzeit eine gute Gelegenheit, neben unserem konkreten Einsatz für den Frieden immer auch um ihn zu bitten.

Dies kann sehr gut mit Hilfe der diesjährigen Pfingst-Novene von Renovabis gemacht werden, die im Grunde genommen eine lange, auf mehrere Tage verteilte Bitte um die Gaben des Heiligen Geistes ist, besonders um die Gabe des Friedens.

Rückseite der Vorlage zur Renovabis-Pfingstnovene

Ich persönlich finde die Novene sehr ansprechend. Sie ist mir in diesen Tagen zu einer treuen und hilfreichen Begleiterin in meinem Gebetsleben geworden. Doch ist sie nicht nur aufgrund der Texte bereichernd. Auch von der Aufmachung her habe ich an ihr Gefallen gefunden: Das ganze Bildprogramm ist für meine Begriffe genial gewählt und zusammengestellt. Als etwas ganz Besonderes gilt für mich das Foto auf der Rückseite des Novene-Heftchens. Ich fühle mich dadurch angesprochen und bleibe immer wieder mit meinen Augen und in meinen Gedanken daran hängen. Das Foto stammt aus der Ukraine. Dies stellt man schon allein an den gelb-blauen Farben des Fähnchens fest. Es ist ein Schnappschuss in jeder Hinsicht. Ein Vater trägt seinen Sohn auf den Schultern: ein biblisches Motiv, ein Motiv des Vertrauens; ein im Alltag oft anzutreffendes Motiv, ein Motiv, das eigene Kindheitserinnerungen hochkommen lässt. Beide schauen vom Osten nach dem Westen: programmatisch für das Land Ukraine, ein osteuropäisches Land und Partner von Renovabis. Dies ist das Land, das sich nach Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Ordnung nach dem westeuropäischen Vorbild sehnt und dafür seit einigen Jahren kämpfen muss.

Das Gebäude im Hintergrund ist verschwommen: Der Fokus liegt auf den beiden Personen, dem Vater und dem Sohn. Dies steht für einen zentralen Aspekt des Selbstverständnisses von Renovabis als Aktionsgemeinschaft der deutschen Katholiken mit den Mitmenschen im östlichen Teil des gemeinsamen Kontinentes. Die Unterstützung und die Spenden, die Renovabis einwirbt, kommen den Menschen mit ihren unmittelbaren Bedürfnissen direkt zugute. Diese Art von Partnerschaft, wie sie auf dem Foto ausgedrückt wird, steht auch im Mittelpunkt des Renovabis-Hilfswerkes.

Und nun zu einem weiteren Aspekt: Die Augen der beiden sind geöffnet und doch in sich versenkt, es sind betende Augen: Der Sohn scheint vom Vater vieles geerbt zu haben, auch den Blick der Augen mit seiner unübersehbaren Tiefe. Der Vater, bodenständig, reich an Lebenserfahrung, vielleicht ein wenig besorgt, schaut konzentriert vor sich hin, leicht zu Boden geneigt. Er trägt gerne die Last des Kindes auf den Schultern. Er geht beständig und verantwortlich nach vorne, er will, dass die Zukunft des Sohnes gelingt. Der Blick des Sohnes ist für sein Alter fast zu ernsthaft. Doch verrät er eine unheimlich große Weite. Diese ist möglich, da der Vater strapazierfähig und gelassen auf beiden Beinen steht und dem Kind Sicherheit verleiht. Der Sohn kann und darf träumen, sich auf den Vater verlassen und auf dessen Träumen aufbauen: vom Frieden, vom Glück, vom erfüllten Leben, von einer Zukunft ohne Krieg und ohne Angst vor Viren und Krankheiten.

Und ein letztes Element des Fotos. Der Sohn streckt seine Hände, gestützt auf Papas Haupt, nach vorne aus: In den Händen hält er seine Identität der Außenwelt und Gott entgegen. Er ist ein kleiner Ukrainer; die Farben Gelb und Blau, nicht nur im flatternden Nationalfähnchen, sondern auch als Farbe der Blumen, sagen das aus. Er träumt von Frieden, der nicht nur von seiner Bereitschaft dazu abhängt. Frieden braucht diese Bereitschaft von vielen Seiten, von allen Seiten, damit er stabil eintreten kann.

Frieden wird begründet nur dann, wenn alle Väter und Söhne, alle Mütter und Töchter dazu bereit sind, wenn alle nicht nur bei sich, bei ihren Identitäten, Egoismen und Meinungen bleiben. Alle sollen dafür aus sich heraustreten und bereit sein, die Hände voller Blumen der Vergebung, der Nachsicht und des Entgegenkommens, aber auch der konkreten stützenden und helfenden Handlungen sich gegenseitig entgegenzustrecken. Nur dann wird eine Grundlage für den Frieden gebildet werden können. Nur dann können wir zu den seligen – glücklichen – Friedenstiftern werden, wie dies das Logo der diesjährigen Pfingst-Novene festhält, indem es das Schriftwort aufgreifend: „Selig, die Frieden stiften“ (Mt 5,9). Nur dann kann der Heilige Geist das menschliche Gemeinschaftswerk des Friedens mit seiner Gnade überschatten und es vollenden.

Ein Foto, ein Bild aus dem Leben, voller Realsymbole für das Leben, für das friedliche Zusammenleben.

Liebe Leserinnen, liebe Leser, ich lade Sie herzlich ein, sich der diesjährigen Renovabis-Aktion in Gebet und unterstützendem Spendenwerk anzuschließen! DANKE!

Kreuz: ein Plus-Zeichen, das auf Wesentliches fokussiert

Der dritte Sonntag und die dritte Woche der vorösterlichen Zeit sind im byzantinischen Ritus dem heiligen Kreuz unseres Herrn Jesus Christus gewidmet. Das Kreuz wird am Sonntag in der Stundenliturgie (zum Abschluss der Laudes) aus dem Altarraum in einer Prozession herausgetragen. In der Mitte der Kirche wird es auf ein Pult gelegt, mit kostbaren Tüchern und mit reichlichem Blumenschmuck umkränzt.

Verehrt wird das Kreuz durch eine tiefe Verneigung mit Prostration zum Boden. Dabei erklingt dreimal der zentrale Gesang dieses Sonntags und der darauffolgenden Woche: „Vor Deinem Kreuz, Gebieter, fallen wir anbetend nieder, und Deine heilige Auferstehung preisen wir“.

Auf diese Weise stellen die östlichen Christen das Kreuz als Werkzeug unseres Heils in die Mitte der Kirchen. Sie machen es zum Mittelpunkt ihrer Betrachtung auf dem Weg der Vorbereitung auf das Osterfest hin. Das Kreuz gehört zu unserem Leben. Es ist in der Geschichte Gottes mit uns Menschen ein Zeichen des Leidens, bevor der Sieg und das eigentliche Leben einbrechen.

Kreuzverehrung im Collegium Orientale Eichstätt. Foto: Dr. Oleksandr Petrynko

Das Thema des Kreuzes ist besonders in diesem Jahr und in dieser Fastenzeit, die durch die Corona-Krise gekennzeichnet ist, von Bedeutung. Denn nichts anderem als einem gemeinschaftlich zu tragenden Kreuz gleicht die heutige Situation, im Bangen um die Älteren und Schwächeren unter uns, um die Verwandten und Bekannten, um die Kollegen in der Arbeit, um die Flüchtlinge und Obdachlosen. Jede und jeder trägt dieses Kreuz mit, auch wenn dies vielleicht mit unterschiedlicher Intensität und im verschiedenen Bewusstseinsgrad geschieht. In unterschiedlichem Maße kommen bei den Einzelnen die Gefühle und Emotionen der Unsicherheit, der Angst und der Ohnmacht hoch. Uns geht es genauso, wie es unserem wahren Bruder und Menschen Jesus Christus ging, bevor er seine Arme um unseretwillen am Kreuze ausspannte.

Das Kreuz als Zeichen, als unser – der Christen – Erkennungszeichen und Bekenntnissymbol, ist für uns in unserer aktuellen Situation ein vielsprechendes und besinnliches Zeichen, das mit unserer Erlösungsgeschichte unmittelbar zu tun hat: Jesus Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes ist gekreuzigt worden und am Kreuz gestorben. Zugleich ist dieses Werkzeug unseres Heiles auch ein Zeichen, das ermutigt und Leben verspricht. Darum wird der auferstandene Herr häufig mit dem Kreuz in der Hand als Siegesfahne dargestellt. Das Kreuz, aus zwei Teilen gebildet, ist immer ein Plus-Zeichen, ein positives Zeichen, auch wenn es ein Kreuz bleibt.

Das Kreuz ist deshalb ein Schlüssel zum Verständnis einer solchen Situation, wie wir sie heute erleben. Das Kreuz als Last und Aufgabe, die wir als Menschen zu tragen haben, durchkreuzt unsere Pläne – wie viele haben wir in diesen Tagen aufgeben müssen und auch können? –, unsere Sicherheiten, unser Alles-im-Griff-Haben. Das Kreuz führt uns auf die Grundlagen unserer Existenz zurück. Es macht uns „nackt“ wie unsere Ureltern Adam und Eva im Paradies. Seine Balken haben die Fähigkeit, uns auf das Wesentliche im Leben zu fokussieren. Auch wenn es bloß darum ging, das Nötigste hamstermäßig einzukaufen: Auch hier schlägt die Kraft des Kreuzes voll durch, weil man sich entscheiden musste: Was brauche ich wirklich. Das Kreuz geht der Wirklichkeit tatsächlich auf den Grund.

Auch mich persönlich bewegen in diesen Tagen Fragen über Fragen, besonders die im Leben grundsätzlicher Natur sind und die unter normalen Umständen des schön geregelten Lebens nicht immer genügend beachtet werden: Wie geht es meinen Verwandten? Wann habe ich mit Freunden das letzte Mal telefoniert? Wann habe ich meine Eltern und Großeltern das letzte Mal besucht? Werden die mir in Arbeit und Beruf Anvertrauten von mir beachtet und respektiert? Werden ihre Grenzen, Ängste und eventuelle Nöte berücksichtigt? Was bin ich für andere und die anderen für mich in den verschiedenen Feldern meines Lebens? Bin ich nicht, sind wir nicht an die Grenzen des von uns Machbaren angelangt? Wer hat die Kraft, die Zeit, die Aufgaben, die Ängste und die Sorgen zu überbrücken, bis sich wieder alles normalisiert?

Ich muss gestehen, dass das Kreuz der Corona-Krise mich persönlich zu diesen Fragen und zur Suche nach Antworten täglich anregt. Dieses Kreuz – das Verspüren der eigenen Ohnmacht, Begrenztheit und Kleinheit –, bringt mich zum Golgotha und zum gekreuzigten Herrn. Es führt mich zum Kreuz, an dem Jesus Christus erhoben wurde, um mich zu stärken, um mir Leben mit ihm und in ihm zu schenken. Sein Kreuz ist die Brücke, die mich aus meiner Begrenzung hinausführt. Das Kreuz gibt mir Weite und Hoffnung, mit denen ich – von meinen Betrachtungen zurückgekehrt – wieder feste und sichere Schritte in meinem Alltag vollziehen kann. Dank sei darum Gott, dass wir in dem Kreuz seines Sohnes eine Zuflucht finden können!

Ein Kreuzeichen wird normalerweise gezeichnet, wenn eine bestätigende Antwort gegeben werden soll. Man stellt ein Kreuzzeichen, wenn man mit etwas einverstanden ist oder zutreffend findet. In früheren Zeiten – so erzählt man in der Ukraine – haben die Menschen, die des Lesens und Schreibens nicht mächtig waren, mit einem einfachen Kreuzzeichen bei ihrem Namen ihre Unterschrift geleistet. Damit haben sie sich ausgewiesen und sich einverstanden erklärt. Nicht anders ist es auch in unserer Zeit. Mit einem Kreuzzeichen fülle ich beispielsweise viele Dokumente und Unterlagen bei den Behörden aus. Damit wähle ich das Richtige, das heißt das, was auf mich zutrifft.

Mit einem Kreuzzeichen, dem Kreuz Jesu Christi, aber macht auch Gott ein deutliches Zeichen hinsichtlich seiner Liebe zu uns. Das Kreuz des Herrn, das wir in der Fastenzeit besonders betrachten, ist das Unterschriftszeichen unseres Gottes um der Menschen willen. Mit diesem Zeichen und mit dieser Zusicherung dürfen wir nach vorne schauen. Daraus dürfen wir Mut schöpfen, besonders in diesen schweren Zeiten. Denn – wie eine Bekannte mir gestern am Telefon sagte – „Gott ist auf unserer Seite“. Er hat dies mit der Unterschrift des Kreuzes für uns öffentlich bestätigt. Daher singt die byzantinische Kirche in diesen Tagen: „Christus, unser Gott, freiwillig hast du die Kreuzigung auf dich genommen, dass insgesamt auferstünde der Menschen Geschlecht. Mit des Kreuzes Schreibrohr, von rotem Nass der Finger blutend, hast du unserer Freilassung Brief in deiner Menschenliebe die königliche Unterschrift gegeben. Wende den Blick nicht von uns in schwerer Gefahr, weil wir wiederum uns von dir getrennt haben, sondern hab‘ Mitleid, einzig Langmütiger, mit deinem Volk in seiner Not. Stehe auf und bekämpfe, die uns bekämpfen, Allmächtiger.“

Gott befohlen, liebe Schwestern und Brüder!

Der Stammbaum Jesu Christi

Wenn jemand in das Collegium Orientale, das ostkirchliche Priesterseminar des Bistums Eichstätt, zu Besuch kommt, taucht er in eine besondere Welt ein. Diese ist zum Beispiel durch den mehrstimmigen Gesang im Gottesdienst und durch den muttersprachlichen Akzent der Hausbewohner in deutscher Sprache gekennzeichnet. Dazu gehört auch das Erlebnis einer Umgebung von Ikonen in all ihrer Buntheit und Vielfalt von Motiven.

Ein besonderes Motiv, vor allem in der weihnachtlichen Zeit, ist das mit dem Baum. Dabei geht es nicht um einen Christbaum, sondern um den Stammbaum unseres Herrn Jesus, den wir als menschgewordenen Gott, den Gott mit und unter uns Menschen, feiern. Eine Darstellung des Stammbaumes in ikonenhafter Ausführung aus der westsyrischen Tradition der Maroniten, der Christen Libanons, findet sich im Collegium Orientale. Sie stellt die uns allen bekannte Aufzählung der einzelnen Geschlechter der Vorfahren Jesu „dem Fleische nach“ dar. Man sieht den im Wurzelbereich liegenden Vorvater Isai („die Wurzel Jesse“). So heißt es im Neuen Testament: „Buch des Ursprungs Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams: Abraham zeugte den Isaak, Isaak zeugte den Jakob, Jakob zeugte den Juda und seine Brüder … Juda zeugte den Perez und den Serach mit der Tamar … Salmon zeugte den Boas mit der Rahab. Boas zeugte den Obed mit der Rut. Obed zeugte den Isai, Isai zeugte David, den König … Jakob zeugte den Josef, den Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren, der der Christus genannt wird … usw.“ (vgl. Mt 1,1-17, am Sonntag vor Weihnachten, dem Vierten Adventssonntag).

Genealogie Jesu Christi – Darstellung im Collegium Orientale Eichstätt

Diese gekürzt zitierte Lesung galt für mich als jugendlichen Ministranten in meinem ukrainischen Heimatdorf als eine der langweiligsten Lesungen: das Vortragen der sogenannten Genealogie Jesu Christi. Der Inhalt und die gleichklingende Kette von Fremdnamen ergaben für mich keinen Sinn und ließen mich immer wieder wundern, dass man in der unmittelbaren Vorbereitungszeit auf eines der Hochfeste so eine Lesung wählt. Da man sich im Ukrainischen wegen der abschätzigen Konnotation des Wortes „zeugen“ in der offiziellen Übersetzung auch noch für das „gebären“ entschieden hatte, kam mir diese Lesung nicht nur langweilig, sondern auch seltsam vor. Denn im Vortrag hieß es dann: „Abraham gebar den Isaak, Isaak gebar den Jakob, Jakob gebar den Juda und seine Brüder …“.

Erst als ich ins Priesterseminar eingetreten bin und mich mit der Bibel intensiver beschäftigte, verstand ich immer mehr, wie wichtig diese Texte sind: für die Menschwerdung des Sohnes Gottes und vor allem für jeden Christen und für mich persönlich.

Bekanntlich hört eine Sache oder eine Angelegenheit auf, langweilig zu sein, wenn sie plötzlich für einen selbst relevant wird, wenn man in ihr einen Sinn und Bedeutung für sich sieht. So ist es auch mit dem Stammbaum Jesu. Es lohnt sich ihn zu betrachten, besonders in der Weihnachtszeit, die uns darüber Einiges offenlegt.

Die erste und wohl allgemein bekannte Erkenntnis ist: Durch die klare Nachfolge der einzelnen Geschlechter des Ziehvaters und der Mutter Jesu Christi, Josef und Maria, wird seine wahre Menschheit dokumentiert. Gott ist in seinem Sohn, so wie er wahrer Gott war und bleibt, wahrer – echter – Mensch geworden, und zwar mit einer Vorfahren-Kette hier auf Erden.

Der zweite Aspekt liegt mehr oder weniger auch offen: Durch Jesu Einordnung in das Menschengeschlecht, mit all den Männern und Frauen in all ihrer unterschiedlichen charakterlichen, existentiellen und moralischen Verfasstheit, wird der klare Wille Gottes manifestiert, sich in das menschliche Geschlecht mit allen Schwächen und Stärken einzubinden und einer von uns zu werden. Der menschgewordene Gott nimmt die Menschheit so an, wie er sie vorfindet: erlösungsbedürftig, unzulänglich und auf den Messias, den Befreier, harrend.

Mit diesem zweiten Gesichtspunkt, mit dem der Stammbaum Jesu Christi wertvoll wird, kommt man schon dem eigenen Interesse näher, das uns zum dritten für mich als sehr wichtig erscheinenden Punkt bringt. Denn dieser letzter erschloss mir das Verlesen des Evangeliums vom Stammbaum Christi, ja freundete mich mit dem Stammbaum für immer an.

Der Stammbaum Jesu Christi ist ein lebendiger Baum. Er endet nicht mit der Geburt Jesu Christi, er wächst weiter, auch heute noch. Und wir alle sind Zeugen dafür. Jesus Christus ist die lebenspendende Mitte unseres Geschlechts und unseres Stammbaumes.

Wir sollen seine Äste und Zweige nicht nur in der Perspektive nach unten betrachten, zu den Wurzeln hin. Unser Blick soll sich wenden, und zwar vor allem in seine Wucht nach oben, in die Krone hinein. Denn mit dem Eintritt Jesu in unsere menschliche Geschichte wurden am Baum des auserwählten Volkes unzählige Anschnitte verursacht, an die angedockt werden kann, an die – mit dem Apostel Paulus gesagt – eingepfropft werden kann. Durch unsere Taufe werden wir, ein jeder und eine jede von uns zu einem Zweig am Stammbaum Jesu. Wir gehören somit zu einem tollen Geschlecht, zum Geschlecht der Erlösten, der Auserwählten: Wir sind aus dem Geschlecht Jesu Christi, des menschgewordenen Heilands! Kann es für uns Menschen, für uns Christen, eine schönere genealogische Linie geben als die der Eingepfropften an Jesus Christus, an der Quelle des Lebens?!

Dies ist der wahre Grund, um den Stammbaum und die Lesung darüber zu lieben. Dies ist auch der wahre Grund zur Freude in dieser Weihnachtszeit und warum wir einander „Frohe Weihnachten“ wünschen dürfen.

In der Freude, zum Stammbaum Jesu, des menschgewordenen Heilands, gehören zu dürfen, mögen alle Leserinnen und Leser des Blogs WEITBLICK gegrüßt werden. Ein freudiges Fest der Geburt Jesu Christi und Seinen reichen Segen für das mit großen Schritten kommende Neue Jahr 2020!

Das reichlich geschmückte Diadem auf dem Kopf der Erde – meine Lieblingskirche in Georgien

Das Ziel der aus 46 Personen bestehenden Pilgergruppe von Studenten und Freunden des Collegium Orientale aus Eichstätt war in diesem Jahr das Land Georgien (24.8.-7.9.2019). Für mich als Reiseleiter war dies bereits das vierte Mal, dass ich dieses Land im Kaukasus bereisen durfte.

Auch diesmal durfte in dem dicht bestückten Reisegramm der Besuch der bergigen Region Ratscha im Nordwesten Georgiens nicht fehlen. Es waren tatsächlich mehrere Gründe, warum unser Weg auch dahin führte. Zum einen ist dort ein ehemaliger Kollegiat, Teimuraz Grdzelishvili, als Staatsbeamter für die Fragen der Infrastruktur zuständig; ihm wollten wir auf seine freundschaftliche Einladung hin einen Besuch abstatten. Ferner verlockt diese bezaubernde Region Einheimische und Touristen auch durch ihre vielen Seen, darunter der Shaori-See, zahlreiche Bergflüsse und dichtbewaldete Bergen. Doch der eigentliche Grund war für mich – und wird es wohl immer bleiben – ein Kulturdenkmal, von Menschen erbaut, eine Kirche mit vielen kaum allein von Menschenhand ausgeführten Merkmalen.

In dem kleinen Städtchen Nikortsminda (= St. Nikolaus), 14 km in süd-westlicher Richtung von Ambrolauri gelegen, besichtigte unsere Pilgergruppe die dortige gleichnamige Kathedralkirche „Nikortsminda“.

Diese Kirche zu sehen gehört für mich persönlich zu einem der Höhepunkte unserer gesamten Georgienreise. Für jeden kirchlich interessierten Touristen bzw. Pilger würde ich den Besuch dieser Kirche aufs Herzlichste empfehlen (für größere Gruppen muss man mehr Zeit einplanen!).

Die heutige Bischofskirche wurde, wie aus der Überschrift des westlichen Portals hervorgeht, in den Jahren 1010/14 unter König Bagrat III. im Grundriss als Kreuz-Kuppel- Kirche erbaut und im Laufe der Geschichte mehrmals umgebaut und renoviert: Im 11. Jh. erhielt die Kirche ihr südliches und westliches Nebenschiff; König Bagrat III. von Imeretien renovierte sie ab dem Jahr 1534; aus diesem und dem folgenden Jahrhundert stammen auch die wunderbaren und relativ gut erhaltenen Fresken auf den Innenwänden des Fünf-Apsiden-Baus. Zuletzt wurde die Kirche im 18. Jh. renoviert; der dreistöckige Glockenturm in der Nähe der Kathedrale stammt aus dem 19. Jh. Die massive Kuppel ist befestigt auf fünf Halbsäulen und seine zwölf schmalen und hohen Fenster lassen dezent Außenlicht in den Kirchenraum ein und machen die Kirche so, natürlich unterstützt durch die vollständig ausgemalten Innenwände, zu einem meditativen Raum des Gebetes und der Nähe Gottes.

Wir durften einige Lieder auf Georgisch singen und damit uns selber und mehreren georgisch-sprachigen Besuchern eine Freude bereiten.

Der Altarraum ist ebenfalls voll ausgemalt; der Altartisch ist mit einem hölzernen und ebenso ausgemalten Baldachin überdacht. Die Kirche ist verständlicherweise dem heiligen Nikolaus geweiht, anderes kann man ja in einer Ortschaft mit dem Namen St. Nikolaus nicht erwarten. Somit beherbergt die Kirche mehrere Ikonen und Fresken ihres Patrons, des Wundertäters von Myra.

Bei all der Fülle des bisher Gesagten über die Kirche ist jedoch das eigentlich Bewundernswerte noch nicht angesprochen: Dies sind die wunderschönen und zahlreichen Ornamente und Figuren, in Steine gemeißelt, als Außenverzierung der Kirche. Besonders diese Steinmetzarbeiten und die figürlichen Fassadenreliefs machen die Kirche in Nikortsminda zum Meisterwerk der georgischen Architektur und Steinornamentik. Das menschliche Auge kann sich an der Schönheit dieser Kirche nicht sattsehen. Vor den glatt und meisterhaft bearbeiteten und unglaublich zahlreichen Ornamenten und Arkaden kann man Stunden verbringen. Besonders qualitätsvoll und in ihrer Ausführung unübertrefflich fand ich die Einzeldarstellungen und einzelne Relieffiguren aus der Bibel und auch Motive weltlicher Folklore. Neben den Darstellungen der Verklärung, der zweiten Ankunft und der Himmelfahrt Christi sowie des heiligen Georg mit dem niedergeschmetterten Diokletian finden wirkliche und erdachte Tiere ihren Platz.

An verschiedenen Stilen der Ausführung ist zu sehen, dass hier mehrere Künstler am Werk waren. Möglicherweise wird dadurch auch die künstlerische Freiheit der damaligen Zeit verraten. Wahrscheinlich erreicht und manifestiert die kirchliche Steinmetzkunst in Georgien gerade in Nikortsminda ihren Höhepunkt. Nicht umsonst hat der georgische Dichter Galaktion Tabidze (1892-1959) diesem Kulturdenkmal sein Gedicht „Das Hohelied für Nikortsminda“ gewidmet. In diesem bringt er zum Ausdruck, dass ein Besucher vor dem überwältigenden Antlitz der Nikortsminda-Kirche einfach sprachlos wird. Der unbekannte Architekt und Meister dieser Kathedrale, so schreibt Tabidze (nach russ. Übersetzung), „muss mit Gott, dem Schöpfer, per ,Du‘ gewesen sein“, dass er ihn mit den Fähigkeiten ausstattete, die ihm erlaubten, gleichsam „das reichlich geschmückte Diadem auf dem Kopf der Erde“ zu erbauen, nämlich die Kirche von Nikortsminda.

Hier zwei Strophen in Prosaübersetzung:

„Wie die Abrundungen einer Lyra sich ineinander verflechten
und wie der Schießbogen sich wunderbar spannt,
so folge ich stumm deinen Arkaden in Erwartung eines Wunders;
doch muss mein unwürdiges Gedicht sterben, bevor es geboren wird.
Denn wenn jemand den Höhenglanz erreicht hat,
dann ist es derjenige, der dich erbaute,
du, Kirche von Nikortsminda.

Der Steine Geflecht fordert des Auges Stern danach zu fragen:
Kann denn jemand einen Felsen besticken und ausbügeln,
gleich einem Musikstück, in dem die Töne zueinander passen?
Und die Antwort wäre: Dem ist es gelungen,
der die Trümmer der Felsen verwandelte
in die Kirche von Nikortsminda …“

„Christus ist auferstanden, und das Leben waltet!“

Sowohl in der Ost wie in der Westkirche ist es üblich, dass an bestimmten Tagen im liturgischen Jahreskreis die sogenannten Hirtenbriefe der Diözesanbischöfe vorgetragen werden bzw. vorzutragen sind. So wurden beispielsweise zuletzt die Hirtenbriefe unseres Hochw. Herrn Bischofs Dr. Gregor Maria Hanke OSB zur Adventszeit 2018 (am Christkönigssonntag 2018) und zur vorösterlichen Bußzeit (am Ersten Fastensonntag 2019) in allen Pfarreien des Bistums Eichstätt vorgetragen. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit, dass die Gläubigen eines Bistums die zentralen Botschaften ihres Oberhirten zu liturgisch hochwertigen Zeiten vernehmen können und der Ortsbischof zu seinem Bistum – vermittelt durch die Seelsorger vor Ort – in allen Eucharistiefeiern am gleichen Tag sprechen kann. Sicherlich wird damit ein Zeichen der gelebten Einheit einer Ortskirche gesetzt.

Eine Besonderheit in der Predigtpraxis der byzantinischen Ostkirchen, die ihren Ursprung wohl in dieser Praxis hat, gibt es in der Osternacht. Inmitten des gesamten, bis zu vier Stunden dauernden Ostergottesdienstes der Byzantiner, der Oströmer, wird eine kurze Osterpredigt des Kirchenvaters Johannes Chrysostomus vorgetragen. Dies ist das einzige gesprochene Wort, das nach dem Ostermorgenlob und vor der Göttlichen Liturgie (= Hl. Messe) seinen festen Platz hat, weshalb in der eigentlichen Eucharistiefeier keine Predigt mehr vorgesehen ist. Das Besondere liegt darin, dass diese Predigt nicht nur im geographischen und zeitlichen Rahmen des Johannes Chrysostomus stehengeblieben ist, sondern sich den gesamten byzantinischen Ritus für den Ostertag erobert hat. In jedem Land, das von Konstantinopel aus seine Taufe empfangen hat, wird diese Osterpredigt feierlich vorgetragen. Die Kirchenbesucher einer jeden byzantinischen Pfarrei in der Welt bekommt die Worte dieser berühmten Homilie zu Gehör, und dies Jahr für Jahr!

Johannes Chrysostomus (+ ca. 407) war ein Priester und Seelsorger in Antiochien, heute Antakya in der Südtürkei. Er wirkte demnach in einer Gemeinde, in der schon der Apostel Petrus seinerzeit segensreich wirkte und deren Mitglieder, die Anhänger Jesu von Nazareth, zum ersten Mal „Christen“ genannt wurden (vgl. Apg 11,26). Dort entwickelte sich Johannes aufgrund seiner schriftstellerischen Tätigkeit und seiner rhetorischen Begabung zu einem berühmten Prediger. Wegen seiner Homilien gab ihm das Volk den Beinamen Chrysostomus, zu Deutsch: Goldmund. Eine überregionale Bedeutung erlangte er und seine Predigten später durch seine Ernennung zum Erzbischof von Konstantinopel, dem Muttersitz aller byzantinischen Kirchen. Durch die Verbreitung der Liturgie der Hagia Sophia in Konstantinopel gelangte die Praxis des Verlesens seiner Osterhomilie in den gesamten Einflussbereich des byzantinischen Ritus und wird bis auf den heutigen Tag ununterbrochen gepflegt. Wer im Bistum Eichstätt in der Ostenacht keine Möglichkeit hat, sie während des Osternacht im Collegium Orientale vorgetragen zu hören, kann sie gerne nachfolgend lesen und sich für die Osterzeit inspirieren lassen.

Osterhomilie des heiligen Johannes Chrysostomus (um ca. 400)

Wer fromm und gottesfürchtig ist, soll sich an diesem schönen und herrlichen Fest erfreuen.
Wer ein getreuer Knecht ist, gehe fröhlich ein in die Freude seines Herrn.
Wer sich im Fasten verzehrt hat, empfange jetzt seinen Denar.
Wer von der ersten Stunde an gearbeitet hat, empfange heute seinen gerechten Lohn.
Wer um die dritte Stunde gekommen ist, soll dankbar feiern.
Wer um die sechste Stunde gekommen ist, soll keine Zweifel hegen, er wird nichts einbüßen.
Wenn jemand bis zur neunten Stunde säumte, soll er ohne Zaudern und Furcht herzutreten.
Und wer erst zur elften Stunde gekommen ist, fürchte sich nicht ob seines späten Kommens.
Denn der Herr ist großzügig, Er nimmt den Letzten wie den Ersten an.

Er lässt den Arbeiter der elften Stunde zur Ruhe eingehen ebenso wie den, der von der ersten Stunde an gearbeitet hat.
Mit dem Letzten hat Er Nachsicht, für den Ersten trägt Er Sorge.

Jenem gibt Er, und diesem schenkt Er.
Die Werke nimmt Er an und der gute Wille ist Ihm lieb. Die Tat ehrt Er, und die Bereitschaft lobt Er.
Gehet also alle ein in die Freude eures Herrn!

Ihr Ersten und ihr Letzten, empfangt euren Lohn!

Ihr Reichen und ihr Armen, jubelt miteinander!
Ihr Enthaltsamen und ihr Sorglosen, ehrt diesen Tag!
Die ihr gefastet habt und die ihr nicht gefastet habt, freut euch heute!
Der Tisch ist gedeckt, tretet alle herzu und genießt!

Das gemästete Kalb ist groß, niemand gehe hungrig hinaus!
Freut euch alle am Gastmahl des Glaubens!
Freut euch alle am Reichtum Seiner Güte!

Niemand beklage seine Armut, denn erschienen ist das Reich für alle!

Niemand trauere ob seiner Sünden, denn Vergebung ist aus dem Grabe aufgeleuchtet!

Niemand fürchte den Tod, denn der Tod des Erlösers hat uns frei gemacht!
Er hat den Tod vernichtet, von dem Er umfangen war.
Er hat der Hölle ihre Beute weggenommen!

Er, der zur Hölle hinabfuhr, ließ sie Bitterkeit erfahren, als sie von Seinem Fleisch kostete!

So hatte es Jesaja vorausgesagt:
„Die Hölle ward voll Bitterkeit, als sie Dir dort unten begegnete!“
Sie war voll Bitterkeit, denn sie wurde überwunden!
Sie war voll Bitterkeit, denn sie wurde verspottet!
Sie war voll Bitterkeit, denn sie wurde tödlich besiegt!
Sie war voll Bitterkeit, denn sie wurde gestürzt!

Sie war voll Bitterkeit, denn sie wurde gebändigt!

Die Hölle nahm einen Leib und stieß auf Gott!
Sie nahm Irdisches und traf auf Himmlisches!
Sie nahm, was sie sah, und kam zu Fall durch das, was sie nicht sah!

Tod, wo ist dein Stachel?

Hölle, wo ist dein Sieg?
Christus ist auferstanden, und du bist niedergeworfen!
Christus ist auferstanden, und die Dämonen sind gefallen!
Christus ist auferstanden, und es freuen sich die Engel!
Christus ist auferstanden, und das Leben waltet!
Christus ist auferstanden, und kein Toter ist mehr im Grabe!

Denn Christus ist zum Erstling der Entschlafenen geworden, da Er von den Toten auferstand.

Ihm gebührt Lob und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

Christus ist auferstanden, er ist wahrhaft auferstanden!

(Text der Osterhomilie: Collegium Orientale)