Schlagwort-Archive: Adveniat

Überleben auf den Straßen der Amazonas-Metropole Manaus

Rund 20.000 Venezolaner sind vor politischer Verfolgung, Hunger und wegen der fehlenden Gesundheitsversorgung nach Brasilien geflohen. Ordensfrauen und kirchliche Einrichtungen sind ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft

Er mit dem Einkaufswagen, sie mit einem Karren aus Aluminium: So ziehen die Venezolaner Jesús Parra und Rossmary Gallardo durch die brasilianische Millionenstadt Manaus, um etwas Geld zu verdienen. Ihre Kinder, die fünfjährige Jessmary und der einjährige Keyler, sind immer dabei.

Jesus Parra (28) und Rosmary Gallardo (22) sind mit ihren beiden Kindern aus Venezuela geflohen und suchen in Manaus nach neuen Perspektiven. Sie verkaufen auf der Straße getrocknete Früchte und Kaffee. Rosmary benötigt medizinische Betreuung. Unterstützt und begleitet werden sie von der Migrantenpastorale der Scalabrianer-Schwestern
Jesus Parra (28) und Rosmary Gallardo (22) sind mit ihren beiden Kindern aus Venezuela geflohen und suchen in Manaus nach neuen Perspektiven. Sie verkaufen auf der Straße getrocknete Früchte und Kaffee. Rosmary benötigt medizinische Betreuung. Unterstützt und begleitet werden sie von der Migrantenpastorale der Scalabrianer-Schwestern. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Mitten in der Nacht steht die Familie auf. Anstelle von Limonen, Orangen, Mangos und Avocados legt Jesús heute nur in Tütchen abgepackte Bananenchips in seinen Wagen. Er hatte kein Geld, um frische Früchte zu besorgen. Rossmary kocht Kaffee und füllt ihn mit viel Zucker in mehrere Thermoskannen. Um zwei Uhr machen sie sich auf in die Dunkelheit einer Stadt, die neu für sie ist und deren Sprache und Regeln sie kaum kennen. Ihr Ziel ist der große Markt am Ufer des Amazonas. Zwischen Händlern, Verkäufern und Trägern bahnen sich Rossmary und Jesús ihren Weg. Immer in der Hoffnung, dass jemand einen Kaffee für einen Real (umgerechnet ca. 15 Cent) bei ihr bestellt, oder ihm eine Tüte der frittierten Bananenchips als Snack abkauft.

Rund um den Markt von Manaus gibt es Hunderte Menschen wie Jesús und Rossmary. Sie alle versuchen, sich im informellen Sektor zu behaupten. Viele sind aus Venezuela geflüchtet. Schätzungen zufolge leben mittlerweile 20.000 Menschen aus dem nördlichen Nachbarland in der Großstadt.

„Alles ist besser als Venezuela“, meint der 28-Jährige. Er und die 22-jährige Rossmary haben Ende 2020 ihre Heimat verlassen. „Hambre!“, antworten sie auf die Frage nach den Gründen: „Hunger!“. „Wir hatten nicht mehr genug Geld, um uns zu ernähren. Alles ist teuer in Venezuela und die Preise steigen ständig“, sagt Jesús. Hinzu kam, dass Rossmary seit der Geburt ihres Sohnes unter Unterleibsschmerzen leidet. An eine medizinische Versorgung in Venezuela war nicht zu denken. „Es gibt keine Medikamente mehr“, sagt sie.

Aber es gibt auch politische Gründe für die Flucht: Als Techniker bei der venezolanischen Luftwaffe wartete Jesús russische Kampfhubschrauber. „Ich wollte der Maduro-Regierung nicht mehr dienen“, sagt er. Also desertierte er.

Mit dem Bus reiste das Paar 1.600 Kilometer quer durch Venezuela. Sie bezahlten einen Schlepper, der sie nachts über die Berge der Grenzregion brachte. Als ihre Gruppe vor der Polizei flüchten musste, verloren sie ihre Tochter. Erst einige Stunden später fanden sie Jessmary wieder. Eine andere Flüchtlingsgruppe hatte die Fünfjährige gefunden. „Ich bin vor Angst fast gestorben“, erzählt Rossmary. Während der dramatischen Flucht löste sich auch noch die Sohle einer ihrer Turnschuhe. Sie trägt ihn noch immer, weil sie keine anderen Schuhe hat.

Essensausgabe mit Erzbischof Dom Leonardo Steiner. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Um die Mittagszeit zählt das Paar ihre dürftigen Einnahmen. „Vor der Pandemie waren es manchmal 50 bis 80 Real pro Tag“, sagt Jesús, zwischen acht und zwölf Euro. Aber durch Corona seien die Einnahmen stark geschrumpft. Es sind einfach viel weniger Menschen unterwegs.

Die Familie hat Hunger und reiht sich in eine Schlange ein, in der schon andere Venezolaner warten. Die Obdachlosen-Pastoral bietet jeden Tag neben einer Kirche ein warmes Mittagessen an: Hühnchen mit Reis und Bohnen. Obwohl Jesús und Rossmary nicht obdachlos sind, bekommen auch Bedürftige wie sie hier eine Mahlzeit. Hin und wieder hilft Dom Leonardo Steiner, der Erzbischof von Manaus, persönlich bei der Essensausgabe. Der 70-jährige Franziskaner sieht es als seine Pflicht an, persönlich mit anzupacken. „Manaus hat große soziale Probleme, die Kirche muss zu den Menschen gehen.“

Als Jesús und Rossmary sich auf die Stufen der Kirche setzen, um zu essen, gesellt sich der Erzbischof dazu. Sie berichten, dass sie ohne die täglichen Mittagessen der Kirche während der Pandemie Hunger gelitten hätten, und dass sie sehr dankbar seien. Dom Leonardo hört ihnen aufmerksam zu. Er ist niemand, der sich in den Vordergrund drängt.

Rossmary sieht schwach aus, wirkt abgemagert. Doch bislang traute sie sich nicht, zum Arzt zu gehen, weil sie und Jesús noch nicht in Brasilien registriert sind. Um das Problem zu lösen, suchen sie nun die Migranten-Pastoral von Manaus auf. Von anderen Venezolanern haben sie gehört, dass die Schwestern des Scalabrinianerinnen-Ordens Flüchtlingen wie ihnen helfen.

Schwester Dinair Pereira und Schwester Gema Vicense raten Rossmary und Jesús, sofort eine Steuernummer zu beantragen. Nur so hat man in Brasilien Zugang zu Sozialleistungen. Als Schwester Dinair von den Beschwerden Rossmarys hört, ruft sie sofort einen kubanischen Arzt an. Er arbeitet als Freiwilliger für die Migranten-Pastoral, die ihm selbst einst half, in Brasilien zu bleiben. Er untersucht Rossmary am nächsten Tag und sagt, dass sie eine MRT-Untersuchung (Magnetresonanztomographie) machen müsse. Doch der nächste freie Termin in einem öffentlichen Krankenhaus ist erst in sechs Monaten. Also bezahlt Schwester Dinair kurzentschlossen eine private Untersuchung für die junge Frau. Es stellt sich zudem heraus, dass Rossmary eine schwere Blaseninfektion hat, außerdem Anämie und Darmparasiten. Schwester Dinair besorgt auch die Medikamente für sie.

„Wir begleiten die Migranten sehr eng“, sagt die kleine energische Frau. „Viele fühlen sich am Anfang verloren und brauchen Unterstützung.“ Sie will heute Rossmary und Jesús besuchen. Das Paar wohnt in einem Zimmer in einem recht verwahrlosten Haus im alten Zentrum der Stadt. „Hier leben viele Venezolaner“, sagt Schwester Dinair. Die Hälfte des kleinen Raums nimmt die Matratze auf dem Boden ein, es gibt ein Bad, in dem das Wasser nicht läuft, und zwei Elektroplatten zum Kochen. 300 Real zahlen sie monatlich an Miete, das sind umgerechnet ca. 50 Euro. „Wenn es regnet, tropft es durch die Decke“, klagt Jesús.

Jesus Parra (28) und Rosmary Gallardo (22) mit ihren beiden Kindern in ihrer Unterkunft. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Schwester Dinair hilft dem Paar, einige Dokumente zu sortieren, die sie in Brasilien gebrauchen können. Jesús erzählt, dass er gerne wieder als Helikopter-Techniker arbeiten würde. Aber werden seine Diplome in Brasilien anerkannt? Dinair ermutigt ihn, seine Zeugnisse zusammenzusuchen, und sich beim Flughafen vorzustellen. „Es ist wichtig, dass die Immigranten in Bewegung bleiben“, sagt sie. „Sonst besteht die Gefahr, dass sie resignieren.“ Die Migranten-Pastoral hilft ihnen, diesen kritischen Moment zu überwinden.

Auch Rossmary hofft, dass sie sie ihr Studium in Rechnungswesen in Brasilien beenden kann. Bis dahin, das weiß sie, ist es noch ein langer Weg. Aber sie möchte ihn gehen.

Adveniat-Weihnachtsaktion 2021: ÜberLeben in der Stadt

80 Prozent der Menschen in Lateinamerika und der Karibik leben bereits heute in den Städten. Und die Landflucht hält weiter an. Doch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft wird häufig enttäuscht. Das Leben der Indigenen, Kleinbauern und Klimaflüchtlinge am Stadtrand ist geprägt von Armut, Gewalt und fehlender Gesundheitsversorgung. Und wer arm ist, kann für seine Kinder keine gute Ausbildung bezahlen. Mit seinen Projektpartnern, wie zum Beispiel Ordensleuten und pastoralen Mitarbeitern, durchbricht das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat die Spirale der Armut: durch Bildungsprojekte in Pfarrgemeinden insbesondere auch für Frauen und Kinder, Menschenrechtsarbeit und den Einsatz für faire Arbeitsbedingungen. Unter dem Motto „ÜberLeben in der Stadt“ rückt Adveniat mit seiner diesjährigen Weihnachtsaktion die Sorgen und Nöte der armen Stadtbevölkerung in den Blickpunkt. Schwerpunktländer sind Mexiko, Paraguay und Brasilien. Die Eröffnung der bundesweiten Adveniat-Weihnachtsaktion fand am 1. Advent, 28. November, im Bistum Münster statt. Die Weihnachtskollekte am 24. und 25. Dezember in allen katholischen Kirchen Deutschlands ist für Adveniat und die Hilfe für die Menschen in Lateinamerika und der Karibik bestimmt. Spendenkonto bei der Bank im Bistum Essen, IBAN: DE03 3606 0295 0000 0173 45 oder unter www.adveniat.de.

„Wir müssen die Wunden der Natur und die der Menschen heilen“

Bevor er aufs Gaspedal tritt, spricht Bischof Johannes Bahlmann noch kurz ein Vaterunser. Dann steuert er seinen Pick-up rasant über eine buckelige Staubpiste. Die Rinderweiden rechts und links der Straße werden nur ab und zu von Waldstücken unterbrochen. „Hier ist schon alles abgeholzt“, sagt er. „Schlimm ist das.“

Seit zehn Jahren leitet der Mann, der aus dem niedersächsischen Visbek stammt und den hier alle nur Dom Bernardo nennen, die Diözese von Óbidos. Die Stadt mit 50.000 Einwohnern liegt am Ufer des Amazonas im brasilianischen Bundesstaat Pará. An diesem heißen Nachmittag ist er auf dem Rückweg aus Alenquer, dem nächsten größeren Ort. Er hat dort ein kleines, von Ordensschwestern geleitetes Krankenhaus besucht. Es gilt vor allem wegen seiner Geburtsstation, die vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat gefördert wird, als eines der besten Hospitäler der Region. Rund drei Stunden dauert die Rückfahrt nach Óbidos – gar nicht so lang, wie Dom Bernardo betont. Seine Reisen dauern sonst länger.

Die Diözese des 59-Jährigen ist eine der größten in Brasilien, sie reicht vom Amazonas bis an die Grenze zu Surinam. Diese ländliche, größtenteils von Dschungel bedeckte Region gehört zu den konfliktreichsten des Landes. Hier herrschen eigene Gesetze. Es geht rauer zu, der Staat ist weit weg und die Infrastruktur prekär. Großgrundbesitzer, Holzfäller und Viehzüchter geben den Ton an. Die Situation ist durchaus mit der im „Wilden Westen“ vergleichbar. „Man braucht Mut und Vertrauen, wenn man hier etwas bewirken will“, sagt Dom Bernardo und weicht einem Schlagloch aus.

Drei besonders drängende Probleme gibt es für den Bischof. Da sei erstens die Umweltzerstörung. Sie nehme immer beunruhigendere Ausmaße an, insbesondere seit Brasiliens rechtsextremer Präsident Jair Bolsonaro den Amazonas praktisch zur Ausbeutung frei gegeben hat – ohne Rücksicht auf Ureinwohner, Kleinbauern und Fischer. Der Amazonas werde von der Regierung an transnationale Konzerne verscherbelt, meint der Bischof.

Damit eng verbunden sei eine tiefe soziale Ungerechtigkeit. „Viele Menschen in meiner Diözese sind arm, sie besitzen kein oder nur sehr wenig Land“, sagt Bischof Bahlmann. „Sie leben häufig von der Hand in den Mund.“ Ihnen gegenüber stünden wenige, sehr reiche Großgrundbesitzer, die meist mit der Politik verbandelt seien.

Um in die Dörfer zu gelangen, fährt Bischof Bernardo Bahlmann mit dem Boot der Diozöse. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Als dritte große Herausforderung nennt Dom Bernardo die Ausmaße seiner Diözese. Sie ist halb so groß wie Deutschland, hat aber lediglich eine Handvoll Straßen. „Es ist nicht einfach für mich, bei den Menschen präsent zu sein“, erklärt Dom Bernardo. „Aber ich versuche es.“

Und so reist der Bischof manchmal tagelang mit Booten über die Flüsse, um die Menschen in seiner Diözese zu besuchen. Einige tief im Dschungel gelegene Missionsstationen sind nur mit dem Propellerflugzeug zu erreichen. „Es ist heute wichtiger denn je, dass die Kirche zu den Menschen geht“, zitiert Dom Bernardo Papst Franziskus. „Wir dürfen nicht bequem sein. Was nützen uns die schönsten Gebete, wenn wir die Menschen nicht mehr erreichen.“

Deswegen ist Dom Bernardo auch ein großer Befürworter von Laienpriestern. „Ohne sie gäbe es vielerorts im Amazonasgebiet gar keine Gottesdienste mehr“, sagt er. Besonders am Herzen liegt ihm die von Adveniat finanzierte Laienschule in Óbidos. Katholiken aus den entferntesten Orten werden hier zu Laienpredigern ausgebildet und in sozialen und ökologischen Themen unterrichtet. Die Ausbildung habe schon einige Führungspersönlichkeiten hervorgebracht, die in ihren Gemeinden etwas zum Positiven veränderten, berichtet Dom Bernardo. Nur so bekomme man auch die Jugend ins Boot.

Der Bischof macht nach langer Fahrt zum ersten Mal Halt an einem kleinen Weiler. Die Kirche am Wegesrand ist mit Blumen und bunten Bändern geschmückt. Am nächsten Tag sollen hier die Kinder Erstkommunion feiern. Als er aus dem Wagen steigt, eilen gleich einige Kinder und Frauen herbei. Sie küssen die Hand von Dom Bernardo, der es ihnen gleichtut. So ist es Brauch in dieser Region. Man wünscht sich gegenseitig den „Segen“.

Bischof Bernardo Bahlmann trinkt mit Dorfbewohern einen Kaffee. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Sogleich wird der Bischof auch zu Kaffee und Kuchen auf den Hof der Familie eingeladen. Die Zuwanderer aus dem armen und trockenen Nordosten Brasiliens haben sich im Amazonasgebiet eine bescheidene Landwirtschaft aufgebaut. Sie schätzen an ihrem Bischof, dass er ein Mann des Volkes ist, einer zum Anfassen. Tatsächlich macht Dom Bernardo kein großes Aufheben um sich. Der Franziskaner ist meist in hellen Baumwollhosen und Hemd unterwegs und stellt außer einem Bischofsring keine Insignien seines Amtes zur Schau.

Bischof Bernardo Bahlmann spricht mit dem Jugendlichen Paulo Aquila (15), der später ins Seminar eintreten will. Sein Vater Aginaldo Silva ist Diakon und leiter der katholischen Gemeinde des Dorfes Maria Theresa.

Dafür bewirkt das Engagement des Bischofs für ökologische und soziale Gerechtigkeit umso mehr. Auch dank seines Einsatzes fährt seit 2019 ein Hospitalschiff mit rund 30 Ärzten und Krankenpflegern an Bord auf dem Amazonas und seinen Zuflüssen. Die „Papa Francisco“ bringt medizinische Versorgung an Orte, an denen die Menschen häufig noch nie zuvor einen Arzt gesehen haben. 700.000 Menschen sollen so erreicht werden. „Wir leisten hier einen ganz konkreten wichtigen Dienst am Menschen“, erklärt Dom Bernardo. 50.000 Euro hat Adveniat zu Beginn der Coronakrise der Gesundheitspastoral des Bistums und dem Krankenhaus in Alenquer zur Verfügung gestellt.

Nach einer kurzen Nacht in Óbidos bricht der Bischof am nächsten Morgen erneut auf. Diesmal geht es ins Dorf Arapuçu, eine halbe Stunde flussaufwärts. Arapuçu ist ein Quilombo, eine Siedlung von Nachkommen ehemaliger Sklaven. Dem Bischof ist es wichtig, heute hier zu sein, denn in Brasilien wird der „Tag des Schwarzen Bewusstseins“ begangen, der an die Leiden und den Kampf der afro-brasilianischen Bevölkerung erinnern soll.

Im nach allen Seiten offenen Gemeindesaal von Arapuçu haben sich die Bewohner versammelt. Einige Schüler singen ein Lied über die Diskriminierung einer schwarzen Frau. Dann ergreift Dom Bernardo das Mikrofon. Es sei wichtig, die eigene Geschichte und Kultur zu kennen und dafür einzutreten, sagt er. Zum Abschied küssen die Menschen dem Bischof wieder die Hand, und er erwidert die liebevolle Geste: „Segen!“ Auf dem Rückweg sagt er nachdenklich: „Wir haben zwei große Aufgaben als Kirche im Amazonasgebiet. Wir müssen die Wunden der Natur heilen. Und wir müssen die Wunden der Menschen heilen.“

Adveniat-Weihnachtsaktion 2020: ÜberLeben auf dem Land
Trotz Landflucht lebt jeder Fünfte in Lateinamerika und der Karibik auf dem Land. Das bedeutet häufig auch, abgehängt und ausgeschlossen zu sein. Wer auf dem Land geboren ist, ist dreimal häufiger von Armut betroffen als eine Person, die in der Stadt geboren wird. Die Gesundheitsstationen in ländlichen Regionen sind oft miserabel ausgestattet, denn es gibt dort kaum Diagnosemöglichkeiten, Medikamente und Fachpersonal. Und dann kam im Mai 2020 auch noch Corona. Das Virus trifft mit der Landbevölkerung auf eine besonders verletzliche Gruppe von Menschen, deren Immunabwehr aufgrund ihrer Armut, den chronischen Leiden an Infektionskrankheiten sowie ihrer schlechten Ernährungssituation bei einer Infektion schnell überfordert ist. Deshalb rückt das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat mit seiner diesjährigen Weihnachtsaktion unter dem Motto „ÜberLeben auf dem Land“ die Sorgen und Nöte der armen Landbevölkerung in den Blickpunkt. Schwerpunktländer sind Argentinien, Brasilien und Honduras. Die Eröffnung der bundesweiten Adveniat-Weihnachtsaktion findet am 1. Advent, dem 29. November 2020, im Bistum Würzburg statt. Die Weihnachtskollekte am 24. und 25. Dezember in allen katholischen Kirchen Deutschlands ist für Adveniat und die Hilfe für die Menschen in Lateinamerika und der Karibik bestimmt. Spendenkonto bei der Bank im Bistum Essen, IBAN: DE03 3606 0295 0000 0173 45 oder unter www.adveniat.de. 

Das Richtige tun, obwohl das Falsche so einfach ist

Jugendliche in Colón in Panama versuchen, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. 

Den Menschen in Rio Indio ist es schon gar nicht mehr aufgefallen. Auf dem Weg hinunter zum Meer und am Strand entlang lag überall Müll. Plastikflaschen, leere Chipstüten, Dosen, Reifen – von den Wellen angeschwemmt oder achtlos von den Dorfbewohnern weggeworfen. Auch für Edilsa und Jorge war der Anblick ganz normal.

„Natürlich fand ich das nicht schön, aber ich bin einfach nicht auf die Idee gekommen, dass man daran auch aktiv etwas ändern kann“, sagt die 15-Jährige Edilsa. Sie bückt sich nach einer Cola-Büchse, die zwischen Algen und Treibholz liegt, und steckt sie in einen Plastiksack.

Am Horizont liegen, wie auf einer Schnur aufgefädelt, dutzende Schiffe vor Anker. Die Ozeanriesen sind mit tausenden Containern beladen, warten hier oft tagelang darauf, dass sie in den Panama-Kanal einfahren dürfen, der nur einige Kilometer entfernt liegt. „Manchmal sitzen wir abends am Strand, träumen uns an Bord und weit weg in eine andere Welt“, sagt Edilsa und hält inne. „Oh nein, geh nicht weg! Ohne dich werden wir hier niemals fertig!“, ruft ein Mädchen mit Zahnspange herüber und grinst übermütig. Die Jugendlichen lachen: „Ja, wir brauchen dich. Niemand ist so fleißig wie du!“ Edilsa lächelt. Dann wird sie wieder ernst und kommt zurück zum Thema. „Viele Leute fragen mich, warum ich Müll aufsammle, den ich gar nicht weggeschmissen habe“, sagt sie. „Ich finde es schade, dass es Menschen gibt, die so denken. Denn mit dieser Haltung kommen wir keinen Schritt weiter.

“ Müllsammeln – eine Idee der katholischen Jugendgruppe

Yithzak Yerel mit jungen Freiwilligen beim Müllsammeln am Strand. Foto: Achim Pohl/Adveniat

Die Idee zu der Müllsammelaktion am Strand hatten die Mitglieder der katholischen Jugendgruppe. An mehreren Orten in der Diözese Colón-Kuna Yala im mittelamerikanischen Panama sind die Jugendlichen aktiv und werden vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat in ihrem Engagement unterstützt. „Sie sind gutes Vorbild in einer Region, in der es viele soziale und ökonomische Probleme gibt“, sagt der Bischof von Colón-Kuna Yala, Manuel Ochogavía Barahona. „Es ist toll, dass die jungen Menschen Haltung zeigen und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Was im Kleinen beginnt, kann irgendwann zu etwas Großem wachsen.“

Und da ist in und rund um Colón eine Menge zu tun. Die 100.000 Einwohner zählende Stadt liegt im Norden Panamas, rund zwei Autostunden von Panama-Stadt entfernt. Eine Stadt mit zwei Gesichtern: Colón ist bekannt für seinen Hafen mit der großen Freihandelszone. Waren aus der ganzen Welt werden hier jeden Tag verladen und weitergeschickt. Ein Millionengeschäft. Auch die luxuriösen Kreuzfahrtschiffe legen hier an, Schnäppchenjäger gehen von Bord, um Handtaschen, Uhren und Parfum von Luxusmarken wie Gucci, Prada und Chanel zu vergleichsweise guten Preisen einzukaufen.

Das Shopping-Areal ist von einer meterhohen Mauer und vielen Kontrollposten umgeben, sodass die Touristen hier entspannt und ohne Angst ihr Geld ausgeben können. In die Innenstadt jedoch verirrt sich kaum ein Fremder. Denn Colón gilt als der gefährlichste Ort des Landes. Wer hier nach Sonnenuntergang noch auf den Straßen unterwegs ist, spielt mit seinem Leben. Und auch bei Tage ist ein Besuch riskant.

Das war auch einmal anders. Bis 1999 verwalteten die USA den berühmten Panama-Kanal, den sie einst gebaut haben. Sie stationierten viele ihrer Landsleute in komfortablen Holzhäusern. Doch als die Vereinigten Staaten ihre Hoheit über den Kanal aufgaben und die US-Verwaltung samt Armee abzog, geriet die Stadt in einen Abwärtsstrudel. Seither verfallen die Häuser, in den wenigsten Wohnungen in der Innenstadt gibt es Strom oder fließendes Wasser. Kaum ein Haus hat eine funktionierende Toilette, Fassaden und Treppen sind so marode, dass sie immer wieder in sich zusammenbrechen.

In Colón herrschen Verbrechen und Gewalt

Der Staat scheint kapituliert zu haben. Die schwer bewaffneten Sondereinsatzkommandos, die auf ihren Motorrädern mit Sturmmaske, schusssicheren Westen und Gewehren durch die Gassen rasen, ändern nichts daran. Nicht einmal auf dem Vorplatz zur Kathedrale in der Innenstadt ist es sicher. Rund um das Gotteshaus sind Polizisten stationiert und beobachten argwöhnisch mit der Hand am Schaft des Revolvers, ob sich in den umgrenzenden Häusern etwas Verdächtiges tut.

„Das Zentrum ist fest in der Hand konkurrierender Banden“, erklärt Yithzak González Murgas. „Wenn einer einen falschen Schritt tut, wird nicht lange gefackelt. Es gibt immer wieder Tote.“ Yithzak ist Koordinator der katholischen Jugendarbeit auf nationaler Ebene. In Colón bildet er ehrenamtliche Gruppenleiter aus und unterstützt sie. Dabei sei es nicht einfach, Jugendliche davon zu überzeugen, sich sozial zu engagieren. „Desinteresse und allgemeine Resignation sind unser Problem. Die Mädchen und Jungen haben keine Perspektive und haben nicht das Gefühl, dass sie etwas an ihrer Situation ändern können.“ Jede Straße werde von einer anderen Gang kontrolliert, die so schaurige Namen tragen wie Los Niños Sicarios, die mordenden Kinder, oder La Tumba Fria, das kalte Grab. „Diese Gemeinschaften geben den Haltlosen Halt. Vor allem junge Menschen ohne Perspektive sind gefährdet, dort hineinzurutschen.“ So wie Yithzaks Freund Juan Carlos. Er war 15 Jahre alt und in das falsche Mädchen verliebt, als er Mitglied bei Los Niños Sicarios wurde. Sie hieß Ariel, eine schöne Brünette mit großen, melancholischen Augen. Eigentlich wollte Juan nur mit ihr ausgehen. Kaum hatten sie sich etwas näher kennengelernt, stellte sich heraus, dass ihr Bruder ein Bandenmitglied war – und schon war Juan Carlos mittendrin. „Es ist nicht leicht, sich für die richtige Sache zu entscheiden, wenn die falsche Sache so einfach ist“, erinnert er sich. „Mit Drogen und Diebesgut kann man schnell und einfach Geld verdienen.“ Trotzdem wurden seine Gewissensbisse immer schlimmer, und er suchte verzweifelt nach einem Ausweg.

In seiner Not ging er in die Kirche. In der Jugendgruppe von San José traf er Yithzak. „Er hat sich einfach nur hingesetzt und mit mir geredet“, erinnert sich Juan. „Ich habe es nicht oft erlebt, dass sich jemand für mich Zeit genommen und sich dafür interessiert hat, was ich mache. Für mich! Ich bin doch ein Niemand, dachte ich damals. Ich hatte nicht einmal eine Mutter, die sich um mich gekümmert hat.“ Yithzak habe ihm die Augen geöffnet. „Er erzählte mir von der Liebe Gottes. Und in der Art, wie er mir mit Respekt und Freundschaft begegnete, hatte ich das erste Mal in meinem Leben das Gefühl, aufgehoben zu sein.“

Der Bruch mit der Jugendbande

Mit dieser neuen Stärke im Herzen war dann alles ganz einfach, sagt Juan. „Ich habe den Jungs einfach mitgeteilt, dass ich ab sofort nicht mehr dabei bin, sondern jetzt lieber in die Kirche gehe. Erstaunlich, aber das hat funktioniert. Sie haben mich in Ruhe gelassen.“ Heute ist Juan Carlos 23 Jahre alt, hat einen festen Job als Lagerarbeiter in der Freihandelszone gefunden. Zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern Angelie und Jean lebt er ein beschauliches Familienleben und ist als Ehrenamtlicher in der Kirche aktiv.

„Heute weiß ich, dass ich mein Leben selbst gestalten kann“, sagt er und lächelt. „Wenn man so denkt, dann ist man in Colón schon ein Exot.“ Die Menschen fühlten sich als geborene Verlierer und als ein Spielball der Mächtigen. Daran ändert auch das neuste Infrastrukturprogramm der Regierung nichts. Eher im Gegenteil. 500 Millionen Dollar sollen investiert werden, es gibt Pläne für neue Straßen, Schulen, Wohnhäuser und ein neues Krankenhaus. Auch das Abwassersystem und die Trinkwasserversorgung sollen endlich erneuert werden. Das klingt erst einmal gut. Im Internet gibt es zahlreiche professionell produzierte Kurzfilme, die für das Projekt werben. Da sieht man, wie gut gelaunte Bauarbeiter Beton anrühren und die Wände verputzen, im Hintergrund spielt heitere karibische Musik.

Die Realität ist weniger zauberhaft. Aktuell werden viele arme Familien, die in den heruntergekommenen Häuserkomplexen in der Innenstadt wohnen, vertrieben. Wer nicht gehen will, wird mit Waffengewalt gezwungen. In Zukunft sollen die Menschen in „Nueva Colón“, einem modernen Neubaukomplex außerhalb der Stadt, eine neue Heimat finden. Doch die Unterkünfte für insgesamt 25.000 Bewohner sind noch lange nicht fertig, die Betroffenen stehen schlichtweg auf der Straße. Wirklich kümmern tut das niemanden.

„Die Menschen fühlen sich betrogen“

„Die Menschen fühlen sich einmal mehr betrogen“, erklärt Bischof Ochogavía Barahona. „Außerdem machen sie sich Sorgen, dass am Ende nicht sie, sondern die Reichen von dem Großprojekt profitieren werden. Sie ahnen, dass sich die Leute mit Geld die Filetstücke in der Innenstadt sichern werden. Die Armen werden einfach weit weg abgeschoben in die neuen Siedlungen, in denen es zwar neue Häuser und einen schicken Fußballplatz gibt, aber keine Arbeit. Wie sollen sie sich da auf lange Sicht die Mieten leisten?“

Der Bischof von Colón, Manuel Ochogavía Barahona. Foto: Matthias Hoch/Adveniat

Im März 2018 sind die Einwohner von Colón deswegen auf die Straße gegangen. In einem „Generalstreik“ haben sie gegen das Großprojekt protestiert, es kam zu gewalttätigen Ausschreitungen – Schulen, Geschäfte und öffentliche Einrichtungen blieben geschlossen. Bischof Ochogavía Barahona wurde als Vermittler eingeschaltet. „Die Wut in den Herzen der Menschen steckt tief. Die meisten von ihnen zählen sich zu den Congo, Afro-Antillianer, die einst hier angesiedelt wurden. Ihre Ur-Großväter haben 1914 beim Bau des Panamakanals mitgeholfen. Tausende ließen dabei ihr Leben. Nachhaltig vom Kanal profitiert haben sie nicht, das große Geld landete am Ende immer in den Taschen der anderen.“ Dank der 82 Kilometer langen Schiffsstraße fließen heute jedes Jahr rund 1,5 Milliarden US-Dollar in die Staatskasse. Die Einnahmen machen das mittelamerikanische Land zum reichsten Staat in der Region. Doch nirgendwo geht die Schere zwischen Arm und Reich so sehr auseinander wie hier.

Die Weltöffentlichkeit kennt das Land mit vier Millionen Einwohnern aus den Nachrichten im Zusammenhang mit den Panama Papers – dazu werden Bilder von modernen Wolkenkratzern gezeigt, die an der Standpromenade in Panama-Stadt in den Himmel wachsen. Von Colón werden die Wenigsten schon einmal gehört haben.

Weltjugendtag in Panama

Skyline von Panama-Stadt. Foto: Achim Pohl

Im Januar 2019 wird die moderne Skyline der Hauptstadt auch die Kulisse des Weltjugendtages sein. Ein Großereignis, an dessen Organisation auch Yithzak und viele katholische Jugendliche in Colón beteiligt sind. „Natürlich wollen wir, dass der Besuch des Heiligen Vaters ein großer Erfolg wird und alles reibungslos läuft“, sagt der junge Mann mit dem freundlich breiten Lächeln. „Aber wir müssen den Weltjugendtag auch dazu nutzen, dass über die Ungerechtigkeit in Panama und in vielen Ländern Lateinamerikas gesprochen wird. Ich bin mir sicher, dass das der ausdrückliche Wunsch unseres Papstes ist. Gemeinsam sollen wir den Journalisten, aber auch den Jugendlichen, die aus der ganzen Welt zu Besuch kommen, von unserer Lebensrealität berichten.“ Bislang ist geplant, dass rund 200 Jugendliche während der Tage der Begegnung – also bevor Franziskus anreist – in Colón unterkommen sollen. Sie werden bei Familien der Gemeinde wohnen. „Auch, wenn es für viele ein kleiner Schock sein wird, zu sehen, unter welchen Umständen wir hier leben, so ist es doch wichtig für das Verständnis“, sagt Yithzak. „Wir werden unsere Gäste einfach an unserem ganz normalen Leben teilhaben lassen und sie zu unseren verschiedenen Projekten mitnehmen.“ Er will sie zum wöchentlichen Chortreffen und zum Bibelkreis mitnehmen, aber auch zur Armenspeisung auf dem Hauptboulevard und in das Altenheim der Schwestern von Kalkutta (Missionarinnen der Nächstenliebe). „Wir bringen dort Lebensmittel wie Reis, Bohnen und Nudeln mit. Aber die Alten freuen sich auch unglaublich, wenn man einfach nur mit ihnen spricht oder ihre Hand hält“, sagt er. Auch Yithzak und seine Mutter wollen fünf Pilger aufnehmen. „Wir haben zwar nur eine kleine Wohnung und es wird ein bisschen eng werden, aber ich bin mir sicher, dass es ein tolles und intensives Erlebnis sein wird.“

Adveniat-Weihnachtsaktion 2018: Chancen geben – Jugend will Verantwortung

Die Adveniat-Weihnachtsaktion 2018 steht unter dem Motto „Chancen geben – Jugend will Verantwortung“. Für viele junge Menschen in Lateinamerika und der Karibik enden Kindheit und Jugend viel zu früh: Als Jugendliche müssen sie bereits für das Überleben ihrer Familie arbeiten. Dabei träumen sie von einer guten Zukunft, wollen zur Schule gehen, studieren und Verantwortung übernehmen – in Kirche und Gesellschaft. Zusammen mit der Kirche vor Ort gibt Adveniat benachteiligten Jugendlichen die Chance, ihre Träume zu verwirklichen. In den Monaten November und Dezember berichten Adveniat-Aktionspartner aus Brasilien, El Salvador, Kolumbien, Nicaragua und Panama, wie sie Verantwortung übernehmen und Jugendlichen Chancen geben. Die Eröffnung der bundesweiten Adveniat-Weihnachtsaktion findet am 1. Advent, dem 2. Dezember 2018, gemeinsam mit dem Bistum Limburg statt. Die Weihnachtskollekte am 24. und 25. Dezember in allen katholischen Kirchen Deutschlands ist für Adveniat und die Hilfe für die Menschen in Lateinamerika und der Karibik bestimmt.

Mehr zum Thema:

Der siebte Tag: Eine Reise in die bedrohte Welt der Yanomami

In sechs Tagen schuf Gott die Welt. Am siebten Tag machten sich Bulldozer daran, das Paradies wieder einzureißen. Die voranschreitende Vernichtung des Amazonaswaldes bedroht auch die letzten noch in ihm und mit ihm lebenden indigenen Völker.

Aus dem Kleinflugzeug heraus sieht Armindo Goes Melo schier unendliche Wälder unter sich vorbeiziehen. Die Abgeschiedenheit seiner Heimat hat seinem Volk, den Yanomami, hier im äußersten Norden Brasiliens bisher das Überleben gesichert. Dafür arbeitet Goes als Generalsekretär der Yanomami-Organisation Hutukara tagtäglich. „Unsere Arbeit hat drei Säulen: die Gesundheitsversorgung und Schulbildung für unser Volk sowie den Schutz unseres Territoriums.“ Es gilt, mit Hilfe der lokalen Zivilgesellschaft und ausländischen Medien Druck auf die Lokalpolitik auszuüben. In den letzten 30 Jahren hat Hutukara-Gründer Davi Kopenawa weltweit unermüdlich auf die Bedrohung durch die Kultur der Weißen aufmerksam gemacht.

Angesichts des internationalen Mediendrucks sprach Brasiliens Regierung den Yanomami am Vorabend der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 ein zehn Millionen Hektar großes Schutzgebiet zu. Hier können die meisten der 35.000 Yanomami weiter nach ihren Traditionen leben. Doch immer wieder dringen Goldsucher und Holzfäller illegal in ihr Land ein, verseuchen Flüsse und vernichten Wald.

Auch von staatlichen Sozialprogrammen sind die Yanomami bedroht. Besonders nahe den urbanen Zentren geben Indigene ihre traditionelle Landwirtschaft auf, begeben sich in die staatliche Abhängigkeit. Langsam, aber scheinbar unaufhaltsam dringt die moderne weiße Zivilisation auch zu den Yanomami vor.

Die Kollision mit der weißen Kultur haben die Tenharin schon hinter sich. Anfang der 1970er-Jahre erreichte das Transamazônica-Straßenprojekt der brasilianischen Militärdiktatur (1964–1985) die Wälder des westbrasilianischen Amazonasgebietes. Plötzlich standen riesige Bulldozer in ihren Dörfern, planierten ihre Friedhöfe und durchschnitten ihre Gebiete. Von einst 10.000 Tenharin überlebten nur 200. Der Rest starb rasch an Masern und Grippe.

Zuerst starben die Schamanen, die religiösen Führer und Medizinmänner. Sie hatten vergeblich versucht, den Krankheiten des weißen Mannes Einhalt zu gebieten. Ohne sie taumeln die heute rund 1.000 Tenharin von einem Kulturschock zum nächsten. Handys und Fertiggerichte, Telenovelas und flotte Motorräder stehen Geisterbeschwörungen und der Mbotawa, ihrem traditionellen Erntedankfest, gegenüber. Werden die Riten nicht korrekt vollzogen, verlieren sie den Beistand ihrer Urgeister.

Zuletzt wurden die Riten gebrochen. Grund war der Konflikt mit den weißen Siedlern. Es geht um das ihnen vom Staat zugesprochene Schutzgebiet, die letzte grüne Oase, umringt von Zerstörung. Viehbarone wollen es sich einverleiben. Der Staat schaut nur zu. Nach gewaltsamen Zusammenstößen mit weißen Siedlern sind fünf Anführer der Tenharin wegen Mordes angeklagt. Ihre Abwesenheit bei den Mbotawa-Festen hat bittere Konsequenzen für das Volk. „Sie glauben, dass ihre Geister sie verlassen haben“, sagt Bischof Dom Roque Paloschi, Präsident des katholischen Indigenen-Missionsrates Cimi, dessen Arbeit das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat seit vielen Jahren unterstützt. Cimi stellte den Tenharin Anwälte zu ihrer Verteidigung zur Verfügung.

Im Gegensatz zum Ressourcen fressenden und Natur zerstörenden Lebensmodell der weißen Kultur sei das Überleben der indigenen Völker unzertrennlich mit dem Überleben des Urwaldes verknüpft. „Die indigenen Gebiete sind die, die noch am besten erhalten sind“, so Paloschi. Doch Brasiliens mächtige Agrarlobby wolle die Amazonaswälder lieber wirtschaftlich nutzen, statt sie den Indigenen zu überlassen.

„Der Papst schreibt in seiner Umweltenzyklika Laudato si´, dass wir mit jeder aussterbenden Tierart ein Stück weit mitsterben, dass unsere Welt ärmer wird, wenn ein indigenes Volk ausstirbt. Aber ihr Überleben zu garantieren, garantiert das Überleben dieses wundervollen Gartens Amazonien“, ist Bischof Dom Roque überzeugt.

Zweitausend Kilometer weiter westlich schwelt ebenfalls ein Konflikt. Hier, wo Perus Anden in das Amazonastiefland übergehen, bedrohen Öl- und Minenunternehmen das Überleben der indigenen Völker der Awajún und Wampi. Zuletzt brach eine Pipeline des staatlichen Ölkonzerns Petroperu an mehreren Stellen. Die Flüsse, die den indigenen Völkern der Awajún und Wampi als Lebensgrundlage dienen, sind verseucht. „Mit diesem Wasser bewässern sie ihre Felder, sie essen die Fische, baden hier und trinken aus dem Fluss. Ein Desaster“, sagt Bischof Gilberto Alfredo Vizcarra Mori.

Das Problem sei nicht alleine die Verseuchung der Umwelt durch die Konzerne. „Auch die Indigenen konsumieren mittlerweile industrielle Lebensmittel, benutzen Wegwerfwindeln für ihre Kinder, verschmutzen ihre eigenen Trinkwasserquellen mit dem Müll. Sie haben nicht gelernt, mit diesen Produkten umzugehen“, so Bischof Vizcarra. Der Kontakt mit der ihnen unbekannten weißen Konsumgesellschaft hat das Leben der Indigenen auf den Kopf gestellt. Eine hohe Ansteckungsrate mit dem HI-Virus und falsche Ernährung sind das Ergebnis.

Die Kirche unterstützt Landwirtschaftsprojekte, Fischzucht und den Anbau traditioneller Agrarprodukte, die den Indigenen eine neue Überlebensbasis geben sollen. „Aber schauen Sie sich um, wir sind mitten in diesem riesigen Urwaldgebiet. Die Kirche alleine kann das nicht stemmen. Wir bräuchten Hilfe vom Staat und ausländischen Organisationen.“

Die weit von den urbanen Zentren lebenden indigenen Gruppen zu organisieren, sei eine riesige Aufgabe, sagt Padre Pedro Hughes. Im September 2014 hatte der in Lima wirkende Geistliche an der Gründung des panamazonischen kirchlichen Netzwerkes Repam (Red Eclesial PanAmazónica) teilgenommen, an dem auch das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat beteiligt ist. Mit Hilfe der kirchlichen Strukturen in der Amazonasregion soll auf die Zerstörung der Natur und die Bedrohung der Indigenen aufmerksam gemacht werden.

Man müsse „durch Repam politischen Druck aufbauen und Allianzen zwischen den indigenen Völkern schmieden“. Nur gemeinschaftlich sei der Zerstörung der Natur und der in ihnen lebenden Völker Einhalt zu gebieten. Gelingt dies nicht, verschwinde mit den letzten Naturvölkern auch der letzte Garten Eden auf Erden.

Mit Weihnachtsaktion 2016 unter dem Motto Schützt unser gemeinsames Haus setzt sich das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat für die ursprünglichen Völker des Amazonasgebiets ein.

Der Ball rollt – faire Aktionen zur WM in Brasilien

Aus dem Jahr 2006 hab ich noch das Lied von Herbert Grönemeyer im Ohr und es ist wieder so weit, die Werbemaschine dreht sich auf vollen Touren. Keiner der großen Sponsoren der Fußballweltmeisterschaft, der nicht eine extra Kampagne startet. Jeder, der was auf sich hält, ist dabei. Und ich als normaler Mediennutzer bin auch voll dabei. So zehn Stunden Mediennutzung am Tag ist der Durchschnitt bei uns in Deutschland.
Die neuen Möglichkeiten, neben dem Fernseher auch noch über Twitter und Facebook den eigenen Kommentar zum Spiel, zur Taktik, zum WM-Ball, den sozialen Verwerfungen im Austragungsland Brasilien zum Besten zu geben, helfen mir dabei, die zehn Stunden locker voll zu machen.

„Zeit, das sich was dreht…“

Es gibt zwei tolle WM-Kampagnen kirchlicher Hilfswerke, auf die ich gerne noch hinweisen will und die ich auch bei der WM unterstütze. Ok, für Insider nicht neu, aber die WM schafft halt eine besondere Öffentlichkeit und Medienzeiten für derartige Aktionen.
Die Aktion Steilpass von Adveniat, DJK, KAB, KLJB und Kolping International will im Kontext der Fußball-WM aufzeigen, dass auch dort, wo die großen Fußball- Arenen gebaut wurden, Armut und Ungerechtigkeit herrschen und große Bevölkerungsschichten benachteiligt werden.

Logo_Steilpass_kooperationspartner

Online gibt es jede Menge gutes Material, besonders auf die Unterschriftenliste (online und zum ausdrucken) will ich hinweisen. Da werden menschenwürdige Arbeitsplätze, gute Bildung, eine faire Justiz und vieles mehr gefordert.
Cocktail_Stop_470px

Und die zweite gute Sache kommt von Misereor: Ob in der Schulpause mit fruchtigen, alkoholfreien Cocktails oder abends zum Public Viewing nach Wunsch auch mit Alkohol: Cocktail Stop heißt, Cocktails gemixt aus fair gehandelten Zutaten gegen eine Spende auszuschenken. Das ist die perfekte Idee für einen Fußballabend in sommerlicher Atmosphäre. Infos und Rezept

Mehr zum Thema:

Beitragsfoto: Tânia Rego/ABr