Flüchtling ist nicht gleich Flüchtling

Haben diese vier Tage in Jordanien wirklich genügt, um ein umfassendes Bild von der Lage der Flüchtlinge in Jordanien zu bekommen?

Nein definitiv nicht, schließlich gibt es nicht den typischen Flüchtling und die allgemeine Lage. Aber dennoch kann man ein paar grundlegende Feststellungen treffen, einiges konnten wir, meine Kolleginnen und Kollegen aus vier bayerischen Bistümern, in der Zeit lernen.

Wichtigste Voraussetzung für diesen Lernprozess war die gute Vorbereitung der Reise durch die Caritas Jordanien. Deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind seit 1967 in Jordanien tätig, sie werden dabei tatkräftig von Caritas international mit Sitz in Freiburg unterstützt. Caritas international hat die weltkirchlichen Fachstellen der bayerischen Bistümer deshalb eingeladen, ihre Fachleute bei einer Reise zu begleiten, damit wir in Deutschland kompetent über die globale Dimension von Flucht und Migration Auskunft geben können, als Teil unseres Auftrags, durch das „Globale Lernen“ weltweite Zusammenhänge unseren Bürgerinnen und Bürgern zu erschließen. Ich bin sehr froh, dass mit mir auch Frau Dr. Cordula Klenk mitgekommen ist, sie ist die Flüchtlingsreferentin des Malteser Hilfsdienstes im Bistum Eichstätt.

Und dann sitzt man in Zarqa, einer Stadt im Großraum von Amman, auf dem Fußboden. Ein dünner Teppich schützt vor der relativen Kälte von gefühlten sechs bis acht Grad, die in diesen Tagen in Jordanien herrscht. Die Wände sind nicht isoliert, eine Heizung gibt es nicht. Mir sitzt ein Mann von ungefähr 35 Jahren gegenüber, seine Tochter sitzt an seiner Seite. Die Ehefrau und drei weitere Kinder bekommen wir nicht zusehen. Er erzählt von seinem Dorf zwischen Damaskus und Aleppo, dort lebte er mit seinen Eltern, Geschwistern und seiner Frau, bis eines Tages im Jahr 2012 ein Angriff aus der Luft sein Haus zerstörte. Von einem politischen Engagement erzählt er nichts. Er war Lehrer an einer weiterführenden Schule für arabische Literatur. Man merkt seine Liebe zur Literatur, er hat seinen Beruf geliebt. Ich würde ihn als einen introvertierten intellektuellen Feingeist beschreiben. Hier in Jordanien darf er aber leider nur als Tagelöhner am Bau arbeiten, darum geht er täglich an eine Kreuzung und dort werden dann kurzfristig Arbeitskräfte für einen Tag angeheuert. Planen lässt sich mit so einem unsichererem Einkommen nicht. Sicherlich ist das nicht einfach, wenn die Rolle des Mannes als Versorger der Familie so karikiert wird. Ich frage ihn ganz direkt, wann er das letzte Mal ein Buch lesen konnte. Er sagt, dass er seit sieben Jahren keine arabische Literatur mehr lesen konnte. Mir schießt der Spruch in den Kopf, dass der Mensch nicht nur vom Brot alleine lebt. Was kann man da tun, wie kann man helfen?

Schnell versuche ich mich an die statistischen Zahlen zu erinnern, die wir am Morgen bei der Caritas erfahren hatten: über 650.000 Syrer sind als Flüchtlinge hier registriert. Über 80 Prozent dieser Flüchtlinge leben aber nicht in den aus den Medien bekannten Flüchtlingslagern, sondern sie sind über das gesamte Land und besonders über den Ballungsraum Amman verstreut vereinzelt untergebracht. Die jordanische Statistikbehörde geht von insgesamt 1,3 Millionen Syrern und von rund 300.000, davon knapp 68.000 registrierten, Irakern in Jordanien aus.

Die Caritas Jordanien hat 12 Beratungsstellen für syrische Flüchtlinge eingerichtet, es gibt u.a. Bildungsprogramme, Nachmittagsunterricht, Anti-Mobbing Kurse für Mütter und Kinder und ein “cash program”. Einige dieser Einrichtungen in Zarqa, Amman und Salt konnten wir auch selbst besuchen. Echt klasse, wie gut die Kirche oder genauer die Caritas hier hilft. Für das nächste Jahr haben wir einen Info-Abend zum Thema in Eichstätt schon vereinbart.

Aber wir erfahren noch von ganz anderen Schicksalen: Besonders die Flüchtlinge aus dem Irak sind rechtlich und wirtschaftlich wesentlich schlechter gestellt als die Syrer. Und sie haben auch alle Hoffnung aufgegeben, jemals wieder in die Heimat zurückkehren zu können. Fast genauso dramatisch ist die Lage der Migranten aus Ägypten.

Und noch eines durften wir lernen: die jordanische Gesellschaft hat es geschafft, die vielen Flüchtlinge und Arbeitsmigranten aus insgesamt 57 (!) Ländern so in die Gesellschaft zu integrieren, dass ein friedliches Zusammenleben ohne Angst vor Überfremdung gelingt. Das ist eine ganz besondere Leistung, schließlich macht die Zahl der Zugewanderten – einschließlich der vielen Palästinenser, die in Jordanien Zuflucht fanden – etwa die Hälfte der Einwohnerzahl des Landes aus. Kann man bei den vergleichsweise niedrigeren Zahlen in Deutschland und Europa sagen, unser Boot ist voll?

Zurück nach Zarqa: Am gleichen Abend kann ich am Rande eines Gespräches mit dem apostolischen Administrator des lateinischen Patriachats von Jerusalem, Erzbischof Pizzaballa, und dem Patriarchalvikar des Lateinischen Patriarchates von Jerusalem für Jordanien, Weihbischof Shomali, anregen, dass sich die Caritas um die Einrichtung einer kleinen Bibliothek bemühen wird, damit auch die geistige Dimension der Flüchtlinge nicht ganz vergessen wird. Ein kleiner Beitrag – vielleicht?

Ein Gedanke zu „Flüchtling ist nicht gleich Flüchtling“

  1. Lieber Herr Rott,

    vielen herzlichen Dank für diesen sehr informativen Blog. Ich kann nur hoffen, dass viele Menschen
    in unserem Land differenziertere Vorstellungen in dieser hochkomplexen und vor allem – was oft
    vergessen wird – ethisch relevanten Problematik entwickeln können.

    Klaus Schimmöller
    Ingolstadt

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