Archiv der Kategorie: Lateinamerika

Brasilien im Corona-Chaos

Die Pandemie hat auch unser Leben in Brasilien total verändert. Anfang des Jahres dachten wir noch, dass der Virus nicht zu uns kommen würde. Aber am 25. Februar wurde der erste Corona-Fall in Brasilien registriert, mittlerweile sind es schon 3.180.758 Fälle (Stand 12.08.20). Der erste Todesfall wurde am 13. März registriert, jetzt sind es schon 104.528 Fälle. Der Bundesstaat Mato Grosso, wo ich derzeit lebe, registrierte den ersten Fall am 19. März, mittlerweile sind es schon 69.085 (14.470 Fälle allein in der Hauptstadt Cuiaba). Den ersten Todesfall gab es hier am 3. April, inzwischen sind es 2.264 (649 davon in Cuiaba).

Die Pandemie verschärft die sozialen und wirtschaftlichen Probleme und man befürchtet einen totalen Zusammenbruch und Chaos. Die Bekämpfung der Pandemie wird durch die Verharmlosung des brasilianischen Präsidenten erschwert. Er bezeichnet Covid-19 als harmlose Grippe und lehnt Schutzmaßnahmen wie soziale Distanzierung, Maskenpflicht und Einschränkung der Aktivitäten in besonders gefährdeten Gebieten als wirtschaftsschädigend ab. Das bekannte Malariamittel Chloroquin ist seiner Meinung nach das Wundermittel gegen Covid-19. Jair Bolsonaro ignoriert die Wissenschaftler und den brasilianischen Ärzteverband, die auf die negativen Folgen seiner Politik hinweisen. Deshalb mussten auch zwei Gesundheitsminister, angesehene Ärzte, seine Regierung verlassen. Ein General leitet das Gesundheitsministerium und ersetzte erfahrene Experten durch Militärs.

Transparent vor dem Dom in Caceres, Mato Grosso: „Aus Liebe zu Gott, bleibt zu Hause“. Foto: Manfred Göbel

Bolsonaro erhält Unterstützung von den evangelikalen Freikirchen, dem konservativen Lager der katholischen Kirche, Unternehmern, Geschäftsleuten, einem Teil des Militärs und von allen, die seine Ideen gutheißen, das sind rund 30 Prozent der Bevölkerung. Anstatt das Land zu einen, spaltet er es durch seine radikalen Ideen. Er sagt zum Beispiel: „Wir, die Rechten, nehmen Chloroquin gegen Covid-19 und die ‚Linken‘ trinken Tubainsaft.“ Der rechtsgerichtete Präsident bezeichnet sich auch als Schutzwall gegen den Kommunismus und als Garant für die Demokratie. Die Spaltung geht quer durch die Bevölkerung und auch durch die katholische Kirche, was das vor kurzem veröffentlichte Schreiben „Brief an das Volk Gottes“ zeigt. In dem Dokument kritisieren 152 brasilianischen Bischöfen (rund ein Drittel der Bischöfe) eine fehlende Politik zur Verbesserung der Lebensbedingungen der armen Bevölkerung sowie die Unfähigkeit Krisen zu bewältigen, vor allem in Bezug auf Covid-19. Eine Reaktion des Präsidenten blieb bisher aus. Anscheinend hat er das Schreiben ignoriert.

Die Pandemie ist auch in die Indianergebiete eingedrungen. Die letzten Zahlen (vom 11.08.20) sprechen von 24.246 Fällen, davon 664 Tote. Bis jetzt sind 148 Indianervölker von insgesamt 305 Völkern mit einer Gesamtbevölkerung von 734.000 Indianern betroffen. Man hatte es versäumt, die Indianergebiete zu schützen und sanitäre Barrieren zu errichten.

Die Lage hatte sich zeitweise in vielen Regionen dramatisch verschlechtert und die Gesundheitsdienste kollabierten, wie zum Beispiel in Mato Grosso und Cuiaba. Die Krankenhäuser waren voll und es gab keine Intensivbetten mit Beatmungsgeräten mehr. Viele Krankenschwestern und Ärzte sind an Corona erkrankt, einige gestorben, deshalb fehlt Personal. Momentan hat sich die Lage in Cuiaba etwas verbessert, nachdem drei Wochen lang alles geschlossen war. Doch wie lange bleibt es so?

Fast vergessen wegen der Pandemie verzeichnet die Abholzung des Regenwaldes neue Rekordzahlen. Von August 2019 bis Juli 2020 wurden 9.125 Quadratkilometer Urwald abgeholzt, eine Steigerung von 34,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Seit Wochen plagen uns großflächige Brände, die große Rauchwolken über Cuiaba bringen. Hinzu kommt das trockene Klima mit einer Luftfeuchtigkeit von nur 17 Prozent. Das Naturschutzgebiet Pantanal verbucht eine seiner schwersten Brände-Saisons. Um 28 Prozent nahmen die Brände gegenüber dem Vorjahr zu. Atemwegserkrankungen wegen Corona und den großen Bränden peinigen die Bevölkerung.

Die Organisation Acamis betreut mit Unterstützung der DAHW 230 Kinder und Jugendliche in der Corona-Krise. Foto: Manfred Göbel

Wegen der Pandemie leiden alle anderen Gesundheitsprogramme. Die Leprabetreuung wird vernachlässigt. Seit März finden keine Aufklärungskampagnen und auch keine Ausbildungskurse statt. Die letzten Zahlen vom Gesundheitsministerium im Mato Grosso zeigen, dass die Zahl der neuen Leprafälle im ersten Halbjahr um 50 Prozent zurückging gegenüber dem Vorjahr, von 2.304 auf 1.279 Fälle. Im Jahre 2019 wurden insgesamt 4.424 Fälle im Mato Grosso registriert. Das heißt, dass viele an Lepra erkrankte ohne Diagnose und Behandlung sind. Das wird die Leprakontrolle um Jahre zurückwerfen. Auch die geplanten Projekte und Aktivitäten der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) in Brasilien konnten wegen der Pandemie nicht im vollen Umfang durchgeführt werden.

Mehr zum Thema:
Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe in Brasilien

Missionarinnen Christi helfen in der Coronakrise in Brasilien


Missionarinnen Christi helfen in der Coronakrise in Brasilien*

Ende Februar erreichte das Coronavirus auch Brasilien. Seit Mitte März wurde das öffentliche Leben in Brasilien stark eingeschränkt. Die Schulen wurden geschlossen, Gottesdienste konnten nur mehr über die Medien mitgefeiert werden und die Menschen aufgerufen, möglichst zu Hause zu bleiben. Uns Missionarinnen Christi war sofort klar, dass dies eine große Not für viele Familien in der Peripherie bringen wird, da rund 40 Prozent der Bevölkerung ihr Einkommen von informeller Arbeit bestreitet. Viele kleine Straßenhändler, Reinigungskräfte, Hausangestellte und Arbeiter/innen in Nähwerkstätten haben keinerlei finanzielle Rücklagen und stehen jetzt durch die Anordnung der sozialen Distanzierung (die die einzige „Impfung“ gegen das Virus ist) ohne Einkommen da, sie wissen nicht, wie sie überleben sollen. Viele Familien haben ihre Lebensgrundlagen verloren.

Sr. Petra Pfaller (links) bein ihrem Einsatz in der Coronakrise in Brasilien

Inzwischen sehen wir auch in Brasilien, wie sehr das Leid und die Verzweiflung die Menschen im ganzen Land trifft: Überfüllte Krankenhäuser, voller Einsatz des Gesundheitspersonals, Mangel an Schutzkleidung, Tests, Beatmungsgeräten, immer mehr Tote und chaotische Situationen auf den Friedhöfen. Schon jetzt kommen die meisten Patienten aus den Armenvierteln, weil die unmenschlichen Lebensbedingungen die Ausbreitung des Virus maßgeblich begünstigen.

Das Nothilfeprogramm der brasilianischen Regierung, das bedürftigen Familien drei Monate lang 600 Reais (das sind ca. 100 Euro) ausbezahlt, kommt nur sehr schleppend in Gang und grenzt wieder viele Bedürftige aus. Und es hat offen gelegt, dass rund 50 Millionen Menschen diese Notfallhilfe beantragt haben und dauerhaft einen angemessen Soziallohn bräuchten.

Spendenaktion der Missionarinnen Christi

Von Anfang an haben wir Missionarinnen Christi die Situation dieser Familien mit Aufmerksamkeit wahrgenommen und als wir vermehrt um Lebensmittelpakete und um “irgendetwas zu essen” angefragt wurden, war klar, dass wir helfen müssen. Wegen der Coronakrise waren keine direkten Lebensmittelspenden möglich, denn das hätte viele direkte persönliche Kontakte bedeutet. So haben wir entschieden, einen finanziellen Spendenaufruf unter dem Motto „Hoffnung bringen mit den Missionarinnen Christi – Lebensmittel und Kochgas für bedürftige Familien“ über Facebook hier in Brasilien zu starten. Die meisten unserer Freunde und Bekannten unterstützten uns, indem sie unsere Aktion weiterleiteten, da es ihnen selber nicht möglich war, Geld zu spenden oder weil sie selbst schon anderen Familien halfen. Trotzdem kam eine für unsere Verhältnisse doch ansehnliche Summe zusammen, über die wir uns sehr gefreut haben und die es uns ermöglicht hat, Anfang April unsere Hilfsaktion zu starten.

Situation in den Gefängnissen

Die Menschen in den brasilianischen Gefängnissen sind dem Virus Covid-19 ganz besonders ausgesetzt. Schon ohne Pandemie sind die Verhältnisse dort krankmachend und oft tödlich, ganz besonders für die mehr als 45.000 Frauen in Haft. Einige wenige, schätzungsweise 5.000, hauptsächlich aus dem halboffenen Vollzug, wurden wegen der großen Ansteckungsgefahr des Coronavirus nun in den Hausarrest geschickt. Aus dem geschlossenen Strafvollzug wurden jedoch nur wenige Frauen entlassen, nur Frauen über 70 Jahre oder Schwangere. Die Präventivmaßnahmen in den Haftanstalten sind leider nur politisches Gerede. Man stelle sich vor, wie eine Isolation in den vollkommen überfüllten Haftanstalten möglich sein soll? Ganz abgesehen davon, dass Wasser und Seife Mangelware hinter Gittern sind.

Alle Besuche wurden verboten. Aber Besuche bekommen heißt auch, Zugang zu Essen, Medikamenten und persönlichen Hygieneartikeln (Seife, Zahnpasta) zu haben. Vierzig Prozent der gefangenen Frauen warten noch auf ihre Verhandlung; 90 Prozent sind Mütter, 80 Prozent sind Alleinerziehende. All dies sind nicht nur Zahlen, sondern Frauen, die eine wichtig soziale Funktion und Verantwortung für ihre Familie haben.

Männer in Haft haben weit aus nicht diese gesellschaftliche Verantwortung. Mehr als 80 Prozent dieser Frauen sind wegen Drogendelikten angeklagt oder verurteilt. Sie werden von den Richtern als besonders gefährlich eingestuft; die moralische Verurteilung spielt dabei eine sehr große Rolle. „Eine Frau tut das nicht! Hat sie denn nicht an ihre Kinder gedacht?“ habe ich schon von einem Richter im Gerichtssaal gehört. Eben weil sie an die Kinder dachte, ist sie jetzt in Haft. Die meisten dieser Frauen waren sogenannte „Mulas“, d.h. „Lastenträgerinnen“, sie übernahmen Botendienste für Drogenhändler. Sie erhoffen sich das schnelle Geld für den Unterhalt der Familie und stehen in der untersten hierarchischen Stufe der Drogenkriminalität. Damit sind sie der Strafverfolgung durch die Behörden am meisten ausgesetzt. Diese „gefährlichen“ Frauen, von denen die meisten schwarz und arm sind, haben schon ein geschwächtes Immunsystem. Durch die schlechte Ernährung und schmutzigen Haftanstalten müssen sie nun mit der Pandemie mehr denn je um ihr Leben und das ihrer Kindern bangen, von denen sie oft nicht wissen, wo sie sind. Nachrichten aus den Gefängnissen gibt es nur selten, da alle Besuche verboten wurden. Auch die Gefängnisseelsorge darf ihren gesetzlich zugesicherten Besuchsdienst jetzt nicht wahrnehmen. So sind die Gefangenen „isoliert“, alleingelassen, ohne jegliche Nachricht ihrer Familienangehörigen. Was tun? Wir werden weiterhin lebenswichtige Maßnahmen, vor allem für diese Frauen, von den zuständigen Behörden einfordern und uns ganz besonders für vorzeitige Haftentlassungen einsetzen.“

* Mit Auszügen aus einem Brief von Sr. Barbara Kiener, Regionalleiterin der Missionarinnen Christi in der Region Brasilien

Kardinal Ortega – ein Mann der Versöhnung und der Diplomatie

Kardinal Jaime Lucas Ortega y Alamino, der am 26. Juli 2019 in Havanna gestorben ist, war ein gefragter Gesprächspartner bei den Eichstätter Kuba-Tagungen, die vom Referat Weltkirche der Diözese Eichstätt gemeinsam mit der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt veranstaltet werden.

Die Eichstätter Delegation bei der Kuba-Tagung 2011 in Havanna: Links Prof. Horst Sing, Waltraud Schauer, Elisabeth Sing, Domkapitular Josef Blomenhofer, Kardinal Ortega, Prof. Bernhard Mayer, Helene Büchel, Raul Fornet-Betancourt, Gerhard Rott

Seit 2000 war Kardinal Ortega häufig in Eichstätt. Zusammen mit dem Exilkubaner Prof. Dr. Dr. Raul Fornet Betancourt hatte er und die beiden Eichstätter Professoren Horst Sing und Bernhard Mayer (2011 verstorben), der damals auch für das Referat Weltkirche zuständig war, mit dem Kuba-Dialogprogramm einen Rahmen geschaffen, um über die Perspektiven den Landes in einem akademischen Rahmen zu reden. Ehemalige deutsche Diplomaten sprachen in diesem Zusammenhang von hoffnungsvollen Zeichen der Annäherung. In seiner Delegation waren auch regierungsnahe Vertreter und so war der Marquardussaal im Bischöflichen Ordinariat auch in den Jahren 2002, 2007, 2009, 2012 und 2016 der neutrale Ort für vertrauliche Gespräche.

Domkapitular Josef Blomenhofer und sein Vorgänger im Referat Weltkirche, Bernhard Mayer, bei einer Stadtführung mit Kardinal Ortegan 2011 in Havanna. Foto: Gerhard Rott

Bei seinem letzten öffentlichen Vortrag in Eichstätt 2016 berichtete er ausführlich über seine Rolle als Vermittler zwischen Barack Obama und Raul Castro, die er im Auftrag von Papst Franziskus übernahm. Ortega war ein Mann der Versöhnung und der Diplomatie, der sich auf der Weltbühne sicher bewegte. Papst Fanziskus hatte ihm auch erlaubt, seine Mitschrift der Rede Bergoglios aus dem Vorkonklave zu veröffentlichen.

Video: Kuba-Tagung 2016 in Eichstätt

„Kardinal Ortega hat als politischer Vermittler Geschichte geschrieben“: Adveniat zum Tod des kubanischen Kardinals Jaime Ortega

„Menschen in der Zeit“ – Karoline Mayer

Die Mutter Teresa von Südamerika wird sie genannt – und in Chile, ihrem Missionsland, wird sie von den Armen wie eine Heilige verehrt.

Karoline Mayer – Das Geheimnis ist immer die Liebe

Die aus Eichstätt in Bayern stammende Missionarin und seit einem halben Jahrhundert in Südamerika wirkende Karoline Mayer bezeichnet sich selbst als Chilenin. Etwa wie der aus Südtirol stammende China-Missionar Joseph Freinademetz von sich selbst sagte: ich bin ein Chinese. Das heißt: das sind Menschen, die ihr Herz in ihr Missionsland und an andere Menschen verloren haben, bedingungslos und ohne Abstriche.

Eigentlich hatte es Karoline auch nach China gezogen – doch das Schicksal wollte es anders. Die Enttäuschung, von der Ordensgemeinschaft der Steyler Missionsschwestern nicht in das Reich der Mitte geschickt zu werden, war anfangs groß – doch bald sollte Chile für Karoline Mayer das Land ihrer Verwirklichung werden. Immer wieder wird sie von den Schergen der Pinochet-Diktatur verfolgt und wird für kurze Zeit sogar verhaftet. – Seit dem Übergang von der Diktatur von Augusto Pinochet zur Demokratie leitet die Missionarin ihre eigene Stiftung Cristo vive. Christus lebt. Unter dem Regime Pinochet war die Entwicklungshelferin eine offene Unterstützerin des zuvor demokratisch gewählten Salvador Allende. Die Steyler Missionsschwestern riefen sie darauf zurück in die Zentrale nach Holland. Kaum zwei Monate später tritt Karoline aus der Gemeinschaft aus und kehrt nach Santiago zurück. Zurück in die Elendsviertel am Rande der Großstadt.

Es ist ein sehr schwieriges Erlebnis, in die Hütten der Leute zu kommen und zu sehen, dass die Kinder unterernährt sind, dass es im Haus an allem fehlt .

Zurück in die Bergregionen Lateinamerikas. Hier kann die begabte Missionarin ihren Weg nach oben beginnen: begleiten wir Karolina Mayer jetzt persönlich auf ihrem mühsamen aber erfolgreichen Weg der Nächstenliebe:

„Es ist ein sehr schwieriges Erlebnis, in die Hütten der Leute zu kommen und zu sehen, dass die Kinder unterernährt sind, dass es im Haus an allem fehlt und dass der Inhalt des Kochtopfes für eine gesunde Ernährung der ganzen Familie nicht ausreicht. Ich merkte, dass der Familienvater zwar hart arbeitete – oft mehr als 48 Stunden pro Woche – sein Verdienst jedoch nicht ausreichte, die Familie zu ernähren und die Grundbedürfnisse zu befriedigen. Dieses Erlebnis hat mich für immer geprägt und ich verstehe jetzt, warum die Menschen, die dort inmitten der Armut leben, immer darum bangen, dass sie genügend zum Leben haben. Diese Grunderfahrung bleibt über Jahrzehnte hinweg nicht nur in ihren Kleidern, sondern auch in der Seele haften. Und auch, wenn es ihnen dann bessergeht, haben sie dennoch nie genug. Denn in ihrem Leben gibt es immer das „Gespenst“, dass es nicht ausreichen könnte.

Als dann die Kinder zum Essen kamen, staunte ich, dass sie in den ersten Wochen stets drei überhäufte Teller leeraßen

Das habe ich auch gemerkt, als ich mit den Frauen die Suppenküche anfing. Sie hatten die Idee gehabt, dass wir miteinander kochen könnten, dass wir in den Supermärkten nach Lebensmitteln mit abgelaufenem Verfallsdatum und auf Märkten nach leicht angefaultem Obst und Gemüse fragen könnten, das sich nicht mehr verkaufen lässt. Die Männer mussten in die Berge gehen und dort alles Brennbare holen, damit wir Feuer für den Suppentopf machen konnten. Und als dann die Kinder zum Essen kamen, staunte ich, dass sie in den ersten Wochen stets drei überhäufte Teller leeraßen. Ich hatte oft das Gefühl, sie müssten Bauchschmerzen haben und ich wollte ihnen so viel Essen verwehren, aber die Kinder mussten futtern. Das war ein Bedürfnis. Manchmal, wenn es ein Stück Brot dazugab, haben sie sich auch noch das ihres Nachbarn geschnappt. So war es zunächst.

Nach sechs bis acht Wochen regelmäßigen Essens ist dieses Bedürfnis bei den Kindern verschwunden, während ich oft gemerkt habe, dass die Eltern sehr viel mehr Sorge hatten, dass es nicht ausreichen könnte. Und das nicht nur bezüglich des Essens, sondern auch ihrer ganzen Lebensbedingungen. Sie haben Sorge, dass ihre Kinder keine Chance auf eine bessere Zukunft haben. Das ist ihr größter Wunsch. Gleichzeitig ist dieser aber immer verbunden mit dem Gefühl, dass das, was sie jetzt haben, wieder verloren gehen könnte oder dass sie nicht in der Lage sind, endgültig aus dieser sehr schwierigen Situation herauszukommen. Das ist ein Gefühl der Ohnmacht vor dem Leben und für diejenigen, die solche Situationen nie erlebt haben und nicht kennen, ist es sehr schwierig, diese Menschen zu verstehen.

… vor allem, wenn sie spüren, dass ich sie nicht verurteile

Von daher ist es eine ganz wunderbare Erfahrung, ihnen so nahe zu kommen und auch zu wissen, was im Armenviertel nachts passiert. Welche Probleme es gibt, worüber sich die Familien streiten. In den Holzhütten mit nur 50 Zentimeter Entfernung hörte ich alles: Die Person von nebenan, die sich gerade im Bett herumdreht, den Streit, wenn der Familienvater nach Hause kam und seine Frau anfing zu schimpfen, weil er betrunken war, die Kinder im Haus schrien und kreischten. Diese Situation mitzuerleben ermöglicht es, den Menschen näherzukommen, vor allem, wenn sie spüren, dass ich sie nicht verurteile, dass wir sie so annehmen, wie sie sind. In dieser Erfahrung war dann vor allem wichtig, dass die Menschen an der Lösung ihrer Probleme selbst beteiligt waren.“
Karoline Mayer aus den Anfängen ihrer Zeit

Unter dem Schutz der Kirche und in enger Zusammenarbeit mit der deutschen Hilfsorganisation „Cristo vive“ baut Karoline in den nächsten Jahren als gelernte Ärztin ein großes Familiengesundheitszentrum und eine Polyklinik auf, eröffnet weitere Kindergärten, Drogen-Therapiezentren sowie eine Obdachlosenherberge in acht Stadtteilen von Santiago de Chile. Weitere Stiftungen gibt es nun auch in Peru und in Bolivien. Eine fast unmenschliche Leistung. Fast 90 Prozent der Kosten werden inzwischen durch den chilenischen Staat übernommen, doch rund zehn Prozent müssen über Spenden finanziert werden. – Doch hören wir noch einmal Karoline selbst:

„Damals überlegten wir mit den Frauen: „Was könnt ihr machen?“ Ich hatte vorgeschlagen: „Wir könnten stopfen.“ Sie sollten ihre kaputten Sachen mitbringen, aber keine der Frauen – wir waren etwa zwölf – hatte etwas mitgebracht. Sie sagten, sie hätten nichts zum Mitbringen, hatten gar kein Interesse daran, stopfen zu lernen. Unglücklicherweise sagte eine von uns Frauen daraufhin unglücklicherweise: „Aber in deiner Jacke ist doch so ein dickes Loch!“ Da hat sich die Frau mit der Jacke so geärgert und fühlte sich so beleidigt, dass sie weggegangen ist. Wir mussten lernen damit umzugehen, wie sich diese armen Menschen vor uns, die wir ihnen ja helfen wollen, verteidigen. Einer von uns fiel dann ein, dass sie ja auch noch andere Dinge mitgebracht hatte und sie fing an, den Armen Kreuzstich beizubringen. Und das war fantastisch. Wir haben dann diese Individuals für den Tisch gemacht und die Frauen waren fasziniert. Sie wollten auch den Anderen zeigen, was sie konnten. Dass daraus Werkstätten und eine richtige Schule für Frauen werden würde, konnten wir uns damals nicht vorstellen.

Verboten ist hier nur eines, nämlich zu sagen: „Ich bin nicht fähig. Ich kann nicht. Ich weiß nicht.“ Alle können etwas, alle wissen etwas und alle sind fähig zu etwas

In den späteren Jahren konnten wir den Frauen anbieten, dass sie nicht nur Kreuzstich lernen, sondern auch Stricken und Nähen. Eine Frau gibt eine Jacke ab, die verkauft werden soll, doch der eine Ärmel ist drei Zentimeter länger als der andere. Im ersten Moment ärgert sich die Frau: „Ich habe so viel gearbeitet. Ihr versteht das nicht!“ Sie besteht darauf: „Ich habe so viel gearbeitet!“ Aber mit Liebe und Festigkeit musste ich ihr sagen: „Nein, es ist ganz wichtig, dass du das noch einmal aufmachst. Ich kann das natürlich auch für dich tun. Ich kann den Ärmel jetzt auch so machen, dass es ordentlich ist, aber auf die Dauer ist das nicht möglich, denn du wirst dein Produkt nicht verkaufen können.“ Die Leute haben es gelernt, und das hat auch ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Sie merkten, dass sie etwas wert sind und dass sie etwas können, dass ihre Produkte auch verkauft werden können – zu einem guten Preis, wenn sie es gut machen. Wir haben an die Wände geschrieben: „Verboten ist hier nur eines, nämlich zu sagen: „Ich bin nicht fähig. Ich kann nicht. Ich weiß nicht.“ Alle können etwas, alle wissen etwas und alle sind fähig zu etwas.

Die Frauen haben so einen kleinen Horizont. Unsere Mission ist, mit ihnen einen größeren Horizont zu erreichen. Das bedeutet, dass die Frauen etwas dazulernen müssen, sich mit dem, was sie wissen, nicht zufriedengeben dürfen. Sie müssen dazulernen, vor allem, um auch den Kindern mehr vermitteln zu können. Talente sollen gefördert werden, von denen die Frauen sich manchmal gar nicht vorstellen können, dass sie in ihren Kindern schlummern. Unsere Aufgabe ist, die Frauen auf ihrem Weg zu begleiten, um den Kindern eine Erziehung zu ermöglichen, die ihnen Zukunft gibt und das Potential, das in ihnen steckt zum Blühen bringt. Aber der Weg ist noch lang. Er darf nicht von oben herunter bestimmt werden, sondern gemeinsam mit den Leuten. Sie sollen immer spüren, dass sie dabei sind. Ganz wichtig in unserer Mission ist, dass das, was uns prägt, die Liebe zum Menschen ist. Eine Liebe nicht nur auf emotionaler oder sentimentaler Ebene, sondern eine Liebe, die bereit ist, das Leben für den Anderen einzusetzen, ein Stück Leben für den Anderen zu geben. Das ist eines der Ziele. Mit diesem Dienst wollen wir auch viele andere in der Gesellschaft zum Mitträumen einladen.“

Die Ehrungen und die Ungerechtigkeiten

Soweit ein kurzer, unvollständiger Rückblick auf das segensreiche Werk und Wirken von Karoline Mayer im O-Ton und auf ihre große Stärke, Menschen anzuregen und zu begeistern.

Die Liste der bisherigen Auszeichnungen für die „Mutter Theresa von Südamerika“ ist schier endlos, hier die wichtigsten: Bundesverdienstkreuz am Bande, Schalompreis der katholischen Universität Eichstätt, Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, Kardinaal Augustin Bea-Preis, Kardinal Fringspreis, Göttinger Edithstein-Preis, Marion Dönhofpreis, Preis „Heldin des Friedens“ der Jesuitenuniversität Santiago de Chile, „Goldenes Herz“ von „Ein Herz für Kinder“.

Post Scriptum: Karoline Mayer musste auch Ungerechtigkeiten erleben und ertragen. Von einem RTL-Explosiv Fernsehteam wurde ihre Stiftung „Cristo vive“ vor Jahren angeklagt, Spendengelder veruntreut zu haben. Natürlich hatte die Missionarin nichts damit zu tun, wie sich später herausstellte.. Zweitens: In einer Fernsehreportage der ARD war es Schwester Karoline vor laufenden Kameras nicht gelungen, sich von sexuellen Übergriffen eines Priesters aus Deutschland – mit dem sie viel zusammengearbeitet hatte – zu distanzieren. Die gute Samariterin zeigte, wenn es um ihre eigenen Angelegenheiten geht, wenig Talent zur Selbsthilfe. Das ist Charaktersache. Karoline Mayer hatte darunter sehr gelitten und beschrieb die Episode als eine der dunkelsten Stunden in ihrem bisherigen Leben. Dennoch hält sie weiterhin oder gerade deshalb eisern an ihrem Motto fest: Das Geheimnis ist immer die Liebe.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich von vatican news veröffentlicht.

Blogbeiträge von Karoline Mayer

Jugendliche als Akteure des Wandels

„Este es mi barrio“ ist eine in meinen Ohren sehr melodische Liebeserklärung an die Heimat, es wurde komponiert von Pater José Daniel Vallecillos und bildet den emotionalen Abschluss aller Vorträge, die Erika Torres in den letzten Wochen gehalten hat. Dabei hat die 26-jährige Sozialarbeiterin aus El Salvador, dem Beispielland der Misereor Fastenaktion 2019, sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, wie sie in ihrer Arbeit für die Stiftung Fundasal das Prinzip der Orientierung an den Stärken und Potentialen von jungen Menschen umsetzt.

Typisch für das bei uns vorherrschende Bild von Jugendlichen in El Salvador ist das Ergebnis einer Blitz-Recherche von Studentinnen und Studenten an der Katholischen Universität in Eichstätt-Ingolstadt. Es lautet: Bandenkriminalität!

Doch Erika Torres muss ihre Zuhörer enttäuschen. Sie sieht nicht die Defizite, sie setzt bei den Fähigkeiten und Interessen an. Zugleich rottet sie damit einen der Hauptgründe für die Migration vieler junger Menschen in Richtung USA aus. Bei Fundasal lernen die Jugendlichen nämlich, mit einer indigenen Technik Ziegel herzustellen und diese für den Bau der eigenen Häuser zu verwenden. Gleichzeitig öffnet ihnen das Erlernte Chancen, ein eigenes Einkommen zu generieren oder sich gegenseitig zu helfen. Doch das Konzept von Fundasal ist viel umfassender, es begnügt sich nicht mit der Vermittlung handwerklicher Kompetenzen. In dem von Misereor unterstützten Projekt werden auch die eigene Lebensgestaltung, der Zusammenhalt in der Gruppe und das gesellschaftliche Engagement geschult. Besonders auf den letzten Punkt legt Erika Torres ihren Schwerpunkt.

Ziegelherzustellung mit einer indigenen Technik. Foto: Schwarzbach/Misereor

Dieser Punkt ist ihr sehr wichtig, „die Schulung von Jugendlichen als Akteure des Wandels“, des gesellschaftlichen Wandels um noch genauer zu sein. Ermuntert fühlt sie sich dabei von Papst Franziskus, der zuletzt beim Weltjugendtag in Panama die jungen Menschen aufrief, sich aktiv für die Erhaltung des gemeinsamen Hauses, unserer Erde, und der Menschen, die darauf leben, einzusetzen. Fundasal schafft Räume und Gelegenheiten, damit junge Menschen ihre Themen und Anliegen zum Ausdruck bringen können. Ihre Argumente werden ernst genommen, ihre Lösungswege verdienen Respekt. „Friday for future“ lässt grüßen. So entsteht eine Identität, die sich an die Heimat gebunden fühlt und hier auch Perspektiven schaffen will. Nicht passiv auf Hilfe von außen wartend, sondern aktiv, mit dem, was man selbst zur Verfügung hat. Auf die Rückfragen aus dem Publikum beim abendlichen Vortrag in einer Pfarrei in Nürnberg-Langwasser bringt Erika Torres ihre Hoffnung zum Ausdruck, dass auch die Kirche diesen Weg der Selbstorganisation in der Jugendpastoral mehr berücksichtigt. So könne es gelingen, die Kirche wieder mit der Jugend zusammen zu bringen und einen lebensorientierten Dialog zu beginnen.

Und natürlich kommt die Frau aus El Salvador damit auch auf den 1980 ermordeten Erzbischof Oskar Romero zu sprechen. Der Heilige habe in seinem bischöflichen Wirken immer wieder versucht, die Kirche in Kontakt zu bringen mit den Menschen, die sich eher an den Rändern befinden.

Torres nimmt auch etwas mit von ihrem Aufenthalt in Eichstätt. Ein Stück Jura-Marmor, mit einer kleinen Versteinerung. Beim nächsten Haus, das mit Hilfe von Fundasal gebaut wird, wird es ein Teil den Bodens, es soll zum Ausdruck bringen, dass durch ihren Besuch auch eine symbolische Verbindung entstanden ist und die jungen Menschen in El Salvador auf unsere Solidarität bauen können.

Im Liedertext des eingangs erwähnten Liedes werden übrigens nicht nur die tollen Seiten besungen, sondern auch die Schattenseiten. Zum Beispiel die kaputten Dächer oder der Dreck im Fluss. Aber das gehört dazu, es klingt nicht resignativ, sondern will Mut machen, gemeinsam nach besseren Lösungen zu suchen. Keine „Heile-Welt-Phantasie“, sondern eine pragmatische Botschaft der Hoffnung.

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