Archiv der Kategorie: Lateinamerika

Kardinal Ortega – ein Mann der Versöhnung und der Diplomatie

Kardinal Jaime Lucas Ortega y Alamino, der am 26. Juli 2019 in Havanna gestorben ist, war ein gefragter Gesprächspartner bei den Eichstätter Kuba-Tagungen, die vom Referat Weltkirche der Diözese Eichstätt gemeinsam mit der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt veranstaltet werden.

Die Eichstätter Delegation bei der Kuba-Tagung 2011 in Havanna: Links Prof. Horst Sing, Waltraud Schauer, Elisabeth Sing, Domkapitular Josef Blomenhofer, Kardinal Ortega, Prof. Bernhard Mayer, Helene Büchel, Raul Fornet-Betancourt, Gerhard Rott

Seit 2000 war Kardinal Ortega häufig in Eichstätt. Zusammen mit dem Exilkubaner Prof. Dr. Dr. Raul Fornet Betancourt hatte er und die beiden Eichstätter Professoren Horst Sing und Bernhard Mayer (2011 verstorben), der damals auch für das Referat Weltkirche zuständig war, mit dem Kuba-Dialogprogramm einen Rahmen geschaffen, um über die Perspektiven den Landes in einem akademischen Rahmen zu reden. Ehemalige deutsche Diplomaten sprachen in diesem Zusammenhang von hoffnungsvollen Zeichen der Annäherung. In seiner Delegation waren auch regierungsnahe Vertreter und so war der Marquardussaal im Bischöflichen Ordinariat auch in den Jahren 2002, 2007, 2009, 2012 und 2016 der neutrale Ort für vertrauliche Gespräche.

Domkapitular Josef Blomenhofer und sein Vorgänger im Referat Weltkirche, Bernhard Mayer, bei einer Stadtführung mit Kardinal Ortegan 2011 in Havanna. Foto: Gerhard Rott

Bei seinem letzten öffentlichen Vortrag in Eichstätt 2016 berichtete er ausführlich über seine Rolle als Vermittler zwischen Barack Obama und Raul Castro, die er im Auftrag von Papst Franziskus übernahm. Ortega war ein Mann der Versöhnung und der Diplomatie, der sich auf der Weltbühne sicher bewegte. Papst Fanziskus hatte ihm auch erlaubt, seine Mitschrift der Rede Bergoglios aus dem Vorkonklave zu veröffentlichen.

Video: Kuba-Tagung 2016 in Eichstätt

„Kardinal Ortega hat als politischer Vermittler Geschichte geschrieben“: Adveniat zum Tod des kubanischen Kardinals Jaime Ortega

„Menschen in der Zeit“ – Karoline Mayer

Die Mutter Teresa von Südamerika wird sie genannt – und in Chile, ihrem Missionsland, wird sie von den Armen wie eine Heilige verehrt.

Karoline Mayer – Das Geheimnis ist immer die Liebe

Die aus Eichstätt in Bayern stammende Missionarin und seit einem halben Jahrhundert in Südamerika wirkende Karoline Mayer bezeichnet sich selbst als Chilenin. Etwa wie der aus Südtirol stammende China-Missionar Joseph Freinademetz von sich selbst sagte: ich bin ein Chinese. Das heißt: das sind Menschen, die ihr Herz in ihr Missionsland und an andere Menschen verloren haben, bedingungslos und ohne Abstriche.

Eigentlich hatte es Karoline auch nach China gezogen – doch das Schicksal wollte es anders. Die Enttäuschung, von der Ordensgemeinschaft der Steyler Missionsschwestern nicht in das Reich der Mitte geschickt zu werden, war anfangs groß – doch bald sollte Chile für Karoline Mayer das Land ihrer Verwirklichung werden. Immer wieder wird sie von den Schergen der Pinochet-Diktatur verfolgt und wird für kurze Zeit sogar verhaftet. – Seit dem Übergang von der Diktatur von Augusto Pinochet zur Demokratie leitet die Missionarin ihre eigene Stiftung Cristo vive. Christus lebt. Unter dem Regime Pinochet war die Entwicklungshelferin eine offene Unterstützerin des zuvor demokratisch gewählten Salvador Allende. Die Steyler Missionsschwestern riefen sie darauf zurück in die Zentrale nach Holland. Kaum zwei Monate später tritt Karoline aus der Gemeinschaft aus und kehrt nach Santiago zurück. Zurück in die Elendsviertel am Rande der Großstadt.

Es ist ein sehr schwieriges Erlebnis, in die Hütten der Leute zu kommen und zu sehen, dass die Kinder unterernährt sind, dass es im Haus an allem fehlt .

Zurück in die Bergregionen Lateinamerikas. Hier kann die begabte Missionarin ihren Weg nach oben beginnen: begleiten wir Karolina Mayer jetzt persönlich auf ihrem mühsamen aber erfolgreichen Weg der Nächstenliebe:

„Es ist ein sehr schwieriges Erlebnis, in die Hütten der Leute zu kommen und zu sehen, dass die Kinder unterernährt sind, dass es im Haus an allem fehlt und dass der Inhalt des Kochtopfes für eine gesunde Ernährung der ganzen Familie nicht ausreicht. Ich merkte, dass der Familienvater zwar hart arbeitete – oft mehr als 48 Stunden pro Woche – sein Verdienst jedoch nicht ausreichte, die Familie zu ernähren und die Grundbedürfnisse zu befriedigen. Dieses Erlebnis hat mich für immer geprägt und ich verstehe jetzt, warum die Menschen, die dort inmitten der Armut leben, immer darum bangen, dass sie genügend zum Leben haben. Diese Grunderfahrung bleibt über Jahrzehnte hinweg nicht nur in ihren Kleidern, sondern auch in der Seele haften. Und auch, wenn es ihnen dann bessergeht, haben sie dennoch nie genug. Denn in ihrem Leben gibt es immer das „Gespenst“, dass es nicht ausreichen könnte.

Als dann die Kinder zum Essen kamen, staunte ich, dass sie in den ersten Wochen stets drei überhäufte Teller leeraßen

Das habe ich auch gemerkt, als ich mit den Frauen die Suppenküche anfing. Sie hatten die Idee gehabt, dass wir miteinander kochen könnten, dass wir in den Supermärkten nach Lebensmitteln mit abgelaufenem Verfallsdatum und auf Märkten nach leicht angefaultem Obst und Gemüse fragen könnten, das sich nicht mehr verkaufen lässt. Die Männer mussten in die Berge gehen und dort alles Brennbare holen, damit wir Feuer für den Suppentopf machen konnten. Und als dann die Kinder zum Essen kamen, staunte ich, dass sie in den ersten Wochen stets drei überhäufte Teller leeraßen. Ich hatte oft das Gefühl, sie müssten Bauchschmerzen haben und ich wollte ihnen so viel Essen verwehren, aber die Kinder mussten futtern. Das war ein Bedürfnis. Manchmal, wenn es ein Stück Brot dazugab, haben sie sich auch noch das ihres Nachbarn geschnappt. So war es zunächst.

Nach sechs bis acht Wochen regelmäßigen Essens ist dieses Bedürfnis bei den Kindern verschwunden, während ich oft gemerkt habe, dass die Eltern sehr viel mehr Sorge hatten, dass es nicht ausreichen könnte. Und das nicht nur bezüglich des Essens, sondern auch ihrer ganzen Lebensbedingungen. Sie haben Sorge, dass ihre Kinder keine Chance auf eine bessere Zukunft haben. Das ist ihr größter Wunsch. Gleichzeitig ist dieser aber immer verbunden mit dem Gefühl, dass das, was sie jetzt haben, wieder verloren gehen könnte oder dass sie nicht in der Lage sind, endgültig aus dieser sehr schwierigen Situation herauszukommen. Das ist ein Gefühl der Ohnmacht vor dem Leben und für diejenigen, die solche Situationen nie erlebt haben und nicht kennen, ist es sehr schwierig, diese Menschen zu verstehen.

… vor allem, wenn sie spüren, dass ich sie nicht verurteile

Von daher ist es eine ganz wunderbare Erfahrung, ihnen so nahe zu kommen und auch zu wissen, was im Armenviertel nachts passiert. Welche Probleme es gibt, worüber sich die Familien streiten. In den Holzhütten mit nur 50 Zentimeter Entfernung hörte ich alles: Die Person von nebenan, die sich gerade im Bett herumdreht, den Streit, wenn der Familienvater nach Hause kam und seine Frau anfing zu schimpfen, weil er betrunken war, die Kinder im Haus schrien und kreischten. Diese Situation mitzuerleben ermöglicht es, den Menschen näherzukommen, vor allem, wenn sie spüren, dass ich sie nicht verurteile, dass wir sie so annehmen, wie sie sind. In dieser Erfahrung war dann vor allem wichtig, dass die Menschen an der Lösung ihrer Probleme selbst beteiligt waren.“
Karoline Mayer aus den Anfängen ihrer Zeit

Unter dem Schutz der Kirche und in enger Zusammenarbeit mit der deutschen Hilfsorganisation „Cristo vive“ baut Karoline in den nächsten Jahren als gelernte Ärztin ein großes Familiengesundheitszentrum und eine Polyklinik auf, eröffnet weitere Kindergärten, Drogen-Therapiezentren sowie eine Obdachlosenherberge in acht Stadtteilen von Santiago de Chile. Weitere Stiftungen gibt es nun auch in Peru und in Bolivien. Eine fast unmenschliche Leistung. Fast 90 Prozent der Kosten werden inzwischen durch den chilenischen Staat übernommen, doch rund zehn Prozent müssen über Spenden finanziert werden. – Doch hören wir noch einmal Karoline selbst:

„Damals überlegten wir mit den Frauen: „Was könnt ihr machen?“ Ich hatte vorgeschlagen: „Wir könnten stopfen.“ Sie sollten ihre kaputten Sachen mitbringen, aber keine der Frauen – wir waren etwa zwölf – hatte etwas mitgebracht. Sie sagten, sie hätten nichts zum Mitbringen, hatten gar kein Interesse daran, stopfen zu lernen. Unglücklicherweise sagte eine von uns Frauen daraufhin unglücklicherweise: „Aber in deiner Jacke ist doch so ein dickes Loch!“ Da hat sich die Frau mit der Jacke so geärgert und fühlte sich so beleidigt, dass sie weggegangen ist. Wir mussten lernen damit umzugehen, wie sich diese armen Menschen vor uns, die wir ihnen ja helfen wollen, verteidigen. Einer von uns fiel dann ein, dass sie ja auch noch andere Dinge mitgebracht hatte und sie fing an, den Armen Kreuzstich beizubringen. Und das war fantastisch. Wir haben dann diese Individuals für den Tisch gemacht und die Frauen waren fasziniert. Sie wollten auch den Anderen zeigen, was sie konnten. Dass daraus Werkstätten und eine richtige Schule für Frauen werden würde, konnten wir uns damals nicht vorstellen.

Verboten ist hier nur eines, nämlich zu sagen: „Ich bin nicht fähig. Ich kann nicht. Ich weiß nicht.“ Alle können etwas, alle wissen etwas und alle sind fähig zu etwas

In den späteren Jahren konnten wir den Frauen anbieten, dass sie nicht nur Kreuzstich lernen, sondern auch Stricken und Nähen. Eine Frau gibt eine Jacke ab, die verkauft werden soll, doch der eine Ärmel ist drei Zentimeter länger als der andere. Im ersten Moment ärgert sich die Frau: „Ich habe so viel gearbeitet. Ihr versteht das nicht!“ Sie besteht darauf: „Ich habe so viel gearbeitet!“ Aber mit Liebe und Festigkeit musste ich ihr sagen: „Nein, es ist ganz wichtig, dass du das noch einmal aufmachst. Ich kann das natürlich auch für dich tun. Ich kann den Ärmel jetzt auch so machen, dass es ordentlich ist, aber auf die Dauer ist das nicht möglich, denn du wirst dein Produkt nicht verkaufen können.“ Die Leute haben es gelernt, und das hat auch ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Sie merkten, dass sie etwas wert sind und dass sie etwas können, dass ihre Produkte auch verkauft werden können – zu einem guten Preis, wenn sie es gut machen. Wir haben an die Wände geschrieben: „Verboten ist hier nur eines, nämlich zu sagen: „Ich bin nicht fähig. Ich kann nicht. Ich weiß nicht.“ Alle können etwas, alle wissen etwas und alle sind fähig zu etwas.

Die Frauen haben so einen kleinen Horizont. Unsere Mission ist, mit ihnen einen größeren Horizont zu erreichen. Das bedeutet, dass die Frauen etwas dazulernen müssen, sich mit dem, was sie wissen, nicht zufriedengeben dürfen. Sie müssen dazulernen, vor allem, um auch den Kindern mehr vermitteln zu können. Talente sollen gefördert werden, von denen die Frauen sich manchmal gar nicht vorstellen können, dass sie in ihren Kindern schlummern. Unsere Aufgabe ist, die Frauen auf ihrem Weg zu begleiten, um den Kindern eine Erziehung zu ermöglichen, die ihnen Zukunft gibt und das Potential, das in ihnen steckt zum Blühen bringt. Aber der Weg ist noch lang. Er darf nicht von oben herunter bestimmt werden, sondern gemeinsam mit den Leuten. Sie sollen immer spüren, dass sie dabei sind. Ganz wichtig in unserer Mission ist, dass das, was uns prägt, die Liebe zum Menschen ist. Eine Liebe nicht nur auf emotionaler oder sentimentaler Ebene, sondern eine Liebe, die bereit ist, das Leben für den Anderen einzusetzen, ein Stück Leben für den Anderen zu geben. Das ist eines der Ziele. Mit diesem Dienst wollen wir auch viele andere in der Gesellschaft zum Mitträumen einladen.“

Die Ehrungen und die Ungerechtigkeiten

Soweit ein kurzer, unvollständiger Rückblick auf das segensreiche Werk und Wirken von Karoline Mayer im O-Ton und auf ihre große Stärke, Menschen anzuregen und zu begeistern.

Die Liste der bisherigen Auszeichnungen für die „Mutter Theresa von Südamerika“ ist schier endlos, hier die wichtigsten: Bundesverdienstkreuz am Bande, Schalompreis der katholischen Universität Eichstätt, Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, Kardinaal Augustin Bea-Preis, Kardinal Fringspreis, Göttinger Edithstein-Preis, Marion Dönhofpreis, Preis „Heldin des Friedens“ der Jesuitenuniversität Santiago de Chile, „Goldenes Herz“ von „Ein Herz für Kinder“.

Post Scriptum: Karoline Mayer musste auch Ungerechtigkeiten erleben und ertragen. Von einem RTL-Explosiv Fernsehteam wurde ihre Stiftung „Cristo vive“ vor Jahren angeklagt, Spendengelder veruntreut zu haben. Natürlich hatte die Missionarin nichts damit zu tun, wie sich später herausstellte.. Zweitens: In einer Fernsehreportage der ARD war es Schwester Karoline vor laufenden Kameras nicht gelungen, sich von sexuellen Übergriffen eines Priesters aus Deutschland – mit dem sie viel zusammengearbeitet hatte – zu distanzieren. Die gute Samariterin zeigte, wenn es um ihre eigenen Angelegenheiten geht, wenig Talent zur Selbsthilfe. Das ist Charaktersache. Karoline Mayer hatte darunter sehr gelitten und beschrieb die Episode als eine der dunkelsten Stunden in ihrem bisherigen Leben. Dennoch hält sie weiterhin oder gerade deshalb eisern an ihrem Motto fest: Das Geheimnis ist immer die Liebe.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich von vatican news veröffentlicht.

Blogbeiträge von Karoline Mayer

Jugendliche als Akteure des Wandels

„Este es mi barrio“ ist eine in meinen Ohren sehr melodische Liebeserklärung an die Heimat, es wurde komponiert von Pater José Daniel Vallecillos und bildet den emotionalen Abschluss aller Vorträge, die Erika Torres in den letzten Wochen gehalten hat. Dabei hat die 26-jährige Sozialarbeiterin aus El Salvador, dem Beispielland der Misereor Fastenaktion 2019, sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, wie sie in ihrer Arbeit für die Stiftung Fundasal das Prinzip der Orientierung an den Stärken und Potentialen von jungen Menschen umsetzt.

Typisch für das bei uns vorherrschende Bild von Jugendlichen in El Salvador ist das Ergebnis einer Blitz-Recherche von Studentinnen und Studenten an der Katholischen Universität in Eichstätt-Ingolstadt. Es lautet: Bandenkriminalität!

Doch Erika Torres muss ihre Zuhörer enttäuschen. Sie sieht nicht die Defizite, sie setzt bei den Fähigkeiten und Interessen an. Zugleich rottet sie damit einen der Hauptgründe für die Migration vieler junger Menschen in Richtung USA aus. Bei Fundasal lernen die Jugendlichen nämlich, mit einer indigenen Technik Ziegel herzustellen und diese für den Bau der eigenen Häuser zu verwenden. Gleichzeitig öffnet ihnen das Erlernte Chancen, ein eigenes Einkommen zu generieren oder sich gegenseitig zu helfen. Doch das Konzept von Fundasal ist viel umfassender, es begnügt sich nicht mit der Vermittlung handwerklicher Kompetenzen. In dem von Misereor unterstützten Projekt werden auch die eigene Lebensgestaltung, der Zusammenhalt in der Gruppe und das gesellschaftliche Engagement geschult. Besonders auf den letzten Punkt legt Erika Torres ihren Schwerpunkt.

Ziegelherzustellung mit einer indigenen Technik. Foto: Schwarzbach/Misereor

Dieser Punkt ist ihr sehr wichtig, „die Schulung von Jugendlichen als Akteure des Wandels“, des gesellschaftlichen Wandels um noch genauer zu sein. Ermuntert fühlt sie sich dabei von Papst Franziskus, der zuletzt beim Weltjugendtag in Panama die jungen Menschen aufrief, sich aktiv für die Erhaltung des gemeinsamen Hauses, unserer Erde, und der Menschen, die darauf leben, einzusetzen. Fundasal schafft Räume und Gelegenheiten, damit junge Menschen ihre Themen und Anliegen zum Ausdruck bringen können. Ihre Argumente werden ernst genommen, ihre Lösungswege verdienen Respekt. „Friday for future“ lässt grüßen. So entsteht eine Identität, die sich an die Heimat gebunden fühlt und hier auch Perspektiven schaffen will. Nicht passiv auf Hilfe von außen wartend, sondern aktiv, mit dem, was man selbst zur Verfügung hat. Auf die Rückfragen aus dem Publikum beim abendlichen Vortrag in einer Pfarrei in Nürnberg-Langwasser bringt Erika Torres ihre Hoffnung zum Ausdruck, dass auch die Kirche diesen Weg der Selbstorganisation in der Jugendpastoral mehr berücksichtigt. So könne es gelingen, die Kirche wieder mit der Jugend zusammen zu bringen und einen lebensorientierten Dialog zu beginnen.

Und natürlich kommt die Frau aus El Salvador damit auch auf den 1980 ermordeten Erzbischof Oskar Romero zu sprechen. Der Heilige habe in seinem bischöflichen Wirken immer wieder versucht, die Kirche in Kontakt zu bringen mit den Menschen, die sich eher an den Rändern befinden.

Torres nimmt auch etwas mit von ihrem Aufenthalt in Eichstätt. Ein Stück Jura-Marmor, mit einer kleinen Versteinerung. Beim nächsten Haus, das mit Hilfe von Fundasal gebaut wird, wird es ein Teil den Bodens, es soll zum Ausdruck bringen, dass durch ihren Besuch auch eine symbolische Verbindung entstanden ist und die jungen Menschen in El Salvador auf unsere Solidarität bauen können.

Im Liedertext des eingangs erwähnten Liedes werden übrigens nicht nur die tollen Seiten besungen, sondern auch die Schattenseiten. Zum Beispiel die kaputten Dächer oder der Dreck im Fluss. Aber das gehört dazu, es klingt nicht resignativ, sondern will Mut machen, gemeinsam nach besseren Lösungen zu suchen. Keine „Heile-Welt-Phantasie“, sondern eine pragmatische Botschaft der Hoffnung.

Mehr zum Thema:

Misereor-Fastenaktion 2019

„Oh wie schön ist Panama!“

Die Bauarbeiter, die im vierten Stock im noch offenen Zimmer eines Hochhauses stehen, halten in ihrer Arbeit inne, lachen und winken. Denn unten auf der Straße marschiert eine Gruppe ausländischer Pilger vorbei. Auch die Taxifahrer winken und hupen. So zeigte sich Panama-Stadt den jungen Menschen aus 156 Ländern, die zum Weltjugendtag zu Gast waren. Überall war das Logo, ein Herz mit einer stilisierten Muttergottes, zu sehen. Das Straßenbild von Panama-Stadt prägten junge Leute, die in den Straßen tanzten, klatschten, ihre Fahnen schwenkten. 110.000 Dauerteilnehmer reisten an, um eine Woche lang Gemeinschaft im Glauben und Papst Franziskus zu erleben.

Höhepunkt war wie jeden Weltjugendtag die Vigil und die Sonntagsmesse. Am Samstag machten sich die Pilger aus Panama-Stadt auf den Weg zum Campo San Juan Pablo II. im Metro Park südöstlich der Stadt. Dort entstand ein internationales Camp. Die jungen Menschen rollten Isomatten aus, bauten Zelte auf und ließen die Landesfahnen an ihren Lagern wehen.

Da der Weg nicht weit war, waren viele Pilger aus Kolumbien, Guatemala, Nicaragua, Costa Rica und Mexiko angereist. Aus Europa waren die Polen stark vertreten. Nach ihnen kamen die Deutschen mit 2.300 Teilnehmern.

Eine große Gruppe aus Deutschland, 160 junge Menschen, kam mit der „Jugend 2000“ und den Bistümern Augsburg und Eichstätt, bestens organisiert von Biblische Reisen. Für viele von ihnen war der Weltjugendtag vor allem ein spirituelles Erlebnis und die Vigil mit dem anschließenden Rosenkranz ein besonderer Moment. Monika Krause aus Augsburg beschreibt diesen so: „Es kehrt Stille ein, alle schweigen und beten. Man hat richtig gespürt, dass alle im Gebet vereint sind.“ Weihbischof Florian Wörner aus Augsburg erklärte später in einer Predigt: „Ein ganz starker Moment. Der Nachfolger des Heiligen Petrus mit der Jugend der Welt – stellvertretend für die ganze Welt – betend auf diesem Platz.“ In der Dämmerung wurde das Allerheiligste ausgesetzt und die Jugendlichen sanken auf ihren Isomatten auf die Knie. Der Rosenkranz später am Abend war für Philip Rusnak nach einer stressigen, heißen Anreise eine gute Möglichkeit, „nochmals ruhig ins Gebet zu gehen.“

Der versammelten Menge – bei der Vigil nach Veranstalterangaben 600.000, am Sonntagmorgen 700.000 Menschen – legte Papst Franziskus ans Herz, nicht auf ein wages Morgen zu warten. „Ihr seid nicht die Zukunft – ihr seid das Jetzt Gottes!“ Die Jugendlichen sollten sich nicht von Plänen ruhig stellen lassen, die Erwachsene für sie gemacht hätten. Denn dann begännen in der „Zwischenzeit“ ihre Träume zu verblassen. Eine Frucht der Jugendsynode sei „der Reichtum generationenübergreifenden Zuhörens“ gewesen. „Nun müssen wir uns bemühen, Räume zu fördern, in denen wir uns beim Träumen und Aufbau des Morgens schon heute einbringen können. Ein Raum, für den auch ihr kämpfen müsst.“ Zusammen mit den Großeltern und Erwachsenen sollten die Jugendlichen „den Traum verwirklichen, mit dem der Herr euch geträumt hat.“ In Bezug auf das Motto, das „Ja“ Mariens in den Worten „Mir geschehe, wie du gesagt hast“ erklärte Franziskus: „Maria hat den Mut gehabt, am Jetzt des Herrn teilzunehmen.“ Ob die Jugendlichen dies auch wollten? Denn: „Euer Ja möge das Eingangstor sein, auf dass der Heilige Geist der Welt und der Kirche ein neues Pfingsten schenke.“

Manuel Hoppermann aus Hamburg hat nicht einfach nur den Papst gesehen. Er hatte den Auftrag, die Segenswünsche seiner Gastgeber in der Diözese Penonomé, wo die Gruppe fünf Tage vor dem Programm in Panama-Stadt gewohnt hatte, zu überbringen. Dort habe es sich nicht jeder leisten können, zum Programm nach Panama-Stadt zu kommen. Manche der Pilger wohnten bei Familien, wo es kein fließendes Wasser gab und keine geteerten Straßen zum Haus hinführten. Manuel Hoppermann erzählt: „Die Begegnung mit der Gastfamilie war unglaublich herzlich.“ Wie er waren alle in der Gruppe von der großen Gastfreundschaft in Panama beeindruckt, die in Penonomé erstmals erlebbar war und sich in der Großstadt fortsetzte.

Während die Jugendlichen in den Tagen in den Diözesen einen Einblick in die Kultur des Gastlandes bekamen, begegneten sie in Panama-Stadt jungen Christen aus aller Welt. „Foto? Foto?“, sprach da etwa eine Gruppe aus Guatemala junge Pilger mit Deutschlandflagge an. Schnell formierte sich da ein Gruppenbild, bei dem die Landesflaggen gut sichtbar in die Handy-Kamera gehalten wurden. „Where are you from?“ – „Wo kommst du her?“ rufen sich die Gruppen, die durch die Straßen ziehen, gegenseitig zu, während andere nebenan klatschen und Lieder singen. Beim Weltjugendtag wird den jungen Christen deutlich: Sie teilen ihren Glauben mit Vielen ihrer Generation in allen Ländern der Erde.

Während die Pilger beim Weltjugendtagsprogramm in der Stadt unterwegs waren, verfolgten viele Gastgeber in den Nachrichten die Lage in Venezuela. Bei seinem Besuchsprogramm griff Franziskus das Thema zunächst nicht auf. Bein Angelus am Sonntag sagte er, die Lage in dem sozialistisch regierten Land sei „gravierend“. Er sei dem venezolanischen Volk in diesen Stunden besonders nahe und bete für eine „gerechte, friedliche Lösung“.

Die Probleme der Länder des Kontinents kamen beim Kreuzweg zur Sprache. Die 14 Stationen wurden mit Gebeten und Meditationen von Gruppen aus Nord-, Zentral- und Südamerika gestaltet. Unter anderem sprachen junge Venezolaner über die Leiden von Flüchtlingen und Migranten und Kolumbianer von Gewalt in ihrem Land. Besonders drastisch war die Wortwahl allerdings bei der 14. Station, in der gemahnt wurde, den Mutterleib durch Abtreibung nicht „zu einem Grab“ zu machen. Die Themen Lebensbejahung und Zukunft wurden dann bei der Vigil wieder aufgegriffen. Der Pontifex erklärte, ohne Familie, Arbeit, Gemeinschaft und Erziehung sei das Leben leer. Da müssten sich auch „wir ältere Leute“ fragen: „Was tun wir, um junge Menschen voran zu bringen?“ Er stellte den heiligen Johannes Bosco als Beispiel vor und forderte: „Wir müssen sie richtig anschauen – mit dem Blick Gottes.“

In der Dämmerung strahlte auf dem Campo San Juan Pablo II. auch eine besonders: die Statue der Muttergottes von Fatima. Sie wurde in einer Prozession über das Feld gefahren. Mit ihrer Anwesenheit verwies sie bereits auf den Veranstaltungsort des nächsten Weltjugendtags 2022: Lissabon, das ebenso wie Fatima in Portugal liegt. Am Ende der Sonntagsmesse sandte Papst Franziskus die Pilger zurück in ihre Länder und dankte ihnen: „Euer Glaube und eure Freude haben Panama, Amerika und die ganze Welt zum Pulsieren gebracht.“ Diese Freude und ihre Erfahrungen sollten sie in ihren Pfarreien, Gemeinschaften und Familien weitergeben. Auf dem Rückweg vom Campo in die Innenstadt, einem Fußmarsch zur Metro unter sengender Sonne, sorgten Anwohner mit Gartenschläuchen für Abkühlung. „Vielen Dank, dass ihr da wart!“, erklärte eine Einheimische Pilgern auf dem Weg zum Flughafen. Auch zum Abschied zeigte das Land sein freundlichstes Gesicht. So mancher Pilger sagte sich da: „Oh wie schön ist Panama!“

Zu Gast bei Freunden in Panama

Fünf Jugendleiter aus der Pfarrei Postbauer-Heng – Tobias Roth, Stephanie Sigl, Thomas Meier, Christiane Kraus und David Hink – haben im Vorfeld des Weltjugendtages die Tage der Begegnung bei Gastfamilien in der Pfarrei Almirante in Panama verbracht. Hier berichten sie über ihre Erlebnisse.

……

Die Tage in unserer Gastpfarrei Almirante bei den „Tagen der Begegnung“ sind leider schon vorbei. Von unseren Gastfamilien wurden wir sehr herzlich aufgenommen, sie haben sich um alles gekümmert. Wir wurden mit Plakaten, Schildern und Luftballons am Haus begrüßt und regelrecht erwartet.

Auf dem Foto mit der Panamaerin in der Mitte, sind wir, die Kolumbianische Gruppe und Schwester Claudia aus Guatemala, die die Tage der Begegnung organisiert hat.

In der Pfarrei feierten wir und Pilger aus Kolumbien, Brasilien, Argentinien und Uruguay zusammen mit den Panamaern. Die Stimmung war ausgelassen, es wurde viel getanzt und gesungen. Am ersten Tag standen ein Willkommensgottesdienst und ein Abendessen bei den Familien auf dem Plan. Es gab Hähnchen mit Ananassoße.

Am zweiten Tag haben wir dann den Ort erkundet und bei einer Fotorallye sind schon Freundschaften entstanden. Dabei haben wir auch den Hafen von Almirante gesehen, bei dem es nur um eines geht: Bananen. Chiquita verschifft von hier aus seine Bananen nach Europa – nach Rotterdam und Rostock. Am Abend gab es eine Talentshow und neben Beiträgen aller Nationen gab es auch traditionelle Tänze aus Panama, bei denen alle mitmachten. Am dritten Tag stand ein Besuch auf einer Kakaoplantage an, die von Indigenen betrieben wird. Wir konnten erfahren, wie die Produkte angebaut und auch fair vermarktet werden können.

Am vorletzten Tag feierten wir auf der Isla Colon in einer Grotte Gottesdienst und entspannten mit unseren neuen Freunden aus der ganzen Welt an der karibischen Playa. Am Abend gab es dann einen bewegenden Kreuzweg durch den Ort mit Statements der Gastfamilien und der Pilger.

Die Tage in Almirante waren besonders bewegend, weil innerhalb von wenigen Tagen Freundschaften mit Leuten aus verschieden Ländern entstanden sind. (Stefanie Sigl)

Am Sonntag sammelten sich alle Pilger aus der Prälatur zu einem großen und sehr frohen Gottesdienst und dann hieß es Abschied nehmen von unseren Freunden. Mit einer Gruppe aus Kolumbien wollen wir uns aber auch nochmal in Panama-Stadt treffen.

Wir wurden von unseren Gastfamilien sehr herzlich aufgenommen und haben uns wirklich als Teil der Familie gefühlt. Unsere Gastmutter meinte: „Now you have a home, far away from home“. (Christiane Kraus)

Gruppenfoto vor der Kathedrale von Panama

Nach einem Sicherheitscheck des Busses ging es dann 14 Stunden Übernacht unter Polizeischutz nach Panama-Stadt. Hier sind wir alle fünf bei einer sehr netten Gastfamilie untergebracht, die uns schon durch die Stadt geführt hat und wo wir mit leckerem Essen verwöhnt werden.

Heute Nachmittag steht nun der Eröffnungsgottesdienst des WJT an der Cinta Costera an und wir bereiten uns gerade vor.