Archiv der Kategorie: Lateinamerika

Überleben auf den Straßen der Amazonas-Metropole Manaus

Rund 20.000 Venezolaner sind vor politischer Verfolgung, Hunger und wegen der fehlenden Gesundheitsversorgung nach Brasilien geflohen. Ordensfrauen und kirchliche Einrichtungen sind ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft

Er mit dem Einkaufswagen, sie mit einem Karren aus Aluminium: So ziehen die Venezolaner Jesús Parra und Rossmary Gallardo durch die brasilianische Millionenstadt Manaus, um etwas Geld zu verdienen. Ihre Kinder, die fünfjährige Jessmary und der einjährige Keyler, sind immer dabei.

Jesus Parra (28) und Rosmary Gallardo (22) sind mit ihren beiden Kindern aus Venezuela geflohen und suchen in Manaus nach neuen Perspektiven. Sie verkaufen auf der Straße getrocknete Früchte und Kaffee. Rosmary benötigt medizinische Betreuung. Unterstützt und begleitet werden sie von der Migrantenpastorale der Scalabrianer-Schwestern
Jesus Parra (28) und Rosmary Gallardo (22) sind mit ihren beiden Kindern aus Venezuela geflohen und suchen in Manaus nach neuen Perspektiven. Sie verkaufen auf der Straße getrocknete Früchte und Kaffee. Rosmary benötigt medizinische Betreuung. Unterstützt und begleitet werden sie von der Migrantenpastorale der Scalabrianer-Schwestern. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Mitten in der Nacht steht die Familie auf. Anstelle von Limonen, Orangen, Mangos und Avocados legt Jesús heute nur in Tütchen abgepackte Bananenchips in seinen Wagen. Er hatte kein Geld, um frische Früchte zu besorgen. Rossmary kocht Kaffee und füllt ihn mit viel Zucker in mehrere Thermoskannen. Um zwei Uhr machen sie sich auf in die Dunkelheit einer Stadt, die neu für sie ist und deren Sprache und Regeln sie kaum kennen. Ihr Ziel ist der große Markt am Ufer des Amazonas. Zwischen Händlern, Verkäufern und Trägern bahnen sich Rossmary und Jesús ihren Weg. Immer in der Hoffnung, dass jemand einen Kaffee für einen Real (umgerechnet ca. 15 Cent) bei ihr bestellt, oder ihm eine Tüte der frittierten Bananenchips als Snack abkauft.

Rund um den Markt von Manaus gibt es Hunderte Menschen wie Jesús und Rossmary. Sie alle versuchen, sich im informellen Sektor zu behaupten. Viele sind aus Venezuela geflüchtet. Schätzungen zufolge leben mittlerweile 20.000 Menschen aus dem nördlichen Nachbarland in der Großstadt.

„Alles ist besser als Venezuela“, meint der 28-Jährige. Er und die 22-jährige Rossmary haben Ende 2020 ihre Heimat verlassen. „Hambre!“, antworten sie auf die Frage nach den Gründen: „Hunger!“. „Wir hatten nicht mehr genug Geld, um uns zu ernähren. Alles ist teuer in Venezuela und die Preise steigen ständig“, sagt Jesús. Hinzu kam, dass Rossmary seit der Geburt ihres Sohnes unter Unterleibsschmerzen leidet. An eine medizinische Versorgung in Venezuela war nicht zu denken. „Es gibt keine Medikamente mehr“, sagt sie.

Aber es gibt auch politische Gründe für die Flucht: Als Techniker bei der venezolanischen Luftwaffe wartete Jesús russische Kampfhubschrauber. „Ich wollte der Maduro-Regierung nicht mehr dienen“, sagt er. Also desertierte er.

Mit dem Bus reiste das Paar 1.600 Kilometer quer durch Venezuela. Sie bezahlten einen Schlepper, der sie nachts über die Berge der Grenzregion brachte. Als ihre Gruppe vor der Polizei flüchten musste, verloren sie ihre Tochter. Erst einige Stunden später fanden sie Jessmary wieder. Eine andere Flüchtlingsgruppe hatte die Fünfjährige gefunden. „Ich bin vor Angst fast gestorben“, erzählt Rossmary. Während der dramatischen Flucht löste sich auch noch die Sohle einer ihrer Turnschuhe. Sie trägt ihn noch immer, weil sie keine anderen Schuhe hat.

Essensausgabe mit Erzbischof Dom Leonardo Steiner. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Um die Mittagszeit zählt das Paar ihre dürftigen Einnahmen. „Vor der Pandemie waren es manchmal 50 bis 80 Real pro Tag“, sagt Jesús, zwischen acht und zwölf Euro. Aber durch Corona seien die Einnahmen stark geschrumpft. Es sind einfach viel weniger Menschen unterwegs.

Die Familie hat Hunger und reiht sich in eine Schlange ein, in der schon andere Venezolaner warten. Die Obdachlosen-Pastoral bietet jeden Tag neben einer Kirche ein warmes Mittagessen an: Hühnchen mit Reis und Bohnen. Obwohl Jesús und Rossmary nicht obdachlos sind, bekommen auch Bedürftige wie sie hier eine Mahlzeit. Hin und wieder hilft Dom Leonardo Steiner, der Erzbischof von Manaus, persönlich bei der Essensausgabe. Der 70-jährige Franziskaner sieht es als seine Pflicht an, persönlich mit anzupacken. „Manaus hat große soziale Probleme, die Kirche muss zu den Menschen gehen.“

Als Jesús und Rossmary sich auf die Stufen der Kirche setzen, um zu essen, gesellt sich der Erzbischof dazu. Sie berichten, dass sie ohne die täglichen Mittagessen der Kirche während der Pandemie Hunger gelitten hätten, und dass sie sehr dankbar seien. Dom Leonardo hört ihnen aufmerksam zu. Er ist niemand, der sich in den Vordergrund drängt.

Rossmary sieht schwach aus, wirkt abgemagert. Doch bislang traute sie sich nicht, zum Arzt zu gehen, weil sie und Jesús noch nicht in Brasilien registriert sind. Um das Problem zu lösen, suchen sie nun die Migranten-Pastoral von Manaus auf. Von anderen Venezolanern haben sie gehört, dass die Schwestern des Scalabrinianerinnen-Ordens Flüchtlingen wie ihnen helfen.

Schwester Dinair Pereira und Schwester Gema Vicense raten Rossmary und Jesús, sofort eine Steuernummer zu beantragen. Nur so hat man in Brasilien Zugang zu Sozialleistungen. Als Schwester Dinair von den Beschwerden Rossmarys hört, ruft sie sofort einen kubanischen Arzt an. Er arbeitet als Freiwilliger für die Migranten-Pastoral, die ihm selbst einst half, in Brasilien zu bleiben. Er untersucht Rossmary am nächsten Tag und sagt, dass sie eine MRT-Untersuchung (Magnetresonanztomographie) machen müsse. Doch der nächste freie Termin in einem öffentlichen Krankenhaus ist erst in sechs Monaten. Also bezahlt Schwester Dinair kurzentschlossen eine private Untersuchung für die junge Frau. Es stellt sich zudem heraus, dass Rossmary eine schwere Blaseninfektion hat, außerdem Anämie und Darmparasiten. Schwester Dinair besorgt auch die Medikamente für sie.

„Wir begleiten die Migranten sehr eng“, sagt die kleine energische Frau. „Viele fühlen sich am Anfang verloren und brauchen Unterstützung.“ Sie will heute Rossmary und Jesús besuchen. Das Paar wohnt in einem Zimmer in einem recht verwahrlosten Haus im alten Zentrum der Stadt. „Hier leben viele Venezolaner“, sagt Schwester Dinair. Die Hälfte des kleinen Raums nimmt die Matratze auf dem Boden ein, es gibt ein Bad, in dem das Wasser nicht läuft, und zwei Elektroplatten zum Kochen. 300 Real zahlen sie monatlich an Miete, das sind umgerechnet ca. 50 Euro. „Wenn es regnet, tropft es durch die Decke“, klagt Jesús.

Jesus Parra (28) und Rosmary Gallardo (22) mit ihren beiden Kindern in ihrer Unterkunft. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Schwester Dinair hilft dem Paar, einige Dokumente zu sortieren, die sie in Brasilien gebrauchen können. Jesús erzählt, dass er gerne wieder als Helikopter-Techniker arbeiten würde. Aber werden seine Diplome in Brasilien anerkannt? Dinair ermutigt ihn, seine Zeugnisse zusammenzusuchen, und sich beim Flughafen vorzustellen. „Es ist wichtig, dass die Immigranten in Bewegung bleiben“, sagt sie. „Sonst besteht die Gefahr, dass sie resignieren.“ Die Migranten-Pastoral hilft ihnen, diesen kritischen Moment zu überwinden.

Auch Rossmary hofft, dass sie sie ihr Studium in Rechnungswesen in Brasilien beenden kann. Bis dahin, das weiß sie, ist es noch ein langer Weg. Aber sie möchte ihn gehen.

Adveniat-Weihnachtsaktion 2021: ÜberLeben in der Stadt

80 Prozent der Menschen in Lateinamerika und der Karibik leben bereits heute in den Städten. Und die Landflucht hält weiter an. Doch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft wird häufig enttäuscht. Das Leben der Indigenen, Kleinbauern und Klimaflüchtlinge am Stadtrand ist geprägt von Armut, Gewalt und fehlender Gesundheitsversorgung. Und wer arm ist, kann für seine Kinder keine gute Ausbildung bezahlen. Mit seinen Projektpartnern, wie zum Beispiel Ordensleuten und pastoralen Mitarbeitern, durchbricht das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat die Spirale der Armut: durch Bildungsprojekte in Pfarrgemeinden insbesondere auch für Frauen und Kinder, Menschenrechtsarbeit und den Einsatz für faire Arbeitsbedingungen. Unter dem Motto „ÜberLeben in der Stadt“ rückt Adveniat mit seiner diesjährigen Weihnachtsaktion die Sorgen und Nöte der armen Stadtbevölkerung in den Blickpunkt. Schwerpunktländer sind Mexiko, Paraguay und Brasilien. Die Eröffnung der bundesweiten Adveniat-Weihnachtsaktion fand am 1. Advent, 28. November, im Bistum Münster statt. Die Weihnachtskollekte am 24. und 25. Dezember in allen katholischen Kirchen Deutschlands ist für Adveniat und die Hilfe für die Menschen in Lateinamerika und der Karibik bestimmt. Spendenkonto bei der Bank im Bistum Essen, IBAN: DE03 3606 0295 0000 0173 45 oder unter www.adveniat.de.

Die Avantgarde aus dem Urwald

Im Amazonas haben kleine indigene Gemeinschaften einen Weg gefunden, im Regenwald Früchte anzubauen und ihn gleichzeitig zu schützen.

Wenn Doña Antonia Lurisi vor ihren Gemüsebeeten sitzt und Bohnen, Kürbisse oder Tomaten jätet, während hinter ihr die Baumriesen des Urwaldes aufragen, dann ist die Bäuerin nur ein winziger Teil von einem großen System. Doch ein entscheidender: Indem indigene Gemeinschaften vom Wald leben, mit und in diesem einzigartigen Organismus aus Entstehen und Vergehen, schützen sie ihn. Ohne sie gäbe es die Regenwälder hier im Norden Boliviens vielleicht gar nicht mehr. Mehr als ein Viertel des gesamten Amazonasgebiets könnten bis 2030 verloren sein, schätzt der WWF. Welche Dimensionen dieser Urwald hat, können wir uns manchmal nur schwer vorstellen. Er ist nicht nur viel größer als alle Wälder, die wir aus Europa kennen, sondern auch höher und dichter: Über 80 Meter ragen manche Baumkronen in den Himmel, im Altbau wären das fast 25 Stockwerke. Es herrscht eine riesige Artenvielfalt: Wo hier rund 12.000 unterschiedliche Baumarten stehen, sind es in Deutschland 77. Der Regenwald ist außerdem unglaublich fruchtbar: Maniok, Ananas, Bananen, Guaven, Papaya, Kakao, Kaffee oder Palmenarten wie Asaí und Majo, die bei uns als Superfoods vermarktet werden, wachsen neben Zedern, Eichen, Mahagoni, Teakbäumen und verschiedenen Heilkräutern. Auf mehreren Ebenen wuchern Pflanzen, die auf, in und mit anderen Pflanzen in Symbiose leben. Alles scheint hier miteinander verwachsen. Auf jeder Etage wimmelt es, vom dichten Gesträuch auf dem Boden, über das Gestrüpp in der Mitte, bis hinauf in die Baumkronen wohnen unzählige seltene Tierarten.

Ob Doña Antonia beschneidet oder veredelt, eine oder viele Pflanzensorten sät, nach dem Roden abbrennt oder Baumstämme, Äste und Blätter liegen lässt, all das sind Entscheidungen, die das empfindliche Ökosystem des Regenwaldes nachhaltig beeinflussen – und aus dem Gleichgewicht bringen können. Der Wald aber bildet die Lebensgrundlage für indigene und kleinbäuerliche Gemeinschaften, er ist existenziell. Deshalb können sie sich einen ausbeuterischen Umgang mit den natürlichen Ressourcen nicht leisten. „Früher haben wir einfach alles abgebrannt, um auf den freien Flächen Reis, Yucca und Bananen anzubauen“, erklärt Doña Antonia. Heute kann sie das nicht mehr verstehen. Eine der Folgen war, dass der Boden nach wenigen Jahren unfruchtbar wurde und neu gerodet werden musste. Denn wenn alte Bäume, Blätter und Zweige nicht liegen bleiben, können sie den Boden nicht düngen. Wenn es zu wenige unterschiedliche Gewächse gibt, die ihr Wurzelwerk tief in der Erde verankern, dann laugt der Boden aus und erodiert. „Jedes Jahr leiden wir hier unter Überschwemmungen“, führt Doña Antonia aus, was dann passiert. Die Fluten verderben die Früchte und Pflanzen, sie verfaulen einfach. Ist die Ernte vernichtet, müssen einige Familienmitglieder anderswo Geld verdienen, um die Familie durchzubringen. Ihre Arbeitskraft fehlt später beim Anbau. So gerät das ganze System durcheinander, Gemeinschaften zerreißen.

Der Regenwald bietet eine riesige Artenvielfalt: Kakao, Reis, Mais, Yucca, Bananen, Bohnen und viele andere Früchte werden im Schatten des Regenwaldes angebaut. Foto: Reyes/Misereor
Der Regenwald bietet eine riesige Artenvielfalt: Kakao, Reis, Mais, Yucca, Bananen, Bohnen und viele andere Früchte werden im Schatten des Regenwaldes angebaut. Foto: Reyes/Misereor
Im Einklang mit dem Wald: Doña Lurisibetreibt schonenden und nachhaltige Land-und Forstwirtschaft. Foto: Reyes/Misereor
Im Einklang mit dem Wald: Doña Lurisibetreibt schonenden und nachhaltige Land-und Forstwirtschaft. Foto: Reyes/Misereor
Doña Lurisimit ihrem Ehemann. Mit Nachbarn und Gemeindemitgliedern tauschen sie sich über erfolgreiche Anbaumethoden und Saatgut aus. Foto: Reyes/Misereor
Doña Lurisimit ihrem Ehemann. Mit Nachbarn und Gemeindemitgliedern tauschen sie sich über erfolgreiche Anbaumethoden und Saatgut aus. Foto: Reyes/Misereor
Kleinbauern und indigene Gemeindemitglieder in Bolivien tauschen sich über Anbaumethoden und Saatgut aus. Foto: Reyes/Misereor
Der Regenwald bietet eine riesige Artenvielfalt: Kakao, Reis, Mais, Yucca, Bananen, Bohnen und viele andere Früchte werden im Schatten des Regenwaldes angebaut. Foto: Reyes/Misereor
Der Regenwald bietet eine riesige Artenvielfalt: Kakao, Reis, Mais, Yucca, Bananen, Bohnen und viele andere Früchte werden im Schatten des Regenwaldes angebaut. Foto: Reyes/Misereor
Die indigenen Gemeinschaften leben im und vom Regenwald. Ihre Erfahrungen inspirieren Agroforstprojekte in anderen Ländern und Kontinenten. Foto: Reyes/Misereor
Die indigenen Gemeinschaften leben im und vom Regenwald. Ihre Erfahrungen inspirieren Agroforstprojekte in anderen Ländern und Kontinenten. Foto: Reyes/Misereor
Die indigenen Gemeinschaften leben im und vom Regenwald. Ihre Erfahrungen inspirieren Agroforstprojekte in anderen Ländern und Kontinenten. Foto: Reyes/Misereor
Die indigenen Gemeinschaften leben im und vom Regenwald. Ihre Erfahrungen inspirieren Agroforstprojekte in anderen Ländern und Kontinenten. Foto: Reyes/Misereor

Zukunftsperspektiven schaffen mitten im Wald

Die ersten, die gehen, sind die jungen Leute. Sie suchen sich Arbeit in großen Städten, wenn ihnen das Leben im Regenwald keine Perspektiven für die Zukunft geben kann. Dort gibt es viele wie sie, so viele, dass ihre Arbeitskraft kaum etwas wert ist. Solche Geschichten nehmen fast immer denselben Ausgang: Am Ende landen die jungen Leute in den Slums der Vororte, die sich in ständig wachsenden Ringen um die Stadtzentren ziehen. Sie halten sich mit Gelegenheitsjobs am Leben. Ihre Kinder werden in Armut aufwachsen. Dass auch Doña Antonia große Angst davor hatte, dass ihr Sohn und ihre Tochter der Gemeinschaft eines Tages für die Stadt den Rücken kehren, kann man nur ahnen. Darüber spricht sie nicht. Ich kann sie auch nicht fragen, denn wegen der Coronapandemie ist es nicht möglich, die Menschen vor Ort zu treffen. Die Gebiete sind abgeschottet. Nur über ein kompliziertes System aus übermittelten Fragen und Videobotschaften kommt die Kommunikation zustande. Was sie aber erzählt: Ihr Mann musste die Familie oft tage- oder wochenlang verlassen, um als Tagelöhner woanders Geld zu verdienen. Es wäre wohl wie bei so vielen nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die Kinder sich aufgemacht hätten, um woanders eine Zukunft zu suchen.

Vielleicht war Doña Antonia deshalb so fest entschlossen, etwas am Schicksal ihrer indigenen Community zu ändern und die Sache in die Hand zu nehmen. Ein Umdenken in den indigenen Territorien findet schon länger statt. Doch wirklichen Wandel brachten Versammlungen und Workshops, in denen es um eine schonende Waldwirtschaft und bessere Vernetzung der verstreuten Gemeinschaften geht. Organisiert werden sie zum Beispiel von der lokalen kirchlichen Organisation Caritas Reyes in Nordbolivien. Die Inhalte werden mit Gemeinden im Regenwald gemeinsam entwickelt. Mitarbeitende der Caritas und Teilnehmerinnen und Teilnehmer teilen ihr Wissen und ihre Erfahrungen miteinander, tauschen sich über Methoden aus und überlegen gemeinsam, welches Werkzeug angeschafft werden könnte. Seit Doña Antonia und ihr Mann Leoncio sich in Workshops und Versammlungen ihrer Gemeinde engagieren, kommt die Familie ohne Brandrodung aus. „Ich säe heute eine Vielfalt von Pflanzen: Reis, Mais, Yucca, Bananen, Feigenbananen, Bohnen, Canavalia-Hülsenfrüchte. Ich hätte nie geglaubt, dass das alles keimt. Doch die Mitarbeitenden der Caritas haben uns die neuesten Techniken gezeigt, wie man die Qualität der Ernte verbessert, indem man Landwirtschaft im Einklang mit dem Wald betreibt und dabei die Umwelt schützt.“ Die Lebensqualität in dem Örtchen Guaguauno in der Gemeinde Reyes nördlich des Regierungssitzes La Paz ist durch die sogenannte „Agroforstwirtschaft“ deutlich gestiegen. Sie bedeutet ein Besinnen auf eine Lebensweise, die Indigene im Amazonas traditionell pflegten, bevor der Kapitalismus den Wald zum Supermarkt erklärte.

Der Regenwald ist wertvoller als Geld

„Die Menschen haben hier natürlich keine großen finanziellen Ressourcen und kein großes Einkommen“, sagt Franco Calle Patroni, der seit fünf Jahren bei Caritas Reyes arbeitet und selbst aus der Gegend kommt. Trotzdem haben die Indigenen auch etwas sehr Wertvolles, nämlich das Wissen, dass es auch anders geht: dass die Natur als Lebensraum einen ganz anderen Stellenwert haben kann als unsere technisierten und industrialisierten Gesellschaften sich vorstellen können. Dass sich auch zu Bäumen, Insekten, Bächen und Steinen Beziehungen aufbauen lassen und man sie so sacht und behutsam behandeln kann, als gehörten sie zur Familie.

Deshalb schätzt man bei der kirchlichen Organisation die Weltanschauung der Regenwald­bevölkerung, denn sie gibt neue Impulse für die westliche Lebensweise, die an ihre Grenze gekommen ist. So lernen die Workshop-Leiterinnen und -Leiter selbst ständig dazu.

Doña Antonia hat genau die Erfahrung gemacht, dass ihre Sichtweise und ihre Erfahrungen geachtet werden. Besonders stolz ist sie darauf, dass sie zu einer Reise nach Florianópolis in Brasilien eingeladen wurde, um sich dort mit anderen Bäuerinnen auszutauschen. Dabei ging es auch um ein solidarisches und enges Miteinander auf dem Weg zu einer Produktionsweise im Einklang mit dem Wald und der Natur. Dieses Gefühl, sich mit den eigenen Ideen einbringen zu können, ernstgenommen zu werden, eine Stimme zu haben, nicht allein zu sein mit ihrer Weltanschauung, bedeutet der Indigenen viel. Die neuen Denkanstöße hat Doña Antonia zurück in ihre Gemeinschaft getragen.

Das ist das Prinzip: Auf der einen Seite betreiben Bäuerinnen und Bauern wie Antonia ihren Landbau im Wald so minimalinvasiv und schonend wie möglich. Auf der anderen Seite sind sie weit über ihre Gemeinschaften hinaus vernetzt und tauschen international ihr Knowhow aus. Vielleicht gehören sie damit schon zu einer neuen Avantgarde, die eine progressive Lebensweise verkörpert. Weil sie inmitten und von der Natur leben und damit ganz direkt von ihr abhängig sind, bekommen Indigene und Kleinbäuerinnen und Kleinbauern Veränderung durch den Klimawandel sofort zu spüren. Die Verletzlichkeit des Waldes wird zu ihrer eigenen Verletzlichkeit. Der Klimawandel ist für Doña Antonia keine zukünftige Bedrohung, sondern längst da.

„Ernährungssouveränität“ ist aus diesem Grund existenziell. Sie bedeutet, dass die Bevölkerung durch die Vielfalt ihrer Produkte unabhängig leben und sich gesund ernähren kann. „Ich bin Mitglied einer Frauenkooperative“, erzählt Doña Antonia. „Wir sind 20 Frauen aus fünf verschie­denen Gemeinschaften. Gemeinsam lernen wir, wie wir Milch und Früchte weiterverarbeiten können, die uns früher einfach schlecht geworden wären. Wir stellen Joghurt her und Marmelade aus Sternfrucht, Papaya, Guave, aus allem, was uns die Natur gibt.“ Die Ernährungssouveränität hat in der Gemeinde einen umfassenden Umbruch mit sich gebracht. Während früher die Fami­lienväter irgendwo anders einen schlecht bezahlten Job als Saisonarbeiter annahmen, um Geld für zusätzliche Nahrungsmittel zu verdienen, mussten die Familienmütter neben der Versorgung der Kinder, dem Kochen und Wäschewaschen auch noch die landwirtschaftliche Produktion allein stemmen. Heute ist die eigene Nahrungsmittelproduktion so vielseitig, dass fast nichts dazu gekauft werden muss. Im Gegenteil: Sie wirft Überschüsse ab, von deren Verkauf die Familie gut leben kann.

Das Kleine kann Großes bewirken

Tatsächlich bietet die Waldparzelle Doña Antonia mittlerweile alles, was sie für ein gutes Leben braucht: „Die vielfältigen Produkte, die wir hier auf natürliche und nachhaltige Weise produzieren, sind gut für unsere Gesundheit.“ Doch das wichtigste ist für die zähe Frau, dass sie mit Mann und Kindern zusammen arbeiten kann. Ihr Land bestellen sie gemeinsam: „Wir sind als Familie vereint, wir reden über alles, wir planen gemeinsam, was wir wie und wo anbauen. Wir leben wirklich im Überfluss durch die Gemeinschaft und die Vielfalt an Pflanzen, die wir hier auf engstem Raum haben“. Die beiden Kinder sind inzwischen erwachsen, sie haben das Dorf nicht verlassen.

Wäre die Geschichte von Doña Antonia an dieser Stelle zu Ende, wäre es ein Happy End. Doch so einfach ist es im Amazonas nicht. Von allen Seiten wird der Regenwald und mit ihm die kleinen selbstbestimmten Gemeinschaften bedroht, denn auf dem Weltmarkt ist er viel Geld wert. Der indigene Anspruch auf Bodenrechte wird da schnell zur Auslegungssache. Großunternehmen holzen die Bäume in großem Stil ab, um Monokulturen von genmanipulierter Soja anzubauen oder riesige Rinderzuchten zu betreiben. Solche Flächen fressen sich immer weiter in den Urwald hinein. Auf den ausgelaugten Böden wächst kaum noch etwas, das Land wird anfällig für Überschwemmungen und den Klimawandel. Die Regierung plant immer neue Großprojekte, gewaltige Stauseen, die alles überfluten würden. Erdgasfelder mitten im Urwald.

„Wir sind leider untereinander noch nicht gut genug organisiert, um dem etwas entgegenzusetzen“, ist Doña Antonia klar. „Das müssen wir ändern“. Sie sagt das mit derselben anpackenden Art, mit der sie sich die Ärmel hochkrempelt und lospflanzt. Irgendwie macht das zuversichtlich, dass jemand wie sie die gigantische Abholzung der Wälder doch noch aufhalten kann.

Mehr zum Thema: Misereor-Fastenaktion 2021

Verheerende Folgen der Pandemie in brasilianischen Gefängnissen

Seit März 2020 wurden die eh schon abgeschotteten Gefängnisse in Brasilien noch mehr von der Aussenwelt abgeriegelt. Die Kirchen dürfen keine Seelsorge anbieten, auch Besuche von Familienangehörigen sind verboten. Rechtsanwälte können nur unter großen Schwierigkeiten ihre Mandanten besuchen. Da auch die Gerichte zum Teil im Homeoffice arbeiten, werden die Prozessakten nur sehr langsam bearbeitet. Viele Gerichtsverhandlungen wurden ausgesetzt oder finden online statt.

So hat die Pandemie verheerende Folgen in den brasilianischen Gefängnissen, in denen auch schon ohne Covid-19 menschenunwürdige Verhältnisse herrschen. Die medizinische Versorgung in den Haftanstalten ist kaum oder gar nicht vorhanden. Ansteckende Krankheiten wie Tuberkulose, Hepatitis, Krätze, HIV, Dauerdurchfall, Hautausschläge etc. gehören zum Alltag bei den Männer und Frauen in Haft. Wenn einmal ein Arzt vorbeikommt und ein Rezept ausstellt, wird nur von der Haftanstalt „Paracetanol“ und Aspirin für alle Krankheiten ausgegeben. Andere Medikamente müssen die Angehörigen selbst ins Gefägnis bringen.

In den total überfüllten Zellen mit viel Ungeziefer aller Art, ohne ausreichende Wasserversorgung und wenn, dann ohne sauberem Wasser, ungenügende und schlechte Ernährung, verbreiten sich Krankheiten in diesem tropischen Land ganz schnell. Und jetzt, in der Zeit von Corona, ist die Situation noch schrecklicher. Die Hygieneregeln, die für uns „hier draussen“ gelten, sind unmöglich umsetzbar im Gefängnis, dementsprechend haben sich viele Gefangene angesteckt und starben auch. Genaue Zahlen gibt es nicht, weil fast keine Corona-Tests gemacht werden. So starben die Häftlinge laut offiziellen Angaben an Lungenentzündung oder Tuberkulose.

Durch das Besuchsverbot sind es nun schon zehn lange Monate der Ungewissheit für die Angehörigen und auch für die Häftlinge selbst, die somit keine Nachricht von ihren Familien haben und auch keine materielle Unterstützung bekommen, d.h. es gibt mehr Hunger, kaum oder keine Medikamente, Seife, Zahnpasta, Bekleidung… Alles fehlt, da der Staat diese Dinge nicht verteilt.

Die wenigen Nachrichten, die trotzdem nach aussen gelangen, sind schrecklich, vor allem die anonymen Beschwerden von Folterungen und Misständen aller Art, die uns online erreichen, haben sich seit März verdoppelt. Es ist keine leichte Zeit in dieser „Pandemie“, die sich zu einer „Hekatombe“ entwickelte – das Wort kommt aus dem griechischen und bedeutet im übertragenen Sinn eine erschütternd grosse Zahl von Menschen, die einem Massaker oder Unglück zum Opfer gefallen sind.

Wir von der Gefängnisseelsorge nützen die Zeit für Fort- und Ausbildungskurse – natürlich alles online. Die Technik macht es möglich, sich mit Menschen aus allen Ecken Brasiliens zu verbinden. Auch versuchen wir, möglichst viele Familienangehörige zu unterstützen. Einerseits konkret mit Lebensmitteln oder einfach mit Dasein und Zuhören, Solidarität und Unterstützung bei Protestveranstaltungen (vor allem online) und einreichen von Anklagen auf nationaler und internationaler Ebene.

Die Corona-Krise trifft die Menschen in Brasilien hart durch Arbeitslosigkeit, Unsicherheit, Krankheit, Tod von Angehörigen, Trauer, Isolierung, Kontaktsperre zu Familienangehörigen, die im Gefängnis sind, Angst und Schmerz.

Was hilft?

Dass die Menschen in einer vertrauten „Umgebung“ über ihre Erfahrungen sprechen können und dass ihnen zugehört wird. Die zirkulären, friedensschaffenden Prozesse, ermöglichen den Ausdruck von Gefühlen und menschlichen Bedürfnissen in einer Atmosphäre echten Respekts und Angenommenseins. Es werden Lebenserfahrungen und Lebenssituationen zu einem bestimmten Thema erzählt – das bewegt und verbindet alle Teilnehmer. Das Zuhören und das Teilen der Erfahrungen schenken ein Gefühl des Angenommenseins und können die Sensibilität für die Würde jedes Menschen stärken. Darüber hinaus fördern zirkuläre Prozesse die Kommunikation und eine Kultur des Friedens im Alltag, in der Familie, in einer Jugendgruppe, in der Schule, am Arbeitsplatz, im Gefängnis.

Trotz allem dürfen wir die Hoffnung nicht verlieren, aufmerksam sein für die kleinen Zeichen der Verbundenheit, der Dankbarkeit der Menschen, denen wir Beistand geben können, solidarisch sein, präsent sein, auch wenn es nur online ist, die Technik ist derzeit eine grosse Hilfe dafür.

Auch das Gebet füreinander verbindet – auch online, ja, wir entdeckten sogar wie uns Online-Wortgottesdienste mit fast 100 ehrenamtlichen Gefängnissseelsorgern stärken und Hoffnung spenden.

„Wir müssen die Wunden der Natur und die der Menschen heilen“

Bevor er aufs Gaspedal tritt, spricht Bischof Johannes Bahlmann noch kurz ein Vaterunser. Dann steuert er seinen Pick-up rasant über eine buckelige Staubpiste. Die Rinderweiden rechts und links der Straße werden nur ab und zu von Waldstücken unterbrochen. „Hier ist schon alles abgeholzt“, sagt er. „Schlimm ist das.“

Seit zehn Jahren leitet der Mann, der aus dem niedersächsischen Visbek stammt und den hier alle nur Dom Bernardo nennen, die Diözese von Óbidos. Die Stadt mit 50.000 Einwohnern liegt am Ufer des Amazonas im brasilianischen Bundesstaat Pará. An diesem heißen Nachmittag ist er auf dem Rückweg aus Alenquer, dem nächsten größeren Ort. Er hat dort ein kleines, von Ordensschwestern geleitetes Krankenhaus besucht. Es gilt vor allem wegen seiner Geburtsstation, die vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat gefördert wird, als eines der besten Hospitäler der Region. Rund drei Stunden dauert die Rückfahrt nach Óbidos – gar nicht so lang, wie Dom Bernardo betont. Seine Reisen dauern sonst länger.

Die Diözese des 59-Jährigen ist eine der größten in Brasilien, sie reicht vom Amazonas bis an die Grenze zu Surinam. Diese ländliche, größtenteils von Dschungel bedeckte Region gehört zu den konfliktreichsten des Landes. Hier herrschen eigene Gesetze. Es geht rauer zu, der Staat ist weit weg und die Infrastruktur prekär. Großgrundbesitzer, Holzfäller und Viehzüchter geben den Ton an. Die Situation ist durchaus mit der im „Wilden Westen“ vergleichbar. „Man braucht Mut und Vertrauen, wenn man hier etwas bewirken will“, sagt Dom Bernardo und weicht einem Schlagloch aus.

Drei besonders drängende Probleme gibt es für den Bischof. Da sei erstens die Umweltzerstörung. Sie nehme immer beunruhigendere Ausmaße an, insbesondere seit Brasiliens rechtsextremer Präsident Jair Bolsonaro den Amazonas praktisch zur Ausbeutung frei gegeben hat – ohne Rücksicht auf Ureinwohner, Kleinbauern und Fischer. Der Amazonas werde von der Regierung an transnationale Konzerne verscherbelt, meint der Bischof.

Damit eng verbunden sei eine tiefe soziale Ungerechtigkeit. „Viele Menschen in meiner Diözese sind arm, sie besitzen kein oder nur sehr wenig Land“, sagt Bischof Bahlmann. „Sie leben häufig von der Hand in den Mund.“ Ihnen gegenüber stünden wenige, sehr reiche Großgrundbesitzer, die meist mit der Politik verbandelt seien.

Um in die Dörfer zu gelangen, fährt Bischof Bernardo Bahlmann mit dem Boot der Diozöse. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Als dritte große Herausforderung nennt Dom Bernardo die Ausmaße seiner Diözese. Sie ist halb so groß wie Deutschland, hat aber lediglich eine Handvoll Straßen. „Es ist nicht einfach für mich, bei den Menschen präsent zu sein“, erklärt Dom Bernardo. „Aber ich versuche es.“

Und so reist der Bischof manchmal tagelang mit Booten über die Flüsse, um die Menschen in seiner Diözese zu besuchen. Einige tief im Dschungel gelegene Missionsstationen sind nur mit dem Propellerflugzeug zu erreichen. „Es ist heute wichtiger denn je, dass die Kirche zu den Menschen geht“, zitiert Dom Bernardo Papst Franziskus. „Wir dürfen nicht bequem sein. Was nützen uns die schönsten Gebete, wenn wir die Menschen nicht mehr erreichen.“

Deswegen ist Dom Bernardo auch ein großer Befürworter von Laienpriestern. „Ohne sie gäbe es vielerorts im Amazonasgebiet gar keine Gottesdienste mehr“, sagt er. Besonders am Herzen liegt ihm die von Adveniat finanzierte Laienschule in Óbidos. Katholiken aus den entferntesten Orten werden hier zu Laienpredigern ausgebildet und in sozialen und ökologischen Themen unterrichtet. Die Ausbildung habe schon einige Führungspersönlichkeiten hervorgebracht, die in ihren Gemeinden etwas zum Positiven veränderten, berichtet Dom Bernardo. Nur so bekomme man auch die Jugend ins Boot.

Der Bischof macht nach langer Fahrt zum ersten Mal Halt an einem kleinen Weiler. Die Kirche am Wegesrand ist mit Blumen und bunten Bändern geschmückt. Am nächsten Tag sollen hier die Kinder Erstkommunion feiern. Als er aus dem Wagen steigt, eilen gleich einige Kinder und Frauen herbei. Sie küssen die Hand von Dom Bernardo, der es ihnen gleichtut. So ist es Brauch in dieser Region. Man wünscht sich gegenseitig den „Segen“.

Bischof Bernardo Bahlmann trinkt mit Dorfbewohern einen Kaffee. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Sogleich wird der Bischof auch zu Kaffee und Kuchen auf den Hof der Familie eingeladen. Die Zuwanderer aus dem armen und trockenen Nordosten Brasiliens haben sich im Amazonasgebiet eine bescheidene Landwirtschaft aufgebaut. Sie schätzen an ihrem Bischof, dass er ein Mann des Volkes ist, einer zum Anfassen. Tatsächlich macht Dom Bernardo kein großes Aufheben um sich. Der Franziskaner ist meist in hellen Baumwollhosen und Hemd unterwegs und stellt außer einem Bischofsring keine Insignien seines Amtes zur Schau.

Bischof Bernardo Bahlmann spricht mit dem Jugendlichen Paulo Aquila (15), der später ins Seminar eintreten will. Sein Vater Aginaldo Silva ist Diakon und leiter der katholischen Gemeinde des Dorfes Maria Theresa.

Dafür bewirkt das Engagement des Bischofs für ökologische und soziale Gerechtigkeit umso mehr. Auch dank seines Einsatzes fährt seit 2019 ein Hospitalschiff mit rund 30 Ärzten und Krankenpflegern an Bord auf dem Amazonas und seinen Zuflüssen. Die „Papa Francisco“ bringt medizinische Versorgung an Orte, an denen die Menschen häufig noch nie zuvor einen Arzt gesehen haben. 700.000 Menschen sollen so erreicht werden. „Wir leisten hier einen ganz konkreten wichtigen Dienst am Menschen“, erklärt Dom Bernardo. 50.000 Euro hat Adveniat zu Beginn der Coronakrise der Gesundheitspastoral des Bistums und dem Krankenhaus in Alenquer zur Verfügung gestellt.

Nach einer kurzen Nacht in Óbidos bricht der Bischof am nächsten Morgen erneut auf. Diesmal geht es ins Dorf Arapuçu, eine halbe Stunde flussaufwärts. Arapuçu ist ein Quilombo, eine Siedlung von Nachkommen ehemaliger Sklaven. Dem Bischof ist es wichtig, heute hier zu sein, denn in Brasilien wird der „Tag des Schwarzen Bewusstseins“ begangen, der an die Leiden und den Kampf der afro-brasilianischen Bevölkerung erinnern soll.

Im nach allen Seiten offenen Gemeindesaal von Arapuçu haben sich die Bewohner versammelt. Einige Schüler singen ein Lied über die Diskriminierung einer schwarzen Frau. Dann ergreift Dom Bernardo das Mikrofon. Es sei wichtig, die eigene Geschichte und Kultur zu kennen und dafür einzutreten, sagt er. Zum Abschied küssen die Menschen dem Bischof wieder die Hand, und er erwidert die liebevolle Geste: „Segen!“ Auf dem Rückweg sagt er nachdenklich: „Wir haben zwei große Aufgaben als Kirche im Amazonasgebiet. Wir müssen die Wunden der Natur heilen. Und wir müssen die Wunden der Menschen heilen.“

Adveniat-Weihnachtsaktion 2020: ÜberLeben auf dem Land
Trotz Landflucht lebt jeder Fünfte in Lateinamerika und der Karibik auf dem Land. Das bedeutet häufig auch, abgehängt und ausgeschlossen zu sein. Wer auf dem Land geboren ist, ist dreimal häufiger von Armut betroffen als eine Person, die in der Stadt geboren wird. Die Gesundheitsstationen in ländlichen Regionen sind oft miserabel ausgestattet, denn es gibt dort kaum Diagnosemöglichkeiten, Medikamente und Fachpersonal. Und dann kam im Mai 2020 auch noch Corona. Das Virus trifft mit der Landbevölkerung auf eine besonders verletzliche Gruppe von Menschen, deren Immunabwehr aufgrund ihrer Armut, den chronischen Leiden an Infektionskrankheiten sowie ihrer schlechten Ernährungssituation bei einer Infektion schnell überfordert ist. Deshalb rückt das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat mit seiner diesjährigen Weihnachtsaktion unter dem Motto „ÜberLeben auf dem Land“ die Sorgen und Nöte der armen Landbevölkerung in den Blickpunkt. Schwerpunktländer sind Argentinien, Brasilien und Honduras. Die Eröffnung der bundesweiten Adveniat-Weihnachtsaktion findet am 1. Advent, dem 29. November 2020, im Bistum Würzburg statt. Die Weihnachtskollekte am 24. und 25. Dezember in allen katholischen Kirchen Deutschlands ist für Adveniat und die Hilfe für die Menschen in Lateinamerika und der Karibik bestimmt. Spendenkonto bei der Bank im Bistum Essen, IBAN: DE03 3606 0295 0000 0173 45 oder unter www.adveniat.de. 

Brasilien im Corona-Chaos

Die Pandemie hat auch unser Leben in Brasilien total verändert. Anfang des Jahres dachten wir noch, dass der Virus nicht zu uns kommen würde. Aber am 25. Februar wurde der erste Corona-Fall in Brasilien registriert, mittlerweile sind es schon 3.180.758 Fälle (Stand 12.08.20). Der erste Todesfall wurde am 13. März registriert, jetzt sind es schon 104.528 Fälle. Der Bundesstaat Mato Grosso, wo ich derzeit lebe, registrierte den ersten Fall am 19. März, mittlerweile sind es schon 69.085 (14.470 Fälle allein in der Hauptstadt Cuiaba). Den ersten Todesfall gab es hier am 3. April, inzwischen sind es 2.264 (649 davon in Cuiaba).

Die Pandemie verschärft die sozialen und wirtschaftlichen Probleme und man befürchtet einen totalen Zusammenbruch und Chaos. Die Bekämpfung der Pandemie wird durch die Verharmlosung des brasilianischen Präsidenten erschwert. Er bezeichnet Covid-19 als harmlose Grippe und lehnt Schutzmaßnahmen wie soziale Distanzierung, Maskenpflicht und Einschränkung der Aktivitäten in besonders gefährdeten Gebieten als wirtschaftsschädigend ab. Das bekannte Malariamittel Chloroquin ist seiner Meinung nach das Wundermittel gegen Covid-19. Jair Bolsonaro ignoriert die Wissenschaftler und den brasilianischen Ärzteverband, die auf die negativen Folgen seiner Politik hinweisen. Deshalb mussten auch zwei Gesundheitsminister, angesehene Ärzte, seine Regierung verlassen. Ein General leitet das Gesundheitsministerium und ersetzte erfahrene Experten durch Militärs.

Transparent vor dem Dom in Caceres, Mato Grosso: „Aus Liebe zu Gott, bleibt zu Hause“. Foto: Manfred Göbel

Bolsonaro erhält Unterstützung von den evangelikalen Freikirchen, dem konservativen Lager der katholischen Kirche, Unternehmern, Geschäftsleuten, einem Teil des Militärs und von allen, die seine Ideen gutheißen, das sind rund 30 Prozent der Bevölkerung. Anstatt das Land zu einen, spaltet er es durch seine radikalen Ideen. Er sagt zum Beispiel: „Wir, die Rechten, nehmen Chloroquin gegen Covid-19 und die ‚Linken‘ trinken Tubainsaft.“ Der rechtsgerichtete Präsident bezeichnet sich auch als Schutzwall gegen den Kommunismus und als Garant für die Demokratie. Die Spaltung geht quer durch die Bevölkerung und auch durch die katholische Kirche, was das vor kurzem veröffentlichte Schreiben „Brief an das Volk Gottes“ zeigt. In dem Dokument kritisieren 152 brasilianischen Bischöfen (rund ein Drittel der Bischöfe) eine fehlende Politik zur Verbesserung der Lebensbedingungen der armen Bevölkerung sowie die Unfähigkeit Krisen zu bewältigen, vor allem in Bezug auf Covid-19. Eine Reaktion des Präsidenten blieb bisher aus. Anscheinend hat er das Schreiben ignoriert.

Die Pandemie ist auch in die Indianergebiete eingedrungen. Die letzten Zahlen (vom 11.08.20) sprechen von 24.246 Fällen, davon 664 Tote. Bis jetzt sind 148 Indianervölker von insgesamt 305 Völkern mit einer Gesamtbevölkerung von 734.000 Indianern betroffen. Man hatte es versäumt, die Indianergebiete zu schützen und sanitäre Barrieren zu errichten.

Die Lage hatte sich zeitweise in vielen Regionen dramatisch verschlechtert und die Gesundheitsdienste kollabierten, wie zum Beispiel in Mato Grosso und Cuiaba. Die Krankenhäuser waren voll und es gab keine Intensivbetten mit Beatmungsgeräten mehr. Viele Krankenschwestern und Ärzte sind an Corona erkrankt, einige gestorben, deshalb fehlt Personal. Momentan hat sich die Lage in Cuiaba etwas verbessert, nachdem drei Wochen lang alles geschlossen war. Doch wie lange bleibt es so?

Fast vergessen wegen der Pandemie verzeichnet die Abholzung des Regenwaldes neue Rekordzahlen. Von August 2019 bis Juli 2020 wurden 9.125 Quadratkilometer Urwald abgeholzt, eine Steigerung von 34,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Seit Wochen plagen uns großflächige Brände, die große Rauchwolken über Cuiaba bringen. Hinzu kommt das trockene Klima mit einer Luftfeuchtigkeit von nur 17 Prozent. Das Naturschutzgebiet Pantanal verbucht eine seiner schwersten Brände-Saisons. Um 28 Prozent nahmen die Brände gegenüber dem Vorjahr zu. Atemwegserkrankungen wegen Corona und den großen Bränden peinigen die Bevölkerung.

Die Organisation Acamis betreut mit Unterstützung der DAHW 230 Kinder und Jugendliche in der Corona-Krise. Foto: Manfred Göbel

Wegen der Pandemie leiden alle anderen Gesundheitsprogramme. Die Leprabetreuung wird vernachlässigt. Seit März finden keine Aufklärungskampagnen und auch keine Ausbildungskurse statt. Die letzten Zahlen vom Gesundheitsministerium im Mato Grosso zeigen, dass die Zahl der neuen Leprafälle im ersten Halbjahr um 50 Prozent zurückging gegenüber dem Vorjahr, von 2.304 auf 1.279 Fälle. Im Jahre 2019 wurden insgesamt 4.424 Fälle im Mato Grosso registriert. Das heißt, dass viele an Lepra erkrankte ohne Diagnose und Behandlung sind. Das wird die Leprakontrolle um Jahre zurückwerfen. Auch die geplanten Projekte und Aktivitäten der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) in Brasilien konnten wegen der Pandemie nicht im vollen Umfang durchgeführt werden.

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