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Indien: Der Fluch der Entwicklung

Neun der zehn Städte mit der weltweit größten Luftverschmutzung liegen in Indien. Trotzdem gibt es noch Regionen mit weitgehend intakter Natur, besonders im Nordosten. Aber auch dort heißt es oft: Wirtschaftswachstum um jeden Preis, auch auf Kosten der Umwelt. Steht also den Wald- und Berg­völkern eine ähnliche Zukunft bevor wie den Menschen in Delhi, Mumbai und Kalkutta? Und wenn der Abbau von Tropenholz schnelles Geld verspricht – warum sollten sich die Menschen dann um den Schutz der Natur kümmern?

  Gut muss Es geschmeckt haben, das Picknick hier am Fluss. Denn die Teller, auf denen eben noch ein kleiner Berg Reis mit scharfer Soße lag, sind leer gegessen. Gerade rechtzeitig, denn der Reisebus lässt seinen Motor anspringen. Fertig machen zur Weiterfahrt. Noch schnell ein paar Fotos gemacht fürs Internetprofil, und dann geht dieser Ausflug in die Natur auch schon wieder zu Ende. Die jungen Menschen aus der Großstadt, schick gekleidet in karierten Hemden, blauen Jeans oder farbenfrohen Stoffkleidern, kehren wieder heim in die Stadt, in der sie leben und das Geld verdienen, das ihnen am freien Tag einen Ausflug ins Grüne ermöglicht.

Als sich die Staubwolke, die der Bus auf der ungeteerten Straße hinter sich herzieht, langsam in Luft auflöst, bleibt vor allem eines zurück: ein Berg aus Papp- und Plastiktellern, achtlos weggeworfen nach dem schnellen Mittagessen.  

Es ist schon so: Der moderne Mensch zerstört genau das, was er liebt. Das gilt auch hier im Nordosten von Indien, an der kleinen Brücke von Umsiang. Hier gibt es noch unberührte Natur, frische Luft, und freie Sicht auf Gottes schöne Schöpfung – alles, was in Indiens Megacities mit ihren Müllbergen und den Wolken von Smog kaum noch zu finden ist.

Mit wachsendem Wohlstand entsteht in Indien eine Mittelschicht, die sich Kon­sum und Tourismus nach westlichem Vorbild leisten kann. Aber damit wächst eben auch der Müll. Und das ist nur einer der Gründe, weshalb man für die friedliche Gegend hier am Fluss Schlimmes befürchten muss.

In der „Heimat der Wolken“

Wer die Brücke von Umsiang überquert, gelangt in den Bundestaat Meghalaya hinüber. „Heimat der Wolken“ bedeutet der Name im Sanskrit, den man sich 1972 ausdachte, als die Völker der Khasi und der Garo einen eigenen Bundesstaat innerhalb der großen Nation Indien erhielten. Zu dieser Region gehören einige der wenigen noch übrig gebliebenen Regenwaldgebiete Indiens. Durch das feuchte Monsunklima wird das Dorf Cherrapunji zum Ort mit der größten Regenmenge weltweit.

Der Brite Rudyard Kipling ließ 1895 eine Geschichte seines legendären „Dschungelbuches“ in den Garo Hills spielen. Sie erzählt von wilden Elefanten und einer sagenumwobenen Tier- und Pflanzenwelt. Auch die Völker der Khasi und der Garo kennen bis heute viele Legenden – wie diejenige vom Hahn, der jeden Morgen die Sonne zurückbringt, nachdem sie am Abend zuvor verschwunden ist.

Aber auch wenn Touristiker und Werbeleute solche Geschichten gerne vermarkten und Meghalaya als Sehnsuchtsort für moderne Großstädter anpreisen – für Märchen bleibt hier eigentlich keine Zeit. Nach Angaben der Umweltorganisation WWF sind bereits zwei Drittel der Waldflächen verschwunden – abgeholzt, verbrannt, verbaut.

Dabei wäre die traditionelle Lebensweise der Khasi und Garo seit Urzeiten darauf ausgelegt, der Natur nur gerade soviel abzuringen, wie für ein gutes Leben innerhalb der Dorfgemeinschaft notwendig ist. „Wir nennen das jhum cultivation“, sagt Diana Mary Jarain, während sie ihr kleines Feld zeigt. „Dort drüben wachsen Reis und Yams, daneben Süßkartoffeln.“ Demnächst wird Senf angebaut. „Auch Wassermelonen wachsen hier ganz gut.“

Möglich ist das nur, weil ihre Familie die Fläche gerodet und das getrocknete Holz abgebrannt hat. Die Asche bleibt liegen und macht die Erde fruchtbar. Das reicht etwa drei, vier Jahre, dann zieht man weiter und der Boden darf wieder zuwuchern. Bis zum nächsten Mal. Aber heutzutage wächst die Bevölkerung, die Landflächen werden knapper, die Böden bekommen immer weniger Zeit zur Erholung.

Während Frau Jarain erzählt, schleppen drei Burschen einige Säcke Holzkohle heran. Sie haben sie in den vergangenen Wochen aus den abgehackten Ästen hergestellt und wollen sie verkaufen. Etwa 500 Rupien (6,30 Euro) werden sie für einen großen Sack einnehmen. „Aber nur, wenn das Holz schön hart ist und gut brennen kann“, sagt Ferio, einer der drei. „Sonst gibt es nur 300 Rupien.“

Es ist hier ganz normal, dass die drei Jungen arbeiten, während ihre Tante Diana ihnen sagt, was zu tun ist. Die Khasi sind eine „matrilineare Gesellschaft“, das heißt: Die Erbfolge geht über die Frauen der Familie, offiziell gehört ihnen meist auch das Land. Selbst der Name „Khasi“ bedeutet: „Von einer Mutter geboren“.

Aber was jetzt? In den vergangenen Jahren haben sich immer mehr Khasi-Männer Landbesitz gesichert, und machen Geschäfte zum Beispiel mit Bergbau-Unternehmen, Zementfabrikanten oder Kohlehändlern. In einigen Hügeln wird Uran abgebaut, anderswo graben sich die Menschen so genannte „Rattenlöcher“ ins Gestein und suchen nach wertvoller Steinkohle.

Dabei ist doch der Schutz von Umwelt und Natur fest in der indischen Verfassung verankert. Gesetze sollen saubere Flüsse und abgasfreie Luft garantieren, und das Holz der Regenwälder vor Axt und Säge bewahren. „Verbote werden nichts bringen“, sagt der Franziskanerbruder Collinsius Wanniang. Denn wovon sollen die Menschen dann leben? Die Mission der Franziskaner hat sich auf einigen Hügeln des kleinen Dorfes Orlong Hada niedergelassen.

Vorbild: Franz von Assisi und sein „Sonnengesang“

Im „Zentrum für Ökospiritualität“ suchen die Ordensbrüder nach neuen Wegen zu einer nachhaltigen Entwicklung und einer Bewahrung der Schöpfung – ganz im Sinne des heiligen Franz von Assisi, ihres Namenspatrons. Er war es, der bereits im 13. Jahrhundert seinen „Sonnengesang“ schrieb und darin die Wunder der Natur, von „Bruder Sonne“ bis „Schwester Mond“, bestaunte.

Doch die Franziskaner wissen, dass es nicht nur bei der spirituellen Idee bleiben darf. Ganz konkrete Maßnahmen sind gefordert. Bruder Collinsius Wanniang sagt: „Wenn wir den Menschen keine Alternativen bieten, um ihr Einkommen zu sichern, dann wird unsere Mutter Natur immer in Gefahr bleiben.“ Weil dann Landrechte billig verscherbelt werden, Bäume für schnellen Profit geschlagen und die Böden ausgelaugt werden.

Darum haben die Ordensmänner jetzt zum Beispiel Gummibäume angepflanzt. Aus deren Rinde tropft ein Saft, den man abzapfen, pressen, trocknen und zu Kautschuk verarbeiten kann. Naturkautschuk ist ein begehrter Rohstoff für die Industrie auf der ganzen Welt – Autoreifen, Schuhsohlen und etwa 40 000 weitere Produkte entstehen daraus. „Seit einem Jahr stelle ich Kautschuk her“, sagt Dorfbewohner Hubert Pumah, der bei den Franziskanern Arbeit gefunden hat. Gerade hängt er einen neuen Stapel zum Trocknen auf. „Für ein Kilo bekommen wir ungefähr 95 bis 105 Rupien.“ Umgerechnet sind das nur etwa 1,20 bis 1,30 Euro, aber immerhin.

„Vielleicht ist es nicht viel, was wir tun können“, sagt Bruder Collinsius Wanniang. Aber er kennt ein Sprichwort, das er gerne benutzt: „Besser eine kleine Kerze anzünden, als sich über die Dunkelheit beklagen.“

INFO

Rund acht Millionen Ureinwohner in Indien kämpfen derzeit um ihre angestammten Lebensräume in den Wäldern und Bergen. Hintergrund ist eine Klage von Naturschutzverbänden vor dem Obersten Gerichtshof im Februar 2019. Sie forderten die Vertreibung von Waldbewohnern, die keinen Nachweis für ihr Landrecht erbringen können. Der Oberste Gerichtshof in Delhi ordnete zunächst für Juli 2019 die Umsiedlung von Ureinwohnern an, die kein verbrieftes Bleiberecht besitzen. Nun soll es jedoch im Herbst 2019 eine weitere Anhörung geben.

Naturschützer fürchten um den Rückgang der Lebensräume für bedrohte Tierarten und beschuldigen indigene Volksgruppen, die Zerstörung der Urwälder mit ihrer Lebensweise, zum Beispiel Brandrodung voranzutreiben. Ureinwohner entgegnen, dass sie das rohstoffreiche Ökosystem des Waldes schon seit Jahrtausenden erfolgreich schützen, auch gegen große Konzerne.

Indiens Forstgesetz aus dem Jahr 2006 garantiert den Bewohnern der Wälder ein Landrecht, wenn sie nachweisen können, dass ihre Familien seit mindestens drei Generationen in einer bestimmten Region leben. Doch von den knapp drei Millionen Anträgen auf Anerkennung der Bleiberechte wurden bislang mindestens 1,2 Millionen abgelehnt.

„Die indigenen Einwohner, unter ihnen viele Christen, gehören zu den bedrohtesten Bevölkerungsgruppen. Trotz ihrer per Gesetz gesicherten Rechte werden sie von der indischen Regierung nicht ausreichend geschützt“, sagt missio-Präsident Monsignore Wolfgang Huber. Insgesamt zählen rund 104 Millionen Menschen in Indien zu den indigenen Stammesgruppen, das sind knapp zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Ihnen steht die katholische Kirche Indiens besonders bei.

Mehr zum Thema: Missio-Gast aus Indien stellt Nachhaltigkeitsprojekt in Bistum Eichstätt vor

Gastprofessor in „little Vatican“

Was haben die ehemalige amerikanische Außenministerin Madeleine Albright, die oscarprämierte US-Schauspielerin Susan Sarandon und der Eichstätter Diözesanpriester Marco Benini gemeinsam? Allen dreien ist die Catholic University of America (CUA) in Washington vertraut. Die beiden Frauen studierten an der Hochschule, die von der katholischen Bischofskonferenz der USA getragen wird. Liturgiewissenschaftler Benini ist seit knapp einem Jahr Gastprofessor an der CUA. Während dort gerade Semesterferien sind, nutzt der gebürtige Ingolstädter im Heimaturlaub die Gelegenheit, sich in Ruhe wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu widmen oder Vorlesungen vorzubereiten.

Zurück in Pfraunfeld

Dass er die Chance bekam, an der renommierten CUA zu lehren, sei „das Beste, was mir hätte passieren können“, stellt der 37-Jährige im Gespräch mit der Kirchenzeitung für das Bistum Eichstätt fest. Benini hat in Eichstätt und Rom Theologie studiert. 2015 schloss er seine Doktorarbeit ab, 2018 seine Habilitationsschrift. Zugleich war er seit 2012 Kaplan in Raitenbuch und Pfraunfeld, wo er kürzlich wieder einmal einen Gottesdienst hielt und sich über das Wiedersehen freute.

Das Angebot, Gastprofessor in den USA zu werden, bekam Benini bei einer wissenschaftlichen Tagung in Belgien. Als er dort einen Vortrag hielt, saß der Dekan der CUA im Publikum, „so hat sich der Kontakt entwickelt“. Mit Zustimmung des Eichstätter Bischofs lehrt der Liturgiewissenschaftler nun an der School of Theology and Religious Studies. Dort hat er es in den Vorlesungen mit weit mehr Studierenden zu tun als in Eichstätt. So habe er zum Beispiel ein Seminar über Buße und Krankensalbung für 28 Diakone gegeben, erzählt Benini. Während des Pastoralkurses stehen für angehende Priester in den USA nämlich noch Vorlesungen an, während deutsche Weihekandidaten das Studium in dieser Phase schon hinter sich haben. Umgekehrt würden US-Priesteramtskandidaten schon von Studienbeginn an Pfarreien zugeordnet, um am Wochenende Praxiserfahrung zu sammeln, berichtet er.

Seine Adressaten sind aber nicht nur Theologiestudenten. Er gibt auch theologische Einführungsseminare für fachfremde Studierende. So spricht er an der „Nursing school“, an der angehende Krankenschwestern eine akademische Ausbildung erhalten, über die Krankensalbung, oder er gibt in einem Basismodul zur Bibel Einblick in die Heilige Schrift. Ganz gleich, für welches Fach man sich an der CUA auch einschreibt – Vorlesungen in Theologie sind obligatorisch. „Wissensvermittlung im Licht des christlichen Glaubens“ gibt die Homepage der Hochschule als Ziel aus: „Wir leben unseren Glauben an der Katholischen Universität. Wir bieten unseren Studenten Zugang zu den Sakramenten.“

1889 hatte die amerikanische Vollversammlung der Bischöfe die Erlaubnis aus Rom erwirkt, eine katholische Universität zu errichten. War doch der Katholikenanteil in der Neuen Welt wegen der vielen Einwanderer aus Europa stark gestiegen. Aber sie seien von den gebürtigen Amerikanern misstrauisch beäugt und als „papstgesteuert“ betrachtet worden, erzählt Benini. Dass in den Kirchen US-Flaggen hängen, gehe auf diese Zeit zurück. Es sei ein Zeichen der Loyalität gewesen. Einen Imagegewinn für die katholische Kirche habe letztlich aber erst das Zweite Vatikanische Konzil gebracht. Und die Tatsache, dass mit John F. Kennedy erstmals ein katholischer Präsident ins Weiße Haus einzog.

Rund 20 Prozent der US-Amerikaner sind heute katholisch. „Grundsätzlich muss man sich die USA viel religiöser vorstellen als Deutschland“, berichtet Benini. Der durchschnittliche Kirchenbesuch liege bei 30 Prozent. Und im Baseballstadion, in das die Kollegen ihn mitgeschleppt haben, erklinge „God bless America“.

Katholisches Zentrum

An der CUA schlägt das Herz des katholischen Amerika. „Little Vatican“ wird das weitläufige Unigelände genannt, auf dem Klöster und viele katholische Organisationen ihren Hauptsitz haben. Es gibt mehrere Priesterseminare, in denen Studierende aus vielen US-Bistümern gemeinsam leben. Dominiert wird der Campus von der Basilika der Unbefleckten Empfängnis, deren Bau 1920 begann. Das Gotteshaus ist die größte katholische Kirche Nordamerikas und eine der zehn größten weltweit. „Riesig“ beschreibt sie Benini, der dort jeden Samstag die Beichte hört und staunt, wie viele Menschen zum Gottesdienst kommen. Sechs Heilige Messen finden allein werktags statt.

Dr. Marco Benini. Foto: Gabi Gess

In Washington, wo er in einem Priesterhaus auf dem Campus mit 20 Geistlichen lebt, möchte Benini zumindest das kommende Semester noch als Gastprofessor wirken. Wie klein die Welt ist, hatte der junge Eichstätter Diözesanpriester bereits bei seiner Ankunft festgestellt: Der Benediktiner, der ihn vom Flughafen abholte, kannte das Eichstätter Kloster St. Walburg. Als nun eine Amerikanerin dort Äbtissin wurde, „da hat er mir das gleich berichtet“, lacht Benini. Ein andermal unterhielt er sich mit einem Professorenkollegen, der früher Regens in Milwaukee war. „Er erinnerte mich an einen Vorgänger namens Michael Heiß. Der 1890 verstorbene spätere Erzbischof von Milwaukee war der berühmteste Sohn der Pfarrei Pfahldorf bei Eichstätt.

„Menschen in der Zeit“ – Karoline Mayer

Die Mutter Teresa von Südamerika wird sie genannt – und in Chile, ihrem Missionsland, wird sie von den Armen wie eine Heilige verehrt.

Karoline Mayer – Das Geheimnis ist immer die Liebe

Die aus Eichstätt in Bayern stammende Missionarin und seit einem halben Jahrhundert in Südamerika wirkende Karoline Mayer bezeichnet sich selbst als Chilenin. Etwa wie der aus Südtirol stammende China-Missionar Joseph Freinademetz von sich selbst sagte: ich bin ein Chinese. Das heißt: das sind Menschen, die ihr Herz in ihr Missionsland und an andere Menschen verloren haben, bedingungslos und ohne Abstriche.

Eigentlich hatte es Karoline auch nach China gezogen – doch das Schicksal wollte es anders. Die Enttäuschung, von der Ordensgemeinschaft der Steyler Missionsschwestern nicht in das Reich der Mitte geschickt zu werden, war anfangs groß – doch bald sollte Chile für Karoline Mayer das Land ihrer Verwirklichung werden. Immer wieder wird sie von den Schergen der Pinochet-Diktatur verfolgt und wird für kurze Zeit sogar verhaftet. – Seit dem Übergang von der Diktatur von Augusto Pinochet zur Demokratie leitet die Missionarin ihre eigene Stiftung Cristo vive. Christus lebt. Unter dem Regime Pinochet war die Entwicklungshelferin eine offene Unterstützerin des zuvor demokratisch gewählten Salvador Allende. Die Steyler Missionsschwestern riefen sie darauf zurück in die Zentrale nach Holland. Kaum zwei Monate später tritt Karoline aus der Gemeinschaft aus und kehrt nach Santiago zurück. Zurück in die Elendsviertel am Rande der Großstadt.

Es ist ein sehr schwieriges Erlebnis, in die Hütten der Leute zu kommen und zu sehen, dass die Kinder unterernährt sind, dass es im Haus an allem fehlt .

Zurück in die Bergregionen Lateinamerikas. Hier kann die begabte Missionarin ihren Weg nach oben beginnen: begleiten wir Karolina Mayer jetzt persönlich auf ihrem mühsamen aber erfolgreichen Weg der Nächstenliebe:

„Es ist ein sehr schwieriges Erlebnis, in die Hütten der Leute zu kommen und zu sehen, dass die Kinder unterernährt sind, dass es im Haus an allem fehlt und dass der Inhalt des Kochtopfes für eine gesunde Ernährung der ganzen Familie nicht ausreicht. Ich merkte, dass der Familienvater zwar hart arbeitete – oft mehr als 48 Stunden pro Woche – sein Verdienst jedoch nicht ausreichte, die Familie zu ernähren und die Grundbedürfnisse zu befriedigen. Dieses Erlebnis hat mich für immer geprägt und ich verstehe jetzt, warum die Menschen, die dort inmitten der Armut leben, immer darum bangen, dass sie genügend zum Leben haben. Diese Grunderfahrung bleibt über Jahrzehnte hinweg nicht nur in ihren Kleidern, sondern auch in der Seele haften. Und auch, wenn es ihnen dann bessergeht, haben sie dennoch nie genug. Denn in ihrem Leben gibt es immer das „Gespenst“, dass es nicht ausreichen könnte.

Als dann die Kinder zum Essen kamen, staunte ich, dass sie in den ersten Wochen stets drei überhäufte Teller leeraßen

Das habe ich auch gemerkt, als ich mit den Frauen die Suppenküche anfing. Sie hatten die Idee gehabt, dass wir miteinander kochen könnten, dass wir in den Supermärkten nach Lebensmitteln mit abgelaufenem Verfallsdatum und auf Märkten nach leicht angefaultem Obst und Gemüse fragen könnten, das sich nicht mehr verkaufen lässt. Die Männer mussten in die Berge gehen und dort alles Brennbare holen, damit wir Feuer für den Suppentopf machen konnten. Und als dann die Kinder zum Essen kamen, staunte ich, dass sie in den ersten Wochen stets drei überhäufte Teller leeraßen. Ich hatte oft das Gefühl, sie müssten Bauchschmerzen haben und ich wollte ihnen so viel Essen verwehren, aber die Kinder mussten futtern. Das war ein Bedürfnis. Manchmal, wenn es ein Stück Brot dazugab, haben sie sich auch noch das ihres Nachbarn geschnappt. So war es zunächst.

Nach sechs bis acht Wochen regelmäßigen Essens ist dieses Bedürfnis bei den Kindern verschwunden, während ich oft gemerkt habe, dass die Eltern sehr viel mehr Sorge hatten, dass es nicht ausreichen könnte. Und das nicht nur bezüglich des Essens, sondern auch ihrer ganzen Lebensbedingungen. Sie haben Sorge, dass ihre Kinder keine Chance auf eine bessere Zukunft haben. Das ist ihr größter Wunsch. Gleichzeitig ist dieser aber immer verbunden mit dem Gefühl, dass das, was sie jetzt haben, wieder verloren gehen könnte oder dass sie nicht in der Lage sind, endgültig aus dieser sehr schwierigen Situation herauszukommen. Das ist ein Gefühl der Ohnmacht vor dem Leben und für diejenigen, die solche Situationen nie erlebt haben und nicht kennen, ist es sehr schwierig, diese Menschen zu verstehen.

… vor allem, wenn sie spüren, dass ich sie nicht verurteile

Von daher ist es eine ganz wunderbare Erfahrung, ihnen so nahe zu kommen und auch zu wissen, was im Armenviertel nachts passiert. Welche Probleme es gibt, worüber sich die Familien streiten. In den Holzhütten mit nur 50 Zentimeter Entfernung hörte ich alles: Die Person von nebenan, die sich gerade im Bett herumdreht, den Streit, wenn der Familienvater nach Hause kam und seine Frau anfing zu schimpfen, weil er betrunken war, die Kinder im Haus schrien und kreischten. Diese Situation mitzuerleben ermöglicht es, den Menschen näherzukommen, vor allem, wenn sie spüren, dass ich sie nicht verurteile, dass wir sie so annehmen, wie sie sind. In dieser Erfahrung war dann vor allem wichtig, dass die Menschen an der Lösung ihrer Probleme selbst beteiligt waren.“
Karoline Mayer aus den Anfängen ihrer Zeit

Unter dem Schutz der Kirche und in enger Zusammenarbeit mit der deutschen Hilfsorganisation „Cristo vive“ baut Karoline in den nächsten Jahren als gelernte Ärztin ein großes Familiengesundheitszentrum und eine Polyklinik auf, eröffnet weitere Kindergärten, Drogen-Therapiezentren sowie eine Obdachlosenherberge in acht Stadtteilen von Santiago de Chile. Weitere Stiftungen gibt es nun auch in Peru und in Bolivien. Eine fast unmenschliche Leistung. Fast 90 Prozent der Kosten werden inzwischen durch den chilenischen Staat übernommen, doch rund zehn Prozent müssen über Spenden finanziert werden. – Doch hören wir noch einmal Karoline selbst:

„Damals überlegten wir mit den Frauen: „Was könnt ihr machen?“ Ich hatte vorgeschlagen: „Wir könnten stopfen.“ Sie sollten ihre kaputten Sachen mitbringen, aber keine der Frauen – wir waren etwa zwölf – hatte etwas mitgebracht. Sie sagten, sie hätten nichts zum Mitbringen, hatten gar kein Interesse daran, stopfen zu lernen. Unglücklicherweise sagte eine von uns Frauen daraufhin unglücklicherweise: „Aber in deiner Jacke ist doch so ein dickes Loch!“ Da hat sich die Frau mit der Jacke so geärgert und fühlte sich so beleidigt, dass sie weggegangen ist. Wir mussten lernen damit umzugehen, wie sich diese armen Menschen vor uns, die wir ihnen ja helfen wollen, verteidigen. Einer von uns fiel dann ein, dass sie ja auch noch andere Dinge mitgebracht hatte und sie fing an, den Armen Kreuzstich beizubringen. Und das war fantastisch. Wir haben dann diese Individuals für den Tisch gemacht und die Frauen waren fasziniert. Sie wollten auch den Anderen zeigen, was sie konnten. Dass daraus Werkstätten und eine richtige Schule für Frauen werden würde, konnten wir uns damals nicht vorstellen.

Verboten ist hier nur eines, nämlich zu sagen: „Ich bin nicht fähig. Ich kann nicht. Ich weiß nicht.“ Alle können etwas, alle wissen etwas und alle sind fähig zu etwas

In den späteren Jahren konnten wir den Frauen anbieten, dass sie nicht nur Kreuzstich lernen, sondern auch Stricken und Nähen. Eine Frau gibt eine Jacke ab, die verkauft werden soll, doch der eine Ärmel ist drei Zentimeter länger als der andere. Im ersten Moment ärgert sich die Frau: „Ich habe so viel gearbeitet. Ihr versteht das nicht!“ Sie besteht darauf: „Ich habe so viel gearbeitet!“ Aber mit Liebe und Festigkeit musste ich ihr sagen: „Nein, es ist ganz wichtig, dass du das noch einmal aufmachst. Ich kann das natürlich auch für dich tun. Ich kann den Ärmel jetzt auch so machen, dass es ordentlich ist, aber auf die Dauer ist das nicht möglich, denn du wirst dein Produkt nicht verkaufen können.“ Die Leute haben es gelernt, und das hat auch ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Sie merkten, dass sie etwas wert sind und dass sie etwas können, dass ihre Produkte auch verkauft werden können – zu einem guten Preis, wenn sie es gut machen. Wir haben an die Wände geschrieben: „Verboten ist hier nur eines, nämlich zu sagen: „Ich bin nicht fähig. Ich kann nicht. Ich weiß nicht.“ Alle können etwas, alle wissen etwas und alle sind fähig zu etwas.

Die Frauen haben so einen kleinen Horizont. Unsere Mission ist, mit ihnen einen größeren Horizont zu erreichen. Das bedeutet, dass die Frauen etwas dazulernen müssen, sich mit dem, was sie wissen, nicht zufriedengeben dürfen. Sie müssen dazulernen, vor allem, um auch den Kindern mehr vermitteln zu können. Talente sollen gefördert werden, von denen die Frauen sich manchmal gar nicht vorstellen können, dass sie in ihren Kindern schlummern. Unsere Aufgabe ist, die Frauen auf ihrem Weg zu begleiten, um den Kindern eine Erziehung zu ermöglichen, die ihnen Zukunft gibt und das Potential, das in ihnen steckt zum Blühen bringt. Aber der Weg ist noch lang. Er darf nicht von oben herunter bestimmt werden, sondern gemeinsam mit den Leuten. Sie sollen immer spüren, dass sie dabei sind. Ganz wichtig in unserer Mission ist, dass das, was uns prägt, die Liebe zum Menschen ist. Eine Liebe nicht nur auf emotionaler oder sentimentaler Ebene, sondern eine Liebe, die bereit ist, das Leben für den Anderen einzusetzen, ein Stück Leben für den Anderen zu geben. Das ist eines der Ziele. Mit diesem Dienst wollen wir auch viele andere in der Gesellschaft zum Mitträumen einladen.“

Die Ehrungen und die Ungerechtigkeiten

Soweit ein kurzer, unvollständiger Rückblick auf das segensreiche Werk und Wirken von Karoline Mayer im O-Ton und auf ihre große Stärke, Menschen anzuregen und zu begeistern.

Die Liste der bisherigen Auszeichnungen für die „Mutter Theresa von Südamerika“ ist schier endlos, hier die wichtigsten: Bundesverdienstkreuz am Bande, Schalompreis der katholischen Universität Eichstätt, Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, Kardinaal Augustin Bea-Preis, Kardinal Fringspreis, Göttinger Edithstein-Preis, Marion Dönhofpreis, Preis „Heldin des Friedens“ der Jesuitenuniversität Santiago de Chile, „Goldenes Herz“ von „Ein Herz für Kinder“.

Post Scriptum: Karoline Mayer musste auch Ungerechtigkeiten erleben und ertragen. Von einem RTL-Explosiv Fernsehteam wurde ihre Stiftung „Cristo vive“ vor Jahren angeklagt, Spendengelder veruntreut zu haben. Natürlich hatte die Missionarin nichts damit zu tun, wie sich später herausstellte.. Zweitens: In einer Fernsehreportage der ARD war es Schwester Karoline vor laufenden Kameras nicht gelungen, sich von sexuellen Übergriffen eines Priesters aus Deutschland – mit dem sie viel zusammengearbeitet hatte – zu distanzieren. Die gute Samariterin zeigte, wenn es um ihre eigenen Angelegenheiten geht, wenig Talent zur Selbsthilfe. Das ist Charaktersache. Karoline Mayer hatte darunter sehr gelitten und beschrieb die Episode als eine der dunkelsten Stunden in ihrem bisherigen Leben. Dennoch hält sie weiterhin oder gerade deshalb eisern an ihrem Motto fest: Das Geheimnis ist immer die Liebe.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich von vatican news veröffentlicht.

Blogbeiträge von Karoline Mayer

Pilger als Zeugen der Auferstehung

Tief beeindruckt von den Osterfeierlichkeiten kehre ich mit einer Pilgergruppe gerade von Jerusalem zurück. Das war schon ein besonderes spirituelles Erlebnis, den Leidensweg des Herrn nachzugehen, unter seinem Kreuz zu stehen und seine Auferstehung zu bejubeln.

Ich war sehr gespannt, wie wir das Osterfest in Jerusalem erleben. Ob wir auf den Berg Golgatha hinaufsteigen und das Heilige Grab betreten können oder in der Masse untergehen. Beeindruckend die Gründonnerstagsliturgie mit Fußwaschung bei den Benediktinern in der Dormitio Abtei. Kein Besucherandrang wie an den Heiligen Stätten Jerusalems, sondern eher ein kleiner Kreis von Gläubigen. Und die Liturgie in deutscher Sprache. Ehrfurchtsvoll verfolgten die Pilger die Feier von den vorderen Plätzen aus. Die Teilnahme am Kreuzweg der Franziskaner entlang der Via Dolorosa am Karfreitag ist ein großes Spektakel. Menschentrauben drängen durch die engen Gassen Jerusalems, begleitet von der Weltpresse. Eine innige Andacht kommt nicht auf, wegen der sprachlichen Barrieren und der Geschäftigkeit im Basar. Die Prozession zieht sich in die Länge, reißt ab und ein Teil der Beter kommt zu spät in die Grabeskirche mit den letzten Stationen des Kreuzwegs. Das liegt auch an den Barrieren, die die israelische Polizei zur Sicherheit der Besucher errichtet.

Domvikar Reinhard Kürzinger neben dem Heiligen Grab bei der Osterliturgie. Foto: privat

Ein besonderes religiöses Erlebnis war die Teilnahme an der Osternachtfeier am frühen Morgen des Karsamstags. In der Grabeskirche wird die katholische Osternacht schon am frühen Samstagmorgen gefeiert. Dies geht zurück auf den sogenannten „Status Quo“, ein Regelwerk aus dem 19. Jahrhundert, in dem der Gebetsplan der an der Kirche beteiligten sechs Konfessionen festgeschrieben ist. Weltweit ist das die erste Auferstehungsfeier. Diese österliche Liturgie mit dem der Leiter des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem beginnt um 7.30 Uhr und zieht sich über dreieinhalb Stunden hin, die die Gläubigen stehend verfolgen.

Die Nacht sei gleichermaßen der Moment der Offenbarung Gottes wie auch die Zeit der Angst, des Zweifels, der Einsamkeit und der Gefahr, predigte Erzbischof Pierbattista Pizzaballa. „Ich denke an jene, die wegen der Dunkelheit ihrer Nacht das Licht nicht sehen können: die Nacht unserer Familien, getrennt durch Abwanderung in der Not für Arbeit, gespalten durch kalte und zynische politische Kalkulationen. Ich denke an die Nacht so vieler junger Menschen, die darum kämpfen sich selbst Perspektiven für die Zukunft zu geben, ich denke an die Nacht unserer religiösen Spaltungen, die unsere Beziehungen erblinden lassen, an die neuen Formen der Sklaverei in der Arbeit von Migranten und Flüchtlingen, in vielen Formen der Abhängigkeit“, so der Italiener. Pizzaballa rief die Gläubigen auf, Licht zu sein und das Licht der Osterkerze und des auferstandenen Christus hoffnungsvoll weiterzutragen. „Wir sind das Licht. Es wird kein außerordentliches Wunder von außen kommen“, betonte er. Die Liturgie der Osternacht sei nicht nur eine Erinnerung an das, was Gott an den Vorfahren getan habe, sondern hier und heute ereigne sich Erlösung.

Das Heilige Grab – Innenansicht. Foto: privat

Wenn man es geschickt einfädelt, können die Pilger anschließend das Heilige Grab besuchen.

Am Ostersonntag feierte ich mit der Pilgergruppe den Gottesdienst um 11 Uhr im Dominus flevit und konnte bei diesem herrlichen Panoramablick von der Kapelle auf Jerusalem die Ereignisse von Tod und Auferstehung noch einmal Revue passieren lassen.

Interview mit der tagesschau

Mein Fazit in einem Interview für die ARD: Jerusalem ist für mich die Stadt dreier Weltreligionen. Eigentlich sollte man hier nicht gegeneinander arbeiten, sondern Schritte der Versöhnung aufeinander zu tun – religiös, aber vor allem auch politisch.

Indien – ein Land für alle Sinne

Unter dem Motto – „Die Juwelen Indiens entdecken“ machte sich unsere 34-köpfige Reisegruppe aus der Seelsorgeeinheit Eitensheim, Buxheim und Tauberfeld auf, um dorthin zu reisen, „wo der Pfeffer wächst“. Die Vorfreude, aber auch die Aufregung bei uns allen war schon am Flughafen München deutlich spürbar. Ein erstes Highlight war sicherlich der Flug mit dem weltweit größten Passagierflugzeug, dem Airbus A 380, von München nach Dubai, zumal einige von uns das erste Mal in ihrem Leben überhaupt flogen. Nach einem vierstündigen Aufenthalt nachts am Flughafen in Dubai ging es dann endlich weiter zu unserem ersten Ziel Delhi im Norden Indiens, mit (zumindest offiziell) fast 17 Millionen Einwohnern.

Die ersten Wahrnehmungen dieser Millionen-Metropole waren die durch den Smog „würzige“ Luft sowie der neblig-verschleierte Himmel. Im unglaublichen und unvorstellbaren Straßenverkehr Delhis schließlich angekommen, erschloss sich eine weitere Sinnesqualität: das beständige Hupen von mindestens 20 Fahrzeugen gleichzeitig. Der Straßenverkehr in Indien gleicht einer Extremsportart, die uns auch nach zwei Wochen noch beeindruckte: Vor und auf den Kreuzungen standen mind. 50 Fahrzeuge (hauptsächlich Tuk-Tuks und Mopeds) und es gilt insbesondere eine landestypische Regel: „Egal, wie schnell und wohin du fährst, hupe, um dich anzukündigen.“ Eigentlich eine einfache Regel, die allerdings bei der unglaublichen Fülle an Fahrzeugen (teilweise acht in die gleiche Richtung fahrende Fahrzeuge nebeneinander) doch schnell zur Herausforderung wird und bei uns Deutschen zu neuen Dimensionen der Angst führte – aber Inder haben offensichtlich großes Vertrauen in ihre Multi-Tasking-Fähigkeiten.

Noch abenteuerlicher fühlte sich der Straßenverkehr in Nordindiens Großstädten an, wenn man selbst im wahrsten Sinne des Wortes hautnah dabei ist. So war es in Jaipur der Fall, als wir eine Tour mit Fahrrad-Rikschas durch die Innenstadt machten. Göttlicher Beistand war in dieser Stunde für unsere Gruppe mehr als nötig – doch scheinbar hatten unsere Guides, die für uns unermüdlich in die Pedale traten, genügend Gottvertrauen, so dass wir spontane Wendemanöver mit unseren Rikschas mitten auf der Fahrbahn oder im Kreisverkehr alle wohlbehalten überstanden.

Wer durch Indien reist, kommt mit einer Überfülle an Erinnerungen im Gepäck wieder zurück. Die Eindrücke können überwältigend schön und zugleich verstörend oder deprimierend sein. Das war vielen von uns durch Berichte und Erzählungen von Bekannten und Freunden schon bekannt. Darauf, die Gegensätze dann auch wirklich hautnah zu erleben und zu erfahren, konnte man sich jedoch nicht wirklich vorbereiten. Wahrscheinlich in kaum einem anderen Land ist man mit einer so großen Armut der Bevölkerung konfrontiert wie in Indien. Teilweise breitete sich eine Stille und auch Betroffenheit in unserem Reisebus, mit dem wir die Städte erkundeten, aus, angesichts der (einfachsten) Zustände, in denen ein Großteil der Menschen dort lebt – auf Matratzen am Straßenrand, umgeben von Müll und streunenden Hunden. Das rückt den eigenen Wohlstand und den Wert eines eigenen Daches über dem Kopf schnell wieder in ein anderes Licht. Vor diesem Hintergrund jedoch umso beeindruckender war die aus den Menschen selbst heraus kommende Freude am Leben und Dankbarkeit für das, was sie haben, zu erleben. Egal wo wir uns in Indien befanden – Nord oder Süd – mit unserem Reisebus fielen wir für indische Verhältnisse schon von Weitem ins Auge. Lassen wir uns in unserer westlichen Welt oft schnell von (sozialem) Vergleich leiten, reagierten die Inder, jung wie alt, mit großer Freude und Begeisterung auf uns, lachten und winkten uns zu. Von Neid oder Missgunst auf unseren weitaus höheren Lebensstandard keine Spur! Diese Erfahrung in diesen zwei Wochen immer und immer wieder machen zu dürfen, war sicherlich eine der berührendsten und definitiv bleibenden Erinnerungen.

In unserer ersten Woche im Norden Indiens besuchten wir die Städte Delhi, Agra und Jaipur und besichtigten eine Fülle unterschiedlicher Denkmäler, wie beispielsweise beeindruckende Hindutempel, Moscheen, große Festungsanlagen („Forts“) sowie das Grabmal „Taj Mahal“, auf dessen dahinter liegende Geschichte wir am Abend zuvor in einer Art Operette bzw. Musical, einer sog. „Kalakriti“-Show, musikalisch und mit vielen beeindruckenden Kostümen eingestimmt wurden.

Auf den Backwaters von Kerala

Nach dieser ersten Woche im Norden flogen wir nach Cochin in den Süden des Landes. Von Pater Praveen Job, Kaplan in Buxheim, Eitensheim und Tauberfeld, wurden wir bereits darauf eingestimmt, dass uns im Süden „ein ganz anderes Indien“ erwarten würde, was unsere Vorfreude auf das Bundesland Kerala, der Heimat unseres Paters, steigen ließ. Während wir im Norden viele religiöse Baudenkmäler besichtigen und vieles über die zahlreichen verschiedenen Religionen in Indien erfahren durften (u.a. Hinduismus, Islam, Christentum, Sikhismus, Buddhismus), lernten wir Indien schließlich von einer neuen Seite kennen, mit einer vielfältigen und bunten Natur und Pflanzenwelt. Im Gegensatz zu den nördlichen Bundesstaaten Indiens könnte man das Leben im Süden als langsamer und entspannter beschreiben, der Lebensstandard ist deutlich höher und die Menschen dort sind vergleichsweise wohlhabend.

Wir erkundeten Kerala zu Land wie auch zu Wasser. Einer der Höhepunkte war die Fahrt mit einem Hausboot auf den Backwaters von Kerala, die als eine der wichtigsten Handels- und Verkehrswege dort dienen. Es stellte sich sofort ein Gefühl von Urlaub ein, als wir bei Sonnenschein, fast 30 Grad und einem leichten Wind durch die Backwaters glitten, frisches Kokoswasser tranken und Kokospalmen, Reisplantagen und heimische Vogelarten sahen. Auch bereitete ein Koch extra für unsere Gruppe an Bord ein typisch indisches Essen mit Reis, Fisch, Fleisch und verschiedenen Soßen zu.

Wie schmeckt eigentlich Indien?

Auf jeden Fall intensiv und mit einer reichen Fülle unterschiedlichster Gewürze. Die Frage lässt sich jedoch nicht einheitlich beantworten, da sich der Geschmack von Region zu Region unterscheidet, im Norden schmeckt es anders als im Süden. Neben scharfen und milden Currys auf Sahne- oder Kokosmilchbasis, probierten wir auch die verschiedenen indischen Fladenbrote oder Masala-Tee, einen gewürzten Milchtee.

Was unseren Aufenthalt im Süden des Landes auf eine ganz besondere Art bereicherte, war das Kennenlernen der Familie unseres Paters. Wir wurden von seiner gesamten Familie (den Eltern, der Familie des Bruders sowie Tante und Onkel) zu einem Mittagessen eingeladen und bereits bei der Ankunft von seiner kleinen Nichte mit liebevoll selbstgebastelten Blumen sehr herzlich begrüßt. Anhand der Art und Weise, wie wir von allen Familienmitgliedern mit im wahrsten Sinne des Wortes offenen Armen empfangen wurden und auch anhand des aufwändig gekochten Buffets mit sehr leckerem indischen Essen erlebten wir nicht nur eine große Gastfreundschaft und Herzlichkeit seiner Familie und Stolz auf ihre indische Kultur. Sie drückten so auch ihre große Wertschätzung und Liebe für Pater Praveen und seinen Beruf aus, was berührend war miterleben zu dürfen.

Gruppenfoto mit Katholiken in Indien. Foto: Julia Sangl

Bei Katholiken in Südindien

Einen weiteren, sehr persönlichen Einblick in sein bisheriges Leben in Indien gewannen wir an unserem leider schon letzten Tag der Reise, als wir einen indisch-bayerischen Gottesdienst in der alten Heimatpfarrei von Pater Praveen gemeinsam mit den indischen Katholiken der Gemeinde feierten. Während wir von Zuhause farblich eher dezente, oft mit Gold geschmückte Kirchen kennen, staunten wir angesichts der farbenfrohen Gestaltung der indischen Kirchen. Knallige Farben (grün und pink) und mit Glitzer geschmückte Heiligenfiguren lassen die Gotteshäuser sehr fröhlich und lebendig wirken. Der Gottesdienst selbst wird im syro-malabarischen Ritus gefeiert und zu einem überwiegenden Großteil mit Gesängen und Musik begleitet. Der Begriff „syro-malabarisch“ ist eine Kombination aus den beiden Wörtern syrisch und malabarisch. Der heutige indische Bundesstaat Kerala wurde früher als Malabar bezeichnet. Die Liturgische Sprache war damals Syrisch. Heute wird anstatt Syrisch die Landessprache Malayalam in der Liturgie verwendet.

Es war schön zu sehen, wie viele Kinder und Jugendliche den Gottesdienst besuchten. Das Leben der Religion ist in Indien sehr wichtig. Pater Praveen erklärte uns, dass die regelmäßige Teilnahme am Gottesdienst in Indien sogar Pflicht sei, um später einmal heiraten zu dürfen. Normalerweise beginnen die Gottesdienste am Sonntag bereits um 6 Uhr morgens und dauern mindestens zwei Stunden. Im Anschluss erfolgt der Religionsunterricht für die Kinder. Als Zugeständnis an unsere – was die Gottesdienstzeiten angeht – verwöhnte Reisegruppe wurde der Gottesdienstbeginn an diesem Tag auf 8 Uhr verschoben 😊. Im Anschluss an den Gottesdienst hatten sowohl die indischen Kinder und Jugendlichen als auch wir selbst die Gelegenheit, uns gegenseitig Fragen zu stellen. Diese „Fragestunde“ wurde mit einem gemeinsamen Fotoshooting abgeschlossen. Bei diesem „Fototermin“ wurde wieder einmal die indische Fröhlichkeit und Offenheit deutlich. Während wir uns sehr „brav“ aufstellten, lachten die Kinder und Jugendlichen fröhlich durch die Gegend, schnitten Grimassen für das Foto, machten Späße und alberten herum. Doch nicht nur wir kamen aus dem Staunen angesichts unserer ganzen Eindrücke nicht mehr heraus, auch die indischen Jugendlichen staunten aufgrund der blonden Haarfarbe einiger unserer Gruppe. Da wurden fleißig Fotos und Selfies gemacht – also ein besonderes Erlebnis für uns alle 😊

Es ist schwer, ein Fazit für unsere Reise und dem Land Indien zu finden. Indien ist ein Land der Extreme und Kontraste: Es gibt sehr warme und kalte Orte, dichtbesiedelte Plätze und leere, weite Landschaften, sehr viele arme und im Verhältnis hierzu wenige reiche Leute, scharfes und mildes Essen und noch so vieles mehr… Aber wenn eines auf die Menschen in Indien zutrifft, dann folgende indische Lebensweisheit: „Am reichsten sind die Menschen, die auf das meiste verzichten können.“