Archiv der Kategorie: Europa

Damit Mensch und Tier besser leben können

Dichtes Grau liegt jetzt, mitten im Winter, über den Hügeln rund um das kleine rumänische Städtchen Câmpulung. Doch die Bekanntschaft, die die Gäste aus der Renovabis-Geschäftsstelle in Freising jetzt machen dürfen, entschädigt für vieles: Im neuen Kuhstall des sozialwirtschaftlichen Milchviehbetriebs Câmpulung steht ein kleines Kälbchen. Mit riesengroßen, braunen Augen starrt es neugierig die fremden Besucher an. Die älteren Kühe dagegen bleiben vollkommen gelassen, würdigen die fremden Menschen keines Blickes und käuen gemächlich weiter vor sich hin. Der gesamte Stall strahlt Ruhe und Zufriedenheit aus. Zumindest bis Mitarbeiter Augustin die lärmende Melkanlage anwirft und ein Kollege mit einer Art Kehrmaschine die Hinterlassenschaften der Tiere beseitigt…

Riesige Augen, weiches Fell – und sowas von neugierig: ein kleines Kälbchen im neuen Stall in Câmpulung . Foto: Renovabis-Projektpartner

Rund 37 000 Einwohner hat der Ort Câmpulung, etwa zwei Autostunden sind es von Bukarest bis hierher. Die Stadt liegt am Rande einer Hügelkette in den südlichen Karpaten, auf einer Höhe von 600 m. Die klare Luft und die Landschaft machen die Gegend zu einem beliebten Ausflugsziel, im Sommer kommen viele Besucher hierher, um sich vom Trubel in der Hauptstadt zu erholen. Ehemals ein wichtiges Industriezentrum, im Mittelalter sogar die Hauptstadt Rumäniens, erlebte Câmpulung nach dem Ende des Kommunismus einen steilen wirtschaftlichen und demographischen Abschwung – mit einem heute sehr niedrigen Einkommensniveau, einem Verfall der öffentlichen Strukturen und einer großen Abwanderung von Arbeitskräften.

Aus der Milch entstehen in viel Handarbeit die kleinen Käselaibe – die sich großer Beliebtheit erfreuen. Quelle: Renovabis-Projektpartner

Der Stall, den die Gäste aus Deutschland besichtigen durften, ist nur ein Teil des sozialwirtschaftlichen Milchviehbetriebs Câmpulung: Unter dem Dach des Renovabis-Projektpartners, der Caritas, ist in dem Bergstädtchen ein vielfältiges Ensemble von Einrichtungen und Programmen rund um die landwirtschaftlichen Anlagen entstanden. Angefangen hatte alles 1992, als die Caritas Bukarest mit dem Aufbau einer Außenstelle begann, die 1999 zur Caritas Câmpulung wurde. Seitdem gibt es eine ganze Reihe von Projekten, die sich vor allem um benachteiligte Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene kümmern. Im Mittelpunkt stand und steht die Schaffung neuer Arbeitsmöglichkeiten und langfristiger Zukunftsperspektiven für junge Menschen, aber genauso der Gedanke einer naturnahen Landwirtschaft. Der Betrieb sollte die Ressourcen schonen und gleichzeitig ein sicheres Einkommen für die Mitarbeiter ermöglichen. Deshalb nahm 2002 ein neuer Bauernhof seine Arbeit auf.

Die Käselaibe finden reißenden Absatz.
Quelle: Renovabis-Projektpartner

Heute leitet Pfarrer Petru Păuleţ die Caritas Câmpulung. Er ist seit 1986 in der katholischen Pfarrei in dem Bergstädtchen tätig. Früher gab es nur einen kleinen Stall, doch Pfarrer Păuleţ ist es gelungen, über einen amerikanischen Verein Mittel für den Ausbau zu gewinnen. Jetzt liegt der Kuhstall auf einem großen Gelände des Erzbistums București außerhalb von Câmpulung. Die Kühe können den ganzen Sommer und Herbst über, solange die Witterung es zulässt, draußen an der frischen Luft weiden. Von Massentierhaltung keine Spur…

Auf dem Bauernhof arbeiten vier Angestellte, dazu kommen noch zwei bis drei Freiwillige. Pirvu Florin Daniel koordiniert die Arbeit. Er ist seit zehn Jahren Assistenzmanager bei der Caritas und hat einen Universitätsabschluss sowie viele Kurse in Sozialökonomie und Strukturmanagement besucht. Die Pflege der Kühe übernehmen die Mitarbeiter Augustin, Marian und Elena. Alle drei hatten es in ihrem bisherigen Leben nicht leicht. Augustin ist 58 Jahre alt, war lange arbeitslos und hat hier wieder eine Aufgabe bekommen, die ihn erfüllt. Der 55jährige Marian arbeitet in Teilzeit als Tierpfleger, damit er sich um seine kranke Frau kümmern kann. Elena (37) hilft bei der Versorgung der Kühe, sie hat in einer geschützten Unterkunft der Caritas Câmpulung ein neues Zuhause gefunden. Die Milch der derzeit 20 Kühe wird in einer eigenen kleinen Käserei verarbeitet, die Käseherstellung unterliegt nach eigenen Angaben genau wie die Milchproduktion den Kriterien der biologischen Landwirtschaft. 180 bis 200 Liter werden täglich gemolken, viermal pro Woche wird Käse hergestellt – im Monat bis zu 300 Kilogramm. Vertrieben werden die leckeren Laibe, die noch weitgehend in Handarbeit entstehen, von einer eigens gegründeten sozialwirtschaftlichen Firma. Der Käse erfreut sich großer Beliebtheit und findet reißenden Absatz.

Mittlerweile betreibt die Caritas Câmpulung – neben einer ausbildenden Näherei und anderen Sozialprojekten – in der Stadt ein Restaurant, wo die eigenen Produkte angeboten werden und wo benachteiligte Mädchen eine sichere Arbeitsstelle gefunden haben. Außerdem gibt es zwei kleine Läden, einen in Câmpulung, einen in Bukarest. Im Sommer, wenn Touristen und Tagesausflügler in die Region strömen, läuft es sehr gut, „wir erwirtschaften Profit“, sagt Pfarrer Păuleţ. Im Winter allerdings kommen kaum Besucher, deswegen hat das Team angefangen, zusätzlich einen Catering-Service aufzubauen; sogar bis nach Bukarest wird das Essen geliefert. Insgesamt beschäftigt die Caritas Câmpulung heute 33 Menschen: vor allem junge Frauen aus benachteiligten Verhältnissen, alleinerziehende Mütter, Opfer von Gewalt und abstinente Suchtkranke haben eine neue Aufgabe gefunden.

Pfarrer Petru Păuleţ, Projektpartner aus Câmpulung Quelle: Renovabis-Projektpartner

Der Gewinn aus den landwirtschaftlichen Aktivitäten fließt in pastorale und soziale Aktivitäten, größere Investitionen sind nicht möglich. Deshalb unterstützt das Osteuropa-Hilfswerk Renovabis den Betrieb. Der Milchviehbetrieb braucht dringend eine neue Jauchegrube – und einen Umkleideraum mit einem kleinen Badezimmer für die Angestellten. Denn langfristig sollen weitere Kühe dazukommen: Die Käseproduktion soll mit Hilfe von modernen und leistungsfähigen Maschinen ausgebaut werden.

„Wir sind froh, dass Renovabis unseren Milchviehbetrieb unterstützt: So können wir benachteiligten Menschen helfen – und tragen mit der Herstellung von Naturprodukten zur Erhaltung der Schöpfung bei“, sagt Pfarrer Păuleţ: „Sie ist schließlich Gottes Werk, und deshalb müssen wir sie schützen. Sie wurde uns anvertraut, nicht um sie zu zerstören, sondern um sie zu retten.“

Text: Theresa Grabinger und Doris Breitsameter

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Das Phänomen der „Eurowaisen“ in der Ukraine

„Manchmal, in traurigen Minuten wie heute, kommen mir solche Gedanken: Du und Papa kehrt in die Ukraine zurück, und wir bleiben für immer zusammen. Lass es weniger Geld geben, weniger Möglichkeiten, aber wir werden glücklich sein!“, schreibt in einem Brief die elfjährige Olena, deren Eltern im Ausland arbeiten. Sie gehört zu den sogenannten ukrainischen „Eurowaisen“: Das sind Kinder der Arbeitsmigranten aus der Ukraine, die zwar wirtschaftlich gut versorgt sind, aber ohne Eltern bei ihren Familienangehörigen aufwachsen.

Dieses Phänomen ist nicht neu. Laut Olexandra Slobodian, der Migrationsexpertin des CEDOS [ukrainisches Sozialforschungszentrum] gingen allein 2016 rund 700 000 Ukrainer ins Ausland. Die gegenwärtige Tendenz wird leider nicht besser, und das hat klare Gründe: Wirtschaftliche und politische Krise im Staat sowie ständig steigende Arbeitslosigkeit zwingen immer mehr Bürgerinnen und Bürger ins Ausland zu gehen, dort eine bessere soziale und wirtschaftliche Lage zu suchen und von dort aus ihren Kindern eine „bessere“ Zukunft zu ermöglichen.

Ist es jedoch genug, die Beziehung mit Mama und Papa nur per Skype (wohl auf einem teuren Handy) zu pflegen? Einerseits ist die Aufgabe einer guten materiellen Kinderversorgung dadurch gewissenhaft erfüllt. Die meisten Kinder, deren Eltern im Ausland arbeiten, bestätigen, dass ihre Familien grundsätzlich keine materiellen Schwierigkeiten mehr haben. Anderseits führen die mangelnde Betreuung und Aufsicht vonseiten der Eltern zu einer Reihe sozialer und psychologischer Probleme: Immer öfter werden die Kinder der Arbeitsmigranten mit „Straßenkindern“ verglichen, da sie oft ohne jede Erziehung bleiben. Weil das Geld für die „Eurowaisen“ kein Problem ist, werden sie manchmal alkohol- oder sogar drogenabhängig, was sie zu einem guten Ziel und Opfer des Drogenhandels macht. Negative Folgen kann man auch bei ihrer Leistung in der Schule merken. Im Juni 2016 wurde in der Ukraine eine Umfrage unter mehr als 50 000 Schulabgänger durchgeführt, einschließlich der Kinder der Arbeitsmigranten: Ergebnisse zeigen, dass die durchschnittliche Note der Absolventinnen und Absolventen mit beiden Elternteilen im Ausland etwa zehn Prozentpunkte niedriger ist als bei ihren Altersgenossen, die mit ihren Eltern zusammenwohnen.

Obwohl das Problem der „Eurowaisen“ in der Ukraine nicht neu ist, gibt es da im Gegensatz zu anderen Ländern immer noch keine Einrichtungen bzw. erfolgreiche Projekte für die vorübergehende Betreuung solcher Kinder. In der Praxis heißt es auch, dass das Kind, dessen Eltern ins Ausland gegangen sind, ohne gesetzliche Vertreter bleiben kann, die seine Rechte schützen würden. Das Kind weiß in diesem Alter auch noch nicht immer, was für sich am besten ist. Dies weist darauf hin, dass die Kinder der Arbeitsmigranten eine verletzliche Kategorie sind, die deswegen eine besondere staatliche Hilfe benötigt. Diese Staatsaufgaben übernehmen in der Ukraine einige soziale und christliche Organisationen und Stiftungen. Spitzenreiter bei der Hilfe für die „Eurowaisen“ ist die Caritas Ukraine. Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben mehr als zehn Jahre aktiver Erfahrung in der Arbeit mit den Kindern und Familien der Arbeitsmigranten, erzählt in einem Gespräch mit dem Bistum Eichstätt Andrij Waskowycz, der Leiter der Caritas Ukraine. Caraitas stellt Fachleute zur Verfügung, wie z. B. Sozialarbeiter und Psychologen, die solche Familien ständig und professionell unterstützen und begleiten können.

Natürlich ist nicht jedes Kind, dessen Eltern derzeit in der EU arbeiten, erfolglos in der Schule oder sofort alkoholabhängig. Wenn es allerdings auch nur eins wäre, bräuchte das Problem eine Lösung. es sind jedoch viele Kinder, die kein Geld brauchen, sondern jemanden zu lieben und zu sprechen.

Sternsinger-Aktion

„Segen bringen, Segen sein. Kindern Halt geben – in der Ukraine und weltweit“ lautet das Motto der kommenden, 63. Aktion Dreikönigssingen. Dabei werden die Sternsinger auf das Schicksal von Mädchen und Jungen aufmerksam machen, die mit nur einem Elternteil, bei Großeltern oder in Pflegefamilien aufwachsen, weil ihre Eltern im Ausland arbeiten.

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Beginn einer neuen spirituellen Blütezeit?

Das Marienkloster im norwegischen Tautra wird erweitert – das Bonifatiuswerk unterstützt mit der Diaspora-Aktion 2020 unter anderem die Arbeit der Ordensschwestern.

Ringsherum tiefblaues Wasser, in dem sich das Licht der Frühlingssonne bricht. Erst die teils schneebedeckten Berge begrenzen in einiger Entfernung die Weite des Fjordes. Über all dem das Azurblau des Himmels, an dem kaum eine Wolke zu sehen ist: Dieses Panorama, das sich dem Betrachter von dem grasbedeckten Hügel auf Tautra aus bietet, kann sich sprichwörtlich sehen lassen. Kein Wunder, dass sich einst an genau dieser Stelle auf der kleinen Insel im Trondheim-Fjord Zisterziensermönche niederließen. Von dem 1207 gegründeten Kloster sind nur die Ruinen der Abteikirche übriggeblieben – davor eine Hinweistafel, die über Bedeutungsverlust und Aufgabe des Klosters infolge der Reformation informiert. Das Ende des Ordenslebens auf Tautra? Nein. Nur wenige hundert Meter entfernt vom alten Standort setzen Trappisten-Schwestern die Tradition in ihrem 2006 eingeweihten Marienkloster fort.

Das Kloster Tautra ist nur ein Beispiel dafür, dass die kontemplativen Orden in Norwegen derzeit eine Blüte erleben. Wirkten bis vor wenigen Jahren vor allem aktive Gemeinschaften wie die Josephs-, die Franziskus-Xaverius- oder die Elisabethschwestern in Krankenhäusern und Pfarrgemeinden – heute sind vor allem aktive Gemeinschaften aus den Philippinen und Vietnam mit jungen Schwestern vertreten –, zeigt sich mittlerweile ein Trend zu monastischen Orden. Aus deutscher Sicht wirkt das alles wie eine verkehrte Welt: Hierzulande mangelt es den Ordensgemeinschaften massiv an Nachwuchs, es mangelt zudem an Geld. Als Folge werden Klöster – auch traditionsreiche – aufgegeben, Ordensprovinzen werden zusammengeschlossen. Ein Spiegelbild der allgemeinen Kirchenkrise in Deutschland. Parallel dazu Norwegen: Hier heißt es bei den Orden Aufbruch statt Abbruch – in einem Land, in dem die katholische Kirche insgesamt kontinuierlich wächst, in einigen Regionen monatlich sogar um ein Prozent.

Mittagsgebet in der Klosterkirche: Sonnenlicht dringt durch das gläserne Dach und fällt auf das darunter liegende Holzgebälk. Ein einzigartiges Licht- und Schattenspiel erfüllt den Raum. Hinter dem Altar gibt eine große Glaswand den Blick auf den Fjord frei: die Schönheit der Schöpfung wird zum Altarbild. Der klare Psalmgesang der Schwestern, begleitet von zarten Harfenklängen, vollendet die mystische Atmosphäre, die ausstrahlt. Ließen sich einst sieben Schwestern aus dem US-Bundestaat Iowa auf der einsamen Insel nieder, führen hier mittlerweile 16 Nonnen aus zwölf Nationen ein beständiges Leben im benediktinischen Rhythmus von Ora et labora et lege.

Das Kloster ist daher inzwischen zu klein. Es soll nun um einen neuen Flügel mit weiteren Zellenzimmern erweitert werden. „Manchmal kommen Menschen zu uns, um nach Orientierung im Leben zu suchen“, berichtet Schwester Gilchrist Lavigne von ihren Erfahrungen, „wenn sie mögen, helfen wir ihnen auf ihrem Weg.“ Und genau in dieser Aussage spiegeln sich die Offenheit des Klosters und die gelebte Willkommenskultur der Schwestern wider. In einem Gästehaus bieten die Nonnen Raum für all jene, die sich in die Stille und die spirituelle Atmosphäre dieses Ortes zurückziehen möchten. Auf der Halbinsel sind alle Menschen willkommen und zum Gebet eingeladen, egal ob sie tief im Glauben verwurzelt sind, der Kirche skeptisch gegenüberstehen oder einfach nur aus der Neugierde heraus einen Einblick in das klösterliche Leben bekommen möchten. Viele der Menschen in der Region hätten lange darauf gewartet, dass auf Tautra wieder ein Kloster entstünde. Viele von Ihnen möchten eine Nacht auf Tautra verbringen, um die Stille und Spiritualität des Ortes zu erleben. Die Nachfrage sei so groß, dass die Schwestern leider immer mehr Absagen machen müssten.

Ein angenehmer Duft liegt in der Luft, wenn die Nonnen 50 Kilogramm schwere Seifenblöcke, die mit Lavendel, Sandelholz, Mandel, Honig oder diversen Kräutern versetzt sind, in 630 handgerechte Stücke zerteilen. Die Trappistinnen verdienen einen Teil ihres Lebensunterhalts durch die Produktion von Seifen und Cremes. Doch Geld steht hier nicht im Mittelpunkt: „Die Seife bietet ein wunderbare Möglichkeit, den Menschen zu begegnen und mit ihnen in Dialog zu treten“, erklärt Schwester GilChrist: »Wir produzieren jedes Stück Seife als ein Gebet für den Frieden und wir beten für die Menschen, die sie kaufen.“

„Orte wie das Marienkloster auf der Halbinsel Tautra, an denen Glaube und Kirche auf besondere Weise gelebt werden sind besondere Ort die zeigen, wie lebendig und erfolgreich Norwegens Katholiken trotz oder gerade wegen ihrer Diaspora-Situation sind“, ist sich der Generalsekretär des Bonifatiuswerkes, Monsignore Georg Austen sicher. Bei all seinen Besuchen habe er stets eine sehr internationale und stark wachsende Glaubensgemeinschaft erlebt, die sehr viel Mut für die Zukunft mache. Mit seinen 16 Schwestern aus zwölf unterschiedlichen Nationen ist das Marienkloster ein Spiegel der multikulturellen Migrantenkirche in Norwegen.

Bischof Bernt Eidsvig spricht von einem Pfingstwunder, denkt er an die vielen verschiedenen Sprachen, die er sonntags in den Gottesdiensten hört. „Die Kirche in Norwegen ist eine ganz untypische Kirche“, betont er, „85 Prozent unserer Mitglieder sind im Ausland geboren.“ Das klinge zwar zunächst schwierig, meint der Oberhirte, allerdings dürfe man dabei nicht vergessen, dass die Kirche in Norwegen schon immer eine Einwandererkirche gewesen sei. „Im 19. Jahrhundert kamen die Katholiken vor allem aus Deutschland, Holland oder Frankreich. Ab den 1970er Jahren war die Kirche asiatisch geprägt. Heute stammen mehr als die Hälfte aller aus Polen.“ Eine ständige pastorale Herausforderung bleibt daher die Frage der Integration all jener, die neu hinzukommen. Die verschiedenen Muttersprachen spielen dabei eine bedeutende Rolle. Gerade die Ordensgemeinschaften spielten daher eine zentrale Rolle bei der Integration der Migranten.

Um ihr Kloster weiterentwickeln und weiterbauen zu können, hoffen die Ordensfrauen auf die Unterstützung des Bonifatiuswerkes, das sich der Anliegen der Katholiken annimmt, die in einer Minderheit leben. Ihnen steht das »Hilfswerk für den Glauben« solidarisch zur Seite. „Die Schwestern zeigen auf eindrückliche Weise, wie das Leitwort unserer Diaspora-Aktion 2020 „Werde Hoffnungsträger!“ mit Leben gefüllt werden kann. Die Ordensschwestern lassen ihre Hoffnung überspringen und setzen für viele Menschen einen Anker des Vertrauens. Durch sie ist zu spüren, was christliche Hoffnung bedeutet, die andere inspirieren, motivieren und mitreißen kann«, sagt der Generalsekretär des Bonifatiuswerkes, Monsignore Georg Austen. In diesen herausfordernden Zeiten will das Hilfswerk mit der diesjährigen Diaspora-Aktion ermutigen, zu Hoffnungsträgern für andere zu werden.

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Coronakrise und Flüchtlingskinder

Die Coronakrise ist zwar eine weltweite Problematik, hat allerdings nicht zu mehr Weitblick im Sinne von mehr Themenvielfalt geführt. Im Gegenteil: Die Probleme von geflüchteten Menschen sind zum Beispiel weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein geraten. Dabei haben gerade diese Menschen wegen der Krise einen besonders schweren Stand. Vielleicht ermöglicht es zumindest der Weltflüchtlingstag am 20. Juni, den Blick hierauf etwas zu weiten. Um die Situation von Asylbewerbern im Bistum Eichstätt in der Coronazeit ein wenig  zu beleuchten, habe ich mit Angela Müller, Mitarbeiterin der Flüchtlings- und Integrationsberatung der Caritas-Kreisstelle Eichstätt und Sprecherin für diesen Bereich beim Caritasverband der Diözese, gesprochen.

Dezentrale Unterbringung im Vorteil

„Da geflüchtete Menschen oft auf beengtem Raum leben müssen, ist es für sie eine besondere Herausforderung, Kontakte zu vermeiden und Abstandsgebote einzuhalten“, erfährt Angela Müller. Umso erleichterter ist sie, dass bei den Beratungen der Caritas im Bistum Eichstätt bisher nur wenige Fälle von Ansteckung mit Corona bei Asylbewerbern bekannt geworden sind, im Landkreis Eichstätt sogar noch gar kein Fall. Gerade bei dieser Problematik zeigt sich ein großer Vorteil der dezentralen Unterbringung vieler hier. „Es kommt erstens nicht so schnell zu Ansteckungen und zweitens, wenn dies passiert, nicht zu Masseninfektionen, die es ja jetzt in mehreren größeren Unterkünften in Deutschland gegeben hat“, erklärt die Caritas-Sprecherin einen Vorteil der dezentralen Lösung, die allerdings grundsätzlich von politischen Entscheidungsträgern für die Zukunft nicht favorisiert wird.

Die Coronakrise hat für die geflüchteten Menschen zahlreiche Nachteile mit sich gebracht, vor allem für das schulische Lernen der Kinder. In den Wohncontainern ist kein WLAN möglich, und sich den ganzen Stoff über mobile Daten herunterzuladen, ist für die Leute zu teuer. Ferner haben viele nicht nur keinen geeigneten Raum zum Lernen, sondern auch keinen Computer zur Verfügung. „Wir haben versucht, in einigen Fällen über die 150 Euro Gutschein-Regelung der Bundesregierung für bedürftige Schüler zur Anschaffung von entsprechenden Geräten etwas zu verbessern, aber trotz Nachfragen bei mehreren Behörden nicht erfahren, wo dieses Geld abgerufen werden kann“, so die Caritasberaterin. „Gott sei Dank haben wir für einige immerhin von Schulen Computer ausleihen können.“

Neben mangelnder technischer Ausrüstung ist natürlich aber auch die menschliche Unterstützung beim Lernen der Kinder zu Hause eine besondere Herausforderung für Flüchtlingsfamilien: „Wenn schon deutsche Eltern hier ihre Probleme haben, kann man sich vorstellen, wie es Eltern anderer Sprache und Kultur dabei ergehen muss. Und da ehrenamtliche Helferinnen und Helfer ja bisher nicht die Unterkünfte betreten dürfen und die wenigsten Familien Anspruch auf eine Notbetreuung haben, sind sie, was das Homeschooling betrifft, wirklich abgehängt“, spricht die Caritasberaterin Klartext. Und viele Fortschritte, welche die Flüchtlingskinder beim Erlernen der deutschen Sprache durch Spielen mit deutschen Kindern gemacht haben, sind durch das Gebot der Kontaktvermeidung nun wieder gefährdet.

Persönliche Beratung wieder möglich

Doch nicht nur die Kinder, auch die Erwachsenen befinden sich in der Coronakrise immer wieder in schwierigen Situationen. „Wenn es um Anträge geht, haben die Behörden den Asylbewerbern vor der Krise zumindest teilweise beim Ausfüllen oder Verstehen geholfen. In den letzten Monaten mussten die Anträge zur Kontaktvermeidung aber vollständig ausgefüllt zugestellt werden“, erzählt mir Angela Müller. Immerhin können Betroffene bei solchen Problemen seit kurzem wieder nach Anmeldung persönlich zur Flüchtlings- und Integrationsberatung der Caritas kommen, um sich helfen zu lassen. „Am Telefon ist so etwas nur schwer möglich“, ist die Erfahrung der Caritasberaterin. Auch für Geflüchtete mit psychosozialen Problemen ist bei ihr zum Beispiel wieder ein direktes Gespräch möglich. Ansonsten wird aber auch noch bei der Caritas zur Sicherheit die telefonische Beratung bevorzugt.

Ein weiteres Problem ist die Gewährung eines besonderen Schutzes für  Risikogruppen unter den Asylbewerbern: Aufgrund des Platzproblems in vielen Unterkünften, in denen sich Betroffene häufig Zimmer, Bad und Küche mit anderen teilen müssen, ist das kaum möglich.

Vermehrt helfen

Dass auch geflüchtete Menschen Einschränkungen aufgrund der Coronakrise in Kauf nehmen müssen, stellt Angela Müller nicht in Frage. Dennoch könnten Gesellschaft und Politik etwas tun, um ihnen in einer besonders schwierigen Lage zu helfen. Von der Gesellschaft wünscht sie sich unmittelbar nach der Krise ein verstärktes ehrenamtliches Engagement, um den Kindern in ihren Unterkünften beim Lernen vermehrt zu helfen, Verpasstes wieder aufzuholen. Oder auch, dass sich Leute finden, die mit ihnen einfach ab und zu draußen spielen, womit Freude am Leben und Deutschlernen Hand in Hand gehen. Von der Politik fordert die Caritasberaterin, dass vor allem in größeren Unterkünften gesonderte Räume mit entsprechender technischer Ausrüstung ermöglicht werden, um für die Kinder ein besseres Homeschooling zu realisieren. Besonders wichtig ist das natürlich dann, wenn es noch zu einer zweiten Coronawelle kommt. Diese würde freilich die ganze Bevölkerung vor neue Herausforderungen stellen, wäre insbesondere aber eine zusätzliche  Belastung für geflüchtete Menschen: weltweit sowieso, aber auch für die bei uns lebenden Asylbewerber.

Renovabis-Aktion 2020: Eine Bildbetrachtung

Die deutschen katholischen Hilfswerke haben entschieden, ein gemeinsames Zeichen der Solidarität zu setzen und dieses Jahr unter ein gemeinsames Thema zu stellen. Dies wurde längst vor dem Ausbruch der Coronakrise geplant. Die Entscheidung und das gewählte Thema „Frieden“ waren richtig und können aus aktueller Sicht als prophetische Handlung gedeutet werden. Denn für die jetzige Situation sind sie mehr als treffend. Es ist anerkennenswert, dass die deutschen Hilfswerke ihre Schwerpunkte in diesem Jahr zum ersten Mal von der Thematik her bündeln: „Frieden“ wurde in die Mitte ihrer Projektarbeit, ihres Gebetes und ihres Nachdenkens gestellt.

Auch Renovabis, die Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel­ und Osteuropa, macht sich für diese Idee stark. Das Thema trifft in der Tat den Kern der Nöte und Sorgen der Renovabis-Partner auf dem europäischen und asiatischen Kontinent. Ganz besonders deutlich wird es an dem Land, das Renovabis als Beispielland für die diesjährige Pfingstaktion und damit verbundene Sammlung gewählt hat: die Ukraine. Der Inhalt der Pfingstaktion berührt nicht nur eine der tiefsten Sehnsüchte der Ukrainerinnen und Ukrainer, sondern das Leben eines jeden Menschen, „der den Wunsch nach Frieden, erfülltem Leben und Heil in sich trägt.“ (Patriarch Shevchuk, Grußwort zur Pfingst-Novene).

Auch wenn die Corona-Pandemie die ganze Welt im Griff hält und sie wirtschaftlich und sozial lahm legt, schafft sie es nicht, die Waffen und die Kriegsherde zum Stillschweigen zu bringen. So herrschen in der Ukraine, einem Land direkt vor der Tür der Europäischen Union, ohne Unterbrechung seit Herbst 2014 bis auf den heutigen Tag Kriegszustände mit bereits mehr als 13.000 Toten, Millionen von Binnenflüchtlingen und viel Elend und Not an Seele und Leib. Wenn sich dazu auch noch die Ängste des Corona-Virus gesellen, stehen die Menschen vor echten existenziellen Herausforderungen. Werden sie gefragt, gehen die Antworten alle in eine Richtung: Unser einziger Traum ist, dass der Friede wieder kommt und dieser wieder das Leben bestimmt und ermöglicht.

Der Friede ist eine der Früchte des Heiligen Geistes. Er ist mit dem Heiligen Geist wesensgleich. Der Friede ist von uns Menschen allein nicht machbar. Er kann von uns nicht festgehalten werden, er ist immer auch zerbrechlich und niemals etwas Selbstverständliches. Der Friede muss und darf von Gott erfleht werden. So ist die Pfingstzeit eine gute Gelegenheit, neben unserem konkreten Einsatz für den Frieden immer auch um ihn zu bitten.

Dies kann sehr gut mit Hilfe der diesjährigen Pfingst-Novene von Renovabis gemacht werden, die im Grunde genommen eine lange, auf mehrere Tage verteilte Bitte um die Gaben des Heiligen Geistes ist, besonders um die Gabe des Friedens.

Rückseite der Vorlage zur Renovabis-Pfingstnovene

Ich persönlich finde die Novene sehr ansprechend. Sie ist mir in diesen Tagen zu einer treuen und hilfreichen Begleiterin in meinem Gebetsleben geworden. Doch ist sie nicht nur aufgrund der Texte bereichernd. Auch von der Aufmachung her habe ich an ihr Gefallen gefunden: Das ganze Bildprogramm ist für meine Begriffe genial gewählt und zusammengestellt. Als etwas ganz Besonderes gilt für mich das Foto auf der Rückseite des Novene-Heftchens. Ich fühle mich dadurch angesprochen und bleibe immer wieder mit meinen Augen und in meinen Gedanken daran hängen. Das Foto stammt aus der Ukraine. Dies stellt man schon allein an den gelb-blauen Farben des Fähnchens fest. Es ist ein Schnappschuss in jeder Hinsicht. Ein Vater trägt seinen Sohn auf den Schultern: ein biblisches Motiv, ein Motiv des Vertrauens; ein im Alltag oft anzutreffendes Motiv, ein Motiv, das eigene Kindheitserinnerungen hochkommen lässt. Beide schauen vom Osten nach dem Westen: programmatisch für das Land Ukraine, ein osteuropäisches Land und Partner von Renovabis. Dies ist das Land, das sich nach Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Ordnung nach dem westeuropäischen Vorbild sehnt und dafür seit einigen Jahren kämpfen muss.

Das Gebäude im Hintergrund ist verschwommen: Der Fokus liegt auf den beiden Personen, dem Vater und dem Sohn. Dies steht für einen zentralen Aspekt des Selbstverständnisses von Renovabis als Aktionsgemeinschaft der deutschen Katholiken mit den Mitmenschen im östlichen Teil des gemeinsamen Kontinentes. Die Unterstützung und die Spenden, die Renovabis einwirbt, kommen den Menschen mit ihren unmittelbaren Bedürfnissen direkt zugute. Diese Art von Partnerschaft, wie sie auf dem Foto ausgedrückt wird, steht auch im Mittelpunkt des Renovabis-Hilfswerkes.

Und nun zu einem weiteren Aspekt: Die Augen der beiden sind geöffnet und doch in sich versenkt, es sind betende Augen: Der Sohn scheint vom Vater vieles geerbt zu haben, auch den Blick der Augen mit seiner unübersehbaren Tiefe. Der Vater, bodenständig, reich an Lebenserfahrung, vielleicht ein wenig besorgt, schaut konzentriert vor sich hin, leicht zu Boden geneigt. Er trägt gerne die Last des Kindes auf den Schultern. Er geht beständig und verantwortlich nach vorne, er will, dass die Zukunft des Sohnes gelingt. Der Blick des Sohnes ist für sein Alter fast zu ernsthaft. Doch verrät er eine unheimlich große Weite. Diese ist möglich, da der Vater strapazierfähig und gelassen auf beiden Beinen steht und dem Kind Sicherheit verleiht. Der Sohn kann und darf träumen, sich auf den Vater verlassen und auf dessen Träumen aufbauen: vom Frieden, vom Glück, vom erfüllten Leben, von einer Zukunft ohne Krieg und ohne Angst vor Viren und Krankheiten.

Und ein letztes Element des Fotos. Der Sohn streckt seine Hände, gestützt auf Papas Haupt, nach vorne aus: In den Händen hält er seine Identität der Außenwelt und Gott entgegen. Er ist ein kleiner Ukrainer; die Farben Gelb und Blau, nicht nur im flatternden Nationalfähnchen, sondern auch als Farbe der Blumen, sagen das aus. Er träumt von Frieden, der nicht nur von seiner Bereitschaft dazu abhängt. Frieden braucht diese Bereitschaft von vielen Seiten, von allen Seiten, damit er stabil eintreten kann.

Frieden wird begründet nur dann, wenn alle Väter und Söhne, alle Mütter und Töchter dazu bereit sind, wenn alle nicht nur bei sich, bei ihren Identitäten, Egoismen und Meinungen bleiben. Alle sollen dafür aus sich heraustreten und bereit sein, die Hände voller Blumen der Vergebung, der Nachsicht und des Entgegenkommens, aber auch der konkreten stützenden und helfenden Handlungen sich gegenseitig entgegenzustrecken. Nur dann wird eine Grundlage für den Frieden gebildet werden können. Nur dann können wir zu den seligen – glücklichen – Friedenstiftern werden, wie dies das Logo der diesjährigen Pfingst-Novene festhält, indem es das Schriftwort aufgreifend: „Selig, die Frieden stiften“ (Mt 5,9). Nur dann kann der Heilige Geist das menschliche Gemeinschaftswerk des Friedens mit seiner Gnade überschatten und es vollenden.

Ein Foto, ein Bild aus dem Leben, voller Realsymbole für das Leben, für das friedliche Zusammenleben.

Liebe Leserinnen, liebe Leser, ich lade Sie herzlich ein, sich der diesjährigen Renovabis-Aktion in Gebet und unterstützendem Spendenwerk anzuschließen! DANKE!