Kategorie-Archiv: Begegnung

Indien – ein Land für alle Sinne

Unter dem Motto – „Die Juwelen Indiens entdecken“ machte sich unsere 34-köpfige Reisegruppe aus der Seelsorgeeinheit Eitensheim, Buxheim und Tauberfeld auf, um dorthin zu reisen, „wo der Pfeffer wächst“. Die Vorfreude, aber auch die Aufregung bei uns allen war schon am Flughafen München deutlich spürbar. Ein erstes Highlight war sicherlich der Flug mit dem weltweit größten Passagierflugzeug, dem Airbus A 380, von München nach Dubai, zumal einige von uns das erste Mal in ihrem Leben überhaupt flogen. Nach einem vierstündigen Aufenthalt nachts am Flughafen in Dubai ging es dann endlich weiter zu unserem ersten Ziel Delhi im Norden Indiens, mit (zumindest offiziell) fast 17 Millionen Einwohnern.

Die ersten Wahrnehmungen dieser Millionen-Metropole waren die durch den Smog „würzige“ Luft sowie der neblig-verschleierte Himmel. Im unglaublichen und unvorstellbaren Straßenverkehr Delhis schließlich angekommen, erschloss sich eine weitere Sinnesqualität: das beständige Hupen von mindestens 20 Fahrzeugen gleichzeitig. Der Straßenverkehr in Indien gleicht einer Extremsportart, die uns auch nach zwei Wochen noch beeindruckte: Vor und auf den Kreuzungen standen mind. 50 Fahrzeuge (hauptsächlich Tuk-Tuks und Mopeds) und es gilt insbesondere eine landestypische Regel: „Egal, wie schnell und wohin du fährst, hupe, um dich anzukündigen.“ Eigentlich eine einfache Regel, die allerdings bei der unglaublichen Fülle an Fahrzeugen (teilweise acht in die gleiche Richtung fahrende Fahrzeuge nebeneinander) doch schnell zur Herausforderung wird und bei uns Deutschen zu neuen Dimensionen der Angst führte – aber Inder haben offensichtlich großes Vertrauen in ihre Multi-Tasking-Fähigkeiten.

Noch abenteuerlicher fühlte sich der Straßenverkehr in Nordindiens Großstädten an, wenn man selbst im wahrsten Sinne des Wortes hautnah dabei ist. So war es in Jaipur der Fall, als wir eine Tour mit Fahrrad-Rikschas durch die Innenstadt machten. Göttlicher Beistand war in dieser Stunde für unsere Gruppe mehr als nötig – doch scheinbar hatten unsere Guides, die für uns unermüdlich in die Pedale traten, genügend Gottvertrauen, so dass wir spontane Wendemanöver mit unseren Rikschas mitten auf der Fahrbahn oder im Kreisverkehr alle wohlbehalten überstanden.

Wer durch Indien reist, kommt mit einer Überfülle an Erinnerungen im Gepäck wieder zurück. Die Eindrücke können überwältigend schön und zugleich verstörend oder deprimierend sein. Das war vielen von uns durch Berichte und Erzählungen von Bekannten und Freunden schon bekannt. Darauf, die Gegensätze dann auch wirklich hautnah zu erleben und zu erfahren, konnte man sich jedoch nicht wirklich vorbereiten. Wahrscheinlich in kaum einem anderen Land ist man mit einer so großen Armut der Bevölkerung konfrontiert wie in Indien. Teilweise breitete sich eine Stille und auch Betroffenheit in unserem Reisebus, mit dem wir die Städte erkundeten, aus, angesichts der (einfachsten) Zustände, in denen ein Großteil der Menschen dort lebt – auf Matratzen am Straßenrand, umgeben von Müll und streunenden Hunden. Das rückt den eigenen Wohlstand und den Wert eines eigenen Daches über dem Kopf schnell wieder in ein anderes Licht. Vor diesem Hintergrund jedoch umso beeindruckender war die aus den Menschen selbst heraus kommende Freude am Leben und Dankbarkeit für das, was sie haben, zu erleben. Egal wo wir uns in Indien befanden – Nord oder Süd – mit unserem Reisebus fielen wir für indische Verhältnisse schon von Weitem ins Auge. Lassen wir uns in unserer westlichen Welt oft schnell von (sozialem) Vergleich leiten, reagierten die Inder, jung wie alt, mit großer Freude und Begeisterung auf uns, lachten und winkten uns zu. Von Neid oder Missgunst auf unseren weitaus höheren Lebensstandard keine Spur! Diese Erfahrung in diesen zwei Wochen immer und immer wieder machen zu dürfen, war sicherlich eine der berührendsten und definitiv bleibenden Erinnerungen.

In unserer ersten Woche im Norden Indiens besuchten wir die Städte Delhi, Agra und Jaipur und besichtigten eine Fülle unterschiedlicher Denkmäler, wie beispielsweise beeindruckende Hindutempel, Moscheen, große Festungsanlagen („Forts“) sowie das Grabmal „Taj Mahal“, auf dessen dahinter liegende Geschichte wir am Abend zuvor in einer Art Operette bzw. Musical, einer sog. „Kalakriti“-Show, musikalisch und mit vielen beeindruckenden Kostümen eingestimmt wurden.

Auf den Backwaters von Kerala

Nach dieser ersten Woche im Norden flogen wir nach Cochin in den Süden des Landes. Von Pater Praveen Job, Kaplan in Buxheim, Eitensheim und Tauberfeld, wurden wir bereits darauf eingestimmt, dass uns im Süden „ein ganz anderes Indien“ erwarten würde, was unsere Vorfreude auf das Bundesland Kerala, der Heimat unseres Paters, steigen ließ. Während wir im Norden viele religiöse Baudenkmäler besichtigen und vieles über die zahlreichen verschiedenen Religionen in Indien erfahren durften (u.a. Hinduismus, Islam, Christentum, Sikhismus, Buddhismus), lernten wir Indien schließlich von einer neuen Seite kennen, mit einer vielfältigen und bunten Natur und Pflanzenwelt. Im Gegensatz zu den nördlichen Bundesstaaten Indiens könnte man das Leben im Süden als langsamer und entspannter beschreiben, der Lebensstandard ist deutlich höher und die Menschen dort sind vergleichsweise wohlhabend.

Wir erkundeten Kerala zu Land wie auch zu Wasser. Einer der Höhepunkte war die Fahrt mit einem Hausboot auf den Backwaters von Kerala, die als eine der wichtigsten Handels- und Verkehrswege dort dienen. Es stellte sich sofort ein Gefühl von Urlaub ein, als wir bei Sonnenschein, fast 30 Grad und einem leichten Wind durch die Backwaters glitten, frisches Kokoswasser tranken und Kokospalmen, Reisplantagen und heimische Vogelarten sahen. Auch bereitete ein Koch extra für unsere Gruppe an Bord ein typisch indisches Essen mit Reis, Fisch, Fleisch und verschiedenen Soßen zu.

Wie schmeckt eigentlich Indien?

Auf jeden Fall intensiv und mit einer reichen Fülle unterschiedlichster Gewürze. Die Frage lässt sich jedoch nicht einheitlich beantworten, da sich der Geschmack von Region zu Region unterscheidet, im Norden schmeckt es anders als im Süden. Neben scharfen und milden Currys auf Sahne- oder Kokosmilchbasis, probierten wir auch die verschiedenen indischen Fladenbrote oder Masala-Tee, einen gewürzten Milchtee.

Was unseren Aufenthalt im Süden des Landes auf eine ganz besondere Art bereicherte, war das Kennenlernen der Familie unseres Paters. Wir wurden von seiner gesamten Familie (den Eltern, der Familie des Bruders sowie Tante und Onkel) zu einem Mittagessen eingeladen und bereits bei der Ankunft von seiner kleinen Nichte mit liebevoll selbstgebastelten Blumen sehr herzlich begrüßt. Anhand der Art und Weise, wie wir von allen Familienmitgliedern mit im wahrsten Sinne des Wortes offenen Armen empfangen wurden und auch anhand des aufwändig gekochten Buffets mit sehr leckerem indischen Essen erlebten wir nicht nur eine große Gastfreundschaft und Herzlichkeit seiner Familie und Stolz auf ihre indische Kultur. Sie drückten so auch ihre große Wertschätzung und Liebe für Pater Praveen und seinen Beruf aus, was berührend war miterleben zu dürfen.

Gruppenfoto mit Katholiken in Indien. Foto: Julia Sangl

Bei Katholiken in Südindien

Einen weiteren, sehr persönlichen Einblick in sein bisheriges Leben in Indien gewannen wir an unserem leider schon letzten Tag der Reise, als wir einen indisch-bayerischen Gottesdienst in der alten Heimatpfarrei von Pater Praveen gemeinsam mit den indischen Katholiken der Gemeinde feierten. Während wir von Zuhause farblich eher dezente, oft mit Gold geschmückte Kirchen kennen, staunten wir angesichts der farbenfrohen Gestaltung der indischen Kirchen. Knallige Farben (grün und pink) und mit Glitzer geschmückte Heiligenfiguren lassen die Gotteshäuser sehr fröhlich und lebendig wirken. Der Gottesdienst selbst wird im syro-malabarischen Ritus gefeiert und zu einem überwiegenden Großteil mit Gesängen und Musik begleitet. Der Begriff „syro-malabarisch“ ist eine Kombination aus den beiden Wörtern syrisch und malabarisch. Der heutige indische Bundesstaat Kerala wurde früher als Malabar bezeichnet. Die Liturgische Sprache war damals Syrisch. Heute wird anstatt Syrisch die Landessprache Malayalam in der Liturgie verwendet.

Es war schön zu sehen, wie viele Kinder und Jugendliche den Gottesdienst besuchten. Das Leben der Religion ist in Indien sehr wichtig. Pater Praveen erklärte uns, dass die regelmäßige Teilnahme am Gottesdienst in Indien sogar Pflicht sei, um später einmal heiraten zu dürfen. Normalerweise beginnen die Gottesdienste am Sonntag bereits um 6 Uhr morgens und dauern mindestens zwei Stunden. Im Anschluss erfolgt der Religionsunterricht für die Kinder. Als Zugeständnis an unsere – was die Gottesdienstzeiten angeht – verwöhnte Reisegruppe wurde der Gottesdienstbeginn an diesem Tag auf 8 Uhr verschoben 😊. Im Anschluss an den Gottesdienst hatten sowohl die indischen Kinder und Jugendlichen als auch wir selbst die Gelegenheit, uns gegenseitig Fragen zu stellen. Diese „Fragestunde“ wurde mit einem gemeinsamen Fotoshooting abgeschlossen. Bei diesem „Fototermin“ wurde wieder einmal die indische Fröhlichkeit und Offenheit deutlich. Während wir uns sehr „brav“ aufstellten, lachten die Kinder und Jugendlichen fröhlich durch die Gegend, schnitten Grimassen für das Foto, machten Späße und alberten herum. Doch nicht nur wir kamen aus dem Staunen angesichts unserer ganzen Eindrücke nicht mehr heraus, auch die indischen Jugendlichen staunten aufgrund der blonden Haarfarbe einiger unserer Gruppe. Da wurden fleißig Fotos und Selfies gemacht – also ein besonderes Erlebnis für uns alle 😊

Es ist schwer, ein Fazit für unsere Reise und dem Land Indien zu finden. Indien ist ein Land der Extreme und Kontraste: Es gibt sehr warme und kalte Orte, dichtbesiedelte Plätze und leere, weite Landschaften, sehr viele arme und im Verhältnis hierzu wenige reiche Leute, scharfes und mildes Essen und noch so vieles mehr… Aber wenn eines auf die Menschen in Indien zutrifft, dann folgende indische Lebensweisheit: „Am reichsten sind die Menschen, die auf das meiste verzichten können.“

„Oh wie schön ist Panama!“

Die Bauarbeiter, die im vierten Stock im noch offenen Zimmer eines Hochhauses stehen, halten in ihrer Arbeit inne, lachen und winken. Denn unten auf der Straße marschiert eine Gruppe ausländischer Pilger vorbei. Auch die Taxifahrer winken und hupen. So zeigte sich Panama-Stadt den jungen Menschen aus 156 Ländern, die zum Weltjugendtag zu Gast waren. Überall war das Logo, ein Herz mit einer stilisierten Muttergottes, zu sehen. Das Straßenbild von Panama-Stadt prägten junge Leute, die in den Straßen tanzten, klatschten, ihre Fahnen schwenkten. 110.000 Dauerteilnehmer reisten an, um eine Woche lang Gemeinschaft im Glauben und Papst Franziskus zu erleben.

Höhepunkt war wie jeden Weltjugendtag die Vigil und die Sonntagsmesse. Am Samstag machten sich die Pilger aus Panama-Stadt auf den Weg zum Campo San Juan Pablo II. im Metro Park südöstlich der Stadt. Dort entstand ein internationales Camp. Die jungen Menschen rollten Isomatten aus, bauten Zelte auf und ließen die Landesfahnen an ihren Lagern wehen.

Da der Weg nicht weit war, waren viele Pilger aus Kolumbien, Guatemala, Nicaragua, Costa Rica und Mexiko angereist. Aus Europa waren die Polen stark vertreten. Nach ihnen kamen die Deutschen mit 2.300 Teilnehmern.

Eine große Gruppe aus Deutschland, 160 junge Menschen, kam mit der „Jugend 2000“ und den Bistümern Augsburg und Eichstätt, bestens organisiert von Biblische Reisen. Für viele von ihnen war der Weltjugendtag vor allem ein spirituelles Erlebnis und die Vigil mit dem anschließenden Rosenkranz ein besonderer Moment. Monika Krause aus Augsburg beschreibt diesen so: „Es kehrt Stille ein, alle schweigen und beten. Man hat richtig gespürt, dass alle im Gebet vereint sind.“ Weihbischof Florian Wörner aus Augsburg erklärte später in einer Predigt: „Ein ganz starker Moment. Der Nachfolger des Heiligen Petrus mit der Jugend der Welt – stellvertretend für die ganze Welt – betend auf diesem Platz.“ In der Dämmerung wurde das Allerheiligste ausgesetzt und die Jugendlichen sanken auf ihren Isomatten auf die Knie. Der Rosenkranz später am Abend war für Philip Rusnak nach einer stressigen, heißen Anreise eine gute Möglichkeit, „nochmals ruhig ins Gebet zu gehen.“

Der versammelten Menge – bei der Vigil nach Veranstalterangaben 600.000, am Sonntagmorgen 700.000 Menschen – legte Papst Franziskus ans Herz, nicht auf ein wages Morgen zu warten. „Ihr seid nicht die Zukunft – ihr seid das Jetzt Gottes!“ Die Jugendlichen sollten sich nicht von Plänen ruhig stellen lassen, die Erwachsene für sie gemacht hätten. Denn dann begännen in der „Zwischenzeit“ ihre Träume zu verblassen. Eine Frucht der Jugendsynode sei „der Reichtum generationenübergreifenden Zuhörens“ gewesen. „Nun müssen wir uns bemühen, Räume zu fördern, in denen wir uns beim Träumen und Aufbau des Morgens schon heute einbringen können. Ein Raum, für den auch ihr kämpfen müsst.“ Zusammen mit den Großeltern und Erwachsenen sollten die Jugendlichen „den Traum verwirklichen, mit dem der Herr euch geträumt hat.“ In Bezug auf das Motto, das „Ja“ Mariens in den Worten „Mir geschehe, wie du gesagt hast“ erklärte Franziskus: „Maria hat den Mut gehabt, am Jetzt des Herrn teilzunehmen.“ Ob die Jugendlichen dies auch wollten? Denn: „Euer Ja möge das Eingangstor sein, auf dass der Heilige Geist der Welt und der Kirche ein neues Pfingsten schenke.“

Manuel Hoppermann aus Hamburg hat nicht einfach nur den Papst gesehen. Er hatte den Auftrag, die Segenswünsche seiner Gastgeber in der Diözese Penonomé, wo die Gruppe fünf Tage vor dem Programm in Panama-Stadt gewohnt hatte, zu überbringen. Dort habe es sich nicht jeder leisten können, zum Programm nach Panama-Stadt zu kommen. Manche der Pilger wohnten bei Familien, wo es kein fließendes Wasser gab und keine geteerten Straßen zum Haus hinführten. Manuel Hoppermann erzählt: „Die Begegnung mit der Gastfamilie war unglaublich herzlich.“ Wie er waren alle in der Gruppe von der großen Gastfreundschaft in Panama beeindruckt, die in Penonomé erstmals erlebbar war und sich in der Großstadt fortsetzte.

Während die Jugendlichen in den Tagen in den Diözesen einen Einblick in die Kultur des Gastlandes bekamen, begegneten sie in Panama-Stadt jungen Christen aus aller Welt. „Foto? Foto?“, sprach da etwa eine Gruppe aus Guatemala junge Pilger mit Deutschlandflagge an. Schnell formierte sich da ein Gruppenbild, bei dem die Landesflaggen gut sichtbar in die Handy-Kamera gehalten wurden. „Where are you from?“ – „Wo kommst du her?“ rufen sich die Gruppen, die durch die Straßen ziehen, gegenseitig zu, während andere nebenan klatschen und Lieder singen. Beim Weltjugendtag wird den jungen Christen deutlich: Sie teilen ihren Glauben mit Vielen ihrer Generation in allen Ländern der Erde.

Während die Pilger beim Weltjugendtagsprogramm in der Stadt unterwegs waren, verfolgten viele Gastgeber in den Nachrichten die Lage in Venezuela. Bei seinem Besuchsprogramm griff Franziskus das Thema zunächst nicht auf. Bein Angelus am Sonntag sagte er, die Lage in dem sozialistisch regierten Land sei „gravierend“. Er sei dem venezolanischen Volk in diesen Stunden besonders nahe und bete für eine „gerechte, friedliche Lösung“.

Die Probleme der Länder des Kontinents kamen beim Kreuzweg zur Sprache. Die 14 Stationen wurden mit Gebeten und Meditationen von Gruppen aus Nord-, Zentral- und Südamerika gestaltet. Unter anderem sprachen junge Venezolaner über die Leiden von Flüchtlingen und Migranten und Kolumbianer von Gewalt in ihrem Land. Besonders drastisch war die Wortwahl allerdings bei der 14. Station, in der gemahnt wurde, den Mutterleib durch Abtreibung nicht „zu einem Grab“ zu machen. Die Themen Lebensbejahung und Zukunft wurden dann bei der Vigil wieder aufgegriffen. Der Pontifex erklärte, ohne Familie, Arbeit, Gemeinschaft und Erziehung sei das Leben leer. Da müssten sich auch „wir ältere Leute“ fragen: „Was tun wir, um junge Menschen voran zu bringen?“ Er stellte den heiligen Johannes Bosco als Beispiel vor und forderte: „Wir müssen sie richtig anschauen – mit dem Blick Gottes.“

In der Dämmerung strahlte auf dem Campo San Juan Pablo II. auch eine besonders: die Statue der Muttergottes von Fatima. Sie wurde in einer Prozession über das Feld gefahren. Mit ihrer Anwesenheit verwies sie bereits auf den Veranstaltungsort des nächsten Weltjugendtags 2022: Lissabon, das ebenso wie Fatima in Portugal liegt. Am Ende der Sonntagsmesse sandte Papst Franziskus die Pilger zurück in ihre Länder und dankte ihnen: „Euer Glaube und eure Freude haben Panama, Amerika und die ganze Welt zum Pulsieren gebracht.“ Diese Freude und ihre Erfahrungen sollten sie in ihren Pfarreien, Gemeinschaften und Familien weitergeben. Auf dem Rückweg vom Campo in die Innenstadt, einem Fußmarsch zur Metro unter sengender Sonne, sorgten Anwohner mit Gartenschläuchen für Abkühlung. „Vielen Dank, dass ihr da wart!“, erklärte eine Einheimische Pilgern auf dem Weg zum Flughafen. Auch zum Abschied zeigte das Land sein freundlichstes Gesicht. So mancher Pilger sagte sich da: „Oh wie schön ist Panama!“

Von Fernweh und Heimweh oder: Was uns leben lässt

Wieder daheim. Nach sieben Jahren in der Auslandsseelsorge bin ich wieder daheim angekommen. Zumindest vorerst. In Pietenfeld, einem kleinen Dorf in unmittelbarer Nachbarschaft zu meinem Heimatort Tauberfeld, feiere ich mit der Dorfgemeinde und einer Reisegruppe aus unserer Auslandsgemeinde in Barcelona eine heilige Messe. Wir feiern das Fest der beiden Apostelfürsten Peter und Paul (die zwei wichtigsten Gründergestalten unserer Kirchengeschichte, die in ihrer Persönlichkeit vielleicht nicht unterschiedlicher hätten sein können, der eine traditionell und eher ängstlich, der andere weltgewandt und nach vorne drängend). Dem Gottesdienst schließt sich ein fröhlicher bayrischer Abend an, selbstverständlich mit einer zünftigen Brotzeit, mit Blasmusik und Volkstanz.

In meiner Zeit als Pfarrer der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Barcelona war es zu einer guten Tradition geworden, einmal im Jahr eine „Bayernfahrt“ zu unternehmen. Unsere Ziele waren aber weniger die berühmten Sehenswürdigkeiten des schönen Bundeslandes, sondern vielmehr die Schönheiten „meiner“ Heimat. Meine Freunde aus Barcelona interessierten sich dafür, woher ich komme, wo meine Familie lebt und wer meine Freunde sind. Und ich freute mich andererseits, ihnen „meine“ Heimat zeigen zu dürfen, die Orte und Menschen, die mein Leben geprägt haben. Gleichzeitig kamen natürlich auch unzählige Freunde aus der „alten Heimat“ mich in der „neuen Heimat“ besuchen. Rasch waren die 1500 Kilometer zwischen alter und neuer Heimat nur noch einen „Katzensprung“ voneinander entfernt und nicht nur mein Horizont war um ein Vielfaches erweitert worden.

„Ottmar, das machst du!“ Der Personalchef der Diözese stimmte sofort zu, ja er ermutigte mich, als ich mit der Idee zu ihm kam, für eine bestimmte Zeit in die Auslandsseelsorge zu gehen. „Und wenn du dann nach einigen Jahren mit deinen Erfahrungen wieder zurück kommst, wird das auch irgendwie für uns eine Bereicherung sein.“ Auf eine derartige Offenheit und einen solchen Weitblick war ich gar nicht gefasst. Aber er hat recht: Was mich persönlich bereichert, wird letztlich auch andere irgendwie bereichern.

Vielleicht war es zunächst Fernweh, was mich hinaus in die große weite Welt lockte. Fernweh allein kann es aber nicht gewesen sein. Es muss vielmehr auch eine Sehnsucht nach Begegnung mit dem Neuen und Unbekannten, nach dem Andern gewesen sein. Denn auch ich bin plötzlich ganz neu angefragt, meine Überzeugungen und meine Visionen, genauso wie meine Wurzeln und meine Herkunft. Der Begriff „Heimat“ bekommt eine neue, konkrete Bedeutung. Neues kennenlernen bedeutet gleichzeitig sich selber kennenlernen. Fremdes schätzen lernen setzt voraus, mich selber zu schätzen, das was mich in Vergangenheit geprägt und wachsen lassen hat.

„Herr, wo wohnst du? – Kommt und seht!“ Es ist das Interesse am Andern und gleichzeitig die Bereitschaft, sich dem Andern zu zeigen. Das und nur das ermöglicht Begegnung. Das und nur das lässt uns wachsen und leben.

Austauschprogramm ermöglicht Begegnung auf Augenhöhe

Junge Erwachsene entdecken Land und Leute Ghanas.

Zwei Jahre ist es her, dass zum letzten Mal eine Gruppe Ghanaer zu Gast bei uns im Bistum Eichstätt war. Seit fast 20 Jahren besteht zwischen dem Eichstätter Diözesanverband des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) und dem ghanaischen Verband COSRA (catholic organisation for social and religious advancement) im Bistum Koforidua ein partnerschaftliches Verhältnis. Regelmäßige Programme zum Fachkräfteaustausch ermöglichen eine Begegnung auf Augenhöhe, die das gegenseitige voneinander Lernen ermöglichen sollen. Im August waren wir nun mit acht Mitgliedern des Arbeitskreises Ghana (AK) zum Gegenbesuch in Ghana. Die Delegation wurde angeführt von den beiden Sprechern des AK Ines Huibens (Stein) und René Palermo (Nürnberg) und dem Geschäftsführer des Bischöflichen Jugendamtes Josef Neumeyer (Kipfenberg).

Nun war es also soweit, zwei Jahre Vorbereitung sind vorüber. Die ganze Zeit über waren wir in Kontakt mit unseren ghanaischen Freunden, über Facebook und WhatsApp. Für jeden und jede Einzelne unserer Delegation war klar, dass wir einzelne Personen vor Ort kennen, keiner wusste aber, was einen in Afrika erwartet. Und das ist schon der erste Gedankenfehler, den man machen kann – von Afrika zu sprechen, als wäre es ein einziges Land. Im Rahmen eines interkulturellen Trainings bei Missio München haben wir gelernt, wie wir am besten in einen interkulturellen Dialog eintreten – genau zuhören, genau hinschauen und immer im Bewusstsein haben, dass das Gegenüber unsere Gesten, Aussagen oder unser Handeln anders verstehen kann, als wir es vielleicht meinen.

Mit diesem Wissen, einer großen Neugierde und der ein oder anderen Erwartung starten wir unsere Reise Anfang August am Flughafen Frankfurt. Mit Umstieg in Lissabon geht es nach Westafrika – Landung in Accra, der Hauptstadt Ghanas.

Raus aus dem Flugzeug, die Wärme schlägt uns entgegen – etwa um die 30 Grad Celsius , nicht viel anders als derzeit in Deutschland, es ist dunstig, die Sonne sticht nicht so herunter. Ein erstes „Akwaba“ – Herzlich Willkommen steht über der kleinen Türe über die wir in das Flughafengebäude gelangen. Ein erster Kontrollposten scannt mit einer Wärmebildkamera die Körpertemperatur – die Ebola-Krise schien uns längst überwunden, aber hier wird sie wieder präsent.

Einreiseformalitäten – Gepäckabholung – Geld wechseln und auf in ein fremdes Land. Die Türen des geschützten Flughafenbereichs öffnen sich, wir sehen einige vertraute Gesichter, COSRA-Mitglieder, die wir bereits vom Austauschprogramm 2015 kennen. Herzliche Begrüßungen mit Umarmungen und vielen lieben Worten – die Freude über das Wiedersehen ist auf beiden Seiten groß. Und dann, womit wohl keiner gerechnet hat, rund 20 weitere COSRA-Mitglieder warten ein Stück weiter auf uns um uns ein fröhliches „Akwaba“ entgegen zu rufen. „Überwältigend“ wie Regina Raithel (Hilpoltstein) später sagen wird, ein „offener und freundlicher Umgang mit großer Herzlichkeit“, fügt Michaela Gsänger (Röttenbach) hinzu.

Mit mehreren Autos geht es von Accra ins rund 70 Kilometer entfernte Koforidua. Eine Fahrt, auf der einem schnell bewusst wird, dass Verkehr hier ganz anders funktioniert, „einmal hupen bedeutet Vorfahrt“ und die „Fußgänger müssen sehen, wie sie zurecht kommen“. Und schon nach ein paar Minuten wird klar, Leben findet auf der Straße statt. Verkaufsstände an den Straßenrändern und Verkäuferinnen mit großen Schüsseln auf dem Kopf verkaufen direkt ins Auto Getränke, Snacks, Waschmittel und allerhand andere Waren. Die Landschaft zieht wie im Film vorbei und der Kopf kann gar nicht so schnell realisieren, welche Eindrücke auf ihn einprasseln.

Als der Bus an einer Kreuzung in Koforidua anhielt, blickt ein kleines Mädchen zum Seitenfenster hinein in den Kleinbus mit uns Europäern – „Das Mädchen ist furchtbar erschrocken, weil ich so anders bin!“ wird sich Josef Neumeyer an diese Szene erinnern. Unbewusst wir einem klar, nun sind wir die, die anders sind.
Unsere ghanaischen Freunde machen uns die Ankunft leicht, freundlich, liebevoll und äußerst bemüht kümmern sie sich um uns. Nachdem wir die Zimmer im Pastoral Center der Diözese bezogen haben treffen sich alle zu einem abendlichen Bier. Lebensfreude pur, es wird gelacht, getanzt, gesungen. Der erste Tag in Ghana neigt sich dem Ende zu.

Nach der ersten Nacht und einem stärkenden Frühstück feiern wir mit einigen COSRA-Mitgliedern und Father Felix unseren ersten gemeinsamen Gottesdienst, als Zeichen der Verbundenheit übergibt BDKJ-Diözesanvorstand Max Holzer (Hilpoltstein) eine Kerze mit dem Symbol des AK Ghanas, einer Hand mit hellen und dunklen Fingern und dem Daumen nach oben. Im Gottesdienst wurde gesungen und dazu geklatscht.

Nach der Fahrt zur Kathedrale folgte eine imposante Tanzaufführung. Kinder und Jugendliche brachten im Tanz zum Ausdruck, wie der katholische Glaube nach Ghana kam und wie die Auseinandersetzung mit den vorherrschenden Naturreligionen von statten ging.

Schon die beiden ersten Tage waren so intensiv, dass es eine große Herausforderung war, alles zu verarbeiten. Geprägt hat uns alle aber die überwältigende Gastfreundschaft unserer Partner.

Weitere Informationen, Bilder und Videos: www.bdkj-eichstaett.de/ak-ghana

„Wir werden nicht als Juden oder Araber geboren, sondern als Babys“

So oder so ähnlich haben es unsere Gesprächspartner auf jüdischer und palästinensischer Seite während der Reise des Diözesanrates der Katholiken im Bistum Eichstätt in das Heilige Land immer wieder betont. Zuerst muss der Mensch in den Blick genommen werden, vor jeder Zuordnung zu einer nationalen oder religiösen Gruppe. Und viele unserer Gesprächspartner arbeiten genau daran.

In der Dormitio-Abtei, eine deutschsprachige Benediktinerabtei auf dem Berg Zion in Jerusalem, sprachen wir mit Pater Nikodemus Schnabel. Pater Nikodemus (geboren 1978 in Stuttgart) ist derzeit Prior-Administrator der Benediktinergemeinschaft vom Berg Zion und in Tabgha. Sichtlich gestresst durch den Ende April anstehenden Besuch von Außenminister Sigmar Gabriel nahm er sich trotzdem viel Zeit für das Gespräch. Sehr persönlich schilderte er seine Situation als junger Benediktinermönch in Israel und Palästina und sprach über das Friedenspotenzial der Religionen. In seinem sehr lesenswerten Buch „Zuhause im Niemandsland. Mein Leben im Kloster zwischen Israel und Palästina“, das er für einige Teilnehmer auch signierte, geht er darauf besonders ein.

Im Saint Louis French Hospital, direkt vor den Mauern der Jerusalemer Altstadt gegenüber dem Neuen Tor, sprachen wir mit Schwester Monika, der Leiterin. Das Krankenhaus wurde 1851 vom französischen Konsulat gegründet und dem lateinischen Patriarchen zur Verfügung gestellt. Heute verfügt es über mehr als 60 Betten und betreut Krebskranke im fortgeschrittenen Stadium ihrer Erkrankung, aber auch chronisch kranke, ältere Menschen nach Schlaganfällen und Koma-Patienten. Bei der Aufnahme und Behandlung macht es keinen Unterschied zwischen Palästinensern und Israelis, Juden, Christen und Muslimen. Das christliche Haus, das in das Gesundheitssystem Jerusalems eingebunden ist, befolgt die jüdischen und muslimischen Speisegesetzte, damit Patienten aller religiösen Bekenntnisse dort leben können. Es werden Menschen in der letzten Phase ihres Lebens, in der sie und ihre Familien vor der belastenden Situation von Krankheit, Sterben und Tod stehen, betreut und gepflegt. Durch ihre Arbeit versuchen die Mitarbeiter Zeugnis abzulegen von der unantastbaren Würde und dem Wert des menschlichen Lebens. Seit vielen Jahren arbeiten neben lokalen Mitarbeitern auch viele junge Menschen aus der ganzen Welt als Freiwillige mit. Sie übernehmen unterschiedliche Aufgabenbereiche, kümmern sich um die tägliche Pflege und Versorgung der Patienten oder werden je nach Berufsausbildung oder Qualifikation als Krankenschwester/-pfleger eingesetzt.

In Bethanien, dem biblischen Ort, an dem Lazarus und seine Schwestern Maria und Martha lebten, besuchten wir Schwester Martha. Die russisch-orthodoxe Nonne leitet dort eine Mädchenschule und ein Internat. Wir erfuhren von ihrer Arbeit mit den Kindern und den Schwierigkeiten, die die israelische Sperranlage („Mauer“) für sie verursacht. So ist ihr traditioneller Fußweg über den Ölberg zu ihrem Mutterkloster Maria Magdalena nicht mehr begehbar. Die meisten ihrer Schülerinnen sind muslimisch. Die Schülerinnen und ihre Eltern kommen über die Lehrer, Schwestern und Mitschüler in Dialog mit Christen und so können Brücken über die Grenzen der Religionen hinweg entstehen.

Spannend war der Besuch bei dem Jesuitenpater David Neuhaus in Westjerusalem. David Neuhaus, Sohn deutscher Juden, wurde in Südafrika geboren. Im Alter von 15 Jahren siedelte er nach Israel um, mit 26 Jahren konvertierte er zum römisch-katholischen Glauben. Er ist Patriarchalvikar für die Hebräisch sprechenden Katholiken und kümmert sich um die katholischen Migranten in Israel. Wir lernten seine Einrichtung kennen, in der er sich um Babys und Kinder von Migranten kümmert, die sonst unter unsäglichen Bedingungen „verwahrt“ werden. Der israelische Staat kümmert sich um Kinder erst ab dem 3. Lebensjahr, davor ist alles privat finanziert, was sich Migrantinnen nicht leisten können. So wurde vor kurzem die erste katholische Kirche in Tel Aviv für diese Bevölkerungsgruppe gegründet.

Teil I: „Besucht doch die lebendigen Steine im Heiligen Land“

Der Autor im Interview mit Radio K1