Alle Beiträge von Petra Pfaller

Schwester Petra Pfaller aus Schamhaupten (Landkreis Eichstätt) ist seit 1991 als Missionarin Christi in Brasilien tätig. Inzwischen hat sie die brasilianische Staatsbürgerschaft angenommen und ist offiziell zugelassene Rechtsanwältin in Brasilien. Von 2010 bis November 2014 war sie sie stellvertretende Leiterin der Gefängnisseelsorge im Rahmen der Brasilianischen Bischofskonferenz (CNNB). Derzeit koordiniert sie landesweit die Seelsorge für Frauen in Gefängnissen.

Babys im Frauengefängnis

Zurzeit bin ich wieder viel unterwegs. Die ganze letzte Woche habe ich in der Metropole Sao Paulo verbracht. Verschiedene Sitzungen und Besuche in den Frauengefängnissen standen auf dem Programm. Stellt euch vor, im Frauengefängnis mitten im Zentrum von Sao Paulo (U-Bahn-Sation  Carandiru) sind mehr als 3.000 Frauen in Haft. Davon sind rund 300 Ausländerinnen aus allen Herrenländern, unter anderem traf ich auch zwei deutsche Frauen im Alter von 64 und 72 Jahren.

Sehr betroffen war ich auch, als wir die „Babystation“ besuchten. Rund 80 Babys leben mit ihren Müttern in Haft. Die Neugeborenen dürfen bis zu sieben Monaten bei ihren Müttern bleiben, dann werden sie bei Familienangehörigen abgegeben oder, wenn es keine Familie gibt, in ein Heim gesteckt. Ganz schwierig ist es bei den ausländischen Frauen, vor allem, wenn deren Familien kein Geld haben, um nach Brasilien zu fliegen, damit sie das Kind abholen. Ich war mit Kathia Bond unterwegs. Sie bietet Yogakurse im Frauengefängnis an. Für die jungen Mütter mit den Babys gibt sie Babymassagekurse.

Viele Geschichten hörte ich dort von den Frauen. Sehr viel Leid geschieht durch den Drogenhandel. Die meisten Frauen in Haft kommen aus einer sehr armen Bevölkerungsschicht. Um ihre Familie zu ernähren, bieten sie sich als Drogenkuriere an. Vor diesen Tagen in Sao Paulo war ich im Nordosten unterwegs, genau gesagt im Bundesstaat Bahia. Innerhalb von zehn Tagen übernachtete ich in sieben verschiedenen Betten, das war etwas anstrengend, aber die Reise war doch sehr interessant.

Mit mir unterwegs war ein junger Praktikant aus Wien, der gerade bei der Gefängnisseelsorge in Sao Paulo seinen Zivildienst absolviert. Philipp ist halb Österreicher und halb Russe, das war wirklich eine sehr nette Begleitung. Wir haben verschiedene Gruppen der örtlichen Gefängnisseelsorge besucht und vor allem auch die Frauengefängnisse. Am Wochenende war ich als Referentin bei einem großen Fortbildungstreffen mit 42 Teilnehmerinnen und Teilnehmern tätig.

Die Situation in den brasilianischen Gefängnissen ist eigentlich überall gleich. Es gäbe eigentlich so viele gute Alternativen zur Gefängnisstrafe, um der steigenden Gewalt in Brasilien entgegenzutreten. Eine der Alternativen ist die sogenannte „Restorative Justice“, ich habe darüber bereits geschrieben. Dieses Wochenende bin ich unterwegs im Bundesstaat Goiás zum Wochenendkurs der Grundausbildung zur „Restorative Justice“. 30 Frauen und Männer, alle aus der Gefängnisseelsorge von verschiedenen Diözesen, machen sehr engagiert mit. Dieser Kurs ist nur möglich durch die Finanzierung der Diözese Eichstätt – so geht unser Dank ganz besonders an die Menschen dieser Diözese, die durch ihre Spende diesen Kurs ermöglicht haben. Vergelt´s Gott.

Im Internet gibt es drei kurze Dokumentationen zu diesen Ausbildungskursen – mit Untertitel in Deutsch. Wer Lust hat, kann ja mal reinschauen. Wenn ich richtig informiert bin, werden solche Kurse auch bereits in Deutschland angeboten.

Eine Welt ohne Gefängnis –  12 min.

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Neues Gefängnis mit alten Problemen in Brasilien

Aparecida de Goiânia hat ein neues Gefängnis. Das sogenannte „Centro de Triagem“ wurde Ende 2014 feierlich eingeweiht. Es sollte andere Haftanstalten in Goiânia, der Hauptstadt des Bundesstaates Goiás im zentralen Westen Brasiliens, entlasten und zur Eindämmung der Gewalt in der Region beitragen. Nun ist das neue Gefängnis bereits überfüllt. Beim letzten Besuch der Gefängnisseelsorge teilten sich nicht weniger als 529 Gefangene die 212 vorhandenen Haftplätze. Die meisten Insassen sind bereits weit über 30 Tagen in Haft, obwohl das Gefängnis für die sogenannte Erstaufnahme geplant wurde, d.h. für die ersten zwei bis vier Tage bis entschieden wird, ob der Angeklagte in U-Haft bleiben muss oder nicht.

Das neue Gefängnis wurde bereits mit den altbekannten Problemen eröffnet: Eine immense Überbelegung und deren untragbaren Folgen, die im Widerspruch zu allen gesetzlichen Vorgaben des Strafvollzugsgesetztes stehen. Die Gefängnisseelsorge von Goiânia hat gegen diese Situation eine öffentliche Anzeige erstattet.

In den kleinen Zellen, vorgesehen für zehn Haftplätze, sind heute durchschnittlich zwischen 23 und 28 Häftlinge eingepfercht. In einer Zelle zählten wir sogar 32 Männer. Da es keine „gesetzlich festgelegte Grenze“ nach oben gibt, wird erwartet, dass in den nächsten Tagen die Gefängnispopulation auf über 600 Insassen steigt, womit drei Häftlinge auf einen Haftplatz kämen. Es wird in Schichten geschlafen, zu mehreren in einem Bett, am Boden und in der Dusch- und Klo-Ecke. Auch das Wasser ist knapp und schmutzig.

Gefangene haben uns berichtet, dass die Sicherheitsvorschriften vorsehen, dass nach dem täglichen Hofgang alle Häftlinge völlig nackt und mit den Händen auf dem Kopf sich bücken müssen und den Wächtern ihre Geschlechtsteile zu zeigen haben. So soll geprüft werden, ob jemand in Drogenbesitz ist oder eventuell ein Handy eingeschmuggelt hat. Bei dieser Prozedur werden die Häftlinge noch von den Wächtern beschimpft.
In Brasilien werden Gefangene in der Regel von ihren Familien mit Lebensmitteln, Wäsche, Medikamenten und Hygieneartikel versorgt. Wenn die Männer direkt von der Polizeistation in den Knast kommen, dürfen oder können sie oft nichts mitnehmen. Dann bleiben sie gemäß dem Bericht des Direktors der neuen Haftanstalt tagelang „nur in der Unterhose“, da sie noch keinen Familienbesuch erhalten dürfen.

Bei unserem letzten Besuch wurden wir auf fehlende Matratzen aufmerksam gemacht. So hat unsere Gruppe der Gefängnisseelsorge derzeit viel zu tun. Matratzen konnten wir noch nicht organisieren, haben aber 150 Decken, einige kurze Hosen und T-Shirts und 500 „Waschbeutel“ mit jeweils einer Seife, Zahnpasta, Zahnbürste und einer Klopapierrolle aufgetrieben. Es war bereits das dritte Mal, dass wir die Gefangenen mit diesen “Waschbeuteln” versorgten, aber auf die Dauer übersteigt das auch unsere Möglichkeiten.
Da das „Centro de Triagem“ für Kurzaufenthalte gebaut wurde, gibt es keine Infrastruktur für Familienbesuche. Nur einmal pro Woche – jeweils am Mittwoch – darf die Familie ein Päckchen Kekse, Medikamente und Waschutensilien (eine Seife, Zahnpasta und Zahnbürste) ins Gefängnis schicken. Direkter Kontakt mit den Gefangenen ist nicht möglich. Da auch Briefe verboten sind, fällt jeglicher Außenkontakt weg. Nur der Besuch der Gefängnisseelsorge ist gestattet. Wir notierten bei unseren letzten Besuchen über 60 Telefonnummern, um mit Familienangehörigen in Kontakt zu treten.

Einige Häftlinge klagen, dass die Essensversorgung nicht ausreichend ist. Auch die Gesundheitsversorgung ist äußerst prekär. Es gibt nur eine Krankenschwester, keine Medikamente. Viele der Neuankömmlinge sind verletzt, vor allem mit Messerstichen oder Schusswunden, die im Schnellverfahren in einem staatlichen Krankenhaus versorgt wurden, bevor sie ins Gefängnis eingeliefert wurden. Andere sind psychisch krank, bekommen keine medizinische Betreuung in ihren Krisen und werden äußert aggressiv.
Da wir diese Realität in der Öffentlichkeit bekannt machen, haben wir nun wenigstens die Aufmerksamkeit der Medien bekommen. Die Staatsanwaltschaft hat auch das Gefängnis besucht und bereits eine Art Anklageschrift gegen die zuständige Behörde eingeleitet. Aber leider haben sich die zuständigen Richter noch nicht dazu geäußert. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Situation im neuen überfüllten Gefängnis von Goiânia weiterentwickelt.

Frauen in brasilianischen Gefängnissen

Seit November bin ich nun nicht mehr die zweite Vorsitzende der nationalen Gefängnisseelsorge Brasiliens. Das Mandat ist nach vier Jahren ausgelaufen. Wir hatten im November in Belo Horizonte die nationale Hauptversammlung mit Neuwahlen. So ganz ohne Arbeit bin ich aber nicht davon gekommen. Ich wurde für einem anderen Dienst gewählt, zur “Coordenadora Nacional para a questão da mulher presa”, das heißt, jetzt bin ich beauftragt, auf nationaler Ebene für die Themen rund um Frauenseelsorge in den Gefängnissen. Die Aufgabenbereiche ändern sich also doch sehr, werden „kleiner“, aber die Herausforderung für mich ist größer. Ich bin aber recht zuversichtlich und motiviert, in diesem spezifischen Bereich nun zu arbeiten.

Im Jahr 1997 ist der brasilianischen Gefängnisseelsorge bewusst geworden, dass die Frau im Gefängnis nicht beachtet wird. So wurde seitdem die Frauenseelsorge besonders intensiviert. Heidi Cerneka, Amerikanerin und Missionarin der Mary Knoll Bewegung, begann damals die Realität der Frau im Gefängnis mehr in den Blick der Gefängnisseelsorge zu stellen und eine sozialpolitische Diskussion zu diesem Thema anzustoßen. Inzwischen gibt es eine Vernetzung von verschiedensten Organisationen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Problematik der Frau im Gefängnis zu diskutieren, die unmenschlichen Bedingungen im Frauenstrafvollzug anzuprangern und neue Wege aufzuzeigen.

In den letzten zehn Jahren ist die Frauenquote in den Gefängnissen ums Dreifache gestiegen. Heute sitzen rund 370.000 Frauen in Brasilien hinter Gittern. Wie auch bei den Männern sind es hauptsächlich Jüngere. Zwei Drittel der weiblichen Häftlinge sind zwischen 18 – 25 Jahren, 60 Prozent von ihnen sind wegen Drogendelikte oder Drogenbeschaffungsdelikte in Haft. Die meisten von ihnen sind sogenannte „mulas“, einfache Drogenkuriere, und nicht Drogenhändlerinnen. Sie kommen fast ausschließlich aus verarmten Familien und versuchen durch diese „Arbeit“ ihre Kinder zu ernähren

„Männer mit Menstruationszyklus“

Es sind verschiedenste Faktoren, die den Straffvollzug der Frauen beschwerlicher machen als für Männer. Ich möchte hier nur kurz einige davon erwähnen:

  • Die meisten Frauen werden von ihren Männer bei ihrer Verhaftung verlassen und somit bleiben sie ohne die Unterstützung von „außen“, was bei den brasilianischen Gefängnissverhältnissen allerdings notwendig ist. Die Besuche während ihrer Haftzeit beschränken sich oft nur auf ihre Mütter, die meistens auch die Kinder der Insassinnen während der gesamten Haftzeit versorgen.
  • Die größte Sorge dieser Frauen in Haft ist die um ihre Kinder. Wenn sie nicht von den Großeltern aufgenommen werden können, kommen sie in staatliche Heime. Die Väter sind da längst über alle Berge.
  • Schwangere Frauen haben es besonders schwierig im Gefängnis. Die medizinische Versorgung ist sehr prekär, Gynäkologen gibt es so gut wie gar nicht. Die Angst, ob sie rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht werden, wenn die Wehen beginnen, ist ständig präsent. Vor kurzem gab es eine große Aktion gegen die Vorgehensweisen für Gebärende, die während des Geburtsvorgangs mit Handschellen ans Bett gekettet wurden. Die Gefägnisseelsorge konnte zusammen mit anderen Organisationen die Behörden so unter Druck setzen, dass es nun eine Gesetzesvorlage gibt, die verbietet, dass während der Geburt Handschellen angelegt werden. Es ist schon ein Skandal, dass es dazu ein Gesetz braucht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Frau während der Geburt ihres Kindes eine Flucht aus dem Krankenhaus versucht.
  • Wenn Frauen während ihrer Haft gebären, dürfen sie laut Gesetz ihre Neugeborenen sechs Monate bei sich behalten – so lange sie das Kind stillen. In vielen Gefängnissen gibt es für diese Frauen keine eigene Abteilung. Es wird einfach eine Zelle als „Berçário“ (Kinderstube) deklariert – mitten unter den anderen Frauen.
  • Die Frauengefängnisse sind in ihrer Mehrzahl alte, renovierte Männergefängnisse. Die Haftbedingungen sind „männlich“, auch für die Frauen. Wer schon Fotos von den brasilianischen Gefängnissen von mir gesehen hat – da gibt es keinen Unterschied zwischen Frauen- und Männergefängnisse. Es sind die gleichen Baustrukturen und Ordnungsregeln, Überbelegungen, Wassermangel, nicht ausreichende medizinische und juristische Betreuung etc. Der kleine Unterschied besteht darin, dass die Zellen rosa gestrichen sind und aufgeräumter scheinen. Besonders krass wird dies, wenn die Anstaltskleidung aus dem gleichen groben Stoff und Schnitt wie bei den Männern auch für Frauen benutzt wird. Heidi, meine Vorgängerin in der nationalen Frauenseelsorge, sagte mal: „Die Frauen im Gefängnis werden wie „Männer mit Menstruationzyklus“ behandelt.

Heute nur mal ein kleines Reinschnuppern in dieses Thema „Frau im Gefängnis“. Ihr werdet sicher in nächster Zeit noch mehr von mir davon hören. In den nächsten Wochen bin ich beschäftigt mit der Sammlung von Texten und Themen für eine kleine Fortbildungsbroschüre für die Gefängnisseelsorger/innen, die hauptsächlich mit den Frauen in Haft arbeiten. Auch wollen wir die bereits veröffentlichten 40 Gottesdienstvorlagen für spezielle Themen für die Frauen in Haft ausweiten, zum Beispiel Meditationen über die Frauen in der Bibel, Prophetinnen im Alten Testament und über die Begegnungen Jesu mit den Frauen. Na ja, es wird „groß werden“, wie schon unser Ordensgründer, der Herz-Jesu-Missionar Pater Christian Moser MSC vor fast 60 Jahren sagte. Also es gibt viel zu tun.

Freud und Leid bei der Fußball-WM in Brasilien

Die Fußballweltmeisterschaft ist hier in Brasilien im vollen Gange – und kostet ganz viele Nerven mit all den Verlängerungen. Die Demonstrationen gegen die WM halten sich in Grenzen und finden vor allem in São Paulo und Rio de Janeiro statt, wo die Polizei mit Gewalt dagegen ankämpft. Viele junge Demonstranten werden verhaftet und „verschwinden“ in den eh schon überfüllten Polizeistationen.

Ich denke, solange die brasilianische Nationalmannschaft bei der WM mitspielt, wird es „nur“ diese kleineren Demos geben. Auch wenn die Seleção bisher keinen mitreißenden Fußball spielt, hat sich die Stimmung der Brasilianer laut Umfragen in den letzten Wochen etwas verbessert. Die größte Zeitung des Landes – Folha de São Paulo – berichtet heute, dass 60 Prozent der Brasilianer stolz auf die WM-Austragung sind. Trotzdem denkt knapp die Hälfe der Befragten (46 Prozent), das die Copa do Mundo dem Land mehr schadet als hilft.

Die erste Seite unserer lokalen Tageszeitung „Hoje“ ist heute sehr erschreckend. „Ein Monat, 80 Ermordete“ – das ist neuer Rekord in Goiânia, einem der zwölf WM-Standorte in Brasilien. Und auf der unteren Seite sieht man die feiernden Fußballer.

Diese vielen Todesfälle geschehen unabhängig von der WM. Die Aufklärungsquote dieser Fälle liegt fast bei null Prozent. Meistens steht in der Akte „im Drogenhandel verwickelt“ oder „vorbestraft“, so werden die Fälle gleichmal ad acta gelegt und nie aufgeklärt. Bei wie vielen Fällen Polizisten verwickelt waren oder sind wird nicht veröffentlicht – und interessiert ja auch nicht wirklich. Bei den meisten Fällen sind es Jugendliche aus der Peripherie, die getötet werden.

So treffen hier Freud und Leid sehr nah aufeinander. Wie das wohl weitergehen wird…. „Só Deus sabe!“ (Nur Gott weiß es) –  wie die Brasilianer hier gerne sagen.

Mehr zum Thema: Brasilien – ein reiches Land mit armer Bevölkerung

WM in Brasilien: Maré ist überall

„In etwas mehr als zwei Monaten startet die Fußball-WM in Rio de Janeiro. Nach wie vor hat Brasilien jedoch Probleme, die Sicherheit im Land zu gewährleisten. Nun schickt die Regierung 2.700 Elitesoldaten in die Armenviertel.“ So begann ein kürzlich veröffentlichter Artikel im „Spiegel“. Durch die Fußball-Weltmeisterschaft rücken Brasilien und die Menschen dort immer mehr in den Mittelpunkt der Medien. Leider gibt es nicht nur gute Nachrichten aus dem schönen tropischen Brasilien.

Die Aktionen der sogenannten Befriedungspolizei hat im Armenviertel Maré in der WM-Stadt Rio de Janeiro in 15 Tagen 16 Tote gefordert, 162 Menschen wurden verhaftet. Noch dazu wurde dieser Polizeieinsatz von den Behörden als „Operação São Francisco“ getauft. Die lokalen Zeitungsberichte darüber lesen sich wie ein Kriegsbericht: „Laut Bericht der Polizei gab es 36 Zusammenstöße zwischen Polizei und Kriminellen, das Ergebnis waren 16 getötete Verdächtige und acht Verletzte. Die verschiedenen Polizeieinheiten, aus 1.500 Männern bestehend, haben in 15 Minuten den Favelakomplex Maré gestürmt.“

Die „Operação São Francisco“ begann im März und soll bis 31. Juli dauern. Insgesamt werden 2.700 Polizisten aus verschiedensten Spezialeinheiten eingesetzt. Der Favelakomplex Maré besteht aus 15 Favelas, in denen ca. 130.000 Menschen wohnen. Was wird nach dem 31. Juli dort geschehen oder klarer gesagt: Wie geht es nach der WM weiter?

Jahrzehnte lang wurden diese Armenviertel von der brasilianischen Regierung ignoriert. Es wurde dort nichts investiert, weder in soziale Einrichtungen, Schulen, Gesundheitsversorgung noch in Straßenbau, Wasserversorgung und Abwassersysteme etc… Mit den Jahren wurden diese Viertel das Terrain von kriminellen Drogenbanden oder Milizgruppen, die auf ihre Art die „Bevölkerung“ beschützten, für die Gesundheitsversorgung ihrer Mitglieder und für die allgemeine Infrastruktur in den Favelas sorgten.

Nun versucht der Staat im Blick auf die WM hart dagegen einzugreifen, um die Kontrolle in diesen besetzten Stadtvierteln wieder zu bekommen. Interessant ist, dass dies hauptsächlich nur in den Vierteln rund um die WM-Austragungsstätten versucht wird. Aber das Phänomen dieser kriminell besetzten Stadtviertel findet man in ganz Brasilien. Die Bevölkerung ist über diese sogenannten Befriedungsaktionen des Staates geteilter Meinung. Einerseits werden die brutalen und intern streng geregelten Bandengruppen vertrieben, wobei es sich dabei nur um eine Migration in eine andere Gegend handelt. Andererseits werden die Favelas von äußerst gewaltbereiten und korrupten Polizeieinheiten besetzt. Die versprochenen sozialen Verbesserungen seitens der Regierungen nach so einer Befriedungsaktion sind oftmals nur Vorzeigeobjekte für die internationale Presse.

Für die Menschen in Maré sind die Polizisten wie auch die Drogenbosse eine Bedrohung, zum Beispiel hat Alexandre Costa damit Erfahrung: Seine beiden Söhne wurden kürzlich in der Favela „Baixa do Sapateiro“ verhaftet und zum 21. Polizeirevier gebracht. Dieser willkürlichen Verhaftung lag weder ein richterlicher Beschluss vor noch sonst ein Verdacht auf kriminelle Machenschaften. Dass die beiden Söhne junge schwarze Bewohner der Favela sind, ist Grund genug, um bei der Polizei als Verdächtige eingestuft zu werden. Nach Tagen konnte der Vater sie ausfindig machen, schließlich wurden sie aus der Haft entlassen. Seine Aussage: „Wir haben kein Geld für einen Anwalt. Sie (die Polizei) stürmen einfach unsere Häuser auf der Suche nach Drogen und Waffen – ohne richterlichen Beschluss.“ Alexandre Costa ist ein einfacher Hilfsarbeiter. Er sagte, dass seine Söhne keinen Kontakt zu den Drogenbanden in Maré haben. Die Geschichte der Söhne von Alexandre Costa ist leider kein Einzelfall. Er hatte noch Glück, denn er fand seine Söhne in den total überfüllten Gefängniszellen. Andere verschwinden einfach so wie Amarildo, ein einfacher Arbeiter, Vater und Ehemann. Dieser wurde beim Nachhauseweg von der Polizei entführt und gefoltert. Bis jetzt ist sein Leichnam unauffindbar, obwohl man die verdächtigen Polizisten bereits verhaftet hat.

Die Reaktion gegen die steigende Gewalt in Brasilien sind Massenverhaftungen. Sie werden als magisches Mittel vor allem gegen die kleinen Drogendealer eingesetzt. Laut Justizministerium hat sich zwischen 2005 und 2010 die Zahl der Verurteilten wegen der Drogendelikte verdreifacht. Das im Jahr 2006 verabschiedete neue Drogengesetz sollte eigentlich das Gegenteil bewirken, aber der Begriff „Drogenhändler“ wird dabei sehr weit interpretiert. Es reichen nur wenige Gramm Drogen, um als Drogenhändler eingestuft zu werden. So sind die vielen verhafteten Drogenhändler meistens kleine Straßendealer, die ohne jeglichen juristischen Beistand jahrelang in Haft verbringen müssen, während die Hintermänner kaum zur Verantwortung gezogen werden.

Rund 600.000 Menschen sind in Brasilien in Haft. So steht Brasilien heute weltweit an vierter Stelle mit den meisten Haftinsassen, gleich nach den USA (2,28 Millionen), China (1,64 Millionen) und Russland 680.200. Brasilien hat 274 Häftlinge pro 100.000 Einwohner, in Bayern lag diese Rate 2009 bei 98 Häftlingen pro 100.000 Einwohner. Wenn die Gefängnisse eine effektive Lösung zur Verringerung der Gewalt wären, dann müsste Brasilien schon lange eines der friedlichsten Länder sein.

Wer Lust hat kann sich einige Fotos ansehen, die die Wirklichkeit in diesen Favelas in Rio de Janeiro wiedergeben, und dies ohne Zensur.

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