Alle Beiträge von Oleksandr Petrynko

Dr. Oleksandr Petrynko (geboren 1976 in Ternopil / Ukraine) ist griechisch-katholischer Priester und Rektor des Collegium Orientale (COr) in Eichstätt. Als Kollegiat des COr promovierte er im Fach Alte Kirchengeschichte und Patrologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Seine Dissertation "Der jambische Weihnachtskanon des Johannes von Damaskus" wurde 2010 vom Aschendorff Verlag veröffentlicht.

„Wenn der Wind vom Osten kommt, gibt es ein starkes Gewitter“

Das Glutnest in den separatistischen Gebieten der Ukraine kann jederzeit Feuer fangen und zum Schauplatz eines Weltkrieges werden.

Mein Großvater, der dieser Tage 90 Jahre vollendet hat, ist ein weiser Mann. Er hat uns, seinen Enkeln, schon als Kleinkindern verschiedene Lebensweisheiten beigebracht. Unter anderem lehrte er uns: Wenn dunkle Wolken vom Osten her den Himmel verdunkeln und der Wind aus dem Osten kommt, gibt es ein starkes Gewitter. Sehr oft haben wir dann in unserer Gegend, in der Westukraine, seine Worte als wahr erleben dürfen.

In unseren Tagen scheint sich diese Lebensweisheit nicht nur in direktem Sinn als wahr zu erweisen, sondern auch im übertragenen Sinn – und diesmal leider als Beschreibung der Wirklichkeit in der gesamten Ukraine. Bei unserem östlichen Nachbarn Russland wird gerade mit verschieden Mitteln politisch und militärisch geschürt und gewirbelt, um einen Tornado Richtung Westen auszulösen und möglichst viel beim Nachbarn wegzufegen und zu vernichten. Mehr als Hunderttausend Soldaten, schweres Militärgerät und Munition sind aus ganz Russland für angebliche Übungen an der ostukrainischen Grenze zusammengezogen worden. Dazu ein riesiges Aufgebot von russischen Streitkräften zu Land, zu Wasser und in der Luft für Übungen im Schwarzen und Asowschen Meer an der südlichen sowie in Belarus an der nordöstlichen Grenze der Ukraine.

Seit der Annexion der Krim im Jahr 2014 und der Separationsbestrebung von zwei Provinzen im Donbass ist die Ukraine in einen unsäglichen hybriden und indirekt realen Krieg mit Russland hineingezogen worden, und zwar besonders durch diese beiden abgespalteten und nur von Russland unterstützten und selbstverwalteten Regionen im Osten. Mehr als 14.000 Menschen sind seither durch diesen immer noch andauernden Konflikt in der Ukraine getötet worden. Eine große Welle von Binnenflüchtlingen ist eine gravierende Folge davon: 1,5 Millionen Menschen sind jetzt innerhalb der Ukraine auf der Flucht.  Und dies bei dem durch den Krieg wirtschaftlich ausgelaugten Staat und im Rahmen eines sozial labilen Gefüges, überstrapaziert durch die politischen Verhältnisse, die Korruption und das Oligarchensystem. Mit der Errichtung der separatistischen Gebiete ist in der Ukraine ein Glutnest entstanden, in dem es immer heißer wird. Es kann jederzeit Feuer fangen, sich in ein Großbrand verwandeln und im schlimmsten Fall zum Auslöser eines Weltkrieges werden!

Ja, die vom Osten aufziehenden Wolken verdunkeln den Himmel über der Ukraine immer mehr. Der Ostwind nimmt an Geschwindigkeit immer mehr auf, so dass die Farben der ukrainischen Fahne (Blau und Gelb), die für die leuchtende Sonne am hellblauen Himmel über den goldenen ukrainischen Weizenfeldern stehen, immer düsterer werden. Der Westen und die Welt sind nun alarmiert, da das Glutnest in der Ukraine aufzuflammen droht und der aufbrausende Wind aus dem Osten in jedem Augenblick das Glutnest entzünden könnte.

Wenn der Fall eines offenen kriegerischen Konfliktes eintreten sollte, dann besteht die Gefahr, dass Europa und die ganze Welt in einen neuen Weltkrieg hineingezogen werden. Dann gibt es nicht nur auf dem Territorium der Ukraine ein Unwetter ohne gleichen. Nach Prognosen von westlichen Politikern und Militärexperten würden bei einem solchen Krieg in den ersten Tagen und Wochen vermutlich bis zu 50.000 Menschen getötet werden; und noch einmal mehr als 5 Millionen Menschen als Flüchtlinge ihre Heimat verlieren. Dies wäre nur ein Anfang und eine Katastrophe für die Ukraine – und nicht minder für Russland und die ganze Welt. Es bestünde eine große Gefahr von dramatischen Unruhen auf dem ganzen europäischen Kontinent mit im Augenblick noch nicht abschätzbaren Folgen.

Von allen politischen Spielen und Ambitionen der regierenden politischen Eliten Russlands und des gesamten seit fast zehn Jahren andauernden kriegerischen Konflikts in der Ukraine sind konkrete Menschen mit ihren persönlichen Schicksalen betroffen. So geht es meinem Opa genauso wie vielen meiner Altersgenossen in der Ukraine: Unsicherheit und Angst vor einem großen Krieg begleiten die Menschen Tag und Nacht. Besonders groß ist die Angst davor, dass wieder viele Männer und Frauen an die Front müssen, für meinen Opa eine Vorstellung, die die alten schmerzlichen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg wachrufen.

Die Ukraine hat sich lange gerühmt, ohne Blutvergießen sich von der Sowjetunion losgelöst und ihre Unabhängigkeit 1991 friedlich erlangt zu haben. Doch die sowjetische Ideologie des Kalten Krieges ist östlich der Ukraine in den Untergrund gegangen, konnte wiedererstarken und holt die Ukraine ganz offensichtlich in diesen Tagen wieder ein. Sie verlangt nach Größe und Wiederherstellung eines antiwestlichen Imperiums, und scheut auch vor Menschenopfern nicht zurück. Vor diesem Hintergrund ist das russische Ignorieren der Interessen und Souveränität der europäischen Nachbarländer von der Ukraine über Polen, bis zum Baltikum und sogar Finnland und Schweden zu verstehen, die auf eine NATO-Mitgliedschaft und möglichst auch einen EU-Beitritt / -Mitgliedschaft verzichten sollten.

Die Ukraine ist ein plurales Land, und zwar in Weltanschauungen, politischer Willensäußerung, mit Freiheit des Wortes und der Religion. Dies ein wesentlicher und nicht zu unterschätzender Unterschied zu seinem großen Nachbarn im Osten, der sicherlich im Hintergrund des ganzen Vorhabens steht.

Was kann die Ukraine tun? Was dürfen sich die Menschen in dieser komplizierten Lage noch erhoffen? Wie kann die mehrheitlich christliche Bevölkerung der Ukraine zur Beilegung des Konfliktes beitragen?

Zwei Punkte waren in der Ukraine immer schon gegeben und sind seit dem Beginn der Krise 2014 ganz offensichtlich geworden. Trotz ihrer religiösen und vor allem christlich-konfessionellen Pluralität treten die Vertreter der jeweiligen Glaubensrichtungen und Kirchen auch heute gemeinsam auf. Die Kirchen stehen auf der Seite des Volkes, der Seite der erstarkten Zivilgesellschaft. Sie engagieren sich noch intensiver in den sozialen und humanitären Projekten und rufen konfessionsübergreifend zum Gebet für den Frieden in der Ukraine auf. Dies ist ein gutes Zeichen. So können die Menschen einerseits mit Unterstützung von Kirchen im sozialen Bereich rechnen, andererseits beten jetzt alle, dass die diplomatischen Bemühungen nicht abreißen und sie auch Früchte tragen. Sie beten darum, dass sich das Glutnest nicht zu einem Brand entwickelt, dass in der Region endlich der Friede einzieht und das gegenseitige Miteinander möglich ist, vor allem, dass es zu keinem Krieg in Europa kommt. Vielleicht kann aus dem Zankapfel Ukraine doch eine Vision des Brückenbaus werden, dass langfristig auch Russland begeistern und dem Westen näherbringen kann.

Vor diesem Hintergrund ist die Gebets-Initiative der Solidaritätsaktion Renovabis der deutschen Katholikinnen und Katholiken mit den Menschen in Süd- und Osteuropa ein großartiges Zeichen! Wir tragen sie gerne mit und schließen uns diesem deutschlandweiten Gebet am Freitag, 18. Februar 2022, in Eichstätt an!

Um Gott gleich zweimal nahe zu sein …

Um Gott gleich zweimal nahe zu sein, bin ich im vergangenen Sommer nach Georgien gereist. Am Sonntag, den 29. August, wurde unser ehemaliger Kollegiat, Givi Lomidze, zum Priester geweiht. Mit dem Segen des georgischen Katholikos-Patriarchen Ilia II. spendete die Priesterweihe der Hochwürdigste Bischof Dositheos, der georgisch-orthodoxe Bischof von Belgien und Niederlanden, der zu diesem Ereignis eigens nach Georgien anreiste. Die Weihe fand im georgisch-orthodoxen Kloster Schio Mgwime bei Mtskheta, der ehrwürdigen Althauptstadt und dem geistlichen Zentrum der Georgisch-Orthodoxen Kirche statt. Wer die Bücher von Martin Mosebach kennt, besonders das Buch „Als das Reisen noch geholfen hat“ (DTV 2014) kann über die orthodoxe Mönchsgemeinschaft von Schio Mgwime mehr erfahren, besonders von der strengen Führung durch den Abt und von den einfachen Bedingungen.

An der Weihe nahm neben den Verwandten, Bekannten und Freunden des Weihekandidaten in Georgien auch eine kleine Delegation aus der Schweiz, Deutschland und Österreich teil, darunter Prof. em. Dr. Martin George, Prof. em. Stephan Horn, Frau Prof. Dr. Michaela Hastetter vom Wiener Studienhaus St. Johannes von Damaskus und Erzpr. Dr. Oleksandr Petrynko als Vertreter der Collegium Orientale Eichstätt. Auch die beiden Liz. theol. – ehemalige Kollegiaten – Erekle Turkadze und Shota Kintsurashvili waren erfreulicherweise bei der Priesterweihe anwesend. Dem älteren Bruder des Weihekandidaten, Vater Davit, der selber Priester ist, kam bei dem Gottesdienst eine besondere Aufgabe zu: Er führte den zu Weihenden beim Weiheritus zum und um den Altar herum (auf den Fotos ist es der Erzpriester im roten Phelonion).

P. Dr. habil. Ephräm kam 2008 als einer der zwei ersten georgischen Studenten des COr nach Eichstätt. Er erlernte hier die deutsche Sprache und schloss seinen Studienaufenthalt erfolgreich ab, indem er 2015 seine Promotion verteidigte. Danach ging er nach Wien in das bereits erwähnte Studienhaus, dessen Leitung er zusammen mit Frau Prof. Hastetter bis heute innehat. Neben seiner Dozententätigkeit in Trumau beschäftigte er sich in den letzten Jahren intensiv mit dem Thema der apostolischen Sukzession seiner Georgisch-Orthodoxen Kirche. Dies tat er im Rahmen seiner Habilitation, die er in diesem Sommer vor der Priesterweihe an der Theologischen Fakultät der Universität Wien ebenso erfolgreich abschloss.

Für einen Gast, der römisch-katholisch ist und im byzantinischen Weiheritus und in seiner Liturgie nicht bewandert ist, war bei der Weiheliturgie sicherlich alles neu, besonders und erlebnisreich. Für mich als einen Angehörigen des byzantinischen Ritus stellte zwar der Ritus und die gesamte Liturgie nichts Ungewohntes dar. Und doch war vieles anders und besonders.

Im Rahmen der Pandemie war dies meine erste Auslandsreise nach langer Zeit der corona-bedingten Stille. So durfte ich den mir gewohnten Ritus unter den neuen Bedingungen intensiv erleben. Dazu zählen die Begebenheiten wie eine große Klosterkirche, die kaum gefüllt war, und die allermeisten Gottesdienstbesucher, die Mundschutz trugen und weit auseinanderstanden. Dies vermittelte uns, den Angereisten aus Deutschland in ein Hochrisikogebiet, eine gewisse Sicherheit. Man konnte von der Atmosphäre des durchwegs Georgisch gesungenen Gottesdienstes sich wunderbar tragen lassen. Der Gesang war wirklich himmlisch (s. Videos im Anhang!). Gesungen wurde nur von einer kleinen fünfköpfigen Männer-Schola, die normalweise an der alten Patriarchenkirche (in der kommunistischen Zeit) und heute Seminarkirche in Tbilisi (Tiflis) singt und die heute der Einladung des weihenden Bischofs hierher folgte.

Der gesamte Weihegottesdienst war für mich als Rektor und persönlich eine Gotteserfahrung schlechthin. Neben Seiner Gegenwart im Sakrament der Eucharistie und der Weihe beschäftigte mich durchgehend der Gedanke über den Weihekandidaten. Der Werdegang von Givi / P. Ephräm Lomidze mit seinem Studienaufenthalt im Collegium Orientale in Eichstätt, seine derzeitige Beschäftigung in Wien zum Wohl der Kirchen, aber auch die beiden anderen anwesenden Kollegiaten Erekle und Shota gaben mir Antwort auf eine wichtige Frage. Nämlich: Was ist der Beitrag des Collegium Orientale für die Heimatkirchen der Studierenden, die zu uns nach Eichstätt kommen. An diesem Weihetag wurde es mir gleich an drei Beispielen konkret klar, dass das Engagement des Bistums Eichstätt und somit der deutschen Katholiken und Katholikinnen für die Ostkirchen lohnenswert und wertvoll ist. Denn ich wurde Zeuge, wie der eine der Absolventen für seine Heimatkirche geweiht wurde und eine leitende Position in einer akademischen Institution übernimmt. Ein anderer berichtete bei festlichen Mittagessen davon, dass er an einer der staatlichen Universitäten in Tbilisi als Dozent für Sozialethik tätig ist und wie sehr ihm die Arbeit mit den Studenten gefällt. Der Dritte ist zuständig für den äußeren und inhaltlichen Aufbau eines Fortbildungszentrums für Jugendpastoral und arbeitet diesbezüglich mit den kirchlichen und staatlichen Stellen.

So durfte ich dankbar die Liturgie feiern und die Gemeinschaft der ehemaligen Kollegiaten und ihrer Gäste genießen. Denn in den Gesprächen und Begegnungen wurde mir klar, wie Gott unseren Einsatz in Eichstätt begleitet und segnet.

Doch bietet Georgien über die Menschen und den orthodoxen Gottesdienst hinaus auch eine andere Möglichkeit für die Begegnung mit Gott. Die Natur und der große Kaukasus, die Berge im Norden Georgiens, sind eine willkommene Gelegenheit für Wanderungen und Bergsteigen. So habe ich mich entscheiden, an die dienstlich absolvierten Termine Bergwanderungen mit Besteigen des Kazbek (5033 ü.d.M.) anzuschließen. Und das war richtig so. Auch wenn das Vorhaben für den Körper eine Herausforderung darstellt, möchte ich diese Erfahrung im Nachhinein betrachtet in meinem Leben nicht missen. Das ganze Besteigungsprogramm betrug lediglich sechs Tage. Doch zehren werde ich davon sicherlich mein ganzes Leben lang. Denn die Erfahrungen, die bei solchen Bergwanderungen und Besteigungen gemacht werden, sind unbeschreiblich, unersetzlich und unvergesslich.

Das Wertvollste dabei sind folgende Dinge: Der Geist kann bei einer solchen Beschäftigung gänzlich herunterfahren und die gewöhnlichen Belastungen ablegen. Die Seele befreit und erholt sich und kann sich auf die wunderschöne Natur konzentrieren, sich auf die Großartigkeit der Erde und des Himmels besinnen und so Gott näher kommen. Auch die Gespräche mit anderen Teilnehmern der Bergsteigergruppe bringen einen auf andere Gedanken und zeigen, was die Menschen in anderen Ecken der Welt aktuell beschäftigt, was ihre Freuden, Sorgen und Nöte sind. Dies ließ tatsächlich auch mich Einiges in meinem Leben und Wirken neu sehen und bewerten, wofür ich sehr dankbar bin.

In den ruhigen Stunden der Akklimatisierung war ich oft allein und für mich da, ohne Internet- und Handyempfang. Etwas ungewohnt und doch herrlich! Diese habe ich als sehr wertvoll empfunden, als Zeiten des persönlichen Gebetes und der Betrachtung. Mit Skepsis hatte ich vor der Reise zwei Bücher, von zwei Freunden in diesem Jahr empfohlen, als Lektüre eingepackt. Doch war froh, diese dabei zu haben. In dieser Woche habe ich die beiden verschlungen, mit großem Interesse und geistigem Gewinn.
Vor allem begleitete mich bei dem für den Körper intensiven Bergsteigen das Gefühl der Dankbarkeit, des aufrichtigen Dankes Gott und den Mitmenschen gegenüber. Dankbar für die Mitmenschen, mit denen ich jeden Tag zu tun habe, und die ich auf der Fahrt und beim Bergsteigen neu kennenlernen durfte. Dankbar für die Menschen, die mir mit Gebet und Tatkraft im Hintergrund beistehen und vor allem für diejenigen, die mich Tag für Tag mit meinen Unzulänglichkeiten ertragen. Dankbar, dass Gott uns bei unseren Mühen und trotz unserer Untreue und Verwirrung treu bleibt und dies an verschiedenen Zeichen sichtbar macht. Dankbar meinen Eltern gegenüber, dass ich von ihnen die körperliche Verfassung erhielt, das Bergsteigen überhaupt unternehmen zu können. Dankbar für die hohen Berge, dankbar für den immerwährend liegenden Schnee auf den Gletschern des Kaukasus und für herrliche Sonnenaufgänge, vor allem auch für die gute Witterung in den Tagen der Reise. Dankbar für die Reise insgesamt, die für mich mit zwei ganz unterschiedlichen Gipfeln gekrönt war, einerseits der Priesterweihe und andererseits dem Besteigen des Kazbek. Dankbar, dass ich bei beiden Unternehmungen die Hand Gottes und seine Begleitung verspüren durfte. Dankbar, dass ich dadurch Kraft schöpfen konnte, um an meine täglichen Aufgaben mit frischem Elan herangehen zu können. Dankbar auch für die Zuversicht, dass Gott uns immer nahe ist, auch wenn wir seine Zeugnisse nicht immer und nicht an jedem Ort wahrnehmen wollen, können oder imstande sind.

Der Blick des Herrn auf den Schächer zur Rechten

Betritt man in diesen Tagen und Wochen den ersten Ausstellungsraum des Eichstätter Diözesanmuseums, wird man zum Zeugen einer beseelenden Kommunikation. Es eröffnet sich einem ein geistreicher Weg, den man von Anfang bis zum Ende gerne geht. Als Besucher wird man verführt in ein wunderbares und zugleich wundersames Gespräch zwischen den einzelnen Ausstellungsstücken, die derzeit dort zu besichtigen sind. Bis Anfang November besteht dort die Möglichkeit, der künstlerischen Verführung nachzugehen und sich einerseits die wunderbaren Gegenstände des Museums anzuschauen und andererseits die Bilder des serbisch-deutschen Künstlers Nikola Sarić (*1985) zu bewundern.

Das erste Bilderpaar, das den Blick des Besuchers beim Betreten des konzeptionell abgedunkelten Raumes betört, ist genial gewählt. Dieses bildet den Gegenstand meiner Betrachtung. Der Dialog der beiden Bilder ist ungeheuer lebendig und aussagekräftig und ist kaum in Worte zu fassen. Das muss man einfach sehen!

Auf der linken Seite ist eine Eichstätter Kopie einer barocken Berühmtheit, die Kreuzigung Rubens‘ (†1640), zu sehen. Typisch Barock. Die Emotionen sprudeln aus dem Vollen. Die Leiden Jesu und der beiden Schächer sind für die Augen greifbar: in der Anspannung der Muskeln, in den Schmerzenswindungen der Körper, im Greifen der römischen Soldaten nach den Werkzeugen der Marter und im Ausholen zur Tat. Jesus hat gerade seinen Geist den Händen des ewigen Vaters anvertraut, seine Augen sind geschlossen, der Kopf hängt an der Brust, die Agonie ist zu Ende, die Lanze sticht blutend in seine Seite. Die Frauen weinen, die eine bittet die Soldaten um Barmherzigkeit gegenüber den auf die kreuzförmigen Pfeile Gehängten, die anderen wenden unter Wehe-Rufen und seelischen Schmerzen ihre Häupter weg.

Die Ecke des unklugen Schächers zur Linken Jesu ist abgedunkelt, entsprechend seinem Schicksal, auch wenn sie in der Gesamtkonzeption des Bildes im Vordergrund steht. Sein muskulöser Körper strengt sich an und will den letzten Schmerzen entweichen: Vergeblich, denn der Stock des Römers ist gezielt und treffsicher.

In der Ecke des klugen Schächers weichen langsam die Wolken, die Sonne dringt vorsichtig durch, „die Sonne der Gerechtigkeit“, Christus der Herr über Leben und Tod, hat nun das Erlösungswerk vollbracht. Der Schächer zur Rechten streckt sich nach Christus, als ob er sich an der Heilszusage festhalten möchte, die an ihn ergangen ist: „Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein“. Das vordere Pferd, mit entspannten Zügeln, also frei in seiner Bewegung, scheint dem ganzen Geschehen unerschrocken beizuwohnen und neigt nach der Art eines Menschen ehrfürchtig seinen Kopf vor dem Erlöser nieder. Soweit das barocke Bild von Peter Paul Rubens.

Auf der rechten Seite der Ausstellungskomposition ist ein Perspektivwechsel platziert, und zwar in mehrfacher Hinsicht. „Die Ansicht des Kreuzes von rechts“ nennt Nikola Sarić das zweite Bild in dieser Doppelkomposition. Das Format ist länglich, von oben nach unten ausgeführt: originell. Die Handlungen der Menge – die Frauen und Männer sowie die Peiniger samt ihrem Gefolge – treten in den Hintergrund. Sie sind proportional zu Christus und dem weisen Schächer klein dargestellt und kommen dem Betrachter fast winzig vor. Die Frauen und Männer mit den Engeln stehen im oberen rechten Eck, von wo aus auch sich die Hand des himmlischen Vaters nach dem leidenden Sohn streckt. Ein weißes, längliches Tuch wird von oben entgegengehalten: nicht als Zeichen der Resignation und des Aufgebens wegen des Sterbens am Kreuz, vielmehr als Symbol und Vorzeichen des Sieges in der Auferstehung: Ein in reinem Weiß gewebtes Leinen für die Aufnahme des heiligen Leichnams des Erlösers und somit ein weiß bereiteter Weg in den himmlischen Bereich des Vaters.

Auf die Darstellung des Schächers zur Linken, „des unklugen Knechtes“, hat der zeitgenössische Maler verzichtet. Er will uns bewusst das Kreuz von rechts zeigen. Die Geschichte des rechten Schächers steht hier im Mittelpunkt der Betrachtung.

Wie bei Rubens steht der Gekreuzigte auch hier n der Mitte des Geschehens. Und doch ist Vieles anders. Das Antlitz Christi ist ruhig, doch nicht entspannt, wie beim entschlafenen Herrn von Rubens. Eine ruhige Konzentration auf den Schächer zur Rechten beherrscht das Bild. Die Augen des Herrn sind geöffnet, die alles sehenden Augen des Königs der Herrlichkeit, dem sein Vater Legionen von Engeln zu Hilfe hätte senden können.

Das milde und zugleich überwältigende Strahlen seines neon-blau leuchtenden Nimbus erhellt die dunkle Nacht des gesamten Geschehens. Dieses bläuliche Licht, das sogar für die Peiniger angenehm erscheinen muss, stellt deren Leben vernichtenden Pläne bloß. Sie als Werkzeuge des Bösen platzierte Sarić zu Füßen des gerechtfertigten Schächers. Doch ihr Tun, angedeutet durch die Körperhaltung und die einzelnen Gegenstände in ihren Händen, gilt sowohl dem gekreuzigten Herrn als auch all jenen, die von Mitmenschen und Machthabern ungerecht behandelt werden. Der Spott des Bösen ist nicht gemildert dargestellt. Seine Unmenschlichkeit ist deutlich sichtbar in den erhobenen und ausgestreckten Zeigefingern und im hochgehaltenen Speer und im drohenden Hammerstock.

Die Schriftrolle, die wohl von einem Gesetzestreuen gehalten wird, scheint auszudrücken: Dieser Rebell, dieser Sünder, dieser Verbrecher, er soll sterben: Kreuzige ihn. Sie wendet sich an beide: an den Herrn und an den Schächer zur Rechten, der die eigenen Ungerechtigkeiten einsieht und bereut. Dieser Schächer wird – genau wie der zur Linken –mitgekreuzigt, bekanntlich aus gerechtem Grund, doch genauso unmenschlich, schmerzvoll und ohne Nachsicht. Und doch geschieht zur Rechten des Kreuzes etwas anderes als auf der linken Seite; die am Kreuz vollbrachte Erlösung wird hier konkret; sie wird dem weisen Schächer zuteil. Daher ist die Ansicht des Kreuzes von rechts so ansprechend, ausdrucksstark und bedeutend.

Die Blicke treffen sich; die beiden Gekreuzigten, der Herr und Schöpfer auf der einen Seite und der Mensch, sein Geschöpf, auf der anderen, der Erlösende und der Erlösungsbedürftige, sie schauen sich an. Der Psalmist scheint den Worten und dem Bekenntnis des Schächers wohl den besten Rahmen zu geben: „Merke auf die Stimme meines Flehens, mein König du und mein Gott, denn zu dir will ich beten, o Herr; am Morgen schon hörst du meine Stimme, ich trete vor dich hin und du wirst auf mich schauen; denn du bist kein Gott, dem das Unrecht gefällt, der Böse hat keine Bleibe bei Dir; vor deinen Augen können die Frevler nicht bestehen, du hassest alle, die Unrecht üben (nach Ps 5); Herr, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst.“

Der Blick des Herrn ist fokussiert auf den reumütigen Schächer. Es ist ein durch und durch erlösender und erleichternder Blick auch für den Herrn selbst. Fast scheint es, dass er ihn die Schmerzen, die Wunden, den gerade zu Ende gegangenen Kreuzweg, mit den Schlägen, dem Anspucken, den Fluchworten und dem Verrat des Freundes vergessen lässt. Der Herr sieht gleichsam die erste Frucht seines Erlösungswerkes: den ersten Menschen, der ihm ins Paradies folgt. Dem Reumütigen und allen Reumütigen, den Betrachtenden, gilt schließlich sein erlösender Tod. Er wurde Mensch und ließ sich für alle kreuzigen, die ihn als ihren Gott, Erlöser und Freund anerkennen und annehmen.

Umgekehrt und somit anders als bei Rubens streckt der gekreuzigte Herr seinen Arm nach dem rechten Schächer aus. Der Herr ist es, der im Unterschied zu dem Volk, das zu Füßen des Kreuzes steht, sein Bekenntnis hört und es annimmt, den Schächer nicht verurteilt, sondern ihn gerecht macht. Sarićs Schächer hört nicht nur die befreienden Worte „heute im Paradies“, sondern er spürt die barmherzige Hand des Herrn, die im Begriffe scheint, den Schächer vom Kreuz abnehmen zu wollen und von allem Leiden zu befreien.

Und so ist der Titel des Bildes von Sarić wunderbar gewählt: „Die Ansicht des Kreuzes von rechts“. Sie ist treffend und ergänzt die Darstellung Rubens. Sie offenbart die Mitte des Evangeliums. Sie trifft zugleich die Mitte unseres Glaubens und unseres Lebens: Die Barmherzigkeit Gottes schaut auf uns herab und neigt sich uns Menschen zu. Sie lädt den Betrachter ein, sich dem Kreuz von der rechten Seite zu nähern und sich so in den Schutz der nach uns sehnsüchtig ausgestreckten Hand des barmherzigen Erlösers zu begeben.

Mehr zum Thema: Sonderausstellung: „Nikola Sarić – Reflexionen“

Renovabis-Aktion 2020: Eine Bildbetrachtung

Die deutschen katholischen Hilfswerke haben entschieden, ein gemeinsames Zeichen der Solidarität zu setzen und dieses Jahr unter ein gemeinsames Thema zu stellen. Dies wurde längst vor dem Ausbruch der Coronakrise geplant. Die Entscheidung und das gewählte Thema „Frieden“ waren richtig und können aus aktueller Sicht als prophetische Handlung gedeutet werden. Denn für die jetzige Situation sind sie mehr als treffend. Es ist anerkennenswert, dass die deutschen Hilfswerke ihre Schwerpunkte in diesem Jahr zum ersten Mal von der Thematik her bündeln: „Frieden“ wurde in die Mitte ihrer Projektarbeit, ihres Gebetes und ihres Nachdenkens gestellt.

Auch Renovabis, die Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel­ und Osteuropa, macht sich für diese Idee stark. Das Thema trifft in der Tat den Kern der Nöte und Sorgen der Renovabis-Partner auf dem europäischen und asiatischen Kontinent. Ganz besonders deutlich wird es an dem Land, das Renovabis als Beispielland für die diesjährige Pfingstaktion und damit verbundene Sammlung gewählt hat: die Ukraine. Der Inhalt der Pfingstaktion berührt nicht nur eine der tiefsten Sehnsüchte der Ukrainerinnen und Ukrainer, sondern das Leben eines jeden Menschen, „der den Wunsch nach Frieden, erfülltem Leben und Heil in sich trägt.“ (Patriarch Shevchuk, Grußwort zur Pfingst-Novene).

Auch wenn die Corona-Pandemie die ganze Welt im Griff hält und sie wirtschaftlich und sozial lahm legt, schafft sie es nicht, die Waffen und die Kriegsherde zum Stillschweigen zu bringen. So herrschen in der Ukraine, einem Land direkt vor der Tür der Europäischen Union, ohne Unterbrechung seit Herbst 2014 bis auf den heutigen Tag Kriegszustände mit bereits mehr als 13.000 Toten, Millionen von Binnenflüchtlingen und viel Elend und Not an Seele und Leib. Wenn sich dazu auch noch die Ängste des Corona-Virus gesellen, stehen die Menschen vor echten existenziellen Herausforderungen. Werden sie gefragt, gehen die Antworten alle in eine Richtung: Unser einziger Traum ist, dass der Friede wieder kommt und dieser wieder das Leben bestimmt und ermöglicht.

Der Friede ist eine der Früchte des Heiligen Geistes. Er ist mit dem Heiligen Geist wesensgleich. Der Friede ist von uns Menschen allein nicht machbar. Er kann von uns nicht festgehalten werden, er ist immer auch zerbrechlich und niemals etwas Selbstverständliches. Der Friede muss und darf von Gott erfleht werden. So ist die Pfingstzeit eine gute Gelegenheit, neben unserem konkreten Einsatz für den Frieden immer auch um ihn zu bitten.

Dies kann sehr gut mit Hilfe der diesjährigen Pfingst-Novene von Renovabis gemacht werden, die im Grunde genommen eine lange, auf mehrere Tage verteilte Bitte um die Gaben des Heiligen Geistes ist, besonders um die Gabe des Friedens.

Rückseite der Vorlage zur Renovabis-Pfingstnovene

Ich persönlich finde die Novene sehr ansprechend. Sie ist mir in diesen Tagen zu einer treuen und hilfreichen Begleiterin in meinem Gebetsleben geworden. Doch ist sie nicht nur aufgrund der Texte bereichernd. Auch von der Aufmachung her habe ich an ihr Gefallen gefunden: Das ganze Bildprogramm ist für meine Begriffe genial gewählt und zusammengestellt. Als etwas ganz Besonderes gilt für mich das Foto auf der Rückseite des Novene-Heftchens. Ich fühle mich dadurch angesprochen und bleibe immer wieder mit meinen Augen und in meinen Gedanken daran hängen. Das Foto stammt aus der Ukraine. Dies stellt man schon allein an den gelb-blauen Farben des Fähnchens fest. Es ist ein Schnappschuss in jeder Hinsicht. Ein Vater trägt seinen Sohn auf den Schultern: ein biblisches Motiv, ein Motiv des Vertrauens; ein im Alltag oft anzutreffendes Motiv, ein Motiv, das eigene Kindheitserinnerungen hochkommen lässt. Beide schauen vom Osten nach dem Westen: programmatisch für das Land Ukraine, ein osteuropäisches Land und Partner von Renovabis. Dies ist das Land, das sich nach Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Ordnung nach dem westeuropäischen Vorbild sehnt und dafür seit einigen Jahren kämpfen muss.

Das Gebäude im Hintergrund ist verschwommen: Der Fokus liegt auf den beiden Personen, dem Vater und dem Sohn. Dies steht für einen zentralen Aspekt des Selbstverständnisses von Renovabis als Aktionsgemeinschaft der deutschen Katholiken mit den Mitmenschen im östlichen Teil des gemeinsamen Kontinentes. Die Unterstützung und die Spenden, die Renovabis einwirbt, kommen den Menschen mit ihren unmittelbaren Bedürfnissen direkt zugute. Diese Art von Partnerschaft, wie sie auf dem Foto ausgedrückt wird, steht auch im Mittelpunkt des Renovabis-Hilfswerkes.

Und nun zu einem weiteren Aspekt: Die Augen der beiden sind geöffnet und doch in sich versenkt, es sind betende Augen: Der Sohn scheint vom Vater vieles geerbt zu haben, auch den Blick der Augen mit seiner unübersehbaren Tiefe. Der Vater, bodenständig, reich an Lebenserfahrung, vielleicht ein wenig besorgt, schaut konzentriert vor sich hin, leicht zu Boden geneigt. Er trägt gerne die Last des Kindes auf den Schultern. Er geht beständig und verantwortlich nach vorne, er will, dass die Zukunft des Sohnes gelingt. Der Blick des Sohnes ist für sein Alter fast zu ernsthaft. Doch verrät er eine unheimlich große Weite. Diese ist möglich, da der Vater strapazierfähig und gelassen auf beiden Beinen steht und dem Kind Sicherheit verleiht. Der Sohn kann und darf träumen, sich auf den Vater verlassen und auf dessen Träumen aufbauen: vom Frieden, vom Glück, vom erfüllten Leben, von einer Zukunft ohne Krieg und ohne Angst vor Viren und Krankheiten.

Und ein letztes Element des Fotos. Der Sohn streckt seine Hände, gestützt auf Papas Haupt, nach vorne aus: In den Händen hält er seine Identität der Außenwelt und Gott entgegen. Er ist ein kleiner Ukrainer; die Farben Gelb und Blau, nicht nur im flatternden Nationalfähnchen, sondern auch als Farbe der Blumen, sagen das aus. Er träumt von Frieden, der nicht nur von seiner Bereitschaft dazu abhängt. Frieden braucht diese Bereitschaft von vielen Seiten, von allen Seiten, damit er stabil eintreten kann.

Frieden wird begründet nur dann, wenn alle Väter und Söhne, alle Mütter und Töchter dazu bereit sind, wenn alle nicht nur bei sich, bei ihren Identitäten, Egoismen und Meinungen bleiben. Alle sollen dafür aus sich heraustreten und bereit sein, die Hände voller Blumen der Vergebung, der Nachsicht und des Entgegenkommens, aber auch der konkreten stützenden und helfenden Handlungen sich gegenseitig entgegenzustrecken. Nur dann wird eine Grundlage für den Frieden gebildet werden können. Nur dann können wir zu den seligen – glücklichen – Friedenstiftern werden, wie dies das Logo der diesjährigen Pfingst-Novene festhält, indem es das Schriftwort aufgreifend: „Selig, die Frieden stiften“ (Mt 5,9). Nur dann kann der Heilige Geist das menschliche Gemeinschaftswerk des Friedens mit seiner Gnade überschatten und es vollenden.

Ein Foto, ein Bild aus dem Leben, voller Realsymbole für das Leben, für das friedliche Zusammenleben.

Liebe Leserinnen, liebe Leser, ich lade Sie herzlich ein, sich der diesjährigen Renovabis-Aktion in Gebet und unterstützendem Spendenwerk anzuschließen! DANKE!

Kreuz: ein Plus-Zeichen, das auf Wesentliches fokussiert

Der dritte Sonntag und die dritte Woche der vorösterlichen Zeit sind im byzantinischen Ritus dem heiligen Kreuz unseres Herrn Jesus Christus gewidmet. Das Kreuz wird am Sonntag in der Stundenliturgie (zum Abschluss der Laudes) aus dem Altarraum in einer Prozession herausgetragen. In der Mitte der Kirche wird es auf ein Pult gelegt, mit kostbaren Tüchern und mit reichlichem Blumenschmuck umkränzt.

Verehrt wird das Kreuz durch eine tiefe Verneigung mit Prostration zum Boden. Dabei erklingt dreimal der zentrale Gesang dieses Sonntags und der darauffolgenden Woche: „Vor Deinem Kreuz, Gebieter, fallen wir anbetend nieder, und Deine heilige Auferstehung preisen wir“.

Auf diese Weise stellen die östlichen Christen das Kreuz als Werkzeug unseres Heils in die Mitte der Kirchen. Sie machen es zum Mittelpunkt ihrer Betrachtung auf dem Weg der Vorbereitung auf das Osterfest hin. Das Kreuz gehört zu unserem Leben. Es ist in der Geschichte Gottes mit uns Menschen ein Zeichen des Leidens, bevor der Sieg und das eigentliche Leben einbrechen.

Kreuzverehrung im Collegium Orientale Eichstätt. Foto: Dr. Oleksandr Petrynko

Das Thema des Kreuzes ist besonders in diesem Jahr und in dieser Fastenzeit, die durch die Corona-Krise gekennzeichnet ist, von Bedeutung. Denn nichts anderem als einem gemeinschaftlich zu tragenden Kreuz gleicht die heutige Situation, im Bangen um die Älteren und Schwächeren unter uns, um die Verwandten und Bekannten, um die Kollegen in der Arbeit, um die Flüchtlinge und Obdachlosen. Jede und jeder trägt dieses Kreuz mit, auch wenn dies vielleicht mit unterschiedlicher Intensität und im verschiedenen Bewusstseinsgrad geschieht. In unterschiedlichem Maße kommen bei den Einzelnen die Gefühle und Emotionen der Unsicherheit, der Angst und der Ohnmacht hoch. Uns geht es genauso, wie es unserem wahren Bruder und Menschen Jesus Christus ging, bevor er seine Arme um unseretwillen am Kreuze ausspannte.

Das Kreuz als Zeichen, als unser – der Christen – Erkennungszeichen und Bekenntnissymbol, ist für uns in unserer aktuellen Situation ein vielsprechendes und besinnliches Zeichen, das mit unserer Erlösungsgeschichte unmittelbar zu tun hat: Jesus Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes ist gekreuzigt worden und am Kreuz gestorben. Zugleich ist dieses Werkzeug unseres Heiles auch ein Zeichen, das ermutigt und Leben verspricht. Darum wird der auferstandene Herr häufig mit dem Kreuz in der Hand als Siegesfahne dargestellt. Das Kreuz, aus zwei Teilen gebildet, ist immer ein Plus-Zeichen, ein positives Zeichen, auch wenn es ein Kreuz bleibt.

Das Kreuz ist deshalb ein Schlüssel zum Verständnis einer solchen Situation, wie wir sie heute erleben. Das Kreuz als Last und Aufgabe, die wir als Menschen zu tragen haben, durchkreuzt unsere Pläne – wie viele haben wir in diesen Tagen aufgeben müssen und auch können? –, unsere Sicherheiten, unser Alles-im-Griff-Haben. Das Kreuz führt uns auf die Grundlagen unserer Existenz zurück. Es macht uns „nackt“ wie unsere Ureltern Adam und Eva im Paradies. Seine Balken haben die Fähigkeit, uns auf das Wesentliche im Leben zu fokussieren. Auch wenn es bloß darum ging, das Nötigste hamstermäßig einzukaufen: Auch hier schlägt die Kraft des Kreuzes voll durch, weil man sich entscheiden musste: Was brauche ich wirklich. Das Kreuz geht der Wirklichkeit tatsächlich auf den Grund.

Auch mich persönlich bewegen in diesen Tagen Fragen über Fragen, besonders die im Leben grundsätzlicher Natur sind und die unter normalen Umständen des schön geregelten Lebens nicht immer genügend beachtet werden: Wie geht es meinen Verwandten? Wann habe ich mit Freunden das letzte Mal telefoniert? Wann habe ich meine Eltern und Großeltern das letzte Mal besucht? Werden die mir in Arbeit und Beruf Anvertrauten von mir beachtet und respektiert? Werden ihre Grenzen, Ängste und eventuelle Nöte berücksichtigt? Was bin ich für andere und die anderen für mich in den verschiedenen Feldern meines Lebens? Bin ich nicht, sind wir nicht an die Grenzen des von uns Machbaren angelangt? Wer hat die Kraft, die Zeit, die Aufgaben, die Ängste und die Sorgen zu überbrücken, bis sich wieder alles normalisiert?

Ich muss gestehen, dass das Kreuz der Corona-Krise mich persönlich zu diesen Fragen und zur Suche nach Antworten täglich anregt. Dieses Kreuz – das Verspüren der eigenen Ohnmacht, Begrenztheit und Kleinheit –, bringt mich zum Golgotha und zum gekreuzigten Herrn. Es führt mich zum Kreuz, an dem Jesus Christus erhoben wurde, um mich zu stärken, um mir Leben mit ihm und in ihm zu schenken. Sein Kreuz ist die Brücke, die mich aus meiner Begrenzung hinausführt. Das Kreuz gibt mir Weite und Hoffnung, mit denen ich – von meinen Betrachtungen zurückgekehrt – wieder feste und sichere Schritte in meinem Alltag vollziehen kann. Dank sei darum Gott, dass wir in dem Kreuz seines Sohnes eine Zuflucht finden können!

Ein Kreuzeichen wird normalerweise gezeichnet, wenn eine bestätigende Antwort gegeben werden soll. Man stellt ein Kreuzzeichen, wenn man mit etwas einverstanden ist oder zutreffend findet. In früheren Zeiten – so erzählt man in der Ukraine – haben die Menschen, die des Lesens und Schreibens nicht mächtig waren, mit einem einfachen Kreuzzeichen bei ihrem Namen ihre Unterschrift geleistet. Damit haben sie sich ausgewiesen und sich einverstanden erklärt. Nicht anders ist es auch in unserer Zeit. Mit einem Kreuzzeichen fülle ich beispielsweise viele Dokumente und Unterlagen bei den Behörden aus. Damit wähle ich das Richtige, das heißt das, was auf mich zutrifft.

Mit einem Kreuzzeichen, dem Kreuz Jesu Christi, aber macht auch Gott ein deutliches Zeichen hinsichtlich seiner Liebe zu uns. Das Kreuz des Herrn, das wir in der Fastenzeit besonders betrachten, ist das Unterschriftszeichen unseres Gottes um der Menschen willen. Mit diesem Zeichen und mit dieser Zusicherung dürfen wir nach vorne schauen. Daraus dürfen wir Mut schöpfen, besonders in diesen schweren Zeiten. Denn – wie eine Bekannte mir gestern am Telefon sagte – „Gott ist auf unserer Seite“. Er hat dies mit der Unterschrift des Kreuzes für uns öffentlich bestätigt. Daher singt die byzantinische Kirche in diesen Tagen: „Christus, unser Gott, freiwillig hast du die Kreuzigung auf dich genommen, dass insgesamt auferstünde der Menschen Geschlecht. Mit des Kreuzes Schreibrohr, von rotem Nass der Finger blutend, hast du unserer Freilassung Brief in deiner Menschenliebe die königliche Unterschrift gegeben. Wende den Blick nicht von uns in schwerer Gefahr, weil wir wiederum uns von dir getrennt haben, sondern hab‘ Mitleid, einzig Langmütiger, mit deinem Volk in seiner Not. Stehe auf und bekämpfe, die uns bekämpfen, Allmächtiger.“

Gott befohlen, liebe Schwestern und Brüder!