Alle Beiträge von Manfred Göbel

Manfred Göbel, gebürtig aus Eichstätt, ist seit 1979 als Entwicklungshelfer und Krankenpfleger für die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) und die Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) in Brasilien tätig. Er koordiniert die Projekte der DAHW in Brasilien. Über seine Arbeit hat er das Buch “Größer als Furcht ist die Liebe. Mein Einsatz gegen Lepra” im Herderverlag veröffentlicht.

Brasilien im Krieg gegen die Tigermücke Aedes Aegypti

Seit Jahrzenten kämpft Brasilien gegen die Virus-Erkrankung “Dengue-Fieber”, die von der Stechmücke Aedes Aegypti übertragen wird. Die Erkrankung ist ein weltweites Gesundheitsproblem, vor allem in tropischen und subtropischen Regionen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass jährlich zwischen 50 Millionen und100 Millionen Personen in 100 Ländern in allen Erdteilen – außer in Europa – infiziert werden. Rund 550.000 Menschen müssen im Krankenhaus behandelt werden und rund 20.000 sterben.

In Brasilien erkrankten im Jahr 2015 mehr als 1,6 Millionen Menschen an Dengue, 843 sind an den Folgen der Krankheit gestorben. Es gibt vier Arten von Dengue, die meistens ohne größere Probleme verlaufen mit Symptomen wie Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen, die nach etwa sieben Tagen abheilen. Die Krankheit kann aber auch zu einer hämorragischen Dengue werden mit hohem Todesrisiko.

Überascht wurden die brasilianischen Gesundheitsbehörden im vergangenen Jahr durch das Auftreten eines neuen Virus, dem Zika-Virus, bisher unbekannt in Brasilien. Der Zika-Virus wurde 1947 bei Affen in Uganda festgestellt und ab 1951 bei Menschen in Asien, Afrika und Ozeanien. Die Übertragung erfolgt auch durch die Mücke Aedes Aegypti. Doch in den vergangenen Wochen kamen Meldungen vom Forschungsinstitut Osvaldo Cruz in Rio de Janeiro, dass man den Zika-Virus auch im Speichel und Urin nachgewiesen hat. Es wird auch vom Nachweis des Zika-Virus in Blutproben, Muttermilch und Spermatozoiden berichtet, eine mögliche Übertragung konnte jedoch noch nicht nachgewiesen werden. Hauptüberträger bleibt der Aedes Aegypti. Obwohl eine Zika-Infizierung bei mehr als 80% der Infizierten symptomlos verläuft, kann es bei schwangeren Frauen schwere Folgen für die Neugeborenen haben. Der Zika-Virus ist mit hoher Wahrscheinlichkeit verantwortlich für Mikrozephalie bei Neugeborenen (Fehlbildungen bei Schädel und Gehirn).

Die WHO schätzt, dass ca vier Millionen Menschen in Lateinamerika an Zika erkranken werden, davon 1,5 Milionen in Brasilien. Aktuell stehen 4.107 Patienten unter Mikrozephalie-Verdacht in Brasilien (Zahl ändert sich täglich), 508 Fälle wurden bereits bestätigt, aber nur bei 67 Fällen wurde der Zika-Virus nachgewiesen. Bei weiteren 80 Todesfälle wird der Zusamenhang noch untersucht. Die Region Nordosten ist mit 82% der Fälle am meisten betroffen. Zika verbreitet sich fünf mal schneller als Dengue und 21 Bundesstaaten meldeten bereits Fälle von Mikrozephlie. Wegen der schnellen Verbreitung des Zika-Virus und der Zunahme von Mikrozephalie bei Neugeborenen hat die brasilianische Regierung Sondermaßnahmen zur Bekämpfung des Aedes Aegypti angeordnet und die WHO den Zika-Virus als Weltgefahr eingestuft.

Die Stechmücke Aedes Aegypti ist auch für die Übertragung des Virus Chicungunya veranwortlich, einer fieberhaften Erkrankung, die meistens harmlos verläuft. 2015 wurden in Brasilien 7.823 Fälle von Chikungunya-Fieber in 84 Städten registriert.

Brasilen rüstet sich im Kampf gegen die Mosquitos (Stechmücken). Es gibt zwei Arten von Mosquitos: Pernilongos oder Culex Quinquefasciatus und Aedes Aegypti.

Schmutziges Wasser dient als Brutstellen des Aedes Aegypti. Foto: José Cruz/Agência Brasil
Schmutziges Wasser dient als Brutstelle des Aedes Aegypti. Foto: José Cruz/Agência Brasil

Pernilongos sind nur halb so gross wie der Aedes Aegypti, ca 3-4mm, stechen in der Dämmerung und hauptsächlich nachts, um Blut zu saugen. Sie legen ihre Eier in schmutziges kontaminiertes Wasser, wie z.B. Abwasser. Ohne Wasser überleben die Eier nicht. Die Symptome bei Pernilongos sind Juckreiz und Hautrötung. Sie können auch die Wurmerkrankung Filariose (elefantiase) übertragen, die als nicht epidemische Krankheit eingestuft wird.

Der Aedes Aegypti ist fast doppelt so gross wie der Pernilongo, 5-7mm, und unterscheidet sich auch in der Hautfarbe: Er hat einen schwarzen Körper und Flügel. Er fliegt in niedriger Höhe, ohne den typischen Sum-Sum-Lärm der Pernilongos, ist wesentlich schneller und hauptsächlich morgens von neuen bis 13 Uhr aktiv. Er legt seine Eier in normales Wasser, hauptsächlich Regenwasser, Wassertümpel, Blumengefäse mit Wasser, Wasserdepots, die nicht abgedeckt sind, Swimmingpools, die nicht entsprechend versorgt werden, alte Autoreifen und nicht entsorgter Müll auf leerstehendem Grundstücke usw. Doch letzte Meldungen informieren über Nachweis von Larven des Aedes Aegypti in schmutzigem Abwasser.

Die Eier können bis zu 18 Monate in einem trockenen Ambiente überleben und bei Kontakt mit Wasser wieder aktiv werden. “Aedes Aegypte” sticht mit “lokaler Betäubung”, so dass der Stich unbemerkt bleibt, auch ohne Hautsymptome wie beim Pernilongo. Doch die Folge kann eine Übertragung von Zika, Chikungunya und Dengue sein, mit teilweise schweren Folgen wie hämorragische Dengue oder Mikrozephalie.

Verantwortlich für die jährlich steigende Zahl von Dengue und jetzt Zika und Chikungunya sind vor allem die prekären sanitären Anlagen (Abwasser- und Müllentsorgung, schlecht funktionierende Wasserdepots, leerstehende Grundstücke, die häufig als Müllablagerung dienen, Baustellen, die vielen Straßenlöcher mit Wasserpfützen, defekte Wasserabflüsse in Wohnhäusern und Wohnungen usw.) und eine wenig kooperationsbereite Bevölkerung im Kampf gegen den Aedes Aegypti. Hinzu kommen chaotische Zustände in der Gesundheitsversorgung. Viele Komunen sind finanziell überfordert, auch die Wirtschafts- Finanz- und politische Krise verschärft die Situation. Der Staat Amazonas wird bis Ende März seinen Haushalt für 2016 ausgegeben haben. Im Mato Grosso sind 90% der Städte pleite und wissen nicht, wie sie die Versorgung der Bevölkerung garantieren können. Viele Krankenhäuser sind total überfordert und teilweise herrschen extrem chaotische Zustände.

Soldaten gegen Mosquitos

Die brasilianische Bundesregierung hat für 2016 einen Betrag von 1,27 Millarden Reais (rund 300 Millionen Euro) zur Bekämpfung des Aedes Aegypti zur Verfügung gestellt und dieser Betrag soll noch erhöht werden. Es geht um die Ausbildung von Gesundheitsagenten, Aufklärung der Bevölkerung und Spritzaktionen gegen den Aedes Aegypti. Alle Gebäude und Grundstücke sollen systematisch abgesucht und die vorgefundenen Brutstellen des Aedes Aegypti vernichtet werden. Mit Unterstützung des Militärs – mehr als 220.000 Soldaten – sollen über drei Millionen Haushalte nach möglichen Brutstellen der Stechmücke abgesucht werden.

Brasilien setzt Soldaten gegen die Stechmücken ein. Foto: Marcelo Camargo/Agencia Brasil
Brasilien setzt Soldaten gegen die Stechmücken ein. Foto: Marcelo Camargo/Agencia Brasil

Hochkonjunktur hat die Industrie für Schutzmittel gegen Stechmücken. Die Preise sind erheblich gestiegen und trotzdem fehlt manchmal das Produkt. Es gibt Schutzmittel in Form von Sprays oder Lösungen, die vier bis zehn oder mehr Stunden wirken. Ein kleines Fläschen mit ca. 100 ml kostet in Cuiabá 25 Euro. Da bleiben die Armen auf der Strecke, da sie das Geld dafür nicht haben.

Ein weiteres Schutzmittel ist das Mosquitonetz. Das Olympische Komitee in Rio de Janeiro will eine eine Milliarde Reais für die Installierung von Moskitonetzen in den Olympiastadien ausgeben.

Auf jeden Fall ist der Zika-Virus eine Herausforderung für die brasilianischen Behörden und fordert eine schnelle Lösung, um die Folgen wie Mikrozephalie in Grenzen zu halten.Von Panik in der Bevölkerung kann man nicht sprechen. Große Sorge gilt den schwangeren Frauen und viele Frauen wollen vorerst auf eine Schwangerschaft verzichten. Eine Reihe von Freunden und Bekannten erkrankten an Zika-Virus, jedoch ohne größere Probleme. Viele Brasilianer können zwischen Zika und Dengue unterscheiden, und Dengue ist seit Jahrzenten bekannt.

Das Zika-Problem grassiert hauptsächlich in den Armenvierteln, wo häufig Abwassersystem und Müllentsorgung nicht funktionieren und die Menschen oft wochenlange Wartezeiten auf eine ärztliche Untersuchung in Kauf nehmen müssen. Hinzu kommt, dass der Zika-Virus eines von vielen Problemen ist, wie hohe Arbeitslosigkeit, schlechte Krankenversorgung, zunehmende brutale Gewalt und vielem mehr.

Doch er bietet auch eine Chance: Zika wird das Bewusstsein der Bevölkerung für bessere sanitäre Einrichtungen und Müllentsorgung und auch die Kooperationsbereitschaft im Kampf gegen den Aedes Aegypti stärken.

Brasilien steckt tief in der Krise

Ich sitze bei fast 40° an meinem Schreibtisch, die Klimaanlage rattert gegen die Hitze. Brasilien, das vor kurzem noch wirtschaftlich aufstrebende Schwellenland mit sehr guten Prognosen für die Zukunft, wird von einer schweren politischen und wirtschaftlichen Krise erschüttert. Regierungsmitglieder, einflussreiche Politiker und Wirtschaftsbosse sind in den größten Korruptionsskandal der Geschichte des Landes verwickelt. Der halbstaatliche Ölkonzern Petrobrás, eine der größten Ölfirmen weltweit, musste Milliarden Verluste verbuchen und bangte zeitweise um seine Existenz. Während weltweit die Benzinpreise fallen, steigen sie in Brasilien.

Fehlgeschlagene Wirtschafts- und Finanzpolitik, Strafverfolgung von einflussreichen Politikern und Wirtschaftsbossen haben das Vertrauen ausländischer Investoren beträchtlich beeinflusst und große Investitionen blieben aus. Die fünftgrößte Wirtschaftsnation der Welt fällt auf Position acht zurück.

Die Folge war und ist noch ein Ansteigen der Inflation auf derzeit über 10%, der Arbeitslosigkeit auf (offiziell) 8,7 % – bei Jugendlichen sogar auf 16%. Brasilien registrierte 2015 ein negatives Wachstum von 3,1%. Die Armut, die in den letzten Jahren rückgängig war, stieg wieder an. 50% der Ärmsten müssen mit 13% des Bruttosozialproduktes auskommen. Beim Index für menschliche Entwicklung verschlechtert sich Brasilien um 1,9% und belegt Rang 75 von 188 Ländern.

Die negative wirtschaftliche Entwicklung hat die sozialen Errungenschaften der letzten Jahre neutralisiert und die sozialen Probleme verschärft. Sozialleistungen werden gestrichen, Gesundheitsprogramme befinden sich in der Krise, den Kommunen geht das Geld aus, es sind Rückschläge im Kampf gegen Abholzung und Rodung zu verzeichnen.

Trinkwasserspeicher Cantareia in der Region Sao Paulo Mitte 2015. Foto: Sabesp
Trinkwasserspeicher Cantareia in der Region Sao Paulo Mitte 2015. Foto: Sabesp

Obwohl Brasilien 12% des Trinkwassers unseres Planeten besitzt, hat der Klimawandel in den letzten Jahren zu einem bedrohlichen Wassermangel vor allem in der Region Südosten (in den Bundesstaaten São Paulo, Espírito Santo, Minas Gerais und Rio de Janeiro) verursacht und zu drastischen Rationierungsmaßnahmen für mehr als 80 Millionen Menschen geführt. Einige Wasserspeicher in dieser Region operieren unter dem Minimum und laufen Gefahr auszutrocknen.

Gewalt und Kriminalität sind eine ständige Bedrohung und Herausforderung für die Sicherheitskräfte. Obwohl Brasilien in keinen Krieg verwickelt ist, ist die Sicherheitslage prekärer als in manchen Kriegsländern. Laut UNO-Bericht belegt Brasilien den 11. Platz unter den unsichersten Ländern weltweit, mehr als 55.000 Brasilianer verloren ihr Leben im vergangenen Jahr durch Gewalt. Städte wie São Luís in Maranhão und Cuiabá im Mato Grosso zählen zu den gefährlichsten in Brasilien.

Gewaltige Gesundheitsprobleme

Brasilien führt weiterhin die Leprastatistik mit 31.000 Neuerkrankungen jährlich an, betroffen sind davon auch mehr als 2000 Kinder. Die Lepra konzentriert sich in den Regionen Norden, Nordosten und Zentralwesten, wobei die Bundesstaaten Mato Grosso mit 3000 Neuerkrankungen und Maranhão mit 3400 Neuerkrankungen die Leprastatistik anführen. Die brasilianische Regierung investiert viel in die Lepraarbeit, unterstützt nationale Kampagnen, vor allem auch in Schulen, fördert Forschung und die Ausbildung von Fachkräften. Sie schätzt die Leprahilfswerke als wichtige Partner im Kampf gegen die Krankheit.

Tuberkulose mit 70.000 Neuerkrankungen, Dengue-Fieber mit 588.000 neuen Fällen, Malaria, Leishmaniose, und viele andere Erkrankungen belasten die Gesundheitsdienste der Kommunen. Schnell wird Lepra als Gesundheitsproblem vergessen. Es ist Aufgabe der Leprahilfswerke, Lepra nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Auch wenn viele Länder von der Eliminierung der Lepra sprechen, haben wir den Kampf noch lange nicht gewonnen. Es besteht die Gefahr, dass Lepra plötzlich wieder verstärkt auftritt, wenn wir im Kampf gegen Lepra nachlassen.

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Der Kampf gegen Lepra in Brasilien

Brasilien ist das zweitgrößte Lepraland nach Indien mit 32.000 Neuerkrankungen im Jahr 2013, davon 2.400 Kinder. Die Dunkelziffer dürfte um einiges höher sein. Die Lepra konzentriert sich in den Regionen Zentralwesten, Norden und Nordosten, während die besser entwickelten Regionen im Süden und Südosten die Krankheit bereits unter Kontrolle haben. Auffallend ist die hohe Zahl der Neuerkrankungen bei Kindern, was bedeutet, dass die Krankheit noch nicht unter Kontrolle ist, denn die Kinder werden von Erwachsenen angesteckt. Deshalb startete das brasilianische Gesundheitsministerium eine Kampagne in den Schulen. In 853 Städten wurden 3,8 Millionen Schulkinder auf Lepra untersucht und 300 neue Fälle entdeckt.

Die Kampagne wird von der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW), für die ich hier in Brasilien tätig bin, unterstützt und soll jährlich wiederholt werden. Der Verein mit Sitz in Würzburg leistet Hilfe für die Lepraarbeit in den Bundesstaaten Mato Grosso, Mato Grosso do Sul, Amazonas und Maranhão, mit einer Bevölkerung von 16.568.641 Einwohner und einer Fläche von km² 3.151.607. In 2013 wurden 7.852 neue Leprafälle in diesen Bundesstaaten registriert, dabei waren 658 Kinder betroffen. Mato Grosso hat mit 91 Leprafällen pro 100.000 Einwohner die höchste Leprarate Brasiliens, gefolgt von Maranhão mit 55 Fällen pro 100.000 Einwohner. Die Bundesstaaten Maranhão und Amazonas haben eine der höchsten Armutsraten Brasiliens – über 20 Prozent der Bevölkerung gelten als arm.

Da es sich um große, dünn besiedelte Gebiete mit teilweise schwer zugänglichem Gelände, wie im Amazonasurwald im Norden vom Mato Grosso oder in Maranhão, handelt, sind auch die Lepraaktivitäten mit erheblichen Anstrengungen und Gefahren verbunden. Die Leprateams sind häufig wegen der schlechten Straßen, gefährlichen Brücken, langen Bootsfahrten und abenteuerliche Flüge im Amazonasgebiet großen Gefahren ausgesetzt. Häufig können sie mit den niedrigen Tagegeldern kaum das Hotel bezahlen. Solche Reisen sind mit erheblichen Strapazen und vielen Überstunden, die nicht abgerechnet werden, verbunden.

Das Lepraprogramm ist in den brasilianischen Basisgesundheitsdienst integriert, der durch das Programm „ Teams für Familiengesundheit“ getragen wird. Die DAHW unterstützt die Städte im Kampf gegen die Lepra und trägt dazu bei, dass die Krankheit nicht vergessen wird. In Kooperation mit den nationalen Ausbildungs- und Forschungszentren für Lepra in Manaus und in Bauru/São Paulo unterstützt der deutsche Verein die Städte bei der Ausbildung von medizinischem Fachpersonal. 4.264 Fachkräfte aus 286 Städten nahmen an Ausbildungskursen teil. Da der Wechsel der Fachkräfte sehr hoch ist, müssen permanent Fortbildungen zum Thema Lepra angeboten werden.

Die Städte organisieren zudem Aufklärungskampagnen und führen Reihenuntersuchungen in der Bevölkerung durch. Im Rahmen der Rehabilitierung von Leprakranken werden in mehr als 25 Schusterwerkstätten in den vier Bundesstaaten jährlich über 1.500 Patienten betreut. Ein Chirurg vom Referenzzentrum Alfredo da Matta in Manaus fährt regelmäßig in die Urwaldstädte, um Leprakranke zu operieren.
Die gesellschaftliche Rehabilitierung von Leprakranken ist ein wichtiger Teil der Arbeit. Leprakranke organisieren sich in Selbsthilfegruppen, um sich gegenseitig zu helfen, besser mit Problemen wie Körperbehinderungen, Vorurteilen und psychischen Problemen umzugehen. Die Gruppen werden von einem Arzt und einer Krankenschwester sowie häufig von Sozialarbeitern und Psychologen begleitet. In der Gruppe nehmen auch Menschen aus der Gemeinde teil, die nicht an Lepra erkrankt sind, um die Reintegration der Leprakranken zu fördern. Die Gruppen treffen sich wöchentlich, organisieren Aktivitäten wie Stricken, Häkeln, Nähen, Handwerkkunst, Kochen und gemeinsame Feste. Die Produkte verkaufen sie dann auf dem Markt oder bei anderen Gelegenheiten. Der Erlös wird unter den Teilnehmern aufgeteilt und die Kosten für Anschaffung von Materialien finanziert. Fünf solche Gruppen unterstützt die DAHW in den vier Bundesstaaten.

Mehr zum Thema: Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe in Brasilien

Lepra in Brasilien noch immer weit verbreitet

„Lepra, gibt es das noch?“, hört man immer häufiger. Viele verbinden Lepra mit alten Geschichten, die Hunderte ja Tausende von Jahren zurückliegen. Andere und interessantere Probleme beherrschen heute die Schlagzeilen der Presse und die Sorgen der Menschen. Sogar in den Ländern mit noch hoher Leprarate wie Indien und Brasilien wird das Problem immer mehr verdrängt, weil Lepra eine Schande für aufstrebende Schwellenländer ist.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht seit fast 20 Jahren von der Eliminierung der Lepra als öffentliches Gesundheitsproblem, musste jedoch das geplante Datum immer wieder verschieben, weil das Ziel nicht erreicht wurde. Indien hat trotz der hohen Leprazahlen das Ziel offiziell 2005 erreicht, doch die Zahl der neuen Leprafälle steigt wieder. Zurzeit laufen große Kampagnen des brasilianischen Gesundheitsministeriums mit Aufklärung, Ausbildung von Fachpersonal und intensiver Aufklärung in Schulen zur Entdeckung neuer Leprafälle. Brasilien will das Ziel der Lepraeliminierung im Jahre 2015 erreichen. Lepraeliminierung bedeutet weniger als zehn Kranke pro 100.000 Einwohner.

Lepra ist eine Infektionskrankheit, die durch das Mycobacterium Leprae hauptsächlich mittels Tröpfcheninfektion übertragen wird. Die Lepra befällt die Haut und periphere Nerven, was zu Sensibilitätsstörungen mit Lähmungen an Händen, Füssen und Augen führen kann. Auf Grund der Sensibilitätsstörungen werden Verletzungen nicht rechtzeitig erkannt, weil das Schmerzempfinden nicht mehr funktioniert, was zu schweren Wundinfektionen und Zerstörung von Nervenbahnen bis hin zu und Erblindung führen kann. Lepra ist seit Einführung der Multidrugtherapie (Kombinationstherapie mit Antibiotika) in den 80er Jahren heilbar. Die Behandlung dauert sechs bis zwölf Monate und ist kostenlos.

WHO und Regierungen konnten trotz der Verbesserung der Gesundheitsdienste und neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen die Krankheit nicht eliminieren. Die Unterstützung für die Lepraarbeit, sei es auf medizinischem, sozialem oder Forschungssektor, lässt nach. Es fehlen Gelder für Forschung zur Entwicklung eines Impfstoffes, alternativer Therapien, Resistenzentwicklung bei Lepra und Übetragungsmodus. Obwohl Brasilien ein gut organisiertes Basisgesundheitsprogramm hat, leidet dieses an fehlenden Mitteln, schlechter Planung und Korruption seitens der Stadtregierungen.

Die Unkenntnis des medizinischen Personals im Leprabereich in typischen Lepraländern ist erschreckend hoch. Die Universitäten interessieren sich nicht mehr oder kaum für das Thema. „Mit Lepra verdient man kein Geld“, hört man immer wieder von jungen Medizinern. Lepra im 21. Jahrhundert ist nicht mehr interessant und gerät immer mehr in Vergessenheit. Der Leprabazillus „freut“ sich, weil er mit seiner Jahrtausende alte Erfahrung im Umgang mit dem menschlichen Körper immer weniger Feinde zu bekämpfen hat und fast in aller Ruhe weiter arbeiten kann. Er ist noch da!

Obwohl die offiziellen Zahlen weltweit jährlich zurückgehen, zeigen lokale Untersuchungen eine erheblich hohe Dunkelziffer von Kranken, die nicht erfasst werden. Sei es in Brasilien, Indien oder in anderen Lepraländern, dort wo medizinisches Personal ausgebildet und aktiv nach Leprakranken gesucht wird, ist die Zahl der Neuerkrankungen überraschend hoch. Hoch ist auch die Zahl der Neuerkrankungen bei Kindern, was zeigt, dass der Leprabazillus nicht schläft oder geschwächt, sondern noch sehr aktiv ist.

Im Jahre 2012 wurden weltweit 232.857 neue Leprafälle in 115 Ländern registriert. 16 Länder konzentrierten 95% aller neuen Fälle und drei Länder (Indien, Brasilien und Indonesien) 80% der neuen Leprafälle. Indien steht mit 187.049 neuen Leprafällen an erster Stelle weltweit, gefolgt von Brasilien mit 33.303 neuen Fällen.

Die Zahl der neuen Leprafälle in Brasilien konzentriert sich in ärmeren Regionen des Nordens, Nordosten und Zentralwesten, während der entwickelte Süden die Lepra unter Kontrolle gebracht hat. Was zeigt, dass Lepra dort seinen Nährboden findet, wo Armut, fehlende Hygiene, Unterernährung und mangelnde Bildung noch Probleme sind.
Auch in Deutschland werden wieder einige neue Leprafälle registriert. Es handelt sich hier um eingeschleppte Infektionen aus den Lepraländern wie Indien und Brasilien. Die Lepradienste dürfen jetzt nicht nachlassen. Der Kampf gegen die Krankheit muss mit unverminderter Härte weitergeführt werden. Denn sonst kann es sein, dass eines Tages die Lepra als eine „alte – neue Krankheit“ wiederkommt, nämlich dann wenn keiner mehr eine Ahnung von Lepra hat.

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Brasilien – ein reiches Land mit armer Bevölkerung

Die Schlagzeilen  in den letzten Jahren sprechen von einem aufstrebenden und erfolgreichen Schwellenland Brasilien. Laut Regierungsberichten wurden in den letzten 6 Jahren 28 Millionen Menschen aus der extremen Armut herausgeholt, die extreme Armut um 36 Prozent reduziert und Brasilien stieg zur 6. Wirtschaftsmacht auf.

Dazu beigetragen hat ein ehrgeiziges Programm zur Ausrottung der extremen Armut bis  zum Jahre 2014. Das Sozialprogramm “Bolsa Família”, eine Sozialhilfe für extrem arme Familien betreut derzeit mehr als 13 Millionen Familien mit monatlichen Zahlungen von 36 bis 306 Real (umgerechnet 12 bis 102 Euro). Die Beträge sind abhängig vom Familieneinkommen und der Anzahl minderjähriger Kinder.

Fast 46 Millionen Brasilianer erhalten den gesetzlich festgelegten Mindestlohn von derzeit 678 Real (226 Euro). Laut dem gewerkschaftsnahestehenden Institut DIESE (Intersindicale Department für Statistik und sozio-ökonomische Studien) müsste der aktuelle Mindestlohn bei 2.761,58 Real liegen.

Die Mandela-Favela im Norden von Rio de Janeiro. Foto:  Vladimir Platonow/ABr
Die Mandela-Favela im Norden von Rio de Janeiro. Foto: Vladimir Platonow/ABr

Die Wochenzeitschrift “Exame” schrieb vor kurzem über das Regierungsprogramm zur Ausrottung der extremen Armut folgendes: “Praktisch jeder Brasilianer, der aus dem Haus geht, sieht in weniger als 15 Minuten Menschen in extremer Armut. Aber seit März 2013 muss der Brasilianer so tun, als wenn er das nicht mehr sieht. Falls er den Behörden von extrem armen Menschen berichtet, wird er folgendes hören: ‚Sie haben sich getäuscht. Es gibt keine extrem armen Menschen mehr in Brasilien‘. So funktioniert nun mal das Gehirn der Regierung. Die Realität wird nicht mehr wahrgenommen, nur was die Statistik registriert.

Das Sozialprogramm „Bolsa Família“ hat die Wirtschaft angekurbelt und in den letzten Jahren zu einem starken Wachstum beigetragen. Hinzu kam ein stark gefördertes Kreditprogramm der Regierung vor allem für den Immobiliensektor. Die Preise stiegen im Eiltempo in allen Sektoren und die Verschuldung sowohl der Regierung wie auch der Bevölkerung nahm drastisch zu. Hinzu kommen die hohen Ausgaben für die Fußballweltmeisterschaft 2014, die laut offiziellen Berichten bei ca. 30 Milliarden Real (rund 10 Milliarden Euro) liegen. Doch man träumt, dass die WM-Einnahmen durch Touristen alle Probleme lösen werden. Die Lebenshaltungskosten stiegen drastisch und Brasilien wurde zu einem der teuersten Länder.

Die Wirtschaft hat an Kraft verloren. Das Bruttoinlandsprodukt (PIB) wuchs nur 0.9% gegenüber den von der Regierung erwarteten 4.5% im Jahre 2012. Damit rückte Brasilien in der Rangliste der größten Wirtschaftsnationen von Position 6 auf 7 herab, in Lateinamerika belegte es den vorletzten Platz vor Paraguay und unter den BRIC`s Ländern den letzten Platz. Der Export von Landwirtschaftsgütern hat ein negatives Wachstum verhindert, denn die Industrie hat ihr schlechtestes Ergebnis im letzten Jahr eingefahren. Die Wirtschaftsexperten prognostizieren für Brasilien keine guten Zeiten und weitere Jahre schwachen Wachstums. Man befürchtet eine Immobilienblase und Kreditkrise.

Trotz des Wirtschaftsaufschwunges in den letzten Jahren und dem Sozialprogramm „Bolsa Família“ konnte Brasilien die soziale Ungleichheit nicht erheblich verringern. Die extreme Armut fiel leicht, doch der extreme Reichtum kaum. Brasilien rangiert weiterhin unter den Ländern mit der ungerechtesten Verteilung des PIB, verbesserte jedoch seine Position von Platz 3 auf 12. Zehn Prozent der Reichsten besitzen 75 Prozent des Reichtums Brasiliens.

Brasilien hat einer der höchsten Steuern weltweit, doch die Qualität der öffentlichen Dienste wie Transport, Gesundheit, Sicherheit, Bildung und andere Dienste entsprechen dem nicht und sind extrem schlecht. Die Gewaltspirale hat sich weiterhin in ganz Brasilien verschärft. Letzte veröffentlichte Studien über Gewalt in Brasilien berichten von mehr als 1 Million Todesopfern in den letzten 30 Jahren. In Brasilien, einem Land ohne politische, ethnische, religiöse und Grenzkonflikte, werden mehr Menschen getötet als in Ländern mit Krieg oder Guerilla.

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