Alle Beiträge von Gerhard Rott

Gerhard Rott arbeitet im Referat Weltkirche der Diözese Eichstätt. Zu seinen zentralen Aufgaben gehören die Förderung weltkirchlich-solidarischen Bewusstseins, die Bistumspartnerschaften mit Poona in Indien, den acht Diözesen in Burundi mit Schwerpunkt Gitega und Leitmeritz in Tschechien. Er konzipiert und organisiert die Kampagnen der weltkirchlichen Hilfswerke in der Diözese Eichstätt, ist Ansprechpartner für die Missionare und Entwicklungshelfer aus diesem Gebiet und berät kirchliche Gruppen und Verbände bei ihren Aktivitäten. An der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt hat er einen Lehrauftrag im Bereich “Internationale Soziale Arbeit”.

Liegt Plankstetten wirklich in Indien?

Natürlich liegt das manchmal als „grünes Kloster“ bezeichnete Benediktinerkloster Plankstetten nicht in Indien, schon gar nicht im bergigen Nordosten Indiens. Aber in der vergangenen Woche hat der Missionsfranziskaner Bruder Collinsius Wanniang bei seiner Tour durch das Bistum Eichstätt, die er im Rahmen der von missio-München und dem Referat Weltkirche organisierten Kampagne zum außerordentlichen Monat der Weltmission machte, diesen Vergleich oft gehört.

Faktisch sind das natürlich zwei komplett unterschiedliche Welten. Die Heimat von Bruder Collin, wie er dort genannt wird, ist eher von der Präsenz protestantischer Christen geprägt als von Hindus. Das mit Hilfe des päpstlichen Missionswerkes missio gebaute Ökospiritualitätszentrum in Orlang Hada ist erst fünf Jahre alt, also kein Vergleich zum altehrwürdigen Plankstetten, das in der katholischen Oberpfalz liegt.

Dennoch gibt es da etwas, was beide Orte verbindet. Es ist die klare Ausrichtung an der Sorge um das gemeinsame Haus, die Bewahrung der göttlichen Schöpfung, die die Benediktiner hier und die Franziskaner dort verbindet. Bei einem Vortrag in Plankstetten hat Br. Collin dies auch klar herausgearbeitet. Bereits am Nachmittag hatte er zusammen mit Bruder Richard den Staudenhof besichtigt und dabei viel gelernt. Die Vitalität des Bodens zu fördern, so erklärte es Bruder Richard, ist die Ausgangsüberlegung. Aufmerksam hörte sein indischer Gesprächspartner zu, die Systematik, mit der hier gearbeitet wird, war für ihn nämlich Neuland.

Von links nach rechts: Dr. Gerhard Rott, Leiter des Referates Weltkirche der Diözese Eichstät, Frater Richard Schmidt, Bruder Collinsius Wanniang aus Indien, Abt Beda Maria Sonnenberg und missio-Übersetzerin Maria John im Kloster Plankstetten. Foto: Gabi Gess/KiZ
Von links nach rechts: Dr. Gerhard Rott, Leiter des Referates Weltkirche der Diözese Eichstät, Frater Richard Schmidt, Bruder Collinsius Wanniang aus Indien, Abt Beda Maria Sonnenberg und missio-Übersetzerin Maria John im Kloster Plankstetten. Foto: Gabi Gess/KiZ

Aber mit Stolz erzählte er von den Fortschritten, welche die Franziskaner im Nordosten Indiens bei der Generierung eines Bewusstseins für die Zusammenhänge in den natürlichen Kreisläufen machen. Erster Schritt sind die Gebete in der Natur, extra wurde dafür ein Kreuz aufgestellt.

Dabei musste ich an das Holzkreuz auf dem Hüttenlagerplatz Almosmühle denken, der zum Jugendhaus Schloss Pfünz gehört. In den Sommermonaten werden dort viele Morgenimpulse, Andachten und Lagergottesdienste gefeiert. Für viele Kinder ist es die erste liturgische Feier in ihrem Leben, die sie nicht in einer Kirche erleben. Dabei gibt es deutliche Parallelen zur Arbeit der Missionare in Indien. Die Unmittelbarkeit der Natur führt zu einem Gefühl der Verbundenheit mit ihr, der Verantwortung für sie. Liegt also nun Orlang Hada im Altmühltal?

Natürlich habe ich Bruder Collin den Lagerplatz gezeigt und obwohl es schon Dunkel wurde hat er ein paar Fotos gemacht. Derartige Zelt- oder Hüttenlager gibt es in seinem Ökospiritualitätszentrum zwar (noch) nicht, aber auch dort hat man die Kinder als wichtige Multiplikatoren erkannt. Darum soll durch den Bau einer Schule sichergestellt werden, dass die nächste Generation schon von Kindesbeinen an lernt, sorgsam mit der Umwelt umzugehen.
Es war für mich wirklich spannend zu beobachten, wie man eigentlich immer eine Art funktionales Äquivalent bei einem Projekt findet, das so weit weg durchgeführt wird, in einem völlig anderen kulturellen Kontext. Es geht also nicht darum, voneinander gedankenlos abzuschreiben, sondern voneinander zu lernen, warum welche Dinge wie gemacht werden. Darum wird es nie eine Kopie Plankstettens in Indien geben müssen, aber es gibt auch dort Menschen, die sich für eine geistige Begründung der Ökologie bemühen. Schließlich benötigt die Menschheit für die Überwindung der gegenwärtigen Krise nicht nur klare wissenschaftliche Erkenntnisse. Leider stoßen nämlich die Argumente der Wissenschaftler oft nicht auf die nötige Resonanz, solange Gier, Gleichgültigkeit und Egoismus die Hauptantriebsfedern der Menschheit sind. Unumwunden geben die Naturwissenschaftler auch zu, dass sie nicht wissen, wie sie diesen kulturellen und spirituellen Wandel erwirken können.

Vielleicht geht dieser Wandel ja von Zentren wie dem Kloster in Plankstetten, dem Hüttenlagerplatz Almosmühle oder dem Ökospiritualitätszentrum in Orlang Hada aus. Der Boden wäre jedenfalls bereitet und die Saat ist gesät.

Mehr zum Thema:
Missio-Aktion 2019: Das andere Indien
Indien: Der Fluch der Entwicklung

Kardinal Ortega – ein Mann der Versöhnung und der Diplomatie

Kardinal Jaime Lucas Ortega y Alamino, der am 26. Juli 2019 in Havanna gestorben ist, war ein gefragter Gesprächspartner bei den Eichstätter Kuba-Tagungen, die vom Referat Weltkirche der Diözese Eichstätt gemeinsam mit der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt veranstaltet werden.

Die Eichstätter Delegation bei der Kuba-Tagung 2011 in Havanna: Links Prof. Horst Sing, Waltraud Schauer, Elisabeth Sing, Domkapitular Josef Blomenhofer, Kardinal Ortega, Prof. Bernhard Mayer, Helene Büchel, Raul Fornet-Betancourt, Gerhard Rott

Seit 2000 war Kardinal Ortega häufig in Eichstätt. Zusammen mit dem Exilkubaner Prof. Dr. Dr. Raul Fornet Betancourt hatte er und die beiden Eichstätter Professoren Horst Sing und Bernhard Mayer (2011 verstorben), der damals auch für das Referat Weltkirche zuständig war, mit dem Kuba-Dialogprogramm einen Rahmen geschaffen, um über die Perspektiven den Landes in einem akademischen Rahmen zu reden. Ehemalige deutsche Diplomaten sprachen in diesem Zusammenhang von hoffnungsvollen Zeichen der Annäherung. In seiner Delegation waren auch regierungsnahe Vertreter und so war der Marquardussaal im Bischöflichen Ordinariat auch in den Jahren 2002, 2007, 2009, 2012 und 2016 der neutrale Ort für vertrauliche Gespräche.

Domkapitular Josef Blomenhofer und sein Vorgänger im Referat Weltkirche, Bernhard Mayer, bei einer Stadtführung mit Kardinal Ortegan 2011 in Havanna. Foto: Gerhard Rott

Bei seinem letzten öffentlichen Vortrag in Eichstätt 2016 berichtete er ausführlich über seine Rolle als Vermittler zwischen Barack Obama und Raul Castro, die er im Auftrag von Papst Franziskus übernahm. Ortega war ein Mann der Versöhnung und der Diplomatie, der sich auf der Weltbühne sicher bewegte. Papst Fanziskus hatte ihm auch erlaubt, seine Mitschrift der Rede Bergoglios aus dem Vorkonklave zu veröffentlichen.

Video: Kuba-Tagung 2016 in Eichstätt

„Kardinal Ortega hat als politischer Vermittler Geschichte geschrieben“: Adveniat zum Tod des kubanischen Kardinals Jaime Ortega

„Alltag“ in Poona?

Mein elfter Aufenthalt in Poona. Man könnte befürchten, es kommt Routine auf. Aber nein, schon alleine die Anreise war wieder mal neu. Wegen Problemen der Fluggesellschaft habe ich über sechs Stunden in Delhi am Flughafen verbracht. Und bei Regen in Poona angekommen. Der Monsun scheint heuer zeitig dran zu sein. Doch gute Freunde sind da und holen mich bei starkem Regen am Flughafen in Poona mit Regenschirm ab. Mit mir ist Manuela Lüger unterwegs, für sie ist es der erste Aufenthalt in Indien.

Und das ist der Kick für mich, einem Greenhorn das Land zu zeigen, Freunden vorzustellen, mit Partnern ins Gespräch zu bringen, das Land zu erklären.

Und wie fängt man das an. Essen, Straßenverkehr, der Eimer in der Dusche, so vieles ist Neuland. Die ganze Art der Organisation des Zusammenlebens lässt sich nicht vergleichen.

Es macht mir Freude zu sehen, mit welcher Offenheit junge Menschen aus Deutschland einer fremden Kultur begegnen. Diese Grundhaltung zeichnet meine neue Kollegin aus, darum wird sie genau die richtige sein, um im nächsten Jahr eine Gruppe Jugendlicher aus dem Bistum Eichstätt auf ihren freiwilligen Aufenthalt in sozialen Projekten im Bistum Poona vorzubereiten.

Und ja, als Absolventin des Studienschwerpunktes Internationale/Interkulturelle Soziale Arbeit an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt ist sie fachlich sehr gut vorbereitet. Nicht zuletzt in Sachen Nachhaltigkeit, der päpstlichen Enzyklika Laudato Si und Sustainable Development Goals bringt sie viele Kompetenzen mit.

Aber der Reihe nach: Das scharfe Essen ist eine echte Herausforderung, aber innerhalb von ein paar Tagen kann man sich zumindest etwas daran gewöhnen. Und wer kann schon sagen, dass er die Küche eines indischen Lokals schon mal besichtigen durfte. Ein Tandoori-Ofen ist jetzt also kein Unbekannter mehr. Die erste frische Mango im ehemaligen AIDS Hospiz Ashakiran ist der Knackpunkt. Ab sofort freut sich die Kollegin auf jedes Essen.

Der Straßenverkehr bleibt eine Herausforderung. Selbst wenn es mir gelingt, kurz vor dem Rückflug noch einen Ritt auf einem Kamel zu organisieren, ich befürchte, in diesem Land werde selbst ich mich nie freiwillig hinter ein Steuer setzen.

Das schönste aber waren die langen und intensiven Gespräche mit alten Freunden und Bekannten, deren detailliertes Wissen selbst für mich nach all den Jahren noch immer erkenntnisreich ist. Bischof Thomas Dabre hat sich gleich zweimal Zeit genommen für uns, er hat Father V. Louis gebeten, uns viele Türen zu öffnen. Auch gute Bekannte aus dem Jahr 2005 – damals waren sie noch Jugendliche, heute sind sie gestandene Erwachsene mit einem guten Job, Familie und Kindern – verbringen einen Abend mit uns. Und obwohl sie Manuela Lüger zunächst gar nicht kennen, sind sie am Ende des Abends auch ihre Freunde. Wahnsinn, du kommst irgendwo völlig fremd hin und wirst überall offen aufgenommen. Sicher kein Alleinstellungsmerkmal von Christen, aber hier hat man es hautnah erlebt, wie der Weltjugendtag von 2005 bis heute Menschen zusammen bringt. Nachhaltigkeit, die sich nicht so einfach in Statistiken messen lässt.

Praktisch genauso geht es bei den vielen Projektpartnern weiter. Wir besuchen Einrichtungen für Frauen, benachteiligte Kinder, berufliche Qualifizierungsmaßnahmen, Projekte informeller Bildung und vieles mehr. Jeden Tag drei bis vier intensive Begegnungen eine ganze Woche lang. Und alle wollen uns helfen, damit deutsche Jugendliche die Realität der Welt erfahren können.

Natürlich haben wir auch hinduistische Tempel besucht, die würdige Form der Verehrung ist dort sofort wahr zu nehmen. Um den Hinduismus zu erklären, braucht man sehr sehr lange, aber die Grundzüge werden auf dem Weg zum Parvati-Hill, ein Shivas Gattin geweihter Hügel, schnell klar.

Mir blieb nur diese eine Woche, um aus einem Greenhorn einen Indien-Fuchs zu machen – zugegeben, ein paar Dinge müssen auf die nächste Reise verschoben werden bzw. aufgefrischt werden, aber die Freunde in Indien haben mir sehr geholfen. Die Vorbereitung auf den Umgang mit anderen Weltgestaltungspräferenzen, die Toleranz gegenüber anderen Kulturen, all das ist nämlich Teil des indischen Alltags, der wirklich nie zur Routine werden kann. Ich freue mich schon auf Nummer 12.

Jugendliche als Akteure des Wandels

„Este es mi barrio“ ist eine in meinen Ohren sehr melodische Liebeserklärung an die Heimat, es wurde komponiert von Pater José Daniel Vallecillos und bildet den emotionalen Abschluss aller Vorträge, die Erika Torres in den letzten Wochen gehalten hat. Dabei hat die 26-jährige Sozialarbeiterin aus El Salvador, dem Beispielland der Misereor Fastenaktion 2019, sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, wie sie in ihrer Arbeit für die Stiftung Fundasal das Prinzip der Orientierung an den Stärken und Potentialen von jungen Menschen umsetzt.

Typisch für das bei uns vorherrschende Bild von Jugendlichen in El Salvador ist das Ergebnis einer Blitz-Recherche von Studentinnen und Studenten an der Katholischen Universität in Eichstätt-Ingolstadt. Es lautet: Bandenkriminalität!

Doch Erika Torres muss ihre Zuhörer enttäuschen. Sie sieht nicht die Defizite, sie setzt bei den Fähigkeiten und Interessen an. Zugleich rottet sie damit einen der Hauptgründe für die Migration vieler junger Menschen in Richtung USA aus. Bei Fundasal lernen die Jugendlichen nämlich, mit einer indigenen Technik Ziegel herzustellen und diese für den Bau der eigenen Häuser zu verwenden. Gleichzeitig öffnet ihnen das Erlernte Chancen, ein eigenes Einkommen zu generieren oder sich gegenseitig zu helfen. Doch das Konzept von Fundasal ist viel umfassender, es begnügt sich nicht mit der Vermittlung handwerklicher Kompetenzen. In dem von Misereor unterstützten Projekt werden auch die eigene Lebensgestaltung, der Zusammenhalt in der Gruppe und das gesellschaftliche Engagement geschult. Besonders auf den letzten Punkt legt Erika Torres ihren Schwerpunkt.

Ziegelherzustellung mit einer indigenen Technik. Foto: Schwarzbach/Misereor

Dieser Punkt ist ihr sehr wichtig, „die Schulung von Jugendlichen als Akteure des Wandels“, des gesellschaftlichen Wandels um noch genauer zu sein. Ermuntert fühlt sie sich dabei von Papst Franziskus, der zuletzt beim Weltjugendtag in Panama die jungen Menschen aufrief, sich aktiv für die Erhaltung des gemeinsamen Hauses, unserer Erde, und der Menschen, die darauf leben, einzusetzen. Fundasal schafft Räume und Gelegenheiten, damit junge Menschen ihre Themen und Anliegen zum Ausdruck bringen können. Ihre Argumente werden ernst genommen, ihre Lösungswege verdienen Respekt. „Friday for future“ lässt grüßen. So entsteht eine Identität, die sich an die Heimat gebunden fühlt und hier auch Perspektiven schaffen will. Nicht passiv auf Hilfe von außen wartend, sondern aktiv, mit dem, was man selbst zur Verfügung hat. Auf die Rückfragen aus dem Publikum beim abendlichen Vortrag in einer Pfarrei in Nürnberg-Langwasser bringt Erika Torres ihre Hoffnung zum Ausdruck, dass auch die Kirche diesen Weg der Selbstorganisation in der Jugendpastoral mehr berücksichtigt. So könne es gelingen, die Kirche wieder mit der Jugend zusammen zu bringen und einen lebensorientierten Dialog zu beginnen.

Und natürlich kommt die Frau aus El Salvador damit auch auf den 1980 ermordeten Erzbischof Oskar Romero zu sprechen. Der Heilige habe in seinem bischöflichen Wirken immer wieder versucht, die Kirche in Kontakt zu bringen mit den Menschen, die sich eher an den Rändern befinden.

Torres nimmt auch etwas mit von ihrem Aufenthalt in Eichstätt. Ein Stück Jura-Marmor, mit einer kleinen Versteinerung. Beim nächsten Haus, das mit Hilfe von Fundasal gebaut wird, wird es ein Teil den Bodens, es soll zum Ausdruck bringen, dass durch ihren Besuch auch eine symbolische Verbindung entstanden ist und die jungen Menschen in El Salvador auf unsere Solidarität bauen können.

Im Liedertext des eingangs erwähnten Liedes werden übrigens nicht nur die tollen Seiten besungen, sondern auch die Schattenseiten. Zum Beispiel die kaputten Dächer oder der Dreck im Fluss. Aber das gehört dazu, es klingt nicht resignativ, sondern will Mut machen, gemeinsam nach besseren Lösungen zu suchen. Keine „Heile-Welt-Phantasie“, sondern eine pragmatische Botschaft der Hoffnung.

Mehr zum Thema:

Misereor-Fastenaktion 2019

„Reine Seele trifft aufrichtigen Mann“ oder was man in fünf Tagen in Albanien alles lernen kann

Vier Lektionen habe ich kürzlich bei einer Reise mit dem bischöflichen Hilfswerk für Osteuropa, Renovabis, das in diesen Tagen sein 25 jähriges Bestehen feiert, lernen dürfen. Die Überschrift wird sich allerdings erst am Ende aufklären.

Folter politischer Gegner bis hin zu ihrer Liquidierung und das absolute Verbot der Religionen gehören zur Geschichte Albaniens. Wie jedes Land, das solch ein dunkles Kapitel geschrieben hat, tut es sich schwer mit einem würdigen Umgang mit den Opfern und deren Nachkommen. Auch die fachliche Aufarbeitung fällt nicht leicht. Gut das Justitia & Pax vor Ort den Verfall wichtiger Mahnmahle verhindert. Kein leichter Kontext für Renovabis. Aber dank der guten Projektpartner gelingt es, Versöhnung und soziale Verantwortung zu entwickeln.

Lektion 1: Gute Partner und ein vertrauensvoller Umgang sind immer wichtig.

In der kleinen Stadt Shelqet in der Diözese Sapa setzt die Kirche auf Unterstützung kleinbäuerlicher Familien und hilft bei Produktion und Vermarktung regionaler Produkte. Hier besuchte die RENOVABIS-Gruppe eine kleine Milchfarm, die mit Unterstützung des Hilfswerks traditionellen Feta-Käse produziert: (v.r.n.l.) Sabine Slawik, Stellvertretende Vorsitzende des KDFB Bayern und im KDFB Bundesverband, Shkelzen Marku, Produktionsmanager der Diözese, Gerhard Rott, Weltkirche-Referent der Diözese Eichstätt, Käseproduzentin Adelina, Tome Preku, Leiter der Stiftung „Partnerschaft für Entwicklung“ und Bischof Simon Kulli der Diözese Sapa. Foto: Dagmar Kusche-Luff

Renovabis fördert und begleitet fachlich ein Projekt zur Entwicklung des ländlichen Raums in der Diözese Sape. Für viele jüngere Menschen gibt es praktisch keine echte Perspektive. Darum verlassen sie – oft mit schwerem Herzen – ihre Heimat. Die kargen Böden, ein ungünstiges Klima und Landparzellen, die zu klein geschnitten wurden nach dem Ende des Kommunismus, sind zum Leben zu wenig. In Zusammenarbeit mit albanischen Fachleuten hat der junge Bischof von Sape, Simon Kulli, ein tolles Projekt auf die Beine gestellt. Es umfasst Gemüseanbau, Imkerei, sanften Tourismus, Weinproduktion und Viehwirtschaft samt Käseproduktion. Viele Menschen stehen so auf eigenen Beinen, sie haben wieder „den Geruch von Menschen“, so hat es ein Imker selbst beschrieben, als er voller Stolz seinen Honig anbot, der ihm wieder ein würdiges Leben ermöglicht. Toll gemacht Renovabis! Vergleichbares passiert auch in vielen geförderten Berufsbildungszentren, zum Beispiel in Shkodra bei den Salesianern Don Boscos oder in Lehza bei den Ordensmännern der Kongregation der Rogationisten.

Lektion 2: Wenn sich der Staat seiner Verantwortung nicht stellt, ist die Kirche mit Rat und Tat an der Seite der Armen und begreift die Ressourcen, die vor Ort gegeben sind, als wichtigen Bestandteil zur Lösungen de Herausforderungen.

Schwester Christine und Schwester Michaela gehören dem Orden der Spirituellen Weggemeinschaft an. Ihr Kloster ist nach der Mutter der Barmherzigkeit benannt und es wird bei aller Professionalität der 25 Mitarbeitenden auch in diesem Geiste geführt. Es vergehen keine 15 Minuten, ohne dass Schwester Christine nicht ihre Ausführungen unterbrechen muss, weil ein Notfall oder ein dringender Anruf ihre volle Aufmerksamkeit einfordern.

Fröhliches Miteinander der RENOVABIs-Gruppe mit den Schwestern Christina (6.v.l.) und Michaela (lks.)  im kleinen Kloster und Sozialzentrum in Dobrac bei Shkodra/Albanien: Zusammen mit einer aufgeweckten Jugendgruppe, die die Schwestern wöchentlich leiten, erfuhr die Gruppe von den Hoffnungen und Träumen der jungen Menschen, die die Gäste aus Bayern mit einem traditionellen albanischen Abend mit Essen, Tanz und Musik überraschten. Foto: Dagmar Kusche-Luff

Da das albanische Gesundheitssystem nur funktioniert, wenn man über genügend Geld verfügt, um die Privatbehandlung zu bezahlen, kommen viel Nachbarn in Not hierher. Es sind Muslime und Christen, die in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft aus den Bergen an den Stadtrand gezogen sind. Dort mussten die Männer als Hirten und Bauern Verantwortung tragen, hier aber „versiffen“ sie. So deutliche Worte wählt Schwester Christine immer, wenn sie über die Folgen von Alkoholismus, Arbeitslosigkeit und Depression spricht. Die Schwestern heilen aber nicht nur Wunden, sie packen mit an und schaffen Perspektiven. Unter ihrer Anleitung bauen die Männer eine Straße, Mülltonnen wurden flächendeckend aufgestellt und regelmäßig erfolgt die Entsorgung. Soweit ein ganz normales Projekt engagierter Schwestern. Aber als Schwester Christine und Schwester Michaele mit uns in kleinen Gruppen zu sehr armen Familien fahren, die z.T. in der sogenannten Blutrache leben und wir uns bemühen, diesen sehr eigenartigen Lebenskompass zu begreifen, fehlen mir die Bezugspunkte. Das bleibt mir fremd und unverständlich.

Besuch im Berufsschulzentrum „Shkolla e mesme profesionale – Shen Jozefi Punetor“ in Rreshen, Diözese Sapa: Hier unterstützt das Bistum Sapa und RENOVABIS eine von einem italienischen Orden begründete Berufsschule für rund 320 Schüler, die in den Bereichen Spenglerei, Elektrotechnik, Automechanik sowie bald auch im Gastronomiesektor ausgebildet werden. Foto: Dagmar Kusche-Luff

Lektion 3: Man kann nur lernen, was man lernen kann. Manches kapiert man nicht so einfach.

Das Zusammenleben von Christen – vorwiegend Katholiken – und Muslimen ist in Albanien auf den ersten Blick sehr unproblematisch. Sicher liegt das auch daran, dass beide Konfessionen während des Kommunismus Seite an Seite schwer gelitten haben. „Es spielt keine Rolle, wer der richtige Gott ist, es gibt einen Gott und das zählt“, sagt eine Gesprächspartnerin. Vermutlich trägt auch die liberale, moderne Auslegung des Islam viel dazu bei.  Auch religionsverbindende Eheschließungen sind eine Realität. Auf unsere Nachfrage lädt man uns ein, mitzukommen und anzuschauen, wie das geht. Da könnten wir vielleicht etwas lernen. Am wichtigsten ist aber der Respekt, den man sich gegenseitig entgegen bringt. Bestes Beispiel ist diese Anekdote: Als ein muslimischer Gelehrter zu seinem gerade verstorbenen Onkel kommt, sieht er zu der christlichen Ordensschwester, die den Mann in den Tod begleitet und dabei im Arm gehalten hat, als er noch nicht da war und sagt zu ihr: „Du hast eine reine Seele“, worauf diese erwidert: „Und du bist ein aufrichtiger Mann.“

Lektion 4: Albanien als Mitglied der Europäischen Union hat uns etwas zu bieten: eine Perspektive der friedlichen, konstruktiven Kooperation mit dem Islam. Das könnte mehr wert sein als ein paar Prozente in der Handelsbilanz.