Alle Beiträge von Antonia Kuhn

Antonia Kuhn (19) aus Hitzhofen hat im Juli 2013 ihr Abitur am Gabrieli-Gymnasium in Eichstätt gemacht. Sie verbringt jetzt ein knappes Jahr in Brasilien und Mexiko. In Brasilien engagiert sie sich in einem Kinderprojekt, in Mexiko macht sie ein drei monatiges Betriebspraktikum.

Die Goldgräberstadt Guanajuato

Vor zwei Wochen habe ich mit meiner Gastfamilie Guanajuato besucht. Guanajuato ist sowohl der Name eines Bundesstaates als auch einer etwa zwei Stunden von Ezequiel Montes entfernt liegenden Goldgräberstadt. Unter den Spaniern wurde dort sehr viel Gold gefördert, so viel, dass die ganze Stadt von einem Tunnelsystem untergraben ist. Durch diese Tunnel wird jetzt der Verkehr geleitet, weil in der Stadt kein Platz dafür ist – Ampeln und Kreuzungen inklusive. Auch heute noch wird in Guanajuato Gold gefördert, allerdings mittlerweile von mexikanischen Firmen.

Gegründet wurde Guanajuato offiziell 1546 von den Spaniern. Aber schon lange Zeit vorher siedlten am gleichen Ort verschiedene eingeborene Völker, wie zum Beispiel die Otomi und die Chichimeca. Der älteste bekannte Name für Guanajuato, Mo-o-ti, bedeutet soviel wie „Ort der Metalle“ und verweist somit schon auf die Besonderheit Guanajuatos. Diese entdeckten bei ihrer Ankunft auch die Spanier, und die Folge war Ausbeutung sowohl der Minen als auch der Mexikaner als Arbeitskräfte.

Neben den vielen ehemaligen Minen und Tunneln gibt es in Guanajuato eine weitere Besonderheit: Die Mumien. Durch den hohen Salzgehalt der Erde in Guanajuato werden tote Körper dehydriert, noch bevor sie  zersetzt werden können, und somit für die Ewigkeit konserviert. In Guanajuato gibt es ein ganzes Museum voller solcher Mumien (El Museo de las Momias genannt), das ich aber leider nicht besuchen konnte. Werner Herzog verwendete Bilder dieser Mumien in seinem Film Nosferatu – Phantom der Nacht. Die Verwaltung des Staates Guanajuato hat sich angeblich eine besondere Regelung einfallen lassen, um für regelmäßigen Mumiennachschub zu sorgen: Alle Personen, die mehr als fünf Jahre unter der Erde verbracht haben, werden als Mumien wieder ausgegraben und gehören dann dem Staat – außer, man kauft sie frei.

Dorfleben in Mexiko

Die Gesellschaft hier in Ezequiel Montes ist – wie in allen mexikanischen Dörfern und Kleinstädten – noch sehr von den traditionellen Geschlechterrollen geprägt. Frauen arbeiten in der Regel nicht außerhalb des Haushalts, es sei denn, die Familie hat es wirklich nötig. Normalerweise haben die Männer im Haus das Sagen, und in einigen Familien geht es sogar soweit, dass die Frauen sich vorschreiben lassen, was sie anzuziehen haben, oder nicht alleine ausgehen dürfen.

Auch die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind alle sehr bodenständig und orientieren sich an traditionellen Werten wie etwa der Familie. Generell wird im Vergleich zu Europa sehr früh geheiratet. Mittlerweile liegt das Durchschnittsalter zum Heiraten bei Mädchen bei ungefähr 17 bis 19 Jahren, bei den Jungs bei Mitte 20, wobei es normal ist, dass der Mann bis zu acht Jahre älter ist als die Frau. Noch vor fünf Jahren aber gab es viele Mädchen, die schon mit 14 oder 15 geheiratet haben, und bei den Jungs lag das Durchschnittalter bei Anfang 20. Dabei muss man aber dazu sagen, dass in Mexiko „zusammen wohnen“ auch schon als „heiraten“ bezeichnet wird, anders als bei uns in Europa, wo sich „heiraten“ ja nur auf das Sakrament der Hochzeit bezieht.

Wenn ein Mädchen in Ezequiel Montes nicht studiert oder die Schule nicht beendet, dann ist das keine Seltenheit. Denn sobald die Mädchen heiraten, werden sie in der Regel sowieso ihre berufliche Tätigkeit aufgeben. Es gibt hier sogar studierte Ärztinnen, die ihrem Beruf nicht nachgehen und auch noch nie gearbeitet haben! Manche Väter erlauben es ihren Töchtern auch einfach nicht, weiter zur Schule zu gehen, wenn die allgemeine Schulpflicht beendet ist.

Obwohl Ezequiel Montes mit seinen knappen 14.000 Einwohnern noch eine relativ kleine Stadt ist, wird auch hier schon der Unterschied zwischen Arm und Reich ganz offensichtlich. Die Reichen wohnen im Zentrum, die Armen weiter außerhalb, und desto weiter man rausfährt, desto ärmer werden die Leute.

Es gibt natürlich auch verschiedene Schulen: die privaten für die Reichen und die staatlichen für die Armen. Was ich persönlich sehr schade finde ist die Tatsache, dass viele der reicheren Leute im Zentrum sich abfällig über die Ärmeren äußern. Mitleid oder den Willen, groß etwas zu verändern, haben hier nicht so viele.

Was mir hier in Ezequiel Montes sehr gut gefällt ist, dass die Stadt sich auch mit fast 14.000 Einwohnern noch den Dorfcharakter und das Cowboyflair bewahrt hat. Hier kennt noch jeder jeden, und die meisten Familien sind schon seit mehreren Generationen hier ansässig und dementsprechend riesig und weit verzweigt. Anders als ich das von zu Hause gewohnt bin, wird sogar noch mit Cousins und Cousinen dritten Grades viel Kontakt gehalten.

Was mir außerdem gut gefällt ist, dass sich das Leben viel mehr auf der Straße oder dem Dorfplatz abspielt. Jeden Abend, vor allem aber am Wochenende, treffen sich dort Freunde und Bekannte auf ein kleines Pläuschchen. Jeden Sonntag findet auf dem Dorfplatz der „Domingo Cultural“ statt, das heißt, es werden verschiedene Tänze oder ein Theaterstück aufgeführt, und diese Veranstaltungen sind immer sehr gut besucht.

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Ezequiel Montes – eine Kleinstadt mit Cowboyflair

Der Ort, an dem ich die drei Monate hier in Mexiko verbringen werde, heißt Ezequiel Montes und befindet sich im Bundesstaat Querétaro, im Zentrum Mexikos. Der Bundesstaat Querétaro gilt als einer der sichersten, saubersten und wohlhabendsten Staaten in Mexiko, und dieser Wohlstand ist auch in Ezequiel Montes spürbar. Mit seinen fast 14.000 Einwohnern ist es eine vergleichsweise kleine Stadt, hier geht das Leben recht ruhig zu. Viele Leute leben von der Landwirtschaft, vor allem von der Rinder- und Schweinezucht. Alles erinnert ein bisschen an den Wilden Westen: Die Cowboyhüte, die viele der Jungen und Männer hier mit Stolz tragen, die riesigen Trucks, die Rinder transportieren, die großen Ranches ein bisschen außerhalb von Ezequiel und die Derbheit, mit der die Leute sprechen.

Ezequiel Montes wurde 1861 von Don Julián Velázquez Feregrino auf dem Gebiet der Ranch Corral Blanco gegründet. Die Geschichte besagt, dass ein Fest der Auslöser für diese Stadtgründung war. Es war ein Fest der Familie Velázquez, das am 20. September 1861 stattfand und von Räubern überfallen wurde. Daraufhin lud Don Julián seine Gäste ein, auf dem Gebiet der Ranch Corral Blanco zu wohnen, und dieser Einladung kamen auch einige Familien nach: die Montes, die Feregrinos und die Dorantes. Zusammen mit den Velázquez sind diese vier Familien bis heute die am stärksten in Ezequiel Montes vertretenen Familien. 1920 wurde der Name des Ortes dann von Corral Blanco zu Ezequiel Montes geändert, zu Ehren des 1820 im Nachbardorf Cadereyta geborenen Don Ezequiel Montes Ledesma, der ein wichtiger Politiker und Anwalt war.

1881 wurde begonnen, die erste Kirche des Ortes zu bauen. Fertiggestellt wurde sie 1905 und sie ist der Schutzheiligen Mexikos, Guadalupe, geweiht. Die katholische Kirche und Religion sind hier tief im täglichen Leben verankert. Wendungen wie zum Beispiel „Gott sei Dank“ oder „So Gott will“ werden oft benutzt. Außerdem bekreuzigen sich die Mexikaner jedes Mal, wenn sie an einer Kirche oder Marienstatue vorbeikommen, und wenn es eine Schwierigkeit zu bewältigen gibt, dann machen sie sich keine unnötigen Sorgen, sondern verlassen sich einfach darauf, dass mit Gottes Hilfe – „so Gott will“ – schon alles gut gehen wird.

In den Kirchen selbst gibt es mehr „Verhaltensregeln“ als bei uns in Deutschland. So darf man zum Beispiel als Frau die Beine nicht überschlagen, und es wird viel mehr darauf geachtet, nicht schulterfrei oder mit tiefem Ausschnitt eine Kirche zu betreten. Die Messe ist Bestandteil aller größeren Feste, sie gehört fest zu den dritten und 15. und allen großen runden Geburtstagen dazu. Ob die Leute wirklich gläubig sind oder nicht, das variiert stark von Familie zu Familie. Auch die Messe wird nicht von allen gleich oft besucht. Mit meiner Gastfamilie war ich zum Beispiel bis jetzt noch kein einziges Mal in der Kirche. Im Großen und Ganzen habe ich aber das Gefühl, dass es mehr wirklich gläubige Menschen gibt, als ich das von zu Hause gewohnt bin, und vor allem die ärmeren Leute haben einen sehr starken Glauben.

Ein beliebtes Ziel für Touristen ist die im Nachbardorf Bernal gelegene Peña de Bernal, der drittgrößte Monolith der Welt. Dieser Monolith kann auch bis ungefähr zur Hälfte bestiegen werden und ist das ganze Jahr über gut besucht. Am 21. März aber, am Frühlingsanfang, wimmelt es in Bernal nur von Menschen in weißer Kleidung, die daran glauben, dass eine Besteigung des Bernal in weißen Klamotten sie mit Energie für das kommende Jahr versorgt. Ob das stimmt oder nicht sei dahingestellt, Tatsache ist, dass man von der Peña aus einen wunderbaren Blick auf die Umgebung hat!

Mexiko ist bunt und voller Gegensätze

Ich wollte nach meinem Abitur im Sommer 2013 nicht sofort mit dem Studieren beginnen, sondern zuerst einmal die Welt erkunden, am liebsten verbunden mit sozialem Engagement. So entstand die Idee, für ein Jahr nach Brasilien zu gehen, wo mir die Schwestern der Missionarinnen Christi eine Gastfamilie und ein geeignetes Projekt vermittelten. Dann aber haben die brasilianischen Behörden die Visabestimmungen extrem verschärft, sodass es für diesen Typ von Aufenthalt, also für Freiwilligendienste, keinerlei Visa mehr gibt. Außerdem wurde festgelegt, dass sich Touristen nur noch drei Monate am Stück in Brasilien aufhalten können und danach für drei Monate das Land verlassen müssen, bis sie wieder einreisen dürfen. So beschloss ich, in diesen drei Monaten, die ich nicht in Brasilien verbringen kann, unseren ehemaligen Austauschschüler in Mexiko zu besuchen, bei dessen Familie ich jetzt wohne. Hier in Ezequiel Montes absolviere ich ein Betriebspraktikum.

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Jetzt bin ich also schon im zweiten Drittel meines Auslandsaufenthaltes angekommen – in Mexiko. Hier bin ich seit gut einem Monat, gemessen an allen neuen Eindrücken, die ich habe, kommt es mir aber deutlich länger vor! Mexiko ist vor allem eins: bunt und voller Gegensätze. Es gibt Millionenstädte, so wie Ciudad de Mexico zum Beispiel, und es gibt kleine, bunte Dörfchen. Auf den Straßen trifft man sowohl riesige Geländewagen an, als auch Cowboys, die auf der gleichen Straße ganz gemütlich mit ihrem Pferd in die Stadt reiten. Und dann gibt es natürlich noch den Gegensatz zwischen arm und reich, der leider immer präsent ist und das Leben vieler Menschen bestimmt.

Landschaftlich hat mich Mexiko sofort fasziniert. Ich befinde mich hier in Zentralmexiko, inmitten von Hügeln und kargen Feldern, auf denen man aufgrund der momentanen Trockenheit außer Kakteen nicht viel vorfindet. Das ist aber nur ein Teil Mexikos, dann gibt es ja noch die Strände, von denen hier alle schwärmen. Die Mexikaner sind zu Recht stolz auf ihr Land, und sie sind auch sehr gastfreundlich. Jeder Fremde (außer manchmal die „Gringos“, die US-Amerikaner) wird begeistert aufgenommen, und die Mexikaner freuen sich sehr, dem Fremden ihr Land zeigen zu können. Ich finde es faszinierend, wie man sich in Mexiko auf einer Familienfeier für gut eine Stunde nur über Mexikos Strände unterhalten kann! In Deutschland dagegen habe ich noch nie erlebt, dass jemand einfach so anfängt, über Schloss Neuschwanstein oder die Alpen zu schwärmen… 😉

Ein weiteres sehr beliebtes Gesprächsthema, vor allem bei den Frauen, ist das Essen. Das Essen hier ist sehr lecker, sehr reichhaltig, immer deftig und vor allem scharf! Zum Glück habe ich mich aber sehr schnell daran gewöhnt, und das prophezeite Bauchweh wegen zu scharfem Essen ist ausgeblieben. Hier wird drei Mal am Tag warm gegessen, schon zum Frühstück gibt es Quesadillas, mit Bohnen, Käse und Schinken gefüllte Tortillas. Sehr lecker!

So, das waren also – kurz und knapp – meine allerersten Eindrücke aus Mexiko. Ich genieße die Zeit hier und bin gespannt, was ich in den nächsten drei Monaten in Mexiko noch alles sehen und erleben werde!