Um Gott gleich zweimal nahe zu sein …

Um Gott gleich zweimal nahe zu sein, bin ich im vergangenen Sommer nach Georgien gereist. Am Sonntag, den 29. August, wurde unser ehemaliger Kollegiat, Givi Lomidze, zum Priester geweiht. Mit dem Segen des georgischen Katholikos-Patriarchen Ilia II. spendete die Priesterweihe der Hochwürdigste Bischof Dositheos, der georgisch-orthodoxe Bischof von Belgien und Niederlanden, der zu diesem Ereignis eigens nach Georgien anreiste. Die Weihe fand im georgisch-orthodoxen Kloster Schio Mgwime bei Mtskheta, der ehrwürdigen Althauptstadt und dem geistlichen Zentrum der Georgisch-Orthodoxen Kirche statt. Wer die Bücher von Martin Mosebach kennt, besonders das Buch „Als das Reisen noch geholfen hat“ (DTV 2014) kann über die orthodoxe Mönchsgemeinschaft von Schio Mgwime mehr erfahren, besonders von der strengen Führung durch den Abt und von den einfachen Bedingungen.

An der Weihe nahm neben den Verwandten, Bekannten und Freunden des Weihekandidaten in Georgien auch eine kleine Delegation aus der Schweiz, Deutschland und Österreich teil, darunter Prof. em. Dr. Martin George, Prof. em. Stephan Horn, Frau Prof. Dr. Michaela Hastetter vom Wiener Studienhaus St. Johannes von Damaskus und Erzpr. Dr. Oleksandr Petrynko als Vertreter der Collegium Orientale Eichstätt. Auch die beiden Liz. theol. – ehemalige Kollegiaten – Erekle Turkadze und Shota Kintsurashvili waren erfreulicherweise bei der Priesterweihe anwesend. Dem älteren Bruder des Weihekandidaten, Vater Davit, der selber Priester ist, kam bei dem Gottesdienst eine besondere Aufgabe zu: Er führte den zu Weihenden beim Weiheritus zum und um den Altar herum (auf den Fotos ist es der Erzpriester im roten Phelonion).

P. Dr. habil. Ephräm kam 2008 als einer der zwei ersten georgischen Studenten des COr nach Eichstätt. Er erlernte hier die deutsche Sprache und schloss seinen Studienaufenthalt erfolgreich ab, indem er 2015 seine Promotion verteidigte. Danach ging er nach Wien in das bereits erwähnte Studienhaus, dessen Leitung er zusammen mit Frau Prof. Hastetter bis heute innehat. Neben seiner Dozententätigkeit in Trumau beschäftigte er sich in den letzten Jahren intensiv mit dem Thema der apostolischen Sukzession seiner Georgisch-Orthodoxen Kirche. Dies tat er im Rahmen seiner Habilitation, die er in diesem Sommer vor der Priesterweihe an der Theologischen Fakultät der Universität Wien ebenso erfolgreich abschloss.

Für einen Gast, der römisch-katholisch ist und im byzantinischen Weiheritus und in seiner Liturgie nicht bewandert ist, war bei der Weiheliturgie sicherlich alles neu, besonders und erlebnisreich. Für mich als einen Angehörigen des byzantinischen Ritus stellte zwar der Ritus und die gesamte Liturgie nichts Ungewohntes dar. Und doch war vieles anders und besonders.

Im Rahmen der Pandemie war dies meine erste Auslandsreise nach langer Zeit der corona-bedingten Stille. So durfte ich den mir gewohnten Ritus unter den neuen Bedingungen intensiv erleben. Dazu zählen die Begebenheiten wie eine große Klosterkirche, die kaum gefüllt war, und die allermeisten Gottesdienstbesucher, die Mundschutz trugen und weit auseinanderstanden. Dies vermittelte uns, den Angereisten aus Deutschland in ein Hochrisikogebiet, eine gewisse Sicherheit. Man konnte von der Atmosphäre des durchwegs Georgisch gesungenen Gottesdienstes sich wunderbar tragen lassen. Der Gesang war wirklich himmlisch (s. Videos im Anhang!). Gesungen wurde nur von einer kleinen fünfköpfigen Männer-Schola, die normalweise an der alten Patriarchenkirche (in der kommunistischen Zeit) und heute Seminarkirche in Tbilisi (Tiflis) singt und die heute der Einladung des weihenden Bischofs hierher folgte.

Der gesamte Weihegottesdienst war für mich als Rektor und persönlich eine Gotteserfahrung schlechthin. Neben Seiner Gegenwart im Sakrament der Eucharistie und der Weihe beschäftigte mich durchgehend der Gedanke über den Weihekandidaten. Der Werdegang von Givi / P. Ephräm Lomidze mit seinem Studienaufenthalt im Collegium Orientale in Eichstätt, seine derzeitige Beschäftigung in Wien zum Wohl der Kirchen, aber auch die beiden anderen anwesenden Kollegiaten Erekle und Shota gaben mir Antwort auf eine wichtige Frage. Nämlich: Was ist der Beitrag des Collegium Orientale für die Heimatkirchen der Studierenden, die zu uns nach Eichstätt kommen. An diesem Weihetag wurde es mir gleich an drei Beispielen konkret klar, dass das Engagement des Bistums Eichstätt und somit der deutschen Katholiken und Katholikinnen für die Ostkirchen lohnenswert und wertvoll ist. Denn ich wurde Zeuge, wie der eine der Absolventen für seine Heimatkirche geweiht wurde und eine leitende Position in einer akademischen Institution übernimmt. Ein anderer berichtete bei festlichen Mittagessen davon, dass er an einer der staatlichen Universitäten in Tbilisi als Dozent für Sozialethik tätig ist und wie sehr ihm die Arbeit mit den Studenten gefällt. Der Dritte ist zuständig für den äußeren und inhaltlichen Aufbau eines Fortbildungszentrums für Jugendpastoral und arbeitet diesbezüglich mit den kirchlichen und staatlichen Stellen.

So durfte ich dankbar die Liturgie feiern und die Gemeinschaft der ehemaligen Kollegiaten und ihrer Gäste genießen. Denn in den Gesprächen und Begegnungen wurde mir klar, wie Gott unseren Einsatz in Eichstätt begleitet und segnet.

Doch bietet Georgien über die Menschen und den orthodoxen Gottesdienst hinaus auch eine andere Möglichkeit für die Begegnung mit Gott. Die Natur und der große Kaukasus, die Berge im Norden Georgiens, sind eine willkommene Gelegenheit für Wanderungen und Bergsteigen. So habe ich mich entscheiden, an die dienstlich absolvierten Termine Bergwanderungen mit Besteigen des Kazbek (5033 ü.d.M.) anzuschließen. Und das war richtig so. Auch wenn das Vorhaben für den Körper eine Herausforderung darstellt, möchte ich diese Erfahrung im Nachhinein betrachtet in meinem Leben nicht missen. Das ganze Besteigungsprogramm betrug lediglich sechs Tage. Doch zehren werde ich davon sicherlich mein ganzes Leben lang. Denn die Erfahrungen, die bei solchen Bergwanderungen und Besteigungen gemacht werden, sind unbeschreiblich, unersetzlich und unvergesslich.

Das Wertvollste dabei sind folgende Dinge: Der Geist kann bei einer solchen Beschäftigung gänzlich herunterfahren und die gewöhnlichen Belastungen ablegen. Die Seele befreit und erholt sich und kann sich auf die wunderschöne Natur konzentrieren, sich auf die Großartigkeit der Erde und des Himmels besinnen und so Gott näher kommen. Auch die Gespräche mit anderen Teilnehmern der Bergsteigergruppe bringen einen auf andere Gedanken und zeigen, was die Menschen in anderen Ecken der Welt aktuell beschäftigt, was ihre Freuden, Sorgen und Nöte sind. Dies ließ tatsächlich auch mich Einiges in meinem Leben und Wirken neu sehen und bewerten, wofür ich sehr dankbar bin.

In den ruhigen Stunden der Akklimatisierung war ich oft allein und für mich da, ohne Internet- und Handyempfang. Etwas ungewohnt und doch herrlich! Diese habe ich als sehr wertvoll empfunden, als Zeiten des persönlichen Gebetes und der Betrachtung. Mit Skepsis hatte ich vor der Reise zwei Bücher, von zwei Freunden in diesem Jahr empfohlen, als Lektüre eingepackt. Doch war froh, diese dabei zu haben. In dieser Woche habe ich die beiden verschlungen, mit großem Interesse und geistigem Gewinn.
Vor allem begleitete mich bei dem für den Körper intensiven Bergsteigen das Gefühl der Dankbarkeit, des aufrichtigen Dankes Gott und den Mitmenschen gegenüber. Dankbar für die Mitmenschen, mit denen ich jeden Tag zu tun habe, und die ich auf der Fahrt und beim Bergsteigen neu kennenlernen durfte. Dankbar für die Menschen, die mir mit Gebet und Tatkraft im Hintergrund beistehen und vor allem für diejenigen, die mich Tag für Tag mit meinen Unzulänglichkeiten ertragen. Dankbar, dass Gott uns bei unseren Mühen und trotz unserer Untreue und Verwirrung treu bleibt und dies an verschiedenen Zeichen sichtbar macht. Dankbar meinen Eltern gegenüber, dass ich von ihnen die körperliche Verfassung erhielt, das Bergsteigen überhaupt unternehmen zu können. Dankbar für die hohen Berge, dankbar für den immerwährend liegenden Schnee auf den Gletschern des Kaukasus und für herrliche Sonnenaufgänge, vor allem auch für die gute Witterung in den Tagen der Reise. Dankbar für die Reise insgesamt, die für mich mit zwei ganz unterschiedlichen Gipfeln gekrönt war, einerseits der Priesterweihe und andererseits dem Besteigen des Kazbek. Dankbar, dass ich bei beiden Unternehmungen die Hand Gottes und seine Begleitung verspüren durfte. Dankbar, dass ich dadurch Kraft schöpfen konnte, um an meine täglichen Aufgaben mit frischem Elan herangehen zu können. Dankbar auch für die Zuversicht, dass Gott uns immer nahe ist, auch wenn wir seine Zeugnisse nicht immer und nicht an jedem Ort wahrnehmen wollen, können oder imstande sind.