Kardinal Ortega – ein Mann der Versöhnung und der Diplomatie

Kardinal Jaime Lucas Ortega y Alamino, der am 26. Juli 2019 in Havanna gestorben ist, war ein gefragter Gesprächspartner bei den Eichstätter Kuba-Tagungen, die vom Referat Weltkirche der Diözese Eichstätt gemeinsam mit der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt veranstaltet werden.

Die Eichstätter Delegation bei der Kuba-Tagung 2011 in Havanna: Links Prof. Horst Sing, Waltraud Schauer, Elisabeth Sing, Domkapitular Josef Blomenhofer, Kardinal Ortega, Prof. Bernhard Mayer, Helene Büchel, Raul Fornet-Betancourt, Gerhard Rott

Seit 2000 war Kardinal Ortega häufig in Eichstätt. Zusammen mit dem Exilkubaner Prof. Dr. Dr. Raul Fornet Betancourt hatte er und die beiden Eichstätter Professoren Horst Sing und Bernhard Mayer (2011 verstorben), der damals auch für das Referat Weltkirche zuständig war, mit dem Kuba-Dialogprogramm einen Rahmen geschaffen, um über die Perspektiven den Landes in einem akademischen Rahmen zu reden. Ehemalige deutsche Diplomaten sprachen in diesem Zusammenhang von hoffnungsvollen Zeichen der Annäherung. In seiner Delegation waren auch regierungsnahe Vertreter und so war der Marquardussaal im Bischöflichen Ordinariat auch in den Jahren 2002, 2007, 2009, 2012 und 2016 der neutrale Ort für vertrauliche Gespräche.

Domkapitular Josef Blomenhofer und sein Vorgänger im Referat Weltkirche, Bernhard Mayer, bei einer Stadtführung mit Kardinal Ortegan 2011 in Havanna. Foto: Gerhard Rott

Bei seinem letzten öffentlichen Vortrag in Eichstätt 2016 berichtete er ausführlich über seine Rolle als Vermittler zwischen Barack Obama und Raul Castro, die er im Auftrag von Papst Franziskus übernahm. Ortega war ein Mann der Versöhnung und der Diplomatie, der sich auf der Weltbühne sicher bewegte. Papst Fanziskus hatte ihm auch erlaubt, seine Mitschrift der Rede Bergoglios aus dem Vorkonklave zu veröffentlichen.

Video: Kuba-Tagung 2016 in Eichstätt

„Kardinal Ortega hat als politischer Vermittler Geschichte geschrieben“: Adveniat zum Tod des kubanischen Kardinals Jaime Ortega

„Alltag“ in Poona?

Mein elfter Aufenthalt in Poona. Man könnte befürchten, es kommt Routine auf. Aber nein, schon alleine die Anreise war wieder mal neu. Wegen Problemen der Fluggesellschaft habe ich über sechs Stunden in Delhi am Flughafen verbracht. Und bei Regen in Poona angekommen. Der Monsun scheint heuer zeitig dran zu sein. Doch gute Freunde sind da und holen mich bei starkem Regen am Flughafen in Poona mit Regenschirm ab. Mit mir ist Manuela Lüger unterwegs, für sie ist es der erste Aufenthalt in Indien.

Und das ist der Kick für mich, einem Greenhorn das Land zu zeigen, Freunden vorzustellen, mit Partnern ins Gespräch zu bringen, das Land zu erklären.

Und wie fängt man das an. Essen, Straßenverkehr, der Eimer in der Dusche, so vieles ist Neuland. Die ganze Art der Organisation des Zusammenlebens lässt sich nicht vergleichen.

Es macht mir Freude zu sehen, mit welcher Offenheit junge Menschen aus Deutschland einer fremden Kultur begegnen. Diese Grundhaltung zeichnet meine neue Kollegin aus, darum wird sie genau die richtige sein, um im nächsten Jahr eine Gruppe Jugendlicher aus dem Bistum Eichstätt auf ihren freiwilligen Aufenthalt in sozialen Projekten im Bistum Poona vorzubereiten.

Und ja, als Absolventin des Studienschwerpunktes Internationale/Interkulturelle Soziale Arbeit an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt ist sie fachlich sehr gut vorbereitet. Nicht zuletzt in Sachen Nachhaltigkeit, der päpstlichen Enzyklika Laudato Si und Sustainable Development Goals bringt sie viele Kompetenzen mit.

Aber der Reihe nach: Das scharfe Essen ist eine echte Herausforderung, aber innerhalb von ein paar Tagen kann man sich zumindest etwas daran gewöhnen. Und wer kann schon sagen, dass er die Küche eines indischen Lokals schon mal besichtigen durfte. Ein Tandoori-Ofen ist jetzt also kein Unbekannter mehr. Die erste frische Mango im ehemaligen AIDS Hospiz Ashakiran ist der Knackpunkt. Ab sofort freut sich die Kollegin auf jedes Essen.

Der Straßenverkehr bleibt eine Herausforderung. Selbst wenn es mir gelingt, kurz vor dem Rückflug noch einen Ritt auf einem Kamel zu organisieren, ich befürchte, in diesem Land werde selbst ich mich nie freiwillig hinter ein Steuer setzen.

Das schönste aber waren die langen und intensiven Gespräche mit alten Freunden und Bekannten, deren detailliertes Wissen selbst für mich nach all den Jahren noch immer erkenntnisreich ist. Bischof Thomas Dabre hat sich gleich zweimal Zeit genommen für uns, er hat Father V. Louis gebeten, uns viele Türen zu öffnen. Auch gute Bekannte aus dem Jahr 2005 – damals waren sie noch Jugendliche, heute sind sie gestandene Erwachsene mit einem guten Job, Familie und Kindern – verbringen einen Abend mit uns. Und obwohl sie Manuela Lüger zunächst gar nicht kennen, sind sie am Ende des Abends auch ihre Freunde. Wahnsinn, du kommst irgendwo völlig fremd hin und wirst überall offen aufgenommen. Sicher kein Alleinstellungsmerkmal von Christen, aber hier hat man es hautnah erlebt, wie der Weltjugendtag von 2005 bis heute Menschen zusammen bringt. Nachhaltigkeit, die sich nicht so einfach in Statistiken messen lässt.

Praktisch genauso geht es bei den vielen Projektpartnern weiter. Wir besuchen Einrichtungen für Frauen, benachteiligte Kinder, berufliche Qualifizierungsmaßnahmen, Projekte informeller Bildung und vieles mehr. Jeden Tag drei bis vier intensive Begegnungen eine ganze Woche lang. Und alle wollen uns helfen, damit deutsche Jugendliche die Realität der Welt erfahren können.

Natürlich haben wir auch hinduistische Tempel besucht, die würdige Form der Verehrung ist dort sofort wahr zu nehmen. Um den Hinduismus zu erklären, braucht man sehr sehr lange, aber die Grundzüge werden auf dem Weg zum Parvati-Hill, ein Shivas Gattin geweihter Hügel, schnell klar.

Mir blieb nur diese eine Woche, um aus einem Greenhorn einen Indien-Fuchs zu machen – zugegeben, ein paar Dinge müssen auf die nächste Reise verschoben werden bzw. aufgefrischt werden, aber die Freunde in Indien haben mir sehr geholfen. Die Vorbereitung auf den Umgang mit anderen Weltgestaltungspräferenzen, die Toleranz gegenüber anderen Kulturen, all das ist nämlich Teil des indischen Alltags, der wirklich nie zur Routine werden kann. Ich freue mich schon auf Nummer 12.

Frauenförderprojekt der KLB im Senegal

Das Frauenförderprojekt der Katholischen Landvolkbewegung (KLB) – Diözesanverband Eichstätt in der Diözese Tambacounda im ländlichen Raum von Koumpentum (Senegal) endet 2019. In 90 Dörfern konnten rund 4000 Frauen, die nie eine Schule besucht hatten, neben Schreiben und Rechnen auch Grundkenntnisse in Hygiene, Gesundheitswesen und Ernährung erwerben.

Insgesamt 90 speziell für das Projekt geschulte Lehrer bildeten mit ihrem großen Engagement die Grundlage für den bemerkenswerten Erfolg des Projekts. Außerdem sorgten neun Monteure, ausgestattet mit Motorrädern, für die gewissenhafte Durchführung der Unterrichtsstunden.

Sichtbare und beeindruckende Erfolge können festgestellt werden zum Beispiel durch selbstbewusstes Auftreten der Frauen, verbesserte Ernährungslage durch Gemüseanbau, Zusammenarbeit und Zusammenhalt in den Dörfern, gestiegenes Hygienebewusstsein und der damit verbundenen Gesundheitsvorsorge (Impfkampagnen). Bei der Vergabe von Kleinkrediten für die einzelnen Frauengruppen wurde bei vielen Frauen der Geschäftssinn geweckt, erkennbar durch das pünktliche Zurückzahlen der Kredite und der Gründung von Verkaufsläden in den Dörfern.

Auch regional und überregional fand das Projekt bei Bürgermeistern, Dorfchefs, Religionsführern (Imams) und überörtlichen Regionspräsidenten große Beachtung. Als abschließendes Resümee können die Frauen sagen: Ich bin zwar immer noch arm, aber ich habe schon so viel gelernt, dass ich mit selbst helfen kann, eventuell in Zusammenarbeit mit anderen Frauen.

Verantwortlich für den Erfolg des Projekts sind der Geschäftsführer des ländlichen Entwicklungsdienstes (ILD) der KLB, Lothar Kleipass, in guter Zusammenarbeit mit Übersetzerin Helene Dumont und dem Sekretär des Büros der Association Senegalaise Pour Le Developpement Integre (ASDI) in Tambacounda.

Unser Engagement soll jedoch nicht zu Ende sein. Wir möchten die Frauen nach unseren Möglichkeiten weiterhin begleiten. Es wurden auch schon Perspektiven für eine weitere Förderung der Frauen besprochen. Folgende Fragen stellen sich: Wie kann das erlernte gesichert bzw. weiterentwickelt werden? Können Lagerhallen für die Sicherung des Ernteguts gebaut werden? Können Hirseschälmaschinen, die die Arbeit der Frauen erleichtern, angeschafft werden?

Aufsteige mein Gebet wie Weihrauch vor Dein Angesicht

Die Dreifaltigkeit erklärt?!? – Bilder des dreifaltig-einen Gottes

Eines der zentralen Erkenntnisse des christlichen Glaubens ist, dass Gott dreifaltig ist und auch dreifaltig handelt. So hat er sich uns offenbart, der Eine und Wahre: als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Dieses Geheimnis begeht die byzantinische Kirche am Pfingstmontag; die lateinische Kirche feiert ein entsprechendes Fest am Dreifaltigkeitssonntag, dem Sonntag nach Pfingsten.

Zusammen mit der Menschwerdung der zweiten göttlichen Person, des Wortes Gottes, in Jesus Christus bildet dieser Grundsatz den Kern des christlichen Glaubens. Darin beruht der Unterschied unseres Glaubens zu anderen Religionen. Dieser Glaube macht es den Nichtchristen schwer, sich darauf einzulassen und uns Christen zu verstehen. Für manch einen Monotheisten sind wir fälschlicher sogar Götzenanbeter, weil wir vermeintlich an drei Götter glauben.

Zugleich bildet die Lehre von der Trinität eine harte Nuss auch für uns Christen, besonders wenn es darum geht, diese mit dem menschlichen Verstand erfassen zu wollen. Noch komplizierter wird es für uns, wenn wir dies innerhalb unserer Gemeinschaft weitergeben und auch den Andersglaubenden erklären sollen. Freilich kann dabei immer auf die Unerreichbarkeit und die Unzugänglichkeit Gottes verwiesen werden: Er übersteigt unseren Menschensinn, bleibt ein nicht zu erforschendes Geheimnis und offenbart sich, wann und wo er will und soweit wir Menschen es fassen können. Dies lässt sich in einer Formel zusammenfassen: Würden wir Gott erklären können, würde er aufhören, Gott zu sein.

Auch wenn unsere Vorväter und -mütter im Glauben, dieses Argument im Gottesdienst und in der christlichen Unterweisung immer wieder gebrauchten, blieben sie bei ihm nicht stehen. Ihr Geist – genauso wie der Geist auch eines jeden heutigen Christen und einer jeden Christin – verlangte nach mehr, mindestens nach einer vorläufig zufriedenstellenden Erklärung.

So versuchten viele Heilige und Theologen, sich dem Geheimnis der göttlichen Dreifaltigkeit anzunähern, jeder auf seine Art und Weise: in Wort und Bild, mit Beispielen und Beobachtungen in der Natur, im praktischen Leben, nicht zuletzt auch in der Feier der Liturgie mit ihren Symbolen.

Tertulian (+ 220) erklärte beispielsweise seinen nordafrikanischen Christen die Dreifaltigkeit mit dem Vergleich vom Baum mit Wurzeln, Stamm und Zweigen: Alle drei Abschnitte sind auseinanderzuhalten und sind doch unzertrennlich aufeinander bezogen und bilden doch einen einzigen Baum. Auch auf eine andere Naturbegebenheit griff Tertulian wohl als Erster zurück, und zwar: Die Heilige Dreifaltigkeit ist wie das Wasser, das von der Quelle zum Bach und dann zum Fluss fließt: Alle drei tragen das eine gleiche Wasser und doch sind sie drei selbständige Wasserträger.

Der ebenso in Nordafrika wirkende bedeutende Theologe Augustinus von Hippo (+430) zerbrach sich über die Trinität Gottes seinen Kopf. Von ihm wird eine wohl vielen bekannte Geschichte erzählt. Einst ging er am Strand spazieren und begegnete einem spielenden Kind. Augustinus schaute dem Kind zu. Dieses hatte im Sand eine Grube gegraben und versuchte mit einer Muschel Wasser im Meer zu schöpfen und damit diese kleine Sandgrube zu füllen. Voller Verwunderung fragte Augustinus das Kind, wozu dieses erfolglose Mühen, wo das Wasser am Boden der kleinen Grube immer wieder gänzlich verschwand. „Ich fülle das Meer in ein Loch“, sagte voller Gewissheit das Kind. „Aber Kind, nicht im Leben kannst du das große Meer in deine kleine Grube schütten“, sagte Augustinus. Er erhielt zur Antwort: „Und du willst das Geheimnis der Dreifaltigkeit erklären!?“

Trotzdem versuchte es Augustinus und kam auch auf ein Bild. In seinem Vergleich ist er sich einig mit Gregor Thaumaturgos (+ 270), einem kleinasiatischen Vater (heute Türkei), und findet eine Parallele in der Natur des Menschen selbst. Für ihn ähnelt der drei-eine Gott der dreifachen Struktur eines menschlichen Wesens. Das heißt, zur Grundlage des Vergleichs nehmen die beiden Kirchenväter die altbekannte Trichotomie der Natur des Menschen: So wie ein Mensch aus Körper, Seele und Geist besteht und doch eine einzige Einheit bildet, so ist es auch mit der göttlichen Dreiheit – Vater, Sohn und Heiliger Geist, ein Gott.

Bei den Kirchenvätern findet sich ebenfalls das Bild von den drei dicht aneinandergestellten Kerzen, die mit einer einzigen Flamme brennen. Dies wäre für sie auch ein Symbol und ein Erklärungsversuch des dreifachen und zugleich einen Gottes.

Auch der syrisch-sprachige Orient steht mit seinen Bildern in Bezug auf die dreipersönliche Wesenheit Gottes den byzantinischen und den lateinischen Vätern nicht nach. Der heilige Ephräm der Syrer (+373) sprach vor seinen syrischen Christen von der Sonne mit ihren Strahlen und der darin enthaltenen Wärme, dies auf die Heilige Dreifaltigkeit ausdeutend. Ähnlich lehrte auch Basilius der Große (+379) seine Kirchgänger in Cäsarea in Kappadokien (heutige Türkei), indem er vom Regenbogen mit Sonne, Sonnenlicht und Farben sprach und so die Dreifaltigkeit zu erklären versuchte.

Ähnlich anschauliche Erklärungsversuche der Dreifaltigkeit gab es auch in der nord-westlichen Christenheit. Die Predigt des heiligen Patrick (+461 oder 493), des Patrons Irlands, ist weltweit bekannt und in vielfacher Hinsicht unschlagbar. Auch er stand vor der Herausforderung, zu predigen: Es gibt zwar nur einen Gott, dieser existiert jedoch in drei Personen. Um von den Menschen und besonders von dem keltischen König verstanden zu werden, griff Patrick zu einem – religionspädagogisch gesehen – genialen und aus der Natur kaum zu überbietbaren Mittel. Er verglich das Geheimnis des Einen in Dreien bzw. des Dreifachen in Einem mithilfe eines im Feld gezupften Kleeblatts. Patrick nahm ein Dreiblatt des Klee, dessen drei Blätter für ihn den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist versinnbildlichen: So wie die drei getrennt wachsenden drei Blätter ein Kleeblatt bilden, so bilden die drei göttlichen selbständigen Personen, Vater, Sohn und Heiliger Geist, die eine wahre Gottheit.

Wie aus den aufgeführten Bildern und vergleichen ersichtlich ist, begleiten bildhafte Erklärungen der Heiligen Dreifaltigkeit die Christen seit frühester Zeit und bis auf den heutigen Tag. Sicherlich könnte man die Beispiele unendlich fortsetzen, denke man z.B. an die drei Zustände des einen Wassers in Form von Eis, Flüssigkeit und Dunst, aber auch viele andere. Und doch bleiben all die Bilder und Vergleich nur unzureichende Hilfen, die mitunter sogar irreführend sein können. All diese Bilder bleiben Versuche der Annäherung des menschlichen Geistes an das eigentliche Wesen Gottes. Sie bleiben Versuche und daher immer auch hinter der eigentlichen göttlichen Wirklichkeit zurück. Gott bleibt ein unerklärliches Geheimnis.

Ein sehr interessantes liturgisches Symbol für die Erklärung des dreifaltig-einen Gottes habe ich während meines Grundstudiums in Eichstätt entdeckt. Dank der Feier der Liturgie im syro-malankarischen Ritus im Collegium Orientale habe ich eine Ritushandlung dieser Liturgie lieb gewonnen, die sogenannte Segnung des Rauchfasses im Wortgottesdienst der malankarischen Eucharistie (siehe die unten stehende Videoaufnahme). In der Liturgie selber und in den Liturgiekommentaren ist dies eine Handlung, bezogen auf die Heilige Dreifaltigkeit.

Symbolisch steht diese Segnung für den Lobpreis des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und ihr Wirken in der Welt. Im Mittelpunkt steht das gewöhnliche Rauchfass mit drei äußeren und einer inneren Kette, das jeder Ritus – auch der lateinische und der byzantinische – kennt: ein kugelförmiges Gefäß wird an drei Ketten, die im oberen Bereich zu einer Halterung zusammengebunden werden, gehalten; sie ermöglichen, dass das Gefäß geschwenkt werden kann. Die vierte mittlere (innere Kette) sorgt dafür, dass der Deckel des Rauchfasses durch seine Bewegung geöffnet werden und dass dadurch der Weihrauch aufsteigen kann. Zunächst erscheint alles ganz praktisch hergestellt und gewöhnlich. Doch haben die syrischen Christen darin ein Symbol für die Dreifaltigkeit und ein Muster ihr Verhalten zur Welt ersonnen.

Die obere Halterung versinnbildlicht für sie den himmlischen Baldachin; das Rauchgefäß selber den Erdenball und alle darauf lebenden Geschöpfe. Die drei äußeren Ketten stehen für den Vater, den Sohn (Gott und Mensch) und den Heiligen Geist. Da der Sohn Gottes Mensch geworden ist und die konkrete Verbindung zwischen dem Himmel und der Erde sichert, gilt zur seiner Versinnbildlichung nicht nur eine der äußeren Ketten, sondern auch die innere Kette, die den Deckel hoch und herunter fährt. Damit ist alle vier Ketten eine der drei göttlichen Personen zugeordnet. In ihrer gewöhnlichen Reihenfolge werden die vier Ketten nacheinander gesegnet bzw. die einzelnen göttlichen Personen gepriesen: Vater – die erste äußere Kette, der Sohn – die zweite äußere und die mittlere Kette (für seine göttliche und menschliche Natur) und Heiliger Geist – die dritte und letzte Kette des Rauchfasses. Die zwölf Glöckchen, an die drei äußeren Ketten angebracht, symbolisieren die zwölf Apostel, die uns die Botschaft von der Dreifaltigkeit weitergaben. Die sich verzehrende Kohle und die Rauchgaben bedeuten die sich mühenden Menschen, die ihre guten Werke vollziehen, Gott preisen und untereinander friedlich leben, was im aufsteigenden und Gott wohlgefälligen Wohlgeruch des Weihrauchs zum Ausdruck kommen soll. Die Ketten werden während der Liturgie beeindruckend gesegnet und dankbar besungen: Sie stehen für die Treue und ungebrochene Zuneigung Gottes zu seinen Geschöpfen.

Auf diese Weise versuchen die syrischen Christen in ihrer Liturgie nicht nur die Dreifaltigkeit zu deuten und zu verstehen, sondern zeichnen mit ihrem Weihrauchritus eine ganze Kosmologie und die darin beinhaltete Heilshandlung Gottes. Das Besondere dabei ist, dass es dabei wunderbar zum Ausdruck kommt: Unsere Welt hat ihren sicheren Halt im Himmel; es ist ihr eine unverlierbare Hoffnung geschenkt, und zwar durch die Treue der drei Personen, besonders des menschgewordenen Sohnes Gottes, die sich beständig um uns Menschen kümmern. Der deutsche Text der Segnung der Ketten lautet:

Der Priester steht dem Rauchfassträger gegenüber und legt Weihrauch auf. Dann ergreift er eine der Ketten des Rauchfasses und segnet sie: „Ich, ein schwacher und demütiger Sünder, bekenne und sage: Heilig ist der ♱ Heilige Vater.“ Gemeinde: „Amen.“

Er ergreift die nächste äußere und die mittlere Ketten und segnet sie: „Heilig ist der ♱ Heilige Sohn.“ Gemeinde: „Amen.“

Er ergreift die letzte Kette und segnet sie: „Heilig ist der lebendige ♱ Heilige Geist, …“ und er beräuchert den Altar, das Evangelium und das Volk. Dabei fährt er fort: „… der den Weihrauch seines sündigen Dieners heiligt und Mitleid hat mit unseren Seelen und den Seelen unserer Väter, Brüder, Schwestern und Lehrer und der Verstorbenen und aller im Glauben entschlafenen Kinder der heiligen Kirche in beiden Welten von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Gemeinde: „Amen.“

Eine gesegnete Pfingstzeit und einen reichen Segen des dreifaltig-einen Gottes wünscht Ihnen allen das Collegium Orientale!

„Menschen in der Zeit“ – Karoline Mayer

Die Mutter Teresa von Südamerika wird sie genannt – und in Chile, ihrem Missionsland, wird sie von den Armen wie eine Heilige verehrt.

Karoline Mayer – Das Geheimnis ist immer die Liebe

Die aus Eichstätt in Bayern stammende Missionarin und seit einem halben Jahrhundert in Südamerika wirkende Karoline Mayer bezeichnet sich selbst als Chilenin. Etwa wie der aus Südtirol stammende China-Missionar Joseph Freinademetz von sich selbst sagte: ich bin ein Chinese. Das heißt: das sind Menschen, die ihr Herz in ihr Missionsland und an andere Menschen verloren haben, bedingungslos und ohne Abstriche.

Eigentlich hatte es Karoline auch nach China gezogen – doch das Schicksal wollte es anders. Die Enttäuschung, von der Ordensgemeinschaft der Steyler Missionsschwestern nicht in das Reich der Mitte geschickt zu werden, war anfangs groß – doch bald sollte Chile für Karoline Mayer das Land ihrer Verwirklichung werden. Immer wieder wird sie von den Schergen der Pinochet-Diktatur verfolgt und wird für kurze Zeit sogar verhaftet. – Seit dem Übergang von der Diktatur von Augusto Pinochet zur Demokratie leitet die Missionarin ihre eigene Stiftung Cristo vive. Christus lebt. Unter dem Regime Pinochet war die Entwicklungshelferin eine offene Unterstützerin des zuvor demokratisch gewählten Salvador Allende. Die Steyler Missionsschwestern riefen sie darauf zurück in die Zentrale nach Holland. Kaum zwei Monate später tritt Karoline aus der Gemeinschaft aus und kehrt nach Santiago zurück. Zurück in die Elendsviertel am Rande der Großstadt.

Es ist ein sehr schwieriges Erlebnis, in die Hütten der Leute zu kommen und zu sehen, dass die Kinder unterernährt sind, dass es im Haus an allem fehlt .

Zurück in die Bergregionen Lateinamerikas. Hier kann die begabte Missionarin ihren Weg nach oben beginnen: begleiten wir Karolina Mayer jetzt persönlich auf ihrem mühsamen aber erfolgreichen Weg der Nächstenliebe:

„Es ist ein sehr schwieriges Erlebnis, in die Hütten der Leute zu kommen und zu sehen, dass die Kinder unterernährt sind, dass es im Haus an allem fehlt und dass der Inhalt des Kochtopfes für eine gesunde Ernährung der ganzen Familie nicht ausreicht. Ich merkte, dass der Familienvater zwar hart arbeitete – oft mehr als 48 Stunden pro Woche – sein Verdienst jedoch nicht ausreichte, die Familie zu ernähren und die Grundbedürfnisse zu befriedigen. Dieses Erlebnis hat mich für immer geprägt und ich verstehe jetzt, warum die Menschen, die dort inmitten der Armut leben, immer darum bangen, dass sie genügend zum Leben haben. Diese Grunderfahrung bleibt über Jahrzehnte hinweg nicht nur in ihren Kleidern, sondern auch in der Seele haften. Und auch, wenn es ihnen dann bessergeht, haben sie dennoch nie genug. Denn in ihrem Leben gibt es immer das „Gespenst“, dass es nicht ausreichen könnte.

Als dann die Kinder zum Essen kamen, staunte ich, dass sie in den ersten Wochen stets drei überhäufte Teller leeraßen

Das habe ich auch gemerkt, als ich mit den Frauen die Suppenküche anfing. Sie hatten die Idee gehabt, dass wir miteinander kochen könnten, dass wir in den Supermärkten nach Lebensmitteln mit abgelaufenem Verfallsdatum und auf Märkten nach leicht angefaultem Obst und Gemüse fragen könnten, das sich nicht mehr verkaufen lässt. Die Männer mussten in die Berge gehen und dort alles Brennbare holen, damit wir Feuer für den Suppentopf machen konnten. Und als dann die Kinder zum Essen kamen, staunte ich, dass sie in den ersten Wochen stets drei überhäufte Teller leeraßen. Ich hatte oft das Gefühl, sie müssten Bauchschmerzen haben und ich wollte ihnen so viel Essen verwehren, aber die Kinder mussten futtern. Das war ein Bedürfnis. Manchmal, wenn es ein Stück Brot dazugab, haben sie sich auch noch das ihres Nachbarn geschnappt. So war es zunächst.

Nach sechs bis acht Wochen regelmäßigen Essens ist dieses Bedürfnis bei den Kindern verschwunden, während ich oft gemerkt habe, dass die Eltern sehr viel mehr Sorge hatten, dass es nicht ausreichen könnte. Und das nicht nur bezüglich des Essens, sondern auch ihrer ganzen Lebensbedingungen. Sie haben Sorge, dass ihre Kinder keine Chance auf eine bessere Zukunft haben. Das ist ihr größter Wunsch. Gleichzeitig ist dieser aber immer verbunden mit dem Gefühl, dass das, was sie jetzt haben, wieder verloren gehen könnte oder dass sie nicht in der Lage sind, endgültig aus dieser sehr schwierigen Situation herauszukommen. Das ist ein Gefühl der Ohnmacht vor dem Leben und für diejenigen, die solche Situationen nie erlebt haben und nicht kennen, ist es sehr schwierig, diese Menschen zu verstehen.

… vor allem, wenn sie spüren, dass ich sie nicht verurteile

Von daher ist es eine ganz wunderbare Erfahrung, ihnen so nahe zu kommen und auch zu wissen, was im Armenviertel nachts passiert. Welche Probleme es gibt, worüber sich die Familien streiten. In den Holzhütten mit nur 50 Zentimeter Entfernung hörte ich alles: Die Person von nebenan, die sich gerade im Bett herumdreht, den Streit, wenn der Familienvater nach Hause kam und seine Frau anfing zu schimpfen, weil er betrunken war, die Kinder im Haus schrien und kreischten. Diese Situation mitzuerleben ermöglicht es, den Menschen näherzukommen, vor allem, wenn sie spüren, dass ich sie nicht verurteile, dass wir sie so annehmen, wie sie sind. In dieser Erfahrung war dann vor allem wichtig, dass die Menschen an der Lösung ihrer Probleme selbst beteiligt waren.“
Karoline Mayer aus den Anfängen ihrer Zeit

Unter dem Schutz der Kirche und in enger Zusammenarbeit mit der deutschen Hilfsorganisation „Cristo vive“ baut Karoline in den nächsten Jahren als gelernte Ärztin ein großes Familiengesundheitszentrum und eine Polyklinik auf, eröffnet weitere Kindergärten, Drogen-Therapiezentren sowie eine Obdachlosenherberge in acht Stadtteilen von Santiago de Chile. Weitere Stiftungen gibt es nun auch in Peru und in Bolivien. Eine fast unmenschliche Leistung. Fast 90 Prozent der Kosten werden inzwischen durch den chilenischen Staat übernommen, doch rund zehn Prozent müssen über Spenden finanziert werden. – Doch hören wir noch einmal Karoline selbst:

„Damals überlegten wir mit den Frauen: „Was könnt ihr machen?“ Ich hatte vorgeschlagen: „Wir könnten stopfen.“ Sie sollten ihre kaputten Sachen mitbringen, aber keine der Frauen – wir waren etwa zwölf – hatte etwas mitgebracht. Sie sagten, sie hätten nichts zum Mitbringen, hatten gar kein Interesse daran, stopfen zu lernen. Unglücklicherweise sagte eine von uns Frauen daraufhin unglücklicherweise: „Aber in deiner Jacke ist doch so ein dickes Loch!“ Da hat sich die Frau mit der Jacke so geärgert und fühlte sich so beleidigt, dass sie weggegangen ist. Wir mussten lernen damit umzugehen, wie sich diese armen Menschen vor uns, die wir ihnen ja helfen wollen, verteidigen. Einer von uns fiel dann ein, dass sie ja auch noch andere Dinge mitgebracht hatte und sie fing an, den Armen Kreuzstich beizubringen. Und das war fantastisch. Wir haben dann diese Individuals für den Tisch gemacht und die Frauen waren fasziniert. Sie wollten auch den Anderen zeigen, was sie konnten. Dass daraus Werkstätten und eine richtige Schule für Frauen werden würde, konnten wir uns damals nicht vorstellen.

Verboten ist hier nur eines, nämlich zu sagen: „Ich bin nicht fähig. Ich kann nicht. Ich weiß nicht.“ Alle können etwas, alle wissen etwas und alle sind fähig zu etwas

In den späteren Jahren konnten wir den Frauen anbieten, dass sie nicht nur Kreuzstich lernen, sondern auch Stricken und Nähen. Eine Frau gibt eine Jacke ab, die verkauft werden soll, doch der eine Ärmel ist drei Zentimeter länger als der andere. Im ersten Moment ärgert sich die Frau: „Ich habe so viel gearbeitet. Ihr versteht das nicht!“ Sie besteht darauf: „Ich habe so viel gearbeitet!“ Aber mit Liebe und Festigkeit musste ich ihr sagen: „Nein, es ist ganz wichtig, dass du das noch einmal aufmachst. Ich kann das natürlich auch für dich tun. Ich kann den Ärmel jetzt auch so machen, dass es ordentlich ist, aber auf die Dauer ist das nicht möglich, denn du wirst dein Produkt nicht verkaufen können.“ Die Leute haben es gelernt, und das hat auch ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Sie merkten, dass sie etwas wert sind und dass sie etwas können, dass ihre Produkte auch verkauft werden können – zu einem guten Preis, wenn sie es gut machen. Wir haben an die Wände geschrieben: „Verboten ist hier nur eines, nämlich zu sagen: „Ich bin nicht fähig. Ich kann nicht. Ich weiß nicht.“ Alle können etwas, alle wissen etwas und alle sind fähig zu etwas.

Die Frauen haben so einen kleinen Horizont. Unsere Mission ist, mit ihnen einen größeren Horizont zu erreichen. Das bedeutet, dass die Frauen etwas dazulernen müssen, sich mit dem, was sie wissen, nicht zufriedengeben dürfen. Sie müssen dazulernen, vor allem, um auch den Kindern mehr vermitteln zu können. Talente sollen gefördert werden, von denen die Frauen sich manchmal gar nicht vorstellen können, dass sie in ihren Kindern schlummern. Unsere Aufgabe ist, die Frauen auf ihrem Weg zu begleiten, um den Kindern eine Erziehung zu ermöglichen, die ihnen Zukunft gibt und das Potential, das in ihnen steckt zum Blühen bringt. Aber der Weg ist noch lang. Er darf nicht von oben herunter bestimmt werden, sondern gemeinsam mit den Leuten. Sie sollen immer spüren, dass sie dabei sind. Ganz wichtig in unserer Mission ist, dass das, was uns prägt, die Liebe zum Menschen ist. Eine Liebe nicht nur auf emotionaler oder sentimentaler Ebene, sondern eine Liebe, die bereit ist, das Leben für den Anderen einzusetzen, ein Stück Leben für den Anderen zu geben. Das ist eines der Ziele. Mit diesem Dienst wollen wir auch viele andere in der Gesellschaft zum Mitträumen einladen.“

Die Ehrungen und die Ungerechtigkeiten

Soweit ein kurzer, unvollständiger Rückblick auf das segensreiche Werk und Wirken von Karoline Mayer im O-Ton und auf ihre große Stärke, Menschen anzuregen und zu begeistern.

Die Liste der bisherigen Auszeichnungen für die „Mutter Theresa von Südamerika“ ist schier endlos, hier die wichtigsten: Bundesverdienstkreuz am Bande, Schalompreis der katholischen Universität Eichstätt, Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, Kardinaal Augustin Bea-Preis, Kardinal Fringspreis, Göttinger Edithstein-Preis, Marion Dönhofpreis, Preis „Heldin des Friedens“ der Jesuitenuniversität Santiago de Chile, „Goldenes Herz“ von „Ein Herz für Kinder“.

Post Scriptum: Karoline Mayer musste auch Ungerechtigkeiten erleben und ertragen. Von einem RTL-Explosiv Fernsehteam wurde ihre Stiftung „Cristo vive“ vor Jahren angeklagt, Spendengelder veruntreut zu haben. Natürlich hatte die Missionarin nichts damit zu tun, wie sich später herausstellte.. Zweitens: In einer Fernsehreportage der ARD war es Schwester Karoline vor laufenden Kameras nicht gelungen, sich von sexuellen Übergriffen eines Priesters aus Deutschland – mit dem sie viel zusammengearbeitet hatte – zu distanzieren. Die gute Samariterin zeigte, wenn es um ihre eigenen Angelegenheiten geht, wenig Talent zur Selbsthilfe. Das ist Charaktersache. Karoline Mayer hatte darunter sehr gelitten und beschrieb die Episode als eine der dunkelsten Stunden in ihrem bisherigen Leben. Dennoch hält sie weiterhin oder gerade deshalb eisern an ihrem Motto fest: Das Geheimnis ist immer die Liebe.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich von vatican news veröffentlicht.

Blogbeiträge von Karoline Mayer