„Wenn der Wind vom Osten kommt, gibt es ein starkes Gewitter“

Das Glutnest in den separatistischen Gebieten der Ukraine kann jederzeit Feuer fangen und zum Schauplatz eines Weltkrieges werden.

Mein Großvater, der dieser Tage 90 Jahre vollendet hat, ist ein weiser Mann. Er hat uns, seinen Enkeln, schon als Kleinkindern verschiedene Lebensweisheiten beigebracht. Unter anderem lehrte er uns: Wenn dunkle Wolken vom Osten her den Himmel verdunkeln und der Wind aus dem Osten kommt, gibt es ein starkes Gewitter. Sehr oft haben wir dann in unserer Gegend, in der Westukraine, seine Worte als wahr erleben dürfen.

In unseren Tagen scheint sich diese Lebensweisheit nicht nur in direktem Sinn als wahr zu erweisen, sondern auch im übertragenen Sinn – und diesmal leider als Beschreibung der Wirklichkeit in der gesamten Ukraine. Bei unserem östlichen Nachbarn Russland wird gerade mit verschieden Mitteln politisch und militärisch geschürt und gewirbelt, um einen Tornado Richtung Westen auszulösen und möglichst viel beim Nachbarn wegzufegen und zu vernichten. Mehr als Hunderttausend Soldaten, schweres Militärgerät und Munition sind aus ganz Russland für angebliche Übungen an der ostukrainischen Grenze zusammengezogen worden. Dazu ein riesiges Aufgebot von russischen Streitkräften zu Land, zu Wasser und in der Luft für Übungen im Schwarzen und Asowschen Meer an der südlichen sowie in Belarus an der nordöstlichen Grenze der Ukraine.

Seit der Annexion der Krim im Jahr 2014 und der Separationsbestrebung von zwei Provinzen im Donbass ist die Ukraine in einen unsäglichen hybriden und indirekt realen Krieg mit Russland hineingezogen worden, und zwar besonders durch diese beiden abgespalteten und nur von Russland unterstützten und selbstverwalteten Regionen im Osten. Mehr als 14.000 Menschen sind seither durch diesen immer noch andauernden Konflikt in der Ukraine getötet worden. Eine große Welle von Binnenflüchtlingen ist eine gravierende Folge davon: 1,5 Millionen Menschen sind jetzt innerhalb der Ukraine auf der Flucht.  Und dies bei dem durch den Krieg wirtschaftlich ausgelaugten Staat und im Rahmen eines sozial labilen Gefüges, überstrapaziert durch die politischen Verhältnisse, die Korruption und das Oligarchensystem. Mit der Errichtung der separatistischen Gebiete ist in der Ukraine ein Glutnest entstanden, in dem es immer heißer wird. Es kann jederzeit Feuer fangen, sich in ein Großbrand verwandeln und im schlimmsten Fall zum Auslöser eines Weltkrieges werden!

Ja, die vom Osten aufziehenden Wolken verdunkeln den Himmel über der Ukraine immer mehr. Der Ostwind nimmt an Geschwindigkeit immer mehr auf, so dass die Farben der ukrainischen Fahne (Blau und Gelb), die für die leuchtende Sonne am hellblauen Himmel über den goldenen ukrainischen Weizenfeldern stehen, immer düsterer werden. Der Westen und die Welt sind nun alarmiert, da das Glutnest in der Ukraine aufzuflammen droht und der aufbrausende Wind aus dem Osten in jedem Augenblick das Glutnest entzünden könnte.

Wenn der Fall eines offenen kriegerischen Konfliktes eintreten sollte, dann besteht die Gefahr, dass Europa und die ganze Welt in einen neuen Weltkrieg hineingezogen werden. Dann gibt es nicht nur auf dem Territorium der Ukraine ein Unwetter ohne gleichen. Nach Prognosen von westlichen Politikern und Militärexperten würden bei einem solchen Krieg in den ersten Tagen und Wochen vermutlich bis zu 50.000 Menschen getötet werden; und noch einmal mehr als 5 Millionen Menschen als Flüchtlinge ihre Heimat verlieren. Dies wäre nur ein Anfang und eine Katastrophe für die Ukraine – und nicht minder für Russland und die ganze Welt. Es bestünde eine große Gefahr von dramatischen Unruhen auf dem ganzen europäischen Kontinent mit im Augenblick noch nicht abschätzbaren Folgen.

Von allen politischen Spielen und Ambitionen der regierenden politischen Eliten Russlands und des gesamten seit fast zehn Jahren andauernden kriegerischen Konflikts in der Ukraine sind konkrete Menschen mit ihren persönlichen Schicksalen betroffen. So geht es meinem Opa genauso wie vielen meiner Altersgenossen in der Ukraine: Unsicherheit und Angst vor einem großen Krieg begleiten die Menschen Tag und Nacht. Besonders groß ist die Angst davor, dass wieder viele Männer und Frauen an die Front müssen, für meinen Opa eine Vorstellung, die die alten schmerzlichen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg wachrufen.

Die Ukraine hat sich lange gerühmt, ohne Blutvergießen sich von der Sowjetunion losgelöst und ihre Unabhängigkeit 1991 friedlich erlangt zu haben. Doch die sowjetische Ideologie des Kalten Krieges ist östlich der Ukraine in den Untergrund gegangen, konnte wiedererstarken und holt die Ukraine ganz offensichtlich in diesen Tagen wieder ein. Sie verlangt nach Größe und Wiederherstellung eines antiwestlichen Imperiums, und scheut auch vor Menschenopfern nicht zurück. Vor diesem Hintergrund ist das russische Ignorieren der Interessen und Souveränität der europäischen Nachbarländer von der Ukraine über Polen, bis zum Baltikum und sogar Finnland und Schweden zu verstehen, die auf eine NATO-Mitgliedschaft und möglichst auch einen EU-Beitritt / -Mitgliedschaft verzichten sollten.

Die Ukraine ist ein plurales Land, und zwar in Weltanschauungen, politischer Willensäußerung, mit Freiheit des Wortes und der Religion. Dies ein wesentlicher und nicht zu unterschätzender Unterschied zu seinem großen Nachbarn im Osten, der sicherlich im Hintergrund des ganzen Vorhabens steht.

Was kann die Ukraine tun? Was dürfen sich die Menschen in dieser komplizierten Lage noch erhoffen? Wie kann die mehrheitlich christliche Bevölkerung der Ukraine zur Beilegung des Konfliktes beitragen?

Zwei Punkte waren in der Ukraine immer schon gegeben und sind seit dem Beginn der Krise 2014 ganz offensichtlich geworden. Trotz ihrer religiösen und vor allem christlich-konfessionellen Pluralität treten die Vertreter der jeweiligen Glaubensrichtungen und Kirchen auch heute gemeinsam auf. Die Kirchen stehen auf der Seite des Volkes, der Seite der erstarkten Zivilgesellschaft. Sie engagieren sich noch intensiver in den sozialen und humanitären Projekten und rufen konfessionsübergreifend zum Gebet für den Frieden in der Ukraine auf. Dies ist ein gutes Zeichen. So können die Menschen einerseits mit Unterstützung von Kirchen im sozialen Bereich rechnen, andererseits beten jetzt alle, dass die diplomatischen Bemühungen nicht abreißen und sie auch Früchte tragen. Sie beten darum, dass sich das Glutnest nicht zu einem Brand entwickelt, dass in der Region endlich der Friede einzieht und das gegenseitige Miteinander möglich ist, vor allem, dass es zu keinem Krieg in Europa kommt. Vielleicht kann aus dem Zankapfel Ukraine doch eine Vision des Brückenbaus werden, dass langfristig auch Russland begeistern und dem Westen näherbringen kann.

Vor diesem Hintergrund ist die Gebets-Initiative der Solidaritätsaktion Renovabis der deutschen Katholikinnen und Katholiken mit den Menschen in Süd- und Osteuropa ein großartiges Zeichen! Wir tragen sie gerne mit und schließen uns diesem deutschlandweiten Gebet am Freitag, 18. Februar 2022, in Eichstätt an!

Überleben auf den Straßen der Amazonas-Metropole Manaus

Rund 20.000 Venezolaner sind vor politischer Verfolgung, Hunger und wegen der fehlenden Gesundheitsversorgung nach Brasilien geflohen. Ordensfrauen und kirchliche Einrichtungen sind ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft

Er mit dem Einkaufswagen, sie mit einem Karren aus Aluminium: So ziehen die Venezolaner Jesús Parra und Rossmary Gallardo durch die brasilianische Millionenstadt Manaus, um etwas Geld zu verdienen. Ihre Kinder, die fünfjährige Jessmary und der einjährige Keyler, sind immer dabei.

Jesus Parra (28) und Rosmary Gallardo (22) sind mit ihren beiden Kindern aus Venezuela geflohen und suchen in Manaus nach neuen Perspektiven. Sie verkaufen auf der Straße getrocknete Früchte und Kaffee. Rosmary benötigt medizinische Betreuung. Unterstützt und begleitet werden sie von der Migrantenpastorale der Scalabrianer-Schwestern
Jesus Parra (28) und Rosmary Gallardo (22) sind mit ihren beiden Kindern aus Venezuela geflohen und suchen in Manaus nach neuen Perspektiven. Sie verkaufen auf der Straße getrocknete Früchte und Kaffee. Rosmary benötigt medizinische Betreuung. Unterstützt und begleitet werden sie von der Migrantenpastorale der Scalabrianer-Schwestern. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Mitten in der Nacht steht die Familie auf. Anstelle von Limonen, Orangen, Mangos und Avocados legt Jesús heute nur in Tütchen abgepackte Bananenchips in seinen Wagen. Er hatte kein Geld, um frische Früchte zu besorgen. Rossmary kocht Kaffee und füllt ihn mit viel Zucker in mehrere Thermoskannen. Um zwei Uhr machen sie sich auf in die Dunkelheit einer Stadt, die neu für sie ist und deren Sprache und Regeln sie kaum kennen. Ihr Ziel ist der große Markt am Ufer des Amazonas. Zwischen Händlern, Verkäufern und Trägern bahnen sich Rossmary und Jesús ihren Weg. Immer in der Hoffnung, dass jemand einen Kaffee für einen Real (umgerechnet ca. 15 Cent) bei ihr bestellt, oder ihm eine Tüte der frittierten Bananenchips als Snack abkauft.

Rund um den Markt von Manaus gibt es Hunderte Menschen wie Jesús und Rossmary. Sie alle versuchen, sich im informellen Sektor zu behaupten. Viele sind aus Venezuela geflüchtet. Schätzungen zufolge leben mittlerweile 20.000 Menschen aus dem nördlichen Nachbarland in der Großstadt.

„Alles ist besser als Venezuela“, meint der 28-Jährige. Er und die 22-jährige Rossmary haben Ende 2020 ihre Heimat verlassen. „Hambre!“, antworten sie auf die Frage nach den Gründen: „Hunger!“. „Wir hatten nicht mehr genug Geld, um uns zu ernähren. Alles ist teuer in Venezuela und die Preise steigen ständig“, sagt Jesús. Hinzu kam, dass Rossmary seit der Geburt ihres Sohnes unter Unterleibsschmerzen leidet. An eine medizinische Versorgung in Venezuela war nicht zu denken. „Es gibt keine Medikamente mehr“, sagt sie.

Aber es gibt auch politische Gründe für die Flucht: Als Techniker bei der venezolanischen Luftwaffe wartete Jesús russische Kampfhubschrauber. „Ich wollte der Maduro-Regierung nicht mehr dienen“, sagt er. Also desertierte er.

Mit dem Bus reiste das Paar 1.600 Kilometer quer durch Venezuela. Sie bezahlten einen Schlepper, der sie nachts über die Berge der Grenzregion brachte. Als ihre Gruppe vor der Polizei flüchten musste, verloren sie ihre Tochter. Erst einige Stunden später fanden sie Jessmary wieder. Eine andere Flüchtlingsgruppe hatte die Fünfjährige gefunden. „Ich bin vor Angst fast gestorben“, erzählt Rossmary. Während der dramatischen Flucht löste sich auch noch die Sohle einer ihrer Turnschuhe. Sie trägt ihn noch immer, weil sie keine anderen Schuhe hat.

Essensausgabe mit Erzbischof Dom Leonardo Steiner. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Um die Mittagszeit zählt das Paar ihre dürftigen Einnahmen. „Vor der Pandemie waren es manchmal 50 bis 80 Real pro Tag“, sagt Jesús, zwischen acht und zwölf Euro. Aber durch Corona seien die Einnahmen stark geschrumpft. Es sind einfach viel weniger Menschen unterwegs.

Die Familie hat Hunger und reiht sich in eine Schlange ein, in der schon andere Venezolaner warten. Die Obdachlosen-Pastoral bietet jeden Tag neben einer Kirche ein warmes Mittagessen an: Hühnchen mit Reis und Bohnen. Obwohl Jesús und Rossmary nicht obdachlos sind, bekommen auch Bedürftige wie sie hier eine Mahlzeit. Hin und wieder hilft Dom Leonardo Steiner, der Erzbischof von Manaus, persönlich bei der Essensausgabe. Der 70-jährige Franziskaner sieht es als seine Pflicht an, persönlich mit anzupacken. „Manaus hat große soziale Probleme, die Kirche muss zu den Menschen gehen.“

Als Jesús und Rossmary sich auf die Stufen der Kirche setzen, um zu essen, gesellt sich der Erzbischof dazu. Sie berichten, dass sie ohne die täglichen Mittagessen der Kirche während der Pandemie Hunger gelitten hätten, und dass sie sehr dankbar seien. Dom Leonardo hört ihnen aufmerksam zu. Er ist niemand, der sich in den Vordergrund drängt.

Rossmary sieht schwach aus, wirkt abgemagert. Doch bislang traute sie sich nicht, zum Arzt zu gehen, weil sie und Jesús noch nicht in Brasilien registriert sind. Um das Problem zu lösen, suchen sie nun die Migranten-Pastoral von Manaus auf. Von anderen Venezolanern haben sie gehört, dass die Schwestern des Scalabrinianerinnen-Ordens Flüchtlingen wie ihnen helfen.

Schwester Dinair Pereira und Schwester Gema Vicense raten Rossmary und Jesús, sofort eine Steuernummer zu beantragen. Nur so hat man in Brasilien Zugang zu Sozialleistungen. Als Schwester Dinair von den Beschwerden Rossmarys hört, ruft sie sofort einen kubanischen Arzt an. Er arbeitet als Freiwilliger für die Migranten-Pastoral, die ihm selbst einst half, in Brasilien zu bleiben. Er untersucht Rossmary am nächsten Tag und sagt, dass sie eine MRT-Untersuchung (Magnetresonanztomographie) machen müsse. Doch der nächste freie Termin in einem öffentlichen Krankenhaus ist erst in sechs Monaten. Also bezahlt Schwester Dinair kurzentschlossen eine private Untersuchung für die junge Frau. Es stellt sich zudem heraus, dass Rossmary eine schwere Blaseninfektion hat, außerdem Anämie und Darmparasiten. Schwester Dinair besorgt auch die Medikamente für sie.

„Wir begleiten die Migranten sehr eng“, sagt die kleine energische Frau. „Viele fühlen sich am Anfang verloren und brauchen Unterstützung.“ Sie will heute Rossmary und Jesús besuchen. Das Paar wohnt in einem Zimmer in einem recht verwahrlosten Haus im alten Zentrum der Stadt. „Hier leben viele Venezolaner“, sagt Schwester Dinair. Die Hälfte des kleinen Raums nimmt die Matratze auf dem Boden ein, es gibt ein Bad, in dem das Wasser nicht läuft, und zwei Elektroplatten zum Kochen. 300 Real zahlen sie monatlich an Miete, das sind umgerechnet ca. 50 Euro. „Wenn es regnet, tropft es durch die Decke“, klagt Jesús.

Jesus Parra (28) und Rosmary Gallardo (22) mit ihren beiden Kindern in ihrer Unterkunft. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Schwester Dinair hilft dem Paar, einige Dokumente zu sortieren, die sie in Brasilien gebrauchen können. Jesús erzählt, dass er gerne wieder als Helikopter-Techniker arbeiten würde. Aber werden seine Diplome in Brasilien anerkannt? Dinair ermutigt ihn, seine Zeugnisse zusammenzusuchen, und sich beim Flughafen vorzustellen. „Es ist wichtig, dass die Immigranten in Bewegung bleiben“, sagt sie. „Sonst besteht die Gefahr, dass sie resignieren.“ Die Migranten-Pastoral hilft ihnen, diesen kritischen Moment zu überwinden.

Auch Rossmary hofft, dass sie sie ihr Studium in Rechnungswesen in Brasilien beenden kann. Bis dahin, das weiß sie, ist es noch ein langer Weg. Aber sie möchte ihn gehen.

Adveniat-Weihnachtsaktion 2021: ÜberLeben in der Stadt

80 Prozent der Menschen in Lateinamerika und der Karibik leben bereits heute in den Städten. Und die Landflucht hält weiter an. Doch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft wird häufig enttäuscht. Das Leben der Indigenen, Kleinbauern und Klimaflüchtlinge am Stadtrand ist geprägt von Armut, Gewalt und fehlender Gesundheitsversorgung. Und wer arm ist, kann für seine Kinder keine gute Ausbildung bezahlen. Mit seinen Projektpartnern, wie zum Beispiel Ordensleuten und pastoralen Mitarbeitern, durchbricht das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat die Spirale der Armut: durch Bildungsprojekte in Pfarrgemeinden insbesondere auch für Frauen und Kinder, Menschenrechtsarbeit und den Einsatz für faire Arbeitsbedingungen. Unter dem Motto „ÜberLeben in der Stadt“ rückt Adveniat mit seiner diesjährigen Weihnachtsaktion die Sorgen und Nöte der armen Stadtbevölkerung in den Blickpunkt. Schwerpunktländer sind Mexiko, Paraguay und Brasilien. Die Eröffnung der bundesweiten Adveniat-Weihnachtsaktion fand am 1. Advent, 28. November, im Bistum Münster statt. Die Weihnachtskollekte am 24. und 25. Dezember in allen katholischen Kirchen Deutschlands ist für Adveniat und die Hilfe für die Menschen in Lateinamerika und der Karibik bestimmt. Spendenkonto bei der Bank im Bistum Essen, IBAN: DE03 3606 0295 0000 0173 45 oder unter www.adveniat.de.

Diaspora-Aktion 2021: Familienzentrum in Thüringen

Das Familienzentrum „Kloster Kerbscher Berg“ in Dingelstädt im thüringischen Eichsfeld bietet Familien, Alleinerziehenden und Kindern einen Ort der Begegnung und der Bildung und steht Interessierten aller Konfessionen offen. Es wird vom Bistum Erfurt getragen und durch die bundesweite Diaspora-Aktion 2021 unterstützt. Auf der Grundlage christlicher Wertvorstellungen begleiten und stärken die Mitarbeiterinnen Familien in ihren individuellen Lebens- und Entwicklungsphasen. So sollen Räume eröffnet werden, an denen Menschen in Gemeinschaft ihren Interessen nachgehen, ihre Fähigkeiten erweitern und für andere einsetzen können. Da die Einrichtung gerade in ihrem religiösen Angebot großes sinnstiftendes Potential für die Familien sieht, soll dieses nun erweitert und unter anderem die angrenzende ehemalige Klosterkirche der Franziskaner zu einer Kirche für Familien umgebaut werden. Unterstützung erhält das Familienzentrum vom Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken, das die Einrichtung als ein Beispielprojekt für die diesjährige bundesweite Diaspora-Aktion unter dem Leitwort „Werde Liebesbote“ ausgewählt hat.

Von dem knapp 4.500 Einwohner zählenden Ort Dingelstädt führt ein schmaler, liebevoll mit über 100 Jahre alten Tuffsteingrotten gestallter Weg, entlang eines alten Kreuzweges, hinauf zum Kerbscher Berg. Oben angekommen fällt der Blick direkt auf das Familienzentrum und die alte Klosterkirche der Franziskaner, die diesen Ort im Jahr 1994 verlassen haben. Seit dem ist der Berg weniger von Stille geprägt als vielmehr von lautem Kinderlachen, das vom Spielplatz im Klostergarten rund um das Gebäude auf den Vorplatz schallt. An diesem einladenden Ort fühlen sich nicht nur die Kinder, sondern auch ihre Familien wohl.

Zu den Besuchern zählen auch Melanie und Matthias Kraushaar mit ihren vier Töchtern Theresia, Hannah, Antonia und Emilia. Regemäßig kommen sie hierher, um sich für einige Stunden dem Alltag zu entziehen, mit ihren Kindern zu spielen, mit anderen Familien ins Gespräch über ihren Glauben zu kommen oder auch um den Kreuzweg zu gehen. „Hier fühlen wir uns wohl und angenommen. Wir genießen nicht nur die gemeinsamen Stunden, sondern auch die Gottesdienstfeiern und das umfangreiche Angebot“, sagt Melanie Kraushaar.

So wie die Familie Kraushaar kommen jährlich bis zu 12.000 Menschen in das Familienzentrum. Das Angebot ist breit gefächert und reicht von Eltern-Kind-Kursen, über Sprachkurse, Beratungs- und Trauergespräche, Sportangebote bis hin zu kreativen Handwerks- und Glaubenskursen. „Bei uns sind alle willkommen, angefangen von Alleinerziehenden, Eltern mit ihren Babys, Kindern und Senioren bis hin zu geflüchteten Menschen. Sie alle sollen hier eine gute Zeit haben, sich angenommen und wertgeschätzt fühlen“ sagt die Leiterin des Familienzentrums, Pia Schröter, die mit ihren fünf pädagogischen Mitarbeiterinnen für die Programmgestaltung verantwortlich ist. Unterstützt werden sie in ihrer Arbeit von 40 ehrenamtlichen Kräften aus der Region.

Ein seit Jahren fester Baustein des Angebots sind die sogenannten PEkiP-Kurse. „Das Prager Eltern-Kind-Programm ist ein Konzept für die Gruppenarbeit mit Eltern und ihren Kindern im ersten Lebensjahr, das im Rahmen einer Krabbelgruppe den Prozess des Zueinanderfindens unterstützen soll und auf eine Frühförderung der Babys sowie einen Erfahrungsaustausch der Eltern abzielt“, erklärt Ruth Gries die Intention hinter den Kursen. Derzeit bietet sie acht Kurse pro Woche an. „Wir möchten den Eltern ein zweites zuhause geben. Hier können sie sein wie sie sind. Alle sind willkommen, auch Menschen, die einen anderen Glauben leben“, fügt Gries hinzu.

Die Mitarbeiterinnen der Familieneinrichtung nehmen seit einigen Jahren ein gesteigertes Interesse der Besucherinnen und Besucher an zeitgemäßen spirituellen Angeboten wahr. „Dieses Angebot möchten wir nun weiter ausbauen. Wir sind froh darüber, dass wir mit Pastor Hubert Müller einen Ruheständler hier auf dem Berg haben, so dass wir regelmäßig Familiengottesdienste feiern können“, sagt die Leiterin des Familienzentrums, Pia Schröter. Häufig werden auch Projekttage der Kindertageseinrichtungen und Schulen aus der Region auf dem Berg durchgeführt. Besonders schön sei es, wenn am Ende eines solchen Tages ein Segen dabei sei, sagt Schröter.

Dass der Kerbsche Berg für den Glauben in der Region eine wichtige Rolle spielt, zeigt sich nicht nur an der gesteigerten Nachfrage nach christlichen Angeboten, sondern auch daran, dass dieser Ort mehrfach jährlich Zielort diözesaner Wallfahrten ist. Dazu zählen eine Frauenwallfahrt mit bis zu 1.800 Teilnehmerinnen, mehrere Kinderwallfahrten mit insgesamt rund 4.000 Kindern und eine Wallfahrt für Menschen mit geistigen oder körperlichen Beeinträchtigungen mit circa 600 Teilnehmern.

„Der Umbau der Klosterkirche zu einer Familienkirche ist daher eine logische Konsequenz“, berichtet die Seelsorgeamtsleiterin des Bistums Erfurt, Dr. Anne Rademacher. Vorgesehen ist, die Kirche offener und einladender zu gestalten, indem unter anderem die Sitzbänke nicht mehr in der Mitte des Innenraums, sondern rund herum an den Wänden stehen werden. Der Umbau ermöglicht somit eine neue und auf die Familien abgestimmte Teilnahme an den liturgischen Feiern und zugleich bietet die Kirche die Möglichkeit zu neuen Formen der Zusammenkünfte und Glaubenserfahrungen.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Kirche auf dem Kerbscher Berg erneuert wird. Der ursprüngliche Ausdruck Kirchbergischer Berg weist darauf hin, dass auf diesem Berg seit alten Zeiten eine Kirche stand, die zunächst dem Hl. Martin geweiht war. 1824 wurde sie umgestaltet und hieß danach zum Hl. Kreuz. Als von 1864 bis 1994 Franziskaner auf dem Berg wohnten, erneuerten sie die Kirche und weihten sie dem Franziskanerpater Hl. Petrus Baptista und Gefährten. Diese starben im Jahr 1597 als Märtyrer in Japan. Doch der nun anstehende Umbau bringt ein Novum mit sich. Erstmals wurden in den Abstimmungsprozess zur Umgestaltung der Kirche auch die Familien eingebunden, die regelmäßig in die Einrichtung kommen und die Gottesdienste mitgestalten. Sie durften mitdiskutieren und konnten so ihre eigenen Ideen in die Planungen mit einbringen.

Zu ihnen gehört das Ehepaar Lydia und Thomas Opfermann aus Dingelstädt. Ehrenamtliches Engagement und der regelmäßige Besuch gemeinsamer Familiengottesdienste auf dem Berg sind feste Bestandteile in ihrem Leben. „Wir kommen häufig hierher. Wir können uns einbringen und wir genießen es zugleich, gemeinsam mit unseren Kindern, unsere Freizeit rund um die Kirche zu verbringen. Für uns ist diese Kirche ein wichtiges Stück Heimat. Hier können wir ankommen, fühlen uns wohl und spüren das Erhabene des Glaubens“, sagt Lydia Opfermann.

Als das Ehepaar gefragt wurde, ob sie sich bei den Überlegungen zum Umbau mit einbringen wollten, mussten sie nicht lange über die Antwort nachdenken. „Der Mensch braucht für seine spirituelle Suche und Erfahrung Räume und Orte. Uns ist es wichtig, dass die Kirche, auch nach dem Umbau ein Ort des Gottesdienstes, der Gottesbegegnung und des Gebetes bleibt. Die Kirche soll den Charakter eines Kirchenraums behalten, sie soll gleichermaßen bestehende Hemmschwellen abbauen und für die jüngere Generation offenstehen“, beschreibt Thomas Opfermann seine an den Umbau geknüpften Hoffnungen.

Unterstützt wird das Familienzentrum Kerbscher Berg beim Umbau der Klosterkirche durch das Bonifatiuswerk, das 40.000 Euro zur Verfügung stellt und bereits die Renovierung der Einrichtung im Jahr 2008 mit 200.000 Euro gefördert hatte. „Wir haben den Kerbscher Berg bewusst als ein Beispielprojekt für die diesjährige bundesweite Diaspora-Aktion unter dem Leitwort „Werde Liebesbote!“ ausgewählt. Christliche Liebe ist immer ein Beziehungsgeschehen, ja sogar ein Gemeinschaftsgeschehen. Als Christinnen und Christen gehört es zu unserer Identität, im Geist der Liebe Gottes Glaubensgemeinschaft zu bilden und diese Gemeinschaft zu einer echten Liebesgemeinschaft zu entwickeln. Liebe hat auch mit Vertrauen zu tun, Vertrauen mit Geborgenheit und Geborgenheit mit einem Zuhause. Die Familien aus der Region finden auf dem Kerbscher Berg eben dies, ein Zuhause“, schildert der Generalsekretär des Bonifatiuswerkes, Monsignore Georg Austen, die Intention, warum das Hilfswerk die Einrichtung fördert.

Das Thema „Werde Liebesbote“ passt wirklich sehr gut zu uns. Bei uns sollen Kinder, Familien und Alleinerziehende spüren, dass sie willkommen und geliebt sind. Jeder kann kommen und darauf vertrauen, dass er nicht zu kurz kommt. Dabei ist unser Glaube der Grundstein für unsere Beziehungen – zu unseren Mitmenschen und zu Gott. Wir danken allen Katholikinnen und Katholiken in ganz Deutschland, die uns in den zurückliegenden Jahren gefördert haben und denen, die uns in diesem Jahr unterstützen“, sagt Pia Schröter.

Dass gerade die Familie auf dem Kerbscher Berg im Mittelpunkt steht, zeigt sich an vielen Orten auf dem Gelände, so auch im ehemaligen Klostergarten. Zentral in der Mitte steht ein großes Holzschild, an dem jeder Besucher zwangsläufig vorbeikommt. Als Überschrift ist zu lesen Familienregeln. Darunter sind mehrere Regeln beschrieben, die das Miteinander in der Einrichtung sehr gut auf den Punkt treffen. Die ersten drei lauten: „SEID DANKBAR, LIEBT EUCH und Helft Euch gegenseitig.“

Um Gott gleich zweimal nahe zu sein …

Um Gott gleich zweimal nahe zu sein, bin ich im vergangenen Sommer nach Georgien gereist. Am Sonntag, den 29. August, wurde unser ehemaliger Kollegiat, Givi Lomidze, zum Priester geweiht. Mit dem Segen des georgischen Katholikos-Patriarchen Ilia II. spendete die Priesterweihe der Hochwürdigste Bischof Dositheos, der georgisch-orthodoxe Bischof von Belgien und Niederlanden, der zu diesem Ereignis eigens nach Georgien anreiste. Die Weihe fand im georgisch-orthodoxen Kloster Schio Mgwime bei Mtskheta, der ehrwürdigen Althauptstadt und dem geistlichen Zentrum der Georgisch-Orthodoxen Kirche statt. Wer die Bücher von Martin Mosebach kennt, besonders das Buch „Als das Reisen noch geholfen hat“ (DTV 2014) kann über die orthodoxe Mönchsgemeinschaft von Schio Mgwime mehr erfahren, besonders von der strengen Führung durch den Abt und von den einfachen Bedingungen.

An der Weihe nahm neben den Verwandten, Bekannten und Freunden des Weihekandidaten in Georgien auch eine kleine Delegation aus der Schweiz, Deutschland und Österreich teil, darunter Prof. em. Dr. Martin George, Prof. em. Stephan Horn, Frau Prof. Dr. Michaela Hastetter vom Wiener Studienhaus St. Johannes von Damaskus und Erzpr. Dr. Oleksandr Petrynko als Vertreter der Collegium Orientale Eichstätt. Auch die beiden Liz. theol. – ehemalige Kollegiaten – Erekle Turkadze und Shota Kintsurashvili waren erfreulicherweise bei der Priesterweihe anwesend. Dem älteren Bruder des Weihekandidaten, Vater Davit, der selber Priester ist, kam bei dem Gottesdienst eine besondere Aufgabe zu: Er führte den zu Weihenden beim Weiheritus zum und um den Altar herum (auf den Fotos ist es der Erzpriester im roten Phelonion).

P. Dr. habil. Ephräm kam 2008 als einer der zwei ersten georgischen Studenten des COr nach Eichstätt. Er erlernte hier die deutsche Sprache und schloss seinen Studienaufenthalt erfolgreich ab, indem er 2015 seine Promotion verteidigte. Danach ging er nach Wien in das bereits erwähnte Studienhaus, dessen Leitung er zusammen mit Frau Prof. Hastetter bis heute innehat. Neben seiner Dozententätigkeit in Trumau beschäftigte er sich in den letzten Jahren intensiv mit dem Thema der apostolischen Sukzession seiner Georgisch-Orthodoxen Kirche. Dies tat er im Rahmen seiner Habilitation, die er in diesem Sommer vor der Priesterweihe an der Theologischen Fakultät der Universität Wien ebenso erfolgreich abschloss.

Für einen Gast, der römisch-katholisch ist und im byzantinischen Weiheritus und in seiner Liturgie nicht bewandert ist, war bei der Weiheliturgie sicherlich alles neu, besonders und erlebnisreich. Für mich als einen Angehörigen des byzantinischen Ritus stellte zwar der Ritus und die gesamte Liturgie nichts Ungewohntes dar. Und doch war vieles anders und besonders.

Im Rahmen der Pandemie war dies meine erste Auslandsreise nach langer Zeit der corona-bedingten Stille. So durfte ich den mir gewohnten Ritus unter den neuen Bedingungen intensiv erleben. Dazu zählen die Begebenheiten wie eine große Klosterkirche, die kaum gefüllt war, und die allermeisten Gottesdienstbesucher, die Mundschutz trugen und weit auseinanderstanden. Dies vermittelte uns, den Angereisten aus Deutschland in ein Hochrisikogebiet, eine gewisse Sicherheit. Man konnte von der Atmosphäre des durchwegs Georgisch gesungenen Gottesdienstes sich wunderbar tragen lassen. Der Gesang war wirklich himmlisch (s. Videos im Anhang!). Gesungen wurde nur von einer kleinen fünfköpfigen Männer-Schola, die normalweise an der alten Patriarchenkirche (in der kommunistischen Zeit) und heute Seminarkirche in Tbilisi (Tiflis) singt und die heute der Einladung des weihenden Bischofs hierher folgte.

Der gesamte Weihegottesdienst war für mich als Rektor und persönlich eine Gotteserfahrung schlechthin. Neben Seiner Gegenwart im Sakrament der Eucharistie und der Weihe beschäftigte mich durchgehend der Gedanke über den Weihekandidaten. Der Werdegang von Givi / P. Ephräm Lomidze mit seinem Studienaufenthalt im Collegium Orientale in Eichstätt, seine derzeitige Beschäftigung in Wien zum Wohl der Kirchen, aber auch die beiden anderen anwesenden Kollegiaten Erekle und Shota gaben mir Antwort auf eine wichtige Frage. Nämlich: Was ist der Beitrag des Collegium Orientale für die Heimatkirchen der Studierenden, die zu uns nach Eichstätt kommen. An diesem Weihetag wurde es mir gleich an drei Beispielen konkret klar, dass das Engagement des Bistums Eichstätt und somit der deutschen Katholiken und Katholikinnen für die Ostkirchen lohnenswert und wertvoll ist. Denn ich wurde Zeuge, wie der eine der Absolventen für seine Heimatkirche geweiht wurde und eine leitende Position in einer akademischen Institution übernimmt. Ein anderer berichtete bei festlichen Mittagessen davon, dass er an einer der staatlichen Universitäten in Tbilisi als Dozent für Sozialethik tätig ist und wie sehr ihm die Arbeit mit den Studenten gefällt. Der Dritte ist zuständig für den äußeren und inhaltlichen Aufbau eines Fortbildungszentrums für Jugendpastoral und arbeitet diesbezüglich mit den kirchlichen und staatlichen Stellen.

So durfte ich dankbar die Liturgie feiern und die Gemeinschaft der ehemaligen Kollegiaten und ihrer Gäste genießen. Denn in den Gesprächen und Begegnungen wurde mir klar, wie Gott unseren Einsatz in Eichstätt begleitet und segnet.

Doch bietet Georgien über die Menschen und den orthodoxen Gottesdienst hinaus auch eine andere Möglichkeit für die Begegnung mit Gott. Die Natur und der große Kaukasus, die Berge im Norden Georgiens, sind eine willkommene Gelegenheit für Wanderungen und Bergsteigen. So habe ich mich entscheiden, an die dienstlich absolvierten Termine Bergwanderungen mit Besteigen des Kazbek (5033 ü.d.M.) anzuschließen. Und das war richtig so. Auch wenn das Vorhaben für den Körper eine Herausforderung darstellt, möchte ich diese Erfahrung im Nachhinein betrachtet in meinem Leben nicht missen. Das ganze Besteigungsprogramm betrug lediglich sechs Tage. Doch zehren werde ich davon sicherlich mein ganzes Leben lang. Denn die Erfahrungen, die bei solchen Bergwanderungen und Besteigungen gemacht werden, sind unbeschreiblich, unersetzlich und unvergesslich.

Das Wertvollste dabei sind folgende Dinge: Der Geist kann bei einer solchen Beschäftigung gänzlich herunterfahren und die gewöhnlichen Belastungen ablegen. Die Seele befreit und erholt sich und kann sich auf die wunderschöne Natur konzentrieren, sich auf die Großartigkeit der Erde und des Himmels besinnen und so Gott näher kommen. Auch die Gespräche mit anderen Teilnehmern der Bergsteigergruppe bringen einen auf andere Gedanken und zeigen, was die Menschen in anderen Ecken der Welt aktuell beschäftigt, was ihre Freuden, Sorgen und Nöte sind. Dies ließ tatsächlich auch mich Einiges in meinem Leben und Wirken neu sehen und bewerten, wofür ich sehr dankbar bin.

In den ruhigen Stunden der Akklimatisierung war ich oft allein und für mich da, ohne Internet- und Handyempfang. Etwas ungewohnt und doch herrlich! Diese habe ich als sehr wertvoll empfunden, als Zeiten des persönlichen Gebetes und der Betrachtung. Mit Skepsis hatte ich vor der Reise zwei Bücher, von zwei Freunden in diesem Jahr empfohlen, als Lektüre eingepackt. Doch war froh, diese dabei zu haben. In dieser Woche habe ich die beiden verschlungen, mit großem Interesse und geistigem Gewinn.
Vor allem begleitete mich bei dem für den Körper intensiven Bergsteigen das Gefühl der Dankbarkeit, des aufrichtigen Dankes Gott und den Mitmenschen gegenüber. Dankbar für die Mitmenschen, mit denen ich jeden Tag zu tun habe, und die ich auf der Fahrt und beim Bergsteigen neu kennenlernen durfte. Dankbar für die Menschen, die mir mit Gebet und Tatkraft im Hintergrund beistehen und vor allem für diejenigen, die mich Tag für Tag mit meinen Unzulänglichkeiten ertragen. Dankbar, dass Gott uns bei unseren Mühen und trotz unserer Untreue und Verwirrung treu bleibt und dies an verschiedenen Zeichen sichtbar macht. Dankbar meinen Eltern gegenüber, dass ich von ihnen die körperliche Verfassung erhielt, das Bergsteigen überhaupt unternehmen zu können. Dankbar für die hohen Berge, dankbar für den immerwährend liegenden Schnee auf den Gletschern des Kaukasus und für herrliche Sonnenaufgänge, vor allem auch für die gute Witterung in den Tagen der Reise. Dankbar für die Reise insgesamt, die für mich mit zwei ganz unterschiedlichen Gipfeln gekrönt war, einerseits der Priesterweihe und andererseits dem Besteigen des Kazbek. Dankbar, dass ich bei beiden Unternehmungen die Hand Gottes und seine Begleitung verspüren durfte. Dankbar, dass ich dadurch Kraft schöpfen konnte, um an meine täglichen Aufgaben mit frischem Elan herangehen zu können. Dankbar auch für die Zuversicht, dass Gott uns immer nahe ist, auch wenn wir seine Zeugnisse nicht immer und nicht an jedem Ort wahrnehmen wollen, können oder imstande sind.

40 Jahre AK Shalom für Gerechtigkeit und Frieden – Shalompreisverleihung 2021

Der Arbeitskreis Shalom für Gerechtigkeit und Frieden an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wird in diesem Jahr 40 Jahre alt. Er wird von Studierenden und drei Eichstätter Bürgerinnen getragen. Margarete Müller, das älteste Mitglied (Jahrgang 1933) ist seit 1985 dabei. Sie kam zum AK Shalom, weil eine ihrer Töchter sie bat, sie rechtzeitig zum nächtlichen Friedensgebet in der Schutzengelkirche zu wecken. Die Mutter entschied, auch dorthin zu gehen. Am nächsten Morgen sagte sie zu ihren Kindern, sie habe sich gewundert, dass keine Bürger aus Eichstätt da waren, auch kein Geistlicher. Die Kinder rieten ihr, doch einen Leserbrief zu schreiben. Ganz gegen ihre Gewohnheit schrieb sie diesen, der mit der Überschrift ‚Frieden nicht gefragt?‘ im Eichstätter Kurier veröffentlicht wurde. Von da an wurden AK-Mitglieder auf sie aufmerksam und sie engagiert sich bis heute. Jahre lang waren die Gäste aus aller Welt bei Müllers untergebracht. Die sogenannten Shalom-Tücher, aus Wollresten gestrickte Dreieckstücher, die gegen eine Spende verkauft werden, sind für die 88-Jährige heute ein Beitrag, den sie mit Freude leistet.

Gegründet wurde der AK von Studenten der Theologie. Sie waren vor allem von der Theologie der Befreiung und der Umsetzung christlicher Ideale inspiriert. Das Wort Shalom bedeutet im Hebräischen mehr als Frieden. Es bedeutet Frieden, der nur in Gerechtigkeit möglich ist.

Als der AK Shalom sein 25-jähriges Jubiläum feierte, war ein Team des Bayerischen Rundfunks vor Ort. Ein Redakteur sagte nach dem Drehen, wie ungewöhnlich es sei, dass eine Gruppe so lange bestehe und immer wieder wechselnde, neue Mitglieder zähle. Inzwischen sind auch wissenschaftliche Mitarbeiterinnen, die als Studentinnen zum AK Shalom kamen, dabei. Es gibt keine Vorsitzenden, keinen Kassenwart etc. Jedes Mitglied des AKs macht die Arbeit, die ihr oder ihm liegt. Welches Projekt ausgewählt wird, wird demokratisch entschieden.

Der Shalompreis ist einer der höchstdotierten Menschenrechtspreise in Deutschland. Neben den drei großen institutionellen Spendern – Bistum Eichstätt, Oswald-Stiftung und Rotary Club Eichstätt – setzt sich das Preisgeld aus vielen kleineren und größeren Spenden von Privatpersonen zusammen. Alle Kosten, wie Flüge, Flyer, Unterbringung der Gäste, bezahlen die Mitglieder aus ihrer eigenen Tasche. Den Mitgliedern ist der Kontakt zu den Preisträgerinnen und Preisträgern sehr wichtig. Sie berichten weiter über ihre Projekte. Auch private Kontakte entstanden dabei.

Wie gefährdet viele der Preisträgerinnen und Preisträger waren und sind, zeigen zwei Beispiele: Pfarrer Ngyuen Van Ly aus Vietnam, erhielt den Preis 2004 in Abwesenheit. Die Shalom-Gruppe stellte bei der Preisverleihung einen leeren Stuhl auf, weil er von der vietnamesischen Regierung in einem Arbeitslager interniert worden war. Die Preisträgerin von 2012, Berta Cáceres, wurde 2016 wegen ihres Einsatzes für die indigenen Völker in Honduras ermordet.

Margit Stein, ehemaliges AK-Mitglied und Unterstützerin, die heute Professorin für Pädagogik in Vechta ist, berichtet zum Beispiel, dass sie noch immer Kontakt zum Projekt von Yanette Bautista in Kolumbien hat, das 1998 den Shalompreis erhielt. Mit dem Preisgeld begann ein Projekt, das sich für Angehörige von Vermissten und Verschleppten einsetzt und Menschenrechtsarbeit in Kolumbien fördert.

Als Studentin war ich in den Jahren 1988 bis 1989 Mitglied. Der Preisträger des Jahres 1989 war der CIMI (der Indigene Missionsrat in Brasilien). Stellvertretend für den CIMI nahm der renommierte Theologe Paulo Suess den Preis 1989 entgegen. Ihn traf ich im März 2016 bei einer Tagung im Priesterseminar in Eichstätt wieder. Viele Jahre hatte er sich zusammen mit Bischof Erwin Kräutler für den Erhalt des natürlichen Flussverlaufs des Xingu und gegen das zerstörerische Staudammprojekt eingesetzt. Wenige Tage vor der Tagung Anfang März 2016 wurde die Shalompreisträgerin Berta Cáceres Flores in Honduras ermordet. Es war ein angekündigter Mord. Die bekannte Umweltaktivistin und Leiterin des COPINH (Ziviler Rat Indigener Völker in Honduras) war den Bauherren eines Staudammprojektes im Wege. Paulo Suess kannte die Aktivistin Berta Cáceres und war ebenso geschockt wie wir.

Die Preisträgerin vom Projekt PCFF (Parents Circle Families Forum) aus Israel, Robi Damelin, schreibt uns regelmäßig zur Situation im Land und in der Welt. Es ist ein beeindruckendes Projekt der Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern.

Auch Therese Mema aus dem Kongo meldet sich immer wieder. Der AK Shalom startete zum Beispiel nach einem verheerenden Erdbeben dort eine Spendensammelaktion. Ein Jahr nach der Preisverleihung (2015) traf ich Therese Mema bei einer Filmpremiere mit der Filmemacherin Claudia Schmid wieder. In dem Dokumentarfilm „Voices of Violence“ werden unter anderem Therese Mema und ihre Arbeit mit traumatisierten Menschen im Kongo porträtiert. Den Zusammenhang zwischen den dort ausgebeuteten Rohstoffquellen (z. B. Coltan) für elektronische Geräte hierzulande und dem andauernden Krieg in der Republik Kongo verdeutlicht die Sozialarbeiterin und in Friedensforschung ausgebildete Therese Mema immer wieder.

Padre Paulo Joanil da Silva aus Brasilien, der den Preis 2013 für die Landpastoral (CPT) entgegennahm, schreibt uns ebenfalls. Er arbeitet inzwischen an der Grenze zu Surinam mit Indigenen und berichtet von der verheerenden Lage, in der sich Brasilien durch den rechtsradikalen Präsidenten Jair Bolsonaro befindet.

Ebenfalls intensiven Kontakt haben wir weiterhin zu Shay Cullen auf den Philippinen (Shalompreis 2017). Er schreibt regelmäßig zur Lage im Land und der Arbeit mit den Kindern, die sexualisierte Gewalt erfuhren, in Gefängnissen saßen, weil sie auf der Straße leben mussten. Das Projekt PREDA, bei dem Bauern für ihre fair und ökologisch produzierte Mangos angemessene Preise erhalten, ist inzwischen europaweit bekannt. Die Produkte können in allen Fair-Trade-Läden erstanden werden.

Die Preisträger des Jahre 2018, der Menschenrechtsanwalt und Journalist Mazen Darwish und seine Frau, die Journalistin Yara Bader, die in Syrien inhaftiert und gefoltert wurden, schrieben Rechtsgeschichte. Durch das Weltrechtsstaatsprinzip können Verbrechen gegen die Menschlichkeit auch außerhalb des Landes, in dem sie geschahen, verfolgt werden. Folterer des Assad-Regimes standen und stehen so zum Beispiel in Koblenz unter Anklage. Der Generalbundesanwalt hat Anklage erhoben. Bei der Beweisführung war Mazen Darwish federführend. Prozesse in Frankreich werden vorbereitet. Ein Mitglied des AKs hat Yara Bader und Mazen Darwish in Paris, wo sie inzwischen leben, besucht.

Der AK Shalom für Gerechtigkeit und Frieden 2021

Die Zeit der Pandemie war auch für den AK Shalom nicht einfach. Wir trafen uns nur virtuell über Zoom-Konferenzen. Zugleich bot dieses Format die Möglichkeit, mit Mitgliedern in Kontakt zu treten, die in anderen Ländern leben, aber weiterhin aktiv mitarbeiten. So betreut zum Beispiel ein Mitglied, der inzwischen bei der OSZE in Warschau arbeitet, unsere Homepage. Eine Studentin, die eines der diesjährigen Projekte aus Tansania verschlug und in Eichstätt Internationale Beziehungen studierte, lebt jetzt wieder in Russland. Das sind nur einige Beispiele. Andere Studierende sind aus München, Berlin oder Lille zugeschaltet.

Im Jubiläumsjahr entschieden wir uns, zwei Projekte aus Tansania auszuzeichnen.

Inklusives Schulprojekt in Nyashishi/Tansania – Sister Dr. Felista Tangi

Shalompreisträgerin 2021 Dr. Felista Tangi mit Schülerinnen und Schülern

Als Reaktion auf die erschreckend hohen Raten an Schülerinnen und Schülern, die Körperstrafen sowie Gewalt im Schulkontext durch Lehrkräfte und Mitschülerinnen und Mitschülern ausgesetzt sind, gründete Schwester Felista Tangi zusammen mit Mitschwestern vom Orden der Teresina Sisters eine gewaltfreie und inklusiv arbeitende Secondary School in Nyashishi, in der Provinz Mwanza in Tansania. Die 1964 geborene Pädagogin Felista Tangi promovierte zum Thema der Auswirkungen von Schulgewalt auf die Leistungs- und Kompetenzentwicklung der Schülerinnen und Schüler. Die Schule setzt sich in besonderem Maße für Menschen mit Albinismus ein. Behauptungen, dass es sich um eine „Strafe Gottes“ oder um Pech handele und dass die „Krankheit“ ansteckend sein könnte, sind in der Gegend um den Viktoriasee in Tansania häufig zu hören. Dieser Mangel an Wissen über Menschen mit Albinismus bedeutet, dass Volksmärchen und Aberglauben zu Verfolgung und/oder Diskriminierung führen. Die Schule arbeitet nach modernen Konzepten des „Classroom Managements“ gegen Gewalt, Mobbing und Diskriminierung auf Basis von Material, das im Rahmen des Projekts gegen Schulgewalt von Prof. Dr. Margit Stein und Prof. Dr. Daniela Steenkamp (Universität Vechta und Duale Hochschule Villingen) entwickelt und kostenfrei in Kiswahili auf einer Homepage für Lehrkräfte zugänglich ist. Die Schule benötigt für den Bau und die Ausstattung neuer Gebäude dringend finanzielle Hilfe.

Pippi House Foundation – Frauenhaus in Arusha/Tansania – Aristides Nshange

Die Pippi House Foundation for Girls (siehe Bild am Beitragsanfang) ist das einzige Frauenhaus in der tansanischen Großstadt Arusha. Der Name deutet den Charakter des Hauses als Zufluchtsort an, indem das Wort in Suaheli für Süßigkeiten, „Pippi“, aufgegriffen wird – das Frauenhaus als eine Süßigkeit in einem bitteren, harten Leben. Derzeit beherbergt das Haus bis zu 100 Mädchen und junge Frauen im Alter von 14 bis 25 Jahren, die zuvor auf der Straße gelebt haben, als Dienstmädchen verkauft wurden oder Opfer von Kinderarbeit, Kinderhandel, Vergewaltigung oder Prostitution geworden sind. Einige von ihnen waren schwanger oder hatten bereits Kleinkinder, als sie im Pippi House aufgenommen wurden, daher leben dort derzeit auch 16 Kleinkinder und Säuglinge.

Gegründet wurde das Pippi House 2011 vom Tansanier Aristides Nshange, der bei seiner Arbeit als Sozialarbeiter in Arusha bemerkte, dass sich alle Unterstützung in der Stadt auf männliche Waisen oder jüngere Straßenkinder konzentrierte. Mädchen im Teenageralter, besonders Schwangere oder junge Mütter, fielen durch das sowieso schon weitmaschige soziale Netz des Staates oder privater Initiativen. So gründete Aristides die Nichtregierungsorganisation. Sein Ziel ist es, den Mädchen eine Perspektive für ein selbstbestimmtes Leben zu bieten. Allen Bewohnerinnen wird ein Schulbesuch ermöglicht. Die Mädchen bekommen Unterstützung beim Lernen und später, nach dem Schulabschluss, Hilfe bei der Suche nach einem Praktikum, einem Studium oder einem festen Job. Das Pippi House wird nicht finanziell von der Regierung unterstützt und ist daher komplett auf nationale und internationale Spenden angewiesen. Promanity, ein deutscher Verein, der das Pippi House seit 2017 kontinuierlich finanziell unterstützt, wurde von drei jungen Frauen gegründet, die nach ihrem Freiwilligenaufenthalt im Pippi House das Projekt weiterhin von Deutschland aus fördern wollten. Das Pippi House möchte im Januar ein eigenes Haus beziehen und freut sich über jede Spende.

Die Shalompreisverleihung 2021 wird als sogenannte hybride Veranstaltung stattfinden, ebenso der Vortrag zu den beiden Projekten am 24. September 2021 im Holbeinsaal.

Der Shalompreis des Jahres 2020, der an den Chirurgen Dr. Massimo Del Bene aus Italien ging, konnte wegen der Corona-Pandemie nicht verliehen werden. Es konnte für das Projekt War Children Hospital die Rekordsumme von 32.000 Euro gesammelt werden. Dr. Del Bene wird im Rahmen der Shalompreisverleihung über seine Arbeit sprechen.

Öffentliche Präsentation der Projekte der Preisträgerinnen und Preisträger mit Videoschaltung
24. September 2021 um 19.30 Uhr im Holbeinsaal des Alten Stadttheaters Eichstätt, Residenzplatz 17, Eichstätt

Öffentliche Shalompreisfeier mit Videoschaltung
25. September 2021 um 19.30 Uhr im Holzersaal der Sommerresidenz, Ostenstraße 26, Eichstätt

Abschlussgottesdienst 26. September 2021
26. September 2021 um 10.45 Uhr im Salesianum, Rosental, Eichstätt

Die Links zu den Vorträgen am 24. September sowie zur Shalompreisverleihung am 25. September werden auf der Homepage www.ak-shalom.com veröffentlicht.

Spenden für die Projekte aus Tansania werden noch bis Ende 2021 entgegengenommen.

Wenn Sie eine Spendenquittung wünschen, notieren Sie bitte Ihre Adresse auf dem Überweisungsformular.

Spenden an KHG Eichstätt
Volksbank Raiffeisenbank Bayern Mitte eG
IBAN DE 34721608180109620320
Stichwort „Shalompreis 2021”