Indien: Der Fluch der Entwicklung

Neun der zehn Städte mit der weltweit größten Luftverschmutzung liegen in Indien. Trotzdem gibt es noch Regionen mit weitgehend intakter Natur, besonders im Nordosten. Aber auch dort heißt es oft: Wirtschaftswachstum um jeden Preis, auch auf Kosten der Umwelt. Steht also den Wald- und Berg­völkern eine ähnliche Zukunft bevor wie den Menschen in Delhi, Mumbai und Kalkutta? Und wenn der Abbau von Tropenholz schnelles Geld verspricht – warum sollten sich die Menschen dann um den Schutz der Natur kümmern?

  Gut muss Es geschmeckt haben, das Picknick hier am Fluss. Denn die Teller, auf denen eben noch ein kleiner Berg Reis mit scharfer Soße lag, sind leer gegessen. Gerade rechtzeitig, denn der Reisebus lässt seinen Motor anspringen. Fertig machen zur Weiterfahrt. Noch schnell ein paar Fotos gemacht fürs Internetprofil, und dann geht dieser Ausflug in die Natur auch schon wieder zu Ende. Die jungen Menschen aus der Großstadt, schick gekleidet in karierten Hemden, blauen Jeans oder farbenfrohen Stoffkleidern, kehren wieder heim in die Stadt, in der sie leben und das Geld verdienen, das ihnen am freien Tag einen Ausflug ins Grüne ermöglicht.

Als sich die Staubwolke, die der Bus auf der ungeteerten Straße hinter sich herzieht, langsam in Luft auflöst, bleibt vor allem eines zurück: ein Berg aus Papp- und Plastiktellern, achtlos weggeworfen nach dem schnellen Mittagessen.  

Es ist schon so: Der moderne Mensch zerstört genau das, was er liebt. Das gilt auch hier im Nordosten von Indien, an der kleinen Brücke von Umsiang. Hier gibt es noch unberührte Natur, frische Luft, und freie Sicht auf Gottes schöne Schöpfung – alles, was in Indiens Megacities mit ihren Müllbergen und den Wolken von Smog kaum noch zu finden ist.

Mit wachsendem Wohlstand entsteht in Indien eine Mittelschicht, die sich Kon­sum und Tourismus nach westlichem Vorbild leisten kann. Aber damit wächst eben auch der Müll. Und das ist nur einer der Gründe, weshalb man für die friedliche Gegend hier am Fluss Schlimmes befürchten muss.

In der „Heimat der Wolken“

Wer die Brücke von Umsiang überquert, gelangt in den Bundestaat Meghalaya hinüber. „Heimat der Wolken“ bedeutet der Name im Sanskrit, den man sich 1972 ausdachte, als die Völker der Khasi und der Garo einen eigenen Bundesstaat innerhalb der großen Nation Indien erhielten. Zu dieser Region gehören einige der wenigen noch übrig gebliebenen Regenwaldgebiete Indiens. Durch das feuchte Monsunklima wird das Dorf Cherrapunji zum Ort mit der größten Regenmenge weltweit.

Der Brite Rudyard Kipling ließ 1895 eine Geschichte seines legendären „Dschungelbuches“ in den Garo Hills spielen. Sie erzählt von wilden Elefanten und einer sagenumwobenen Tier- und Pflanzenwelt. Auch die Völker der Khasi und der Garo kennen bis heute viele Legenden – wie diejenige vom Hahn, der jeden Morgen die Sonne zurückbringt, nachdem sie am Abend zuvor verschwunden ist.

Aber auch wenn Touristiker und Werbeleute solche Geschichten gerne vermarkten und Meghalaya als Sehnsuchtsort für moderne Großstädter anpreisen – für Märchen bleibt hier eigentlich keine Zeit. Nach Angaben der Umweltorganisation WWF sind bereits zwei Drittel der Waldflächen verschwunden – abgeholzt, verbrannt, verbaut.

Dabei wäre die traditionelle Lebensweise der Khasi und Garo seit Urzeiten darauf ausgelegt, der Natur nur gerade soviel abzuringen, wie für ein gutes Leben innerhalb der Dorfgemeinschaft notwendig ist. „Wir nennen das jhum cultivation“, sagt Diana Mary Jarain, während sie ihr kleines Feld zeigt. „Dort drüben wachsen Reis und Yams, daneben Süßkartoffeln.“ Demnächst wird Senf angebaut. „Auch Wassermelonen wachsen hier ganz gut.“

Möglich ist das nur, weil ihre Familie die Fläche gerodet und das getrocknete Holz abgebrannt hat. Die Asche bleibt liegen und macht die Erde fruchtbar. Das reicht etwa drei, vier Jahre, dann zieht man weiter und der Boden darf wieder zuwuchern. Bis zum nächsten Mal. Aber heutzutage wächst die Bevölkerung, die Landflächen werden knapper, die Böden bekommen immer weniger Zeit zur Erholung.

Während Frau Jarain erzählt, schleppen drei Burschen einige Säcke Holzkohle heran. Sie haben sie in den vergangenen Wochen aus den abgehackten Ästen hergestellt und wollen sie verkaufen. Etwa 500 Rupien (6,30 Euro) werden sie für einen großen Sack einnehmen. „Aber nur, wenn das Holz schön hart ist und gut brennen kann“, sagt Ferio, einer der drei. „Sonst gibt es nur 300 Rupien.“

Es ist hier ganz normal, dass die drei Jungen arbeiten, während ihre Tante Diana ihnen sagt, was zu tun ist. Die Khasi sind eine „matrilineare Gesellschaft“, das heißt: Die Erbfolge geht über die Frauen der Familie, offiziell gehört ihnen meist auch das Land. Selbst der Name „Khasi“ bedeutet: „Von einer Mutter geboren“.

Aber was jetzt? In den vergangenen Jahren haben sich immer mehr Khasi-Männer Landbesitz gesichert, und machen Geschäfte zum Beispiel mit Bergbau-Unternehmen, Zementfabrikanten oder Kohlehändlern. In einigen Hügeln wird Uran abgebaut, anderswo graben sich die Menschen so genannte „Rattenlöcher“ ins Gestein und suchen nach wertvoller Steinkohle.

Dabei ist doch der Schutz von Umwelt und Natur fest in der indischen Verfassung verankert. Gesetze sollen saubere Flüsse und abgasfreie Luft garantieren, und das Holz der Regenwälder vor Axt und Säge bewahren. „Verbote werden nichts bringen“, sagt der Franziskanerbruder Collinsius Wanniang. Denn wovon sollen die Menschen dann leben? Die Mission der Franziskaner hat sich auf einigen Hügeln des kleinen Dorfes Orlong Hada niedergelassen.

Vorbild: Franz von Assisi und sein „Sonnengesang“

Im „Zentrum für Ökospiritualität“ suchen die Ordensbrüder nach neuen Wegen zu einer nachhaltigen Entwicklung und einer Bewahrung der Schöpfung – ganz im Sinne des heiligen Franz von Assisi, ihres Namenspatrons. Er war es, der bereits im 13. Jahrhundert seinen „Sonnengesang“ schrieb und darin die Wunder der Natur, von „Bruder Sonne“ bis „Schwester Mond“, bestaunte.

Doch die Franziskaner wissen, dass es nicht nur bei der spirituellen Idee bleiben darf. Ganz konkrete Maßnahmen sind gefordert. Bruder Collinsius Wanniang sagt: „Wenn wir den Menschen keine Alternativen bieten, um ihr Einkommen zu sichern, dann wird unsere Mutter Natur immer in Gefahr bleiben.“ Weil dann Landrechte billig verscherbelt werden, Bäume für schnellen Profit geschlagen und die Böden ausgelaugt werden.

Darum haben die Ordensmänner jetzt zum Beispiel Gummibäume angepflanzt. Aus deren Rinde tropft ein Saft, den man abzapfen, pressen, trocknen und zu Kautschuk verarbeiten kann. Naturkautschuk ist ein begehrter Rohstoff für die Industrie auf der ganzen Welt – Autoreifen, Schuhsohlen und etwa 40 000 weitere Produkte entstehen daraus. „Seit einem Jahr stelle ich Kautschuk her“, sagt Dorfbewohner Hubert Pumah, der bei den Franziskanern Arbeit gefunden hat. Gerade hängt er einen neuen Stapel zum Trocknen auf. „Für ein Kilo bekommen wir ungefähr 95 bis 105 Rupien.“ Umgerechnet sind das nur etwa 1,20 bis 1,30 Euro, aber immerhin.

„Vielleicht ist es nicht viel, was wir tun können“, sagt Bruder Collinsius Wanniang. Aber er kennt ein Sprichwort, das er gerne benutzt: „Besser eine kleine Kerze anzünden, als sich über die Dunkelheit beklagen.“

INFO

Rund acht Millionen Ureinwohner in Indien kämpfen derzeit um ihre angestammten Lebensräume in den Wäldern und Bergen. Hintergrund ist eine Klage von Naturschutzverbänden vor dem Obersten Gerichtshof im Februar 2019. Sie forderten die Vertreibung von Waldbewohnern, die keinen Nachweis für ihr Landrecht erbringen können. Der Oberste Gerichtshof in Delhi ordnete zunächst für Juli 2019 die Umsiedlung von Ureinwohnern an, die kein verbrieftes Bleiberecht besitzen. Nun soll es jedoch im Herbst 2019 eine weitere Anhörung geben.

Naturschützer fürchten um den Rückgang der Lebensräume für bedrohte Tierarten und beschuldigen indigene Volksgruppen, die Zerstörung der Urwälder mit ihrer Lebensweise, zum Beispiel Brandrodung voranzutreiben. Ureinwohner entgegnen, dass sie das rohstoffreiche Ökosystem des Waldes schon seit Jahrtausenden erfolgreich schützen, auch gegen große Konzerne.

Indiens Forstgesetz aus dem Jahr 2006 garantiert den Bewohnern der Wälder ein Landrecht, wenn sie nachweisen können, dass ihre Familien seit mindestens drei Generationen in einer bestimmten Region leben. Doch von den knapp drei Millionen Anträgen auf Anerkennung der Bleiberechte wurden bislang mindestens 1,2 Millionen abgelehnt.

„Die indigenen Einwohner, unter ihnen viele Christen, gehören zu den bedrohtesten Bevölkerungsgruppen. Trotz ihrer per Gesetz gesicherten Rechte werden sie von der indischen Regierung nicht ausreichend geschützt“, sagt missio-Präsident Monsignore Wolfgang Huber. Insgesamt zählen rund 104 Millionen Menschen in Indien zu den indigenen Stammesgruppen, das sind knapp zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Ihnen steht die katholische Kirche Indiens besonders bei.

Mehr zum Thema: Missio-Gast aus Indien stellt Nachhaltigkeitsprojekt in Bistum Eichstätt vor

Das reichlich geschmückte Diadem auf dem Kopf der Erde – meine Lieblingskirche in Georgien

Das Ziel der aus 46 Personen bestehenden Pilgergruppe von Studenten und Freunden des Collegium Orientale aus Eichstätt war in diesem Jahr das Land Georgien (24.8.-7.9.2019). Für mich als Reiseleiter war dies bereits das vierte Mal, dass ich dieses Land im Kaukasus bereisen durfte.

Auch diesmal durfte in dem dicht bestückten Reisegramm der Besuch der bergigen Region Ratscha im Nordwesten Georgiens nicht fehlen. Es waren tatsächlich mehrere Gründe, warum unser Weg auch dahin führte. Zum einen ist dort ein ehemaliger Kollegiat, Teimuraz Grdzelishvili, als Staatsbeamter für die Fragen der Infrastruktur zuständig; ihm wollten wir auf seine freundschaftliche Einladung hin einen Besuch abstatten. Ferner verlockt diese bezaubernde Region Einheimische und Touristen auch durch ihre vielen Seen, darunter der Shaori-See, zahlreiche Bergflüsse und dichtbewaldete Bergen. Doch der eigentliche Grund war für mich – und wird es wohl immer bleiben – ein Kulturdenkmal, von Menschen erbaut, eine Kirche mit vielen kaum allein von Menschenhand ausgeführten Merkmalen.

In dem kleinen Städtchen Nikortsminda (= St. Nikolaus), 14 km in süd-westlicher Richtung von Ambrolauri gelegen, besichtigte unsere Pilgergruppe die dortige gleichnamige Kathedralkirche „Nikortsminda“.

Diese Kirche zu sehen gehört für mich persönlich zu einem der Höhepunkte unserer gesamten Georgienreise. Für jeden kirchlich interessierten Touristen bzw. Pilger würde ich den Besuch dieser Kirche aufs Herzlichste empfehlen (für größere Gruppen muss man mehr Zeit einplanen!).

Die heutige Bischofskirche wurde, wie aus der Überschrift des westlichen Portals hervorgeht, in den Jahren 1010/14 unter König Bagrat III. im Grundriss als Kreuz-Kuppel- Kirche erbaut und im Laufe der Geschichte mehrmals umgebaut und renoviert: Im 11. Jh. erhielt die Kirche ihr südliches und westliches Nebenschiff; König Bagrat III. von Imeretien renovierte sie ab dem Jahr 1534; aus diesem und dem folgenden Jahrhundert stammen auch die wunderbaren und relativ gut erhaltenen Fresken auf den Innenwänden des Fünf-Apsiden-Baus. Zuletzt wurde die Kirche im 18. Jh. renoviert; der dreistöckige Glockenturm in der Nähe der Kathedrale stammt aus dem 19. Jh. Die massive Kuppel ist befestigt auf fünf Halbsäulen und seine zwölf schmalen und hohen Fenster lassen dezent Außenlicht in den Kirchenraum ein und machen die Kirche so, natürlich unterstützt durch die vollständig ausgemalten Innenwände, zu einem meditativen Raum des Gebetes und der Nähe Gottes.

Wir durften einige Lieder auf Georgisch singen und damit uns selber und mehreren georgisch-sprachigen Besuchern eine Freude bereiten.

Der Altarraum ist ebenfalls voll ausgemalt; der Altartisch ist mit einem hölzernen und ebenso ausgemalten Baldachin überdacht. Die Kirche ist verständlicherweise dem heiligen Nikolaus geweiht, anderes kann man ja in einer Ortschaft mit dem Namen St. Nikolaus nicht erwarten. Somit beherbergt die Kirche mehrere Ikonen und Fresken ihres Patrons, des Wundertäters von Myra.

Bei all der Fülle des bisher Gesagten über die Kirche ist jedoch das eigentlich Bewundernswerte noch nicht angesprochen: Dies sind die wunderschönen und zahlreichen Ornamente und Figuren, in Steine gemeißelt, als Außenverzierung der Kirche. Besonders diese Steinmetzarbeiten und die figürlichen Fassadenreliefs machen die Kirche in Nikortsminda zum Meisterwerk der georgischen Architektur und Steinornamentik. Das menschliche Auge kann sich an der Schönheit dieser Kirche nicht sattsehen. Vor den glatt und meisterhaft bearbeiteten und unglaublich zahlreichen Ornamenten und Arkaden kann man Stunden verbringen. Besonders qualitätsvoll und in ihrer Ausführung unübertrefflich fand ich die Einzeldarstellungen und einzelne Relieffiguren aus der Bibel und auch Motive weltlicher Folklore. Neben den Darstellungen der Verklärung, der zweiten Ankunft und der Himmelfahrt Christi sowie des heiligen Georg mit dem niedergeschmetterten Diokletian finden wirkliche und erdachte Tiere ihren Platz.

An verschiedenen Stilen der Ausführung ist zu sehen, dass hier mehrere Künstler am Werk waren. Möglicherweise wird dadurch auch die künstlerische Freiheit der damaligen Zeit verraten. Wahrscheinlich erreicht und manifestiert die kirchliche Steinmetzkunst in Georgien gerade in Nikortsminda ihren Höhepunkt. Nicht umsonst hat der georgische Dichter Galaktion Tabidze (1892-1959) diesem Kulturdenkmal sein Gedicht „Das Hohelied für Nikortsminda“ gewidmet. In diesem bringt er zum Ausdruck, dass ein Besucher vor dem überwältigenden Antlitz der Nikortsminda-Kirche einfach sprachlos wird. Der unbekannte Architekt und Meister dieser Kathedrale, so schreibt Tabidze (nach russ. Übersetzung), „muss mit Gott, dem Schöpfer, per ,Du‘ gewesen sein“, dass er ihn mit den Fähigkeiten ausstattete, die ihm erlaubten, gleichsam „das reichlich geschmückte Diadem auf dem Kopf der Erde“ zu erbauen, nämlich die Kirche von Nikortsminda.

Hier zwei Strophen in Prosaübersetzung:

„Wie die Abrundungen einer Lyra sich ineinander verflechten
und wie der Schießbogen sich wunderbar spannt,
so folge ich stumm deinen Arkaden in Erwartung eines Wunders;
doch muss mein unwürdiges Gedicht sterben, bevor es geboren wird.
Denn wenn jemand den Höhenglanz erreicht hat,
dann ist es derjenige, der dich erbaute,
du, Kirche von Nikortsminda.

Der Steine Geflecht fordert des Auges Stern danach zu fragen:
Kann denn jemand einen Felsen besticken und ausbügeln,
gleich einem Musikstück, in dem die Töne zueinander passen?
Und die Antwort wäre: Dem ist es gelungen,
der die Trümmer der Felsen verwandelte
in die Kirche von Nikortsminda …“

Gastprofessor in „little Vatican“

Was haben die ehemalige amerikanische Außenministerin Madeleine Albright, die oscarprämierte US-Schauspielerin Susan Sarandon und der Eichstätter Diözesanpriester Marco Benini gemeinsam? Allen dreien ist die Catholic University of America (CUA) in Washington vertraut. Die beiden Frauen studierten an der Hochschule, die von der katholischen Bischofskonferenz der USA getragen wird. Liturgiewissenschaftler Benini ist seit knapp einem Jahr Gastprofessor an der CUA. Während dort gerade Semesterferien sind, nutzt der gebürtige Ingolstädter im Heimaturlaub die Gelegenheit, sich in Ruhe wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu widmen oder Vorlesungen vorzubereiten.

Zurück in Pfraunfeld

Dass er die Chance bekam, an der renommierten CUA zu lehren, sei „das Beste, was mir hätte passieren können“, stellt der 37-Jährige im Gespräch mit der Kirchenzeitung für das Bistum Eichstätt fest. Benini hat in Eichstätt und Rom Theologie studiert. 2015 schloss er seine Doktorarbeit ab, 2018 seine Habilitationsschrift. Zugleich war er seit 2012 Kaplan in Raitenbuch und Pfraunfeld, wo er kürzlich wieder einmal einen Gottesdienst hielt und sich über das Wiedersehen freute.

Das Angebot, Gastprofessor in den USA zu werden, bekam Benini bei einer wissenschaftlichen Tagung in Belgien. Als er dort einen Vortrag hielt, saß der Dekan der CUA im Publikum, „so hat sich der Kontakt entwickelt“. Mit Zustimmung des Eichstätter Bischofs lehrt der Liturgiewissenschaftler nun an der School of Theology and Religious Studies. Dort hat er es in den Vorlesungen mit weit mehr Studierenden zu tun als in Eichstätt. So habe er zum Beispiel ein Seminar über Buße und Krankensalbung für 28 Diakone gegeben, erzählt Benini. Während des Pastoralkurses stehen für angehende Priester in den USA nämlich noch Vorlesungen an, während deutsche Weihekandidaten das Studium in dieser Phase schon hinter sich haben. Umgekehrt würden US-Priesteramtskandidaten schon von Studienbeginn an Pfarreien zugeordnet, um am Wochenende Praxiserfahrung zu sammeln, berichtet er.

Seine Adressaten sind aber nicht nur Theologiestudenten. Er gibt auch theologische Einführungsseminare für fachfremde Studierende. So spricht er an der „Nursing school“, an der angehende Krankenschwestern eine akademische Ausbildung erhalten, über die Krankensalbung, oder er gibt in einem Basismodul zur Bibel Einblick in die Heilige Schrift. Ganz gleich, für welches Fach man sich an der CUA auch einschreibt – Vorlesungen in Theologie sind obligatorisch. „Wissensvermittlung im Licht des christlichen Glaubens“ gibt die Homepage der Hochschule als Ziel aus: „Wir leben unseren Glauben an der Katholischen Universität. Wir bieten unseren Studenten Zugang zu den Sakramenten.“

1889 hatte die amerikanische Vollversammlung der Bischöfe die Erlaubnis aus Rom erwirkt, eine katholische Universität zu errichten. War doch der Katholikenanteil in der Neuen Welt wegen der vielen Einwanderer aus Europa stark gestiegen. Aber sie seien von den gebürtigen Amerikanern misstrauisch beäugt und als „papstgesteuert“ betrachtet worden, erzählt Benini. Dass in den Kirchen US-Flaggen hängen, gehe auf diese Zeit zurück. Es sei ein Zeichen der Loyalität gewesen. Einen Imagegewinn für die katholische Kirche habe letztlich aber erst das Zweite Vatikanische Konzil gebracht. Und die Tatsache, dass mit John F. Kennedy erstmals ein katholischer Präsident ins Weiße Haus einzog.

Rund 20 Prozent der US-Amerikaner sind heute katholisch. „Grundsätzlich muss man sich die USA viel religiöser vorstellen als Deutschland“, berichtet Benini. Der durchschnittliche Kirchenbesuch liege bei 30 Prozent. Und im Baseballstadion, in das die Kollegen ihn mitgeschleppt haben, erklinge „God bless America“.

Katholisches Zentrum

An der CUA schlägt das Herz des katholischen Amerika. „Little Vatican“ wird das weitläufige Unigelände genannt, auf dem Klöster und viele katholische Organisationen ihren Hauptsitz haben. Es gibt mehrere Priesterseminare, in denen Studierende aus vielen US-Bistümern gemeinsam leben. Dominiert wird der Campus von der Basilika der Unbefleckten Empfängnis, deren Bau 1920 begann. Das Gotteshaus ist die größte katholische Kirche Nordamerikas und eine der zehn größten weltweit. „Riesig“ beschreibt sie Benini, der dort jeden Samstag die Beichte hört und staunt, wie viele Menschen zum Gottesdienst kommen. Sechs Heilige Messen finden allein werktags statt.

Dr. Marco Benini. Foto: Gabi Gess

In Washington, wo er in einem Priesterhaus auf dem Campus mit 20 Geistlichen lebt, möchte Benini zumindest das kommende Semester noch als Gastprofessor wirken. Wie klein die Welt ist, hatte der junge Eichstätter Diözesanpriester bereits bei seiner Ankunft festgestellt: Der Benediktiner, der ihn vom Flughafen abholte, kannte das Eichstätter Kloster St. Walburg. Als nun eine Amerikanerin dort Äbtissin wurde, „da hat er mir das gleich berichtet“, lacht Benini. Ein andermal unterhielt er sich mit einem Professorenkollegen, der früher Regens in Milwaukee war. „Er erinnerte mich an einen Vorgänger namens Michael Heiß. Der 1890 verstorbene spätere Erzbischof von Milwaukee war der berühmteste Sohn der Pfarrei Pfahldorf bei Eichstätt.

Kardinal Ortega – ein Mann der Versöhnung und der Diplomatie

Kardinal Jaime Lucas Ortega y Alamino, der am 26. Juli 2019 in Havanna gestorben ist, war ein gefragter Gesprächspartner bei den Eichstätter Kuba-Tagungen, die vom Referat Weltkirche der Diözese Eichstätt gemeinsam mit der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt veranstaltet werden.

Die Eichstätter Delegation bei der Kuba-Tagung 2011 in Havanna: Links Prof. Horst Sing, Waltraud Schauer, Elisabeth Sing, Domkapitular Josef Blomenhofer, Kardinal Ortega, Prof. Bernhard Mayer, Helene Büchel, Raul Fornet-Betancourt, Gerhard Rott

Seit 2000 war Kardinal Ortega häufig in Eichstätt. Zusammen mit dem Exilkubaner Prof. Dr. Dr. Raul Fornet Betancourt hatte er und die beiden Eichstätter Professoren Horst Sing und Bernhard Mayer (2011 verstorben), der damals auch für das Referat Weltkirche zuständig war, mit dem Kuba-Dialogprogramm einen Rahmen geschaffen, um über die Perspektiven den Landes in einem akademischen Rahmen zu reden. Ehemalige deutsche Diplomaten sprachen in diesem Zusammenhang von hoffnungsvollen Zeichen der Annäherung. In seiner Delegation waren auch regierungsnahe Vertreter und so war der Marquardussaal im Bischöflichen Ordinariat auch in den Jahren 2002, 2007, 2009, 2012 und 2016 der neutrale Ort für vertrauliche Gespräche.

Domkapitular Josef Blomenhofer und sein Vorgänger im Referat Weltkirche, Bernhard Mayer, bei einer Stadtführung mit Kardinal Ortegan 2011 in Havanna. Foto: Gerhard Rott

Bei seinem letzten öffentlichen Vortrag in Eichstätt 2016 berichtete er ausführlich über seine Rolle als Vermittler zwischen Barack Obama und Raul Castro, die er im Auftrag von Papst Franziskus übernahm. Ortega war ein Mann der Versöhnung und der Diplomatie, der sich auf der Weltbühne sicher bewegte. Papst Fanziskus hatte ihm auch erlaubt, seine Mitschrift der Rede Bergoglios aus dem Vorkonklave zu veröffentlichen.

Video: Kuba-Tagung 2016 in Eichstätt

„Kardinal Ortega hat als politischer Vermittler Geschichte geschrieben“: Adveniat zum Tod des kubanischen Kardinals Jaime Ortega

„Alltag“ in Poona?

Mein elfter Aufenthalt in Poona. Man könnte befürchten, es kommt Routine auf. Aber nein, schon alleine die Anreise war wieder mal neu. Wegen Problemen der Fluggesellschaft habe ich über sechs Stunden in Delhi am Flughafen verbracht. Und bei Regen in Poona angekommen. Der Monsun scheint heuer zeitig dran zu sein. Doch gute Freunde sind da und holen mich bei starkem Regen am Flughafen in Poona mit Regenschirm ab. Mit mir ist Manuela Lüger unterwegs, für sie ist es der erste Aufenthalt in Indien.

Und das ist der Kick für mich, einem Greenhorn das Land zu zeigen, Freunden vorzustellen, mit Partnern ins Gespräch zu bringen, das Land zu erklären.

Und wie fängt man das an. Essen, Straßenverkehr, der Eimer in der Dusche, so vieles ist Neuland. Die ganze Art der Organisation des Zusammenlebens lässt sich nicht vergleichen.

Es macht mir Freude zu sehen, mit welcher Offenheit junge Menschen aus Deutschland einer fremden Kultur begegnen. Diese Grundhaltung zeichnet meine neue Kollegin aus, darum wird sie genau die richtige sein, um im nächsten Jahr eine Gruppe Jugendlicher aus dem Bistum Eichstätt auf ihren freiwilligen Aufenthalt in sozialen Projekten im Bistum Poona vorzubereiten.

Und ja, als Absolventin des Studienschwerpunktes Internationale/Interkulturelle Soziale Arbeit an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt ist sie fachlich sehr gut vorbereitet. Nicht zuletzt in Sachen Nachhaltigkeit, der päpstlichen Enzyklika Laudato Si und Sustainable Development Goals bringt sie viele Kompetenzen mit.

Aber der Reihe nach: Das scharfe Essen ist eine echte Herausforderung, aber innerhalb von ein paar Tagen kann man sich zumindest etwas daran gewöhnen. Und wer kann schon sagen, dass er die Küche eines indischen Lokals schon mal besichtigen durfte. Ein Tandoori-Ofen ist jetzt also kein Unbekannter mehr. Die erste frische Mango im ehemaligen AIDS Hospiz Ashakiran ist der Knackpunkt. Ab sofort freut sich die Kollegin auf jedes Essen.

Der Straßenverkehr bleibt eine Herausforderung. Selbst wenn es mir gelingt, kurz vor dem Rückflug noch einen Ritt auf einem Kamel zu organisieren, ich befürchte, in diesem Land werde selbst ich mich nie freiwillig hinter ein Steuer setzen.

Das schönste aber waren die langen und intensiven Gespräche mit alten Freunden und Bekannten, deren detailliertes Wissen selbst für mich nach all den Jahren noch immer erkenntnisreich ist. Bischof Thomas Dabre hat sich gleich zweimal Zeit genommen für uns, er hat Father V. Louis gebeten, uns viele Türen zu öffnen. Auch gute Bekannte aus dem Jahr 2005 – damals waren sie noch Jugendliche, heute sind sie gestandene Erwachsene mit einem guten Job, Familie und Kindern – verbringen einen Abend mit uns. Und obwohl sie Manuela Lüger zunächst gar nicht kennen, sind sie am Ende des Abends auch ihre Freunde. Wahnsinn, du kommst irgendwo völlig fremd hin und wirst überall offen aufgenommen. Sicher kein Alleinstellungsmerkmal von Christen, aber hier hat man es hautnah erlebt, wie der Weltjugendtag von 2005 bis heute Menschen zusammen bringt. Nachhaltigkeit, die sich nicht so einfach in Statistiken messen lässt.

Praktisch genauso geht es bei den vielen Projektpartnern weiter. Wir besuchen Einrichtungen für Frauen, benachteiligte Kinder, berufliche Qualifizierungsmaßnahmen, Projekte informeller Bildung und vieles mehr. Jeden Tag drei bis vier intensive Begegnungen eine ganze Woche lang. Und alle wollen uns helfen, damit deutsche Jugendliche die Realität der Welt erfahren können.

Natürlich haben wir auch hinduistische Tempel besucht, die würdige Form der Verehrung ist dort sofort wahr zu nehmen. Um den Hinduismus zu erklären, braucht man sehr sehr lange, aber die Grundzüge werden auf dem Weg zum Parvati-Hill, ein Shivas Gattin geweihter Hügel, schnell klar.

Mir blieb nur diese eine Woche, um aus einem Greenhorn einen Indien-Fuchs zu machen – zugegeben, ein paar Dinge müssen auf die nächste Reise verschoben werden bzw. aufgefrischt werden, aber die Freunde in Indien haben mir sehr geholfen. Die Vorbereitung auf den Umgang mit anderen Weltgestaltungspräferenzen, die Toleranz gegenüber anderen Kulturen, all das ist nämlich Teil des indischen Alltags, der wirklich nie zur Routine werden kann. Ich freue mich schon auf Nummer 12.