Von Drachen, Büchern und Rosen – der heilige Georg und die Katalanen

In Barcelona hat alles angefangen. Dort habe ich verstanden, wie weit ich gehen kann“ (Pablo Picasso, 1881-1973)

Gesunder Menschenverstand und zügellose Leidenschaft, das muss sich nicht unbedingt widersprechen. Wenigstens nicht bei den Katalanen. Dieses selbstbewusste kleine Völkchen im Nordosten Spaniens (nach eigener und fremder Beurteilung ganz und gar nicht spanisch!) demonstriert, wie ein Leben zwischen Vernunft und Wahnsinn problemlos möglich ist. Die Katalanen nennen es „seny“ und „rauxa“ (Vernunft, Besonnenheit und Jähzorn, Leidenschaft). Diese beiden scheinbar gegensätzlichen Charakterzüge gehören selbstverständlich zur katalanischen Volksseele und kommen offensichtlich sehr gut miteinander aus. Der heilige Georg zeigt’s uns.

Sant Jordi ist der Patron, gleichzeitig aber auch der beliebteste Heilige Kataloniens. Im ganzen Land und vor allem in der Landeshauptstadt Barcelona ist er nicht zu übersehen. Fast täglich entdecke ich ihn wieder neu an irgendwelchen Straßenecken und in Parks, an Palästen und natürlich in Kirchen. In der mittelalterlichen Gotik, im „modernisme“ des 18. und 19. Jahrhunderts, aber auch genauso für moderne und zeitgenössische Künstler wie Salvador Dalí oder Josep Subirachs, in allen Zeiten und Epochen war Sant Jordi ein beliebtes Motiv in der Kunst. Fast immer wird er als tapferer Ritter dargestellt, wie er gerade den bösen Drachen bezwingt. Angeblich wird der heilige Georg in Katalonien schon seit dem 8. Jahrhundert verehrt. Beweis dafür sind die unzähligen Kapellen und Kirchen im ganzen Land, die ihm geweiht sind. Bis heute ist Jordi der meistverbreitete männliche Vorname in Katalonien. Auch die Könige verehrten ihn. Jaume I. beschreibt, wie Sant Jordi den Katalanen bei der Eroberung Mallorcas half. 1456 verabschiedete das katalanische Parlament in der Kathedrale von Barcelona eine Verfassung, in der Sant Jordi als Festtag vorgeschrieben wird. Und bis heute prangt an der gotischen Fassade des Regierungspalastes von Katalonien an der Plaça Sant Jaume ein mächtiger Sant Jordi über dem Hauptportal. Im Inneren des weltlichen Gebäudes gibt es eine Kapelle zu Ehren des Heiligen.

Der Kampf zwischen Gut und Böse, Christentum und Heidentum, Tugend und Sünde, seny und rauxa, Vernunft und Irrsinn: Sant Jordi verkörpert die Vereinbarkeit dieser Gegensätze. Historische Informationen gibt es so gut wie keine zu dem Heiligen. Dafür eine umso mehr und reich verwurzelte Legende. Sie erzählt zum Beispiel davon, dass in Montblanc, einer Kleinstadt rund 150 Kilometer westlich von Barcelona auf einem kleinen Hügel nördlich von Tarragona gelegen, wo jedes Jahr ein großes Schauspiel im Rahmen des Mittelalterfestes stattfindet, ein Drache die Bewohner bedroht haben soll. In ihrer Not begannen sie, ihm jeden Tag ein Menschenopfer darzubringen. Eines Tages fiel das Los auf die Tochter des Königs. Bevor der Drachen das Mädchen zu fassen bekam, tauchte Sant Jordi auf einem weißen Pferd auf, tötete den Drachen und befreite damit die Prinzessin und die Bewohner von Montblanc. Aus dem Blut des Drachen soll eine Rose entsprungen sein.

Und das ist dann auch der Grund, warum bis heute in Katalonien am Georgstag (23. April) die Frauen von den Männern mit Rosen beschenkt werden. An allen Ecken und Enden Barcelonas werden dazu Rosen verkauft. Am Abend, wenn man durch die Stadt läuft, wird man kaum eine Frau sehen, die nicht eine Rose bei sich hat. Aber nicht nur Rosen werden überall in den Straßen der Stadt angeboten. Die Straßen Barcelonas gleichen an Sant Jordi einem riesigen Open-Air-Buchladen. Die gesamten Ramblas (der berühmte Boulevard zwischen der Plaça Catalunya und dem alten Hafen), der ganze Plaça Sant Jaume (zentraler Platz im gotischen Viertel mit dem Rathaus und dem katalanischen Regierungsgebäude), genauso fast alle Gassen der Innenstadt sind voll von Buchständen. Im Jahr 1923 hatte Vincent Claver Andres den genialen Einfall, den Todestag von Miguel de Cervantes (übrigens auch der Todestag von William Shakespeare, 23. April 1616) zu einem Tag des Buches auszurufen. Seitdem revanchieren sich die Frauen bei den Männern für die Rosen, indem sie ihnen ein gutes Buch schenken. Angeblich sollen in der spanischen Verlagsmetropole Barcelona an diesem Tag allein 400.000 Bücher verkauft werden, was rund zehn Prozent der jährlich verkauften Bücher in Katalonien entspricht. Doch der Tag des heiligen Georg ist in Barcelona viel mehr als nur ein besonderer Tag des Buches. Es ist vor allem auch eine Feier der katalanischen Sprache und Identität. Neben den unendlichen Büchertischen und Rosenständen hängt an allen Hauswänden die gelbe, rot-gestreifte katalanische Flagge. Bäckereien verkaufen das typische, gelb-rot-gestreifte Sant Jordi-Brot. Überall in der Stadt wird katalanische Literatur rezitiert. Man kann Bücher von Autoren signieren lassen und an manchen Orten sogar kostenlose Katalan-Kurse besuchen.

El dia de Sant Jordi: Für die Katalanen ist das ein Tag der Liebe und der Kultur, der Tradition und der Literatur, der Romantik und der Vernunft. Und das Ganze tief verwurzelt im traditionellen katholischen Glauben, auch wenn man längst in einer durch und durch säkularen Gesellschaft einen völlig religionskritischen Lebensstil pflegt. Für manche Nicht-Katalanen passt da vieles nicht zusammen. Die Katalanen jedoch haben da keine Probleme. Ihnen gefallen die bunte Vielfalt und die heftige Auseinandersetzung.

Ich habe die Rosen für meine Hausfrau und die Sekretärin schon gekauft. Und ich bin gespannt, welche Bücher ich heuer geschenkt bekommen werde.

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