Via catalana – wohin geht die Zukunft Kataloniens?

Keiner hat es für möglich gehalten. 500.000 Menschen sollten sich anmelden, um eine überdimensionale Menschenkette in Form eines V durch ganz Barcelona zu bilden. V für „via catalana“ – katalanischer Weg, V für „votar“ – abstimmen und V für „victoria“ – Sieg. Bis zum letzten Tag war es unsicher, ob sich genügend Katalanen finden werden, in den beiden großen Hauptstraßen „Gran Via“ und „Diagonal“ den Wunsch nach katalanischer Unabhängigkeit zu demonstrieren.

Demonstration für den katalanischen Weg. Foto: Ottmar Breitenhuber
Demonstration für den katalanischen Weg. Foto: Ottmar Breitenhuber

Als es dann soweit war, kamen nach Schätzung der „Policía Urbana“ 1,8 Millionen! La Diada 2014, der Unabhängigkeitstag Kataloniens (11. September) im Jahr 2014, wurde zur größten Unabhängigkeitsdemonstration in der Geschichte dieses Landes. Am 11. September 1714 hat das kleine Volk im Nordosten der iberischen Halbinsel in den Wirren des Spanischen Erbfolgekrieges seine nationale Unabhängigkeit endgültig verloren. Nach einem Jahr Belagerung haben die französischen Truppen, verbündet mit dem spanischen Königshaus, Barcelona endgültig eingenommen. Eine furchtbare Unterdrückung des stolzen Volkes war die Folge. Jede Form von katalanischer Kultur wurde von den Besetzern verboten. Auch die eigene Sprache, das Catalá, eine literarische Hochsprache genauso wie das Französische, Italienische oder Spanische, durfte in der Öffentlichkeit nicht mehr gesprochen werden. Eine Kultur sollte ausgelöscht werden.

Demonstration für den katalanischen Weg. Foto: Ottmar Breitenhuber
Demonstration für den katalanischen Weg. Foto: Ottmar Breitenhuber

Gut 200 Jahre später, nach dem Spanischen Bürgerkrieg (1936 – 1939), das Gleiche noch einmal: Im 19. Jahrhundert hatte sich Katalonien von der Unterdrückung durch die Bourbonen erholt. Und nicht nur das, es hatte sich erneut zum wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum Spaniens entwickelt. Die Vielzahl der Gebäuden im typischen Stil des katalanischen Jugendstil (Gaudí, Domenich i Muntaner u.a.) sind ein beeindruckendes Zeugnis davon. General Franco, der mit seinen Truppen den Spanischen Bürgerkrieg für sich entschieden hatte, errichtete eine zentralistische Militärdiktatur in Madrid. Da hatte der katalanische Unabhängigkeitsgedanke natürlich keinen Platz. Wieder wurde die katalanische Kultur und die katalanische Sprache aus der Öffentlichkeit verbannt.

Demonstration für den katalanischen Weg. Foto: Ottmar Breitenhuber
Demonstration für den katalanischen Weg. Foto: Ottmar Breitenhuber

Erst nach dem Tod Francos, mit der Einführung der Demokratie im Jahre 1975 – übrigens durch König Juan Carlos I. – durften sich die einzelnen Autonomien Spaniens langsam wieder an die eigene kulturelle Identität erinnern. Und da Katalonien sich rasch wieder zur wirtschaftlich stärksten Region Spaniens entwickelt hatte, kam es damit auch bald wieder in vielerlei Hinsicht zu einer Rivalität zwischen Barcelona und Madrid. Und vor allem: Die Politiker im zentralistischen Madrid hatten Angst vor den separatistischen Bestrebungen und der Stärke Kataloniens. Die Folge war eine immer stärker werdende Benachteiligung durch eine ungerechte und zentralistische Steuerpolitik. Außerdem wurden fest versprochene Rechte, die man zunächst in den Autonomiestatuten zugesagt hatte, schließlich doch nicht zugestanden. Das führte zu einem immer größer werdenden Unmut unter den Katalanen. Die Wirtschaftskrise Spaniens und die Erinnerung an die einstige politische Unabhängigkeit und kulturelle Größe ließ schließlich den Ruf nach erneuter Unabhängigkeit von Spanien in Katalonien immer lauter werden. Und, was normalerweise ziemlich selten ist, sowohl ein sehr großer Teil der Bevölkerung als auch Politiker verschiedenster Parteien sind sich in diesem Anliegen einig.

Demonstration für den katalanischen Weg. Foto: Ottmar Breitenhuber
Demonstration für den katalanischen Weg. Foto: Ottmar Breitenhuber

Am 9. November 2014 will die Regierung Kataloniens nun in ihrem Land eine Volksabstimmung durchführen: Was ist der Bevölkerungswille? Ein von Spanien unabhängiger neuer Staat Katalonien oder Verbleib als eine sogenannte Autonomie im Zentralstaat Spanien. Nur, da wäre noch ein „kleines“ Problem an der geplanten Volksabstimmung am 11. November: Laut spanischer Verfassung ist eine Volksabstimmung nur möglich, wenn sie von der Zentralregierung in Madrid einberufen oder genehmigt wird. Und die hat natürlich überhaupt kein Interesse an den diesbezüglichen Plänen der Politiker in Barcelona. So geht’s also los. Barcelona sagt: Wir machen die Abstimmung trotzdem! Madrid: Ihr habt überhaupt keine Rechtsgrundlage dazu. Keiner weiß, wie es weitergehen soll. Keiner ist bereit, seine Position aufzugeben. Kommt es zu einer Abstimmung? Wenn ja, wie geht sie aus? Und dann? Was folgt daraus?

Demonstration für den katalanischen Weg. Foto: Ottmar Breitenhuber
Demonstration für den katalanischen Weg. Foto: Ottmar Breitenhuber

1,8 Millionen Katalanen auf der Straße geben jetzt aber dem Wunsch nach einer „via catalana“ einen neuen Aufschwung. So wie bisher, kann und darf es nicht weitergehen! Lässt sich dieser deutliche Wille eines Volkes wirklich noch aufhalten? Wird man den Katalanen verbieten, was den Schotten demnächst erlaubt wird? Natürlich, eine politische Unabhängigkeit Kataloniens ist noch lange nicht die Lösung aller katalanischen Probleme. Aber: Nur wer sich der individuellen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Stärken bewusst ist, sie pflegen und fördern darf, der wird auch einer größeren Einheit, ob spanischer Nationalstaat oder europäischer Vielvölkergemeinschaft, einen für alle gewinnbringenden Beitrag geben können. Eine Vielfalt in der Einheit. Vielleicht gibt es ja in diesem Sinne eine „via catalana“. Ich jedenfalls wünsche es Katalonien, Spanien und Europa.

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