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Betlehem liegt in Barcelona

Es ist Samstag, der 24. Dezember 2016, halb acht am Abend. Mit Sharon und Johannes, den beiden Freiwilligen unserer deutschsprachigen Gemeinde, eile ich durch die Straßen der Innenstadt Barcelonas. In Spanien sind die Geschäfte an Heiligabend ganz normal bis 21 oder 22 Uhr geöffnet. Dementsprechend herrscht noch die ganz normale „vorweihnachtliche“ Großstadthektik. In den engen Gassen der Altstadt kämpfen wir uns durch Massen von einkaufswütigen Schnäppchenjägern und Weihnachtstouristen aus aller Welt. An den großen Plätzen der Stadt sehen wir überall ein Großaufgebot von Polizei postiert, zum Teil mit gepanzerten Wägen und Maschinengewehren. Wenn wir nicht gerade von der Kindermette unserer Pfarrei kämen, kämen wir sicher nicht auf die Idee, dass es Heiligabend ist (Da die weihnachtliche Lichterdekoration ja schon seit fast sechs Wochen zum Straßenbild gehört, löst auch diese inzwischen keine besonderen weihnachtlichen Gefühle mehr bei uns aus).

Wir sind auf dem Weg zum „Chiringuito de Dios“, zur „Suppenküche Gottes“. Es ist eine Obdachlosentafel mitten im Raval, dem vielleicht verrufensten Stadtviertel Barcelonas mit dem größten Migranten- und Prostituiertenanteil. Seit fast 20 Jahren gibt hier Wolfgang Striebinger mit seinen Helfern täglich an 60 bis 80 Personen Frühstück und Abendessen aus. Donnerstags gibt es eine Paella, gestiftet von einem Fünf-Sterne-Hotel. Heute sind die Leute zu einer „cena nadal“, zu einem Weihnachtsessen eingeladen. Mitglieder unserer Gemeinde haben zahlreiche Taschen voll mit Lebensmittel gespendet (dazu auch eine schöne Summe Geld) und Ivan, der Chefkoch, hat zusammen mit dem Chiringuito-Team ein festliches Weihnachts-Buffet vorbereitet: Gemüsesuppe, Brathähnchen, Tortilla, Empanadas, Kroketten, Reis, Kuchen …

Um acht wird die Tür geöffnet. Manche haben schon eine halbe Stunde davor gewartet. Die Situation erinnert mich fast ein wenig an die Bescherung am Heiligabend in meiner Kindheit, an den Augenblick, in dem der Vater die Tür zum Wohnzimmer öffnete und sich vor uns Kindern endlich der Christbaum mit den Geschenken auftat. Wolfgang Striebinger begrüßt die Gäste mit Handschlag, er kennt sie alle beim Namen, manche kommen ja schon seit Jahren. Die meisten leben auf der Straße, andere haben zwar irgendwo im Viertel mehr oder weniger ein Dach über dem Kopf, aber es reicht nicht für ein anständiges Essen. Für viele ist der Besuch im Chiringuito die einzige warme Mahlzeit des Tages. Es sind vor allem Männer, aber auch nicht wenige Frauen, jeden Alters. Sie stammen aus aller Herrn Länder. Ruhige Musik aus dem CD-Player gibt dem kleinen Saal eine feierliche Stimmung. Wolfgang heißt noch einmal alle willkommen und weist kurz darauf hin, warum sich das Abendessen heute von den Essen der anderen Tage des Jahres unterscheidet.

Dann darf ich die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium vorlesen. Die Erzählung von dem jungen unbekannten Paar aus einem vergessenen Kaff dieser Erde, das durch die Mächtigen der Welt in die Fremde geschupst wurde. Die Erzählung von den armen Schluckern, die sich als Hirten durchs Leben fretten. Die Erzählung davon, dass gerade diesem jungen Paar ein Kind geboren wurde und dass genau jene Hirten es waren, die als erstes davon erfahren haben. Und wie mit diesem Kind neue Hoffnung in die ganze Welt kam – angefangen dort, am Rand von Betlehem.

Es ist mucksmäuschenstill im Chiringuito de Dios. Alle hören sie ganz aufmerksam zu. Manchen kommen ein paar Tränen. Wir spüren, es ist unsere Geschichte, und sie ereignet sich jetzt.

„Wie viele Sprachen du sprichst, sooft mal bist du Mensch“

Von Johann Wolfgang von Goethe soll das Wort stammen: „Wie viele Sprachen du sprichst, sooft mal bist du Mensch“. Mit diesem Spruch hat er – denke ich – noch besser auf den Punkt gebracht, was auch ein ostslawisches Sprichwort besagt: „Je mehr Sprachen du sprichst, desto mehr bist du Mensch“. In den letzten Adventstagen auf dem Weg zum Weihnachtsfest ist mir dies nochmals ganz bewusst geworden.

Unser Seminaristenchor hat in diesem Jahr einige deutschsprachige Weihnachtslieder in sein Repertoire aufgenommen. Beim Einüben dieser Weihnachtsgesänge wurde mir immer bewusster, was ich durch mein Auslandsstudium in Eichstätt immer wieder verspürte, aber darüber im Grunde genommen nie richtig nachdachte. Der geistliche Gehalt eines Textes erschließt sich auf eine besondere Weise, wenn der Text in einer erlernten Fremdsprache gelesen, gebetet, gesungen oder meditiert wird. Zumindest erlebe ich es immer wieder, dass gut bekannte Texte aus der Heiligen Schrift und der Liturgie – in Fremdsprachen vorgetragen – sich plötzlich neu zeigen. Wenn ich die Lesungen aus dem Alten und Neuen Testament in deutscher Sprache höre, entdecke ich etwas Neues und denke oft: Das habe ich so auf Kirchenslawisch bzw. Ukrainisch noch nie gehört. Wahrscheinlich liegt es daran, dass das gelesene und gehörte Wort in der Muttersprache nicht immer mit ausreichender Konzentration vernommen wird. Das Zuhören und Lesen in einer Fremdsprache ist womöglich eher durch Wissbegierde ausgezeichnet und scheint mir somit gesammelter zu sein.

Auch beim Singen unserer ostkirchlichen Gesänge in unserer Heilig-Geist-Kapelle, in der die Gottesdienste hauptsächlich in deutscher Sprache gefeiert werden, ergeht es mir oft so. Schlagartig komme ich auf einen Gedanken, werde von einer blitzartigen Idee geradezu überwältigt oder bleibe einfach bei einem Wort oder Ausdruck hängen. Ich denke mir bzw. frage mich dann zugleich: Das war mir doch in der Muttersprache gut bekannt, warum habe ich dies bisher nie so gesehen oder verstanden?

In solchen Augenblicken, wenn sich das gelesene oder gehörte Wort plötzlich neu erschließt und ganz lebendig wird, wird man wirklich mit großer, innerer Freude und Zufriedenheit erfüllt. Denn als aufnehmender und meditierender Mensch geht man an die Inhalte der Texte und Lieder aus verschiedensprachigen Perspektiven heran, aus so vielen Blickrichtungen, wie viele Sprachen ich beherrsche. Wahrscheinlich ist gerade diese Erfahrung in den eingangs zitierten Sprichworten in Worte gefasst: „Wie viele Sprachen du sprichst, sooft mal bist du Mensch“.

Auch im Geheimnis der Menschwerdung Gottes, des Wortes Gottes, bzw. seiner Geburt, die wir als Christen in diesen Tagen feiern, kommen die beiden Sprüche zum Tragen. Gott lässt nicht nur uns reifen und uns durch das Erlernen von Fremdsprachen wieder und wieder Mensch werden, sondern er geruhte in seiner Liebe zu den Menschen selber Mensch zu werden. Er hat unsere Sprache gelernt. Er hat die Sprache unseres Fleisches und Blutes gelernt und ist Mensch geworden, um uns zu verstehen und sich uns ganz und gar verständlich zu machen.

In der Freude über das Fest der Geburt unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus, des wahren Menschen, der durch die Menschwerdung unsere Sprache spricht, grüßen wir vom Collegium Orientale alle Leserinnen und Leser des Blogs WEITBLICK mit einem ukrainischen Weihnachtslied in der wunderbaren deutschen Übersetzung von Michael Grill (München), die mich unter anderem zu diesem kleinen Impuls angeregt hat: „Himmel und Erde singen, jubilieren … (Satz: o. Nezhankivskyy / R. Stetsyk; Chor des Collegium Orientale)“

Sechs Monate USA – Ein Traum wird wahr

Inzwischen leben ich schon seit über sechs Monaten in Washington. Ich hab schon so viel erlebt, andere Au Pairs von überall auf der Welt kennengelernt, Freundschaften geknüpft und Freunde heimfahren gesehen. Es ist einfach immer was los hier! Meine beste Freundin, Maria, hat vor zwei Wochen frühzeitig ihren Dienst abgebrochen und ist nach Hause nach Dänemark geflogen. Meine zwei anderen Freunde sind gerade in ihrem Reisemonat (am Ende des Au-Pair-Jahres hat man einen Monat lang die Möglichkeit, in den USA zu bleiben und zu reisen). Zur Zeit haben wir in meiner Nachbarschaft vier südafrikanische Au Pairs, eine aus Dänemark und (mit mir) zwei Deutsche.

Am 26. November haben wir Thanksgiving gefeiert. Zum ersten Mal habe ich diesen speziellen amerikanischen Feiertag miterlebt. Meine Gastfamilie ist für Thanksgiving nach New Jersey gefahren (die Familie meines Gastvaters lebt dort). Die Kinder hatten von Mittwoch bis Sonntag keine Schule, deswegen sind wir am Dienstagabend losgefahren. Wir haben im Haus der Großeltern übernachtet und ein paar schöne Tage zusammen gehabt. Wir sind eislaufen gegangen, ins Kino und haben uns mit der Familie getroffen. Am Donnerstag war es dann so weit und wir sind nach Manhattan, New York, gefahren, um in einem Apartmentkomplex zusammen Dinner zu haben. Der Bruder meines Gastvaters wohnt in diesem Gebäude und wir hatten einen großen Saal zur Verfügung. Es waren so viele Menschen da! Sogar meine Gastmutter hat nicht jeden gekannt, wir waren über 70 Leute, alle irgendwie miteinander verwandt. Und jeder hat etwas mitgebracht zum Essen. Wir hatten so viel Truthahn, Süßkartoffelbrei (der war das Beste!), andere Beilagen und ganz viel Essen, dass ich nicht kannte. Ich habe von allem ein bisschen probiert und ich muss sagen, dass Truthahn mit Cranberry-Sauce gar nicht so schlecht schmeckt wie ich gedacht habe! Und dann noch der Nachtisch: Nusskuchen, Apfelkuchen, Plätzchen, ein anderer Nusskuchen, Schlagsahne und vieles mehr! Allein bei dieser Mahlzeit habe ich locker zwei Kilo zugenommen! Es war so gutes Essen!

An dem Abend ist meine Gastfamilie weiter nach Connecticut gefahren, um den Rest der Woche mit der Familie meiner Gastmutter zu verbringen. Ich habe mir einen Sitzplatz im Bus gebucht und bin nach Hause gefahren. Ich wollte ja unbedingt den Black Friday miterleben! (Black Friday ist der Tag, an dem alle Geschäfte ganz viele Angebote und Rabatte machen). Lisa und Maria haben mich vom Bus abgeholt (es war so 11 Uhr abends) und dann sind wir direkt in ein Einkaufszentrum gefahren, um mit den Ersten um Mitternacht einkaufen zu gehen. Um Mitternacht war die Mall noch relativ leer und je später es wurde desto mehr Leute kamen. Und es war echt stark reduziert! Ich habe mir viele Klamotten gekauft!

Um ca. 3 Uhr morgens hatten wir dann fertig geshoppt und dann waren wir hungrig. Also sind in einem amerikanischen Diner, um zu frühstücken. Pancakes mit Eiern und Würstchen oder Bacon! Es war echt lecker und obwohl wir alle ganz viel an Thanksgiving gegessen haben, hat uns die Einkaufstour noch einmal hungrig gemacht. Hundemüde sind wir dann um 5 Uhr morgens daheim angekommen und ins Bett gefallen…


Es war sehr spannend, Weihnachten hier zu verbringen. Meine deutsche Freundin Lea und ich sind an Heiligabend in eine katholische Kirche gegangen. Es war sehr interessant, eine Messe auf Englisch mitzuerleben. Der Ablauf war im Großen und Ganzen der gleiche wie in deutschen Kirchen, auch wenn Lea und ich bei einigen Gebeten und Predigten nicht alles verstanden haben. Das Vater Unser konnten wir auch nicht mitbeten und selbst den Friedensgruß kannten wir nicht auf Englisch. Es war jedoch eine echt spannende Erfahrung!

Aber wie feiert man denn den ersten Weihnachtstag in einem jüdischen Haushalt? Eigentlich gar nicht. Meine Gastfamilie ist Ende Dezember in den Urlaub gefahren, sodass ich das Haus zur Verfügung hatte. Ich habe alle meine Au Pair Freunde eingeladen und wir haben zusammen ein (kosheres) Weihnachtsessen gekocht, wir hatten Hähnchen, allerlei Beilagen und Gemüse. Und ganz viel Nachtisch! Wir hatten viel Spaß alles zusammen zuzubereiten, gemeinsam zu essen und zu Wichteln.

Weihnachten im Allgemeinen wird in den USA anders verbracht als in Deutschland. Die Geschäfte und Straßen sind weihnachtlich geschmückt mit Schneeflocken und roten Schleifen, jedoch hab ich mir das viel extremer vorgestellt, so wie man das in den meisten Filmen sieht. Auch hat es mich sehr gewundert, dass Supermärkte an Heiligabend und am ersten Weihnachtstag offen waren (von 8 Uhr bis 17 Uhr). In Deutschland ist das ja unvorstellbar. Und ich muss sagen, dass auch relativ viele Menschen an Weihnachten einkaufen waren, u.a. auch meine Freundin, die zwei Stunden vor unserem Dinner erst das Hähnchen eingekauft hat! Den zweiten Weihnachtsfeiertag feiert man hier eigentlich gar nicht.

Das neue Jahr 2016! Neujahr hab ich mit meiner dänischen Freundin Maria und meinen beiden südafrikanischen Freunden Lisa und Amanda verbracht. Wir sind nach Downtown (ins Stadtzentrum zu all den Touristenattraktionen) gefahren und haben dort zusammen angestoßen. In einer Stadt wie Washington DC zu leben und hier Neujahr zu verbringen ist echt cool!

Was mir dagegen wirklich gefehlt hat, war die Sternsingeraktion. Ich bin seit Jahren als Betreuer mitgelaufen und hier hat man diese Tradition nicht. Selbst den Feiertag Heilige Drei Könige gibt es hier nicht. Zum Glück hat mich Irene Keil auf dem Laufenden gehalten, was Erfolg und Wettersituation dieses Jahr in meiner Heimat angeht.

Meine Gastkinder sind am 4. Januar wieder in die Schule gegangen, meine Gasteltern sind wieder zur Arbeit und die Feiertagsstimmung war vergessen. Der Alltag ist hier wieder eingekehrt!

Glaubens- und Ordensleben in Bolivien

Am 9. Dezember ist hier in Santa Cruz der einzige bolivianische Kardinal, Julio Terrazas, mit fast 80 Jahren gestorben. Bis vor wenigen Jahren war er auch noch Erzbischof von Santa Cruz und Vorsitzender der Bolivianischen Bischofskonferenz. Er war vom Orden der Redemptoristen und stammte aus Vallegrande in der Nähe von Santa Cruz. In vielen politischen und gesellschaftlichen Konflikten hat er kein Blatt vor den Mund genommen und prophetisch seine Stimme erhoben. Wir haben einen großen Mann der Kirche in Bolivien verloren. Sein Vorgänger als Kardinal war Erzbischof Josef Clemens Maurer aus Deutschland. Wann wird es wieder einen Kardinal in und für Bolivien geben?

Unser Franziskanerbischof, Weihbischof Aurelio Pessoa von La Paz, wurde kürzlich zum Sekretär der Bolivianischen Bischofskonferenz gewählt. In dieser Funktion war er auch zwei Wochen in Rom. Da er aus Concepción, dem Dorf wo ich viele Jahre Pfarrer war, stammt und er auch einige Jahre in der Pfarrei San Antonio mein Kaplan war, übernachtet er immer wieder mal in unserem Kloster.

Heiligabend wie Silvesternacht

Rückblick auf Weihnachten: Mit der “stillen Nacht” ist es in Bolivien nicht weit her. Da man die Freude immer lautstark zum Ausdruck bringen muss, ist der Heiligabend traditionell geprägt von lauten Böllern, der Silvesternacht ähnlich. In Santa Cruz de la Sierra habe ich Nostalgie wegen der Herbergssuche, die man in Concepción aufführt: Das ganze Dorf ist neun Tage und Nächte lang unterwegs: Von der Kathedrale holt man jeden Abend die Statuen von Maria und Josef auf einem Traggestell ab und trägt sie dann durch die Straßen des Dorfes. Dabei singt man Lieder und betet. Die Kinder machen sich Sonachas, d.h. an einem Holzstück nageln sie je zwei blattgeklopfte Bierdeckel, so dass sie sich bewegen können und man die Lieder rhythmisch begleiten kann. An zwei Häusern macht man Station und bittet singend um Unterkunft, was aber abgelehnt wird. Erst beim dritten Haus hat man dann Glück: Zuerst wird ein kurzer Wortgottesdienst gehalten oder etwas aus der Bibel szenisch dargestellt. Dann wird der letzte Teil der Posada gesungen. Während sich die Tür öffnet, wird ein “Schnaderhüpfel” gesungen und die Hausmutter lustig um Bonbons gebeten. Und die Familie lässt sich da nicht lumpen. Manchmal gibt es die Piñata: Man spannt ein Seil über die Straße und befestigt daran ein Paket mit Bonbon usw., aber auch mit Mehl oder Wasserbeuteln. Das Seil wird dann nach unter gelassen und wieder schnell hochgezogen. Mit einem Stock muss dann das Paket getroffen und geöffnet werden. Mit einem großen Krack fallen die Sachen herunter und es gibt eine Riesengaudi. Das ganze Dorf macht mit. Und man verabschiedet sich mit einem herzlichen “bis morgen”. Da darf man nicht fehlen. An Heiligabend sind dann die “Figuren” echt, und da es in Concepcion noch Esel gibt, führt der Josef den Esel mit der María darauf vorsichtig zwischen den Leuten um den Dorfplatz. Natürlich ist auch der Eigentümer in der Nähe, um notfalls den störrischen Esel zur Vernunft zu bringen. Dann ziehen alle – auch María und Josef (ohne den Esel) – in die Kathedrale ein. Dort leiht man der Muttergottes ein Baby, und es beginnt das Krippenspiel mit dem Engelschor. – Es gibt auch Versuche in der Stadt Santa Cruz, doch ist dies “Mitschi”, d.h. man hat hier keine Tradition und es sind nur wenige Kinder dabei.

Papstbesuch

Im Juli war Papst Franziskus zu Besuch in Bolivien. Dreißig seiner wichtigsten Begleiter waren im Exerzitienhaus von San Antonio untergebracht. Er selbst war in der Wohnung des Kardinals untergebracht, der aber bereits im Krankenhaus war. Bei der Papstmesse in Santa Cruz war der Altar der Fassade von Concepcion nachgebildet, und dieser Altar steht auch weiterhin auf seinem Platz. Verschiedene Chöre und Orchester aus den Indianerdörfern spielten und sangen. Da die Kinder und Jugendlichen aus Concepcion in unserer Pfarrei San Antonio untergebracht waren, nutzte ich die Gelegenheit, um den Verantwortlichen folgende Idee vorzutragen: Es gibt einige Jugendliche, die in diesen Musikgruppen sangen oder spielten, jetzt aber hier in Santa Cruz sind. Könnte man diese nicht einladen und so zu einer musikalischen Gruppe formen? Und seit zwei Wochen üben bereits rund 20 Jugendliche hier in unserem Pfarrsaal.

Ordensleben

Wir Franziskaner in Bolivien sind “international” und kommen aus Polen, Deutschland, Österreich, Italien, Spanien, Nordamerika, Argentinien und natürlich auch aus Bolivien. Doch waren wir vor 20 Jahren noch gut 200, so sind wir jetzt nur noch 100. Davon aber sind viele alt oder krank. Wir betreuen Wallfahrtsorte, unterhalten Schulen und die meisten sind in der Pfarrseelsorge. Es fällt schwer, Konvente aufzugeben und Pfarreien an die Bischöfe abzugeben. Doch sind wir dabei, einen entsprechenden Plan zu erarbeiten. Unser einheimischer Nachwuchs? Wir haben fünf Postulanten, sieben im Noviziat, 13 in Philosophie und Theologie. Das heißt, wir haben durchaus Nachwuchs, doch sind auch die Austritte meist hoch, so dass nur wenige bleiben: einer pro Jahr! Auch die Alten und Kranken müssen versorgt werden. Einige kehren freiwillig in ihre Herkunftsländer zurück, und hier in San Antonio habe ich schon vor einigen Jahren begonnen, eine Krankenstation zu organisieren. Langsam wird daraus auch ein Altenheim. Wir haben also eine Pastoral nach innen und außen zu verwirklichen. Es sind schwierige Zeiten mit vielen Herausforderungen.

Als Pfarrei betreuen wir zwei Speisesäle für Kinder. Während des Schuljahres bekommen rund 100 Schüler täglich ein gutes Mittagessen. Für die notwendigen 15.000,– Euros jährlich bekommen wir Hilfen vom Franziskanermissionsverein in München, der Missionszentrale der Franziskaner in Bonn und meiner persönlichen Spender. Der Eigenbeitrag der Familien ist minimal. Zu Weihnachten organisierten die Gebetskreise für die Straßenkinder ein Fest mit Spiel, Sport und gutem Mittagessen. Es sind Stunden der Freude für diese Kinder. Erlebtes Evangelium! Gott und seine Liebe sind gegenwärtig und spürbar!

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Terrorismus und Weihnachten – Bethlehem contra Religionsfanatismus

Jürgen Habermas zu den Terroranschlägen in Paris: Der Dschihad benütze zwar religiöse Muster, habe aber nichts von einer Religion. Der Dschihad sei eine „absolut moderne Reaktionsweise auf Lebensumstände der Entwurzelung“ (Süddeutsche Zeitung vom 23.11.15).

Mit dem gleichen Begriff ENTWURZELUNG beschreibt die jüdische Philosophin Simone Weil (1909-1943) die geistige Situation der 20er und 30er Jahre. Simone Weil, in Paris geboren, in ihrer Jugend für die Weltrevolution kämpfend, als Arbeiterin bei Renault die Entwurzelung der Arbeiterklasse erfahrend, erkennt hellsichtig die Gefahr des Faschismus („die Deutschen, 1933 ein Volk von Entwurzelten“). 1943, mit 34 Jahren, stirbt sie im englischen Exil („ich liebe den katholischen Glauben, aber nicht die Kirche“).

Ihr letztes Werk „DIE VERWURZELUNG“ erscheint mit einem Vorwort von Albert Camus. Darin schreibt sie:
„Die Entwurzelung ist bei weitem die gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaft.
Wer entwurzelt ist, der entwurzelt.
Wer verwurzelt ist, entwurzelt nicht.
Die Verwurzelung ist vielleicht das wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele.“

Verwurzelung. Foto:  Horst Schaub/Pfarrbriefservice.de
Verwurzelung. Foto: Horst Schaub/Pfarrbriefservice.de

„O radix Jesse – O Wurzel Jesse“ –so singt die Liturgie der Kirche in der  „O-Antiphon“ zur Vesper am 19. Dezember: „O Spross aus Isais Wurzel, gesetzt zum Zeichen für die Völker – vor dir verstummen die Herrscher der Erde, dich flehen an die Völker: o komm und errette uns, erhebe dich, säume nicht länger!“

Ein Bild der unerschütterlichen Hoffnung: ein umgeschlagener Baum, seine Wurzelkraft bleibt, er treibt immer wieder neu aus! „Kommen wird der Sproß aus der Wurzel Isai“, so zitiert der Apostel Paulus (im Römerbrief 15,12) den Propheten Jesaja (11,1).

Weihnachten sagt: Verwurzelt sein in der „Wurzel Jesse“, im Kind von Bethlehem: das erfüllt das „wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele“ (S. Weil).

Durch dieses Kind von Bethlehem verwurzelt sein in Gott – das ist auch heute das Heilmittel gegen die Krankheit der Entwurzelung. Verwurzelung in Gott geschieht aber nicht in religiösen Gewaltfantasien – Bethlehem ist die Antwort auf den absurden Terror in Paris –, sondern in der Liebe.

„Als die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, erschien, hat er uns gerettet“ (so in der 2.Lesung der Christmette aus dem Titusbrief 3,4).“Es herrscht das Absurde, aber die Liebe errettet“ (Albert Camus). Im Vorwort zu „DIE VERWURZELUNG“ bestätigt Camus Simone Weils „Antiterror-Programm“: „Es scheint mir unmöglich zu sein, sich eine Wiedergeburt Europas vorzustellen, welche die von Simone Weil definierten Forderungen unberücksichtigt ließe.“