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Der Maidan in Kiew – Fotoimpressionen

Ivan Kupar, ehemaliger Kollegiat des Collegium Orientale Eichstätt aus Transkarpatien/Südwestukraine, war mehrere Male auf dem Maidan in Kiew. Er hat eine Fotodokumentation zum Thema „Maidan in Kiew: friedliche Organisation, Aufgabenverteilung und Zusammenhalt der Demonstranten“ erstellt.

Eine Auswahl seiner Bilder hat er mir zugesandt und zur Veröffentlichung hier im Blog freigegeben. Es sind Aufnahmen von der Versorgung der Maidan-Teilnehmer mit Wasser, Essen, Tee; von der medizinischen Versorgung der Verletzten und Kranken. Gezeigt werden auch Aufräumarbeiten nach den nächtlichen Angriffen der bewaffneten Polizei, Barrikadenbau aus Straßenpflastersteinen und Reifen, die letzteren zum Verbrennen, um eine dunkle Rauchwolke zu erwirken und die klare Sicht der Polizeileute auf den Maidan zu verhindern. Auch Blutspuren eines Ermordeten, umgeben von Pflastersteinen – in der Mitte mit einem Holzkreuz, damit niemand drauf tritt – sind zu sehen.

Vielleicht können diese Bilder manchen der prorussischen Journalisten überzeugen, dass die unbewaffneten Demonstranten ganz normale Menschen sind, die für ihre und unsere Menschenwürde standen und bisher noch stehen (in größter Lebensgefahr!), und dass sie keine Nazis beziehungsweise Faschisten sind, wie sie offiziell von der russischen Seite genannt und leider viel zu oft von russlandfreundlichen Medien – auch in Deutschland – ungeprüft bezeichnet werden.

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Ukraine – ein Grenzland versinkt in grenzenlosem Leid

Eine der dominierenden etymologischen Deutungen des Landesnamens „Ukrajina“ = Ukraine, der zum ersten Mal schriftlich im 12. Jahrhundert bezeugt ist, heißt Grenzgebiet oder Grenzland. Geschichtlich und geografisch gesehen bringt diese Bezeichnung das Schicksal des Landes und seiner Einwohner trefflich auf den Punkt. Es liegt an der Grenze zwischen der westlichen und östlichen Mentalität; durch sie geht eindeutig eine sprachliche Grenze zwischen den zwei slawischen Sprachen Ukrainisch und Russisch, in vielen Teilen der Ukraine gemischt. Nicht zuletzt liegen die Grenzen der christlichen Konfessionen (katholisch und orthodox) nirgendwo so nah beieinander wie in der Ukraine. Deshalb ist hier auch die größte unierte Kirche zu Hause, die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche, die zweitgrößte in der katholischen Welt.

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In der jüngsten Geschichte zeigt sich die Ukraine als Grenzgebiet in den gesellschaftspolitischen Belangen. Das Land, nach mehreren Versuchen endlich seit 1991 ein unabhängiger Staat, existiert zwischen zwei größeren geopolitischen Blöcken, der Europäischen Union und der Russischen Föderation. Beide Nachbarn sind sehr unterschiedlich im Denken, im Sprechen und im Handeln, gestalten ganz unterschiedlich ihre gesellschaftlichen Prozesse. Die westlichen Nachbarn sind demokratisch und freiheitsliebend. Die östlichen bevorzugen bzw. dulden einen autoritären und gebieterischen Regierungsstil. Alle Nachbarn haben freilich ihr Interesse an der Ukraine. Aber auch die Ukraine, meine Heimat, will sich als junger Staat behaupten und ihrerseits mit allen an sie grenzenden Nachbarn gute Kontakte unterhalten und in Frieden leben. Doch das war ihr öfter und wird ihr besonders heute nicht gegönnt, besonders vom östlichen Nachbarn, der ihr militärisch und zahlenmäßig überlegen ist, jedoch – wie es aus den aktuellen Ereignissen hervorgeht – wohl nur militärisch und zahlenmäßig.

Mit Empörung und einem totalen Unverständnis, was das Verhalten Russlands gegenüber der Ukraine angeht, nehme ich persönlich die Ereignisse wahr. Auch meine Freunde, Nachbarn und Bekannte, hauptsächlich aus der West- und Zentralukraine, sowohl ukrainisch- als auch russischsprachig, reagieren genauso auf die momentane Situation in der Ukraine. Der russische Präsident zeigt durch diesen von ihm schon lange vorbereiteten und verursachten Konflikt sein wahres Gesicht. Besonders entpuppen sich dadurch sein autoritärer und rücksichtsloser Regierungsstil und seine imperialistischen Absichten und Visionen von Großrussland beziehungsweise der Wiederbelebung der UdSSR, mit denen er 1999 in Tschetschenien handelte und 2008 im Krieg gegen die Georgier vorging. Damals reagierten die Opponenten mit Waffen und lieferten ihm so den Grund, militärisch durchzugreifen und alles in seinem Sinn sehr schnell zu erledigen. Heute zeigt die Ukraine und die ukrainische Armee große Geduld, wobei sie ihre prowestlichen Werte vor der ganzen Welt hervorragend unter Beweis stellt, und erschwert somit die Erfüllung der Pläne des östlichen Nachbarn. Und doch ist die Situation sehr schlimm, so dass der russische Nachbar sein Ziel wahrscheinlich erreichen wird: zunächst die Halbinsel Krim und dann möglicherweise noch weitere Teile der Südostukraine. Zumindest ist das sein zweiter Plan, nachdem der erste mit der ganzen Ukraine gescheitert ist. Der langjährige ideologische ukrainophobe Informationskrieg hat bereits seine menschlichen Opfer gefordert und wird womöglich für Russland noch mehr Beute servieren. Sehr schade für die Ukraine – und vor allem gefährlich für die Staaten der Europäischen Union sowie für die demokratischen Abmachungen, die wieder einmal nur so viel wert sind, wie das Papier, auf dem sie verfasst sind. Die Grenzen der Ukraine sind zwar international geklärt und Russland hat sich 1994 zusammen mit den Vereinigten Staaten und Großbritannien schriftlich verpflichtet, als Gegenleistung für die Abrüstung der Atomwaffen ihre Grenzen – samt der Krim als Teil der Ukraine anzuerkennen und sogar zu schützen. Doch ein Grenzland muss nach Ansicht Russlands ein Grenzland – mit unbestimmten Grenzen – bleiben, die je nach politischer Stimmung der Regierung Russlands hin oder her geschoben werden dürfen. Jetzt hat es sich der östliche Nachbar anders überlegt und zeigt, wie viel seine Unterschrift wert ist und wie ernst sie künftig zu nehmen ist.

In der blutigen und schwarzen Maidan-Woche (17.-22. Februar 2014) war ich in meiner Heimat auf einer Reise, die seit langem geplant war. Es gab keine Probleme, weder an der Grenze noch bei den Fahrten zwischen den Hauptstädten der Westukraine. Unsere Reisegruppe wurde vor den Einfahrten in die Städte und bei den Ausfahrten immer wieder kontrolliert, ob wir nicht Unruhestifter sind. Aufgrund der deutschen Kennzeichen unseres Kleinbusses und an unseren Talaren erkannte man uns von Weitem und ließ uns überall durch. Wir hatten sehr tiefgehende Gespräche über die ganze Situation. Alle waren von der Situation und von der blutigen Machtgier der Janukowitsch-Oligarchen und der antiukrainischen und somit antidemokratischen russischen Politik gegenüber der Ukraine schockiert und betroffen. Auch meine Familie habe ich besucht. Die ganze Situation hat schon schlimme Auswirkungen wirtschaftlicher und psychischer Art. Männer arbeiten nicht – oft die einzigen, die das Geld in die Familie bringen – sondern fahren wochenweise zum Demonstrieren. Die Frauen und die Kinder haben traurige und unsichere Gesichter. Momentan lassen sich viele junge Männer freiwillig zum Militärdienst einziehen. Wenn die Ärzte unser Dorf und unser Krankenhaus verließen, um freiwillig die Dienste auf dem Maidan Kiew zu übernehmen, hieß es, dass unsere Kranken vor Ort auch nicht richtig versorgt werden konnten. Das Lieblingsspiel der Jungs ist einer Umfrage zufolge das Barrikadenbauen. Das alles sind Auswirkungen der Bosheit der machtgierigen Erwachsenen.

Die Kirchengemeinde in Sykhiv, ein Stadtteil von Lemberg, hatte wie viele andere Städte auch ihre Toten zu beweinen: Tausende von Menschen waren bei der Beerdigung. Auch auf unserer Reise trauerten wir mit mehreren Angehörigen der ermordeten Demonstranten. So wurden ein Professor der Ukrainischen Katholischen Universität in Lemberg und der Ehemann einer Krankenschwester des Lemberger Priesterseminars ermordet, und auch ein Verwandter des Rektors des griechisch-katholischen Priesterseminars von Ivano-Frankivsk, der beim dem Totengedächtnis für den Verwandten vor lautem Weinen kaum singen konnte.

Man kann sich fragen, ob der Wechsel in der Regierung weiter in die Gesellschaft hinein wirkt. Ich meine, der Wechsel wirkt sich schon jetzt aus und wird sicherlich auch weiterhin tiefere Auswirkungen haben, auch wenn die Ukraine geografisch vielleicht kleiner wird. Nie waren die Ukrainer gewohnt, einen Zaren an der Spitze zu haben, der seine Leute versklavte und für dumm hielt. Und wenn es einen gab, dann war er ein Fremdherrscher und regierte von außerhalb des Territoriums. Das haben leider weder Janukowitsch noch der Kreml bisher verstanden. Keiner der Politiker, auch nicht Frau Timoschenko, wird sich ab sofort trauen können, kurz- oder langfristig krumme Wege zu gehen und nicht transparent zu handeln. Wenn wieder Ruhe eingekehrt ist, werden auch die neuen Reichen, Einflussreichen und Politiker es nicht so schnell wagen, das eigene Volk auszubeuten und sich nur um ihre eigenen Taschen zu sorgen. Denn sie merken, das ukrainische Volk – ukrainischsprachig und russischsprachig – ist keine nichtdenkende Masse, sondern eine reife, verantwortungsbewusste, zielstrebige und nach Frieden verlangende Gemeinschaft. Sie will das Leben im eigenen Land und das Miteinander mit den Nachbarn – auch mit den Russen! – im Guten gestalten.

Was wir heute in der Ukraine erleben, ist der eindeutige und öffentliche Ausdruck dafür, aber auch für die innere Reife für demokratische Prozesse und westeuropäische Entwicklung. Wichtig ist, dass die westliche Demokratie und die EU uns heute unterstützen und uns helfen. Denn der heutige Kampf der Ukraine mit allen legalen Mitteln und – leider – mit bereits viel zu vielen Toten ist ein Kampf für die europäischen Werte und für den Bestand der Demokratie, auch im Westen Europas. Für die bisherige Unterstützung jeglicher Art – ökonomisch und ideell – sind wir sehr dankbar. Die Solidarität der westeuropäischen Welt mit dem Grenzland Ukraine ist grenzenlos groß. Nochmals vielen Dank dafür!

In vielerlei Hinsicht verwischen sich momentan die Grenzen in der Ukraine, besonders im persönlichen Leben der Menschen. Die Ukrainer im Westen sprechen Russisch und im russischsprachigen Osten der Ukraine wird Ukrainisch gesprochen als handfestes Zeichen der Zugehörigkeit zu einem Volk. Gemeinsam trauert man um die Toten, gemeinsam ermuntert man einander in der Hoffnung auf die baldige Überwindung des Konflikts. Gemeinsam ringt man im Parlament um die Lösung. Das Gemeinsame in Ost und in West der Ukraine wird hervorgehoben. Die Gemeinsamkeiten und die Begegnung sind eben auch Stärken eines Grenzlandes!

In meinem Leben habe ich mich noch nie so viel und so intensiv für Politik und politische Nachrichten interessiert wie jetzt. Mit einem Wirrwarr von Gedanken kann ich jeden Abend nicht einschlafen und ich stehe zur Zeit immer mit dem gleichen Gedanken auf: Was gibt es nun Neues in der Ukraine, hoffentlich kein weiteres Blutvergießen. Auch im Gebet bitte ich Gott – ich bin mir sicher, in Gemeinschaft mit Millionen Menschen guten Willens – dass die Unruhen endlich ein Ende nehmen, dass die Verantwortlichen und die Verursacher von der Bosheit loslassen. In der Hoffnung, dass über allem doch die starke Hand Gottes weilt, gehe ich meinen täglichen Aufgaben nach.

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Dramatische Fortsetzung des Konfliktes in der Ukraine

Seit dem 18. Februar 2014 machen die Ereignisse in der Ukraine wieder Schlagzeilen in der westeuropäischen Presse. Der Grund dafür sind Eskalation der Gewalt und blutige Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und den Demonstranten auf dem Hauptplatz in Kiew, dem Maidan. Wegen der mangelnden Kompromissbereitschaft bzw. fast völligen Ignorierung der Forderungen der Demonstrierenden traten die fast zwei Monate dauernden friedlichen Proteste in eine neue Phase ein. Blitzartig verbreiten sich die Nachrichten darüber, dass das Land unmittelbar vor dem Bürgerkrieg steht oder ihm eine Spaltung droht.

Heute eine Prognose zu machen, wie sich die Lage in diesem Land weiterentwickelt, wäre nur rein hypothetisch möglich. In diesem Beitrag verzichte ich daher auf eine Analyse oder Prognose, sondern versuche, aus meiner persönlichen Sicht eine Bestandaufnahme der gegenwärtigen Situation und zwar mit Blick auf die ukrainischen Kirchen.

Reaktionen der ukrainischen Kirchen auf die Eskalation der Gewalt

Die Kirchen waren von Anfang an im Mittelpunkt der Proteste auf dem Hauptplatz in Kiew präsent. Für die geistige Betreuung der Protestierenden wurde auf dem Maidan sogar eine Zeltkapelle eingerichtet, in der wochenlang ununterbrochen gebetet wurde. Ganz besonders engagierten sich dort die Priester der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche. Während des Sturmes des Maidans durch die Sondereinheiten der Polizei in der Nacht auf den 19. Februar wurde die Zeltkapelle in Brand gesetzt. Nach Augenzeugenberichten schafften die Priester es gerade noch, aus dem brennenden Zelt das Evangelium und die Messkelche zu retten. Mein Freund und Arbeitskollege, Dr. Vasyl Rudeyko, Priester der UGKK und Dozent für Liturgiewissenschaft an der Ukrainischen Katholischen Universität, befindet sich zurzeit im Brennpunkt des Konfliktes in Kiew. Er teilte gestern mit, dass er zusammen mit den anderen Priesterkollegen eine neue Zeltkapelle eingeweiht hat.

Am 19. Februar meldete sich der Allukrainische Rat der Kirchen und religiösen Organisationen zu Wort und verurteilte zum wiederholten Male die Eskalation der Gewalt: „Wir rufen erneut dazu auf, bitten und flehen alle Beteiligten an den Auseinandersetzungen an, die Gewaltanwendung abzubrechen, und die Vertreter der Regierung und der Opposition, die Verhandlungen fortzusetzen“, so der Appell des Rates.
Während der Generalaudienz am Mittwoch, dem 19. Februar, äußerte sich auch Papst Franziskus besorgt über die Lage in der Ukraine: „Mit großer Sorge verfolge ich das, was sich in diesen Tagen in Kiew ereignet. Ich versichere dem ukrainischen Volk meine geistige Unterstützung und bete für die Opfer der Gewalt, für ihre Familien und für die Verletzten. Ich rufe alle Seiten des Konfliktes auf, auf jegliche Gewaltanwendung zu verzichten, und nach der gegenseitigen Verständigung und dem Frieden zu suchen“.
Wie in den letzten Monaten mangelt es in diesen dramatischen Tagen nicht an Stellungsnahmen der einzelnen ukrainischen Kirchen bzw. Kirchenvertreter. Hier sind nur einige von ihnen zusammengefasst.

Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche

Das Oberhaupt der UGKK, Großerzbischof Sviatoslav Shevchuk, ist der Auffassung, der Widerstand solle einen friedlichen Charakter haben: „Die Gewalt ist keine konstruktive Form der Konfliktlösung“, unterstrich er am 19. Februar in einem Interview. Er erinnerte an die großen Gestalten der Menschheitsgeschichte wie Martin Luther King, Nelson Mandela aber auch die in der Sowjetunion verbotene Griechisch-Katholische Kirche oder die Dissidentenbewegung in den 60er Jahren. Sie hätten nicht mit Hilfe der Waffengewalt, sondern mit moralischen und geistigen Mitteln diese Welt verändert.

An seine Priester wandte er sich mit einer Art Instruktion, wie sich der Klerus in der gegenwärtigen Lage verhalten soll. Die Verhaltensgrundlage seien die fundamentalen Normen des priesterlichen Dienstes. Jeder Priester sei das Gesicht der Kirche und müsse sich deshalb an ihrer Lehre orientieren. Seine Hauptaufgaben bestünden in der Verkündigung des Evangeliums, der Spendung der Sakramente und dem Dienst an den anderen. Die Kirche bleibe weiterhin ein aktives Mitglied der gesellschaftlichen Prozesse, daher solle der Seelsorger in allen Lebenssituationen den ihm anvertrauten Gläubigen zur Seite stehen.

Die Ukrainische Katholische Universität veröffentlichte am selben Tag eine Erklärung zur Situation in der Ukraine. Darin wird unmissverständlich darauf hingewiesen, dass der Präsident der Ukraine, Viktor Yanukovych, für die Eskalation des Konfliktes persönlich Verantwortung trage. Diese Eskalation streiche jede Hoffnung auf eine friedliche Überwindung der Krise und nähre die humanitäre Katastrophe.

Die Ukrainische Orthodoxe Kirche Kiewer Patriarchat

Noch am Tag des Konfliktausbruches, dem 18. Februar, forderte Patriarch Filaret Denysenko eine sofortige Aufnahme und Fortsetzung der Unterredungen, bis ein positives Ergebnis erzielt werde. In derselben Erklärung wiederholte er seinen dreistufigen Vorschlag, wie man die Krise überwinden könnte: Einstellung der Gewaltanwendung, ein fruchttragender Dialog und politischer Kompromiss. Gestern Nachmittag, nachdem die Hoffnungen auf eine friedliche Lösung noch weiter in die Ferne rückten, beschloss die Bischofssynode dieser Kirche, in den Gottesdiensten die im byzantinischen Ritus übliche Fürbitte für die Staatsregierung vorläufig zu streichen.

Ähnliche Stellungnahmen haben auch die Vertreter der anderen Kirchen abgegeben. Wegen ihrer Positionen oder ihrer Öffentlichkeitsarbeit wurden bereits einige Priester angegriffen und verletzt, wie z.B. Andrej Hamburg, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Odessa.

Die Diakonia der Kirchen

Neben den kritischen Stellungsnahmen und Aufrufen machen die Kirchen eigenartige Erfahrungen, was es heißt, im Dienst an den Anderen zu stehen. Diese dienende Unterstützung leisten die Kirchen den Verletzten und Bedrohten. Einige kirchliche Räume fungieren seit vier Tagen als Behandlungs- oder Zufluchtsorte für die Bedürftigen. In der Michaels-Kathedrale der Ukrainischen Orthodoxen Kirche Kiewer Patriarchat wurde ein Spital eingerichtet, in dem die Verletzten behandelt werden. Ähnliche Hilfe erhält man auch in der griechisch-katholischen Kirche des hl. Basilius des Großen der Basilianermönche.
Am 18. Februar wurde die römisch-katholische Kirche des hl. Aleksander zum Zufluchtsort für die Demonstranten, die vor den gewalttätigen Sicherheitseinheiten fliehen mussten. Letztere versuchten sogar, die Kirche zu stürmen, wurden aber rechtzeitig aufgehalten. Etwa 30 Flüchtlinge, darunter auch einige Verletzte, blieben über Nacht in der Kirche.

Wie geht es weiter? Was kann man tun, um die Situation zu verbessern? – diese Fragen stellen sich heute viele Ukrainer und mittlerweile auch viele Westeuropäer.

Alles entwickelt sich so rasch, dass man kaum vorhersagen kann, was die nächste Stunde bringen wird. Eines ist aber unverkennbar: dass die nächsten Tage für die Ukraine entscheidend werden.

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Die ukrainische Minderheit in Ostpolen

Die Minderheit der katholischen Ukrainer in Polen ist nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Ukraine nur wenig bekannt. Eine gute Gelegenheit diese Volksgruppe, die sich durch ihre griechisch-katholischen Traditionen und ihre dramatische Geschichte durch die letzten Jahrhunderte hervorheben, näher kennenzulernen, bietet das Weihnachtsfest.

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Nicht nur die liturgischen Feier im byzantinischen Ritus prägt die Zeit der Geburt des Herrn, sondern auch das jahrhundertealte, westukrainische Liedgut, kulinarische Traditionen und das reiche Brauchtum haben die polnischen Ukrainer bis heute bewahrt. Diese Verflechtung der Religion und des Volksbrauchtums soll aber nicht verwundern, da kaum ein Ereignis aus dem Leben Jesu uns so konkret an die Menschwerdung Gottes erinnert, wie seine Geburt in Betlehem. Weil die Geburt Christi den Menschen von jeher nahe ging und grade die Freude über die Ankunft des Retters in der Geburtsfeier ihren schönsten Ausdruck findet, haben die Völker dieses religiöse Fest mit ihrem Brauchtum bereichert.

Die Besonderheit der ukrainischen Minderheit in Polen erkennt man schon am Weihnachtsdatum: es wird nicht am 25. Dezember gefeiert, nach dem gregorianischen Kalender, vielmehr verwendet die griechisch-katholische Kirche in Polen neben dem staatlichen gregorianischen Kalender den alten kirchlichen, julianischen Kalender bei dem Weihnachten am 7. Januar – also 13 Tage später – gefeiert wird.

Die diesjährigen Feierlichkeiten in der griechisch-katholischen Kathedrale St. Johannes der Täufer in Przemyśl wurden von zwei besondere Ereignisse umrahmt: die Bischofsweihe des neuen Weihbischofs Eugeniusz Popowicz am 21. Dezember 2013 und das Hinscheiden von Kateryna Pipka, ein lichtes Beispiel einer frommen Mutter der ukrainischen Untergrundkirche, am 1. Januar 2014. In diesen Geschehnissen trafen wie in einem Brennpunkt sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche (UGKK) in Polen aufeinander.

Weiterlesen im ausführlichen Beitrag als PDF:
– Anfänge des byzantinischen Bistums in Przemyśl
– Die unierte Kirche in Ostgalizien
– Katholische Ukrainer in Polen nach 1945
– Geschichte einer gläubigen Mutter
– Wiederaufblühen der UGKK in Polen nach 1989
– Zukunft in der Treue zur Tradition

Ukrainische Kirchen auf den Barrikaden

Zur gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Rolle der Kirchen in der Ukraine

Seit mehr als einigen Wochen protestieren viele Menschen in der Ukraine gegen die Entscheidung der Regierung und des Präsidenten, die Unterzeichung des seit langer Zeit geplanten Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union zu verschieben. Die Proteste setzten ein, nachdem offiziell erklärt worden war, dass die wirtschaftliche Situation in der Ukraine angeblich noch nicht erlaube, eine Öffnung und Annäherung an die EU zu wagen. Die Massendemonstrationen wurden wegen der Ereignisse in der Hauptstadt Kiew in der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember 2013 verstärkt. In jener Nacht haben Spezialeinheiten der ukrainischen Polizei „Berkut“ gegen 4.00 Uhr auf eine bislang noch nie zuvor gegebene Weise die auf dem Hauptplatz Kiews „Maidan“ demonstrierende Menschen, vor allem die studentische Jugend, brutal verprügelt und auseinander getrieben. Die erschreckenden Bilder der Gewaltanwendung gegen die friedlichen Demonstranten lösten die seit 2004 größte Welle des Protestes aus.

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Vergleicht man die gegenwärtigen Proteste mit der „Orangenen Revolution“ 2004, die sich gegen die massiven Wahlfälschungen richtete, kann man schon jetzt eine deutliche Akzentverschiebung erkennen. Während die Menschen damals eher auf eine bestimmte Gruppe von Oppositionspolitikern mit dem späteren Präsidenten Viktor Juschtschenko (2005-2010) an der Spitze setzten, protestieren sie heute vor allem für ihre Rechte, Freiheiten und Menschenwürde und nicht zuletzt für die Idee einer europäischen Ukraine.

In diesen Tagen macht sich auch die Aktivität der ukrainischen Kirchen bemerkbar. Es ist nicht verwunderlich, dass die Kirchen in solchen Krisensituationen ihre Stimme erheben, denn seit Jahren zeigen die Umfragen, dass sie in ihrem Ansehen gegenüber den staatlichen und anderen gesellschaftlichen Instituten weit überlegen sind. Eine der letzten soziologischen Befragungen vom 11. Februar 2013 bestätigt diesen status quo. Danach vertrauen den Kirchen 66,5% der Befragten.

Das hohe Vertrauen ist unter anderem dadurch begründet, dass es der politischen Elite, die in den letzten zwei Jahrzehnten an der Macht war, bis jetzt nicht gelungen ist, glaubwürdige und vor allem zukunftsfähige Entwicklungsperspektiven für die Ukraine zu entwerfen und wirksam umzusetzen. Wegen des permanenten Scheiterns der politischen Systeme und deren Unfähigkeit, eine dauerhafte Stabilität zu gewährleisten, werden die Kirchen als Institutionen angesehen, auf die man sich stützen kann. So ist die Kirche, besonders in den letzten Jahren, zu einem wichtigen Subjekt des gesellschaftspolitischen Lebens in der Ukraine geworden.

Die historisch bedingte Vielfalt der Kirchen in der Ukraine lässt es aber nicht zu, von einem kirchlichen Engagement im Singular zu sprechen. Die Kirchen stellen in den Beziehungen zum Staat keinen einheitlichen Organismus dar, sondern sind in verschiedene Konfessionen aufgeteilt. Die größte Gruppe unter ihnen bilden die orthodoxen Kirchen, die in drei selbständige Jurisdiktionen aufgespaltet sind: die Ukrainische Orthodoxe Kirche unter der Obhut des Patriarchats von Moskau (UOK MP), die Ukrainische Orthodoxe Kirche Kiewer Patriarchat (UOK KP) und die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche (UAOK). Die  katholische Kirche setzt sich aus zwei katholischen Ostkirchen, die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche (UGKK) und die Griechisch-Katholische Diözese Mukachevo, sowie der römisch-katholischen Kirche in der Ukraine zusammen. Hinzu kommen unterschiedlich große Denominationen der evangelischen und evangelikalen Kirchen und Kirchengemeinschaften.

So uneinheitlich die ukrainische konfessionelle Landschaft ist, so unterschiedlich fielen auch die kirchlichen Positionen während der „Orangenen Revolution“ 2004 aus. Das kirchliche Verhalten bestimmten damals vor allem die politischen Sympathien der Mehrheit ihrer Mitglieder, die jeweils in zwei unversöhnte Lager – den pro-westlichen und den pro-russischen getrennt waren. Im Allgemeinen unterstützten damals die UGKK und die unabhängige Orthodoxie (UOK KP) die Anhänger von Juschtschenko und die UOK MP seinen Opponenten Viktor Janukovytsch.

Viele Kirchen – eine Stimme

Seit dem Anfang der gegenwärtigen politischen Krise lässt sich wieder ein erhöhtes kirchliches Engagement beobachten. In den Medien findet man eine Flut von kirchlichen Stellungsnahmen zur gesellschaftspolitischen Situation im Land. Bemerkenswert ist zunächst die Tatsache, dass die Kirchen im Vergleich zu 2004 darum bemüht sind, mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen. Eine wichtige institutionelle Rolle spielt dabei der Allukrainische Rat der Kirchen und religiösen Organisationen, der in den letzten Jahren immer stärker als Sprachrohr der Kirchen und der religiösen Organisationen in den Beziehungen zum Staat wahrgenommen wird. Dem im Jahre 1996 gegründeten Rat, dessen Hauptaufgaben in der Förderung des interkonfessionellen Dialogs und der Zusammenarbeit mit dem Staat bezüglich der Erarbeitung der Rechtsnormen in den Kirche-Staat-Beziehungen bestehen, gehören alle bedeutenden religiösen Gruppen der Ukraine an. […]

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