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„Jipe Moyo“: Fass dir ein Herz – Eine Einladung für alle

Am 8. März, dem internationalen Frauentag, der dieses Jahr sein 100-jähriges Jubiläum feiert und heute so wichtig ist, wie selten zuvor, hat mir Jipe Moyo einmal mehr gezeigt, wie es seinen Namen, der übersetzt so viel wie „Fass dir ein Herz!“, bedeutet, versteht und lebt: als offene Einladung und Aufruf an all diejenigen, die in Not sind und sich allein gelassen fühlen. Voller Freude und Energie nimmt man sich hier gegenseitig Ängste, steht einander bei und schenkt sich Mut und neue Kraft. Das kiswahilische Wort „Karibu“, was zu Deutsch „Willkommen“ heißt, ist bezeichnend für die tansanische Kultur, die sich durch Offenheit und Herzlichkeit auszeichnet, und bildet auch den Anfang des Jipe Moyo-Liedes, das die Kinder mit großem Enthusiasmus vortragen. Dieses einander Akzeptieren und Willkommen-heißen, das die Arbeit von Jipe Moyo von Beginn an auszeichnet, ist das Fundament der starken Gemeinschaft, die die Kinder hier bilden, und von der so viel Lebendigkeit und Liebe ausgeht.

Seit viereinhalb Monaten lebe ich nun in Tansania und bin als Freiwillige ein Teil des Jipe Moyo Centre Musoma. Einer Nicht-Regierungsorganisation, die für den Schutz von Kindern und Frauen kämpft. Immer wieder aufs Neue, beeindruckt mich der unermüdliche Einsatz für ein friedlicheres Leben in der Mara-Region, in der Unterdrückung und Gewalt allgegenwärtig sind.

Vor allem in den ländlichen Gegenden, die von den Machtstrukturen der jeweiligen ethnischen Volksgruppe bestimmt sind, werden die Rechte von Kindern und Frauen missachtet. Das Herabsetzen von Frauen zur Einkommensquelle, zeigt die verbreitete Ansicht auf, sie seien weniger wert als Männer und dürften wie Besitz, über den frei verfügt werden kann, behandelt werden. Nach wie vor herrscht, beispielsweise beim Zugang zu Bildung, keine Chancengleichheit, was es Mädchen und jungen Frauen von Beginn an unmöglich macht, ein selbst-bestimmtes Leben zu führen. Sie werden in die Abhängigkeit von Männern gezwungen und sind geschlechterspezifischer Gewalt hilflos ausgeliefert. Die Tradition der weiblichen Genitalverstümmelung, welche im Großteil der in der Mara-Region lebenden Volksgruppen praktiziert wird, nimmt Mädchen auf grausamste Weise ihre Würde. Viele von ihnen sterben an der menschenrechts-verachtenden Praxis, die Frauen anspruchslos und hörig machen, und ihnen das Empfinden von sexueller Lust nehmen soll. Nach der Beschneidung, die den Eintritt ins Erwachsenenalter markiert, werden Mädchen, die häufig nicht älter als 13 sind, als heiratsfähig angesehen. Sie werden angeboten, wie auf einem Markt und müssen, nach Verhandlung und Bezahlung des Brautpreises, ihre Familie verlassen, um  Ehefrau und Mutter zu sein, wozu sie weder physisch noch psychisch in der Lage sind. Neben weiblicher Genitalverstümmelung und Kinderheirat, sind Mädchen und Frauen Opfer von sexuellem Missbrauch, Prostitution und Gewalt. Oft sehen sich Betroffene in ihrer verzweifelten Lage allein gelassen. Fehlende Anlaufstellen und Unterstützung, sind ein Grund dafür, dass viele Fälle unentdeckt bleiben und die Missachtung von Frauenrechten akzeptiert und sogar als richtig angesehen wird.

Die Mission von Jipe Moyo ist es, gegen diese Verletzungen der Menschenrechte vorzugehen und für den Schutz von Kindern und Frauen zu kämpfen, mit dem Ziel ein respektvolles und friedliches Miteinander zu schaffen. So setzt Jipe Moyo ein Zeichen gegen Ungerechtigkeit und richtet die öffentliche Aufmerksamkeit auf Themen wie geschlechterspezifische Gewalt. Durch das Brechen von Tabus, wendet sich die Organisation gegen veraltete Traditionen und bewirkt, gemeinsam mit allen Teilen der Gesellschaft, einen tiefgreifenden und langanhaltenden Wandel.

Das Engagement von Jipe Moyo zeigt große Wirkung. So ist der Erfolg in der positiven Entwicklung jedes einzelnen Kindes sichtbar und zeigt uns immer wieder aufs Neue, dass wir gemeinsam viel bewirken können. Mitzuerleben wie Kinder heilen, sich öffnen und sich fern von Gewalt und Angst frei entfalten, ist wunderschön und berührend. Die Lebensfreude, die von den Mädchen und Jungen ausgeht, motiviert auch gegen alle Schwierigkeiten, weiter für ihren Schutz und ihr Wohlbefinden zu kämpfen.

Jipe Moyo verbindet Spaß und Leichtigkeit mit Bildung und der Aufklärung über die Rechte von Kindern und Frauen und die Verantwortung diese zu schützen. Hier wurde die Symbolkraft des internationalen Frauentages, der ein Zeichen gegen geschlechterspezifische Gewalt und für Gleichberechtigung setzt, lebendig. Alle Kinder haben über die letzten Wochen fleißig Lieder und Tänze geprobt und so war die Freude groß, diese präsentieren zu können und gemeinsam den „siku ya wanawake duniani“ zu zelebrieren. Es war wundervoll für mich zu erleben, wie sehr sich alle über dieses Event gefreut haben und es, als starke Gemeinschaft die niemanden ausgrenzt, feiern. Wie in einer Familie tritt man für den Anderen ein, schützt sich gegenseitig und behandelt einander mit Respekt und Liebe. Die Energie und Freude der Kinder beim Singen, Tanzen und Theater spielen sind mitreißend und ich genieße das Zusammensein mit ihnen unglaublich.

Von Beginn an habe ich Jipe Moyo als meine kleine Insel empfunden, in dieser für mich anfangs neuen Kultur. Alle Menschen, die zu uns kommen, werden mit Offenheit und Zuneigung aufgenommen, an diesem leuchtenden Ort der so viel Kraft ausstrahlt, neue Hoffnung schenkt und Kinder wieder Kinder sein lässt. Diese Zuversicht, nicht allein zu sein und immer einen Weg zu finden, erreicht Menschen bis weit über die Grenzen des Centers hinaus.

Jipe Moyo ist die Stimme von Opfern geschlechterspezifischer Gewalt und bietet ihnen durch Bildung eine neue Perspektive. An diesem 8. März, dem internationalen Frauentag, wird einmal mehr deutlich, wie stark und selbstständig Mädchen und Frauen sind, wenn sie frei von Gewalt und Unterdrückung aufwachsen und leben können und ihnen die Chance gegeben wird sich frei zu entfalten.

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Gastfreundschaft wird in Tansania großgeschrieben

Diesmal möchte ich über ein Thema schreiben, das mir, seit ich hier in Tansania angekommen bin, sehr viele wunderschöne Momente bereitet hat. Es geht um die Gastfreundschaft.

Ich erinnere mich an ein Buch, das ich gelesen habe, in dem es darum ging, dass jedes Land und jede Stadt sein bzw. ihr eigenes Wort hat, das den Ort am besten beschreibt. Für mich ist „hospitality“ definitiv das Wort Tansanias. Nirgendwo wird sich so beigeistert und voller Offenheit um Gäste gekümmert wie hier. Ich bin einfach super dankbar schon so oft in den Genuss dessen gekommen zu sein.

Natürlich ist ein wichtiger Aspekt in meinem Fall auch das „mzungu“ sein – das „weiß“ sein. Alleine dadurch ist man Anlaufzentrale für kurze Gespräche, Einladungen nach Hause, Heiratsanträge …, aber das ist eine andere Geschichte.

Die Türen der Tansanier stehen jedoch jederzeit offen. Wer immer gerade zu Besuch da ist, ist willkommen und bekommt auf jeden Fall immer etwas zu Essen angeboten. Mit immer meine ich auch immer. Nur wenn man wirklich schon fast zur Familie gehört schafft man es vielleicht, „nur“ einen Tee zu trinken.

Es macht auch nichts aus, wie viel man selbst besitzt. Auch wenn man noch so arm ist und noch so wenig hat – das bisschen wird geteilt und die Freude daran, es mit anderen zu genießen, ist viel größer als die Sorge über das Morgen.

Das Sprichwort „Mteja ni Mfalme“ – Der Kunde oder Gast ist König – gibt es hier auch und wird wesentlich ernster genommen als bei uns. Als Gast hat man absolut kein „Mithilferecht“ und mindestens zwei Leute wirbeln herum, um es einem bequem zu machen.

Ich habe außerdem so viele Menschen getroffen, die sich ganz ehrlich und wirklich intensiv für mich als Deutsche interessiert haben und die es auch interessiert hat, zu erfahren, was man als Ausländer von Tansania hält.

Ganz besonders freuen sich die Tansanier natürlich, wenn man schon Kiswahili spricht, da das für viele, die kein Englisch sprechen, eine Gesprächsbasis erst eröffnet. Es schmeichelt ihnen, dass man auf diese Weise Interesse an der Kultur zeigt und sich austauschen kann.

Das Schöne ist außerdem, dass hier nichts auf die Goldwaage gelegt wird, also dass gezählt wird, wer jetzt schon wie oft bei wem zu Besuch war und wer denn jetzt als nächster an der Reihe ist. Jeder ist immer überall willkommen und es wird immer sicherheitshalber für mindestens eine Person mehr gekocht.

Es gibt keine Hemmungen, einen Gast sofort in die Familie einzuführen. Man wird gleich allen möglichen Verwandten und Bekannten vorgestellt, die einen ohne Weiteres als Freund aufnehmen – ganz nach dem Motto: „Deine Freunde sind auch meine Freunde!“. Dein Bekannter ist auf einer Hochzeit eingeladen und du kennst das Brautpaar nicht? Kein Problem, einfach mitkommen! Es wird eh das halbe Dorf anwesend sein – ein Gast mehr oder weniger macht da keinen Unterschied. Es ist einfach wunderbar!

Das schönste daran ist, dass die Tansanier selbst unheimlich stolz darauf sind, ein so friedliches, offenes und gastfreundliches Land zu sein. Dieser Nationalstolz, der sich daraus ergibt, ist so bodenständig, herzlich und einheitlich, dass man sich unter den Tansaniern sofort wohlfühlt.

Das klingt jetzt alles unheimlich hochgejubelt und romantisiert, aber ich verspreche jedem, der einmal nach Tansania reisen wird und nicht nur der Pauschalreise folgt, sondern auch mit den Tansaniern persönlich in Berührung kommt, dass er genau diese Erfahrung machen wird.

In diesem Sinne: Karibuni sana – herzlich willkommen!

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Bildung in Tansania

Das Wort „elimu“ (Bildung) ist in Tansania wohl einer der wichtigsten und nur allzu oft ausschlaggebendsten Begriffe für Erfolg oder Misserfolg. Ich hatte in meiner Zeit hier im Norden von Tansania nun schon mehrfach das Glück, mich mit Tansaniern über das hiesige Schulsystem und die Bedeutung von Bildung zu unterhalten. Dabei habe ich nicht nur den Ablauf kennengelernt, sondern auch die Sorgen und Herausforderungen, mit denen sich Lehrer, Eltern und Schueler konfrontiert sehen.

Hier also ein kleiner Einblick in das, was ich aus verschiedenen Quellen erfahren habe – die aber, und das möchte ich betonen, natürlich nur ein kleiner Ausschnitt sind und nicht die gesamte Bevölkerung oder alle Institutionen vertreten.

Das tansanische Schulsystem beginnt mit einer Nursery School, die alterstechnisch mit unserem Kindergarten verglichen werden kann. Allerdings haben diese beiden Institutionen fast nichts gemeinsam. In Tansania heißt es für die kleinen Mädchen und Jungs neben spielen, singen und tanzen nämlich schon richtig lernen. Schreiben, Lesen, die ersten Schritte in Mathematik und Englisch. Ganz schön viel für die kleinen Racker.

Dann geht es für sieben Jahre in die Primary School (Standard 1-7). Die Grundschulen sind hauptsächlich staatlich geführt, aber es gibt auch vereinzelt Privatschulen. In der Theorie lernen die Schüler in diesen Jahren richtig viel und erreichen verglichen mit Deutschland schon fast Mittelstufeniveau – wenn es nach den Lehrbüchern geht. In der Realität sieht es leider nicht so rosig aus. Eine große Herausforderungen sind zum Beispiel viel zu starken Klassengrößen, die einen guten Unterricht kaum ermöglichen bzw. der extrem hoch angesetzte Englischstandard. Von den Schülern wird erwartet, innerhalb kürzester Zeit und mit wenig Unterstützung das Englische so zu erlernen, dass der Unterricht komplett auf Englisch gehalten werden kann. Das ist für die 7 bis 15 Jährigen einfach zu viel auf einmal. Einfacher wird es auch nicht dadurch, dass sogar die Lehrer zum Großteil überfordert sind mit dem erwarteten Engischniveau und oft nicht ausreichend ausgebildet sind. Viele der Grundschullehrer kommen direkt vom zweijährigen-Lehrercollege und sind dementsprechend gerade einmal Anfang bis Mitte 20. Neuerdings überlegt die Regierung, zudem auch noch das Lehrertraining ganz abzuschaffen und den Grundschulunterricht schon zu ermöglichen, wenn man in der weiterführenden Schule den sozialpädagogischen Zweig gewählt hat.

Dann geht es auf die Secondary School (Form 1-4). Wer finanziell gut ausgestattet ist, kann sich eine private Schule leisten, ansonsten gehen die Kinder auf die staatlichen Schulen.

Im Allgemeinen sollte in der weiterführenden Schule nur auf Englisch unterrichtet werden, allerdings wird das eigentlich nur in den Privatschulen durchgeführt. Dies ist aber gar nicht auf die „schlechten Lehrer“ oder die „bösen Regierungsschulen“ zu schieben, sondern vor allem der Tatsache gschuldet, dass viele der Schüler auch nach sieben Jahren Grundschule bis auf wenige Worte fast kein Englisch verstehen und die privaten Schulen beim Einstellungstest da sehr strikt sind. Allzu oft können die Grundschüler nämlich nicht in den Unterricht, weil sie zu Hause helfen müssen – Viehhüten, kochen und putzen, auf die kleinen Geschwister aufpassen, auf dem Markt verkaufen etc. Je mehr verpasste Stunden und Übungen, desto mehr hapert es natürlich auch am Englischen. Und da bei den Klassengrößen von bis zu 50 Schülern auch die Einzelbetreuuung auf der Strecke bleibt, ist das also eigentlich kein Wunder.

Nach vier weiteren Jahren der Ausbildung können die Besten dann noch mit Form 5 und 6 weitermachen, was so ungefähr unserer Oberstufe entspricht. Danach sind sie befähigt, in die Universität zu gehen. Das ist dann tatsächlich die „crème de la crème“. Positiver Weise lässt sich ein immer höherer Studentenanteil in der Bevölkerung feststellen, was auch den Grund hat, dass den jungen Leuten nachweislich die schulische Ausbildung selbst immer wichtiger wird und sich dementsprechend sehr anstrengen.

Damit aber all die anderen Schüler nicht „auf der Strecke bleiben“, sind hier die sogenannten Colleges sehr beliebt. Das sind Trainingscenter, in denen die jungen Menschen auch studieren können, selbst wenn sie nicht mit dem akademischen Grad abschließen wie die Universitätsstudenten.

Hier muss aber auch noch einmal zwischen den Trainingscenters für Grundschulabgänger und Abgänger der weiterführenden Schulen unterschieden werden. Erstere bilden vor allem in handwerklichen Berufen aus, wie Nähen, Kochen, Techniker aber auch Tour-Guides. Zweitere bietet auch Ingenieurwesen, Computer, Lehramt etc. an. Und mit diesem Abschluss sehen die Jobchancen gar nicht einmal so schlecht aus, da der praktische Anteil, wie in Deutschland bei der Ausbildung, wesentlich höher ist und dies im ökonomisch fortschrittlichen Tansania hauptsächlich gebraucht wird.

Die große Herausforderung für die handwerklichen Trainingscenters besteht, und dabei spreche ich aus Erfahrung in dem Homecraft-Center, in dem ich derzeit arbeite, dass die Institutionen, die für Lehrinhalten, Examen etc. verantwortlich sind, ihren Standard immer mehr erhöhen wollen und sozusagen Gymnasialniveau (bzw hier eben Secondary-Niveau) anstreben. Das hat zur Folge, dass in allen großen Fächern zusätzlich viele Nebenfächer unterrichtet werden müssen. Und das alles auch noch mal auf Englisch. Jetzt erinnern wir uns zurück, dass die meisten Schüler dieser Centers von der Grundschule kommen und deswegen wenig bis kaum Englisch sprechen. Wie dem beikommen? In dem man stur auswendig lernt in einer Sprache, die man nicht ganz versteht und deswegen auch über den Inhalt nicht ganz sicher ist. Obwohl das sicherlich an sich eine gute Methode für gute Noten ist, verfehlt sie doch irgendwie ihren Sinn, auch Transferleistungen vollbringen zu können. Das führt letztendlich zur falschen Schwerpunktsetzung, die weit von der Praxis wegführt und tief in die Theorie hinein, was aber ja eigentlich in der tatsächlichen Wirtschaft gar nicht so gebraucht wird.

Hinzu kommt, dass dadurch die Kosten an den Colleges um einiges höher werden, da mehr Lehrer eingestellt werden müssen, mehr Unterrichtsmaterial gebraucht wird, Gebäude bereitgestellt werden müssen etc. Leider sind aber viele jener Schüler unter anderem nicht weiter auf die Secondary gegangen, weil das Geld gefehlt hat – das sich auch bis jetzt nicht vermehrt hat. Das führt dazu, dass auch immer mehr Eltern Schwierigkeiten haben, ihren Kindern wenigstens eine handwerkliche Ausbildung zu ermöglichen.

Was könnte nun bei all diesen Herausforderungen die Lösung sein? Eine einzelne gibt es sicherlich nicht, aber die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, hatten so einige gute Lösungsansätze und Ideen:

  1. Lehrerausbildung

Schafft man es, die neuen Lehrer und Lehrerinnen so gut auszubilden, dass sie sowohl inhaltlich als auch sozialpädagogisch gut vorbereitet sind, kann die Herausforderung der großen Klassengrößen, des Englischen und der Vermittlung von Allgemeinwissen besser bewältigt werden. Dann werden es auch mehr Kids auf die Secondary schaffen, von da auf Colleges und in die Oberschulen. Das würde eine ganz breite Bevölkerungsschicht auf einen wesentlich höheren Bildungsstand katapultieren.

  1. Förderung der staatlichen Schulen
    Wenn dann noch das Ausbildungsniveau der Regierungsschulen gehoben werden kann, eben durch besser ausgebildete und erfahrenere Lehrer und mehr Finanzmittel für Schulmaterialien, kann auch den Menschen mit kleinem Geldbeutel eine gute Bildung ermöglicht werden – nicht nur den reichen Privatschulkindern bzw. den Glücklichen, die einen Sponsor gefunden haben.
  2. Verstärkung des Rechts auf Bildung

Ein weiterer Ansatz ist das Recht für Kinder, zur Schule gehen zu dürfen, zu stärken. Aufzupassen, dass Kinderarbeit vermieden wird und zwischen Mädchen und Jungen kein Unterschied gemacht wird. Aber da hat man oft Schwierigkeiten, an die einzelnen Familien heranzukommen, vor allem in den außerhalb lebenden Stämmen, in denen das häufig noch ein schwerwiegender Punkt ist.

  1. Praxisvertiefung

Eine weitere Idee ist bereits in der Secondary mit mehr praktischen Einheiten zu beginnen, um den Schülern, falls sie den Abschluss nicht schaffen sollten, wenigstens praktische Kenntnisse vermittelt zu haben, mit denen sie Jobs bekommen können. Inwiefern das allerdings das Bestehen der Trainingscenters beeinflussen könnte, darf auch nicht unbeachtet gelassen werden.

  1. Kiswahili durchsetzen

Meine persönliche Überzeugung ist außerdem, dass viel mehr erreicht werden könnte, würde man die Schüler in ihrer Mutter- und Landessprache studieren lassen, nämlich auf Kiswahili. Man muss sich nur einmal vorstellen, alle Abiturienten in Deutschland müssten das Abitur komplett auf Englisch schreiben – da hätten wir auch mit wesentlich schlechteren Ergebnissen zu rechnen und die Proteste wären laut.

Ich denke, es gibt noch viel zu tun, was das tansanische Bildungssystem betrifft. Ich habe jedoch gute Hoffnung, dass es vorwärts gehen wird. Warum? Weil ich all diese kritischen Punkte und Zukunftsvisionen eben in Gesprächen mit Tansaniern zu hören bekommen habe. Die Bevölkerung ist sich der Situation also sehr bewusst und fordert sehr deutlich Reformen von der Regierung (was vor allem jetzt vor den Wahlen klar erkennbar ist). Die Bewegung kommt von den Bürgern selbst und nahezu ohne Unterstützung vom Ausland oder von NGO’s, die sich einmischen.

Und darauf sind die Tansanier sehr sehr stolz!

Wie im Paradies – ein Besuch in Sansibar

In meinen Ferien, die vier Wochen gedauert haben, hatte ich die Möglichkeit, zusammen mit den anderen acht Ostafrika-Freiwilligen aus meiner Gruppe nach Sansibar zu fahren. Es war wirklich toll, einen ganz anderen Flecken von Tansania kennenzulernen, wenn auch nur für wenige Tage.

Sansibar, eine Insel im Indischen Ozean, rund zwei Stunden Bootsfahrt vom Festland Tansanias entfernt, hatte eine sehr lebendige Geschichte und ist vor allem für den intensiven und brutalen Sklavenhandel berüchtigt (im 19. Jahrhundert war Sansibar der weltgrößter Sklavenmarkt). 1964 wurde es zusammen mit Tanganyika zu Tansania vereinigt. Seitdem ist es halb autonom und hat seinen eigenen Präsidenten behalten. Die Hauptstadt ist Stone Town, die sich an der Westküste der Insel befindet. Durch den intensiven Handel mit Indien und den großen arabischen Einfluss hat die Insel, besonders aber Stone Town, heute noch ein ganz spezielles flair und wird oft mit den Worten „exotisch“ oder „mystisch“ beschrieben. In der Tat sieht die Stadt ganz anders aus, als jede andere, die ich bisher gesehen habe. Das liegt hauptsächlich an den vielen engen und verwinkelten Gassen, die durch die Hochhäuser rundherum geradezu düster und geheimnisvoll wirken. Dazu das alte Gestein, die verwaschenen Wände und die Verzierungen, die von einem ganz anderen kulturellen Einfluss zu erzählen wissen. Im krassen Gegensatz dazu stehen die vielen Souvenirläden und Marktstände, mit all ihren Stoffen, Schnitzereien und Malereien, die in allen Farben leuchten, ebenso wie die offenen und herzlichen Menschen, die mit jedem ein Gespräch anfangen, egal ob man sich in einer Sprache verständigen kann oder nicht. Besonders bekannt ist die Stadt für ihre Haustüren, die entweder ganz wunderbare Holzschnitzereien haben oder mehrere Reihen von Messingknäufen. Biegt man in eine der Nebenstraßen ein, kommt man an ruhigen kleinen Restaurants vorbei und nicht allzu selten sieht man auch eine Gruppe von jungen bis alten Menschen, die vor ihrem Haus zusammensitzen und Brettspiele spielen.

Aber Sansibar besteht nicht nur aus seiner Hauptstadt, sondern hat noch weitere schöne Ecken. Wenn man ein bisschen ins Landesinnere fahren möchte, ist es am spannendsten das Dalla Dalla zu benutzen. Das ist eines der öffentlichen Verkehrsmittel vor Ort, das wie ein Kleinbus ist, der hinten allerdings anstatt der Wände Holzleisten hat und ein schön verziertes Holzdach. Die Bänke sind seitlich angebracht und wer keinen Sitzplatz mehr bekommt, der kniet sich eben in den Mittelgang.  Au der Fahrt sieht man vor allem eins: Palmen. Die Insel ist übersäht mit ihnen und sie machen das Urlaubsfeeling perfekt. Da vergisst man auch glatt die Hitze, die durch die hohe Luftfeuchtigkeit nicht gerade gemildert wird.

Wendet man sich dann weiter nördlich und fährt bis an die Spitze der Insel, erwarten einen die traumhaftesten Strände. Weißer Sand und türkisfarbenes Meer, es ist unglaublich. Im Meer die Dhows, die lokalen Fischerboote, die sanft vor dem tiefroten Sonnenuntergang schwanken. Man kann „Sunset“-Bootstouren buchen, einen Tagestrip zum Schnorcheln über den Korallen veranstalten oder einen Ausflug zu den Affen im Nationalpark machen. Kurz gesagt, es ist wie ein Paradies.

Was man dabei aber nicht vergessen sollte ist, dass dieser „exotische Ort“ auch ein Zuhause von vielen Menschen ist und ebenso ein Arbeitsplatz. Es gibt viele,  die tagtäglich härteste Arbeit leisten, für die das nicht ein romantisch altmodisch aussehendes Boot ist, sondern die finanzielle Absicherung. Und es gibt genauso viele, die dennoch nicht genügend Geld nach Hause bringen können, um die Großfamilie zu ernähren und den Kindern eine gute Bildung zu ermöglichen.

 

Auch wenn der Tourismus in vielerlei Hinsicht eine sehr gute Sache ist, Arbeitsplätze für die Einwohner bietet und Kunden für das kleine Geschäft bringt, muss man doch bedenken, was für negative Auswirkungen ein „falscher Tourismus“ haben kann.

Dazu gehören zu niedrige Löhne, zu wenig Investition in lokale Hotels und Restaurants und stattdessen „all inclusive“ Hotels, die den Touristen gerade mal 20 Meter zum Meer herauslocken und oft einen hohen Grad an Umweltverschmutzung und Wasserverbrauch haben. Ganz viel kommt aber auch von den Touristen selbst. Müll, der liegen gelassen wird, und vor allem das Problem der Kleidung. In einem überwiegend muslimisch geprägten Land, sollte man sich an die Normen halten und nicht in kurzen Tops und Shorts herumlaufen, sondern die Schultern und Knie bedeckt halten – zumindest sobald man sich vom Strand entfernt.

Natürlich heißt das jetzt nicht, dass man zu Hause bleiben muss und nicht nach Sansibar reisen soll, dazu ist dieser Flecken Erde einfach viel zu schön. Aber es soll eine Ermutigung und Aufforderung sein, sich mehr Gedanken zu machen und seinen Beitrag zum „positiven Tourismus“ zu leisten. Dazu kann man sich zum Beispiel über nachhaltige Reiseveranstalter informieren, die versuchen, möglichst viel Arbeit an die Einheimischen weiterzugeben und somit das Geld vor Ort zu lassen und nicht nach Europa und Amerika auszuschiffen. Ebenso wie sich bei den Hotels über faire Löhne und Umweltschutz zu informieren, da das für viele bereits ein Leitmotto geworden ist. Außerdem kann man vor Ort auch durch die Gassen der einheimischen Shops schlendern, anstatt nur durch das Touristenviertel. Auch die Restaurants tischen gutes und vor allem günstigeres Essen auf und bieten gleichzeitig noch den „echten“ Flair der Insel mit landestypischen Mahlzeiten wie Ugali na samaki (Maisbrei mit Fisch), Chapati kuku (Hühnchen mit Fladenbrot) oder Wali na nyama (Reis mit Fleisch).

Lernt man dann noch die wichtigsten Begrüßungsfloskeln wie „Habari yako“, was mit „nzuri“ beantwortet wird und so viel bedeutet wie „Wie sind die Neuigkeiten“ –  „Gut“,  und „Shikamoo“, was als respektvolle Begrüßung für ältere Menschen gilt und mit „Marahaba“ beantwortet wird, dann hat man schon einen Platz im Herzen der Einheimischen sicher und kann auf deren Gastfreundlichkeit und Offenheit zählen.

Ein aktuelles Problem für den Tourismus auf Sansibar sind die religiösen Spannungen zwischen dem Islam und dem Christentum. Zwischen 95% und 99% der Inselbewohner sind Muslime, und dementsprechend gibt es nur sehr wenige Christen. Angesichts der zunehmenden Konflikten (unter anderem wurde ein Priester ermordet, Schwestern geschlagen und es kurzieren Gerüchte, dass radikale Muslime vom Festland auf die Insel kommen, um das Christentum endgültig zu vertreiben), sind immer mehr Christen von der Insel geflohen. Das hat zur Folge, dass auch unsere Schwestern, die auf der Insel eingesetzt sind, immer ein offenes Ohr und Auge haben müssen, um nicht in Gefahr zu kommen. Deswegen wird in der ganzen Kongregation immer für die Schwestern in Sansibar (auch für die in Kenia und im Sudan) gebetet, die dort einer größeren Herausforderung und Gefahr gegenüberstehen, als diejenige, die in ihrem Land keine religiöse Minderheit darstellen.

Auch wenn die Situation für Priester und Schwestern definitiv kritisch bis gefährlich ist, muss man sich als Tourist jedoch keine Sorgen machen und kann sich frei und ohne Angst auf der Insel bewegen. Auch wir haben während unsere Zeit keinerlei Feindlichkeiten erlebt, sondern sind wirklich immer offen und herzlich behandelt worden. Diese Insel ist definitiv eine Reise wert.

Als wir die Fähre früh morgens wieder zurück nach Dar Es Salaam genommen haben und Stone Town uns in der Morgenröte verabschiedet hat, hat keiner von uns auch nur eine Minute des Urlaubs bereut und wir werden uns noch lange an den gemeinsamen Erinnerungen erfreuen.

Missionarin auf Zeit – Lehrerin in Tansania

Ich will diesmal ein bisschen näher von meinem Alltag in Tansania erzählen, der sich in den letzten Wochen so breit gemacht hat. Jeder Morgen startet mit der heiligen Messe, in die abwechselnd die erste und zweite Klasse hingeht. Meistens beinhaltet das ein bisschen Morgensport, damit ich nicht zu spät komme. Von allen Seiten werde ich mit einem „Good morning, Teacher. How are you?“ begrüßt. Dass die Mädchen im Gottesdienst mit dabei sind, ist super, weil sie mir mit ihrem lebhaften Gesang ganz wunderbar beim Aufwachen helfen können.

Als Lehrerin in Tansania. Fotos: Katharina Stein
Schule in Tansania. Fotos: Katharina Stein

Nach dem Frühstück gehe ich zurück in die Schule, richte mein Zimmer und gehe zum Klassenraum. Montags, mittwochs und freitags haben wir vorher noch Assembly, wo wir das Vater Unser auf Englisch beten und organisatorische Dinge besprechen. Dann geht’s in die Klasse. Eine Unterrichtsstunde dauert zwei Stunden, was die Sache sowohl für Schüler als auch Lehrer nicht unbedingt leichter macht.

Im jetzigen Stundenplan bin ich montags immer in beiden Jahrgängen und Dienstag und Mittwoch jeweils in einem Jahrgang. Die restliche Zeit kann man mich im Büro antreffen, wo ich der Schwester alles Mögliche an Arbeit abnehme, mich um das Taschengeld der Mädchen kümmere, meinen Unterricht vorbereite oder Swahili lerne, wenn gerade nichts zu tun ist. Um 13 Uhr ist Mittagessen, danach hab ich eine kurze Pause, bis es um 14 Uhr wieder ins Büro geht. Um 17 Uhr Uhr verlasse ich (wenn möglich) das Büro, und vertreibe mir die Stunde bis zum Prayer (Abendgebet). Dann gibt es Abendessen und schon ist der Tag fast vorbei, da bis 21 Uhr noch  Lernzeit für die Mädchen ist.

Am Donnerstag oder Freitag gehen eine Schwester und ich meistens in die Stadt, um das Shopping für die Schule zu erledigen. Wenn wir Glück haben, bekommen wir den PickUp, ansonsten fahren wir mit dem Kleinbus eine halbe Stunde lang in die Stadt. Schön eingequetscht zwischen all den Menschen. In einen Bus passen 16 bis 28 Leute. Voll gibt’s da nicht! In Arusha gehen wir in alle möglichen Läden, auf den Markt, zur Post, zur Bank etc.

Am Samstagmorgen gehe ich mit den Mädchen joggen, die Straße runter bis zur Hauptstraße. Dabei muss man aber immer  aufpassen, dass man nicht von einem Piki-Piki-Fahrer überfahren wird, der da   mit 100 Sachen runterbrettert. Vormittags putze ich mein Zimmer, nachmittags ist die Wäsche dran, die ich mit der Hand wasche *ächz*. Den restlichen Nachmittag mache ich irgendwas anderes.

Besonders schön ist es natürlich, wenn ich mal in die Stadt gehe oder mich mit jemandem treffe  oder bei einer Veranstaltung bin. Abends bin ich mit den Mädchen zusammen, die ihre Lieder für den Sonntagsgottesdienst üben. Das bedeutet aber nicht, dass die sich brav irgendwo hinsetzen und ein bisschen singen. Nein, wenn meine Mädchen singen, dann geht die Post ab! Da sitzt niemand lange still. Es wird getrommelt, gehüpft, geklatscht, getanzt und gejubelt. Und das alles zu Kirchenliedern – bei uns unmöglich. Da kommt es auch nicht selten vor, dass unsere Maassai-Mädchen gemeinsam anfangen ihre Stammestänze zu tanzen oder sich die Mädchen gegenseitig die Bewegungen ihres Stammes beibringen. Das ist wunderschön anzuschauen.

Sonntags heißt es Ausschlafen, da erst um 8 Uhr Messe ist. Danach helfe ich in der Küche, beende meine Wäsche oder bin anders aktiv. Nach dem Mittagessen gehen wir um 15 Uhr zum Fußballspielen auf einen Bolzplatz, wo wir uns eine bis eineinhalb Stunden austoben. Nicht jeder Fußballer würde die Sportart vermutlich als solche erkennen, aber es macht Spaß und wenn ein Tor fällt, ist das Geschrei groß. Heimlaufen, duschen und schon ist es wieder Zeit für das Gebet und Abendessen.

Das ist eine ganz normale Woche bei mir. Auch wenn der Ablauf im  Detail vielleicht nicht so spannend ist, ist er doch für mich eine große Umstellung gewesen.