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Kardinal Ortega – ein Mann der Versöhnung und der Diplomatie

Kardinal Jaime Lucas Ortega y Alamino, der am 26. Juli 2019 in Havanna gestorben ist, war ein gefragter Gesprächspartner bei den Eichstätter Kuba-Tagungen, die vom Referat Weltkirche der Diözese Eichstätt gemeinsam mit der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt veranstaltet werden.

Die Eichstätter Delegation bei der Kuba-Tagung 2011 in Havanna: Links Prof. Horst Sing, Waltraud Schauer, Elisabeth Sing, Domkapitular Josef Blomenhofer, Kardinal Ortega, Prof. Bernhard Mayer, Helene Büchel, Raul Fornet-Betancourt, Gerhard Rott

Seit 2000 war Kardinal Ortega häufig in Eichstätt. Zusammen mit dem Exilkubaner Prof. Dr. Dr. Raul Fornet Betancourt hatte er und die beiden Eichstätter Professoren Horst Sing und Bernhard Mayer (2011 verstorben), der damals auch für das Referat Weltkirche zuständig war, mit dem Kuba-Dialogprogramm einen Rahmen geschaffen, um über die Perspektiven den Landes in einem akademischen Rahmen zu reden. Ehemalige deutsche Diplomaten sprachen in diesem Zusammenhang von hoffnungsvollen Zeichen der Annäherung. In seiner Delegation waren auch regierungsnahe Vertreter und so war der Marquardussaal im Bischöflichen Ordinariat auch in den Jahren 2002, 2007, 2009, 2012 und 2016 der neutrale Ort für vertrauliche Gespräche.

Domkapitular Josef Blomenhofer und sein Vorgänger im Referat Weltkirche, Bernhard Mayer, bei einer Stadtführung mit Kardinal Ortegan 2011 in Havanna. Foto: Gerhard Rott

Bei seinem letzten öffentlichen Vortrag in Eichstätt 2016 berichtete er ausführlich über seine Rolle als Vermittler zwischen Barack Obama und Raul Castro, die er im Auftrag von Papst Franziskus übernahm. Ortega war ein Mann der Versöhnung und der Diplomatie, der sich auf der Weltbühne sicher bewegte. Papst Fanziskus hatte ihm auch erlaubt, seine Mitschrift der Rede Bergoglios aus dem Vorkonklave zu veröffentlichen.

Video: Kuba-Tagung 2016 in Eichstätt

„Kardinal Ortega hat als politischer Vermittler Geschichte geschrieben“: Adveniat zum Tod des kubanischen Kardinals Jaime Ortega

Kubaner blicken mit großer Offenheit in die Zukunft

Völlig anders war das ganze Umfeld meiner dritten Kuba-Reise. Die Tagung „Interkulturalität, Erziehung, Versöhnung und soziale Arbeit“ begann unter großer Beachtung vieler engagierter Gruppen aus der Nachbarschaft mit einem kleinen Festakt – zugleich die Eröffnung einer Fotoausstellung – in einem Haus der offenen Türen. Nicht hinter den Mauern eines kirchlichen Fortbildungszentrums, sondern fast auf der Straße. Vor der offenen Türe des Centro Loyola standen viele Menschen, die mal reinschauen und wissen wollten, was da los ist. Mit großer Offenheit blicken die Mensch in Kuba in die Zukunft, obwohl mir im Augenblick niemand sagen konnte, wohin die Reise mit dem Land gehen wird. Am Dialog mit uns, den Gästen aus Deutschland, waren alle Teilnehmer, junge und alte, Akademiker, Künstler und Arbeiter sehr interessiert.

Auch mir ist nach dieser Reise nicht klar, was die Zukunft für das Land bringen wird. Sicher haben die Menschen in Kuba viel zu verlieren, zum Beispiel das beste Gesundheitssystem Lateinamerikas, das kostenlose und flächendeckende Schulsystem bis hin zu den Universitäten und die gute Infrastruktur bei der Katastrophenvorsorge (vor allem bei den Hurrikans gibt es weniger Opfer als in anderen Ländern). Ein Missionar sagte zu mir: „Die Menschen hier hungern, aber sie verhungern nicht. Das ist in anderen Ländern viel schlimmer.“

Dennoch verlassen viele Kubaner das Land, um andernorts ihr Glück und Freiheit zu suchen. Viele der Intelligentesten arbeiten lieber als Taxifahrer oder eröffnen ein kleines Lokal, zwei der wenigen Möglichkeiten für Männer, um eigenständig zu arbeiten und an die wertvolle Touristenwährung heranzukommen. Gerade bei vielen jungen Erwachsenen ist ein Verlust der Werte festzustellen: Wirtschaftliches Wohlergehen scheint das einzige Lebensziel zu sein. Aber das kommt mir aus Europa bekannt vor. Doch es gibt überall Ausnahmen. Die Arbeit der im Umfeld des Jesuitenordens landesweit angesiedelten Loyola-Zentren, die alle trotz der schwierigen Transportmöglichkeiten vertreten waren, wird hauptsächlich von Laien getragen. Sie sind sehr engagiert bei der Sache, zum Beispiel in der Jugendarbeit und der beruflichen Bildung (Stichwort: Ganzheitliche Qualifikation für Existenzgründer). Dem Klerus ist klar, dass diese Arbeit in die Verantwortung der Laien gehört.

Die Christen in Kuba bereiten sich darauf vor, dass sich die soziale Lage durch sich abzeichnende Veränderungen verschlechtern kann und dann ihre caritative Hilfe zur Bildung einer solidarischen Gesellschaft auf der Grundlage der katholischen Soziallehre von großer Bedeutung sein wird. Darum lag der Schwerpunkt dieser Tagung auf den Fragen der Versöhnung, der Erziehung und der sozialen Arbeit in einem kulturell vielfältiger werdenden sozialen Kontext. Gefreut hat mich zu sehen, dass die Kirche als Plattform des Dialogs wirklich eine wichtige Aufgabe hat. Bei der abschließenden Podiumsdiskussion waren ganz selbstverständlich Vertreter anderer christlichen Kirchen vetreten.

Der Dialog in Kuba und Kubas mit der Welt wurde mit dieser Tagung weiterentwickelt. Weitere Schritte stehen an, um einen friedlichen Prozess zu gewährleisten. Der Beitrag Eichstätts dazu ist nicht gering, sowohl das Bistum als auch die Katholische Universität bringen sich ein.