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Ein bisschen Glauben hilft nicht mehr weiter

Meine Laufbahn als Missionar hat, zeitgeschichtlich bedingt, Anfang der 1980er Jahre als Weltverbesserer begonnen. In der Tat wollte ich wiedergutmachen, was an Afrika angerichtet worden ist. Meinen ersten Glaubenskurs habe ich dann in den Elendsvierteln von Kenia bekommen. Dort sind die Menschen naturgemäß „gottanfällig“ und die Hoffnung auf Gott ist eine starke Kraft für die Bewältigung ihres oft harten Alltags. Dort ist mir ein Ausdruck aufgefallen, der immer und überall zu hören war: „Mungu yupo“ – „Gott ist da“; ob es gut geht oder schlecht. In dieser Gewissheit kämpfen sich die Menschen durch das Leben, ohne Bankkonto, ohne Sicherheiten, vielleicht ohne zu wissen, was es am Abend zum Essen geben wird. Aber es geht immer irgendwie, natürlich auch mit leidvollen Abstrichen. Mit einem mittelmäßigen Glauben kämen so viele hier in Afrika nicht durch den rauen Alltag des Lebens.

Prozession im Südsudan. Foto: Comboni Press
Prozession im Südsudan. Foto: Comboni Press

Jetzt bin ich im Südsudan, ein Land heruntergekommen durch jahrelange Kriege mit dem arabischen Norden. Aber nach nur zweieinhalb Jahren Friede ist schon wieder Krieg. Es stehen sich die beiden großen Stämme im jüngsten Land Afrikas feindlich gegenüber und die Staatenbildung läuft rückwärts. Das ganze Leben erscheint blockiert, die Wirtschaft ist am Ende und viele Menschen sind Flüchtlinge im eigenen Land. Menschlich gesehen ist so vieles hier aussichtslos. Aber es wird gebetet. Für Frieden und Versöhnung. Den Gebeten schließe ich mich gerne an. Die Menschen hoffen und sagen: „God is able“ – „Gott ist in der Lage, unser Schicksal zum Besseren zu wenden“. Ich spüre – bei allem Fatalismus – einen großen Glauben hinter diese Aussage. So lerne ich aufs Neue, dass nur ein großer Glaube diesen Kontinent am Leben erhält.

Aber nicht nur in Afrika ist großer Glaube erforderlich. Ich erfahre von einem tiefen Schicksalsschlag in meinem Heimatdorf. Ein junger Familienvater stirbt völlig unerwartet. Die Verzweiflung muss groß sein. Ich denke an die Betroffenen und frage mich, wie es weiter gehen kann ohne den Vater, Ehemann, Bruder, Sohn.

Bei allen Fragen, die das Leben aufwirft, in Afrika und anderswo in der Welt, glaube ich, dass die Haltung „Mungu Yupo“ (= „Gott ist da! Gott geht mit!“) das Leben leichter macht, denn mit ein bisschen Glauben kommen wir nicht weit.

Machen wir es wie Gott, werden wir einfach zum Menschen

Schon wieder ist es Weihnachten: Gott wird in Jesus Christus Mensch, damit auch wir den Weg, die Wahrheit und das Leben finden, das uns zum wahren Menschen macht. Ich hoffe, wünsche und glaube, dass wir dieses An­gebot im persönlichen Bereich gerne annehmen. Wenn ich aber das Welt­szenario an­schaue – Ukraine, IS, Ebola in Afrika und ein militarisierter Südsudan –, dann muss ich feststellen, dass ein Friede, der ja Menschsein erst möglich macht, in anscheinend unendliche Ferne gerückt ist.

Bruder Hans Eigner im Südsudan. Foto: Privat
Frieden aufbauen: Bruder Hans Eigner im Südsudan. Foto: Privat

Seit knapp einem Jahr bin ich in einem rauen Teil Afrikas. Den Südsudan kann ich nicht mit anderen Ländern Afrikas vergleichen. Schon das Klima hier ist extrem und nur selten ist die Kleidung am Körper trocken. 40 Jahre Krieg haben Schlimmes an den Menschen hier verursacht. Vor dreieinhalb Jahren kam es zur endgültigen Trennung zwischen dem schwarzafrikani­schen Süden und dem arabischen Norden, der die Menschen des Sü­dens schon seit der Zeit des Sklavenhandels als Menschen zweiter, besser dritter Klasse betrachtet hat. Doch die überschwängliche Freude der Unab­hängig­keit ist seit einem Jahr ernüchtert, denn im jüngsten (54.) Staat Afri­kas ste­hen sich die zwei Hauptstämme feindlich gegenüber. Die vielen klei­nen Stämme im Süden haben nicht viel zu melden. Es herrscht Bürgerkrieg, der vor allem in den Gebieten des Nordens stattfindet, wo die Ölquellen sind. Die Rauigkeit, die im ganzen Land zu spüren ist, färbt auf alle Gesellschafts­schichten ab und ich glaube, dass auch ich nicht verschont bleibe. Es ist kein Wunder, dass sich in so einer Situation eine Kultur des „Überlebens“ ent­wi­ckelt. Jeder kämpft sich irgendwie durch. Einen Sinn für das Gemein­wohl gibt es wenig, somit ist jedem und jeder der eigene Stamm näher als der Staat, der sich in kürzester Zeit zu einer Diktatur entwickelt hat. Ganz im Sinn des Überlebens gilt das Gesetz des Mose: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Trotz der grundsätzlich religiösen Haltung der Leute greift der Glaube meines Er­achtens wenig in den Lebensvollzug ein. Die Botschaft eines Got­tes, der selbst die Feindesliebe fordert, klingt wie von einem anderen Stern. Und doch ist nur so die Kette der Feindschaft und des Hasses langsam zu durch­brechen. Aber wer fängt an, gibt nach und gibt sich als der Schwä­chere? Für die Militärs ist das schier unmöglich.

Es gibt hier unzählige (Hilfs)-Organisationen, die für die Menschen arbei­ten, aber kaum jemand tut etwas für die wahrhaft menschliche Entwicklung. Doch nur durch mühsame Arbeit mit den Menschen kann es eine Verände­rung geben. Die viel gepriesene Kirche des Südsudans, die die Zeit der Kriege (1956-1972 und 1984-2005) überstanden hat, hatte ihre Einheit vor allem durch den gemeinsamen Feind im arabischen Norden. Jetzt mer­ken wir, dass sich diese Kirche mehr auf die tieferen Werte des Glaubens besinnen muss (Versöhnung, Menschenwürde, Respekt des anderen). Mission hier muss neu überlegt werden. Zu viel läuft an der Oberfläche und im Rituellen ab, verändert aber nicht die Situation und greift nicht in das Leben der Men­schen ein. Vielleicht bin ich mit meinem Urteil zu hart und die Menschen hier sind mehr traumatisiert, als ich es wahrnehmen will und kann.

Friedensarbeit durch Bildung

Wir sind hier eine gute Gruppe von 55 Comboni-Missionaren und kommen aus allen Teilen der Erde. Schon immer war es das Anliegen der Missionare völker- bzw. stammesverbindend zu arbeiten, denn dies ist die Grundlage des christlichen Glaubens. 150 Jahre sind wir Comboni-Missionare nun tätig in diesem Land – mit Höhen und Tiefen.

In meiner praktischen Tätig­keit geht es häufig um die Be­ratung, Planung und Aus­führung von Gebäuden. Gerade hier in den heißen und schwü­len Tropen ist es wichtig, die Gebäude entsprechend zu pla­nen. So kann ich hier meinen Beruf gut einsetzen. Immer ha­ben wir Comboni-Missionare die schu­lische Bildung als den entscheidenden Faktor gese­hen. Heute mehr denn je ist die Bildung der Weg hin zu einem friedlichen Miteinander. Aus diesem Grund bin ich glücklich, in verschiedenen Projekten arbeiten zu können, die alle ein guter Beitrag für den Frieden sind. Meist geht es um Schulen, Begegnungsorte für die Jugend und auch um ein Zentrum für Friedensarbeit und die Be­wältigung von Trau­mata. In den Camps am Stadtrand von Juba leben nach den schweren Massa­kern im Dezember 2013 rund 32.000 Menschen vom Stamm der Nuer. Sie wer­den ver­sorgt und beschützt durch die Vereinten Na­tionen (Blauhelme). Es gibt viele Spannungen im Lager. Vor allem die Ju­gend ist ungeduldig und sucht nach Alternativen und Perspektiven. Wir helfen mit wo, immer es nur geht.

Kinder und Jugendliche erhoffen sich viel von der Bildung, denn sie möchten nicht wie ihre Väter, immer mit der Waffe in der Hand, leben. Der Bau eines Zentrums, ganz in der Nähe der Flüchtlings­lager, wo wir gezielt Jugendarbeit machen werden, ist uns wichtig. Jugend­liche brauchen eine Führung. Gute Unterhaltungs- und Bildungs­angebote gibt es nicht, und viele Ju­gend­liche erfahren sich gelangweilt, ver­gammeln oder kommen auf dumme Gedanken. Gleichzeitig wollen sie nicht wieder in einen Krieg gezo­gen wer­den. Einfache Antworten gibt es hier nicht. Wir wollen den Jugend­lichen hel­fen, bessere Aussichten für das Le­ben zu finden. Das geht am besten, wenn wir uns auf sie einlassen und uns mit ihnen auseinandersetzen.

So versuche ich, hier wie Ihr an Euren Orten dem Leben gerecht zu werden. Die Arbeit kostet manchmal viel Kraft und es bleiben Fragen offen, weil man doch nicht weiß und versteht, was im Kopf der Menschen wirklich vor sich geht. Aber mit Gottes Hilfe gibt es ein bisschen Erfolg und Früchte. Auch merke ich, dass das Vertrauen wächst. Ich danke Jeder und Jedem, die/der mitgeholfen hat, mich und unsere Arbeit hier in diesem Jahr zu unterstützen. Ein ganz herzliches Vergelt’s Gott! Friede ist möglich.

Es ist so gut zu wissen, dass Gott uns immer – egal wo wir gerade stehen – ent­gegenkommt. So wünsche ich Euch ein gesegnetes, friedenbringendes und freudiges Weihnachtsfest. Die drei Sterndeuter sind dem Stern gefolgt. Hän­gen wir doch auch „unseren Karren“ an den richtigen Stern. So be­kommt unser Leben die richtige Richtung und hat auch ein Ziel.

Für das Neue Jahr 2015 wünsche ich Euch Gesundheit, Gelassenheit, Geduld, Freude, Froh­sinn, Friede und Gottes reichen Segen. Machen wir es wie Gott, werden wir einfach zum Menschen.

Mission in der „militarisierten Kultur“ des Südsudans

In missionarischen Überlegungen hat das Wort „Inkulturation“ in den vergangenen Jahrzehnten große Bedeutung erfahren. So habe ich in meinem Leben als Missionar festgestellt, dass es keine nur gute oder nur schlechte Kultur gibt. In der Tat, ich habe in meinem Leben viel durch die Auseinander-setzung mit dem „Anderen/Fremden“ gelernt. Mit dem Studium von Latein habe ich die deutsche Sprache besser verstanden. Nachdem ich mich vor 30 Jahren auf die Kulturen in Kenia eingelassen habe, habe ich meine eigene Kultur neu und bewusster wahrgenommen und auch schätzen gelernt. Ebenso haben Freunde mir geholfen, indem sie mir auch mal den Spiegel vorgehalten haben.

Nun bin ich im Südsudan gelandet und erlebe mich mitten in einer militarisierten Kultur. Ich frage mich: „Was kann ich dieses Mal lernen?“ Viele Jahre Bürgerkrieg haben großen Schaden an der Bevölkerung angerichtet. Aber auch ohne den Feind im Norden waren sich die verschiedenen Völker des jüngsten Staates Afrikas nicht grün. Seit neun Monaten ist der junge Staat, nach nur zweieinhalb Jahren relativen Friedens, wieder im Ausnahmezustand. Eine junge Nation ist dabei, sich selbst zu zerstören. Es hat sich nach grausamen Massakern im Dezember 2013 eine Opposition gebildet, die das Land wirtschaftlich fast lahm legt. Durch den Griff der opponierenden Rebellen nach den Öl-quellen, die einzige Einnahme des Landes, fehlt es hinten und vorne an jeglichen Leistungen, die man von einer Regierung erwarten könnte. Die gesamte Infrastruktur des Landes, die ohnehin kaum ent-wickelt war, ist dabei total zusammenzubrechen. Selbst Hauptverbindungsstraßen sehen aus wie Schlachtfelder. Liegengebliebene LKWs, die wegen der Untiefen in der Straße umgekippt sind, be-hindern das Vorwärtskommen, das meist eh nur im Schritttempo möglich ist.

Juba, die Hauptstadt, ist ein Eldorado und in der Hand von Ausländern (aus den Nachbarländern und Asien). Nirgendwo in Afrika ist die Rendite, aber auch das Risiko größer als hier. Dazu kommen un-zählige Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Geschäftig gehen sie ihrem „Business“ nach und die Menschen vor Ort schauen zu was da abgeht, und das nicht ohne Neid. Nur der Volksstamm an der Macht sahnt durch Korruption ab und profitiert von dieser ungesunden Entwicklung. Nur wenig Kilo-meter außerhalb von Juba ist man schnell im Busch und hat den Eindruck, dass das Leben dort stehen geblieben ist und die Fahrzeuge steckenbleiben. Man hat den Eindruck, dass das nicht so weiter gehen kann, aber wir wissen, dass Unrechtsstrukturen nicht nur in Afrika sich zäh und lange halten.

Dieses Afrika ist so ganz anders als ich es von früher her kenne; viel härter, angespannter und perspektivloser. Das Leben wird hier von Soldaten bestimmt und entsprechend ist der Umgangston. Es herrscht das Recht des Stärkeren und jeder, der ein wenig mehr Macht hat, kommandiert den anderen. Diese militarisierte Kultur färbt auf alle Lebensbereiche ab und ich stelle bei mir selber fest, dass ich mich schon der Kultur hier angepasst habe, indem ich ein Stück weit meine Menschlichkeit eingebüßt habe. Die Lebens-Wahrnehmung ist eine ganz andere hier und ich verstehe langsam, warum sich die arabische Welt und die westliche nicht treffen und verstehen. Wir sind hier zwar nicht in einer klassisch arabischen Umgebung, aber Dialog und objektive Diskussionen um die Sache gibt es hier kaum. Entweder stimmt man zu und man ist Freund oder man hinterfragt und man ist schon kein Freund mehr und u.U. schon ein Feind. Selbst bei Kindern ist eine Aggression und Härte vorhanden, die erschrecken lässt. Natürlich finden sich immer und überall Ausnahmen und bei manchen Menschen frage ich mich, wie sie es bislang geschafft haben, eine Würde und Freundlich-keit zu erhalten. Diese zu sehen und zu fördern sehe ich als unsere Aufgabe. Der Grundtenor jedoch, insbesondere in der Stadt hier, ist kommandierend und militärisch.

Es ist kein Wunder, dass sich in so einer Situation eine Kultur des „Überlebens“ entwickelt hat. Jeder kämpft sich irgendwie durch. Keiner denkt an morgen. Selbst im Straßenverkehr gibt es keine Regeln. Es wird gefahren wie es einem in den Sinn kommt und das stärkere Auto bzw. die Soldaten auf ihren Land Cruisern mit aufgesetzten Gewehren haben automatisch die Vorfahrt. Einen Sinn für das Gemeinwohl gibt es nicht, somit ist jedem und jeder der eigene Stamm näher als der Staat, der sich in kürzester Zeit zu einer Diktatur entwickelt hat. Ganz im Sinn des Überlebens gilt das Gesetz des Mose: „Aug um Auge, Zahn um Zahn“. Trotz der grundsätzlich religiösen Haltung der Leute greift der Glaube meines Erachtens wenig in den Lebensvollzug. Die Botschaft eines Gottes, der selbst die Feindesliebe fordert, klingt wie von einem anderen Stern. Und doch ist nur so die Kette der Feindschaft und des Hasses langsam zu durchbrechen. Aber wer fängt an, gibt nach und gibt sich als der Schwächere? Für die Militärs ist das schier unmöglich.

Die Kirchen sind leider nicht der Ort, wo eine ehrliche Auseinandersetzung mit den Problemen der Menschen geschieht. Es wird gesungen und getanzt, aber ich spüre hier wenig Tiefgang. Kaum jemand erscheint erschüttert darüber, was in den letzten Monaten an Blutvergießen zuerst im Dezember 2013 in Juba und dann im Norden des Landes geschehen ist. Hilfsorganisationen, die sich hier in Juba auf die Füße treten, sind beschäftigt mit der durchaus nötigen humanitären Hilfe, aber unter dem Strich bringt diese kaum eine Veränderung. Kurse mit großen Worten wie: „Capacity building, Peace building, Trauma healing” etc. finden in Hotels statt, weil es keine passenden Orte gibt, wo über solche Themen gesprochen werden könnte. Diese auf Profit ausgerichteten Hotels sind nicht nur unpassend für solche Veranstaltungen, sondern auch völlig überteuert.

Die Ordensgemeinschaften hier im Land haben sich deshalb entschieden, ein Zentrum zu entwickeln in dem Friedensarbeit, Aufbau von Gemeinwohl, menschliches Zusammenleben und die Vertiefung des Glaubens gefördert werden. Am 11. Oktober hat der Erzbischof den Startschuss mit der Segnung des Geländes gegeben. Die Orden hoffen durch diesen Beitrag die verschiedenen Stämme und die gespaltene Kirche zusammenzubringen. Mit viel Geduld kann hoffentlich in diesem Land, das wie ein Fass ohne Boden ist, eine Basis entstehen, wo das Gute hängen bleibt und Werte vermittelt werden. Es ist Zeit, von der Notlagenhilfe zu wahrhaftiger Entwicklungsarbeit zu kommen. Nur so werden die Waffen zu Schwertern umgewandlet werden und die hier herrschende, militärische Kultur sich langsam zu einer lebenswerten, friedlichen Kultur verändern.

Ich schriebe diese Zeilen, während es an vielen Orten der Welt von heute brennt. Ebola, IS, Syrien, Ukraine …..  Angesichts dieser Konflikte ist unsere Wirklichkeit hier ja nur eine unter vielen.

Abschließend eine interessante Beobachtung mit der Natur, die ich hier gemacht habe. Waren noch anfangs immer wieder Mosquitos in meinem Zimmer, so haben sie deutlich in dem Maße abgenommen, wie die Netzwerke der Spinnen zugenommen haben. So erweist sich doch wieder, mit der Natur und nicht gegen die Natur zu arbeiten.

Eine Nachtwanderung durch das innerste Afrika

In meinen Arbeiten im Südsudan komme ich weit herum. So will ich von einer Erfahrung berichten, die ich im Innersten Afrikas gemacht habe. In der Pfarrei Tali, eine Tagesreise von Juba, der Hauptstadt entfernt, mitten im äquatorialen Afrika bauen wir derzeit eine Hauptschule und ein Schwesternhaus. In der Pfarrei dort, die erst vor sechs Jahren wiedereröffnete werden konnte, lebt Pater Markus aus Pottenstein mit zwei Mitbrüdern aus dem Südsudan. Seit kurzer Zeit ist auch eine international aufgestellte Schwesterngemeinschaft vor Ort, die aber noch notdürftig untergebracht ist.

Zurzeit ist Regenzeit und wenn diese einmal angefangen hat, dann regnet es richtig. Das große Becken des Südsudans ist topfeben und es sammelt sich sehr viel Wasser in vielen kleinen Niederungen. Die Erdwege – als einzige Verbindungen – sind dann fast nicht mehr passierbar.

Vor einigen Wochen sind wir auf der Rückfahrt von Tali, die wir schon um 5 Uhr früh begonnen hatten, stecken geblieben. Und das schon nach rund 60 km. Wir hatten noch 120 km vor uns. Ich hatte eine Mitfahrgelegenheit mit einem kleinen Lkw des Bauunternehmers Mattia. Schon nach wenigen Stunden Fahrt sind wir total aufgesessen, aber wir kämpften bis in den Abend hinein. Die Natur ist gerade in der Regenzeit wirklich extrem. Die Männer, die mit dabei waren, sind echte Draufgänger und haben versucht, den Wagen immer wieder aus den Sümpfen raus zubringen: mit Schaufeln, Steinen, Zweigen und anderen Hau-Ruck-Techniken.

Als gar nichts mehr ging, bin ich dann mit Mattia fast 40 km zu Fuß weitergezogen, bis tief in die Nacht hinein, mitten durch zum Teil 500 m lange Sümpfe mit einer Tiefe von ca. 80 cm. In diesen Tümpeln, die natürlich auch die Wege kreuzen, gibt es wahrhaftige Froschkonzerte. Diese waren gewaltig anzuhören. Heute noch klingen sie in meinen Ohren. Überhaupt habe ich noch nie eine so kraftvolle Natur erlebt. Überall findet sich überquellendes Leben. Überall krabbelt oder bewegt sich was oder macht sich durch exotische Laute bemerkbar. Ungefähr auf halber Strecke, so um ca. 11 Uhr nachts, fanden wir dann an einer Wegkreuzung einen Wasserbrunnen mit Handpumpe und waren heilfroh darüber. Mattia meinte, wir sollten hier übernachten. Nahe des Brunnens war eine heruntergekommene Schule. Ich wollte aber eigentlich, schon wegen der Mosquitos, die Nacht im Laufen verbringen. Dann ließ ich mich aber doch überzeugen und wir legten uns auf dem Betonboden der Schule nieder. Zuvor haben wir noch – ohne Erfolg – nach einem „Watchman“ Ausschau gehalten. Als wir aber so ein bisschen dahin dösten, hatte ich plötzlich einen Lichtstrahl einer Taschenlampe im Gesicht. Gott sei Dank konnte Mattia ein bisschen Arabisch und erklärte dem Mann unsere Lage. Er meinte, sein Gewehr versteckend, dass er uns schon gesehen habe, aber sich nicht melden wollte. Immer wieder gibt es hier versprengte Soldaten, mit denen er nichts zu tun haben will, erklärte er uns. Nachdem wir aber „entdeckt“ waren, war mir wohler und ich konnte immer wieder ein wenig einnicken, natürlich auf den Morgen wartend.

Bei der „Nachtwanderung“ hatte ich am Anfang etwas Angst (Schlangen im Sumpfwasser, andere Gefahren und Menschen, die sich durch Durchziehende angegriffen fühlen), aber nach einer halben Stunden Marsch im Mondlicht habe ich festgestellt, dass man läuft wie ein Soldat. Alle Geräusche und Bewegungen des Dschungels werden dann einem vertraut und nach einer gewissen Zeit machten mir auch die Männer mit ihren Kalaschnikows nicht mehr so viel aus. Denn jeder Mann hier hat eine Waffe zur Selbstverteidigung oder für geplante Rinderdiebstähle.

Auch habe ich, während dieser doch extremen Erfahrung für mich, die gutherzige Art meines Kollegen Mattia erlebt, der wirklich die Fähigkeit hat, mit Menschen gut umzugehen und eine Ruhe ausstrahlt. Ich spürte seine Verbundenheit in Gott und das daraus resultierende Vertrauen nämlich, dass es immer wieder weiter geht und doch letztendlich gut ausgeht. Mattia kennt einige notwendige Sprachen, die hier gesprochen werden, und das war eine große Hilfe. Leid hat mir nur der Mopedfahrer getan, den wir dann schlussendlich am nächsten Tag um die Mittagszeit getroffen haben und der uns in einer Drei-Stundenfahrt durch den Busch auf einem kleinen Moped zu dritt nach Rockom gebracht hat. Beim Sturz, den wir wegen des Regens hatten, hat er sich ganz schön den Unterschenkel verbrannt. Aber einen Schmerz hat er nicht gezeigt.

So bin ich ungeplant in das Innerste Afrikas vorgedrungen. Dabei habe ich Gehöfte, Menschen und eine Natur angetroffen, die wohl vor 500 Jahren nicht viel anders waren. Insgesamt haben die Menschen auf mich eine große innere Ruhe ausgestrahlt und die Gastfreundschaft Afrikas konnte ich auch wieder neu erleben. Die angehängten Bilder können einen kleinen Einblick in die Welt des Südsudans in der Regenzeit geben.

Der sinnlose Krieg im Südsudan wird noch viele Menschenleben fordern

Offensichtlich sind auch in den deutschen Medien wieder Nachrichten über den Südsudan aufgetaucht, die aus ferner Sicht nicht so einfach einzuordnen sind. So will ich zumindest einmal versuchen, eine Einschätzung zu geben, auch wenn ich weiß, dass sie subjektiv und aufgrund der Komplexität ungenau sein wird.

Was war das doch für eine Freude als am 9. Januar 2011 ein Referendum die Unabhängigkeit des Südsudans vom verfeindeten Nordsudan einleitete, die dann ein halbes Jahr später zur Teilung des Landes führte. Aber das jüngste Land Afrikas, der 54. Staat auf dem afrikanischen Kontinent, ist nach so kurzer Zeit schon wieder mitten im Bürgerkrieg. Auch wir Missionare waren naiv und glaubten, dass nach den vielen Kriegsjahren (1956-1973 und 1982-2005) jetzt endlich der „Friede ausbrechen“ würde. Endlich befreit vom unterdrückerischen arabischen Norden schien das „Gelobte Land“ so nah. Wir aber haben doch gewusst, dass noch in den oben erwähnten Kriegsjahren die Sudan People‘s Liberation Army (SPLA = Sudanesische Volksbefreiungsarmee) große Konflikte untereinander hatte und, dass es zu Aufspaltungen untereinander gekommen war. Schwere interne Kämpfe hatten schon in den beiden Kriegen vor der Unabhängigkeit mehr Tote gefordert als die Kämpfe gegen den Feind im Norden.

Nach der Staatenbildung im Juli 2011 wollten natürlich alle, die sich im Krieg „verdient“ gemacht hatten, einen guten Platz in der Regierung. Das heißt, die neue Regierung entstand aus Politikern, die einen militärischen Hintergrund hatten und entsprechend das Land bis heute führen. Auch ist für sie ein Krieg nicht „The end oft the world“, sondern „Normalsituation“. Interessanterweise hat die Armee im neuen Staat nicht einmal den Namen gewechselt und heißt bis heute SPLA. Korruption und „Vetternwirtschaft“ wurde zur Tagespolitik und schnell kam es zu Uneinigkeiten und Streitigkeiten. Das bevölkerungsreichste Volk der Dinkas schaffte es, sich an die Spitze zu setzen und machte sich in allen Ämtern und einflussreichen Stellen breit. Das zweitgrößte Volk, das der Nuer, stellte den Vizepräsidenten. Sie aber stell(t)en fast 70 Prozent des Militärs, weil sie die besten „Krieger“ und „Kämpfer“, schon in der Zeit der Kriege mit dem Norden, waren. Und genau da ist das Problem.

Der Vizepräsident wurde Mitte 2013 entlassen und der Präsident baute sich eine Privatarmee aus seinen Stammesgenossen, den Dinka, auf. Mitte Dezember 2013 kam es zu einem als Militärcoup bezeichneten Überfall auf eine Kaserne in Juba, der sich blitzschnell in einem völkermordähnlichen Konflikt gegen die Nuer ausweitete. Es liegt nahe zu vermuten, dass die Regierung diesen Konflikt vom Zaun gebrochen hat, um die Übermacht der Nuer-Soldaten zu brechen und der vermuteten Gefahr einer militärischen Regierungsübernahme durch die Nuer zuvorzukommen. In der Folge kam es zu schweren Vergeltungsschlägen der Nuer in ihren Siedlungsgebieten, die sich bis heute fortsetzen.

In der Zwischenzeit zählen wir fast eine Million Flüchtlinge im eigenen Land, die in verschiedene Flüchtlingslager – zum Teile unter dem Schutz der UN – oder auch nach Uganda, Kenia, Äthiopien und in den Nordsudan geflohen sind. Die meisten sind jetzt schon in einer prekären Situation mit wenig oder fast gar keiner Nahrung. Dazu kommen ca. 20.000 Tote in den vergangenen Monaten. Wäre nicht Ende Dezember die Armee von Uganda in Juba und weiter im Norden bei Malakal eingeschritten, hätten wir wahrscheinlich bereits eine andere Regierung hier in Juba. Denn nachdem so viele Nuer-Soldaten von der SPLA, der Regierungsarmee, in die sogenannte „SPLA in Opposition“, der Armee der Nuer, übergelaufen sind, ist die Regierungsarmee enorm geschwächt und braucht Hilfe von außen. Die Gefahr, dass sich der Krieg zu einem regionalen Konflikt ausweitet, liegt nahe, denn leider gibt es sehr viele militärische Gruppierung in diesem Teil Afrikas, die sich – gegen Geld – als Kriegssöldner anheuern lassen und heute hier und morgen dort kämpfen.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist, dass man nicht weiß, auf welcher Seite die vielen kleineren Völker des Landes (mehr als 60) stehen. Die Dinka und die Nuer machen etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Südsudans aus, wobei das Volk der Dinka doppelt so groß ist wie das der Nuer. Mit Sicherheit sind die kleineren Völker mit der Regierung nicht zufrieden, sie trauen aber auch der „SPLA in Opposition“ nicht. Diese hat – vor allem mit ihrer sogenannten „White Army“ (Weiße Armee = Wilde Jungs aus den Cattle camp, die sich zum Schutz vor Mosquitios mit Asche beschmieren) böse Vergeltungsschläge in den drei hauptsächlich von Nuer bewohnten Regionen (oder Bundesländern) Unity, Jonglei und Upper Nile verübt, die man nur als Kriegsverbrechen bezeichnen kann.

Da für die Nuer ein Marsch nach Juba aufgrund der militärischen Unterstützung der Regierung durch Söldner und der Armee des Nachbarlandes Uganda zurzeit nicht möglich ist, konzentriert sich die „SPLA in Opposition“ unter Führung des ehemaligen Vizepräsidenten auf die drei Regionen, wo die Nuer zuhause sind oder die sie als ihr angestammtes Gebiet bezeichnen. Es sind die großen Gebiete von Jonglei-, Upper Nile- und Unity State, in denen auch die Ölquellen des Landes liegen. Die Nuer wollen die Regierung in die Knie, zumindest an den Verhandlungstisch, zwingen. Aus diesem Grund gehe ich davon aus, dass sich der Konflikt noch lange hinziehen und noch viele Menschenleben fordern wird.

Jagd auf Menschen

Die letzte Woche hat das gezeigt: Am Dienstag in der Karwoche hat die „SPLA in Opposition“ (also die Nuer) mithilfe von Söldnern aus dem Nordsudan, den Janjaweed, die Öl-Stadt Bentiu überfallen und die Regierungsarmee mit vielen Verlusten an Menschenleben vernichtend geschlagen. Auch sehr viele Zivilisten wurden Opfer eines Massakers. Auch Mayom, eine weitere wichtige Stadt im Norden, wurde überfallen und eingenommen. Die Nuer in den Lagern haben den Sieg gefeiert. So kam es in einen Flüchtlingslager in Bor (Hauptstadt von Jonglei), wo viele der Flüchtlinge dem Volk der Nuer angehören, zu ausgelassenen Feiern. Die Dinka-Jugend der verwüsteten Stadt Bor drang daraufhin in das UN-Lager ein, überwältigte selbst die Blauhelmsoldaten und töteten viele Nuer.

Hier in Juba sind seit Dezember zwei Flüchtlingslager der UN. Wir gehen regelmäßig in die Lager zu Gottesdiensten und helfen auch, wo es möglich ist. Auch „unsere“ Leute dort im Camp haben am selbigen Dienstag den Sieg in Bentiu gefeiert und sind mit den Palmzweigen, die wir am Palmsonntag mitgebracht hatten, tanzend durch das Lager gezogen. Im Lager ist seitdem wieder erhöhte Alarmstufe. Wir (Comboni-Missionare) haben noch größere Schwierigkeiten reinzukommen und werden kritisch beäugt, weil man uns unterstellt, die „Rebellen“ zu unterstützen.

Natürlich warten die Menschen in den Camps auf ihre Befreier. Viele können vom Lager aus sogar ihre Häuser sehen, die sie bewohnt haben und die jetzt von anderen in Besitz genommen worden sind. Der Hass und die Ohnmacht sind groß. Fast alle im Lager haben Angehörige verloren. Viele hier in den Lagern sind Soldaten und würden sofort ihren Leuten zu Hilfe kommen, wenn sie könnten. Der sinnlose Krieg wird noch viele Menschenleben fordern. Die Möglichkeiten der Vereinten Nationen hier sind begrenzt. Sie können nur das Schlimmste an ein paar Orten im Land verhindern.

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