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Nachhaltige Wege in die Zukunft

Der Entwicklungsexperte Jorge Krekeler aus Sucre, Bolivien, war zu Besuch in Eichstätt, um lokale Nachhaltigkeitsinitiativen und die Katholische Universität kennenzulernen sowie über sein Projekt „Zukunftsalmanach“ zu informieren. Krekeler ist für die Arbeitsgemeinschaft Entwicklungshilfe e.V. (AGEH) und das katholische Hilfswerk Misereor in den Andenländern Kolumbien, Peru, Ecuador und Bolivien tätig und sammelt Geschichten des Gelingens. Sein „Zukunftsalmanach“ ist in Anlehnung an das Zukunftsarchiv von „futurzwei“ entstanden. Es erzählt und teilt lokale Erfahrungen aus Lateinamerika zum Beispiel in den Bereichen Mobilität, Wasserversorgung, Wirtschaft oder Konsum. Angesichts globaler Herausforderungen möchte Krekeler damit zeigen, dass Formen der Entwicklung möglich sind, die einen Wandel in Richtung nachhaltiger Entwicklung in den Mittelpunkt stellen. Im Gespräch  über das Projekt „Mensch in Bewegung“, das von der KUE und der Technischen Hochschule Ingolstadt (THI) durchgeführt wird, zeigte er sich angetan von den Initiativen und dem Potential, das in diesem Bereich in Eichstätt vorhanden ist. Stefan Raich hat mit ihm gesprochen.

Herr Krekeler, Sie sammeln Geschichten des Gelingens und haben einen Almanach dazu herausgebracht. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Ich habe den Zukunftsalmanach von der Stiftung „futurzwei“ vor Jahren gelesen und dann gesagt: Das kann man für Lateinamerika auch machen. Im konkreten Fall sind das vier Länder in der Andenregion: Chile, Peru, Bolivien und Kolumbien. Ich bin davon ausgegangen, dass es erfolgreiche oder besser gesagt motivierende Projekte gibt. Erfolg richtet sich immer nach schneller, höher, weiter. Dort wollen wir aber gar nicht hin. Dass es solche Projekte gibt, habe ich mittlerweile in 26 Fällen dokumentiert, und ich will daran weiterarbeiten.

Können Sie beschreiben, was so eine Geschichte ausmacht?

Die Geschichten kommen aus unterschiedlichen Themenbereichen. Es geht einerseits um saubere Produktion, um Ernährung, also Essen einerseits. Auf der anderen Seite geht es um Identität, Kommunikation, Stadt, Wohnfragen, also ein ziemlich breites Spektrum, das abgedeckt ist. Es sind Prozesse, die eigentlich nicht am Tropf von Projekten hängen, also nicht von externer Finanzierung abhängig sind, sondern aus dem Willen und der Aufbruchsstimmung von Menschen wachsen. Das sind zum Teil Einzelpersonen, zum Teil Familien oder kleinere Gruppen, die einfach anfangen, aus der Notwendigkeit heraus die Dinge anders zu machen und es auch geschafft haben, dass die Geschichten nachhaltig sind. Am Ende dieser verschiedenen Geschichten des Gelingens stehen ein paar Quintessenzen für die Zukunft. Menschen, die diese Geschichten lesen, die ja sicher nicht die Erfahrung eins zu eins wiederholen oder kopieren wollen, sollen für sich einen Mehrwert daraus ziehen können und sich überlegen, welche Transformationsprozesse sie in ihrem konkreten Lebensumfeld angehen können.

Jorge Krekeler mit Mitarbeiterinnen der Weltbrücke Eichstätt. Foto: Dagmar Kusche

Kann man also sagen, dass die gemeinsame Klammer der Geschichten nachhaltige Entwicklung ist?

Auf jeden Fall. Zukunft, nachhaltige Entwicklung, „Enkeltauglichkeit“. Sich selbst in den Spiegel schauen zu können, wenn man den Enkeln sagt, jetzt macht mal weiter auf diesem Planeten.

Welche Verbreitung hat dieser Almanach bislang gefunden und was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Bei der Verbreitung muss man sehr bescheiden sein. Die Kunst ist, kleine Schritte zu gehen, wenn sie denn in die richtige Richtung gehen. Wir dürfen da nicht den großen Wurf erwarten, auch nicht hinsichtlich der Kommunikation. Der Almanach ist zuerst einmal ein Kommunikationsprodukt im Internet und da darf man nicht von Millionen Klicks träumen, die passieren nämlich nicht so schnell. Aber was ich interessant finde ist, dass mittlerweile 20.000 Klicks zusammengekommen sind auf unterschiedlichen Kontinenten. Worum es mir aber vor allen Dingen geht, ist nicht nur einen Informationszugang zu motivierenden, hoffnungsweckenden Geschichten zu ermöglichen, sondern auch dazu, dass diese Inputs, die in diesen Geschichten stecken, lokale Prozesse hier wie dort anstoßen.

Sie haben in Eichstätt Einblick in lokale Nachhaltigkeitsinitiativen bekommen. Wie haben Sie das wahrgenommen und welches Potential sehen Sie darin?

Ich sehe ein sehr großes Potential. Ich bin wirklich sehr angenehm überrascht. Einerseits weil die örtliche Institutionen, sprich die Uni, Diözöse Eichstätt, die sicher immer noch eine große Rolle spielt, und auch die lokale Stadtverwaltung auf den ersten Blick schon gemeinsame Sache machen. Was ich nicht einordnen kann ist, inwieweit es Lippenbekenntnisse sind, die in der Praxis noch ein bisschen kranken. Was ich sehr interessant finde ist die Offenheit seitens zahlreicher Bereiche der Universität und auch die Einbeziehung der Studierenden. Ich glaube, hier sind Grundvoraussetzungen gegeben, zu wesentlich mehr Synergien zu kommen.

Die große und heilige Woche in den Anden Boliviens

In der Pfarrei Incahuasi (Kaisershausen) auf 3.000m Höhe in den Anden Boliviens, in der ich über 23 Jahre als Pfarrer wirkten durfte, waren die beiden meist besuchten Gottesdienste nicht wie erwartet am Karfreitag, sondern am Palmsonntag und in der Osternacht.

Karwoche in Bolivien: Altar zur Anbetung des Allerheiligsten. Foto: Mario Herrera
Karwoche in Bolivien: Altar zur Anbetung des Allerheiligsten. Foto: Mario Herrera

Zum Palmsonntag brachten Männer von unseren Tälern echte Palmzweige. Palmen wachsen bei uns in Bolivien sogar hier in der Hauptstadt Sucre auf 2.750m. Meiner Einschätzung nach war dieses äußere Zeichen der Palmzweige einer der Anziehungspunkte für die überaus große Beteiligung. Als Pfarrer durfte ich bei der Prozession auf einem echten Esel reiten, dem Lasttier der armen und kleinen Leute.

In der Fastenzeit standen wir jeden Freitag um 5.00 Uhr auf. In der Kirche beteten wir das erste Gesätz vom Schmerzhaften Rosenkranz, dann die weiteren in Prozession bis zum Fuße unseres Kalvarienbergs außerhalb des Ortes. Von dort beteten wir die 14 Stationen des Kreuzweges den Berg hinauf. Wer auf dem Weg eine Schlange töten konnte, freute sich nach Meinung unserer Leute auf die „Vergebung seiner Sünden“.

Am Karfreitag standen wir erst um 6.00 Uhr auf. Die Beteiligung war immer sehr groß. Fast alle Familien waren vertreten. Dagegen am Nachmittag zur Karfreitagsliturgie waren nur die Bänke besetzt. Anschließend trugen die Gläubigen das „Heilige Grab“ durch den Ort und beteten die Sieben Worte des Erlösers am Kreuz. Ich war da oft bis 21.00 Uhr mit den Beichten beschäftigt.

Die Osternacht feierten wir sehr, sehr früh. Unsere Leute auf dem Land stehen mit dem Mond, den wir ja immer an Ostern haben, bald auf. Bereits um halb drei kamen die Ersten um das Osterfeuer zu schüren. Die Kirche gesteckt voll bis draußen und immer auch mehrere Taufen.

In den Gottesdiensten am Ostertag in den verschiedenen Gemeinden gab es immer Taufen, insgesamt meist über hundert.

Hier in der Bischofstadt bereiten wir jedes Jahr die Karwoche schon in der fünften Fastenwoche vor. Ab Montagvormittag um 11.00 Uhr kommen Schulklassen zum Jugendgottesdienst und füllen die Kathedrale. Mehrere Beichtväter stehen zur Verfügung, um das befreiende Sakrament der Lossprechung zu spenden. Ebenso am Abend ab 18.00 Uhr ist Beichtgelegenheit, ab 18:30 Rosenkranz und um 19.00 Uhr Hl. Messe mit Predigt. Auch da haben wir jedes Jahr sehr viele Teilnehmer.

Bereits am Samstag vor dem Palmsonntag feiern wir den Weltjugendtag in der Erzdiözese in einem kleinen Stadion mit etwa zweitausend Jugendlichen.

Das Besondere in der Karwoche in den Städten in Bolivien findet am Gründonnerstag nach der Feier der Abendmahlsmesse statt. In jeder Kirche wird wie in Deutschland ein Altar aufgebaut zur Anbetung des Allerheiligsten, des Sakramentes des Leibes und Blutes Christi, in dem Christus wirklich und ganz gegenwärtig ist – auch mit seiner Seele und mit seiner Gottheit! Unvorstellbar aber wahr. Da es in den Innenstädten mehrere Kirchen gibt, setzt nun ein Pilgerstrom ein. Tausende sind unterwegs von einem Gotteshaus zum anderen zum Schauen und Begutachten, aber auch zum Anbeten. Manche wollen zwölf Kirchen besuchen, andere geben sich mit der „vollkommenen“ Zahl sieben zufrieden.