Schlagwort-Archiv: Spanien

Montserrat: Auf dem heiligen Berg der Katalanen

Jetzt ist die beste Zeit. Im Spätsommer ist es nicht mehr so schwül heiß und auch noch nicht so windig kalt. Sobald es mir die Zeit erlaubt, steige ich ins Auto und fahre die rund 40 km aus Barcelona hinaus. Kaum habe ich auf der großen Diagonal-Autobahn die laute Millionenstadt hinter mir gelassen, biege links um den Tibidabo, den Hausberg Barcelonas, da taucht er auch schon auf: der Montserrat, der beeindruckendste Berg Kataloniens.

Je näher ich komme, desto faszinierender wird der Berg. Ja, was heißt da Berg? Es ist ein Gebirgsmassiv mitten in einer Ebene. Insgesamt misst es zwar nur 10 km in der Länge und 5 km in der Breite, und der höchste Gipfel (Pic de Sant Jeroni) erhebt sich nur 1.236 m über dem Meeresspiegel. So alleinstehend in der weiten Ebene ist das Massiv aber eine gewaltige Naturerscheinung. Wie die Zähne einer umgekippten Säge ragen die aneinandergereihten Bergspitzen in den Himmel. Nicht nur ich habe diesen Eindruck. Das katalanische Wort „Montserrat“ bedeutet so viel wie „gesägter, zersägter Berg“. Wie konnte so ein eigenartiges, bizarres Felsmassiv in dieser Ebene nur entstehen? Jacint Verdaguer, einer der großen Dichter der katalanischen Literaturgeschichte (1845-1902), meint, die Engel selbst hätten dieses Wunderwerk vollbracht. Andere Dichter haben den Berg mit einer großen Burg, einem gewaltigen Schiff oder einer Riesenorgel verglichen oder in ihm ein versteinertes Flammenmeer gesehen. Ein riesiges, beeindruckendes Geheimnis aus Stein. Und auch ein wenig unheimlich. Deshalb verwundert es mich nicht, dass den vielen Gipfeln vom Volk teilweise recht ungewöhnliche Namen gegeben wurden, wie „der verzauberte Riese“, „der Totenkopf“, „der Elefantenrüssel“, „der Katzenkopf“ und viele andere. Geographisch gesehen liegt der Montserrat mehr oder weniger im Mittelpunkt Kataloniens. Und für einen Großteil der Katalanen ist der Berg es auch, Mittelpunkt Kataloniens in mehrerlei Hinsicht. In seiner markanten Gestalt ist der Berg für die Katalanen zu einem Inbegriff ihres Eigenbewusstseins geworden, zu einem Symbol für die geistige Erhebung und Verinnerlichung des katalanischen Wesens.


Es gibt mehrere Wege, den Berg zu erklimmen. Es gibt sie in allen Schwierigkeitsgraden, für Wochenendwanderer genauso wie für Extremkletterer. Der vielleicht genussvollste ist zu Fuß. Zu empfehlen ist aber auch die Seilbahn. In einer Gondel schwebt man über die unbeschreiblichen, kleinen Felsgipfeln und fliegt auf den Berg zu, ja, förmlich in ihn hinein. Dann gibt es auch noch die „Colserrolla“ (den Reisverschluss), die Zahnradbahn. Eine sehr bequeme, rasche und auch billige Möglichkeit. Ich fahre heute aber ganz unromantisch mit dem Auto hoch. Heute möchte ich nämlich auch noch einen ganz besonderen Ort auf dem schon besonderen Berg besuchen (darüber aber später). Egal, mit welchem Verkehrsmittel ich auf den Berg gelange, plötzlich taucht das eigentliche Zentrum von Montserrat vor mir auf: Wallfahrtsstätte und Benediktinerkloster „Mare de Deu de Montserrat“ („Muttergottes von Montserrat“).

„Moreneta“

Der Legende nach wurde bereits Ende des 9. Jahrhunderts in einer der Höhlen auf dem bizarren Berg eine Marienstatue gefunden. Eineinhalb Jahrhunderte später (1025) gründete der Abt Oliba – eine herausragende Persönlichkeit in der katalanischen Kirchengeschichte des Mittelalters – ein kleines Kloster neben der Einsiedelei Santa Maria. Die Kunde von Wundertaten, die man der Jungfrau Maria zuschrieb, breitete sich rasch aus, und so wuchs das Kloster sehr schnell. Im 12. oder 13. Jahrhundert entstand die spätromanische Marienstatue, die bis heute der Mittelpunkt des Heiligtums ist. Wegen der dunklen Farbe ihres Antlitzes hat die Madonna von Montserrat von den Pilgern den vertraulichen Beinamen „Moreneta“, „die kleine Braune“ erhalten. Neben den unzähligen frommen Pilgern aus aller Herren Länder kamen schon bald auch zahlreiche Könige und Päpste. Besonders erwähnenswert sind die Pilgerfahrten späterer Heiliger, unter ihnen Vinzenz Ferrer, Aloisius Gonzaga, Antoni Maria Claret und vor allem Ignatius von Loyola. Sie alle haben in der Begegnung mit der Muttergottes von Montserrat Kraft und Segen für ihr Leben gesucht. Heute sollen schätzungsweise jährlich an die zweieinhalb Millionen Menschen zu dem katalanischen Heiligtum pilgern.

„Escolania“

Mit der Bedeutung der Wallfahrt wuchs gleichzeitig auch das Benediktinerkloster auf dem Montserrat, sein Ruf verbreitete sich rasch über ganz Europa. Vielleicht ist das auch das Besondere dieses Ortes, dass der Montserrat neben dem Trubel des Marienheiligtums immer auch gleichzeitig ein Ort der klösterlichen Stille ist. Abgehoben von vielen Alltagssorgen der Welt, haben sich die Mönche durch alle Jahrhunderte hindurch neben der Wallfahrtsseelsorge sowohl dem klösterlichen Gebet als auch der Wissenschaft und der Bildung gewidmet. Bereits aus dem Jahr 1223 stammen die ersten Zeugnisse, die von der Existenz einer Sängerknabenschule auf dem Montserrat berichten, der erste in Europa, die heute weltberühmte „Escolania“. Vor allem in dem sogenannten „Goldenen Zeitalter“ Spaniens zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert war das Kloster Schauplatz zahlreicher kultureller Aktivitäten. In Sachen Musik hatte sich eine eigene „Schule von Montserrat“ entwickelt. Die Klosterbibliothek war bis zur spanischen Säkularisation 1836 in vielen Bereichen einzigartig und wurde von Wissenschaftlern aus allen Ländern aufgesucht. Heute sind vor allem das Bibelmuseum und die Gemäldesammlung zeitgenössischer Kunst in der ganzen Welt bekannt. Außerdem ist Montserrat aber auch ein wichtiger Ort für die liturgische Bildung innerhalb der katholischen Kirche.

Das „Rote Buch“

Neben seiner großen Bedeutung als christliches Heiligtum kann man den Montserrat aber nicht ohne seine herausragende Bedeutung für die spezielle Geschichte und Kultur Kataloniens sehen. Schon immer war der heilige Ort ein Hort der katalanischen Kultur und Tradition. Besondere Zeugnisse davon sind das „Llibre vermell“, das „Rote Buch“ (14. Jahrhundert), mit seiner einzigartigen Sammlung von katalanischen Liedern und Gebeten des Spätmittelalters und eine katalanische Bibelübersetzung aus dem 15. Jahrhundert. Mitte des vergangenen Jahrhunderts, nach den furchtbaren Auseinandersetzungen im spanischen Bürgerkrieg (1936-39), setzten sich die Mönche Montserrats für eine echte Aussöhnung in der katalanischen und spanischen Gesellschaft ein. Gleichzeitig war das Kloster aber auch ein Ort des politischen und kulturellen Widerstands gegen die spanische Militärregierung Francos. So schlossen sich im Jahr 1970 über 300 Intellektuelle in das Kloster ein, um gegenüber der Diktatur die Achtung der Menschenrechte in Spanien zu fordern.

Mitte und Kraft

Was ist nun das Besondere dieses „Heiligtums“? Das ist sehr schwer zu beantworten!
Vielleicht sind es gerade diese Gegensätze von lautem Pilgerwesen und stillem Kloster, frommen Glauben und vernünftiger Wissenschaft, geschichtsträchtiger Tradition und aktueller Gegenwart, offener Weltgewandtheit und überzeugtem Selbstbewusstsein. Aber vielleicht sind das ja auch gar keine Gegensätze! Vielleicht sind das vielmehr Momente, die in ihren scheinbaren Gegensätzen unser Leben erst vollkommen machen. Vielleicht braucht es genau diese vielen Erfahrungen, um das Wesen unseres Lebens ein wenig verstehen zu können. Mir jedenfalls, bei all meinen Besuchen des Montserrat, gibt der Ort Ruhe, Ausgleich, Sicherheit und Kraft. Montserrat ist für mich so etwas wie Heimat geworden. Heimat in der Fremde.

Dem irischen Künstler Sean Scully geht es anscheinend ähnlich. Seit den 90-er Jahren besucht er den Berg und ist fasziniert von seinem Geheimnis, und hat neben seinen Ateliers in New York und Bayern nun auch eines in Barcelona. Aus Dankbarkeit dafür, dass seinem Sohn Oisin von den Mönchen das Sakrament der Taufe gespendet wurde, stiftete er dem Kloster ein eigenes Gemälde. Es ist eines seiner berühmten großformatigen, monochromen Bilder, die innere Ruhe und gleichzeitig feurige Lebendigkeit ausstrahlen. Im Frühjahr dieses Jahres ließ Abt Josep M. Soler das romanische Kirchlein Santa Cecilia (10. Jahrhundert), drei Kilometer vor dem Kloster, renovieren. Sean Scully durfte es mit seiner Kunst ausstatten. Es entstand ein ganz besonderer, spiritueller Ort. Ein Ort, der für mich das Wesen des Montserrat noch einmal wie in einem Kern zusammenfasst: Mitte und Kraft.

Von Mauern, Freiheit und Unabhängigkeit

oder: Was hatten Berlin und Barcelona am 9. November gemeinsam?

Die Menschen lassen sich nicht aufhalten. Sie lassen sich ihr Recht auf Meinungsäußerung nicht verbieten. Seit mehr als zwei Jahren wird der Ruf nach einer politischen Unabhängigkeit Kataloniens immer lauter und massiver. Millionen von Menschen haben sich jeweils am 11. September der vergangenen Jahre in Barcelona eingefunden, um friedlich für einen unabhängigen Staat Katalonien zu demonstrieren. Am 9. November 2014 wollten nun die Katalanen mit einem Referendum im Stil der schottischen Volksabstimmung über Abhängigkeit oder Unabhängigkeit von Spanien entscheiden. Das spanische Verfassungsgericht hat ihnen aber einen Strich durch die Rechnung gemacht. Eine Volksabstimmung kann und darf nur mit der Genehmigung der spanischen Zentralregierung durchgeführt werden. Wer sich dem widersetzt, handelt verfassungswidrig.

Je mehr die konservative Regierung Rajoys in Madrid die Bestrebungen im rebellischen Katalonien bombardierte, desto stärker wurden dort die Forderungen. Um die Unabhängigkeitswilligen aber nicht in Konflikt mit dem Verfassungsschutz zu bringen, deklarierte man die Volksabstimmung kurzerhand zu einer „Meinungsumfrage“. Und nichts konnte die Katalanen mehr aufhalten. Trotz ungemütlichen Wetters in der sonst von Sonne verwöhnten Region machten sich am gestrigen Sonntag deutlich mehr als zwei Millionen von den knapp 5,5 Millionen Wahlberechtigten auf, um ihre Stimme abzugeben. Dabei nahm man zum Teil auch ein sehr langes Anstehen in unendlichen Schlangen in Kauf. Manche sind auch extra aus dem Ausland in ihre Heimat angereist, wie der katalanische Bayern-Trainer Pep Guardiola.

Und das Ergebnis war keine große Überraschung: Über 80 Prozent votierten dafür, dass Katalonien einen eigenen Staat bilden und sich von Spanien abspalten sollte. Ein „Traumergebnis“ resultieren die Organisatoren der Meinungsumfrage. „Völlig wertlos“ beurteilt dagegen Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy die Abstimmung. „Solange ich Regierungschef bin, wird die Verfassung eingehalten“, fügt er hinzu. „Niemand wird die Einheit Spaniens zerbrechen.“

„Wir sind das Volk“ konnte man auf Katalanisch und Deutsch auf manchen Plakaten der  Demonstranten und Wähler in Barcelona lesen. Am 25. Jahrestag des Berliner Mauerfalls erinnerte  sich das kleine Volk im Nordosten Spaniens an die Macht des Volkes in der ehemaligen DDR. Der Wille nach Freiheit und Recht auf Selbstbestimmung brachte schließlich eine der schlimmsten Mauern der Menschheitsgeschichte zum Einstürzen. Etwas, was fast niemand mehr für möglich gehalten hatte. Diese Erfahrung des deutsch-deutschen Volkes schenkt dem katalanischen Volk Hoffnung, dass auch ihr Wille nach Eigenbestimmung nicht weiter ignoriert wird.

In Berlin feierte man am 9. November den Mauerfall vor 25 Jahren mit einem riesigen Volksfest. Ob es in Katalonien jemals zu einem ähnlichen Volksfest der „Befreiung und Unabhängigkeit“ kommen wird, ist noch sehr fraglich. Dass die Regierenden aller Völker aber wachsam und respektvoll auf den Willen der Menschen hören sollen, um deren Wohl dienen zu können, das zeigt das Beispiel Katalonien. Nicht ideologische Gleichförmigkeit und Zentralismus kann das Ziel sein, sondern nur Einheit in respektvoller Vielfalt.

Ein katholischer König in einem katholischen Spanien?

Damit hat keiner gerechnet. Don Juan Carlos I de Borbón ist als König von Spanien zurückgetreten und will Krone und Zepter in die Hände seines Sohnes Felipe legen. Was man von anderen europäischen Königshäusern her schon kennt, ist in der erst knapp 40 Jahre alten Verfassung der demokratischen Monarchie Spaniens eigentlich nicht vorgesehen. Der König von Spanien bleibt Oberhaupt seines Volkes bis zum Tod. Juan Carlos hat aber entschieden, mit dieser Tradition und mit diesem Artikel der spanischen Verfassung zu brechen.

Hat der König von Spanien von Papst Benedikt XVI. gelernt? Vor eineinhalb Jahren überraschte der Bischof von Rom die ganze katholische Kirche, ja die ganze Welt mit seinem Rücktritt als Papst. Und keine andere Entscheidung in seinem achtjährigen Pontifikat hat ihm mehr Sympathie und Bewunderung eingebracht als dieser „letzte Schritt“. Wollte sich auch Don Juan Carlos nach 39 Jahren König von Spanien mit seinem final cut nochmal die Sympathie und Bewunderung der Spanier sichern?

„Durch sein Abdanken hat der König Spanien, seiner Familie und sich selbst einen Gefallen getan“ sagte der Journalist Salvador Aragonès, Professor an der Universidad Internacional de Cataluña, in „Ràdio Estel“, dem katholischen Rundfunk Kataloniens. Denn, so schreibt die katholische Wochenzeitung „CatalunyaCristiana“, die Gründe für das Abdanken Juan Carlos‘ liegen neben der ökonomischen, sozialen, politischen und institutionellen Krise Spaniens vor allem im Prestigeverlust der spanischen Monarchie. Mit Elefanten-Safari, außerehelichen Affären und Vaterschaftsklagen hat der 76jährige Monarch in den letzten Jahren immer wieder für Schlagzeilen gesorgt. Das war aber nicht immer so. „Sein Dienst am spanischen Volk ist von einem außergewöhnlichen Wert gewesen“, bescheinigte auch die spanische Bischofskonferenz dem scheidenden König.

Die katholischen Bischöfe haben damit ausgedrückt, was die große Mehrheit der Spanier empfindet. Sie alle wissen, was sie ihrem König verdanken: nichts weniger als die Demokratie. Und vor allem auch eine friedliche und unblutige Einführung der Demokratie nach einem grausamen Bürgerkrieg (1936 – 1939) und einer brutalen Militärdiktatur (1939 – 1975). Gleich in den Jahren nach den wilden 68ern, als sich das revolutionäre Studentenvolk Europas mühevoll von den „Fesseln“ der Traditionen, des Bürgertums und der Kirchen befreien wollte, jubelt das spanische Volk Juan Carlos de Borbón zu, dem letzten Nachkommen des Jahrhunderte alten französischen Königshauses, das bis zu den unglückseligen Republiken Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts den spanischen Monarchen stellte.

„Los reyes católicos“ werden Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon genannt. Papst Alexander VI. höchstpersönlich hat ihnen den Titel aufgrund ihrer großen Verdienste für die Kirche verliehen. Mit ihrer Hochzeit 1469 haben die beiden die zwei mächtigsten Königreiche der iberischen Halbinsel vereint und damit den Grundstein für das heutige Spanien gelegt. Ihr großer Erfolg war die Reconquista (Rückeroberung) der über Jahrhunderte von den Mauren besiedelten Gebiete. 1492 wurde Muhammad XII., der letzte in Spanien verbliebene Emir, aus seinem märchenhaften orientalischen Palast in Granada, der Alhambra, vertrieben. Im gleichen Jahr haben die „katholischen Könige“ alle Juden gezwungen, das Land zu verlassen oder sich taufen zu lassen. Und schließlich setzt im selben Schicksalsjahr 1492 mit der Entdeckung Amerikas von Spanien ausgehend eine Eroberung und damit auch Christianisierung der Neuen Welt ein. Über zwei Jahrhunderte lang war nun Spanien die katholische Weltmacht, von der das Evangelium in alle Teile der ganzen Erde getragen wurde. Katholische Kirche und spanisches Königshaus waren immer eng miteinander verflochten und die Könige sahen sich als die von Gott berufenen „Aposteln“ ihrer Zeit. Außerdem kennt Spanien keine Reformation und Spaltung der Kirche, wie sie im 16. Jahrhundert in Deutschland stattgefunden hat. Spanier sein bedeutete Katholik sein.

Und heute? Wie katholisch ist Spanien heute? Die religiöse Situation der spanischen Gesellschaft heute ist vor allem geprägt von dem Staatskatholizismus der Franco-Ära. 36 Jahre wurde alles Nicht-Katholische von Seiten der Diktatur systematisch unterdrückt. Mit Hilfe eines religiösen Drucks hat die weltliche Macht versucht, das Volk im Zaum zu halten. Und nicht selten haben die Vertreter der Kirche die Machenschaften des Militärs gedeckt, um damit die eigene Autorität in der Gesellschaft zu stärken. So empfanden die meisten Spanier den Tod General Francos im Jahre 1975 nicht nur als Befreiung von einer politischen Unterdrückung, sondern auch gleichzeitig als eine Befreiung von einer religiösen und moralischen Unterdrückung durch die katholische Kirche. Endlich fühlte man sich befreit von jeder Fremdbestimmung des eigenen Lebens. Und den König, wie gesagt, den ließ man nur gelten, weil man ihm diese Freiheit ja verdankte.

Nur knapp 35 Prozent der steuerpflichtigen Spanier wollten 2012 ihre Renta der Kirche zukommen lassen. (Eine für jeden Steuerzahler verpflichtende Sozialabgabe, bei der man wählen kann, welcher Einrichtung oder Institution sie zukommen soll.) In Katalonien waren es sogar unter 20 Prozent. Hier sind in den letzten 26 Jahren zum Beispiel auch die kirchlichen Eheschließungen von 76 Prozent auf nur noch 19,4 Prozent zurückgegangen. Von einem katholischen Spanien kann man heute also nicht mehr sprechen. Nach zwei Generationen „Freiheit“ scheint mir außerdem auch ein christliches Bewusstsein und Wissen in der Bevölkerung Spaniens immer mehr zu verschwinden. Christliche Traditionen und Bräuche verkümmern vielfach zu einer oberflächlichen Folklore.

Noch am selben Tag der Abdankung des spanischen Königs versammelten sich auf der Puerta del Sol von Madrid 20.000 und auf der Placa Catalunya von Barcelona 5.000 Demonstranten, die die Abschaffung der Monarchie und die Einführung der III. Republik forderten. Obwohl Kronprinz Felipe noch völlig unbeschadet ist von Skandalen und einen weitaus besseren Ruf genießt als fast alle Politiker, kann er im Unterschied zu seinem Vater nicht mehr mit einem Vertrauensbonus im Volk rechnen. Das einzige, was zählen wird, ist, wie der Thronfolger seine königliche Macht zum Wohl Spaniens einsetzen wird. Ähnlich wie bei der katholischen Kirche. Das einzige was für die Spanier zählt, ist, wie sie sich zum Wohl der Menschen einsetzt. Und was das Wohl der Menschen ist, das lässt man sich von keiner Institution mehr vorschreiben, das definiert jeder für sich selbst.

Ein katholischer König in einem katholischen Spanien? Ja und Nein. Nur wer aus den Veränderungen, den Krisen und Verlusten lernt und Konsequenzen zieht, der wird einen neuen, anderen und vielleicht auch besseren Weg in die Zukunft finden. Das gilt für Könige, und das gilt für die katholische Kirche.

Für die einen das Christkind, für die anderen die Dreikönige

Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar. Matthäus 2,11b

Weihnachten, Heiligabend, Christkind, Geschenke – diese Begriffe gehören untrennbar zusammen. Bei uns in Deutschland. In sehr, sehr vielen Ländern unserer Erdkugel ist das aber ganz anders. Zum Beispiel in Spanien, oder genauer gesagt Katalonien, wovon ich erzählen kann.

Weihnachten: Natürlich feiert man die Geburt Jesu auch in der katalanischen Hauptstadt Barcelona. Aber nicht nicht so sehr wie in Deutschland und in anderen nordeuropäischen Ländern am 25. Dezember und in der vorausgehenden Nacht, sondern vor allem am 6. Januar mit dem Fest der Epiphanie Christi (Erscheinung des Herrn), in Spanien bekannt als „la Fiesta de los Reyes Magos“, also der Heiligen Drei Könige. Der Grund dafür ist wahrscheinlich, dass in Spanien das Christentum von Anfang an der byzantinischen Ostkirche sehr nahe stand. Diese feierte die Menschwerdung Gottes schon immer nicht wie die lateinische Westkirche am 25. Dezember, sondern am 6. Januar.

Deshalb kommt in Spanien am Heiligabend auch kein Christkind, um den Kindern Geschenke unter den Christbaum zu legen (der Christbaum wird übrigens auch erst in den letzten Jahren immer mehr von den Ländern nördlich der Alpen abgeschaut). Christkind, das kennen die Spanier gar nicht. Sie kennen vielleicht einen „Papa Noel“. Aber der ist eindeutig eine Kopie des amerikanischen Weihnachtsmannes, der nachweislich mehr mit dem hl. Nikolaus verwandt ist als mit dem Christkind.

Heißt das dann, die Kinder Spaniens – und die Erwachsenen – gehen am Heiligabend leer aus? Gar keine Weihnachtsgeschenke? Ja! An dem für fast jeden Deutschen „heiligen“ Abend sind in Spanien die Geschäfte offen wie immer, bis 22 Uhr. Für die meisten geht das Leben und die Arbeit weiter wie an jedem anderen Tagen auch. Am 25. Dezember, am Weihnachtsfeiertag, kommt man dann aber doch etwas zur Ruhe und zum Feiern. Dieser Tag ist ein klassischer Familien- und Besuchstag. Da sind die Straßen den ganzen Tag wie ausgestorben und die unzähligen Bars und Restaurants bleiben geschlossen. – Gut, viele von den Stammkneipen haben für eine kurze Zeit geöffnet. Spanien ohne seine Bars, das geht überhaupt nicht!

Und was ist jetzt mit Geschenken? Natürlich gibt es zu dem frohen Fest der Geburt Jesu auch Geschenke. Vor allem für die Kinder. Die werden aber nicht vom Christkind gebracht (das in Spanien ja nicht existiert!), sondern von den „Reyes“, den „Königen“. Und ist ja irgendwie auch logisch. Am Dreikönigsfest feiern wir Christen, dass Gott auf Erden als Mensch unter Menschen, uns ganz gleich, erschienen ist. Überall auf Erden, in allen Teilkirchen des Christentums, wird diese Botschaft am 6. Januar mit der Geschichte des Besuchs der drei Weisen aus dem Morgenland erzählt. Der Evangelist Matthäus berichtet ausdrücklich davon, wie die Weisen dem Kind drei Geschenke brachten: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und deshalb werden in Spanien den Kindern die Geschenke auch von den Königen gebracht.

Das Ganze ist aber ein Mordsspektakel: In Barcelona zum Beispiel kommen die königlichen Herren am Vorabend des Dreikönigsfestes mit dem Schiff im Hafen angefahren. Vom Bürgermeister und hunderten Schaulustigen werden sie freudig begrüßt. Dann ziehen sie in einem kilometerlangen Konvoi durch die Stadt. Auf ca. 20 bunt geschmückten Wägen sind die Könige mitsamt ihrem Hofstaat verteilt. Den Umzug kann man sich ein wenig vorstellen wie den Karnevalsumzug in Köln. Jeder der Wägen ist phantasievoll geschmückt. Oft werden Themen der Tagespolitik in lustiger Art und Weise aufs Korn genommen. Zu Tausenden säumen die Menschen die Straßenränder und die Kinder sammeln in Tüten die Süßigkeiten, die ihnen von den Wägen herunter zugeworfen werden.

An der Placa Jaume angekommen, werden die Dreikönige mit ihrem Gefolge nochmal vom Bürgermeister und anderen wichtigen Vertretern der Gesellschaft empfangen. Jetzt ist aber vor allem der Zeitpunkt gekommen, dass die Könige auf je einem Thron Platz nehmen und Audienz halten. In langen Schlangen stehen die Kinder an, um den Königen die Briefe mit ihren Wunschlisten zu überreichen. Schließlich verabschieden sich die Könige wieder. Jetzt haben sie ja allerhand zu tun, um in der folgenden Nacht die Geschenke den entsprechenden Empfängern auch richtig zuzustellen. Denn schließlich möchte doch jedes Kind in Spanien, dass am Morgen des 6. Januar vor der Wohnungstür seine langersehnten Weihnachts-Geschenke stehen.