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Die Katalonen wollen Flüchtlingen helfen

Regelmäßig stürmen Flüchtlinge die spanische Exklave Ceuta. Unter dem Motto „Volem acollir“ („Wir wollen aufnehmen“) haben in Barcelona Hunderttausende am Wochenende für eine weltoffene Politik demonstriert. Gestern wurde ich von Domradio in Köln zu den Ereignissen in Barcelona und Katalonien interviewt. Die Radioredaktion ist mit der Weitergabe des Mittschnitts hier im Blog weitblick einverstanden.

domradio.de: Die Behörden sprechen von rund 160.000 Menschen, die sich am Wochenende in Barcelona versammelt haben. Die Veranstalter sagen, es seien sogar eine halbe Million gewesen. Wie haben Sie denn die Demonstration erlebt?
Ottmar Breitenhuber (Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde in Barcelona): Ich habe es nur zufällig mitbekommen. Ich war in den vergangenen vier Wochen in Lateinamerika und bin am Wochenende zurückgekommen. Da habe ich nach einem Gottesdienst von der Demonstration gehört. Ich wohne in der Nähe von dem Ort, wo sich die Menschen versammelt haben. Es war eine große blaue Welle. Die Veranstalter hatten die Leute ja aufgefordert, in blauer Kleidung und mit blauen Flaggen zu kommen. Das Ganze hat dann an eine Meereswelle erinnert. Die Leute haben sich dann auf den Weg ans Meer, an den Strand, gemacht. Es war eine der größten Demonstrationen, die ich hier in Barcelona erlebt habe. Ähnlich den Demonstrationen, wie sie am Gedenktag zur Eroberung Barcelonas immer stattfinden.

domradio.de: Die Menschen hatten ja auch Schilder, auf denen zum Beispiel „Keine Toten mehr“ oder auch „Flüchtlinge willkommen“ und „Öffnet die Grenzen“ stand. Entspricht das der allgemeinen Stimmung in Spanien?

Breitenhuber: Ich kann es nur von Katalonien sagen. Hier gibt es an sich eine sehr offene Stimmung den Flüchtlingen gegenüber. Man möchte den Menschen etwas anbieten. Barcelona ist ja eine sehr internationale Stadt. Es gibt hier eine Million Ausländer. Und nur 495 Asylbewerber waren im vergangenen Jahr gemeldet. Die Stadt an sich und Katalonien sind eigentlich sehr offen. Aber die spanische Politik, die von Madrid aus gemacht wird, trifft diesen Geist nicht.

domradio.de: Welche Position nimmt die katholische Kirche in Spanien beim Umgang mit Flüchtlingen ein?

Breitenhuber: Die katholische Kirche ist ganz vorne dran und tut etwas für Flüchtlinge. Zu der Demonstration haben unter anderem die Caritas und das Referat Migration der Erzdiözese Barcelona aufgerufen. Und die Kirche öffnet ganz konkret auch ihre Türen. Santa Anna, ein zentrales ehemaligen Kloster, hat im Januar schon die Türen für Flüchtlinge geöffnet und ihnen für einige Tage eine Unterkunft gegeben. Und jetzt haben sie die Hilfe ausgebaut. Die Flüchtlinge übernachten zwar inzwischen in anderen Einrichtungen, aber die Kirchentüren sind 24 Stunden am Tag geöffnet und die Flüchtlinge bekommen dort etwas zu Essen und können sich aufwärmen und beraten lassen.

domradio.de: Und wie erleben Sie die Situation in Ihrer deutschsprachigen Gemeinde in Barcelona?

Breitenhuber: Am vergangenen Sonntag hat uns ein katalanischer Pater von der Demonstration und von dem Einsatz in der Gemeinde Santa Anna erzählt. Die Leute bei uns sind sowieso schon in verschiedenen Bereichen engagiert. Wir haben zum Beispiel schon seit Jahren Kontakt zu einer Obdachlosentafel. Dort haben sie inzwischen auch viel mit Flüchtlingen zu tun. Und wir versuchen uns jetzt in der Gemeinde Santa Anna zu engagieren.

Das Interview führte Heike Sicconi.

Das Audio könnt ihr beim Domradio hören.

Mehr zum Thema: Asylsuchende und Flüchtlinge im Bistum Eichstätt

Betlehem liegt in Barcelona

Es ist Samstag, der 24. Dezember 2016, halb acht am Abend. Mit Sharon und Johannes, den beiden Freiwilligen unserer deutschsprachigen Gemeinde, eile ich durch die Straßen der Innenstadt Barcelonas. In Spanien sind die Geschäfte an Heiligabend ganz normal bis 21 oder 22 Uhr geöffnet. Dementsprechend herrscht noch die ganz normale „vorweihnachtliche“ Großstadthektik. In den engen Gassen der Altstadt kämpfen wir uns durch Massen von einkaufswütigen Schnäppchenjägern und Weihnachtstouristen aus aller Welt. An den großen Plätzen der Stadt sehen wir überall ein Großaufgebot von Polizei postiert, zum Teil mit gepanzerten Wägen und Maschinengewehren. Wenn wir nicht gerade von der Kindermette unserer Pfarrei kämen, kämen wir sicher nicht auf die Idee, dass es Heiligabend ist (Da die weihnachtliche Lichterdekoration ja schon seit fast sechs Wochen zum Straßenbild gehört, löst auch diese inzwischen keine besonderen weihnachtlichen Gefühle mehr bei uns aus).

Wir sind auf dem Weg zum „Chiringuito de Dios“, zur „Suppenküche Gottes“. Es ist eine Obdachlosentafel mitten im Raval, dem vielleicht verrufensten Stadtviertel Barcelonas mit dem größten Migranten- und Prostituiertenanteil. Seit fast 20 Jahren gibt hier Wolfgang Striebinger mit seinen Helfern täglich an 60 bis 80 Personen Frühstück und Abendessen aus. Donnerstags gibt es eine Paella, gestiftet von einem Fünf-Sterne-Hotel. Heute sind die Leute zu einer „cena nadal“, zu einem Weihnachtsessen eingeladen. Mitglieder unserer Gemeinde haben zahlreiche Taschen voll mit Lebensmittel gespendet (dazu auch eine schöne Summe Geld) und Ivan, der Chefkoch, hat zusammen mit dem Chiringuito-Team ein festliches Weihnachts-Buffet vorbereitet: Gemüsesuppe, Brathähnchen, Tortilla, Empanadas, Kroketten, Reis, Kuchen …

Um acht wird die Tür geöffnet. Manche haben schon eine halbe Stunde davor gewartet. Die Situation erinnert mich fast ein wenig an die Bescherung am Heiligabend in meiner Kindheit, an den Augenblick, in dem der Vater die Tür zum Wohnzimmer öffnete und sich vor uns Kindern endlich der Christbaum mit den Geschenken auftat. Wolfgang Striebinger begrüßt die Gäste mit Handschlag, er kennt sie alle beim Namen, manche kommen ja schon seit Jahren. Die meisten leben auf der Straße, andere haben zwar irgendwo im Viertel mehr oder weniger ein Dach über dem Kopf, aber es reicht nicht für ein anständiges Essen. Für viele ist der Besuch im Chiringuito die einzige warme Mahlzeit des Tages. Es sind vor allem Männer, aber auch nicht wenige Frauen, jeden Alters. Sie stammen aus aller Herrn Länder. Ruhige Musik aus dem CD-Player gibt dem kleinen Saal eine feierliche Stimmung. Wolfgang heißt noch einmal alle willkommen und weist kurz darauf hin, warum sich das Abendessen heute von den Essen der anderen Tage des Jahres unterscheidet.

Dann darf ich die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium vorlesen. Die Erzählung von dem jungen unbekannten Paar aus einem vergessenen Kaff dieser Erde, das durch die Mächtigen der Welt in die Fremde geschupst wurde. Die Erzählung von den armen Schluckern, die sich als Hirten durchs Leben fretten. Die Erzählung davon, dass gerade diesem jungen Paar ein Kind geboren wurde und dass genau jene Hirten es waren, die als erstes davon erfahren haben. Und wie mit diesem Kind neue Hoffnung in die ganze Welt kam – angefangen dort, am Rand von Betlehem.

Es ist mucksmäuschenstill im Chiringuito de Dios. Alle hören sie ganz aufmerksam zu. Manchen kommen ein paar Tränen. Wir spüren, es ist unsere Geschichte, und sie ereignet sich jetzt.

Die Kraft der Stille – Ein Besuch im Kloster Poblet

Es regnet in Strömen und es weht ein furchtbar kalter Wind. Und dann ist auch noch der Gastpater gerade nicht da, als ich zehn Tage nach Ostern an der Pforte der Zisterzienserabtei Poblet klopfe. Wie schon ein paarmal in den vergangenen Jahren, will ich mich für ein paar Tage dem Trubel und dem Alltagsstress der Großstadt entziehen. Ich gönne mir in der „großen Stille“ dieses mittelalterlichen Klosters im Hinterland Neukataloniens wieder einmal bewusst Zeit für Gebet und Reflexion. Ohne mich vorher anzumelden, bin ich in aller Früh einfach losgefahren. Der Gastpater sei gerade nicht im Haus und komme erst am Nachmittag wieder zurück, klärt mich der Bruder an der Pforte auf. Ich solle mich doch nach 15 Uhr wieder melden.


Zur Mitte kommen

So, nun stehe ich also vor verschlossenen Klostertüren im kalten, windigen Regen. Was mache ich jetzt? Warum bin ich überhaupt der pulsierenden Weltstadt Barcelona mit dem angenehmen und sonnigen Mittelmeerklima entflohen? Um wieder die Mitte zu finden. Um alles Oberflächliche, Störende und Ablenkende vergessen zu können, damit der tiefe Sinn wieder durchdringen kann. Aber das eigentliche Zentrum von Poblet, die Klosterkirche, ist ja offen, täglich von 5 bis 20 Uhr. Also trete ich in den gewaltigen romanischen Kirchenraum. Zunächst einmal, um endlich dem scheußlichen Regen zu entfliehen. Ein mächtiges, dunkles Kirchenschiff empfängt mich. Auch hier ist es eiskalt. Aber die Kälte ist nicht so unangenehm wie draußen im Regen, hier in der Kirche hat die Kälte eher etwas Befreiendes. Befreiend ist vor allem auch die Stille. Eine kleine Schülergruppe steht neben dem Altarraum unter den Hochgräbern der katalanischen Könige, mucksmäuschenstill, der Reiseführer spricht seine Erklärungen beinahe im Flüsterton. Langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Die wuchtigen und schlichten Säulen ragen kräftig nach oben und tragen in außergewöhnlicher Höhe das runde Tonnengewölbe. Immer mehr richtet sich das schmale, hohe und lange Kirchenschiff vor mir auf. Alles führt nach oben und nach vorne. Kein Schmuck, keine Dekoration lenkt den Blick ab – absolute Schlichtheit. Alles führt zum Zentrum, zum Altar, zur Mensa in der Mitte des Altarraums. Fünf kleine Kerzen brennen auf dem Altar – sie stehen für die fünf Wundmale des Auferstanden, wie man mir später erklärt. Daneben steht die Osterkerze, auch sie brennt. Ich kenne keine Kirche, die mich mit ihrer Schlichtheit, mit ihrer stillen und tiefen Aussagekraft mehr fasziniert als die Klosterkirche von Poblet. Ich setze mich in die erste Bank. Sofort wird es auch in mir still. Jetzt kann ich da sein. Einfach da sein. In SEINER Gegenwart.

Das Knurren meines Magens holt mich aus dem stillen Gebet in die körperliche Wirklichkeit zurück. Ich hab gar nicht gemerkt, wie die Stunden vergangen sind. Ich verlasse die Kirche, um neben meiner Seele auch meinem Magen das, was ich ihm schulde, zu geben. Der Regen hat aufgehört. In der Kloster-Cafetería steht ein „menú de los monjes“ auf der Speisenkarte, das Menü, wie es gleichzeitig auch den Mönchen im Refektorium serviert wird. Ich bestelle es mir, und natürlich auch eine copa des kräftigen Rotweins aus den klostereigenen Weingärten. Punkt 15 Uhr ruft mich Frater Borgan, der Gastbruder, auf meinem Mobiltelefon an. Wir kennen uns von meinen früheren Besuchen. Natürlich könne ich wieder ein paar Tage im Kloster verbringen. Und schon stehe ich mit meiner kleinen Tasche in der Pforte und werde von dem jungen Klostermann freundlich lächelnd empfangen. Er führt mich gleich in eines der schlichten Gästezimmer. Angenehme Wärme empfängt mich.

Lebendige Stille

Da bin ich also wieder, in „meinem“ Poblet. Aber was ist es, das mich immer wieder hierher zieht? Warum brauche ich Poblet? Was ist es, das mich hier durch- und aufatmen lässt? Warum finde ich genau hier etwas von der Kraft, die mich leben lässt? Ist es allein die berührende Stille? Die ehrwürdige Eleganz der mittelalterlichen Gebäuden? Der Charme einer längst vergangenen Welt? Vielleicht sogar nur eine Wunsch- oder Traumwelt? Um halb sieben darf ich es wieder erleben, was ich in Poblet vor allem suche, mehr als die faszinierenden Klosteranlagen: das gemeinschaftliche Chorgebet der Mönche. Knapp zwanzig Klosterbrüder haben sich in ihren weißen Kutten des Zisterzienserordens im Chorgestühl versammelt. Der Kantor stimmt in einem klaren Tenor an. Die Mönche stimmen ein. Mir ist, als ob der Gesang aus der unendlichen Tiefe dieses heiligen Ortes entspringt. Als ob er schon immer da gewesen wäre, geheimnisvoll verborgen zwischen den romanischen Säulen und Kirchenschiffen, seit über 800 Jahren, ein immerwährender Lobgesang Gottes. Und die Mönche rufen den Lobgesang nur aus seiner Verborgenheit, stimmen mit ein. Auch wir Gäste dürfen mit einstimmen. Wir haben in den Kirchenbänken Platz genommen. Vorsichtig wage ich es, mich an das Gebet der Mönche „anzuhängen“. Es geht, auch wenn mir das Katalanische und die Musik manchmal fremd sind. Das ist es, was ich hier suche: Eine Gebetsgemeinschaft, an deren bewährter geistlicher Tradition ich für eine kurze Zeit „andocken“ kann. Die Mönche geben mir keinen Kurs in benediktinischer Spiritualität. Sie zeigen mir nicht, wie „man“ betet. Sie tun es einfach. Für sich. Auf ihre Art, wie es Mönche seit dem 6. Jahrhundert tun, und wie es Christen auf ähnliche Art und Weise schon immer getan haben. Und ich darf mich hineinschwingen, anhängen an dieses ewige Gebet. Ich muss nichts machen, nichts produzieren, ich muss nichts können und nichts beweisen. ich brauche mich nur aufmerksam hineinhorchen. Nur da sein. Das Gebet, die Gegenwart, ER nimmt mich mit.

Ja, es sind vor allem die Menschen, die ich hier in der Abtei Poblet suche. Nicht allein das Gebet der Mönche. An ihr Leben möchte ich mich ein wenig anhängen, an ihre Gemeinschaft. Ganz unterschiedliche Persönlichkeiten und Charaktere leben hier zusammen: Katalanen, Spanier, Lateinamerikaner, Handwerker, Akademiker, Mönche ohne bestimmte Berufsausbildung. Die strenge Disziplin erlaubt es, dass so unterschiedliche, ja sogar gegensätzliche Persönlichkeiten gut zusammen leben. Die Klosterregel hilft, dass die Differenzen nicht zum Nachtteil werden, sondern zur Bereicherung des einzelnen. Natürlich bin ich mir bewusst, dass ich das Gemeinschaftsleben der Mönche von „außen“ betrachte, auch wenn ich ein paar Tage innerhalb der Klostermauern verbringen darf und manche Mönche auch schon persönlich kennengelernt habe. Im Alltag ist das konkrete Leben miteinander in jeder Gemeinschaft eine nicht immer einfache Herausforderung. Da darf sich keiner etwas vormachen. Trotzdem meine ich, dass die Mönche mit ihrem jahrhunderte alten Lebensstil einen Weg gefunden haben, sich nicht allein von Individualismus, Macht und Prestige bestimmen zu lassen, sondern von Miteinander und Füreinander. Einen Weg, der zu einem wirklichen und konkreten Frieden führt. Einen Frieden mit sich, den andern und mit Gott.

Von Stille und Musik, Dunkel und Licht, Ruhe und Leben

Immer fasziniert mich in Poblet am meisten der Abschluss der Komplet, des klösterlichen Nachtgebetes. Während des ganzen Gebetes brennt kein Licht in der Kirche, weder elektrisches Licht noch Kerzenlicht. Allein durch die wenigen und kleinen Fenster hoch oben unter dem Gewölbe dringt noch etwas Abendschimmer in den Kirchenraum. Nach dem Schlussgebet entzündet ein Mönch drei schlanke Kerzen, die mitten auf dem Altar stehen, direkt unter dem großen schwebenden Kreuz. Dann stimmen die Mönche das „Salve Regina“ an. Die Mönche von Poblet singen es nach einer ganz eigenen Melodie, angeblich seit dem Jahr 1218. Ein unvergleichlicher Gesang, wie aus einer anderen Welt. Kirche und Musik, Licht und Dunkelheit, Zeit und Ewigkeit, Mensch und Gott, alles wird eins.

Schon am zweiten Tag meines Aufenthalts in der Zisterzienserabtei haben sich die Regenwolken langsam verzogen. Bei meiner Abreise schließlich – dieses mal leider schon am dritten Tagzeigten sich ein tiefblauer Himmel und eine herrlich strahlende Sonne. Gestärkt von der „Kraft der Stille“ konnte ich wie die Jünger nach ihrer „Tabor-Erfahrung“ wieder zurückkehren in die Herausforderungen meines alltäglichen Trubels.

Montserrat: Auf dem heiligen Berg der Katalanen

Jetzt ist die beste Zeit. Im Spätsommer ist es nicht mehr so schwül heiß und auch noch nicht so windig kalt. Sobald es mir die Zeit erlaubt, steige ich ins Auto und fahre die rund 40 km aus Barcelona hinaus. Kaum habe ich auf der großen Diagonal-Autobahn die laute Millionenstadt hinter mir gelassen, biege links um den Tibidabo, den Hausberg Barcelonas, da taucht er auch schon auf: der Montserrat, der beeindruckendste Berg Kataloniens.

Je näher ich komme, desto faszinierender wird der Berg. Ja, was heißt da Berg? Es ist ein Gebirgsmassiv mitten in einer Ebene. Insgesamt misst es zwar nur 10 km in der Länge und 5 km in der Breite, und der höchste Gipfel (Pic de Sant Jeroni) erhebt sich nur 1.236 m über dem Meeresspiegel. So alleinstehend in der weiten Ebene ist das Massiv aber eine gewaltige Naturerscheinung. Wie die Zähne einer umgekippten Säge ragen die aneinandergereihten Bergspitzen in den Himmel. Nicht nur ich habe diesen Eindruck. Das katalanische Wort „Montserrat“ bedeutet so viel wie „gesägter, zersägter Berg“. Wie konnte so ein eigenartiges, bizarres Felsmassiv in dieser Ebene nur entstehen? Jacint Verdaguer, einer der großen Dichter der katalanischen Literaturgeschichte (1845-1902), meint, die Engel selbst hätten dieses Wunderwerk vollbracht. Andere Dichter haben den Berg mit einer großen Burg, einem gewaltigen Schiff oder einer Riesenorgel verglichen oder in ihm ein versteinertes Flammenmeer gesehen. Ein riesiges, beeindruckendes Geheimnis aus Stein. Und auch ein wenig unheimlich. Deshalb verwundert es mich nicht, dass den vielen Gipfeln vom Volk teilweise recht ungewöhnliche Namen gegeben wurden, wie „der verzauberte Riese“, „der Totenkopf“, „der Elefantenrüssel“, „der Katzenkopf“ und viele andere. Geographisch gesehen liegt der Montserrat mehr oder weniger im Mittelpunkt Kataloniens. Und für einen Großteil der Katalanen ist der Berg es auch, Mittelpunkt Kataloniens in mehrerlei Hinsicht. In seiner markanten Gestalt ist der Berg für die Katalanen zu einem Inbegriff ihres Eigenbewusstseins geworden, zu einem Symbol für die geistige Erhebung und Verinnerlichung des katalanischen Wesens.


Es gibt mehrere Wege, den Berg zu erklimmen. Es gibt sie in allen Schwierigkeitsgraden, für Wochenendwanderer genauso wie für Extremkletterer. Der vielleicht genussvollste ist zu Fuß. Zu empfehlen ist aber auch die Seilbahn. In einer Gondel schwebt man über die unbeschreiblichen, kleinen Felsgipfeln und fliegt auf den Berg zu, ja, förmlich in ihn hinein. Dann gibt es auch noch die „Colserrolla“ (den Reisverschluss), die Zahnradbahn. Eine sehr bequeme, rasche und auch billige Möglichkeit. Ich fahre heute aber ganz unromantisch mit dem Auto hoch. Heute möchte ich nämlich auch noch einen ganz besonderen Ort auf dem schon besonderen Berg besuchen (darüber aber später). Egal, mit welchem Verkehrsmittel ich auf den Berg gelange, plötzlich taucht das eigentliche Zentrum von Montserrat vor mir auf: Wallfahrtsstätte und Benediktinerkloster „Mare de Deu de Montserrat“ („Muttergottes von Montserrat“).

„Moreneta“

Der Legende nach wurde bereits Ende des 9. Jahrhunderts in einer der Höhlen auf dem bizarren Berg eine Marienstatue gefunden. Eineinhalb Jahrhunderte später (1025) gründete der Abt Oliba – eine herausragende Persönlichkeit in der katalanischen Kirchengeschichte des Mittelalters – ein kleines Kloster neben der Einsiedelei Santa Maria. Die Kunde von Wundertaten, die man der Jungfrau Maria zuschrieb, breitete sich rasch aus, und so wuchs das Kloster sehr schnell. Im 12. oder 13. Jahrhundert entstand die spätromanische Marienstatue, die bis heute der Mittelpunkt des Heiligtums ist. Wegen der dunklen Farbe ihres Antlitzes hat die Madonna von Montserrat von den Pilgern den vertraulichen Beinamen „Moreneta“, „die kleine Braune“ erhalten. Neben den unzähligen frommen Pilgern aus aller Herren Länder kamen schon bald auch zahlreiche Könige und Päpste. Besonders erwähnenswert sind die Pilgerfahrten späterer Heiliger, unter ihnen Vinzenz Ferrer, Aloisius Gonzaga, Antoni Maria Claret und vor allem Ignatius von Loyola. Sie alle haben in der Begegnung mit der Muttergottes von Montserrat Kraft und Segen für ihr Leben gesucht. Heute sollen schätzungsweise jährlich an die zweieinhalb Millionen Menschen zu dem katalanischen Heiligtum pilgern.

„Escolania“

Mit der Bedeutung der Wallfahrt wuchs gleichzeitig auch das Benediktinerkloster auf dem Montserrat, sein Ruf verbreitete sich rasch über ganz Europa. Vielleicht ist das auch das Besondere dieses Ortes, dass der Montserrat neben dem Trubel des Marienheiligtums immer auch gleichzeitig ein Ort der klösterlichen Stille ist. Abgehoben von vielen Alltagssorgen der Welt, haben sich die Mönche durch alle Jahrhunderte hindurch neben der Wallfahrtsseelsorge sowohl dem klösterlichen Gebet als auch der Wissenschaft und der Bildung gewidmet. Bereits aus dem Jahr 1223 stammen die ersten Zeugnisse, die von der Existenz einer Sängerknabenschule auf dem Montserrat berichten, der erste in Europa, die heute weltberühmte „Escolania“. Vor allem in dem sogenannten „Goldenen Zeitalter“ Spaniens zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert war das Kloster Schauplatz zahlreicher kultureller Aktivitäten. In Sachen Musik hatte sich eine eigene „Schule von Montserrat“ entwickelt. Die Klosterbibliothek war bis zur spanischen Säkularisation 1836 in vielen Bereichen einzigartig und wurde von Wissenschaftlern aus allen Ländern aufgesucht. Heute sind vor allem das Bibelmuseum und die Gemäldesammlung zeitgenössischer Kunst in der ganzen Welt bekannt. Außerdem ist Montserrat aber auch ein wichtiger Ort für die liturgische Bildung innerhalb der katholischen Kirche.

Das „Rote Buch“

Neben seiner großen Bedeutung als christliches Heiligtum kann man den Montserrat aber nicht ohne seine herausragende Bedeutung für die spezielle Geschichte und Kultur Kataloniens sehen. Schon immer war der heilige Ort ein Hort der katalanischen Kultur und Tradition. Besondere Zeugnisse davon sind das „Llibre vermell“, das „Rote Buch“ (14. Jahrhundert), mit seiner einzigartigen Sammlung von katalanischen Liedern und Gebeten des Spätmittelalters und eine katalanische Bibelübersetzung aus dem 15. Jahrhundert. Mitte des vergangenen Jahrhunderts, nach den furchtbaren Auseinandersetzungen im spanischen Bürgerkrieg (1936-39), setzten sich die Mönche Montserrats für eine echte Aussöhnung in der katalanischen und spanischen Gesellschaft ein. Gleichzeitig war das Kloster aber auch ein Ort des politischen und kulturellen Widerstands gegen die spanische Militärregierung Francos. So schlossen sich im Jahr 1970 über 300 Intellektuelle in das Kloster ein, um gegenüber der Diktatur die Achtung der Menschenrechte in Spanien zu fordern.

Mitte und Kraft

Was ist nun das Besondere dieses „Heiligtums“? Das ist sehr schwer zu beantworten!
Vielleicht sind es gerade diese Gegensätze von lautem Pilgerwesen und stillem Kloster, frommen Glauben und vernünftiger Wissenschaft, geschichtsträchtiger Tradition und aktueller Gegenwart, offener Weltgewandtheit und überzeugtem Selbstbewusstsein. Aber vielleicht sind das ja auch gar keine Gegensätze! Vielleicht sind das vielmehr Momente, die in ihren scheinbaren Gegensätzen unser Leben erst vollkommen machen. Vielleicht braucht es genau diese vielen Erfahrungen, um das Wesen unseres Lebens ein wenig verstehen zu können. Mir jedenfalls, bei all meinen Besuchen des Montserrat, gibt der Ort Ruhe, Ausgleich, Sicherheit und Kraft. Montserrat ist für mich so etwas wie Heimat geworden. Heimat in der Fremde.

Dem irischen Künstler Sean Scully geht es anscheinend ähnlich. Seit den 90-er Jahren besucht er den Berg und ist fasziniert von seinem Geheimnis, und hat neben seinen Ateliers in New York und Bayern nun auch eines in Barcelona. Aus Dankbarkeit dafür, dass seinem Sohn Oisin von den Mönchen das Sakrament der Taufe gespendet wurde, stiftete er dem Kloster ein eigenes Gemälde. Es ist eines seiner berühmten großformatigen, monochromen Bilder, die innere Ruhe und gleichzeitig feurige Lebendigkeit ausstrahlen. Im Frühjahr dieses Jahres ließ Abt Josep M. Soler das romanische Kirchlein Santa Cecilia (10. Jahrhundert), drei Kilometer vor dem Kloster, renovieren. Sean Scully durfte es mit seiner Kunst ausstatten. Es entstand ein ganz besonderer, spiritueller Ort. Ein Ort, der für mich das Wesen des Montserrat noch einmal wie in einem Kern zusammenfasst: Mitte und Kraft.

Von Mauern, Freiheit und Unabhängigkeit

oder: Was hatten Berlin und Barcelona am 9. November gemeinsam?

Die Menschen lassen sich nicht aufhalten. Sie lassen sich ihr Recht auf Meinungsäußerung nicht verbieten. Seit mehr als zwei Jahren wird der Ruf nach einer politischen Unabhängigkeit Kataloniens immer lauter und massiver. Millionen von Menschen haben sich jeweils am 11. September der vergangenen Jahre in Barcelona eingefunden, um friedlich für einen unabhängigen Staat Katalonien zu demonstrieren. Am 9. November 2014 wollten nun die Katalanen mit einem Referendum im Stil der schottischen Volksabstimmung über Abhängigkeit oder Unabhängigkeit von Spanien entscheiden. Das spanische Verfassungsgericht hat ihnen aber einen Strich durch die Rechnung gemacht. Eine Volksabstimmung kann und darf nur mit der Genehmigung der spanischen Zentralregierung durchgeführt werden. Wer sich dem widersetzt, handelt verfassungswidrig.

Je mehr die konservative Regierung Rajoys in Madrid die Bestrebungen im rebellischen Katalonien bombardierte, desto stärker wurden dort die Forderungen. Um die Unabhängigkeitswilligen aber nicht in Konflikt mit dem Verfassungsschutz zu bringen, deklarierte man die Volksabstimmung kurzerhand zu einer „Meinungsumfrage“. Und nichts konnte die Katalanen mehr aufhalten. Trotz ungemütlichen Wetters in der sonst von Sonne verwöhnten Region machten sich am gestrigen Sonntag deutlich mehr als zwei Millionen von den knapp 5,5 Millionen Wahlberechtigten auf, um ihre Stimme abzugeben. Dabei nahm man zum Teil auch ein sehr langes Anstehen in unendlichen Schlangen in Kauf. Manche sind auch extra aus dem Ausland in ihre Heimat angereist, wie der katalanische Bayern-Trainer Pep Guardiola.

Und das Ergebnis war keine große Überraschung: Über 80 Prozent votierten dafür, dass Katalonien einen eigenen Staat bilden und sich von Spanien abspalten sollte. Ein „Traumergebnis“ resultieren die Organisatoren der Meinungsumfrage. „Völlig wertlos“ beurteilt dagegen Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy die Abstimmung. „Solange ich Regierungschef bin, wird die Verfassung eingehalten“, fügt er hinzu. „Niemand wird die Einheit Spaniens zerbrechen.“

„Wir sind das Volk“ konnte man auf Katalanisch und Deutsch auf manchen Plakaten der  Demonstranten und Wähler in Barcelona lesen. Am 25. Jahrestag des Berliner Mauerfalls erinnerte  sich das kleine Volk im Nordosten Spaniens an die Macht des Volkes in der ehemaligen DDR. Der Wille nach Freiheit und Recht auf Selbstbestimmung brachte schließlich eine der schlimmsten Mauern der Menschheitsgeschichte zum Einstürzen. Etwas, was fast niemand mehr für möglich gehalten hatte. Diese Erfahrung des deutsch-deutschen Volkes schenkt dem katalanischen Volk Hoffnung, dass auch ihr Wille nach Eigenbestimmung nicht weiter ignoriert wird.

In Berlin feierte man am 9. November den Mauerfall vor 25 Jahren mit einem riesigen Volksfest. Ob es in Katalonien jemals zu einem ähnlichen Volksfest der „Befreiung und Unabhängigkeit“ kommen wird, ist noch sehr fraglich. Dass die Regierenden aller Völker aber wachsam und respektvoll auf den Willen der Menschen hören sollen, um deren Wohl dienen zu können, das zeigt das Beispiel Katalonien. Nicht ideologische Gleichförmigkeit und Zentralismus kann das Ziel sein, sondern nur Einheit in respektvoller Vielfalt.