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Wie im Paradies – ein Besuch in Sansibar

In meinen Ferien, die vier Wochen gedauert haben, hatte ich die Möglichkeit, zusammen mit den anderen acht Ostafrika-Freiwilligen aus meiner Gruppe nach Sansibar zu fahren. Es war wirklich toll, einen ganz anderen Flecken von Tansania kennenzulernen, wenn auch nur für wenige Tage.

Sansibar, eine Insel im Indischen Ozean, rund zwei Stunden Bootsfahrt vom Festland Tansanias entfernt, hatte eine sehr lebendige Geschichte und ist vor allem für den intensiven und brutalen Sklavenhandel berüchtigt (im 19. Jahrhundert war Sansibar der weltgrößter Sklavenmarkt). 1964 wurde es zusammen mit Tanganyika zu Tansania vereinigt. Seitdem ist es halb autonom und hat seinen eigenen Präsidenten behalten. Die Hauptstadt ist Stone Town, die sich an der Westküste der Insel befindet. Durch den intensiven Handel mit Indien und den großen arabischen Einfluss hat die Insel, besonders aber Stone Town, heute noch ein ganz spezielles flair und wird oft mit den Worten „exotisch“ oder „mystisch“ beschrieben. In der Tat sieht die Stadt ganz anders aus, als jede andere, die ich bisher gesehen habe. Das liegt hauptsächlich an den vielen engen und verwinkelten Gassen, die durch die Hochhäuser rundherum geradezu düster und geheimnisvoll wirken. Dazu das alte Gestein, die verwaschenen Wände und die Verzierungen, die von einem ganz anderen kulturellen Einfluss zu erzählen wissen. Im krassen Gegensatz dazu stehen die vielen Souvenirläden und Marktstände, mit all ihren Stoffen, Schnitzereien und Malereien, die in allen Farben leuchten, ebenso wie die offenen und herzlichen Menschen, die mit jedem ein Gespräch anfangen, egal ob man sich in einer Sprache verständigen kann oder nicht. Besonders bekannt ist die Stadt für ihre Haustüren, die entweder ganz wunderbare Holzschnitzereien haben oder mehrere Reihen von Messingknäufen. Biegt man in eine der Nebenstraßen ein, kommt man an ruhigen kleinen Restaurants vorbei und nicht allzu selten sieht man auch eine Gruppe von jungen bis alten Menschen, die vor ihrem Haus zusammensitzen und Brettspiele spielen.

Aber Sansibar besteht nicht nur aus seiner Hauptstadt, sondern hat noch weitere schöne Ecken. Wenn man ein bisschen ins Landesinnere fahren möchte, ist es am spannendsten das Dalla Dalla zu benutzen. Das ist eines der öffentlichen Verkehrsmittel vor Ort, das wie ein Kleinbus ist, der hinten allerdings anstatt der Wände Holzleisten hat und ein schön verziertes Holzdach. Die Bänke sind seitlich angebracht und wer keinen Sitzplatz mehr bekommt, der kniet sich eben in den Mittelgang.  Au der Fahrt sieht man vor allem eins: Palmen. Die Insel ist übersäht mit ihnen und sie machen das Urlaubsfeeling perfekt. Da vergisst man auch glatt die Hitze, die durch die hohe Luftfeuchtigkeit nicht gerade gemildert wird.

Wendet man sich dann weiter nördlich und fährt bis an die Spitze der Insel, erwarten einen die traumhaftesten Strände. Weißer Sand und türkisfarbenes Meer, es ist unglaublich. Im Meer die Dhows, die lokalen Fischerboote, die sanft vor dem tiefroten Sonnenuntergang schwanken. Man kann „Sunset“-Bootstouren buchen, einen Tagestrip zum Schnorcheln über den Korallen veranstalten oder einen Ausflug zu den Affen im Nationalpark machen. Kurz gesagt, es ist wie ein Paradies.

Was man dabei aber nicht vergessen sollte ist, dass dieser „exotische Ort“ auch ein Zuhause von vielen Menschen ist und ebenso ein Arbeitsplatz. Es gibt viele,  die tagtäglich härteste Arbeit leisten, für die das nicht ein romantisch altmodisch aussehendes Boot ist, sondern die finanzielle Absicherung. Und es gibt genauso viele, die dennoch nicht genügend Geld nach Hause bringen können, um die Großfamilie zu ernähren und den Kindern eine gute Bildung zu ermöglichen.

 

Auch wenn der Tourismus in vielerlei Hinsicht eine sehr gute Sache ist, Arbeitsplätze für die Einwohner bietet und Kunden für das kleine Geschäft bringt, muss man doch bedenken, was für negative Auswirkungen ein „falscher Tourismus“ haben kann.

Dazu gehören zu niedrige Löhne, zu wenig Investition in lokale Hotels und Restaurants und stattdessen „all inclusive“ Hotels, die den Touristen gerade mal 20 Meter zum Meer herauslocken und oft einen hohen Grad an Umweltverschmutzung und Wasserverbrauch haben. Ganz viel kommt aber auch von den Touristen selbst. Müll, der liegen gelassen wird, und vor allem das Problem der Kleidung. In einem überwiegend muslimisch geprägten Land, sollte man sich an die Normen halten und nicht in kurzen Tops und Shorts herumlaufen, sondern die Schultern und Knie bedeckt halten – zumindest sobald man sich vom Strand entfernt.

Natürlich heißt das jetzt nicht, dass man zu Hause bleiben muss und nicht nach Sansibar reisen soll, dazu ist dieser Flecken Erde einfach viel zu schön. Aber es soll eine Ermutigung und Aufforderung sein, sich mehr Gedanken zu machen und seinen Beitrag zum „positiven Tourismus“ zu leisten. Dazu kann man sich zum Beispiel über nachhaltige Reiseveranstalter informieren, die versuchen, möglichst viel Arbeit an die Einheimischen weiterzugeben und somit das Geld vor Ort zu lassen und nicht nach Europa und Amerika auszuschiffen. Ebenso wie sich bei den Hotels über faire Löhne und Umweltschutz zu informieren, da das für viele bereits ein Leitmotto geworden ist. Außerdem kann man vor Ort auch durch die Gassen der einheimischen Shops schlendern, anstatt nur durch das Touristenviertel. Auch die Restaurants tischen gutes und vor allem günstigeres Essen auf und bieten gleichzeitig noch den „echten“ Flair der Insel mit landestypischen Mahlzeiten wie Ugali na samaki (Maisbrei mit Fisch), Chapati kuku (Hühnchen mit Fladenbrot) oder Wali na nyama (Reis mit Fleisch).

Lernt man dann noch die wichtigsten Begrüßungsfloskeln wie „Habari yako“, was mit „nzuri“ beantwortet wird und so viel bedeutet wie „Wie sind die Neuigkeiten“ –  „Gut“,  und „Shikamoo“, was als respektvolle Begrüßung für ältere Menschen gilt und mit „Marahaba“ beantwortet wird, dann hat man schon einen Platz im Herzen der Einheimischen sicher und kann auf deren Gastfreundlichkeit und Offenheit zählen.

Ein aktuelles Problem für den Tourismus auf Sansibar sind die religiösen Spannungen zwischen dem Islam und dem Christentum. Zwischen 95% und 99% der Inselbewohner sind Muslime, und dementsprechend gibt es nur sehr wenige Christen. Angesichts der zunehmenden Konflikten (unter anderem wurde ein Priester ermordet, Schwestern geschlagen und es kurzieren Gerüchte, dass radikale Muslime vom Festland auf die Insel kommen, um das Christentum endgültig zu vertreiben), sind immer mehr Christen von der Insel geflohen. Das hat zur Folge, dass auch unsere Schwestern, die auf der Insel eingesetzt sind, immer ein offenes Ohr und Auge haben müssen, um nicht in Gefahr zu kommen. Deswegen wird in der ganzen Kongregation immer für die Schwestern in Sansibar (auch für die in Kenia und im Sudan) gebetet, die dort einer größeren Herausforderung und Gefahr gegenüberstehen, als diejenige, die in ihrem Land keine religiöse Minderheit darstellen.

Auch wenn die Situation für Priester und Schwestern definitiv kritisch bis gefährlich ist, muss man sich als Tourist jedoch keine Sorgen machen und kann sich frei und ohne Angst auf der Insel bewegen. Auch wir haben während unsere Zeit keinerlei Feindlichkeiten erlebt, sondern sind wirklich immer offen und herzlich behandelt worden. Diese Insel ist definitiv eine Reise wert.

Als wir die Fähre früh morgens wieder zurück nach Dar Es Salaam genommen haben und Stone Town uns in der Morgenröte verabschiedet hat, hat keiner von uns auch nur eine Minute des Urlaubs bereut und wir werden uns noch lange an den gemeinsamen Erinnerungen erfreuen.