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Terrorismus und Weihnachten – Bethlehem contra Religionsfanatismus

Jürgen Habermas zu den Terroranschlägen in Paris: Der Dschihad benütze zwar religiöse Muster, habe aber nichts von einer Religion. Der Dschihad sei eine „absolut moderne Reaktionsweise auf Lebensumstände der Entwurzelung“ (Süddeutsche Zeitung vom 23.11.15).

Mit dem gleichen Begriff ENTWURZELUNG beschreibt die jüdische Philosophin Simone Weil (1909-1943) die geistige Situation der 20er und 30er Jahre. Simone Weil, in Paris geboren, in ihrer Jugend für die Weltrevolution kämpfend, als Arbeiterin bei Renault die Entwurzelung der Arbeiterklasse erfahrend, erkennt hellsichtig die Gefahr des Faschismus („die Deutschen, 1933 ein Volk von Entwurzelten“). 1943, mit 34 Jahren, stirbt sie im englischen Exil („ich liebe den katholischen Glauben, aber nicht die Kirche“).

Ihr letztes Werk „DIE VERWURZELUNG“ erscheint mit einem Vorwort von Albert Camus. Darin schreibt sie:
„Die Entwurzelung ist bei weitem die gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaft.
Wer entwurzelt ist, der entwurzelt.
Wer verwurzelt ist, entwurzelt nicht.
Die Verwurzelung ist vielleicht das wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele.“

Verwurzelung. Foto:  Horst Schaub/Pfarrbriefservice.de
Verwurzelung. Foto: Horst Schaub/Pfarrbriefservice.de

„O radix Jesse – O Wurzel Jesse“ –so singt die Liturgie der Kirche in der  „O-Antiphon“ zur Vesper am 19. Dezember: „O Spross aus Isais Wurzel, gesetzt zum Zeichen für die Völker – vor dir verstummen die Herrscher der Erde, dich flehen an die Völker: o komm und errette uns, erhebe dich, säume nicht länger!“

Ein Bild der unerschütterlichen Hoffnung: ein umgeschlagener Baum, seine Wurzelkraft bleibt, er treibt immer wieder neu aus! „Kommen wird der Sproß aus der Wurzel Isai“, so zitiert der Apostel Paulus (im Römerbrief 15,12) den Propheten Jesaja (11,1).

Weihnachten sagt: Verwurzelt sein in der „Wurzel Jesse“, im Kind von Bethlehem: das erfüllt das „wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele“ (S. Weil).

Durch dieses Kind von Bethlehem verwurzelt sein in Gott – das ist auch heute das Heilmittel gegen die Krankheit der Entwurzelung. Verwurzelung in Gott geschieht aber nicht in religiösen Gewaltfantasien – Bethlehem ist die Antwort auf den absurden Terror in Paris –, sondern in der Liebe.

„Als die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, erschien, hat er uns gerettet“ (so in der 2.Lesung der Christmette aus dem Titusbrief 3,4).“Es herrscht das Absurde, aber die Liebe errettet“ (Albert Camus). Im Vorwort zu „DIE VERWURZELUNG“ bestätigt Camus Simone Weils „Antiterror-Programm“: „Es scheint mir unmöglich zu sein, sich eine Wiedergeburt Europas vorzustellen, welche die von Simone Weil definierten Forderungen unberücksichtigt ließe.“