Schlagwort-Archiv: Sape

„Reine Seele trifft aufrichtigen Mann“ oder was man in fünf Tagen in Albanien alles lernen kann

Vier Lektionen habe ich kürzlich bei einer Reise mit dem bischöflichen Hilfswerk für Osteuropa, Renovabis, das in diesen Tagen sein 25 jähriges Bestehen feiert, lernen dürfen. Die Überschrift wird sich allerdings erst am Ende aufklären.

Folter politischer Gegner bis hin zu ihrer Liquidierung und das absolute Verbot der Religionen gehören zur Geschichte Albaniens. Wie jedes Land, das solch ein dunkles Kapitel geschrieben hat, tut es sich schwer mit einem würdigen Umgang mit den Opfern und deren Nachkommen. Auch die fachliche Aufarbeitung fällt nicht leicht. Gut das Justitia & Pax vor Ort den Verfall wichtiger Mahnmahle verhindert. Kein leichter Kontext für Renovabis. Aber dank der guten Projektpartner gelingt es, Versöhnung und soziale Verantwortung zu entwickeln.

Lektion 1: Gute Partner und ein vertrauensvoller Umgang sind immer wichtig.

In der kleinen Stadt Shelqet in der Diözese Sapa setzt die Kirche auf Unterstützung kleinbäuerlicher Familien und hilft bei Produktion und Vermarktung regionaler Produkte. Hier besuchte die RENOVABIS-Gruppe eine kleine Milchfarm, die mit Unterstützung des Hilfswerks traditionellen Feta-Käse produziert: (v.r.n.l.) Sabine Slawik, Stellvertretende Vorsitzende des KDFB Bayern und im KDFB Bundesverband, Shkelzen Marku, Produktionsmanager der Diözese, Gerhard Rott, Weltkirche-Referent der Diözese Eichstätt, Käseproduzentin Adelina, Tome Preku, Leiter der Stiftung „Partnerschaft für Entwicklung“ und Bischof Simon Kulli der Diözese Sapa. Foto: Dagmar Kusche-Luff

Renovabis fördert und begleitet fachlich ein Projekt zur Entwicklung des ländlichen Raums in der Diözese Sape. Für viele jüngere Menschen gibt es praktisch keine echte Perspektive. Darum verlassen sie – oft mit schwerem Herzen – ihre Heimat. Die kargen Böden, ein ungünstiges Klima und Landparzellen, die zu klein geschnitten wurden nach dem Ende des Kommunismus, sind zum Leben zu wenig. In Zusammenarbeit mit albanischen Fachleuten hat der junge Bischof von Sape, Simon Kulli, ein tolles Projekt auf die Beine gestellt. Es umfasst Gemüseanbau, Imkerei, sanften Tourismus, Weinproduktion und Viehwirtschaft samt Käseproduktion. Viele Menschen stehen so auf eigenen Beinen, sie haben wieder „den Geruch von Menschen“, so hat es ein Imker selbst beschrieben, als er voller Stolz seinen Honig anbot, der ihm wieder ein würdiges Leben ermöglicht. Toll gemacht Renovabis! Vergleichbares passiert auch in vielen geförderten Berufsbildungszentren, zum Beispiel in Shkodra bei den Salesianern Don Boscos oder in Lehza bei den Ordensmännern der Kongregation der Rogationisten.

Lektion 2: Wenn sich der Staat seiner Verantwortung nicht stellt, ist die Kirche mit Rat und Tat an der Seite der Armen und begreift die Ressourcen, die vor Ort gegeben sind, als wichtigen Bestandteil zur Lösungen de Herausforderungen.

Schwester Christine und Schwester Michaela gehören dem Orden der Spirituellen Weggemeinschaft an. Ihr Kloster ist nach der Mutter der Barmherzigkeit benannt und es wird bei aller Professionalität der 25 Mitarbeitenden auch in diesem Geiste geführt. Es vergehen keine 15 Minuten, ohne dass Schwester Christine nicht ihre Ausführungen unterbrechen muss, weil ein Notfall oder ein dringender Anruf ihre volle Aufmerksamkeit einfordern.

Fröhliches Miteinander der RENOVABIs-Gruppe mit den Schwestern Christina (6.v.l.) und Michaela (lks.)  im kleinen Kloster und Sozialzentrum in Dobrac bei Shkodra/Albanien: Zusammen mit einer aufgeweckten Jugendgruppe, die die Schwestern wöchentlich leiten, erfuhr die Gruppe von den Hoffnungen und Träumen der jungen Menschen, die die Gäste aus Bayern mit einem traditionellen albanischen Abend mit Essen, Tanz und Musik überraschten. Foto: Dagmar Kusche-Luff

Da das albanische Gesundheitssystem nur funktioniert, wenn man über genügend Geld verfügt, um die Privatbehandlung zu bezahlen, kommen viel Nachbarn in Not hierher. Es sind Muslime und Christen, die in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft aus den Bergen an den Stadtrand gezogen sind. Dort mussten die Männer als Hirten und Bauern Verantwortung tragen, hier aber „versiffen“ sie. So deutliche Worte wählt Schwester Christine immer, wenn sie über die Folgen von Alkoholismus, Arbeitslosigkeit und Depression spricht. Die Schwestern heilen aber nicht nur Wunden, sie packen mit an und schaffen Perspektiven. Unter ihrer Anleitung bauen die Männer eine Straße, Mülltonnen wurden flächendeckend aufgestellt und regelmäßig erfolgt die Entsorgung. Soweit ein ganz normales Projekt engagierter Schwestern. Aber als Schwester Christine und Schwester Michaele mit uns in kleinen Gruppen zu sehr armen Familien fahren, die z.T. in der sogenannten Blutrache leben und wir uns bemühen, diesen sehr eigenartigen Lebenskompass zu begreifen, fehlen mir die Bezugspunkte. Das bleibt mir fremd und unverständlich.

Besuch im Berufsschulzentrum „Shkolla e mesme profesionale – Shen Jozefi Punetor“ in Rreshen, Diözese Sapa: Hier unterstützt das Bistum Sapa und RENOVABIS eine von einem italienischen Orden begründete Berufsschule für rund 320 Schüler, die in den Bereichen Spenglerei, Elektrotechnik, Automechanik sowie bald auch im Gastronomiesektor ausgebildet werden. Foto: Dagmar Kusche-Luff

Lektion 3: Man kann nur lernen, was man lernen kann. Manches kapiert man nicht so einfach.

Das Zusammenleben von Christen – vorwiegend Katholiken – und Muslimen ist in Albanien auf den ersten Blick sehr unproblematisch. Sicher liegt das auch daran, dass beide Konfessionen während des Kommunismus Seite an Seite schwer gelitten haben. „Es spielt keine Rolle, wer der richtige Gott ist, es gibt einen Gott und das zählt“, sagt eine Gesprächspartnerin. Vermutlich trägt auch die liberale, moderne Auslegung des Islam viel dazu bei.  Auch religionsverbindende Eheschließungen sind eine Realität. Auf unsere Nachfrage lädt man uns ein, mitzukommen und anzuschauen, wie das geht. Da könnten wir vielleicht etwas lernen. Am wichtigsten ist aber der Respekt, den man sich gegenseitig entgegen bringt. Bestes Beispiel ist diese Anekdote: Als ein muslimischer Gelehrter zu seinem gerade verstorbenen Onkel kommt, sieht er zu der christlichen Ordensschwester, die den Mann in den Tod begleitet und dabei im Arm gehalten hat, als er noch nicht da war und sagt zu ihr: „Du hast eine reine Seele“, worauf diese erwidert: „Und du bist ein aufrichtiger Mann.“

Lektion 4: Albanien als Mitglied der Europäischen Union hat uns etwas zu bieten: eine Perspektive der friedlichen, konstruktiven Kooperation mit dem Islam. Das könnte mehr wert sein als ein paar Prozente in der Handelsbilanz.