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Quo vadis, Catalunya? Quo vadis, España?

Vor meinem Balkon ziehen Hunderte Demonstranten vorbei. „Demokratie“, „Freiheit für Katalonien“ steht auf ihren Bannern und rufen sie dem über ihnen kreisenden Polizeihubschrauber entgegen. Die Menschenmassen ziehen auf mehreren Straßen in Richtung Plaça Universitat (300 Meter von meiner Wohnung entfernt), wo sich inzwischen Tausende eingefunden haben müssen.

Wo führt das hin? In ganz Katalonien wurde Generalstreik ausgerufen. Letzte Woche, noch vor dem Referendum, wurde er schon angekündigt. Er sollte sich vor allem gegen die zentralistische Regierung Spaniens wenden und dem Verlangen der Katalanen nach mehr autonomer Selbstverwaltung Nachdruck verleihen. Gestern Abend aber, einen Tag nach dem verheerenden, gewalttätigen Vorgehen der Nationalpolizei gegen Wähler (es gab an die 900 Verletzte), hieß es in den Meldungen immer öfter, der Streik soll nun eine Kundgebung gegen die Gewaltausschreitungen sein. Immer mehr Institutionen haben die Gewalt im Zusammenhang mit dem Referendum der Katalanen am Sonntag öffentlich verurteilt. Auch kirchliche Institutionen, mehrere Bischöfe Kataloniens, sowie die Äbte der beiden bedeutendsten katalanischen Klöster Montserrat und Poblet.

Madrid hat den Bogen überspannt. Natürlich stand das Referendum auf nicht-legalem Boden. Das spanische Verfassungsgericht hat es mit mehreren Urteilen verboten. Aber kann man einem inzwischen derart starken Interesse des größten Teils der katalanischen Bevölkerung nur mit brutaler Gewalt begegnen? Hat man in dem Konflikt zwischen Katalonien und Spanien inzwischen jeden gesunden Menschenverstand und Dialogbereitschaft verloren? Gesellschaftliches Leben funktioniert doch nur im Dialog, im Diskutieren, aufeinander Hören und sich miteinander Auseinandersetzen. Gäbe uns die Demokratie nicht eine Menge Werkzeug in die Hand, miteinander einen gerechten Staat und eine gerechte Gesellschaft zu schaffen?

Wir Mitglieder der beiden deutschsprachigen Kirchengemeinden in Barcelona konnten in den letzten Tagen schöne, aufbauende und bereichernde Tage erleben – nicht nur wir Deutschen in Barcelona unter uns, sondern auch mit den Katalanen und Spaniern vor Ort, und mit Gästen aus dem Ausland. Am Freitag kam die Blaskapelle „EI g’spuit“ der Musikschule Eichstätt nach Barcelona gereist. 37 Musikerinnen und Musiker, Trachtlerinnen und Trachtler. Genau vor einem Jahr traten sie schon beim traditionellen Oktoberfest der deutschen Gemeinde auf. Es war ein voller Erfolg. Der Besuch demonstrierte, wie bereichernd es sein kann, wenn verschiedene Kulturen sich begegnen. Das hat sich in Barcelona rumgesprochen. Valldoreix, eine Vorstadtgemeinde von Barcelona, hat deshalb die Blaskapelle zu ihrem traditionellen Straßenfest am Samstag auch eingeladen. Und am Sonntag war dann wieder das ökumenische Oktoberfest in der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde. Das Fest begann mit einem ökumenischen Gottesdienst zum Erntedankfest, das von der Blaskapelle und dem gemeindeübergreifenden Kirchenchor gestaltet wurde. Danach gab es im herrlichen Gemeindegarten Weißwürste, Schweinsbraten, Kartoffelsalat, genauso wie katalanische Butifarra und spanische Tortilla. Trotz anfänglichem Regen war der Garten voll mit Gemeindemitgliedern, Freunden und Gästen.

Blaskapelle „EI g spuit“ in barcelona. Foto: Ottmar Breitenhuber

Das Tor der Gemeinde stand weit offen. So konnten wir auch sehen, was sich vor der Kirchenmauer abspielte: Gegenüber der evangelischen Gemeinde ist ein Stadtteiltreff, das von 9 bis 20 Uhr als Wahllokal für das „verbotene“ Referendum diente. Hunderte von Menschen hielten sich den ganzen Tag vor dem Wahllokal auf. Sie verteidigten das Lokal vor möglichen Einschreiten der Guardia Civil oder der Policía Nacional. Diese dachten – in unserem Fall – aber Gott sei Dank nicht daran. Nur zwei bis drei Polizisten schoben vor der Menschenmenge Dienst. Sie beobachteten in aller Ruhe das Geschehen und unterhielten sich mit Passanten. Es war den ganzen Tag völlig friedlich. Helfer von der Gemeinde brachten den Polizisten Kaffee und Kuchen. Katalanische Wähler und Bürger kamen auf unser Fest und erfreuten sich an den deutschen und bayerischen Köstlichkeiten.

Wir durften am Sonntag einen Tag der Begegnung und der Freude erleben. Natürlich war die „causa catalana“ Thema Nummer Eins. Und auch unter den Deutschsprachigen gehen die Meinungen sehr stark auseinander. Gegensätzliche Positionen werden heiß miteinander diskutiert. Auch unter den „Deutschen“ verlaufen die Gespräche oft mehr auf der emotionalen als auf der rationalen Ebene. Aber es wird diskutiert, engagiert und mit Leidenschaft. Auch mit den Katalanen und Spaniern auf der Straße. Und das ist gut, finde ich. Nur so kommen wir zusammen, lernen uns gegenseitig kennen und vielleicht auch verstehen. Nur so können wir vielleicht einen möglichen, einen für alle gerechten Weg in die Zukunft finden. Bleibt nur zu hoffen, dass endlich auch die spanische Nationalregierung und die katalanische Autonomieregierung anfangen wirklich miteinander zu sprechen und zu verhandeln. Dass es endlich wieder um die Menschen und das Allgemeinwohl geht, und nicht allein um Macht und Autorität. Was ich diese Tage in Barcelona erlebe, macht mir Sorgen. Es könnte sehr schlimm ausgehen. Es macht mir aber auch Hoffnung. Ich vertraue auf die Vernunft der Menschen. Es könnte etwas großartiges Neues entstehen. Und ich bete darum.