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Corona-Hilfsaktion der Diözese Poona

Mit 7,1 Millionen Einwohnern ist die Stadt Pune (Poona) im westindischen Bundesstaat Maharashtra dicht besiedelt. Viele der Bewohner sind Wanderarbeiter und Tagelöhner. Die Ausgangssperre wegen des Coronavirus und die Abriegelung von großen Teilen der Stadt mit vielen Infizierten haben die armen Menschen noch schlimmer getroffen, da sie ihre Einkommensquelle vollständig verloren haben. Wegen der Ausgangssperre können sie nicht in ihre Dörfer zurückkehren. Tausende gehen hungrig zu Bett und haben nichts zum Überleben.

Tagelöhner, die aus ärmeren Bundesstaaten Indiens wie Uttar Pradesh, Madhya Pradesh, Bihar, Jharkhand, Chhattisgarh, North-East usw. kommen, haben keine Arbeit, kein Geld, kein Essen, keine Familie oder Verwandte. Es sind hauptsächlich Männer, die in dem erbärmlichen Zustand leben müssen, sich mit 10 bis 12 Menschen ein kleines Zimmer oder eine Hütte zu teilen.

Auf der anderen Seite leben ärmere und ungebildete Frauen in Slums, die hauptsächlich in den nahe gelegenen Wohnungen arbeiten, Hausarbeiten erledigen, Gefäße waschen, fegen, Häuser putzen. Wegen der Bedrohung durch dieses tödliche Virus möchten keine Wohnungseigentümer, dass diese Frauen ihre Häuser betreten. Somit sind sie arbeitslos und ohne Einkommen.

Die Diözese Poona setzte sich zunächst für die katholischen Gemeindemitglieder ein, indem sie die armen Familien mit Nahrungsmitteln versorgte, die für etwas 8 bis 10 Tage ausreichen. Aber dann stellten wir fest, dass da tausende Menschen anderer Glaubensrichtungen um uns herum sind, die ebenfalls damit zu kämpfen haben, eine anständige Mahlzeit am Tag zu bekommen. Deshalb versorgten wir in den vergangenen 22 Tagen arme Familien mit Getreidepaketen in verschiedenen Teilen der Stadt Pune.

Das gesamte Projekt der Corona-Hilfsaktion der Diözese wird mit dem Büro des Distrikts Pune Tahsildar und den örtlichen Polizeistationen koordiniert. Unter Einhaltung des Gesetzes zum Mindestabstand verteilen wir Lebensmittelpakete systematisch und diszipliniert. Entweder informiert uns die Polizei über den Bedarf an Getreide in den umliegenden Slums oder wir bitten die Polizei anwesend zu sein, um uns zu helfen, die Pakete friedlich zu verteilen.

Das gesamte Projekt der Corona-Hilfsaktion der Diözese wird mit dem Büro des Distrikts Pune Tahsildar und den örtlichen Polizeistationen koordiniert. Unter Einhaltung des Gesetzes zum Mindestabstand verteilen wir Lebensmittelpakete systematisch und diszipliniert. Entweder informiert uns die Polizei über den Bedarf an Getreide in den umliegenden Slums oder wir bitten die Polizei anwesend zu sein, um uns zu helfen, die Pakete friedlich zu verteilen. Zunächst erstellen wir eine Liste von Familien, die kein Essen zuhause haben. Wir fahren mit einem kleinen Lastwagen mit Lebensmittelpaketen in den Slum und bitten einen Vertreter jeder Familie, das Paket abzuholen oder wenn möglich, liefern wir es vor die Haustür ab. Leider haben wir schlechte Erfahrungen gemacht, als Familien, die kein Essen haben, in sehr großer Anzahl kamen und mit Nachdruck Getreide verlangten, was zu Chaos und Bestürzung führt.

Bischof Thomas Dabre und Fr. Dr. V. Louis, der Direktor für Sozialarbeit der Diözese, haben diese Hilfsarbeit aufgrund der Corona-Situation, die mehr als 2000 armen Familien in der Stadt Pune geholfen hat, sehr unterstützt. Jeder Pfarrer hat aktiv die Initiative ergriffen, um seinen armen Gemeindemitglieder zu helfen. Die Ursulinenschwestern, Fatima-Schwestern und viele andere Ordensfrauen haben in vielerlei Hinsicht geholfen. Viele Organisationen der Sozialarbeit wie die Poona Diocesan Social Service Society, Chetna und Maher sind an der Versorgung der Hungrigen mit Nahrungsmitteln beteiligt. Fr. Roque Green arbeitet mit einer hinduistischen Organisation zusammen, um Menschen in Not zu erreichen.

Generalvikar Malcom Sequeira verteilt Lebensmitteln in einem Slum in Poona. Foto: Mainly Jackson

Ich verteile jeden Tag Getreidepakete an Familien in verschiedenen Slums von Pune. Ich versuche, täglich etwa 100 bis 130 Familien zu erreichen. Ich weiß, dass es ein großes Risiko ist, in Gebiete zu gehen, in denen es bestätigte Fälle von Coronavirus gibt, aber Gott führt mich ohne Angst. Obwohl ich alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen treffe, Maske und Handschuhe trage und Desinfektionsmittel verwende, bin ich oft mitten in der Menge, da Menschen, die hungrig sind, sich am wenigsten um Abstand kümmern. Jeden Tag mit Menschen konfrontiert zu sein, denen Hunger, Leiden und Sorgen im Gesicht abzulesen sind, ist eine sehr schmerzvolle und verstörende Erfahrung meines priesterlichen Dienstes, die mich ständig verfolgt. Was ist der wahre Sinn des menschlichen Lebens, was ist der Wert des Menschen? Wie schrecklich ist die Gefahr des Todes? Wie kann man Gott in dieser verängstigenden Situation des Coronavirus präsent und greifbar machen? Das sind einige der Fragen, die ich mir stelle und die mich zu tieferem Vertrauen und einer größeren Beziehung zu Gott bringen.

Wir sind Bischof Gregor Maria Hanke und seinem Generalvikar sowie allen Wohltätern aus der Diözese Eichstätt wirklich dankbar, die uns bei unserer Mission geholfen haben, viele arme und hungrige Menschen in Pune zu helfen. Dr. Gerhard Rott ist wie ein Engel, der uns immer zu Hilfe kommt. Wir machen mit der Aufgabe weiter, die etwa 2500 im Herzen der Stadt lebenden SexarbeiterInnen (Prostituierten) zu erreichen, die dringend Lebensmittel benötigen. Der von der Diözese Eichstätt gesendete Betrag von 10.000 Euro wird uns bei dieser Aufgabe ungemein helfen.

Lasst uns gemeinsam kämpfen, um diese schwere Pandemie des Coronavirus einzudämmen und zu beseitigen.

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Partnerschaft der Diözese Eichstätt mit dem indischen Bistum Poona

„Alltag“ in Poona?

Mein elfter Aufenthalt in Poona. Man könnte befürchten, es kommt Routine auf. Aber nein, schon alleine die Anreise war wieder mal neu. Wegen Problemen der Fluggesellschaft habe ich über sechs Stunden in Delhi am Flughafen verbracht. Und bei Regen in Poona angekommen. Der Monsun scheint heuer zeitig dran zu sein. Doch gute Freunde sind da und holen mich bei starkem Regen am Flughafen in Poona mit Regenschirm ab. Mit mir ist Manuela Lüger unterwegs, für sie ist es der erste Aufenthalt in Indien.

Und das ist der Kick für mich, einem Greenhorn das Land zu zeigen, Freunden vorzustellen, mit Partnern ins Gespräch zu bringen, das Land zu erklären.

Und wie fängt man das an. Essen, Straßenverkehr, der Eimer in der Dusche, so vieles ist Neuland. Die ganze Art der Organisation des Zusammenlebens lässt sich nicht vergleichen.

Es macht mir Freude zu sehen, mit welcher Offenheit junge Menschen aus Deutschland einer fremden Kultur begegnen. Diese Grundhaltung zeichnet meine neue Kollegin aus, darum wird sie genau die richtige sein, um im nächsten Jahr eine Gruppe Jugendlicher aus dem Bistum Eichstätt auf ihren freiwilligen Aufenthalt in sozialen Projekten im Bistum Poona vorzubereiten.

Und ja, als Absolventin des Studienschwerpunktes Internationale/Interkulturelle Soziale Arbeit an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt ist sie fachlich sehr gut vorbereitet. Nicht zuletzt in Sachen Nachhaltigkeit, der päpstlichen Enzyklika Laudato Si und Sustainable Development Goals bringt sie viele Kompetenzen mit.

Aber der Reihe nach: Das scharfe Essen ist eine echte Herausforderung, aber innerhalb von ein paar Tagen kann man sich zumindest etwas daran gewöhnen. Und wer kann schon sagen, dass er die Küche eines indischen Lokals schon mal besichtigen durfte. Ein Tandoori-Ofen ist jetzt also kein Unbekannter mehr. Die erste frische Mango im ehemaligen AIDS Hospiz Ashakiran ist der Knackpunkt. Ab sofort freut sich die Kollegin auf jedes Essen.

Der Straßenverkehr bleibt eine Herausforderung. Selbst wenn es mir gelingt, kurz vor dem Rückflug noch einen Ritt auf einem Kamel zu organisieren, ich befürchte, in diesem Land werde selbst ich mich nie freiwillig hinter ein Steuer setzen.

Das schönste aber waren die langen und intensiven Gespräche mit alten Freunden und Bekannten, deren detailliertes Wissen selbst für mich nach all den Jahren noch immer erkenntnisreich ist. Bischof Thomas Dabre hat sich gleich zweimal Zeit genommen für uns, er hat Father V. Louis gebeten, uns viele Türen zu öffnen. Auch gute Bekannte aus dem Jahr 2005 – damals waren sie noch Jugendliche, heute sind sie gestandene Erwachsene mit einem guten Job, Familie und Kindern – verbringen einen Abend mit uns. Und obwohl sie Manuela Lüger zunächst gar nicht kennen, sind sie am Ende des Abends auch ihre Freunde. Wahnsinn, du kommst irgendwo völlig fremd hin und wirst überall offen aufgenommen. Sicher kein Alleinstellungsmerkmal von Christen, aber hier hat man es hautnah erlebt, wie der Weltjugendtag von 2005 bis heute Menschen zusammen bringt. Nachhaltigkeit, die sich nicht so einfach in Statistiken messen lässt.

Praktisch genauso geht es bei den vielen Projektpartnern weiter. Wir besuchen Einrichtungen für Frauen, benachteiligte Kinder, berufliche Qualifizierungsmaßnahmen, Projekte informeller Bildung und vieles mehr. Jeden Tag drei bis vier intensive Begegnungen eine ganze Woche lang. Und alle wollen uns helfen, damit deutsche Jugendliche die Realität der Welt erfahren können.

Natürlich haben wir auch hinduistische Tempel besucht, die würdige Form der Verehrung ist dort sofort wahr zu nehmen. Um den Hinduismus zu erklären, braucht man sehr sehr lange, aber die Grundzüge werden auf dem Weg zum Parvati-Hill, ein Shivas Gattin geweihter Hügel, schnell klar.

Mir blieb nur diese eine Woche, um aus einem Greenhorn einen Indien-Fuchs zu machen – zugegeben, ein paar Dinge müssen auf die nächste Reise verschoben werden bzw. aufgefrischt werden, aber die Freunde in Indien haben mir sehr geholfen. Die Vorbereitung auf den Umgang mit anderen Weltgestaltungspräferenzen, die Toleranz gegenüber anderen Kulturen, all das ist nämlich Teil des indischen Alltags, der wirklich nie zur Routine werden kann. Ich freue mich schon auf Nummer 12.

Kleine christliche Gemeinschaften in Indien

„Ich glaube, ich falle vom Glauben ab!“ Diese Redensart ist mir in den letzten Tagen im indischen Poona, der Eichstätter Partnerdiözese, mehrfach durch den Kopf gegangen. Seit über 20 Jahren komme ich ca. alle zwei Jahre hier her und jedes Mal bin ich über das Tempo der Veränderungen erstaunt.

Leider sind es keine Veränderungen, die man sofort begrüßen würde, wie die Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen, Kindern und Dalits, oder einer saubereren Umwelt. Nein, was mich tief geschockt hat, war das Tempo der Verwestlichung. Beispiel: Es gibt in meinem indischen Lieblingslokal nun einen Biergarten, italienische Holzofenpizza und Espresso. Warum komme ich dann eigentlich noch hier her? Warum kommen 13 hochrangige pastorale Mitarbeiter und Laien hier her? Weil wir etwas lernen können, das uns Hoffnung macht und Mut gibt.

Die Gruppe aus dem Bistum Eichstätt beim Empfang an der Ornella School. Foto: Merwyn Mascarenhas

Es gibt ein Mittel, um nicht vom Glauben abzufallen: SCC

SCC, die Small Christian Communities (kleine christliche Gemeinschaften), sind hier im Bistum und auch andernorts in Indien ein Ansatz, um in den Pfarrgemeinden eine neue Art Kirche-sein zu leben.

Der pastorale Ansatz geht auf bayerische Missionare zurück, die in Afrika versucht haben, die Gemeinden zu stärken, die lange ohne den Besuch eines Priesters auskommen mussten. Kernelemente sind dabei die Bildung von überschaubaren Gemeinschaften, die Ermöglichung echter Partizipation und die Verbindung der Bibellektüre mit einer karitativ-sozialen Aktion.

Das alles kann man auf akademischem Weg studieren oder in der Praxis erfahren. Im Rahmen der seit 1955 bestehenden Verbindung von Eichstätt und Poona haben wir uns für den zweiten Weg entschieden und auf den Weg gemacht, um zu sehen und zu erfahren, wie das in der pfarrlichen Realität einer Millionenstadt geht.

Und wir waren überrascht, wie viele gute Beispiele wir in verschiedenen Pfarreien erleben durften. Sogar eine SCC für Kinder haben wir beim Bibelteilen getroffen. Allerdings ist hier nicht alles so, wie es die reine Lehre vorsah. Doch das finden wir alle gut, schließlich muss jedes Konzept auf den konkreten Kontext hin angepasst werden.

Die Eichstätter Delegation bei einer kleinen christlichen Gemeinschaft in Indien

Die bewegende Musik, Action-Songs und blumenreichen Rituale haben uns gezeigt, dass es in Indien anders zugeht als in Afrika. Und dass auch in unseren Gemeinden vielleicht die eine oder andere Neuerung, z.B. in der Kirchenmusik ausprobiert werden sollte, um jüngere Generationen anzusprechen. Mitmach-Lieder bringen nicht nur die mitgereisten Mitglieder des Domkapitels dazu, auf der Bühne den Dresscode des Tages „Smile“ zu beachten.

Vielen von uns ist ein Rollenspiel von jungen Erwachsenen in Erinnerung geblieben. Darin halfen die Mitglieder der SCC einem anderen Mitglied, einen Arbeitsplatz zu finden. Es erinnert an die ersten Christen, die sich umeinander kümmerten. Diese Zeugnisse der Gemeinschaft sind starke Zeichen in Indien und sicher auch bei uns.

Aber es sind auch ganz grundsätzliche Dinge, die zum SCC-Ansatz dazu gehören. Zum Beipiel geben die Priester viel Verantwortung aus der Hand, sie trauen den Laien viel zu, geben ihnen Gestaltungsraum. Beim Bibelteilen sind sie nicht dabei, die Treffen und sozialen Aktivitäten werden i.d.R. von den mündigen Christen vorbereitet. Partizipation meint nicht nur, mithelfen zu dürfen, sondern auch entscheiden zu können. Auch die Bedeutung von gut vorbereiteten Hausbesuchen durch Laien wurde intensiv diskutiert, weil sie ein guter Weg sein können, um mit SCC´s zu beginnen.  Das sind sicher Herausforderungen für das Selbstverständnis vieler Priester und Theologen bzw. Theologinnen, aber der hiesige Ortsbischof steht voll zu diesem lebensweltorientierten und nicht defizitorientierten Konzept.

Blick auf die Stadt Pune. Foto: Reinhard Förster

Es wird noch ein paar Tage dauern, bis wir wieder in Eichstätt sein werden und bis dahin werden auch noch andere Eindrücke auf uns einwirken. Ich denke da nur an die tollen Umwelt- und Sozialprojekte, die morgen auf dem Programm stehen, oder die Schulen und karitativen Einrichtungen, die wir bereits besucht haben und die auch nachwirken.

Aber eines ist klar, diese Reise lässt mich nicht vom Glauben abfallen, sondern sie bestärkt und inspiriert mich und meine Mitreisenden. Weil wir Hoffnung schöpfen durften, dass es Wege gibt, um das Christentum auch im 21. Jahrhundert zu leben. „We are the church.“

Und davon werden wir gerne überall berichten, wo wir eingeladen werden, oder man unser Angebot annimmt, zu kommen.

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Indien ganz anders – typisch Indien!?!

Erfahrungen am Rande einer Migrationstagung

Mittlerweile war ich elfmal in Indien, oft in der Umgebung von Poona, aber auch einmal ganz im Norden und Osten des Landes, um Projekte von Misereor kennen zu lernen. Doch Kerala ist anders, und das ist schon wieder typisch. Indien ist einfach sehr vielfältig.

Der Bundesstaat Kerala in Südindien unterscheidet sich von den anderen Teilen Indiens. Es ist ein anderes Indien. Es gibt deutlich weniger Bettler und Bedürftige, die man von der Straße aus sehen kann. Und dennoch wird hier der landesweite Aufruf zum Generalstreik konsequenter befolgt als in anderen Gegenden Indiens. Es war der weltweit größte Streik, mehr als 150 Millionen Menschen haben die Arbeit nieder gelegt, um v.a. für eine Anhebung des Mindestlohns und bessere Sozialleistungen zu streiken. Unsere Gastgeber mussten das Programm umstellen, weil wir an diesem Tag das Hotel nicht verlassen sollten und sowieso alle Einrichtungen, die wir an diesem Tag besuchen wollten, geschlossen waren. So leer habe ich noch keine Straße in Indien gesehen, wie die vor unserem Quartier, eine der Hauptstraßen des Landes.

Kerala ist anders: Die westliche und arabische Kultur haben mehr Einfluss, das sieht man an der Kleidung. Viele gut gebildete Menschen aus diesem Teil Indiens gehen als Gastarbeiter in die Golf-Staaten. Dort können sie noch mehr verdienen als in der Heimat. Einen Großteil des Gehaltes überweisen sie aber zurück nach Indien, um die zurückgebliebene Familie zu finanzieren. Nach ein paar Jahren kehren dann viel zurück, um mit dem erarbeiteten Kapital ein eigenes Unternehmen zu starten. Kerala ist aber zugleich auch ein Einwanderungsland. Aus vielen ärmeren Teilen Indiens kommen Arbeitskräfte, um hier mehr Geld zu verdienen. Migration ist in Kerala in doppelter Weise real, es ist Entsende- und Aufnahmestaat zugleich. Das macht es für die Wissenschaft zu einem spannenden Forschungsobjekt. Zusammen mit dem Rajagiri College of Social Sciences (RCSS) wollen Wissenschaftler der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt hieran arbeiten. Meine Frau, Dr. Monika Pfaller-Rott, folgte einer Einladung und hielt dazu einen Vortrag über „Social Diversitiy“ während einer Tagung, an der auch Forscher aus den USA teilnahmen. Mein Beitrag bestand darin, die globale Situation von Migration darzustellen. Wenn sich diese Kooperation etabliert, gibt es neben der Beziehungen der WFI zum Rajagiri Centre for Business Studies (RCBS) eine zweite Säule der akademischen Zusammenarbeit. Diese haben echte Pionierarbeit geleistet.

Besonders beeindruckt war ich von der einwöchigen Pflichtexkursion für alle Erstsemester-Studenten, die sieben Tage in einem Dorf gut 120 km von Cochin entfernt leben und arbeiten müssen. Zu ihren Aufgaben gehört es, eine Straße anzulegen. Dazu müssen mit den Händen die Pflanzen gerodet werden, Steine klein geklopft und verlegt werden sowie am Nachmittag mit den einfachen Bauern Interviews zu deren Situation geführt werden. Abwechselnd müssen sie auch füreinander kochen. Und geschlafen wird auf einfachen Schilfmatten auf dem Boden des Schulhauses, wo dann am Vormittag die Kinder zur Schule gehen. Selbstverständlich können sich die Professoren und Professorinnen, darunter auch Priester und Ordensschwestern, nicht davon absetzen, sie sind die ganze Zeit mit dabei. So erfahren die angehenden Akademiker, was ländliche Armut wirklich heißt. Viele waren in ihrem Leben das erste Mal in der Küche, weil es selbst für indische Mittelschichtsfamilien normal ist, dass „Angestellte“ (ein echter Euphemismus, eigentlich sind es „Diener“) das Essen zubereiten. Pro Jahr schaffen die rund 100 Studenten in dieser Woche so immerhin gut zwei Kilometer neue Straße. Nebenbei entsteht so aber auch eine familiäre Verbindung an der Universität, die sich sehr positiv auf das Lernklima wirkt.

Partnerschaft Eichstätt-Poona: Globalisierung der Solidarität

Seit 1997 war ich nun zum neunten Mal in Poona, insgesamt zehn Mal in Indien. Obwohl der Besuch diesmal nur knapp eine Woche lang dauerte, war er doch besonders wichtig, denn erstmals reiste unser Bischof Gregor Maria Hanke OSB in die Partnerdiözese. Er setzt eine Tradition fort, die zum Jahreswechsel 1964/65 von Bischof Schröffer begonnen wurde und die sein Nachfolger 1997 fortsetze. Und immer war in Poona Bischof Valerian mit dabei, zwar in verschiedenen Funktionen, aber immer als Faktor der Kontinuität. Sein Nachfolger Bischof Thomas Dabre, der schon 2010 sowie 2014 nach dem Regensburger Katholikentag und zum Jubiläum des Priesterseminars jeweils für einige Tage im Bistum Eichstätt weilte, freute sich über den Gegenbesuch und setzte alles daran, seine Gäste herzlich zu empfangen.

Weitere Bilder der Indienreise

Das gemeinsam erarbeitete Programm führte die Eichstätter Delegation, zu der auch Finanzdirektor Willibald Harrer, Domkapitular Prälat Dr. Christoph Kühn und Bischofssekretär Markus Demeter gehörten, in verschiedenste Projekte. Bei zwei Empfängen in Schulen, die über das Kindermissionswerk/Die Sternsinger gefördert werden, konnte man spüren, wie wichtig Bildung den Indern ist. An der St. Ornella School soll im nächsten Jahr mit Hilfe der Sternsinger der bereits abgerissene Altbau durch ein neues Gebäude ersetzt werden. Auch die ursprünglich 1972 gebaute Eichstätt Hall, die Aula der St. Patricks High School, wurde in den letzten Jahren aus diesen Mitteln grunderneuert.

Ein Projekt für ländliche Entwicklung in der rund vier Autostunden südlich von Poona gelegenen Region Satara, das von dem von Father V. Louis geleiteten PDSSS durchgeführt und von Misereor finanziert wird, soll die Lebensbedingungen auf dem Land verbessern und so Landflucht und Migration verhindern.

In Snehalaya, einem Heim für behinderte Kinder, das vor mehreren Jahren bereits von den Sternsinger auf einem Grundstück des Bistums Poona gebaut wurde, gibt es Lebensfreude pur zu spüren; zum Teil im Rollstuhl sitzend singen und tanzen die Kinder, um uns zu begrüßen. Was mich beeindruckt ist die eigenständige konzeptionelle Weiterentwicklung des Hauses, nachdem die ursprüngliche Zielgruppe, nämlich Kinder mit Kinderlähmung, aufgrund besserer staatlicher Programme, nicht mehr derart massiv anzutreffen ist. Die aus Spalt stammende Martina Greil hat ihre professionelle Hilfe dort schon mehrfach eingebracht. Auch das 2004 fertig gestellte ehemalige AIDS Hospiz Ashakiran, in dem auch schon Dr. Gerhard Gradl, ein Arzt aus Nürnberg, freiwillig mitarbeitet hat, ist gerade mit Hilfe engagierte junger Ärztinnen und Ärzte dabei, sich auf eine geänderte Bedarfslage einzustellen.

Natürlich besuchten wir auch die hervorragenden Frauenprojekte MAHER und CHETNA, die sich u.a. um die Opfer häuslicher Gewalt kümmern, berufliche Qualifikation und Kleinstkreditprogramme betreiben. Wie in allen Schulen und sozialen Projekten wird hier über die Grenzen der Religionen hinaus geholfen. Zwei Studentinnen aus Eichstätt werden ab Ende Januar dort ihr Praktikum verbringen und sicher viel lernen, bzw. erforschen können. Diese Form der Zusammenarbeit, der Austausch von Jugendlichen, Studenten und pastoralen Fachkräften (z.B. beim Aufbau kleiner christlicher Gemeinschaften), könnte sich als einen neue Säule der Partnerschaft in Zukunft noch besser etablieren. Einige Überlegungen dazu gibt es. Sicher kann auch die wissenschaftliche Kooperation ausgebaut werden.

Mein persönliches Fazit: Wenn dich alte Freunde und Bekannte, ehemalige Jugendliche bzw. Tänzerinnen, die 1995 und 2005 in Eichstätt waren, nach einem Gottesdienst ansprechen und sich über das Wiedersehen freuen, oder wenn ehemalige Mitarbeiter des Bistums Poona das Gleiche tun und man sogar zum 75sten Geburtstag eines alten Kollegen eingeladen wird, dann haben wir eines geschafft: Die Globalisierung hat ein menschliches Antlitz bekommen. Es sind dauerhafte Beziehungen durch die Dialogprogramme, Studienreisen und Begegnungen entstanden. Und immer neue Kreise werden in diese Globalisierung der Solidarität eingebunden.

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