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Lima – die Stadt der Gegensätze

Lima ist keine typisch „schöne“ Stadt –  eher laut, schmutzig, chaotisch und fast das ganze Jahr von einer Dunstglocke umhüllt. Trotzdem habe ich in dem halben Jahr, das ich nun hier lebe, viel erlebt und habe einiges über die peruanische Kultur sowie die Lebens- und Arbeitsweise gelernt und wahrscheinlich noch viel mehr über meine eigene Kultur.

Man bekommt in Lima schnell das Gefühl, dass hier eine sehr strikte Trennung zwischen Arm und Reich herrscht – auch wenn beides räumlich sehr eng beieinander liegt – und während sich in den wohlhabenden Stadtteilen Fast-Food-Kette an Fast-Food-Kette reiht und man alle 20m einem Süßigkeiten- oder Eisverkäufer begegnet, freut man sich in den Randbezirken von Lima über fließendes Wasser und die kleinen Bodegas, in denen man das Nötigste kaufen kann. Auch Bildung ist extrem abhängig vom Geldbeutel der Eltern und der Name der Universität bestimmt zu großen Teilen den späteren Berufserfolg. In einem Kurs zur Personalauswahl beispielsweise, den ich an der Uni besucht habe, wurde uns immer wieder erläutert, Absolventen welcher Privatuniversitäten man für bessere Positionen einstellen könne und welche lieber gleich auszusortieren seien.

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An der Uni, an der ich studiere, liegen die Studiengebühren – je nach Einkommen der Eltern weiter ansteigend – bei einem Mindestbeitrag von 1400 Soles (ca.370 Euro) im Monat. Die meisten Studierenden leben dafür während des Studiums noch zu Hause bei ihrer Familie und ziehen meistens erst (wenn überhaupt) zur Hochzeit oder nach Erreichen finanzieller Unabhängigkeit aus. Allgemein habe ich den Eindruck, dass Familie hier eine sehr viel größere Bedeutung hat als bei uns, oft leben mehrere Generationen unter einem Dach und wenn nicht, so besuchen sich die Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen und was noch alles so dazugehört, ziemlich oft oder treffen sich bei den Großeltern.

Viele Studierende an meiner Uni äußern sich oft eher negativ über Menschen, die in ärmeren Stadtteilen leben oder an öffentlichen Universtäten studieren und deklarieren alles mit Armut konnotierte als „gefährlich“. Tatsächlich ist Kriminalität kein unbedeutendes Problem, vor allem bewaffnete Überfälle passieren häufig. Trotzdem denke ich, man sollte es sich nicht ganz so einfach machen und alles in die gleiche Schublade stecken. Solange man sich an bestimmte Regeln hält (z.B. nicht alleine Taxi fahren, nachts einsame Straßen meiden oder seine Wertsachen nicht offen vor sich herzutragen) lernt man auch ziemlich schnell damit umzugehen.

Was man außerdem in Peru ziemlich schnell lernt ist Geduld. Egal ob im Supermarkt, bei der Bank oder im Bus  – man hat das Gefühl, alles dauert unglaublich lange. Und wenn man sich mit einem peruanischen Freund verabredet, kann es schon mal sein, dass man 2 Stunden wartet. Ist man mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, ist es allerdings auch ziemlich schwer einzuschätzen, wie lange man braucht. Für die Strecke von meinem Wohnheim zur Uni bin ich beispielsweise je nach Verkehrslage zwischen 25 Minuten und mehr als 1 ½ Stunden unterwegs. Dementsprechend gibt es auch keinen Fahrplan, sondern kleine Busse, sogenannte „Mikros“, die man an der Straße anhält und in denen immer ein Busfahrer sowie ein Fahrkartenverkäufer (der gleichzeitig die Haltestellen ausruft und die Tür öffnet, wenn jemand aussteigen möchte) mitfahren. Wenn der Bus allerdings zu voll ist um die Tür zu schließen, stört es auch niemanden mit offener Tür zu fahren, genauso wenig wie mitten auf der Straße auszusteigen. Es scheint aber, als wäre das Einhalten von Regeln und Gesetzen ohnehin nicht so wichtig, was wohl leider auch an der Unzuverlässigkeit und hohen Bestechlichkeit der Polizei liegt. Vor allem die Teilnahme am Straßenverkehr ist deshalb oft lebensgefährlich (überholt wird z.B. von beiden Seiten und eine grüne Fußgängerampel bedeutet nur, dass die Fahrer von links gerade rot haben, nicht aber, dass man keine kreuzenden Autos zu befürchten hat).

Aber trotz Chaos – oder vielleicht gerade deswegen – kommt mir das Leben hier in Lima auch wesentlich lebhafter vor als in Deutschland. Die vielen Straßenverkäufer preisen lautstark ihre Produkte an, Autos hupen, der Busfahrer fängt an die Musik aus dem Radio lautstark mitzusingen, oder die Menschen in der Bar stehen plötzlich auf und fangen an Salsa zu tanzen. So viel gefühlte Lebensfreude kann richtig ansteckend sein und einem selbst die schlechten Tage ziemlich schnell wieder aufheitern. Der manchmal vorhandene Mangel an deutscher Effizienz und Pünktlichkeit wird somit durch peruanisches Temperament und Herzlichkeit wieder ausgeglichen und macht einem dann doch gar nicht mehr so viel aus.