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Partnerschaft Kolping Eichstätt-Peru

Seit fast 30 Jahren besteht die Partnerschaft zwischen dem Kolping-Nationalverband Peru und dem Kolping-Diözesanverband Eichstätt. Vom 14. bis 29. August sind wir – eine Reisegruppe von zwölf Personen aus dem Kolping-Diözesanverband Eichstätt – zu Besuch bei den Partnern in Südamerika. Ziel der Reise ist es, die Kontakte zu unseren peruanischen Kolpingschwestern und -brüdern zu verstärken und auszubauen.

Erster Station war Cajamarca im Nordwesten des Landes. Die Stadt, einst Residenz des Inkaherrschers Atahualpa, ist für seine barocken Kirchengebäude, heißen Quellen und Inkabäder bekannt. Nach einem Stadtrundgang ging es mit dem Bus über einen 3950 Meter hohen Pass nach Bambamarca. Alle Kolpingfamilien der Umgebung waren mit Abordnungen erschienen, um uns zu begrüßen. In einem Umzug mit Musik um den Marktplatz wurden wir in das Pfarrheim geführt zu einer feierlichen Zeremonie mit Tanz- und Gesangseinlagen.


Von Bambamarca aus besuchten wir eine Kolpingfamilie in Chalapampa Bajo. Das Kolpingwerk unterstützt und begleitet wichtige Projekte in dem Dorf. Der Erlös aus den Projekten kommt in eine gemeinsame Kasse. Angefangen hat es mit dem Aufbau einer kleinen Schafzucht. Jetzt wird auch eine Cuyzucht (Meerscheinchenzucht) betrieben. Aktuell ist die  Wasserversorgung das größte Problem. Das Grundwasser ist zum Teil durch die umliegenden Minen verseucht und das Regenwasser reicht nicht aus. Mehr Wassertanks würden hier helfen. Spannend war der Besuch bei einer der Frauen zu Hause, wie sie lebt, kocht und arbeitet. Es ist schon bewundernswert, was diese Frauen alles leisten.

Weitere Besuche führten uns zu Kolpingfamilien in San Juan de Lacamaca, Miraflores und Capuli. In Machaypongo Bajo erwarteten uns die Familien vor dem Haus im Gras sitzend. Das besondere hier ist eine große Meerschweinchenzucht mit manchmal über 500 Tieren. Ein Cuy (aus dem Quechua Quwi für Meerschweinchen) lebt drei Monate und bringt rund 25 Soles Erlös. In San Antonio trafen wir uns im Rohbau einer Kirche, deren Bau von der dortigen Kolpingfamilie unterstützt wurde. Einige Mitglieder sind in politischen Gremien tätig. So begrüßte uns auch der Bürgermeister vor Ort.

Auf fast 3000 Höhenmeter leben die Mitglieder der Kolpingfamilie San Isidro Labrador, benannt nach dem Heiligen ihrer Kapelle. Die Mitglieder der noch jungen Kolpingfamilie versorgen sich weitgehend selbst mit dem Anbau von Mais und Kartoffeln und der Kleintierzucht. Das größte Problem ist auch hier die Wasserversorgung. Es gibt zwar ein Wasserreservoir, aber das gehört der Nachbargemeinde. Die Wasserverschmutzung durch den Bergbau ist hier ebenfalls ein sehr wichtiges Thema.

Über abenteuerliche Wege gelangten wir zu einer weiteren Kolpingsfamilie in der Nähe von Bambamarca. Dazu gehört eine Gruppe von taubstummen Menschen. Die Menschen dort sind von staatlichen und anderen Organisationen weitgehend allein gelassen. Umso wichtiger ist für sie die Kolpinggemeinschaft, um Unterstützung zu bekommen.

Ereignisreiche Tage in Bagua

Am Sonntag, 21. August, waren wir Gäste bei der zentralen Aufnahmefeier neuer Kolpingmitglieder in der Pfarrkirche in Bagua in der Provinz Amazonas. Pfarrer Don Magno hielt eine Katechese mit Gruppenarbeit zur Papstenzyklika „Amoris Laetitia“. Im Gottesdienst versprachen die 21 Neumitglieder, dass sie den Zielen des Kolpingwerkes verbunden bleiben wollen.

Am Nachmittag fuhren wir am Rio Maranon, einem der beiden großen Quellflüsse des Amazonas entlang, überquerten ihn mit einer abenteuerlichen Seilbahnfahrt und wanderten zu einem Wasserfall hinauf. Am Abend trafen wir uns noch im Pfarrheim mit der Kolpingfamilie Virgen de Fatima, einer Frauengruppe aus der Stadt Bagua.

Am zweiten Tag in Bagua ging es wieder hinauf auf ca. 800 Meter Höhe zur Kolpingfamilie San Isidro de Labrador. Der Vorsitzende, der auch der Bürgermeister ist, zeigte uns mit Stolz das neue Projekt: den Aufbau einer Fischzucht. Am Abend besuchten wir die Kolpingfamilie Virgen de Primavera in einem Vorort von Bagua. In diesem Armenviertel bessern vor allem die Frauen das Familieneinkommen durch Sammeln, Trennen und Verkaufen von Kompost und Wertstoffen auf. Stolz zeigten sie uns ihre aus Plastikmüll gefertigten Kleider, Taschen und Hüte. Bei einem Wettbewerb für recycelte Kleidung haben sie dafür schon einen Preis bekommen. Dank des Einsatzes der Kolpingfamilie erhielten sie auch den Preis für das sauberste Stadtviertel in Bagua. Es entwickelte sich ein sehr interessantes Gespräch über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Länder und Kolpingfamilien, was mit dem Singen der Bagua- und Bayernhymne endete.

Auf dem Programm der letzten Etappe unserer Reise stehen Besuche bei Kolpingfamilien

der Region Loreto in Nordosten Perus.

Mehr zum Thema:

  • Ausführliches Reisetagebuch mit vielen Bildern und weitere Informationen zu Kolping Peru
  • Video: Verband lebt von Verbindung – Kolping Partnerschaft mit Peru

Hoffnung für das Klima in Peru

Derzeit findet die 20. Vertragsstaatenkonferenz der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (COP20) in der peruanischen Hauptstadt Lima statt. Der Klimawandel lässt auch die Peruaner nicht kalt, wie man hier im Alltag erfahren kann. Vor einigen Wochen war ich mit einer anderen Laienmissionarin aus Brasilien im Armutsviertel von Arequipa unterwegs, um eine Familie mit einem frisch geborenen Baby zu besuchen. Auf dem Rückweg von diesem Besuch kamen wir ins Gespräch mit einer Frau, die in einer einfachen Hütte wohnt. Sie erzählte, dass sie Angst hat vor den Starken Regenfällen im Januar und Februar und dass sie hofft, dass der Regen wie in diesem Jahr „ausbleibt“ oder sich auf geringe Mengen beschränkt. Der Regen bedeutet für sie, für ihre kleine Hütte und alles was für sie existenziell ist, eine ernsthafte Bedrohung. Der Regen könnte ihr mit seiner gewaltigen Macht alles nehmen.

Ihre Aussage ist verständlich und doch zugleich verstörend. Denn das Wasser ist knapp hier. Besonders nachdem es im letzten Jahr in der Regenzeit kaum geregnet hat. Alle Pflanzen, die sich nicht mit der Hilfe von Bewässerung ans Leben klammern können, vertrocknen. Der große Fluss Arequipas, der „Rio Chili“, führt wenig Wasser. Alle warten sehnsüchtig auf die Tropfen, die vom Himmel fallen sollen, außer die Bewohner im Armutsviertel. Für sie ist scheinbar der Regen eine Bedrohung und kein Segen.

Dass Arequipa unter Wassernot leidet, ist kein Zufall. Peru bleibt nicht vom Klimawandel verschont. An nichts lässt sich das so gut ablesen wie am Wahrzeichen Arequipas, dem Hausberg Misti. Traditionell ist seine Spitze von einem zarten weißen Schneemantel überzogen. Doch seit zwei Jahren ist nur noch roher Stein die Zierde des Vulkans. Nur wenn Nebel den Berg verhüllt lässt sich manchmal hier und da ein kleiner Fleck Schnee entdecken. Auch der andere Vulkan in der Nähe von Arequipa, der Chachani, der wesentlich höher ist als der Misti, ist nur noch an oberster Stelle von Schnee bedeckt. Zerstört der Klimawandelt also die Wahrzeichen Arequipas?

Erst kürzlich habe ich mit einer Arbeitskollegin aus dem Kindergarten über dieses Phänomen gesprochen. Sie glaubt, dass der Klimawandel die Peruaner nachdenklich stimmt, sie beschäftigt. Sie hat mir gesagt, dass die meisten Menschen diese Anzeichen durchaus ernst nehmen. Aber es ändere sich nichts, weil es kaum Hilfestellungen von der Regierung gebe. Für die Politiker seien diese Anzeichen offensichtlich nicht so bedeutend wie sie es für die Bevölkerung sind. Steckt Resignation hinter dieser Aussage? Hoffnungslosigkeit, die ein Stoppen des Klimawandels nicht mehr für möglich hält?

Ich glaube nicht, denn es gibt Zeichen, die den Glauben an Möglichkeiten des Einzelnen und ihre Tragweite bestärken. Wenn meinen Fünfjährigen eine Woche lang im Kindergarten die Bedeutung von Strom und Wasser erklärt wird. Wenn sie die Bedeutung des Wassers und seine Kostbarkeit verstehen lernen und sich voller Begeisterung ausdenken, wie sie Wasser sparen können. Wenn sie Bilder malen, die das Einsparen von Strom zeigen, um das Klima zu schützen. Und wenn sie selbst kleine Pflanzen züchten, um ein Verständnis für deren Einfluss auf unser Leben zu erhalten.

Der Klimaschutz ist auch ein Anliegen der Kirche, die anlässlich der COP20 (vom 1. bis 12. Dezember) verschiedene Veranstaltungen zum Thema Klimawandel und Umweltschutz organisiert. Bereits am 9. November haben Katholiken in Peru und in Deutschland (hier besonders in der Erzdiözese Freiburg, die eine Partnerschaft mit der Katholischen Bischofskonferenz Peru pflegt) gemeinsam einen Tag des Fastens und Gebetes abgehalten. So haben sie unter anderem für die Achtung vor den Gütern der Schöpfung gebetet.

Am 5. Dezember findet zudem ein Treffen von Bischöfen aus der ganzen Welt mit Regierungsvertretern der teilnehmenden Staaten an der Klimakonferenz in Lima statt. Auswirkungen des Klimawandels insbesondere auf die arme und marginalisierte Bevölkerung sowie die Achtung vor den Gütern der Schöpfung und Vorschläge für mehr Klimagerechtigkeit stehen auf der Gesprächsagenda. Wenn das kein Anlass zur Hoffnung ist!

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Ein Jahr in Peru (persönlicher Blog von Anna Schönstedt)

Erlebnisse einer „Missionarin auf Zeit“ in Arequipa

Seit nun knapp drei Monaten befinde ich mich in Arequipa im Süden von Peru. Es hat mich sehr überrascht, mit welcher Herzlichkeit und Freundlichkeit ich aufgenommen wurde, obwohl ich oft nur sehr wenig bis nichts von dem verstanden habe, was an Worten auf mich eingeprasselt ist.

Kindergarten „San Daniel Comboni“ in dem Armutsviertel Villa Ecologica
Kindergarten „San Daniel Comboni“ in dem Armutsviertel Villa Ecologica. Foto: Anna Schönstedt

Nachdem ich die Stadt und die Pfarrei ein bisschen kennen lernen durfte, hatte ich meinen ersten Arbeitstag in der Cuna (Kindergarten) in dem Armutsviertel Villa Ecologia. Alle Mitarbeiter haben mich ebenfalls sehr herzlich und liebevoll aufgenommen. Ich arbeite zusammen mit Señorita Sonia und Betty bei den Fünfjährigen, den Großen der Cuna. Beide sind bereits zu Freundinnen geworden. Die Kinder habe ich sehr schnell in mein Herz geschlossen. Sie sind alle so aufgeschlossen und ohne jegliche Vorurteile. Es vergeht kein Tag, an dem sie nicht von mir wissen wollen, was das ein oder andere Wort in Deutsch oder Englisch heißt.

arequipa-stadtjubilaeum
Umzug zum Stadtjubiläum von Arequipa

Das prägendste Ereignis in meinen ersten Tagen hier war der riesige Umzug durch Arequipa anlässlich des Stadtjubiläums. Er hat mich ein bisschen an unseren Karneval erinnert. Es wurde sehr viel getanzt und alles war sehr bunt und farbenfroh. Das kam hauptsächlich daher, dass die Tänzer fast alle Trachten getragen haben. Die weiten Röcke der Frauen, die so schön bei den Drehungen mitschwingen, charakterisieren eine unbändige Lebensfreude und Fröhlichkeit. Kurz darauf  hatte ich mir leider eine recht heftige Erkältung zugezogen und konnte leider nicht in die Cuna gehen. Zum Glück haben sich die Padres und die Schwestern, welche gleich um die Ecke wohnen, gut um mich gekümmert. Mit Hilfe von ausreichend Medikamenten bin ich jedoch wieder auf die Beine gekommen.

Zusammen mit zwei anderen Freiwilligen, die für ein paar Wochen in Arequipa waren, konnte ich einen Ausflug zum Zentrum Arequipas in das Kloster Santa Catalina machen. Es ist wie eine kleine Stadt innerhalb der Stadt. Alles ist bunt und farbig, denn die meisten Wände sind rot, blau und gelb gestrichen. Viele Pflanzen erzeugen eine sehr entspannte Atmosphäre. Es gibt viele versteckte Winkel und Ecken sowie wunderschöne Kreuzgänge und Innenhöfe. Dies alles in der Verbindung mit den Berichten unserer Führerin über den Luxus, in dem einige Nonnen aus adeligem Hause lebten, ließ nicht das gewohnte Bild eines Klosters vor meinen Augen entstehen. Ich habe die Besichtigung sehr genossen.

Einschneidende Erlebnisse waren auch die Erdbeben, die ich hier schon miterlebt habe. Es ist beängstigend, wenn alles um einen herum anfängt zu wackeln, vom Wasserglas bis zum Schlüssel im Schrank. Umso merkwürdiger ist es, wenn diese Erdbeben für alle anderen Mitmenschen ganz normal sind und sie noch nicht mal zum Gesprächsthema am nächsten Tag werden.

Je besser meine Spanisch-Kenntnisse werden, umso mehr bekomme ich auch von den sozialen Verhältnissen vieler Menschen in Peru mit. So gibt es viele Mädchen, die schon sehr früh ihr erstes Kind bekommen, teilweise schon mit 14 Jahren. Auch gibt es viele Familien, in denen die Beziehung der Eltern nach zwei bis drei Kindern auseinanderbricht und die Frauen dann mit ihren Kindern alleine dastehen und sehen müssen, wie sie sich und ihr Kinder über Wasser halten können.

Einen ganz anderen Stellenwert und eine andere Präsenz als in Deutschland hat die Religiosität. Sonia sagt beispielsweise den Kindern, wenn sie nicht in den Gottesdienst gehen wollen: “Gott kommt immer zuerst“. Und wenn sie an einer Kapelle vorbeikommen, bekreuzigen sich die Menschen in Ehrerbietung. Der Glaube ist hier auch bestrebter, sich Dinge zu suchen, an denen er die Unsichtbarkeit Gottes mit dem Auge fest machen kann. So ist es unbedingt notwendig, sich bei der Weihwasserspende direkt vor dem Altar einzufinden, damit man auch so viel wie möglich von dem Wasser abbekommt und nach dem Kreuzzeichen gibt man einen Kuss auf die rechte Hand. Auch die Gottesdienste sind anders gestaltet. Alles läuft wesentlich entspannter, lockerer und fröhlicher ab. Wenn ein Padre eine halbe Stunde zu spät zum Gottesdienst kommt, weil andere Dinge ihn aufgehalten haben, dann fängt der Gottesdienst eben eine halbe Stunde später an. Mit der Gemeinde ist es nicht viel anders. Der Gottesdienst fängt an, wenn genug Leute da sind. Wer zu spät kommt, der setzt sich einfach noch dazu, egal ob das kurz vor Schluss ist oder noch am Anfang.

Am 12. Oktober hat unsere Cuna ihr „Aniversario“ gefeiert. Alle Kinder und Angestellt haben für diesen Festtag Tänze und Spiele eingeübt.  Das „Aniversario“ hängt mit dem Namensgeber der Cuna zusammen: San Daniel Comboni. Da sein Festtag am Freitag, dem 10. Oktober war, hat die Cuna am darauf folgenden Sonntag ihr „Aniversario“ begangen.

Aniversario der Cuna

Es war eine ziemliche Prozedur, die Kinder in ihre Kostüme zu stecken und sie hübsch zu machen für teilweise nicht mal vier Minuten Tanz. Es ist erstaunlich, mit welcher Hingabe und Liebe gerade diese Traditionen gepflegt werden. Die Mütter und Väter sind stolz auf ihre Kinder, wenn sie hin und her hopsen in den bunten, weiten Röcken und manchmal undurchsichtigem Gemenge aus Hosen, Blusen, Westen, Ponchos, Halstüchern und Hüten mit Bändern. Nachdem alle Kinder unter viel Applaus und stolzen Blicken ihre Tänze beendet hatten, waren wir Señoritas an der Reihe, unsere Tanzkünste unter Beweis zu stellen. Zwei Tänze brachten auch uns in den komplizierten Trachten sehr zum Schwitzen.

Mehr zum Thema: Ein Jahr Peru (persönlicher Blog von Anna Schönstedt)

Glaube im Alltag der Peruaner

„Jesus te amo“, „ Jesus – mi corazon”, „Regalo de Dios“ (Jesus ich liebe dich, Jesus – mein Herz, Geschenk Gottes) Zahlreiche Aufkleber mit Aufschriften wie diesen findet man überall in Lima. Der Rosenkranz am Rückspiegel des Autos gehört schon fast zur Standardausstattung jedes Taxifahrers und vor Weihnachten findet man in meinem Stadtteil überall Plakate mit der Aussage „Weihnachten beginnt im Herzen Jesus“.

Glaube ist hier im Alltag und in der Öffentlichkeit wesentlich präsenter als bei uns. Die meisten Stadtteile tragen den Namen eines Heiligen, genauso wie zahlreiche Schulen und öffentliche Einrichtungen. Über 80% der Peruaner sind katholisch und man stellt sich bei dem Gedanken an Peru oder Südamerika die Menschen wesentlich gläubiger und auch traditioneller in ihrer Religion vor als bei uns.

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Zu dem Bild mit den Toritos und dem Kreuz: Das findet man so auf zahlreichen Dächern in der Gegend um Cusco und dem Süden Perus. Der Stier steht wohl zum einen für die spanischen Eroberer, dass es zwei sind für die andinische Dualität. Gleichzeitig ist die Darstellung ein Symbol für die Einheit der Familie und soll in Verbindung mit dem Kreuz Glück und Segen für diese bringen. Die Darstellung der Maria findet man so in fast allen Kirchen mit einem dreieckigen weiten Mantel in Verbindung zur Pachamama.

Doch gerade unter den jungen Menschen in der Stadt scheint sich die Krise der katholischen Kirche auch hier in Peru abzuzeichnen – wenn vielleicht auch nicht ganz so stark wie bei uns. Unter meinen Mitstudierenden und peruanischen Freund/innen habe ich sehr wenige Personen gefunden, für die ihre Religionszugehörigkeit mehr bedeutet als vielleicht der Besuch von Gottesdiensten zu Familienfeiern aus Tradition – wenn überhaupt.

Kirche wird als etwas Großelterliches empfunden, manchmal vielleicht noch in der Elterngeneration verortet. Wenn man erzählt, dass der Glaube an Gott eine persönliche Bedeutung hat und dass „katholisch“ nicht nur eine leere Angabe auf dem Papier ist, wird man teilweise genauso ungläubig angeschaut wie bei uns.

Die viermal wöchentlich stattfindende Messe in der Kapelle meiner Universität wird vielleicht von 15 Studierenden besucht und auch in den regulären Gottesdiensten in der Stadt ist der Altersdurchschnitt eher hoch. Trotzdem kommen mir die Gottesdienste hier wesentlich lebendiger vor als bei uns und es ist keine Seltenheit, dass während der Messe applaudiert oder zur Musik mitgewippt wird.

Das ganze Jahr hindurch finden zahlreiche religiöse Feste statt, die meist von pompösen Prozessionen begleitet werden, wobei viele von ihnen an Feierlichkeiten erinnern, wie sie auch in Spanien begangen werden – vor allem die Semana Santa, die Osterwoche.  Gleichzeitig leben viele Bräuche andiner Naturreligionen und der Inkazeit im katholischen Glauben fort. So wird z.B. die Darstellung der „Mutter Gottes“ oft mit der der Pachamama, der „Mutter Erde“ vermischt, die in der Andenregion für die Menschen immer noch eine sehr große Bedeutung hat.

In manchen Kirchen findet man sogar Darstellungen der Stufen des Inkalebens, die durch Schlange, Kondor und Puma repräsentiert werden. Auch die kirchlichen Feste werden vermischt, wie z.B. das Inti Raymi in Cusco, das zu  Ehren der Sonne gefeiert und mit dem Johannesfest am 24. Juni verbunden wird.

Schön also, dass man auch im Bereich des Glaubens hier in Peru viel Neues entdecken kann und es aber gleichzeitig doch genug Gemeinsamkeiten gibt, um sich in der katholischen Kirche „auf der anderen Seite der Welt“ heimisch fühlen zu können.

Lima – die Stadt der Gegensätze

Lima ist keine typisch „schöne“ Stadt –  eher laut, schmutzig, chaotisch und fast das ganze Jahr von einer Dunstglocke umhüllt. Trotzdem habe ich in dem halben Jahr, das ich nun hier lebe, viel erlebt und habe einiges über die peruanische Kultur sowie die Lebens- und Arbeitsweise gelernt und wahrscheinlich noch viel mehr über meine eigene Kultur.

Man bekommt in Lima schnell das Gefühl, dass hier eine sehr strikte Trennung zwischen Arm und Reich herrscht – auch wenn beides räumlich sehr eng beieinander liegt – und während sich in den wohlhabenden Stadtteilen Fast-Food-Kette an Fast-Food-Kette reiht und man alle 20m einem Süßigkeiten- oder Eisverkäufer begegnet, freut man sich in den Randbezirken von Lima über fließendes Wasser und die kleinen Bodegas, in denen man das Nötigste kaufen kann. Auch Bildung ist extrem abhängig vom Geldbeutel der Eltern und der Name der Universität bestimmt zu großen Teilen den späteren Berufserfolg. In einem Kurs zur Personalauswahl beispielsweise, den ich an der Uni besucht habe, wurde uns immer wieder erläutert, Absolventen welcher Privatuniversitäten man für bessere Positionen einstellen könne und welche lieber gleich auszusortieren seien.

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An der Uni, an der ich studiere, liegen die Studiengebühren – je nach Einkommen der Eltern weiter ansteigend – bei einem Mindestbeitrag von 1400 Soles (ca.370 Euro) im Monat. Die meisten Studierenden leben dafür während des Studiums noch zu Hause bei ihrer Familie und ziehen meistens erst (wenn überhaupt) zur Hochzeit oder nach Erreichen finanzieller Unabhängigkeit aus. Allgemein habe ich den Eindruck, dass Familie hier eine sehr viel größere Bedeutung hat als bei uns, oft leben mehrere Generationen unter einem Dach und wenn nicht, so besuchen sich die Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen und was noch alles so dazugehört, ziemlich oft oder treffen sich bei den Großeltern.

Viele Studierende an meiner Uni äußern sich oft eher negativ über Menschen, die in ärmeren Stadtteilen leben oder an öffentlichen Universtäten studieren und deklarieren alles mit Armut konnotierte als „gefährlich“. Tatsächlich ist Kriminalität kein unbedeutendes Problem, vor allem bewaffnete Überfälle passieren häufig. Trotzdem denke ich, man sollte es sich nicht ganz so einfach machen und alles in die gleiche Schublade stecken. Solange man sich an bestimmte Regeln hält (z.B. nicht alleine Taxi fahren, nachts einsame Straßen meiden oder seine Wertsachen nicht offen vor sich herzutragen) lernt man auch ziemlich schnell damit umzugehen.

Was man außerdem in Peru ziemlich schnell lernt ist Geduld. Egal ob im Supermarkt, bei der Bank oder im Bus  – man hat das Gefühl, alles dauert unglaublich lange. Und wenn man sich mit einem peruanischen Freund verabredet, kann es schon mal sein, dass man 2 Stunden wartet. Ist man mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, ist es allerdings auch ziemlich schwer einzuschätzen, wie lange man braucht. Für die Strecke von meinem Wohnheim zur Uni bin ich beispielsweise je nach Verkehrslage zwischen 25 Minuten und mehr als 1 ½ Stunden unterwegs. Dementsprechend gibt es auch keinen Fahrplan, sondern kleine Busse, sogenannte „Mikros“, die man an der Straße anhält und in denen immer ein Busfahrer sowie ein Fahrkartenverkäufer (der gleichzeitig die Haltestellen ausruft und die Tür öffnet, wenn jemand aussteigen möchte) mitfahren. Wenn der Bus allerdings zu voll ist um die Tür zu schließen, stört es auch niemanden mit offener Tür zu fahren, genauso wenig wie mitten auf der Straße auszusteigen. Es scheint aber, als wäre das Einhalten von Regeln und Gesetzen ohnehin nicht so wichtig, was wohl leider auch an der Unzuverlässigkeit und hohen Bestechlichkeit der Polizei liegt. Vor allem die Teilnahme am Straßenverkehr ist deshalb oft lebensgefährlich (überholt wird z.B. von beiden Seiten und eine grüne Fußgängerampel bedeutet nur, dass die Fahrer von links gerade rot haben, nicht aber, dass man keine kreuzenden Autos zu befürchten hat).

Aber trotz Chaos – oder vielleicht gerade deswegen – kommt mir das Leben hier in Lima auch wesentlich lebhafter vor als in Deutschland. Die vielen Straßenverkäufer preisen lautstark ihre Produkte an, Autos hupen, der Busfahrer fängt an die Musik aus dem Radio lautstark mitzusingen, oder die Menschen in der Bar stehen plötzlich auf und fangen an Salsa zu tanzen. So viel gefühlte Lebensfreude kann richtig ansteckend sein und einem selbst die schlechten Tage ziemlich schnell wieder aufheitern. Der manchmal vorhandene Mangel an deutscher Effizienz und Pünktlichkeit wird somit durch peruanisches Temperament und Herzlichkeit wieder ausgeglichen und macht einem dann doch gar nicht mehr so viel aus.