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„Amoris laetitia“: Handeln nach dem Vorbild eines Pfarrers und Hirten

Als Papst Franziskus im vergangenen November die evangelische Kirche in Rom besuchte, wurde er gefragt, wie er sein Papstamt verstünde. Franziskus stellte das Wirken des Pfarrers in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Auch als Papst mühe er sich, pastoral zu handeln nach dem Vorbild eines Pfarrers und Hirten. Dieser Wesenszug durchzieht auch das postsynodale Schreiben Amoris laetitia. Anliegen ist die Stärkung des schon in der Schöpfungsordnung gründenden Ehebundes zwischen Mann und Frau sowie die Entdeckung der Schönheit einer vom Glauben an Gottes Gegenwart und Sorge getragenen Liebe zwischen den Eheleuten. Gedanken, die auf wunderbare Weise und stark biblisch verankert ausgeführt sind.

Ferner offenbart das Dokument das Ziel, die in der Ehe zwischen Mann und Frau gründende Familie zu stärken und gefördert zu wissen. Es geht Papst Franziskus primär um die Stärkung dessen, was uns als Schatz von der Schrift und der Tradition der Kirche zu Ehe, ehelicher Liebe und Familie gegeben ist, nicht um Kritik oder Verurteilung der Abweichungen davon.

Der Papst lehnt die Veränderung der kirchlichen Norm ab, wie er selbst mehrfach schreibt. Auch der Vorstellung von der Gradualität des Gesetzes widerspricht er im Dokument. Andererseits lässt ihn der pastorale Wesenszug, der sein Pontifikat durchzieht, gerade auch Brüche und Abweichungen von der Norm in den Blick nehmen. Für den Umgang damit setzt er auf die Gabe geistlicher und pastoraler Unterscheidung in Einzelfällen.

Der Papst als Seelsorger will dem Einzelnen, der in einer schwierigen Situation ringt und sucht, eine Brücke hin zum Ideal bauen. In Brücken steckt oft eine innere Spannung. Die Tragfähigkeit einer solchen Brücke hängt an ihrer Verankerung. Es legt sich daher nahe, das Dokument mit seinen vielen pastoralen Impulsen nicht außerhalb des Kontextes der bisherigen Verlautbarungen der Päpste und des Lehramtes lesen und verstehen zu wollen.

Evangelii Gaudium – eine „Regierungserklärung“ des Papstes

Das Apostolische Schreiben „Evangelii Gaudium“ von Papst Franziskus hat programmatischen Charakter, das steht ja in dem Schreiben selbst so: „… betone ich, dass das, was ich hier zu sagen beabsichtige, eine programmatische Bedeutung hat und wichtige Konsequenzen beinhaltet.“(25)  Außerdem scheint es vieles von dem, was Papst Franziskus bisher schon in Interviews oder bei anderen Gelegenheiten gesagt hat, zusammenzufassen. In diesem Sinn ist es sicher am ehesten mit dem zu vergleichen, was im weltlichen Bereich eine Regierungserklärung ist.

Das wichtigste Thema ist meines Erachtens, wie unter den Bedingungen unserer heutigen Zeit in Wirtschaft und Gesellschaft, und in der Kirche, die Freude am Glauben zu einer neuen missionarischen Dynamik in der Kirche führen kann. Und diese missionarische Dynamik ist kein Selbstzweck, sondern dient dazu, „allen das Leben Jesu Christi anzubieten“ (49), vor allem im Einsatz für die Armen und Benachteiligten.

Was ich bisher über das Schreiben gehört und gelesen habe, zeigt mir vor allem, dass es darin gelingt, die Herausforderungen, die sich der Kirche heute stellen, und die Wege, wie die Kirche sich diesen Herausforderungen stellt, in einer Sprache zu formulieren, die in der breiten Öffentlichkeit verstanden wird. Dass das Schreiben weit über die Kirche hinaus in den Medien und der Öffentlichkeit so stark rezipiert wird, zeigt mir, dass darin wichtige „Zeichen der Zeit“ angesprochen und Antworten aus dem Glauben heraus dazu formuliert werden.

Die Kirche in Deutschland wird durch dieses Schreiben natürlich angefragt, ob und wo sie aufgrund historisch gewachsener Strukturen zu sehr um sich selbst kreist und ihre missionarische Dynamik verloren hat. Außerdem müssen wir uns fragen, ob wir als eine im Weltmaßstab reiche Kirche uns ausreichend für die Armen in der Welt einsetzen und engagieren. Diese Anfrage gilt aber nicht nur der deutschen Kirche, sondern eigentlich der ganzen deutschen Gesellschaft, inwieweit sie mit den Armen und Benachteiligten dieser Welt wirklich solidarisch und bereit ist, ihren Reichtum auch zu teilen.

Ich glaube schon, dass diesem Schreiben konkrete Reformschritte folgen werden. Als erstes sehe ich dabei vor allem eine größere Verantwortung der Ortskirchen, auch der Bischofskonferenzen, für ihre je spezifische Situation, Antworten zu finden, wie die Kirche vor Ort wieder eine neue missionarische Dynamik entfalten kann, und nicht auf alle Fragen, die vor Ort wichtig sind, erst auf eine Antwort aus Rom zu warten.

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Papst Franziskus ruft uns alle in die missionarische Sendung der Kirche

Papst Franziskus lässt uns in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium in erfrischender und mitreißender Weise an seinem persönlichen Glauben teilhaben. Theologischer Angelpunkt der Botschaft ist die in Jesu Tod und Auferstehung bezeugte Liebe Gottes zum Menschen. Die Zuwendung Gottes zu jedem Einzelnen muss Ausgangspunkt sein für das pastorale Handeln der Kirche.

Glaube ist Begegnung mit der Person Jesu. Die Begegnung mit dem Auferstandenen erschließt uns die Wahrheit des Lebens und wird zur Quelle der Freude, die sich mitteilen will und in die Begegnung mit der Kirche einlädt. Zugleich drängt sie hinaus an die Ränder der Kirche und der Gesellschaft, besonders hin zu den Armen, denn das Gute neigt dazu, sich auszubreiten, wie der Papst sagt. Mission ist Eröffnung der Begegnung mit der Person Jesu und seiner liebenden Hingabe für den Menschen. Wenn Kirche ihrer Berufung treu bleiben will, ist all ihr Wirken folglich missionarisches Handeln.

Mit geistlicher Leidenschaft ruft Papst Franziskus uns alle in die missionarische Sendung der Kirche. Der Herr traut uns mehr zu als wir selbst wagen, denn Er ist schon unterwegs in dieser Welt, so könnte man den immer wieder anklingenden Grundtenor der wachrüttelnden päpstlichen Botschaft beschreiben. Zugleich gibt das Schreiben des Papstes einer verwaltungsmäßig gut organisierten, finanziell abgesicherten und gesellschaftlich etablierten Kirche – von der Ebene der Pfarreien über die Verbände bis zu den Bistümern – viele Impulse und Fragen zum weiteren Bedenken mit auf den Weg. Was der Papst wohl nicht als missionarischen Aufbruch versteht, sind Beschäftigung der Kirche mit sich selbst in Form von Strukturdebatten und innerkirchliche Kritik, die sich in der Haltung des Klagens und Jammerns erschöpft. Die Kirche soll das Leben Jesu Christi allen anbieten und für diese Schönheit ein frohes Zeugnis geben, das einladend ist.