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„Wir werden nicht als Juden oder Araber geboren, sondern als Babys“

So oder so ähnlich haben es unsere Gesprächspartner auf jüdischer und palästinensischer Seite während der Reise des Diözesanrates der Katholiken im Bistum Eichstätt in das Heilige Land immer wieder betont. Zuerst muss der Mensch in den Blick genommen werden, vor jeder Zuordnung zu einer nationalen oder religiösen Gruppe. Und viele unserer Gesprächspartner arbeiten genau daran.

In der Dormitio-Abtei, eine deutschsprachige Benediktinerabtei auf dem Berg Zion in Jerusalem, sprachen wir mit Pater Nikodemus Schnabel. Pater Nikodemus (geboren 1978 in Stuttgart) ist derzeit Prior-Administrator der Benediktinergemeinschaft vom Berg Zion und in Tabgha. Sichtlich gestresst durch den Ende April anstehenden Besuch von Außenminister Sigmar Gabriel nahm er sich trotzdem viel Zeit für das Gespräch. Sehr persönlich schilderte er seine Situation als junger Benediktinermönch in Israel und Palästina und sprach über das Friedenspotenzial der Religionen. In seinem sehr lesenswerten Buch „Zuhause im Niemandsland. Mein Leben im Kloster zwischen Israel und Palästina“, das er für einige Teilnehmer auch signierte, geht er darauf besonders ein.

Im Saint Louis French Hospital, direkt vor den Mauern der Jerusalemer Altstadt gegenüber dem Neuen Tor, sprachen wir mit Schwester Monika, der Leiterin. Das Krankenhaus wurde 1851 vom französischen Konsulat gegründet und dem lateinischen Patriarchen zur Verfügung gestellt. Heute verfügt es über mehr als 60 Betten und betreut Krebskranke im fortgeschrittenen Stadium ihrer Erkrankung, aber auch chronisch kranke, ältere Menschen nach Schlaganfällen und Koma-Patienten. Bei der Aufnahme und Behandlung macht es keinen Unterschied zwischen Palästinensern und Israelis, Juden, Christen und Muslimen. Das christliche Haus, das in das Gesundheitssystem Jerusalems eingebunden ist, befolgt die jüdischen und muslimischen Speisegesetzte, damit Patienten aller religiösen Bekenntnisse dort leben können. Es werden Menschen in der letzten Phase ihres Lebens, in der sie und ihre Familien vor der belastenden Situation von Krankheit, Sterben und Tod stehen, betreut und gepflegt. Durch ihre Arbeit versuchen die Mitarbeiter Zeugnis abzulegen von der unantastbaren Würde und dem Wert des menschlichen Lebens. Seit vielen Jahren arbeiten neben lokalen Mitarbeitern auch viele junge Menschen aus der ganzen Welt als Freiwillige mit. Sie übernehmen unterschiedliche Aufgabenbereiche, kümmern sich um die tägliche Pflege und Versorgung der Patienten oder werden je nach Berufsausbildung oder Qualifikation als Krankenschwester/-pfleger eingesetzt.

In Bethanien, dem biblischen Ort, an dem Lazarus und seine Schwestern Maria und Martha lebten, besuchten wir Schwester Martha. Die russisch-orthodoxe Nonne leitet dort eine Mädchenschule und ein Internat. Wir erfuhren von ihrer Arbeit mit den Kindern und den Schwierigkeiten, die die israelische Sperranlage („Mauer“) für sie verursacht. So ist ihr traditioneller Fußweg über den Ölberg zu ihrem Mutterkloster Maria Magdalena nicht mehr begehbar. Die meisten ihrer Schülerinnen sind muslimisch. Die Schülerinnen und ihre Eltern kommen über die Lehrer, Schwestern und Mitschüler in Dialog mit Christen und so können Brücken über die Grenzen der Religionen hinweg entstehen.

Spannend war der Besuch bei dem Jesuitenpater David Neuhaus in Westjerusalem. David Neuhaus, Sohn deutscher Juden, wurde in Südafrika geboren. Im Alter von 15 Jahren siedelte er nach Israel um, mit 26 Jahren konvertierte er zum römisch-katholischen Glauben. Er ist Patriarchalvikar für die Hebräisch sprechenden Katholiken und kümmert sich um die katholischen Migranten in Israel. Wir lernten seine Einrichtung kennen, in der er sich um Babys und Kinder von Migranten kümmert, die sonst unter unsäglichen Bedingungen „verwahrt“ werden. Der israelische Staat kümmert sich um Kinder erst ab dem 3. Lebensjahr, davor ist alles privat finanziert, was sich Migrantinnen nicht leisten können. So wurde vor kurzem die erste katholische Kirche in Tel Aviv für diese Bevölkerungsgruppe gegründet.

Teil I: „Besucht doch die lebendigen Steine im Heiligen Land“

Der Autor im Interview mit Radio K1

„Besucht doch die lebendigen Steine im Heiligen Land“

Diesen Appell richtete ein griechisch katholischer Priester aus Zababdeh im Westjordanland an uns. Mit den lebendigen Steinen meint er die noch verbliebenen, wenigen Christen im Heiligen Land, die dringend Unterstützung brauchen. Nicht die toten Steine oder das leere Grab in Jerusalem sollten wir besuchen, sondern die Christen brauchen das Gefühl nicht vergessen zu sein, in einer für sie zunehmend schwieriger werdenden Situation. Wir – das war eine 25 köpfige Reisegruppe des Diözesanrates der Katholiken im Bistum Eichstätt, die vom 17. April bis zum 26. April in Israel und Palästina unterwegs war. Besucht wurden freilich auch die klassischen Pilgerorte am See Genezareth, in Nazareth, Betlehem und Jerusalem. Der Schwerpunkt der Fahrt lag aber eindeutig in der Begegnung mit palästinensischen Christen und anderen Brückenbauern in diesem konfliktbeladenen Umfeld. Diese Begegnungen ermöglichte uns Connie Kimberger, die über ihre Tätigkeit als Vorsitzende der Heilig-Land-Kommission des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem vielfältige Kontakte aufgebaut hat.

Beim Besuch des Flüchtlingslagers in Jenin wurden wir im Freedom Theater, einer palästinensischen Kulturinitiative, mit dem Film „Arnas Children“ hart mit der Realität des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern konfrontiert. Der Film zeigt wie palästinensische Jungen hier im Flüchtlingslager aufwachsen, durch die Erfahrungen von Demütigung, Zerstörung und Gewalt sich radikalisieren und schließlich ihr Leben im Kampf verlieren und von ihren Angehörigen als Märtyrer angesehen werden.

Der Tenor vieler Gespräche war, dass die Menschen hier trotz all der Konflikte noch nicht aufgegeben haben; dass es trotz des vielen Hasses auf beiden Seiten auch Menschen gibt, die für Versöhnung und Frieden, Freundschaft und Verständigung beten und arbeiten und in denen die Hoffnung noch immer brennt. Dabei wurde deutlich, wie wichtig sie uns als Brückenbauer zwischen Juden und Palästinenser sehen, auch hier bei uns in Deutschland z.B. im Kontakt mit jüdischen und muslimischen Gemeinden.

Ein Höhepunkt war das Gespräch mit Frau Prof. Dr. Sumaja Farhat-Naser. Sie sprach ausführlich mit uns über ihre Arbeit und Bemühung für eine Erziehung der Menschen, insbesondere von Frauen hin zu einer gewaltfreien Konfliktlösung und einem Dialog zwischen den Völkern und Religionen. Sie ist Autorin mehrerer Bücher. Für ihre Arbeit erhielt sie unter anderem im Jahr 2000 den Friedenspreis der Stadt Augsburg.

Aber auch ganz praktische Versöhnungsarbeit lernten wir kennen. Im Beit Afram Altenheim in Taybeh betreuen junge Menschen des brasilianischen Ordens „Filhos de Maria“ 24 alte Menschen und werden dabei vom Ritterorden vom Heiligen Grab finanziell unterstützt. Auch das Caritas Baby Hospital in Betlehem, das trotz seines Namens nicht Teil des Caritasverbandes ist, ist dafür ein gutes Beispiel. Hier werden Kinder und Babys unabhängig von Religion und finanziellem Vermögen der Eltern behandelt und versorgt. Ärzte und Sozialarbeiter arbeiten auch präventiv mit den Müttern der Kinder und versuchen, einen Raum zu schaffen, an dem sie sich jenseits aller Politik und Konflikte ganz auf die Heilung konzentrieren können.

Ein ganz anderes Projekt ist das „Tent of nations“ von Daoud Nassar. Seit über hundert Jahren gehört seiner Familie ein Stück Land südlich von Betlehem. Doch durch die wachsenden israelischen Siedlungen, die sich wie ein Gürtel um ihn legen, fühlt Daoud Nassar sich und sein Eigentum bedroht. Seit den 1990er Jahren kämpft er vor Gericht gegen die Annektierung seines Gebietes durch den Staat Israel. Jedoch kämpft er nicht mit Gewalt, sondern durch friedlichen Widerstand und mit Hilfe internationaler freiwilliger Helfer und Kontakte. Das Zelt der Nationen, ein Projekt, das von ihm gestartet wurde, hat das Ziel, Begegnungen und Dialog zwischen jungen Menschen zu fördern. Sein Motto: Wir weigern uns Feinde zu sein.

Teil II: „Wir werden nicht als Juden oder Araber geboren, sondern als Babys“

Der Autor im Interview mit Radio K1

Leben mit Behinderung in Palästina

Das Friedenslicht, das jedes Jahr in der Geburtsgrotte in Bethlehem entzündet und von Pfadfindern nach Deutschland gebracht wird, leuchtet in diesen Tagen in vielen Pfarreien und Einrichtungen in unserem Bistum. Eine Besonderheit in diesem Jahr ist, dass die Pfadfinder ein Lichtzeichen der Hoffnung zurück nach Palästina senden. Sie unterstützen die Behinderteneinrichtung Lifegate in Beit Jala nahe Bethlehem, indem sie Olivenholzschnitzereien, Gotteslobhüllen und Olivenöl aus den Werkstätten dieser Institution verkaufen und Spenden sammeln.

Leben mit Behinderung in Palästina heißt in vielen Fällen versteckt werden, weil die Familie Angst hat, dass die ganze Familie von der Gesellschaft verstoßen wird. Das habe ich bei einem längeren Aufenthalt direkt vor Ort erfahren. Oftmals bleibt behinderten Kindern auch Bildung, Ausbildung und eine normale Entwicklung vorenthalten – aus Unwissenheit und Scham der Eltern. Die medizinische Versorgung ist mangelhaft. Menschen mit Behinderungen werden mit ihren Leiden und Problemen oft nicht ernst genommen. Hinzu kommt, dass viele Familien nicht über die Mittel verfügen, teure Diagnostik und Behandlungen finanzieren zu können bzw. für viele Krankheitsbilder in Palästina weder eine Diagnostik, geschweige denn eine adäquate Behandlung verfügbar ist.

In dieser großen Not nimmt die Rehabilitationseinrichtung „Lifegate“ eine herausragende Stellung ein. Sie ist einzig in ihrer Art in Palästina und in Beit Jala beheimatet. Beit Jala ist eine Kleinstadt im Westjordanland, etwa fünf Kilometer von Jerusalem und mit Bethlehem inzwischen zusammengewachsen. Ziel der Arbeit ist es, die Situation betroffener Menschen zu verändern. Lifegate führt behinderte Menschen in die Selbstständigkeit, integriert sie in die Gesellschaft und in das Berufsleben, hilft ihnen, somit für sich selber zu sorgen.

Im Jahr 1989 begann der deutsche Erzieher und CVJM-Sekretär Burghard Schunkert aus Gießen in Beit Jala damit, jungen behinderten Männern eine Ausbildung anzubieten – kurze Zeit später kamen behinderte Frauen dazu. Inzwischen bietet die Berufsausbildungswerkstatt 14 Lernberufe und für schwer behinderte Menschen einen beschützenden Arbeitsplatz an.

Lifegate ist die einzige Einrichtung im Westjordanland, die eine fundierte Frühförderarbeit und einen Förderkindergarten anbietet. Dazu kommt eine Therapieabteilung mit einem Ausbildungs- und Fortbildungsprogramm für die Mütter der Kinder. Die Lifegate-Therapeuten und -Techniker bieten mit der Fachwerkstatt eine Rollstuhl- und Hilfsmittelversorgung an. Regelmäßige Hilfsmittelsprechstunden werden bei Lifegate für andere Organisationen der Behindertenhilfe durchgeführt. Vor zwei Jahren hat Lifegate eine Förderschule eingerichtet. Gleich zu Beginn gab es so viele Anmeldungen, dass mit drei Klassen begonnen werden musste. Im letzten Jahr gab es sogar fünf 1. Klassen.

Die Arbeit finanziert sich aus Spenden und dem Verkauf der Geschenkgegenstände, die von den behinderten Menschen hergestellt. Die Handwerksarbeiten können über die Caritas-Werkstätten in Tauberbischofsheim und bei der laufenden Friedenslichtaktion im Bistum Eichstätt erworben werden. Mit dem Verkauf werden Menschen mit Behinderungen mit Arbeit versorgt. Zudem stellen Eltern von behinderten Kindern und die Bauern der Umgebung ihr Olivenöl zum Verkauf zur Verfügung. Über 150 Volontäre aus Deutschland unterstützten bisher die Arbeit von Lifegate und gründeten in Würzburg den Förderverein Lifegate-Tor zum Leben.

Bei den vielen Besuchen im vergangenen Jahr hat mich die Arbeit von Burghard Schunkert und seinem Team aus etwa 40 Mitarbeitern sehr fasziniert und überzeugt – als wirkliche Friedensarbeit und „Völkerverständigung“. Es hat mich tief beeindruckt, dass der palästinensische, muslimische Vater erkennt, dass die „eigenen Leute“ sein Kind niemals so gut behandelt hätten, wie es die Israelis tun, und dafür deren Sprache lernt. Und wie es den israelischen Arzt fasziniert, wie sich dieser Vater für seine behinderte Tochter einsetzt und dafür Arabisch büffelt. Auch hat es mich tief beeindruckt, wie muslimische und christliche Eltern miteinander umgehen: Sie tauschen Erfahrungen und bei Bedarf Hilfsmittel aus, besuchen sich gegenseitig zu den Festen und lernen miteinander Hebräisch.

Der Umgang der Mitarbeiter hat mir ebenso imponiert. Er ist von Respekt und gegenseitiger Wertschätzung geprägt. Es ist jeder wichtig und wertvoll. Eine große Stärke von Lifegate ist der Umgang mit den Spendengeldern. Diese fliesen zu einem sehr hohen Prozentsatz in die Arbeit von Lifegate. Die Verwaltung besteht aus zwei Sekretärinnen (eine in Beit Jala und die andere hier in der Geschäftsstelle) sowie einer 400-Euro-Kraft zum Verkauf der Waren in Deutschland.

Natürlich gefällt mir auch, dass man die Arbeiten aus den Werkstätten hier Deutschland bestellen kann. Mein Mann und ich haben viele „Mitbringsel“ geordert und damit gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Kein Problem mit einem zu schweren Koffer, keine Probleme am Zoll und so ganz nebenbei haben wir auch noch ein gutes Werk getan – und schön, oftmals sehr individuell, sind die Geschenkartikel zudem auch noch.

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