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Ein besonderes Epiphaniefest in Konstantinopel

Das griechische Wort „epiphaneia“ = Epiphanie (Erscheinung) bezeichnet nach Aussagen der Lexika „einerseits das Erscheinen einer heilsbringenden Gottheit und die Erfahrung ihres rettenden Heilshandelns, andererseits das kultische Auftreten des gottgleichen Herrschers im hellenistisch-römischen Staatskult.“ Sie ist „sowohl die plötzliche Erscheinung eines übernatürlichen Wesens als auch die sichtbare und zeitlich begrenzte Wirkung von Gottheiten und das bloße Bewusstwerden der Nähe des Heiligen“.

Seit dem Neuen Testament und im kirchlichen Sprachgebrauch steht Epiphanie (= die Theophanie oder auch das Jordan-Fest) für die sichtbare und spürbare Erscheinung Gottes in Jesus Christus, die besonders am gleichnamigen Fest – im byzantinischen Ritus am 6. Januar – begangen wird.

In diesem Jahr wurde dieses Fest im Phanar, dem Sitz des Ökumenischen Patriarchats, der ehrenhaft ersten Kirche in der weltweiten orthodoxen Kirchenfamilie, unter einem besonderen Vorzeichen begangen. Denn an diesem Tag kam Mehrfaches zum Erscheinen. Es kamen gleich mehrere wichtige Ereignisse zusammen und wurden in langen orthodoxen Gottesdiensten mit zahlreichen Gläubigen und Pilgern und vor allem mit einer starken Präsenz der Medien gefeiert.

Als Erstes stand das christliche Hochfest selbst im Vordergrund. Im Unterscheid zur Tradition der römisch-katholischen Kirche, die an diesem Tag die Erscheinung Gottes, die Epiphanie in Jesus Christus durch die Anbetung der sterndeutenden Könige aus dem Morgenland begeht, feiern die byzantinischen Kirchen „das Fest der Taufe unseres Herrn, unseres Gottes und Heilandes Jesus Christus“. Sie feiern die Erscheinung des dreifaltigen Gottes am Jordan im Augenblick der Taufe Jesu Christi: In der Stimme des Vaters aus den geöffneten Himmeln, im Sohne, der zur Taufe in den Jordan hinabsteigt, und im Heiligen Geiste, der als Taube herabsteigt. An diesem Fest ist daher eine Große Wasserweihe vorgesehen – in Konstantinopel/Istanbul mit einer Prozession zum Bosporus verbunden –, was auch in diesem Jahr wie gewohnt der Fall war.

Zusätzlich zu der gottesdienstlich begangenen Epiphanie ist im Phanar am Wochenende 5./6. Januar 2019 auch eine größere Delegation aus der Ukraine erschienen. Zahlreiche Politiker, an deren Spitze der ukrainische Präsident Petro Poroshenko, und kirchliche Würdenträger kamen nach Konstantinopel, um einem Jahrtausendereignis beiwohnen zu dürfen. Denn an diesem Tag hat die orthodoxe Kirche der Ukraine ihre Eigenständigkeit von dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios, dem Ehrenoberhaupt der byzantinischen Weltorthodoxie, erhalten. Die Urkunde darüber, „Tomos über die Autokephalie“ genannt, wurde am Samstag, 5. Januar, im Rahmen eines in Ukrainisch gefeierten Dankgottesdienstes offiziell unterschrieben. Am Sonntag darauf fand die offizielle Übergabe des Tomos im Rahmen mehrerer Gottesdienste, konkret nach dem Verlesen des Festtagsevangeliums zum Fest „Erscheinung des Herrn“ statt. Der gesamte Festgottesdienst dauerte sechs Stunden und wurde in Griechisch und zum Teil in Ukrainisch gefeiert.

Am 15. Dezember 2018 wurde auf Initiative des Ökumenischen Patriarchen in der altehrwürdigen Sophienkathedrale in Kiew die sogenannte Vereinigungssynode aller orthodoxen Bischöfe in der Ukraine zusammengerufen. Auf dieser wurde unter Beteiligung von vielen Bischöfen, Priestern und Laien das neue Oberhaupt der ukrainischen Kirche gewählt, der 39-jährige Metropolit Epiphaniy. Er, dessen Vorname mit dem kirchlichen Fest der Epiphanie aufs Engste zusammenhängt, durfte die Urkunde am 6. Januar in Empfang nehmen und sie noch am gleichen Tag als kostbares Weihnachtsgeschenk zum Heiligen Abend (6. Januar nach dem julianischen Kalender) in die Ukraine bringen. Die Urkunde stellt eine Pergamentrolle dar, die auf dem Berg Athos – mit ikonenhaften Miniaturen umrahmt – mit goldenen Buchstaben kunstvoll und eigens hergestellt wurde. Der Inhalt ist für die orthodoxen Ukrainer natürlich das Wertvollste daran: Er bekundet offiziell, dass die ukrainische Kirche formal allen anderen bisher bestehenden 14 orthodoxen und unabhängigen Landeskirchen gleichgestellt wird. Anders gesagt, die orthodoxe Kirche in der Ukraine wurde offiziell autokephal, also selbständig und selbstverwaltend. Sie wird nun als die 15. autokephale orthodoxe Kirche unter den orthodoxen Schwesterkirchen gezählt. Alle orthodoxen Kirchen der byzantinischen Tradition sind nun vom Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios von Konstantinopel, dem „ersten unter den gleichen orthodoxen Ersthierarchen“ eingeladen, ja aufgerufen, sich seiner offiziellen Kundgebung über die Autokephalie der orthodoxen Kirchen der Ukraine zuzustimmen.

Äußerst unglücklich mit dem nun besiegelten Projekt der Anerkennung der Unabhängigkeit der ukrainischen Kirche ist die Russisch-Orthodoxe Kirche, die den Sachverhalt anders beurteilt, da sie die Ukraine zu ihrem Einflussgebiet zählt; man spricht hier von einem sogenannten kanonischen Territorium. Doch aus der Geschichte der Orthodoxie lernen wir, dass die Entstehung einer jeder orthodoxen National- bzw. Landeskirche auf Widerstand stößt. Dies geschieht vor allem deshalb, weil sie immer mit einer Teilung einhergeht: Denn eine größere orthodoxe Struktur oder Einheit soll dabei im Grunde genommen kleiner werden. Und wer wird gerne kleiner? Wer wäre freiwillig bereit, seinen Einfluss einschränken zu lassen bzw. sogar darauf zu verzichten? Daher hat mehr oder weniger jede Gründung einer neuen Kirche zu Spannungen geführt, ja mitunter zur Aufkündigung jeglicher Kommunion- und Kommunikationsgemeinschaft zwischen den einzelnen Zweigen der orthodoxen Kirchen, bis irgendwann der Tag der Heilung, der Versöhnung und Normalisierung der Verhältnisse zwischen den orthodoxen Geschwisterkirchen kommt.

Eine kleine Gruppe von Priestern und Seminaristen des Collegium Orientale Eichstätt nutzte die Möglichkeit der Weihnachtsferien und reiste mit einer spontan organisierten Wallfahrt und Studienreise nach Konstantinopel, um an diesem besonderen und Geschichte schreibenden Epiphaniefest 2019 teilzunehmen. Sie wurden Zeugen von einer mindestens zweifachen Epiphanie und kamen mit vielen unschätzbaren Eindrücken nach Hause zurück. Denn zum einen ist der Herr Jesus Christus ist erschienen, „der sich um der Menschen willen von Johannes im Jordan taufen ließ“. Zum anderen erlebten sie hautnah – neben vielen anderen persönlichen Erfahrungen – die Geburtsstunde einer neuen orthodoxen Kirche, die in der Welt erschienen ist.

Ostereier erzählen vom Leben der Menschen in der Ukraine

Bei uns im Bistum Eichstätt endet die Osterzeit mit dem Pfingstfest, und zuallerletzt mit dem Fronleichnamsfest. So ist es auch in allen Ländern mit dem Christentum westlicher Tradition. Anders ist es bei den östlich-byzantinischen Christen, den Orthodoxen und den Griechisch-Katholischen: Sie feiern das Osterfest und somit den Osterfestkreis, einschließlich Pfingsten, etliche Tage – manchmal sogar Wochen – später. So ist es in allen Ländern, zum Beispiel in Griechenland, Bulgarien, Serbien, Rumänien, Georgien, Russland und auch der Ukraine, die den christlichen Glauben durch die Missionare aus der oströmischen Hauptstadt – Konstantinopel, heute Istanbul – oder mittelbar von dort aus seinerzeit empfingen. Der Grund für die auseinandergehenden Ostertermine liegt in den verschiedenen Kalendern, dem julianischen im Osten und dem gregorianischen im Westen, die den Ostertermin unterschiedlich berechnen. Der Abstand zwischen den beiden Osterterminen kann unterschiedlich ausfallen. Das Hochfest der Auferstehung Jesu Christi kann auf den gleichen Sonntag fallen, wie es in diesem Jahr sein wird (16. April 2017), oder mehrere Wochen betragen. Der größte Abstand kann fünf Wochen sein, was im vergangenen Jahr der Fall war. Da fiel der orthodoxe Ostersonntag auf den 1. Mai.

Für das gemeinsame Zeugnis der Christen ist dies natürlich verheerend. Deshalb riefen bereits mehrere Päpste Christen in aller Welt zur gemeinsamen Feier des Osterfestes auf. Papst Franziskus steht in dieser guten Tradition und bestätigte die Bereitschaft und große Offenheit der katholischen Kirche in dieser Frage (vgl. FAZ, 13.06.2015). In der Tat wäre in diesem ökumenischen Bereich zwischen den Orthodoxen und Katholischen viel möglich und erreichbar im Unterschied zu allen anderen theologischen bzw. jurisdiktionellen Fragen.

In praktischer Hinsicht ergeben sich aus dieser Zwei-Kalender-Situation aber auch interessante Möglichkeiten für Christen, das Osterfest zweimal und in verschiedenen Traditionen zu feiern bzw. zu erleben. Sehr intensiv habe ich dies 2016 auf einer Dienstreise erleben dürfen, ja müssen. Nach dem fünften Ostersonntag in Eichstätt bin ich beim Landen in Kiew fünf Wochen zurückgeworfen worden, und zwar mitten in die Karwoche im byzantinischen Ritus. Die Umstellung war nicht leicht. Ja, sie war mit Schmerz verbunden, mit dem Schmerz, dass die Christen sich nicht einig sind.

Allukrainische Ostereierausstellung

Eine Genugtuung war für mich jedoch die sogenannte Allukrainische Ostereierausstellung auf dem Sophienplatz in Kiew. Ich war von ihr so begeistert, dass ich sie gleich zweimal besichtigte. Die Ausstellung hatte zum Ziel, österliche Kunstwerke von Künstlern aus allen Regionen der Ukraine zu zeigen und die Bevölkerung auf das Osterfest einzustimmen.

Bekanntlich sind Ostereier beliebte und treffende Symbole sowie Kennzeichen des Osterfestes und des Glaubens an die Auferstehung in Ost und West. In einem Gebet zur Segnung der Osterspeisen ist dies wunderbar zusammengefasst: „Segne, o Gott, auch die Ostereier, damit sie uns zum Zeichen dafür werden, dass dein Sohn und unser Herr Jesus Christus das Felsengrab gesprengt hat und auferstanden ist!“

Hinter dieser erstrangigen Symbolik hat sich für mich auch noch eine andere Dimension der Ostereier in dieser Ausstellung in Kiew erschlossen. Die ausgestellten Ostereier gaben nicht nur ein Sinnbild für das kommende Leben und die Auferstehung. Sie erzählten vielmehr vom Leben der Menschen in der heutigen Ukraine. Die ausgestellten Kunstwerke, in Größe eines menschlichen Körpers, stammen aus verschiedensten Ecken der Ukraine und berichten in ihren Motiven vieles. Sie verraten, was die Menschen in der Ukraine beschäftigt. Sie erzählen davon, was sie schmerzt in dieser Zeit des Krieges, und was sie freut, wenn sie in die Zukunft schauen. Die Ostereier am Sophienplatz geben – so meine ich – einem jeden von uns einerseits einen sehr guten Einblick in den Reichtum und die Vielfalt der Begabungen. Ferner und vor allem aber bezeugen sie die europäische Einstellung der Ukrainer und der Ukrainerinnen, ja aller in der Ukraine lebenden Menschen.

Frieden zwischen den Religionen

Die vielfältige Palette der Motive auf den Ostereiern reicht von traditionell gemalten Ikonen bis hin zu Darstellungen abstrakter und impressionistischer Art. Es finden sich hier Abbildungen des Schmerzes wegen der Krimannexion oder des Krieges im östlichen Teil der Ukraine. Es gibt jedoch überwältigend viele künstlerisch ausgeführte Aufrufe zu Frieden, Liebe, Versöhnung und Bewahrung der Schöpfung. Es war dort sowohl das typisch Ukrainische anzutreffen, wie blau-gelbe Töne der ukrainischen Fahne und farbenprächtige Bestickungen der Trachtenhemden, als auch das Universale: Frieden zwischen den Religionen, Abrüstung der Atomwaffen und Ähnliches.

Es war das Besondere wie das Allgemeine zu sehen, das Märchenhafte genauso wie das ganz Realistische. Die Ostereier der Allukrainischen Ostereierausstellung erzählen vom Leben der Menschen in der Ukraine, was sie bewegt, wie sie sich mit den Menschen in Eichstätt und in der ganzen Welt verbunden fühlen, und zwar durch ihre Ideenwelt und durch die Träume von einem guten, menschlichen, friedlichen Miteinander; unter anderem auch mit der großen Hoffnung auf ein immer am gleichen Sonntag zu feierndes gemeinsames Osterfest.

Einige Fotos und Kurzvideos, die ich von der Ausstellung mitgebracht habe, mögen Euch, liebe Leser/innen, an der wunderschönen Ostereierausstellung direkt teilnehmen lassen, die mich persönlich so tief berührt hat.