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Bolivien – Pfarrseelsorge in Santa Cruz de la Sierra

Es gibt einen gewissen Rhythmus im Leben, und doch ist jedes Jahr und jeder Tag neu und anders. Dies kann ich zumindest von 2014 sagen. In Bolivien herrscht relative Ruhe. Am 12. Oktober war Präsidentschaftswahl, und es war vorauszusehen, dass Evo Morales von der sozialistischen Partei wieder gewinnen würde. Es ist seine dritte Amtszeit. Dennoch hat er eigentlich nichts Wesentliches verändert oder verbessert, obwohl er immer vom Cambio (Wechsel) spricht. Rauschgift und Gewalt sind auf dem Vormarsch und kaum aufzuhalten. Die Behörden sind nicht in der Lage (oder auch nicht gewillt) ernsthaft durchzugreifen. Mal sehen, was die nächsten fünf Jahre bringen. Ein Freund der Kirche ist der Präsident jedenfalls nicht.

In der bolivianischen Franziskanerprovinz (Provincia Misionera San Antonio) hingegen hat sich einiges getan – und dies hat auch mich ziemlich betroffen. Am 25. März wurde unser einheimischer Provinzial Pater Aurelio Pessoa zum Weihbischof von La Paz ernannt. Damit musste er seine Ämter in der Provinz ruhen lassen. Da ich Vizeprovinzial war, musste ich automatisch die Provinzleitung übernehmen und somit auch das Provinzkapitel im September vorbereiten. Dies bedeutete, dass ich viele Visitationsreisen machen musste, um mit den Mitbrüdern zu reden. Dabei begleitete mich immer auch der bolivianische Provinzsekretär. Oft war er mein Fahrer, manchmal aber waren wir auch im Flugzeug unterwegs.

Zwar bin ich inzwischen 35 Jahre in Bolivien, doch viele und wichtige Teile des Landes hatte ich noch nie gesehen. Es war also eine einmalige Gelegenheit. Allerdings war dies nicht immer sehr erfreulich: Auf engen und kurvenreichen Schotterstraßen auf 3000 bis 4000 Meter Höhe, an tiefen Schluchten vorbei… Interessant, doch nicht immer angenehm.
Dann musste ich verschiedene Versammlungen leiten und unsere Vollversammlung vorbereiten. Um eine Kandidatenliste für den neuen Provinzial aufzustellen, wurden zwei Wahlen unter allen 103 Mitbrüdern durchgeführt. In beiden Wahlen lag ich klar an der Spitze. Ich gab den Mitbrüdern kund, dass ich mich nicht zur offiziellen Wahl stellen möchte. Gründe: Ich bin 69 Jahr alt und habe durchaus keine gute Gesundheit. Andererseits muss ein Provinzial ständig unterwegs sein. Und dies bei diesen Wegen, Entfernungen und Höhenunterschieden. Zudem ist knapp die Hälfte der Mitbrüder Bolivianer. Außerdem sind wir Ausländer fast alle mehr als 65 Jahre alt. Also ist es höchste Zeit, dass die Bolivianer selbst die Verantwortung übernehmen. Allerdings bin ich in das sogenannte Definitorium gewählt worden: Es sind fünf Ratsmitglieder, zu denen auch Pater Martin Sappl aus Bad Tölz zählt. Nun geht es bald um die Versetzungen. Es wird nicht einfach sein, und die kommenden Jahre werden schwierig. Nun ja, wir hoffen, dass es gut geht.

Pfarrei San Antonio

So bin ich vorerst noch Pfarrer von San Antonio in der Großstadt Santa Cruz de la Sierra, mit knapp 1,5 Millionen Einwohnern die größter Stadt Boliviens. Seit neun Jahren bin ich hier, nachdem ich 26 Jahre in Concepcion war. Wir betreuen 13 Außenstellen, die zum Teil wie eigene Pfarreien funktionieren. Im Haus sind wir momentan fünf Franziskaner: Drei Priester arbeiten in der Pfarrei (einer davon ist zugleich Leiter der Schule mit 2.400 Schülern). Zudem ist P. Walter Neuwirth (Deutscher) hier als Pensionär, und Bruder Feliz (Pole) als Hausökonom.

In diesen neun Jahren, die ich nun hier bin, konnte ich entscheidend mithelfen, dass eine Krankenstation im Haus für Franziskaner funktioniert, dass die Pfarrkirche zweimal erweitert wurde. Auch wurden verschiedene Säle und Räume als Pfarrzentrum geschaffen. Vor einem Jahr wurde auch das sogenannte Centro Franciscano mit Speisesaal, Versammlungsräumen und 50 Betten eröffnet. Dankbar kann ich sagen, dass es sehr gut angenommen wird und fast jede Woche Gruppen kommen. Doch dies alles muss natürlich organisiert werden.

In vielen Filialen konnte ich die Kapellen erweitern oder fertigstellen lassen, dazu auch Versammlungsräume. In vier Außenstellen am Stadtrand zelebrierte ich noch einige Jahre unter den Bäumen, doch inzwischen haben wir auch dort Kapellen und Räume. Doch ist nicht nur wichtig, zu bauen, sondern auch die Pastoral aufzubauen und zugleich zu entwickeln. So gibt es überall Gruppen, Vorbereitung für Erstkommunion und Firmung, einige Seniorenclubs, Musikgruppen, Jugendgruppen… Da es hier keine Orgeln gibt, spielen die Jugendlichen mit Gitarren, Trommeln und Elektroorgeln. Es ist gut, dass man älter und damit etwas schwerhörig wird. Doch den Leuten gefällt die Lautstärke. Jedes Wochenende können wir hier im Haus bis in die Morgenstunden kostenlos tanzen, da von den verschiedenen Bars die Musik tönt und sogar die Fensterscheiben vibrieren und klirren.

Andererseits kommen viele Jugendliche in die Kirche, spielen Musik und sind in der Gemeinde aktiv. So gibt es auch viele junge Katecheten für die vielen Filialen und Gruppen – wir haben zum Beispiel 350 Firmlinge und jährlich rund 100 Hochzeiten. Manchmal ist es nicht ganz so einfach, eine solche Pfarrei mit rund 50.000 Leuten in 13 Filialen zu organisieren und zusammenzuhalten. Aber bis jetzt scheint es, dass ich es ganz gut geschafft habe.

Nach wie vor haben wir zwei Speisesäle für Kinder aus armen Familien und eine Krankenstation. Auch helfe ich bei der Finanzierung eines Lehrers in der Taubstummenschule. Für einige Religionslehrer brauche ich monatlich gut tausend Euro. Wir sind dabei, Pfarr-Caritas zu verbessern, da Arme und Kranke aus der ganzen Stadt bei uns auftauchen. Wer ist wirklich arm, wer faul, wer betrügerisch? Immer wieder stehe ich vor Entscheidungen, den wirklich Armen zu helfen ohne in die Fallen der Schwindler zu tappen. Wir überlegen, ob wir nicht eine Sozialarbeiterin für diese wichtigen Aufgaben einstellen sollten und hoffentlich auch finanzieren können.

Frauen in brasilianischen Gefängnissen

Seit November bin ich nun nicht mehr die zweite Vorsitzende der nationalen Gefängnisseelsorge Brasiliens. Das Mandat ist nach vier Jahren ausgelaufen. Wir hatten im November in Belo Horizonte die nationale Hauptversammlung mit Neuwahlen. So ganz ohne Arbeit bin ich aber nicht davon gekommen. Ich wurde für einem anderen Dienst gewählt, zur “Coordenadora Nacional para a questão da mulher presa”, das heißt, jetzt bin ich beauftragt, auf nationaler Ebene für die Themen rund um Frauenseelsorge in den Gefängnissen. Die Aufgabenbereiche ändern sich also doch sehr, werden „kleiner“, aber die Herausforderung für mich ist größer. Ich bin aber recht zuversichtlich und motiviert, in diesem spezifischen Bereich nun zu arbeiten.

Im Jahr 1997 ist der brasilianischen Gefängnisseelsorge bewusst geworden, dass die Frau im Gefängnis nicht beachtet wird. So wurde seitdem die Frauenseelsorge besonders intensiviert. Heidi Cerneka, Amerikanerin und Missionarin der Mary Knoll Bewegung, begann damals die Realität der Frau im Gefängnis mehr in den Blick der Gefängnisseelsorge zu stellen und eine sozialpolitische Diskussion zu diesem Thema anzustoßen. Inzwischen gibt es eine Vernetzung von verschiedensten Organisationen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Problematik der Frau im Gefängnis zu diskutieren, die unmenschlichen Bedingungen im Frauenstrafvollzug anzuprangern und neue Wege aufzuzeigen.

In den letzten zehn Jahren ist die Frauenquote in den Gefängnissen ums Dreifache gestiegen. Heute sitzen rund 370.000 Frauen in Brasilien hinter Gittern. Wie auch bei den Männern sind es hauptsächlich Jüngere. Zwei Drittel der weiblichen Häftlinge sind zwischen 18 – 25 Jahren, 60 Prozent von ihnen sind wegen Drogendelikte oder Drogenbeschaffungsdelikte in Haft. Die meisten von ihnen sind sogenannte „mulas“, einfache Drogenkuriere, und nicht Drogenhändlerinnen. Sie kommen fast ausschließlich aus verarmten Familien und versuchen durch diese „Arbeit“ ihre Kinder zu ernähren

„Männer mit Menstruationszyklus“

Es sind verschiedenste Faktoren, die den Straffvollzug der Frauen beschwerlicher machen als für Männer. Ich möchte hier nur kurz einige davon erwähnen:

  • Die meisten Frauen werden von ihren Männer bei ihrer Verhaftung verlassen und somit bleiben sie ohne die Unterstützung von „außen“, was bei den brasilianischen Gefängnissverhältnissen allerdings notwendig ist. Die Besuche während ihrer Haftzeit beschränken sich oft nur auf ihre Mütter, die meistens auch die Kinder der Insassinnen während der gesamten Haftzeit versorgen.
  • Die größte Sorge dieser Frauen in Haft ist die um ihre Kinder. Wenn sie nicht von den Großeltern aufgenommen werden können, kommen sie in staatliche Heime. Die Väter sind da längst über alle Berge.
  • Schwangere Frauen haben es besonders schwierig im Gefängnis. Die medizinische Versorgung ist sehr prekär, Gynäkologen gibt es so gut wie gar nicht. Die Angst, ob sie rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht werden, wenn die Wehen beginnen, ist ständig präsent. Vor kurzem gab es eine große Aktion gegen die Vorgehensweisen für Gebärende, die während des Geburtsvorgangs mit Handschellen ans Bett gekettet wurden. Die Gefägnisseelsorge konnte zusammen mit anderen Organisationen die Behörden so unter Druck setzen, dass es nun eine Gesetzesvorlage gibt, die verbietet, dass während der Geburt Handschellen angelegt werden. Es ist schon ein Skandal, dass es dazu ein Gesetz braucht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Frau während der Geburt ihres Kindes eine Flucht aus dem Krankenhaus versucht.
  • Wenn Frauen während ihrer Haft gebären, dürfen sie laut Gesetz ihre Neugeborenen sechs Monate bei sich behalten – so lange sie das Kind stillen. In vielen Gefängnissen gibt es für diese Frauen keine eigene Abteilung. Es wird einfach eine Zelle als „Berçário“ (Kinderstube) deklariert – mitten unter den anderen Frauen.
  • Die Frauengefängnisse sind in ihrer Mehrzahl alte, renovierte Männergefängnisse. Die Haftbedingungen sind „männlich“, auch für die Frauen. Wer schon Fotos von den brasilianischen Gefängnissen von mir gesehen hat – da gibt es keinen Unterschied zwischen Frauen- und Männergefängnisse. Es sind die gleichen Baustrukturen und Ordnungsregeln, Überbelegungen, Wassermangel, nicht ausreichende medizinische und juristische Betreuung etc. Der kleine Unterschied besteht darin, dass die Zellen rosa gestrichen sind und aufgeräumter scheinen. Besonders krass wird dies, wenn die Anstaltskleidung aus dem gleichen groben Stoff und Schnitt wie bei den Männern auch für Frauen benutzt wird. Heidi, meine Vorgängerin in der nationalen Frauenseelsorge, sagte mal: „Die Frauen im Gefängnis werden wie „Männer mit Menstruationzyklus“ behandelt.

Heute nur mal ein kleines Reinschnuppern in dieses Thema „Frau im Gefängnis“. Ihr werdet sicher in nächster Zeit noch mehr von mir davon hören. In den nächsten Wochen bin ich beschäftigt mit der Sammlung von Texten und Themen für eine kleine Fortbildungsbroschüre für die Gefängnisseelsorger/innen, die hauptsächlich mit den Frauen in Haft arbeiten. Auch wollen wir die bereits veröffentlichten 40 Gottesdienstvorlagen für spezielle Themen für die Frauen in Haft ausweiten, zum Beispiel Meditationen über die Frauen in der Bibel, Prophetinnen im Alten Testament und über die Begegnungen Jesu mit den Frauen. Na ja, es wird „groß werden“, wie schon unser Ordensgründer, der Herz-Jesu-Missionar Pater Christian Moser MSC vor fast 60 Jahren sagte. Also es gibt viel zu tun.