Schlagwort-Archive: Orden

Die Zukunft Kubas ist ungewiss

Pater Klaus Väthröder, Missionsprokurator der Jesuiten in Nürnberg, nimmt an der Kubatagung zum Thema „Barmherzigkeit und kirchliche Arbeit in existentiellen Randbereichen“ von 21. bis 22. November 2016 in Eichstätt teil. Hier berichtet er von seinen Erlebnissen in der kubanischen Stadt Cienfuegos, wo er für sechs Wochen den Pfarrer der Gemeinde Nuestra Señora de Montserrat vertrat.  

„Pan Suaveeee“, ertönt es auf der Straße unter meinem Fenster früh am Morgen, begleitet von einer Trillerpfeife. Nach dem Verkäufer von „Feinem Brot“ kommen dann die ersten Pferdetaxis (siehe Foto oben) vorbeigerumpelt. Es sind Einspänner mit Platz für bis zu sechs Fahrgästen, die für 5 oder 10 Cent die Bewohner Cienfuegos an ihre Arbeitsplätze kutschieren. Mein Blick aus dem Fenster geht über die Bahia zum einzigen Atomkraftwerk Kubas. Es wurde allerdings nie in Betrieb genommen, da der Zusammenbruch der UDSSR die sowjetisch-kubanische Freundschaft Ende der 90er Jahre jäh beendete.

Es ist 6 Uhr morgens und Zeit die Kirche aufzuschließen. Im Laufe des Tages werden noch viele Verkäufer, rufend zu Fuß oder klingelnd auf dem Fahrrad, ihre Produkte anbieten: Gemüse, Nudeln, Handbesen, Putzlumpen, Knoblauch und vieles mehr. Sie sind die unüberhörbaren Vertreter der neuen Generations von Unternehmen, sogenannte „Cuentapropistas“, private Klein- und Kleinstunternehmen, die seit einigen Jahren im sozialistischen Cuba erlaubt sind. Dazu zählen Restaurants, Kleinbauern, Gästehäuser, Taxis, und Reparaturwerkstätten, um nur einige der insgesamt 178 unterschiedliche Kategorien zu nennen, die das Wirtschaftsministerium für die Gründung eines kleinen Unternehmens zulässt. Mit der Zeit wurden auch die Restriktionen weniger: so wurde die Anzahl der verfügbaren Restaurantplätze von 12 auf 20 und später auf 50 erhöht und die vormals regulierte Speisekarte wurde liberalisiert. Noch kann man nicht vom freien Unternehmertum auf Cuba sprechen, da unübersichtliche und zum Teil absurde Kontrollen weiterbestehen, aber es ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung.

P. Klaus Väthröder (hinten Mitte) mit Kindern in Cienfuegos. Foto: privat
P. Klaus Väthröder (hinten Mitte) mit Kindern in Cienfuegos. Foto: privat

Die kubanischen Jesuiten haben dies zum Anlass genommen, um ihr Arbeitsfeld, das weitgehend auf die kirchliche Pastoral beschränkt war, zu erweitern. In ihren Zentren „Fe y Cultura Loyola“ in Havanna, Camagüey, Cienfuegos, Colón und Santiago bieten sie Kurse für die Cuentapropistas an. Hierbei werden die Grundlagen der Geschäftsführung eines kleinen Unternehmens vermittelt: Buchhaltung, Personalführung – inzwischen darf auch eine gewisse Anzahl von Nicht-Familienmitglieder angestellt werden -, Kostenrechnung etc. Diese Kurse erfreuen sich einer großen Nachfrage. Auf meine Frage an den Oberen der kubanischen Jesuiten, ob dies denn legal sei, antwortet er etwas nebulös: „Die Kurse werden geduldet, kein Aufheben machen, sich bedeckt halten, weitermachen“.

Nachdem ich die Kirche aufgeschlossen habe, kommen schon die ersten Gläubigen, die vor der täglichen 7:30 Uhr Messe beten oder eine Andacht vor dem Bild der „Virgen de la Caridad de Cobre“ halten. Die Jungfrau von Cobre ist die Patronin Kubas quer durch alle Konfessionen, Religionen und politischen Bekenntnissen. Im Unterschied zu anderen lateinamerikanischen Ländern war die katholische Kirche in Kuba allerdings nie besonders bedeutend. Vor und auch nach der Revolution gingen und gehen ca. 5 Prozent der Bevölkerung regelmäßig zum Gottesdienst. So auch in unserer Gemeinde Montserrat in Cienfuegos. Jeden Morgen versammeln sich hier gut 30 Personen, um die Eucharistie mitzufeiern. Dienstag und Donnerstag sind es mehr, da wir dann der Toten gedenken. Dann kommen auch Kirchenferne und bringen Blumen zum Andenken an ihre Verstorbenen mit.

Wandel durch Papstbesuche

Die freie Ausübung des Glaubens war nicht immer so selbstverständlich. Nach dem Sieg von Fidel Castros Revolution Anfang der 60er Jahre wurde die katholische Kirche auf die Sakristei beschränkt. Soziale Aktivitäten und Schulen mussten eingestellt werden, Gebäude wurden enteignet, Ausländer des Landes verwiesen. Priester, Ordensleute und bekennende Katholiken wurden in vielen Bereichen der Gesellschaft diskriminiert und schikaniert. Dies änderte sich ab den 90er Jahren mit den Besuchen der Päpste Johannes Paul II (1998), Benedikt (2012) und Franziskus (2015) in Kuba. Ohne das Regime direkt anzugreifen haben die drei Päpste politische Freiheiten, die Achtung der Menschenrechte und mehr Autonomie für die katholische Kirche angemahnt. Auch die auf Dialog angelegte Politik des Kardinals von Havanna Jaime Ortega hat dazu beigetragen, dass sich die Beziehung zwischen Staat und Kirche entspannt hat. Kardinal Ortega ist inzwischen aus Altergründen zurückgetreten. Seine nicht allzu konfrontative Annäherung an das Regime war innerhalb der katholischen Kirche in Kuba nicht unumstritten.

Jesuitenschule in Cienfuegos, Kuba. Foto: Klaus Väthröder
Jesuitenschule in Cienfuegos, Kuba. Foto: Klaus Väthröder

Nach dem Gottesdienst treffe ich Pater Ignacio beim Frühstück der Kommunität. Ich frage ihn nach den Baufortschritten. Auf dem Gelände der Pfarrei in Cienfuegos befindet sich auch eine große ehemalige Schule der Jesuiten, die 1880 in Betrieb genommen und 1961 mit der Revolution vom Staat enteignet wurde. Zur Überraschung aller hat der Staat das Gebäude, das einen ganzen Häuserblock umfasst, vor drei Jahren der Gesellschaft Jesu zurückgeben. Allerdings in einem bemitleidenswerten Zustand. Türen, Fenster, Böden und Wände wurden entfernt oder sind zerstört. Das renovierte Gebäude würde Räume für Gemeinde, für Exerzitien und große Versammlungen ermöglichen. Die Renovierungsarbeiten werden wohl noch Jahre dauern. Es fehlt an Material, Geld und ausgebildeten Arbeitskräften. Der Hintergedanke der Regierung war wohl, dass die Jesuiten die Renovierung eher voranbringen können und dass zumindest die Fassade des ehemaligen Kollegs von Montserrat zum 200sten Stadtjubiläum Cienfuegos 2019 im alten Glanz erstrahlen wird. Das Kolleg ist eines der wenigen architektonisch bedeutenden Gebäude der Stadt. Cienfuegos, die auch „Perle des Südens“ genannt wird, wurde 1819 durch französische Siedler gegründet und hat sich einen frankophonen Charakter erhalten. Heute hat die Stadt, die 250 Kilometer von Havanna entfernt an der Bahia de Jagua gelegen ist, rund 170.000 Einwohner und wird von vielen Touristen besucht.

kuba-seniorenkreisNach dem Frühstück gehe ich zum Treffen der Senioren im Gemeindesaal. Die Sorge um die alten Menschen ist eine wichtige Aufgabe der katholischen Kirche. Bis vor einigen Jahren war diese Caritas für die Senioren vom Staat verboten. Gemäß offizieller Verlautbarung haben alle Menschen in Kuba das Notwendige zu einem zufriedenstellenden Leben inklusive einer guten und kostenlosen Gesundheitsversorgung sowie schulischer bzw. universitärer Ausbildung.  Das ist immer noch wahr, doch die Unterschiede im Lebensstil sind inzwischen gravierend. Wer Zugang zu Dollars oder Euros hat über Verwandte und Freunde im Ausland oder durch eine Arbeit in Kuba, z.B. im Tourismussektor, lebt um einiges besser, als die ohne diese zusätzliche Einkommensquelle. Das trifft auf die meisten alten Menschen zu. Sie leben von einer monatlichen staatlichen Rente von 10 bis 20 US Dollar. Und auch mit der famosen „Libreta“, eine Art von Bezugsscheinen für den Erwerb verbilligter Lernmitteln, kann man nicht mehr viel bekommen, da die Produkte der Libreta immer weniger und teurer werden.

Señora Maria Emilia, 115 Jahre. Foto: Klaus Väthröder
Señora Maria Emilia, 115 Jahre. Foto: Klaus Väthröder

Es sind vor allem Frauen, die zum Seniorenkreis kommen und sich ein gutes Frühstück schmecken lassen. Unter ihnen sind Lehrerinnen, Ärztinnen und auch die Gewinnerin einer olympischen Bronzemedaille. Die Hälfte des verteilten Essens packen sie ein und auch an einer kleinen Tasse Kaffee wird nur genippt, der Rest für die nächsten Tage aufgespart.  Besonders gern unterhalte ich mich mit Señora Maria Emilia. Sie ist 115 Jahr alt und bis vor kurzem kam sie noch zur sonntäglichen Messe zu Fuß, nun wird sie im Rollstuhl gebracht. In den letzten Wochen hatte sie Besuch von in- und ausländischen Journalisten und auch mir gibt sie bereitwillig Auskunft über meine Fragen zur Geschichte Kubas. Sie ist das lebendige Beispiel für die hohe Lebenserwartung in Kuba, vergleichbar mit der der westlichen Ländern und eine Zeugin der immer noch guten Gesundheitsversorgung.

Zerrissene Generation

Am Abend nehmen mich die großen Ministranten mit zum Malecón, dem Treffpunkt der jungen Generation an der Bahia Cienfuegos. Da die hunderten von Jugendlichen kein Geld haben, gibt es hier am Malecón auch kaum Smartphones, kaum Alkohol, kein Internet, kein Facebook oder Twitter und sowieso keine Drogen. Hier hängt man ab, redet und singt, hört oder macht Musik, ohne Stress oder Angst vor Kriminalität, wie in anderen lateinamerikanischen Ländern. Es ist eine friedliche und schöne Stimmung.

Straßenmusiker in Cienfuegos. Foto: Klaus Väthröder
Straßenmusiker in Kuba. Foto: Gerhard Rott

Allerdings wären die meisten dieser Jugendlichen jetzt lieber in Miami oder Madrid, denn trotz ihrer guten Ausbildung sehen viele von ihnen für sich keine Zukunft in Kuba. Diese Generation kennt die wichtigen Ereignisse der Revolution, die Diktatur Batistas und den Befreiungskampf Fidels in der Sierra Maestra, die Invasion in der Schweinbucht, die Raketenkrise 1962 und die Notlage Kubas nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Blocks nur aus Erzählungen und Büchern. Diese Ereignisse sind für sie kaum mehr identitätsstiftend. Es sind die Geschichten Ihrer Eltern und Großeltern. Bei meinen Gesprächen mit den Ministranten und am Malecón spüre ich die Zerrissenheit dieser Generation. Sie hängen an ihrem Land, ihren Familien und Freunden und doch wollen sie lieber ein neues Leben in einem anderen Land beginnen. Sie träumen von einem Leben wie ihre Altersgenossen in der globalisierten Welt: sie wollen an der vernetzten Welt teilhaben, sie wollen freie Information und Unterhaltung anstatt staatlich monopolisierte Zeitungen und Fernsehen, sie wollen mit Freunden über Internet, Facebook und Twitter verbunden sein, angesagte Klamotten tragen, für Ihre Arbeit einen entsprechenden Lohn erhalten. Sie wollen nicht Taxifahrer werden, da man damit mehr verdient als ein Arzt oder Lehrer. Ähnlich wie die junge Generation der Kubaner in Miami, die die radikale und revanchistische Anti-Castro Haltung ihrer Eltern und Großeltern hinter sich gelassen haben, ist vielen jungen Kubanern auf der Insel die revolutionäre Rhetorik des Regimes fremd geworden. Zwar hat sich in den letzten 20 Jahren durch die vorsichtigen Reformen einiges auf Kuba gewandelt, doch vielen in der jungen Generation geht dies zu langsam. Die Zukunft Kubas ist ungewiss. Wie gehen die Reformen der politischen und wirtschaftlichen Öffnung weiter? Was geschieht, wenn nach Fidel auch Raúl Castro 2018 zurücktreten wird? Werden immer mehr der jungen Generation Kuba verlassen und ihr Glück woanders suchen? Es bleibt zu hoffen, wie es Papst Johannes Paul II gesagt hat, „dass Kuba sich mit all seinen wunderbaren Möglichkeiten der Welt öffnen möge, und die Welt sich Kuba öffnet.“

Barmherzige Schwestern aus Nigeria

Das von Papst Franziskus ausgerufene Jahr der Barmherzigkeit geht nun zu Ende, aber Barmherzigkeit kennt kein Ende. Schon gar nicht für uns „Töchter Mariens, Mutter der Barmherzigkeit“ (Barmherzige Schwestern – wie wir in Deutschland genannt werden). Unser Ordensname ist Programm.

Vielleicht haben Sie mich oder eine meiner Mitschwestern in blauer Kutte in Eichstätt oder in einer anderen Stadt schon gesehen und gefragt: Wer sind diese Schwestern? Und was machen sie?

Ich lebe seit Oktober 2012 hier in Eichstätt bei den Schwestern der Congregatio Jesu in Eichstätt. Zurzeit studiere ich Pflegewissenschaft an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Unser Orden, Daughters of Mary Mother of Mercy (DMMM) , wurde 1961 in Nigeria gegründet. Der damalige Bischof der Diözese Umuahia in Abia, Anthony Gogo Nwedo, suchte Hilfe, um sein junges Bistum zu evangelisieren. Er wollte unter anderem auch Schulen, Krankenhäuser und Waisenhäuser errichten. Da es für diese Aufgabe keine Orden vor Ort gab, wurde ein eigener Orden gegründet, der 1994 als Kongregation päpstlichen Rechts anerkannt wurde.

Ordensgründer Anthony Gogo Nwedo. Foto: DMMM
Ordensgründer Anthony Gogo Nwedo. Foto: DMMM

Zurzeit hat der Orden über 1.000 Schwestern, 82 Novizinnen und 90 Postulantinnen unter anderem auch in Deutschland, Belgien, Italien, Schweden, England, Österreich und in den USA. Unser Mutterhaus ist in Nigeria (unsere General-Oberin Rev. Mother Mary Angeleen Umezuruike hat ihre Ausbildung in Bonn absolviert) und wir sind auch in weiteren afrikanischen Ländern präsent. Wir leben nach den drei Gelübden des Gehorsams, der Armut und der ehelosen Keuschheit. Nächstenliebe, Demut, Gebet, Buße und Hingabe an den Willen Gottes machen den Geist unserer Ordensgemeinschaft aus.

General-Oberin Rev. Mother Mary Angeleen Umezuruike . Foto: DMMM
General-Oberin Rev. Mother Mary Angeleen Umezuruike . Foto: DMMM

Durch unser Tun und unsere Lebensweise wird die Barmherzigkeit Gottes den Menschen vermittelt. Als Ausdruck unserer Berufung in der Nachfolge Jesu sind wir tätig in der Fürsorge der Armen und Bedürftigen in Krankenhäusern, Heimen, Waisenhäusern, Altenheimen und bei Obdachlosen sowie in der Seelsorge und der Vorbereitung der Erstkommunionkinder in der Pfarrgemeinde und auch der jungen Frauen für das Familienleben. Beruflich sind wir hauptsächlich Krankenschwestern und/oder Hebammen, Altenpflegerinnen, Ärztinnen, Kindererzieherinnen, Sozialarbeiterinnen und Lehrerinnen in verschiedenen Ebenen.

In Nigeria, einem Land in dem rund 180 Millionen Menschen aus 250 ethnischen Gruppen leben, besucht ein großer Teil der Kinder im Schulalter keine Schule. Die Analphabeten-Quote beträgt bei Männern 30 Prozent, bei Frauen sogar rund 50 Prozent. Zum einen sind die Schulgebühren sehr hoch, zum anderem müssen viele Kinder für ihren Lebensunterhalt arbeiten. Deshalb ist es unserem Orden sehr wichtig, in diesen Bereich tätig zu werden, denn ohne Bildung ist ein erfolgreicher Einstieg in das Berufsleben kaum möglich. Mit unseren Schulen unterstützen wir vor allem die armen Kinder.

Nigeria ist in erster Linie aufgrund seiner vielen Rohstoffe ein reiches Land. Aber dieser Reichtum ist auf Wenige konzentriert. Etwa zwei Drittel der Menschen in Nigeria leben in extremer Armut. Als Folge davon stranden viele Kinder heimat-, eltern- und obdachlos in den Slums und Straßen der Städte wie Lagos, Kano, Ibadan und Abuja. Auch diese Menschen unterstützen wir durch unsere Arbeit. Allein unser Orden unterhält vier Waisenkinderheime.

Barmherzige Schwestern in Nigeria (1. von rechts: Sr. Angela bei Ihrem 25jährigen Professjubiläum). Foto: DMMM
Barmherzige Schwestern in Nigeria (1. von rechts: Sr. Angela bei Ihrem 25jährigen Professjubiläum). Foto: DMMM

In Deutschland sind wir überwiegend im Krankenhausbereich tätig und legen hier durch unser Wirken Zeugnis für unseren Glauben ab. Mit unserem Gehalt unterstützen wir wiederum unsere Einrichtungen in Nigeria. Unsere Einrichtungen in Nigeria werden hauptsächlich durch Spenden und durch die Arbeit der Barmherzigen Schwestern im Ausland finanziert.

Es gibt auch die „Barmherzigen Brüder“, die Sons of Mary Mother of Mercy (SMMM). Auch sie sind hier in Deutschland in mehreren Diözesen tätig.

Die Kraft der Stille – Ein Besuch im Kloster Poblet

Es regnet in Strömen und es weht ein furchtbar kalter Wind. Und dann ist auch noch der Gastpater gerade nicht da, als ich zehn Tage nach Ostern an der Pforte der Zisterzienserabtei Poblet klopfe. Wie schon ein paarmal in den vergangenen Jahren, will ich mich für ein paar Tage dem Trubel und dem Alltagsstress der Großstadt entziehen. Ich gönne mir in der „großen Stille“ dieses mittelalterlichen Klosters im Hinterland Neukataloniens wieder einmal bewusst Zeit für Gebet und Reflexion. Ohne mich vorher anzumelden, bin ich in aller Früh einfach losgefahren. Der Gastpater sei gerade nicht im Haus und komme erst am Nachmittag wieder zurück, klärt mich der Bruder an der Pforte auf. Ich solle mich doch nach 15 Uhr wieder melden.


Zur Mitte kommen

So, nun stehe ich also vor verschlossenen Klostertüren im kalten, windigen Regen. Was mache ich jetzt? Warum bin ich überhaupt der pulsierenden Weltstadt Barcelona mit dem angenehmen und sonnigen Mittelmeerklima entflohen? Um wieder die Mitte zu finden. Um alles Oberflächliche, Störende und Ablenkende vergessen zu können, damit der tiefe Sinn wieder durchdringen kann. Aber das eigentliche Zentrum von Poblet, die Klosterkirche, ist ja offen, täglich von 5 bis 20 Uhr. Also trete ich in den gewaltigen romanischen Kirchenraum. Zunächst einmal, um endlich dem scheußlichen Regen zu entfliehen. Ein mächtiges, dunkles Kirchenschiff empfängt mich. Auch hier ist es eiskalt. Aber die Kälte ist nicht so unangenehm wie draußen im Regen, hier in der Kirche hat die Kälte eher etwas Befreiendes. Befreiend ist vor allem auch die Stille. Eine kleine Schülergruppe steht neben dem Altarraum unter den Hochgräbern der katalanischen Könige, mucksmäuschenstill, der Reiseführer spricht seine Erklärungen beinahe im Flüsterton. Langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Die wuchtigen und schlichten Säulen ragen kräftig nach oben und tragen in außergewöhnlicher Höhe das runde Tonnengewölbe. Immer mehr richtet sich das schmale, hohe und lange Kirchenschiff vor mir auf. Alles führt nach oben und nach vorne. Kein Schmuck, keine Dekoration lenkt den Blick ab – absolute Schlichtheit. Alles führt zum Zentrum, zum Altar, zur Mensa in der Mitte des Altarraums. Fünf kleine Kerzen brennen auf dem Altar – sie stehen für die fünf Wundmale des Auferstanden, wie man mir später erklärt. Daneben steht die Osterkerze, auch sie brennt. Ich kenne keine Kirche, die mich mit ihrer Schlichtheit, mit ihrer stillen und tiefen Aussagekraft mehr fasziniert als die Klosterkirche von Poblet. Ich setze mich in die erste Bank. Sofort wird es auch in mir still. Jetzt kann ich da sein. Einfach da sein. In SEINER Gegenwart.

Das Knurren meines Magens holt mich aus dem stillen Gebet in die körperliche Wirklichkeit zurück. Ich hab gar nicht gemerkt, wie die Stunden vergangen sind. Ich verlasse die Kirche, um neben meiner Seele auch meinem Magen das, was ich ihm schulde, zu geben. Der Regen hat aufgehört. In der Kloster-Cafetería steht ein „menú de los monjes“ auf der Speisenkarte, das Menü, wie es gleichzeitig auch den Mönchen im Refektorium serviert wird. Ich bestelle es mir, und natürlich auch eine copa des kräftigen Rotweins aus den klostereigenen Weingärten. Punkt 15 Uhr ruft mich Frater Borgan, der Gastbruder, auf meinem Mobiltelefon an. Wir kennen uns von meinen früheren Besuchen. Natürlich könne ich wieder ein paar Tage im Kloster verbringen. Und schon stehe ich mit meiner kleinen Tasche in der Pforte und werde von dem jungen Klostermann freundlich lächelnd empfangen. Er führt mich gleich in eines der schlichten Gästezimmer. Angenehme Wärme empfängt mich.

Lebendige Stille

Da bin ich also wieder, in „meinem“ Poblet. Aber was ist es, das mich immer wieder hierher zieht? Warum brauche ich Poblet? Was ist es, das mich hier durch- und aufatmen lässt? Warum finde ich genau hier etwas von der Kraft, die mich leben lässt? Ist es allein die berührende Stille? Die ehrwürdige Eleganz der mittelalterlichen Gebäuden? Der Charme einer längst vergangenen Welt? Vielleicht sogar nur eine Wunsch- oder Traumwelt? Um halb sieben darf ich es wieder erleben, was ich in Poblet vor allem suche, mehr als die faszinierenden Klosteranlagen: das gemeinschaftliche Chorgebet der Mönche. Knapp zwanzig Klosterbrüder haben sich in ihren weißen Kutten des Zisterzienserordens im Chorgestühl versammelt. Der Kantor stimmt in einem klaren Tenor an. Die Mönche stimmen ein. Mir ist, als ob der Gesang aus der unendlichen Tiefe dieses heiligen Ortes entspringt. Als ob er schon immer da gewesen wäre, geheimnisvoll verborgen zwischen den romanischen Säulen und Kirchenschiffen, seit über 800 Jahren, ein immerwährender Lobgesang Gottes. Und die Mönche rufen den Lobgesang nur aus seiner Verborgenheit, stimmen mit ein. Auch wir Gäste dürfen mit einstimmen. Wir haben in den Kirchenbänken Platz genommen. Vorsichtig wage ich es, mich an das Gebet der Mönche „anzuhängen“. Es geht, auch wenn mir das Katalanische und die Musik manchmal fremd sind. Das ist es, was ich hier suche: Eine Gebetsgemeinschaft, an deren bewährter geistlicher Tradition ich für eine kurze Zeit „andocken“ kann. Die Mönche geben mir keinen Kurs in benediktinischer Spiritualität. Sie zeigen mir nicht, wie „man“ betet. Sie tun es einfach. Für sich. Auf ihre Art, wie es Mönche seit dem 6. Jahrhundert tun, und wie es Christen auf ähnliche Art und Weise schon immer getan haben. Und ich darf mich hineinschwingen, anhängen an dieses ewige Gebet. Ich muss nichts machen, nichts produzieren, ich muss nichts können und nichts beweisen. ich brauche mich nur aufmerksam hineinhorchen. Nur da sein. Das Gebet, die Gegenwart, ER nimmt mich mit.

Ja, es sind vor allem die Menschen, die ich hier in der Abtei Poblet suche. Nicht allein das Gebet der Mönche. An ihr Leben möchte ich mich ein wenig anhängen, an ihre Gemeinschaft. Ganz unterschiedliche Persönlichkeiten und Charaktere leben hier zusammen: Katalanen, Spanier, Lateinamerikaner, Handwerker, Akademiker, Mönche ohne bestimmte Berufsausbildung. Die strenge Disziplin erlaubt es, dass so unterschiedliche, ja sogar gegensätzliche Persönlichkeiten gut zusammen leben. Die Klosterregel hilft, dass die Differenzen nicht zum Nachtteil werden, sondern zur Bereicherung des einzelnen. Natürlich bin ich mir bewusst, dass ich das Gemeinschaftsleben der Mönche von „außen“ betrachte, auch wenn ich ein paar Tage innerhalb der Klostermauern verbringen darf und manche Mönche auch schon persönlich kennengelernt habe. Im Alltag ist das konkrete Leben miteinander in jeder Gemeinschaft eine nicht immer einfache Herausforderung. Da darf sich keiner etwas vormachen. Trotzdem meine ich, dass die Mönche mit ihrem jahrhunderte alten Lebensstil einen Weg gefunden haben, sich nicht allein von Individualismus, Macht und Prestige bestimmen zu lassen, sondern von Miteinander und Füreinander. Einen Weg, der zu einem wirklichen und konkreten Frieden führt. Einen Frieden mit sich, den andern und mit Gott.

Von Stille und Musik, Dunkel und Licht, Ruhe und Leben

Immer fasziniert mich in Poblet am meisten der Abschluss der Komplet, des klösterlichen Nachtgebetes. Während des ganzen Gebetes brennt kein Licht in der Kirche, weder elektrisches Licht noch Kerzenlicht. Allein durch die wenigen und kleinen Fenster hoch oben unter dem Gewölbe dringt noch etwas Abendschimmer in den Kirchenraum. Nach dem Schlussgebet entzündet ein Mönch drei schlanke Kerzen, die mitten auf dem Altar stehen, direkt unter dem großen schwebenden Kreuz. Dann stimmen die Mönche das „Salve Regina“ an. Die Mönche von Poblet singen es nach einer ganz eigenen Melodie, angeblich seit dem Jahr 1218. Ein unvergleichlicher Gesang, wie aus einer anderen Welt. Kirche und Musik, Licht und Dunkelheit, Zeit und Ewigkeit, Mensch und Gott, alles wird eins.

Schon am zweiten Tag meines Aufenthalts in der Zisterzienserabtei haben sich die Regenwolken langsam verzogen. Bei meiner Abreise schließlich – dieses mal leider schon am dritten Tagzeigten sich ein tiefblauer Himmel und eine herrlich strahlende Sonne. Gestärkt von der „Kraft der Stille“ konnte ich wie die Jünger nach ihrer „Tabor-Erfahrung“ wieder zurückkehren in die Herausforderungen meines alltäglichen Trubels.

Aus dem Herzen Afrikas

Seit Mai 2015 wird auf der Baustelle gearbeitet und bis Mitte des kommenden Jahres 2016 soll das Zentrum für Frieden, Versöhnung und das Überwinden von traumatischen Erlebnissen im Südsudan funktionsfähig sein. In den Jahren zuvor wurde viel innerhalb der Orden diskutiert, was in dem vom Krieg verwüsteten und von Stammeskonflikten zerrütteten Südsudan aus missionarischer Sicht angesagt sei. Die Genesis jedoch geht zurück auf verschiedene Tagungen und Besprechungen der „Religious Superiors‘ Association of South Sudan“ (RSASS). Der endgültige Beschluss wurde im Mai 2014 auf der Jahrestagung gefasst. Dies ist also die Zeit nach den Massakern im Dezember 2013 mit der bis heute andauernden Unsicherheit und Zerstörung. Es wurde klar gesagt, dass wir hier nicht auf bessere Zeit warten können, denn die Zeit der Not (Peace Building, Trauma Healing, Human and Spiritual Formation) ist jetzt.

Hunderte von Organisationen hier im Land bemühen sich, die vielfältigen Notlagen zu lindern, jedoch kaum jemand tut etwas für eine wahrhaft menschliche Entwicklung. Kaum eine Einrichtung setzt sich mit den Menschen und ihren „hausgemachten“ Problemen auseinander. Kaum jemand nimmt sich Zeit und hat den Mut, Konflikte offen anzusprechen. Nur das kann eine Veränderung bringen. Mit dem Projekt des Friedenszentrums versuchen die Orden einen tiefer gehenden Ansatz. Das Zentrum ist ein konkreter Weg, die christlichen Werte für ein menschliches Miteinander neu zu definieren und friedensbereite Menschen zu stützen und zu fördern. Diese machen die Erfahrung, dass ein friedliches und respektvolles Miteinander möglich ist und tragen diese Erfahrung in die Gesellschaft hinein.

Ein Zentrum in der Leitung der Ordensoberenkonferenz (RSASS).

Das Zentrum, das vom Zusammenschluss der 46 Ordensgemeinschaften, die im Südsudan arbeiten, geplant und geleitet wird, setzt gerade da an wo das Land und die Menschen kranken. Die größten Herausforderungen sind: Feindschaft, Hass und Misstrauen unter den verschiedenen Volksgruppen, kaum ein Verständnis für ein Gemeinwohl und wie ein Staat funktionieren könnte, mangelnde Bereitschaft zur Versöhnung und damit keine Heilung von Menschenleben, das durch Krieg und blinde Gewalt zerstört worden ist. Eine allgegenwärtig militärische Kultur der Arroganz und Härte prägen das Bild des Landes. Die Orden, zusammen mit der Ortskirche, wollen einen Kontrapunkt setzen und das christliche Menschenbild für einen friedlichen Südsudan eindeutiger vorschlagen. Die Leitung des Zentrums wird deshalb eine Gruppe von Ordensleuten aus verschiedenen Kongregationen haben. Auch werden kirchennahe NGOs (Hilfswerke) die Möglichkeit haben, Kurse abzuhalten, die in das Zentrum inhaltlich (siehe Titel) passen. Auch werden regelmäßig für Ordensleute und Laien Exerzitien angeboten werden.

„Zusammensetzen, um sich auseinanderzusetzen“

Es gilt Menschen zusammenzubringen, deren Leben und Lebenswahrnehmung so unterschiedlich ist wie nur möglich. Es gibt, wie schon erwähnt, große Unterschiede innerhalb der Völker und Clans in Bezug auf die Kultur, die Lebensweise, die Konfliktaustragung. Missverständnisse, Rachegefühle und falscher Stolz sind die größten Stolpersteine auf dem Weg zu einem Miteinander. Ich glaube sagen zu können, dass die langen Kriege und der neue Bürgerkrieg die Menschen verroht haben. So ist das Menschliche ein Stückweit auf der Strecke geblieben. Über all die Jahre hat sich eine Kultur „des nur Überlebens“ (survival), die den anderen nicht sieht oder als Gegner und Feind sieht, entwickelt. Es braucht deshalb Versöhnung von Grund auf, Heilung und die Entfaltung menschlicher Qualitäten, die zwar in jedem Menschen als Fähigkeit da sind, aber in der Vergangenheit und im Krieg schwer unter die Räder gekommen sind. Der noch so junge und unentwickelte Staat braucht einen Neustart. Wir dürfen das Schicksal der Menschen nicht nur den machthungrigen Militärs und Politikern überlassen. Die Orden wollen beitragen, nach vielen Rückschlägen, eine bessere Gesellschaft helfen aufzubauen. Einige der Orden sind schon viele Jahre im Land (Comboni seit 1857), andere sind erst gekommen. Sie kommen um zu bleiben – im Gegensatz zur Arbeitsweise von Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Die Menschen müssen „abgeholt“ werden, wo sie derzeit stehen. Das braucht Nähe zu den Menschen, Verständnis und Wertschätzung. Und gerade da ist Mission wieder aufs Neue gefragt.

Vielfältige Aufgaben in Bolivien

Seit Ende vergangenen Jahres helfe ich – neben meiner Aufgabe in der Pfarrei San Antonio – beim Kinderdorf “Aldea Padre Alfredo” mit. Vor rund 40 Jahren gehörte es zu den SOS-Kinderdörfern, ist dann aber unter Leitung des Tiroler Franziskaners Pater Alfredo Spiessberger eine selbstständige Einrichtung geworden. Den Statuten gemäß sitzt ein Franziskaner mit im Vorstand, und da Pater Alfredo schon ein Pflegefall ist, war einige Zeit der Bolivianer Pater Marcelo Garron im Vorstand. Jetzt hat man mich um diese Mitarbeit gebeten. Da diese Aufgabe sehr komplex ist, muss ich mich erst einarbeiten. Es handelt sich nämlich um zwei Kinderdörfer: eines hier in Santa Cruz de la Sierra und das andere in San José, rund 200 km entfernt. Neben der Finanzierung gibt es einige andere Probleme.

Pater Alfredo hat auch monatlich eine deutsche Messe mit den Deutschen in Santa Cruz gefeiert. Da er nicht mehr kann, hat man einen anderen deutschen Priester gesucht – und gefunden: Pater Reinaldo Brumberger. Da es kaum deutsche Priester in Bolivien gibt, blieb mir fast nichts anderes übrig als mitzuhelfen. Die Messe findet in der Kapelle des deutschen Friedhofs statt, der neben dem Generalfriedhof liegt. Und dort sah ich neulich an den Grabnischen folgende Nachnahmen: Ettmüller, Nürnberg, Voss, Schulze, Diescher, Wille, Engelmann Kuhn, Meyer… Ich werde nun versuchen, Kontakte mit den Angehörigen in Deutschland herzustellen und sehen, was in Sinne der Pastoral möglich ist.

Natürlich bin ich immer noch bei Kolping als sogenannter Regionalpräses tätig. Da ist zwar nicht viel zu tun, doch es ist immer wieder einmal eine Vorstandssitzung oder eine Messe. Auch in der nahegelegenen Kolpingschule helfe ich manchmal mit.
Im Januar waren 35 Franziskaner aus ganz Bolivien zu einer Exerzitienwoche in unserem Haus in Santa Cruz. Auch da hatte ich als Hausoberer einiges zu organisieren. In der Woche darauf hielt ich den neuen Novizen Exerzitien vor ihrer Einkleidung. Das muss natürlich auch vorbereitet werden – oder man braucht viel Improvisation (oder der Hl. Geist).

In der Franziskanerprovinz arbeite ich intensiv mit: Als Mitglied des Provinzrates (Definitorium) erledige ich einen Teil der Finanzen für den Osten Boliviens und in der Franziskanerprovinz San Antonio auch als Hausoberer. Zu San Antonio gehören auch das neue Exerzitienhaus und die Krankenstation. Und da ich auch Pfarrer der Gemeinde San Antonio bin… was soll man noch alles tun?!