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Aus dem Herzen Afrikas

Seit Mai 2015 wird auf der Baustelle gearbeitet und bis Mitte des kommenden Jahres 2016 soll das Zentrum für Frieden, Versöhnung und das Überwinden von traumatischen Erlebnissen im Südsudan funktionsfähig sein. In den Jahren zuvor wurde viel innerhalb der Orden diskutiert, was in dem vom Krieg verwüsteten und von Stammeskonflikten zerrütteten Südsudan aus missionarischer Sicht angesagt sei. Die Genesis jedoch geht zurück auf verschiedene Tagungen und Besprechungen der „Religious Superiors‘ Association of South Sudan“ (RSASS). Der endgültige Beschluss wurde im Mai 2014 auf der Jahrestagung gefasst. Dies ist also die Zeit nach den Massakern im Dezember 2013 mit der bis heute andauernden Unsicherheit und Zerstörung. Es wurde klar gesagt, dass wir hier nicht auf bessere Zeit warten können, denn die Zeit der Not (Peace Building, Trauma Healing, Human and Spiritual Formation) ist jetzt.

Hunderte von Organisationen hier im Land bemühen sich, die vielfältigen Notlagen zu lindern, jedoch kaum jemand tut etwas für eine wahrhaft menschliche Entwicklung. Kaum eine Einrichtung setzt sich mit den Menschen und ihren „hausgemachten“ Problemen auseinander. Kaum jemand nimmt sich Zeit und hat den Mut, Konflikte offen anzusprechen. Nur das kann eine Veränderung bringen. Mit dem Projekt des Friedenszentrums versuchen die Orden einen tiefer gehenden Ansatz. Das Zentrum ist ein konkreter Weg, die christlichen Werte für ein menschliches Miteinander neu zu definieren und friedensbereite Menschen zu stützen und zu fördern. Diese machen die Erfahrung, dass ein friedliches und respektvolles Miteinander möglich ist und tragen diese Erfahrung in die Gesellschaft hinein.

Ein Zentrum in der Leitung der Ordensoberenkonferenz (RSASS).

Das Zentrum, das vom Zusammenschluss der 46 Ordensgemeinschaften, die im Südsudan arbeiten, geplant und geleitet wird, setzt gerade da an wo das Land und die Menschen kranken. Die größten Herausforderungen sind: Feindschaft, Hass und Misstrauen unter den verschiedenen Volksgruppen, kaum ein Verständnis für ein Gemeinwohl und wie ein Staat funktionieren könnte, mangelnde Bereitschaft zur Versöhnung und damit keine Heilung von Menschenleben, das durch Krieg und blinde Gewalt zerstört worden ist. Eine allgegenwärtig militärische Kultur der Arroganz und Härte prägen das Bild des Landes. Die Orden, zusammen mit der Ortskirche, wollen einen Kontrapunkt setzen und das christliche Menschenbild für einen friedlichen Südsudan eindeutiger vorschlagen. Die Leitung des Zentrums wird deshalb eine Gruppe von Ordensleuten aus verschiedenen Kongregationen haben. Auch werden kirchennahe NGOs (Hilfswerke) die Möglichkeit haben, Kurse abzuhalten, die in das Zentrum inhaltlich (siehe Titel) passen. Auch werden regelmäßig für Ordensleute und Laien Exerzitien angeboten werden.

„Zusammensetzen, um sich auseinanderzusetzen“

Es gilt Menschen zusammenzubringen, deren Leben und Lebenswahrnehmung so unterschiedlich ist wie nur möglich. Es gibt, wie schon erwähnt, große Unterschiede innerhalb der Völker und Clans in Bezug auf die Kultur, die Lebensweise, die Konfliktaustragung. Missverständnisse, Rachegefühle und falscher Stolz sind die größten Stolpersteine auf dem Weg zu einem Miteinander. Ich glaube sagen zu können, dass die langen Kriege und der neue Bürgerkrieg die Menschen verroht haben. So ist das Menschliche ein Stückweit auf der Strecke geblieben. Über all die Jahre hat sich eine Kultur „des nur Überlebens“ (survival), die den anderen nicht sieht oder als Gegner und Feind sieht, entwickelt. Es braucht deshalb Versöhnung von Grund auf, Heilung und die Entfaltung menschlicher Qualitäten, die zwar in jedem Menschen als Fähigkeit da sind, aber in der Vergangenheit und im Krieg schwer unter die Räder gekommen sind. Der noch so junge und unentwickelte Staat braucht einen Neustart. Wir dürfen das Schicksal der Menschen nicht nur den machthungrigen Militärs und Politikern überlassen. Die Orden wollen beitragen, nach vielen Rückschlägen, eine bessere Gesellschaft helfen aufzubauen. Einige der Orden sind schon viele Jahre im Land (Comboni seit 1857), andere sind erst gekommen. Sie kommen um zu bleiben – im Gegensatz zur Arbeitsweise von Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Die Menschen müssen „abgeholt“ werden, wo sie derzeit stehen. Das braucht Nähe zu den Menschen, Verständnis und Wertschätzung. Und gerade da ist Mission wieder aufs Neue gefragt.

Vielfältige Aufgaben in Bolivien

Seit Ende vergangenen Jahres helfe ich – neben meiner Aufgabe in der Pfarrei San Antonio – beim Kinderdorf “Aldea Padre Alfredo” mit. Vor rund 40 Jahren gehörte es zu den SOS-Kinderdörfern, ist dann aber unter Leitung des Tiroler Franziskaners Pater Alfredo Spiessberger eine selbstständige Einrichtung geworden. Den Statuten gemäß sitzt ein Franziskaner mit im Vorstand, und da Pater Alfredo schon ein Pflegefall ist, war einige Zeit der Bolivianer Pater Marcelo Garron im Vorstand. Jetzt hat man mich um diese Mitarbeit gebeten. Da diese Aufgabe sehr komplex ist, muss ich mich erst einarbeiten. Es handelt sich nämlich um zwei Kinderdörfer: eines hier in Santa Cruz de la Sierra und das andere in San José, rund 200 km entfernt. Neben der Finanzierung gibt es einige andere Probleme.

Pater Alfredo hat auch monatlich eine deutsche Messe mit den Deutschen in Santa Cruz gefeiert. Da er nicht mehr kann, hat man einen anderen deutschen Priester gesucht – und gefunden: Pater Reinaldo Brumberger. Da es kaum deutsche Priester in Bolivien gibt, blieb mir fast nichts anderes übrig als mitzuhelfen. Die Messe findet in der Kapelle des deutschen Friedhofs statt, der neben dem Generalfriedhof liegt. Und dort sah ich neulich an den Grabnischen folgende Nachnahmen: Ettmüller, Nürnberg, Voss, Schulze, Diescher, Wille, Engelmann Kuhn, Meyer… Ich werde nun versuchen, Kontakte mit den Angehörigen in Deutschland herzustellen und sehen, was in Sinne der Pastoral möglich ist.

Natürlich bin ich immer noch bei Kolping als sogenannter Regionalpräses tätig. Da ist zwar nicht viel zu tun, doch es ist immer wieder einmal eine Vorstandssitzung oder eine Messe. Auch in der nahegelegenen Kolpingschule helfe ich manchmal mit.
Im Januar waren 35 Franziskaner aus ganz Bolivien zu einer Exerzitienwoche in unserem Haus in Santa Cruz. Auch da hatte ich als Hausoberer einiges zu organisieren. In der Woche darauf hielt ich den neuen Novizen Exerzitien vor ihrer Einkleidung. Das muss natürlich auch vorbereitet werden – oder man braucht viel Improvisation (oder der Hl. Geist).

In der Franziskanerprovinz arbeite ich intensiv mit: Als Mitglied des Provinzrates (Definitorium) erledige ich einen Teil der Finanzen für den Osten Boliviens und in der Franziskanerprovinz San Antonio auch als Hausoberer. Zu San Antonio gehören auch das neue Exerzitienhaus und die Krankenstation. Und da ich auch Pfarrer der Gemeinde San Antonio bin… was soll man noch alles tun?!

Bolivien – Evo Morales und die Kirche

Ende Oktober 2014 hat Papst Franziskus den linksgerichteten bolivianischen Präsident Evo Morales am „Welttreffen der Volksbewegungen“ in Rom begrüßt. Morales war einer der Hauptredner des Treffens und wurde später vom Papst zu einem privaten Gespräch empfangen. Bereits 2010 hatte der damalige Papst Benedikt XVI. ihm im Vatikan eine Privataudienz gewährt. Man kann davon ausgehen, dass Präsident Morales, wie die Mehrheit seiner Landsleute, katholisch, zumindest getauft und nicht aus der Kirche ausgetreten ist. Wie aber steht er politisch zur Kirche?

Evo Morales bei Papst Franziskus. Foto: Gabriela Bonus/movimientospopulares.org
Boliviens Präsident Evo Morales bei Papst Franziskus. Foto: Gabriela Bonus/movimientospopulares.org

 

Evo Morales stammt aus dem Hochland, aus einem Indianerdorf in den Anden, also nicht aus einer Stadt. Bis heute sind dort – trotz Kirche – viele religiöse Bräuche von den ehemaligen Indianerkulturen und -religionen geprägt. Oft ist es einfach ein Synkretismus, also eine Vermischung verschiedener Religionen.

Morales war Vorsitzender (und ist es immer noch!) der Kokabauern-Gewerkschaften. Diese haben ihn gleichsam auf den Thron gehoben. Dazu kam auch, dass er sich vehement für die Indianer einsetzte, was sicherlich gut war und ist. Viele haben ihn gewählt, weil „er einer von uns ist”, das heißt, endlich ein Indianer als Präsident. Politische Programme interessieren in Bolivien wenig und sind auch kaum bekannt. Es spielt sich in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens vieles aufgrund von Gefühlen und nicht von Kriterien und Argumenten ab.

Seine politischen Freunde, Vorbilder und Ziehväter sind Fidel Castro und Hugo Chavez (ehemaliger Staatspräsident Venezuelas). Es ist also eine linke, kommunistische Politik und Partei, die das Sagen hat. Morales‘ Partei nennt sich MAS (Movimiento al socialismo = Bewegung hin zum Sozialismus). Doch welche Art von Sozialismus ist das oder hat er im Kopf?

Sein Problem ist, dass er zu sehr ideologisch vom Kommunismus geprägt und gefangen ist. Von daher kommt sicherlich auch seine ständige Abneigung gegen die katholische Kirche. Dies wird verstärkt durch die dunklen Seiten der Eroberung durch die Spanier, bei der die Kirche auch wirklich nicht immer gut agiert hat: Kreuz und Schwert! Positives in der Geschichte sieht Evo Morales natürlich nicht oder kennt es einfach auch nicht, zum Beispiel das gesellschaftliche Konzept der Jesuitenreduktionen (Siedlungen für die indigene Bevölkerung), die heute zum Weltkulturerbe gehören. (Ich war 26 Jahre in Concepcion tätig, einer der ehemaligen Jesuitenreduktionen, von Franziskanern restauriert). Auch was die Kirche seit den Lateinamerikanischen Bischofskonferenzen von Medellin (1968) und Puebla (1979) an Positivem für die Armen und die Indianer getan hat und tut, kennt oder schätzt Evo Morales nicht. Kirche ist für ihn einfach “Kolonisation” und deshalb muss sie verschwinden.

In den vergangenen Jahrzehnten hat die katholische Kirche immer eine kritische Haltung – auch öffentlich – gegenüber politischen Missbräuchen gewahrt und zum Ausdruck gebracht. Auch in Zeiten der Diktaturen! Natürlich tut sie dies auch gegenüber Evo Morales und seiner Regierung (auch da gibt es Missbräuche). Da die MAS so gut wie die ganze starke Opposition ausgeschaltet hat, ist fast nur noch die Kirche als “Opposition” geblieben, und ist damit Ziel so mancher Attacken. Die Angriffe richten sich meistens gegen die „Jerarcos“ (Hierarchie-Bischöfe). So versucht man, einen Keil zwischen die Basis und die kirchliche Führung zu treiben. Das geht so weit, dass sogar eine Art national-katholische Kirche gefördert wird. Als Zeichen der Abgrenzung von der Kirche hat man beim Vaterlandstag in Sucre (offizielle Hauptstadt Boliviens) während der Messe im Dom, an der normalerweise immer auch die politische Führungspersönlichkeiten teilgenommen hatten, auf dem Platz einen eigenen Wortgottesdienst mit den Anführern verschiedener Sekten und Präsident Evo Morales organisiert – und ohne die Kirche!

Es bleibt abzuwarten, was demnächst passiert, da sich Kuba und Nordamerika annähern und Venezuela finanziell am Abgrund steht. Da wird es auch schwieriger für Evo Morales. Doch ob dies etwas in seiner Einstellung zur Kirche ändert, ist fraglich.

Missionarin auf Zeit – Lehrerin in Tansania

Ich will diesmal ein bisschen näher von meinem Alltag in Tansania erzählen, der sich in den letzten Wochen so breit gemacht hat. Jeder Morgen startet mit der heiligen Messe, in die abwechselnd die erste und zweite Klasse hingeht. Meistens beinhaltet das ein bisschen Morgensport, damit ich nicht zu spät komme. Von allen Seiten werde ich mit einem „Good morning, Teacher. How are you?“ begrüßt. Dass die Mädchen im Gottesdienst mit dabei sind, ist super, weil sie mir mit ihrem lebhaften Gesang ganz wunderbar beim Aufwachen helfen können.

Als Lehrerin in Tansania. Fotos: Katharina Stein
Schule in Tansania. Fotos: Katharina Stein

Nach dem Frühstück gehe ich zurück in die Schule, richte mein Zimmer und gehe zum Klassenraum. Montags, mittwochs und freitags haben wir vorher noch Assembly, wo wir das Vater Unser auf Englisch beten und organisatorische Dinge besprechen. Dann geht’s in die Klasse. Eine Unterrichtsstunde dauert zwei Stunden, was die Sache sowohl für Schüler als auch Lehrer nicht unbedingt leichter macht.

Im jetzigen Stundenplan bin ich montags immer in beiden Jahrgängen und Dienstag und Mittwoch jeweils in einem Jahrgang. Die restliche Zeit kann man mich im Büro antreffen, wo ich der Schwester alles Mögliche an Arbeit abnehme, mich um das Taschengeld der Mädchen kümmere, meinen Unterricht vorbereite oder Swahili lerne, wenn gerade nichts zu tun ist. Um 13 Uhr ist Mittagessen, danach hab ich eine kurze Pause, bis es um 14 Uhr wieder ins Büro geht. Um 17 Uhr Uhr verlasse ich (wenn möglich) das Büro, und vertreibe mir die Stunde bis zum Prayer (Abendgebet). Dann gibt es Abendessen und schon ist der Tag fast vorbei, da bis 21 Uhr noch  Lernzeit für die Mädchen ist.

Am Donnerstag oder Freitag gehen eine Schwester und ich meistens in die Stadt, um das Shopping für die Schule zu erledigen. Wenn wir Glück haben, bekommen wir den PickUp, ansonsten fahren wir mit dem Kleinbus eine halbe Stunde lang in die Stadt. Schön eingequetscht zwischen all den Menschen. In einen Bus passen 16 bis 28 Leute. Voll gibt’s da nicht! In Arusha gehen wir in alle möglichen Läden, auf den Markt, zur Post, zur Bank etc.

Am Samstagmorgen gehe ich mit den Mädchen joggen, die Straße runter bis zur Hauptstraße. Dabei muss man aber immer  aufpassen, dass man nicht von einem Piki-Piki-Fahrer überfahren wird, der da   mit 100 Sachen runterbrettert. Vormittags putze ich mein Zimmer, nachmittags ist die Wäsche dran, die ich mit der Hand wasche *ächz*. Den restlichen Nachmittag mache ich irgendwas anderes.

Besonders schön ist es natürlich, wenn ich mal in die Stadt gehe oder mich mit jemandem treffe  oder bei einer Veranstaltung bin. Abends bin ich mit den Mädchen zusammen, die ihre Lieder für den Sonntagsgottesdienst üben. Das bedeutet aber nicht, dass die sich brav irgendwo hinsetzen und ein bisschen singen. Nein, wenn meine Mädchen singen, dann geht die Post ab! Da sitzt niemand lange still. Es wird getrommelt, gehüpft, geklatscht, getanzt und gejubelt. Und das alles zu Kirchenliedern – bei uns unmöglich. Da kommt es auch nicht selten vor, dass unsere Maassai-Mädchen gemeinsam anfangen ihre Stammestänze zu tanzen oder sich die Mädchen gegenseitig die Bewegungen ihres Stammes beibringen. Das ist wunderschön anzuschauen.

Sonntags heißt es Ausschlafen, da erst um 8 Uhr Messe ist. Danach helfe ich in der Küche, beende meine Wäsche oder bin anders aktiv. Nach dem Mittagessen gehen wir um 15 Uhr zum Fußballspielen auf einen Bolzplatz, wo wir uns eine bis eineinhalb Stunden austoben. Nicht jeder Fußballer würde die Sportart vermutlich als solche erkennen, aber es macht Spaß und wenn ein Tor fällt, ist das Geschrei groß. Heimlaufen, duschen und schon ist es wieder Zeit für das Gebet und Abendessen.

Das ist eine ganz normale Woche bei mir. Auch wenn der Ablauf im  Detail vielleicht nicht so spannend ist, ist er doch für mich eine große Umstellung gewesen.

Bolivien – Pfarrseelsorge in Santa Cruz de la Sierra

Es gibt einen gewissen Rhythmus im Leben, und doch ist jedes Jahr und jeder Tag neu und anders. Dies kann ich zumindest von 2014 sagen. In Bolivien herrscht relative Ruhe. Am 12. Oktober war Präsidentschaftswahl, und es war vorauszusehen, dass Evo Morales von der sozialistischen Partei wieder gewinnen würde. Es ist seine dritte Amtszeit. Dennoch hat er eigentlich nichts Wesentliches verändert oder verbessert, obwohl er immer vom Cambio (Wechsel) spricht. Rauschgift und Gewalt sind auf dem Vormarsch und kaum aufzuhalten. Die Behörden sind nicht in der Lage (oder auch nicht gewillt) ernsthaft durchzugreifen. Mal sehen, was die nächsten fünf Jahre bringen. Ein Freund der Kirche ist der Präsident jedenfalls nicht.

In der bolivianischen Franziskanerprovinz (Provincia Misionera San Antonio) hingegen hat sich einiges getan – und dies hat auch mich ziemlich betroffen. Am 25. März wurde unser einheimischer Provinzial Pater Aurelio Pessoa zum Weihbischof von La Paz ernannt. Damit musste er seine Ämter in der Provinz ruhen lassen. Da ich Vizeprovinzial war, musste ich automatisch die Provinzleitung übernehmen und somit auch das Provinzkapitel im September vorbereiten. Dies bedeutete, dass ich viele Visitationsreisen machen musste, um mit den Mitbrüdern zu reden. Dabei begleitete mich immer auch der bolivianische Provinzsekretär. Oft war er mein Fahrer, manchmal aber waren wir auch im Flugzeug unterwegs.

Zwar bin ich inzwischen 35 Jahre in Bolivien, doch viele und wichtige Teile des Landes hatte ich noch nie gesehen. Es war also eine einmalige Gelegenheit. Allerdings war dies nicht immer sehr erfreulich: Auf engen und kurvenreichen Schotterstraßen auf 3000 bis 4000 Meter Höhe, an tiefen Schluchten vorbei… Interessant, doch nicht immer angenehm.
Dann musste ich verschiedene Versammlungen leiten und unsere Vollversammlung vorbereiten. Um eine Kandidatenliste für den neuen Provinzial aufzustellen, wurden zwei Wahlen unter allen 103 Mitbrüdern durchgeführt. In beiden Wahlen lag ich klar an der Spitze. Ich gab den Mitbrüdern kund, dass ich mich nicht zur offiziellen Wahl stellen möchte. Gründe: Ich bin 69 Jahr alt und habe durchaus keine gute Gesundheit. Andererseits muss ein Provinzial ständig unterwegs sein. Und dies bei diesen Wegen, Entfernungen und Höhenunterschieden. Zudem ist knapp die Hälfte der Mitbrüder Bolivianer. Außerdem sind wir Ausländer fast alle mehr als 65 Jahre alt. Also ist es höchste Zeit, dass die Bolivianer selbst die Verantwortung übernehmen. Allerdings bin ich in das sogenannte Definitorium gewählt worden: Es sind fünf Ratsmitglieder, zu denen auch Pater Martin Sappl aus Bad Tölz zählt. Nun geht es bald um die Versetzungen. Es wird nicht einfach sein, und die kommenden Jahre werden schwierig. Nun ja, wir hoffen, dass es gut geht.

Pfarrei San Antonio

So bin ich vorerst noch Pfarrer von San Antonio in der Großstadt Santa Cruz de la Sierra, mit knapp 1,5 Millionen Einwohnern die größter Stadt Boliviens. Seit neun Jahren bin ich hier, nachdem ich 26 Jahre in Concepcion war. Wir betreuen 13 Außenstellen, die zum Teil wie eigene Pfarreien funktionieren. Im Haus sind wir momentan fünf Franziskaner: Drei Priester arbeiten in der Pfarrei (einer davon ist zugleich Leiter der Schule mit 2.400 Schülern). Zudem ist P. Walter Neuwirth (Deutscher) hier als Pensionär, und Bruder Feliz (Pole) als Hausökonom.

In diesen neun Jahren, die ich nun hier bin, konnte ich entscheidend mithelfen, dass eine Krankenstation im Haus für Franziskaner funktioniert, dass die Pfarrkirche zweimal erweitert wurde. Auch wurden verschiedene Säle und Räume als Pfarrzentrum geschaffen. Vor einem Jahr wurde auch das sogenannte Centro Franciscano mit Speisesaal, Versammlungsräumen und 50 Betten eröffnet. Dankbar kann ich sagen, dass es sehr gut angenommen wird und fast jede Woche Gruppen kommen. Doch dies alles muss natürlich organisiert werden.

In vielen Filialen konnte ich die Kapellen erweitern oder fertigstellen lassen, dazu auch Versammlungsräume. In vier Außenstellen am Stadtrand zelebrierte ich noch einige Jahre unter den Bäumen, doch inzwischen haben wir auch dort Kapellen und Räume. Doch ist nicht nur wichtig, zu bauen, sondern auch die Pastoral aufzubauen und zugleich zu entwickeln. So gibt es überall Gruppen, Vorbereitung für Erstkommunion und Firmung, einige Seniorenclubs, Musikgruppen, Jugendgruppen… Da es hier keine Orgeln gibt, spielen die Jugendlichen mit Gitarren, Trommeln und Elektroorgeln. Es ist gut, dass man älter und damit etwas schwerhörig wird. Doch den Leuten gefällt die Lautstärke. Jedes Wochenende können wir hier im Haus bis in die Morgenstunden kostenlos tanzen, da von den verschiedenen Bars die Musik tönt und sogar die Fensterscheiben vibrieren und klirren.

Andererseits kommen viele Jugendliche in die Kirche, spielen Musik und sind in der Gemeinde aktiv. So gibt es auch viele junge Katecheten für die vielen Filialen und Gruppen – wir haben zum Beispiel 350 Firmlinge und jährlich rund 100 Hochzeiten. Manchmal ist es nicht ganz so einfach, eine solche Pfarrei mit rund 50.000 Leuten in 13 Filialen zu organisieren und zusammenzuhalten. Aber bis jetzt scheint es, dass ich es ganz gut geschafft habe.

Nach wie vor haben wir zwei Speisesäle für Kinder aus armen Familien und eine Krankenstation. Auch helfe ich bei der Finanzierung eines Lehrers in der Taubstummenschule. Für einige Religionslehrer brauche ich monatlich gut tausend Euro. Wir sind dabei, Pfarr-Caritas zu verbessern, da Arme und Kranke aus der ganzen Stadt bei uns auftauchen. Wer ist wirklich arm, wer faul, wer betrügerisch? Immer wieder stehe ich vor Entscheidungen, den wirklich Armen zu helfen ohne in die Fallen der Schwindler zu tappen. Wir überlegen, ob wir nicht eine Sozialarbeiterin für diese wichtigen Aufgaben einstellen sollten und hoffentlich auch finanzieren können.