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Die Kraft der Stille – Ein Besuch im Kloster Poblet

Es regnet in Strömen und es weht ein furchtbar kalter Wind. Und dann ist auch noch der Gastpater gerade nicht da, als ich zehn Tage nach Ostern an der Pforte der Zisterzienserabtei Poblet klopfe. Wie schon ein paarmal in den vergangenen Jahren, will ich mich für ein paar Tage dem Trubel und dem Alltagsstress der Großstadt entziehen. Ich gönne mir in der „großen Stille“ dieses mittelalterlichen Klosters im Hinterland Neukataloniens wieder einmal bewusst Zeit für Gebet und Reflexion. Ohne mich vorher anzumelden, bin ich in aller Früh einfach losgefahren. Der Gastpater sei gerade nicht im Haus und komme erst am Nachmittag wieder zurück, klärt mich der Bruder an der Pforte auf. Ich solle mich doch nach 15 Uhr wieder melden.


Zur Mitte kommen

So, nun stehe ich also vor verschlossenen Klostertüren im kalten, windigen Regen. Was mache ich jetzt? Warum bin ich überhaupt der pulsierenden Weltstadt Barcelona mit dem angenehmen und sonnigen Mittelmeerklima entflohen? Um wieder die Mitte zu finden. Um alles Oberflächliche, Störende und Ablenkende vergessen zu können, damit der tiefe Sinn wieder durchdringen kann. Aber das eigentliche Zentrum von Poblet, die Klosterkirche, ist ja offen, täglich von 5 bis 20 Uhr. Also trete ich in den gewaltigen romanischen Kirchenraum. Zunächst einmal, um endlich dem scheußlichen Regen zu entfliehen. Ein mächtiges, dunkles Kirchenschiff empfängt mich. Auch hier ist es eiskalt. Aber die Kälte ist nicht so unangenehm wie draußen im Regen, hier in der Kirche hat die Kälte eher etwas Befreiendes. Befreiend ist vor allem auch die Stille. Eine kleine Schülergruppe steht neben dem Altarraum unter den Hochgräbern der katalanischen Könige, mucksmäuschenstill, der Reiseführer spricht seine Erklärungen beinahe im Flüsterton. Langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Die wuchtigen und schlichten Säulen ragen kräftig nach oben und tragen in außergewöhnlicher Höhe das runde Tonnengewölbe. Immer mehr richtet sich das schmale, hohe und lange Kirchenschiff vor mir auf. Alles führt nach oben und nach vorne. Kein Schmuck, keine Dekoration lenkt den Blick ab – absolute Schlichtheit. Alles führt zum Zentrum, zum Altar, zur Mensa in der Mitte des Altarraums. Fünf kleine Kerzen brennen auf dem Altar – sie stehen für die fünf Wundmale des Auferstanden, wie man mir später erklärt. Daneben steht die Osterkerze, auch sie brennt. Ich kenne keine Kirche, die mich mit ihrer Schlichtheit, mit ihrer stillen und tiefen Aussagekraft mehr fasziniert als die Klosterkirche von Poblet. Ich setze mich in die erste Bank. Sofort wird es auch in mir still. Jetzt kann ich da sein. Einfach da sein. In SEINER Gegenwart.

Das Knurren meines Magens holt mich aus dem stillen Gebet in die körperliche Wirklichkeit zurück. Ich hab gar nicht gemerkt, wie die Stunden vergangen sind. Ich verlasse die Kirche, um neben meiner Seele auch meinem Magen das, was ich ihm schulde, zu geben. Der Regen hat aufgehört. In der Kloster-Cafetería steht ein „menú de los monjes“ auf der Speisenkarte, das Menü, wie es gleichzeitig auch den Mönchen im Refektorium serviert wird. Ich bestelle es mir, und natürlich auch eine copa des kräftigen Rotweins aus den klostereigenen Weingärten. Punkt 15 Uhr ruft mich Frater Borgan, der Gastbruder, auf meinem Mobiltelefon an. Wir kennen uns von meinen früheren Besuchen. Natürlich könne ich wieder ein paar Tage im Kloster verbringen. Und schon stehe ich mit meiner kleinen Tasche in der Pforte und werde von dem jungen Klostermann freundlich lächelnd empfangen. Er führt mich gleich in eines der schlichten Gästezimmer. Angenehme Wärme empfängt mich.

Lebendige Stille

Da bin ich also wieder, in „meinem“ Poblet. Aber was ist es, das mich immer wieder hierher zieht? Warum brauche ich Poblet? Was ist es, das mich hier durch- und aufatmen lässt? Warum finde ich genau hier etwas von der Kraft, die mich leben lässt? Ist es allein die berührende Stille? Die ehrwürdige Eleganz der mittelalterlichen Gebäuden? Der Charme einer längst vergangenen Welt? Vielleicht sogar nur eine Wunsch- oder Traumwelt? Um halb sieben darf ich es wieder erleben, was ich in Poblet vor allem suche, mehr als die faszinierenden Klosteranlagen: das gemeinschaftliche Chorgebet der Mönche. Knapp zwanzig Klosterbrüder haben sich in ihren weißen Kutten des Zisterzienserordens im Chorgestühl versammelt. Der Kantor stimmt in einem klaren Tenor an. Die Mönche stimmen ein. Mir ist, als ob der Gesang aus der unendlichen Tiefe dieses heiligen Ortes entspringt. Als ob er schon immer da gewesen wäre, geheimnisvoll verborgen zwischen den romanischen Säulen und Kirchenschiffen, seit über 800 Jahren, ein immerwährender Lobgesang Gottes. Und die Mönche rufen den Lobgesang nur aus seiner Verborgenheit, stimmen mit ein. Auch wir Gäste dürfen mit einstimmen. Wir haben in den Kirchenbänken Platz genommen. Vorsichtig wage ich es, mich an das Gebet der Mönche „anzuhängen“. Es geht, auch wenn mir das Katalanische und die Musik manchmal fremd sind. Das ist es, was ich hier suche: Eine Gebetsgemeinschaft, an deren bewährter geistlicher Tradition ich für eine kurze Zeit „andocken“ kann. Die Mönche geben mir keinen Kurs in benediktinischer Spiritualität. Sie zeigen mir nicht, wie „man“ betet. Sie tun es einfach. Für sich. Auf ihre Art, wie es Mönche seit dem 6. Jahrhundert tun, und wie es Christen auf ähnliche Art und Weise schon immer getan haben. Und ich darf mich hineinschwingen, anhängen an dieses ewige Gebet. Ich muss nichts machen, nichts produzieren, ich muss nichts können und nichts beweisen. ich brauche mich nur aufmerksam hineinhorchen. Nur da sein. Das Gebet, die Gegenwart, ER nimmt mich mit.

Ja, es sind vor allem die Menschen, die ich hier in der Abtei Poblet suche. Nicht allein das Gebet der Mönche. An ihr Leben möchte ich mich ein wenig anhängen, an ihre Gemeinschaft. Ganz unterschiedliche Persönlichkeiten und Charaktere leben hier zusammen: Katalanen, Spanier, Lateinamerikaner, Handwerker, Akademiker, Mönche ohne bestimmte Berufsausbildung. Die strenge Disziplin erlaubt es, dass so unterschiedliche, ja sogar gegensätzliche Persönlichkeiten gut zusammen leben. Die Klosterregel hilft, dass die Differenzen nicht zum Nachtteil werden, sondern zur Bereicherung des einzelnen. Natürlich bin ich mir bewusst, dass ich das Gemeinschaftsleben der Mönche von „außen“ betrachte, auch wenn ich ein paar Tage innerhalb der Klostermauern verbringen darf und manche Mönche auch schon persönlich kennengelernt habe. Im Alltag ist das konkrete Leben miteinander in jeder Gemeinschaft eine nicht immer einfache Herausforderung. Da darf sich keiner etwas vormachen. Trotzdem meine ich, dass die Mönche mit ihrem jahrhunderte alten Lebensstil einen Weg gefunden haben, sich nicht allein von Individualismus, Macht und Prestige bestimmen zu lassen, sondern von Miteinander und Füreinander. Einen Weg, der zu einem wirklichen und konkreten Frieden führt. Einen Frieden mit sich, den andern und mit Gott.

Von Stille und Musik, Dunkel und Licht, Ruhe und Leben

Immer fasziniert mich in Poblet am meisten der Abschluss der Komplet, des klösterlichen Nachtgebetes. Während des ganzen Gebetes brennt kein Licht in der Kirche, weder elektrisches Licht noch Kerzenlicht. Allein durch die wenigen und kleinen Fenster hoch oben unter dem Gewölbe dringt noch etwas Abendschimmer in den Kirchenraum. Nach dem Schlussgebet entzündet ein Mönch drei schlanke Kerzen, die mitten auf dem Altar stehen, direkt unter dem großen schwebenden Kreuz. Dann stimmen die Mönche das „Salve Regina“ an. Die Mönche von Poblet singen es nach einer ganz eigenen Melodie, angeblich seit dem Jahr 1218. Ein unvergleichlicher Gesang, wie aus einer anderen Welt. Kirche und Musik, Licht und Dunkelheit, Zeit und Ewigkeit, Mensch und Gott, alles wird eins.

Schon am zweiten Tag meines Aufenthalts in der Zisterzienserabtei haben sich die Regenwolken langsam verzogen. Bei meiner Abreise schließlich – dieses mal leider schon am dritten Tagzeigten sich ein tiefblauer Himmel und eine herrlich strahlende Sonne. Gestärkt von der „Kraft der Stille“ konnte ich wie die Jünger nach ihrer „Tabor-Erfahrung“ wieder zurückkehren in die Herausforderungen meines alltäglichen Trubels.

Aus dem Herzen Afrikas

Seit Mai 2015 wird auf der Baustelle gearbeitet und bis Mitte des kommenden Jahres 2016 soll das Zentrum für Frieden, Versöhnung und das Überwinden von traumatischen Erlebnissen im Südsudan funktionsfähig sein. In den Jahren zuvor wurde viel innerhalb der Orden diskutiert, was in dem vom Krieg verwüsteten und von Stammeskonflikten zerrütteten Südsudan aus missionarischer Sicht angesagt sei. Die Genesis jedoch geht zurück auf verschiedene Tagungen und Besprechungen der „Religious Superiors‘ Association of South Sudan“ (RSASS). Der endgültige Beschluss wurde im Mai 2014 auf der Jahrestagung gefasst. Dies ist also die Zeit nach den Massakern im Dezember 2013 mit der bis heute andauernden Unsicherheit und Zerstörung. Es wurde klar gesagt, dass wir hier nicht auf bessere Zeit warten können, denn die Zeit der Not (Peace Building, Trauma Healing, Human and Spiritual Formation) ist jetzt.

Hunderte von Organisationen hier im Land bemühen sich, die vielfältigen Notlagen zu lindern, jedoch kaum jemand tut etwas für eine wahrhaft menschliche Entwicklung. Kaum eine Einrichtung setzt sich mit den Menschen und ihren „hausgemachten“ Problemen auseinander. Kaum jemand nimmt sich Zeit und hat den Mut, Konflikte offen anzusprechen. Nur das kann eine Veränderung bringen. Mit dem Projekt des Friedenszentrums versuchen die Orden einen tiefer gehenden Ansatz. Das Zentrum ist ein konkreter Weg, die christlichen Werte für ein menschliches Miteinander neu zu definieren und friedensbereite Menschen zu stützen und zu fördern. Diese machen die Erfahrung, dass ein friedliches und respektvolles Miteinander möglich ist und tragen diese Erfahrung in die Gesellschaft hinein.

Ein Zentrum in der Leitung der Ordensoberenkonferenz (RSASS).

Das Zentrum, das vom Zusammenschluss der 46 Ordensgemeinschaften, die im Südsudan arbeiten, geplant und geleitet wird, setzt gerade da an wo das Land und die Menschen kranken. Die größten Herausforderungen sind: Feindschaft, Hass und Misstrauen unter den verschiedenen Volksgruppen, kaum ein Verständnis für ein Gemeinwohl und wie ein Staat funktionieren könnte, mangelnde Bereitschaft zur Versöhnung und damit keine Heilung von Menschenleben, das durch Krieg und blinde Gewalt zerstört worden ist. Eine allgegenwärtig militärische Kultur der Arroganz und Härte prägen das Bild des Landes. Die Orden, zusammen mit der Ortskirche, wollen einen Kontrapunkt setzen und das christliche Menschenbild für einen friedlichen Südsudan eindeutiger vorschlagen. Die Leitung des Zentrums wird deshalb eine Gruppe von Ordensleuten aus verschiedenen Kongregationen haben. Auch werden kirchennahe NGOs (Hilfswerke) die Möglichkeit haben, Kurse abzuhalten, die in das Zentrum inhaltlich (siehe Titel) passen. Auch werden regelmäßig für Ordensleute und Laien Exerzitien angeboten werden.

„Zusammensetzen, um sich auseinanderzusetzen“

Es gilt Menschen zusammenzubringen, deren Leben und Lebenswahrnehmung so unterschiedlich ist wie nur möglich. Es gibt, wie schon erwähnt, große Unterschiede innerhalb der Völker und Clans in Bezug auf die Kultur, die Lebensweise, die Konfliktaustragung. Missverständnisse, Rachegefühle und falscher Stolz sind die größten Stolpersteine auf dem Weg zu einem Miteinander. Ich glaube sagen zu können, dass die langen Kriege und der neue Bürgerkrieg die Menschen verroht haben. So ist das Menschliche ein Stückweit auf der Strecke geblieben. Über all die Jahre hat sich eine Kultur „des nur Überlebens“ (survival), die den anderen nicht sieht oder als Gegner und Feind sieht, entwickelt. Es braucht deshalb Versöhnung von Grund auf, Heilung und die Entfaltung menschlicher Qualitäten, die zwar in jedem Menschen als Fähigkeit da sind, aber in der Vergangenheit und im Krieg schwer unter die Räder gekommen sind. Der noch so junge und unentwickelte Staat braucht einen Neustart. Wir dürfen das Schicksal der Menschen nicht nur den machthungrigen Militärs und Politikern überlassen. Die Orden wollen beitragen, nach vielen Rückschlägen, eine bessere Gesellschaft helfen aufzubauen. Einige der Orden sind schon viele Jahre im Land (Comboni seit 1857), andere sind erst gekommen. Sie kommen um zu bleiben – im Gegensatz zur Arbeitsweise von Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Die Menschen müssen „abgeholt“ werden, wo sie derzeit stehen. Das braucht Nähe zu den Menschen, Verständnis und Wertschätzung. Und gerade da ist Mission wieder aufs Neue gefragt.

Vielfältige Aufgaben in Bolivien

Seit Ende vergangenen Jahres helfe ich – neben meiner Aufgabe in der Pfarrei San Antonio – beim Kinderdorf “Aldea Padre Alfredo” mit. Vor rund 40 Jahren gehörte es zu den SOS-Kinderdörfern, ist dann aber unter Leitung des Tiroler Franziskaners Pater Alfredo Spiessberger eine selbstständige Einrichtung geworden. Den Statuten gemäß sitzt ein Franziskaner mit im Vorstand, und da Pater Alfredo schon ein Pflegefall ist, war einige Zeit der Bolivianer Pater Marcelo Garron im Vorstand. Jetzt hat man mich um diese Mitarbeit gebeten. Da diese Aufgabe sehr komplex ist, muss ich mich erst einarbeiten. Es handelt sich nämlich um zwei Kinderdörfer: eines hier in Santa Cruz de la Sierra und das andere in San José, rund 200 km entfernt. Neben der Finanzierung gibt es einige andere Probleme.

Pater Alfredo hat auch monatlich eine deutsche Messe mit den Deutschen in Santa Cruz gefeiert. Da er nicht mehr kann, hat man einen anderen deutschen Priester gesucht – und gefunden: Pater Reinaldo Brumberger. Da es kaum deutsche Priester in Bolivien gibt, blieb mir fast nichts anderes übrig als mitzuhelfen. Die Messe findet in der Kapelle des deutschen Friedhofs statt, der neben dem Generalfriedhof liegt. Und dort sah ich neulich an den Grabnischen folgende Nachnahmen: Ettmüller, Nürnberg, Voss, Schulze, Diescher, Wille, Engelmann Kuhn, Meyer… Ich werde nun versuchen, Kontakte mit den Angehörigen in Deutschland herzustellen und sehen, was in Sinne der Pastoral möglich ist.

Natürlich bin ich immer noch bei Kolping als sogenannter Regionalpräses tätig. Da ist zwar nicht viel zu tun, doch es ist immer wieder einmal eine Vorstandssitzung oder eine Messe. Auch in der nahegelegenen Kolpingschule helfe ich manchmal mit.
Im Januar waren 35 Franziskaner aus ganz Bolivien zu einer Exerzitienwoche in unserem Haus in Santa Cruz. Auch da hatte ich als Hausoberer einiges zu organisieren. In der Woche darauf hielt ich den neuen Novizen Exerzitien vor ihrer Einkleidung. Das muss natürlich auch vorbereitet werden – oder man braucht viel Improvisation (oder der Hl. Geist).

In der Franziskanerprovinz arbeite ich intensiv mit: Als Mitglied des Provinzrates (Definitorium) erledige ich einen Teil der Finanzen für den Osten Boliviens und in der Franziskanerprovinz San Antonio auch als Hausoberer. Zu San Antonio gehören auch das neue Exerzitienhaus und die Krankenstation. Und da ich auch Pfarrer der Gemeinde San Antonio bin… was soll man noch alles tun?!

Bolivien – Evo Morales und die Kirche

Ende Oktober 2014 hat Papst Franziskus den linksgerichteten bolivianischen Präsident Evo Morales am „Welttreffen der Volksbewegungen“ in Rom begrüßt. Morales war einer der Hauptredner des Treffens und wurde später vom Papst zu einem privaten Gespräch empfangen. Bereits 2010 hatte der damalige Papst Benedikt XVI. ihm im Vatikan eine Privataudienz gewährt. Man kann davon ausgehen, dass Präsident Morales, wie die Mehrheit seiner Landsleute, katholisch, zumindest getauft und nicht aus der Kirche ausgetreten ist. Wie aber steht er politisch zur Kirche?

Evo Morales bei Papst Franziskus. Foto: Gabriela Bonus/movimientospopulares.org
Boliviens Präsident Evo Morales bei Papst Franziskus. Foto: Gabriela Bonus/movimientospopulares.org

 

Evo Morales stammt aus dem Hochland, aus einem Indianerdorf in den Anden, also nicht aus einer Stadt. Bis heute sind dort – trotz Kirche – viele religiöse Bräuche von den ehemaligen Indianerkulturen und -religionen geprägt. Oft ist es einfach ein Synkretismus, also eine Vermischung verschiedener Religionen.

Morales war Vorsitzender (und ist es immer noch!) der Kokabauern-Gewerkschaften. Diese haben ihn gleichsam auf den Thron gehoben. Dazu kam auch, dass er sich vehement für die Indianer einsetzte, was sicherlich gut war und ist. Viele haben ihn gewählt, weil „er einer von uns ist”, das heißt, endlich ein Indianer als Präsident. Politische Programme interessieren in Bolivien wenig und sind auch kaum bekannt. Es spielt sich in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens vieles aufgrund von Gefühlen und nicht von Kriterien und Argumenten ab.

Seine politischen Freunde, Vorbilder und Ziehväter sind Fidel Castro und Hugo Chavez (ehemaliger Staatspräsident Venezuelas). Es ist also eine linke, kommunistische Politik und Partei, die das Sagen hat. Morales‘ Partei nennt sich MAS (Movimiento al socialismo = Bewegung hin zum Sozialismus). Doch welche Art von Sozialismus ist das oder hat er im Kopf?

Sein Problem ist, dass er zu sehr ideologisch vom Kommunismus geprägt und gefangen ist. Von daher kommt sicherlich auch seine ständige Abneigung gegen die katholische Kirche. Dies wird verstärkt durch die dunklen Seiten der Eroberung durch die Spanier, bei der die Kirche auch wirklich nicht immer gut agiert hat: Kreuz und Schwert! Positives in der Geschichte sieht Evo Morales natürlich nicht oder kennt es einfach auch nicht, zum Beispiel das gesellschaftliche Konzept der Jesuitenreduktionen (Siedlungen für die indigene Bevölkerung), die heute zum Weltkulturerbe gehören. (Ich war 26 Jahre in Concepcion tätig, einer der ehemaligen Jesuitenreduktionen, von Franziskanern restauriert). Auch was die Kirche seit den Lateinamerikanischen Bischofskonferenzen von Medellin (1968) und Puebla (1979) an Positivem für die Armen und die Indianer getan hat und tut, kennt oder schätzt Evo Morales nicht. Kirche ist für ihn einfach “Kolonisation” und deshalb muss sie verschwinden.

In den vergangenen Jahrzehnten hat die katholische Kirche immer eine kritische Haltung – auch öffentlich – gegenüber politischen Missbräuchen gewahrt und zum Ausdruck gebracht. Auch in Zeiten der Diktaturen! Natürlich tut sie dies auch gegenüber Evo Morales und seiner Regierung (auch da gibt es Missbräuche). Da die MAS so gut wie die ganze starke Opposition ausgeschaltet hat, ist fast nur noch die Kirche als “Opposition” geblieben, und ist damit Ziel so mancher Attacken. Die Angriffe richten sich meistens gegen die „Jerarcos“ (Hierarchie-Bischöfe). So versucht man, einen Keil zwischen die Basis und die kirchliche Führung zu treiben. Das geht so weit, dass sogar eine Art national-katholische Kirche gefördert wird. Als Zeichen der Abgrenzung von der Kirche hat man beim Vaterlandstag in Sucre (offizielle Hauptstadt Boliviens) während der Messe im Dom, an der normalerweise immer auch die politische Führungspersönlichkeiten teilgenommen hatten, auf dem Platz einen eigenen Wortgottesdienst mit den Anführern verschiedener Sekten und Präsident Evo Morales organisiert – und ohne die Kirche!

Es bleibt abzuwarten, was demnächst passiert, da sich Kuba und Nordamerika annähern und Venezuela finanziell am Abgrund steht. Da wird es auch schwieriger für Evo Morales. Doch ob dies etwas in seiner Einstellung zur Kirche ändert, ist fraglich.

Missionarin auf Zeit – Lehrerin in Tansania

Ich will diesmal ein bisschen näher von meinem Alltag in Tansania erzählen, der sich in den letzten Wochen so breit gemacht hat. Jeder Morgen startet mit der heiligen Messe, in die abwechselnd die erste und zweite Klasse hingeht. Meistens beinhaltet das ein bisschen Morgensport, damit ich nicht zu spät komme. Von allen Seiten werde ich mit einem „Good morning, Teacher. How are you?“ begrüßt. Dass die Mädchen im Gottesdienst mit dabei sind, ist super, weil sie mir mit ihrem lebhaften Gesang ganz wunderbar beim Aufwachen helfen können.

Als Lehrerin in Tansania. Fotos: Katharina Stein
Schule in Tansania. Fotos: Katharina Stein

Nach dem Frühstück gehe ich zurück in die Schule, richte mein Zimmer und gehe zum Klassenraum. Montags, mittwochs und freitags haben wir vorher noch Assembly, wo wir das Vater Unser auf Englisch beten und organisatorische Dinge besprechen. Dann geht’s in die Klasse. Eine Unterrichtsstunde dauert zwei Stunden, was die Sache sowohl für Schüler als auch Lehrer nicht unbedingt leichter macht.

Im jetzigen Stundenplan bin ich montags immer in beiden Jahrgängen und Dienstag und Mittwoch jeweils in einem Jahrgang. Die restliche Zeit kann man mich im Büro antreffen, wo ich der Schwester alles Mögliche an Arbeit abnehme, mich um das Taschengeld der Mädchen kümmere, meinen Unterricht vorbereite oder Swahili lerne, wenn gerade nichts zu tun ist. Um 13 Uhr ist Mittagessen, danach hab ich eine kurze Pause, bis es um 14 Uhr wieder ins Büro geht. Um 17 Uhr Uhr verlasse ich (wenn möglich) das Büro, und vertreibe mir die Stunde bis zum Prayer (Abendgebet). Dann gibt es Abendessen und schon ist der Tag fast vorbei, da bis 21 Uhr noch  Lernzeit für die Mädchen ist.

Am Donnerstag oder Freitag gehen eine Schwester und ich meistens in die Stadt, um das Shopping für die Schule zu erledigen. Wenn wir Glück haben, bekommen wir den PickUp, ansonsten fahren wir mit dem Kleinbus eine halbe Stunde lang in die Stadt. Schön eingequetscht zwischen all den Menschen. In einen Bus passen 16 bis 28 Leute. Voll gibt’s da nicht! In Arusha gehen wir in alle möglichen Läden, auf den Markt, zur Post, zur Bank etc.

Am Samstagmorgen gehe ich mit den Mädchen joggen, die Straße runter bis zur Hauptstraße. Dabei muss man aber immer  aufpassen, dass man nicht von einem Piki-Piki-Fahrer überfahren wird, der da   mit 100 Sachen runterbrettert. Vormittags putze ich mein Zimmer, nachmittags ist die Wäsche dran, die ich mit der Hand wasche *ächz*. Den restlichen Nachmittag mache ich irgendwas anderes.

Besonders schön ist es natürlich, wenn ich mal in die Stadt gehe oder mich mit jemandem treffe  oder bei einer Veranstaltung bin. Abends bin ich mit den Mädchen zusammen, die ihre Lieder für den Sonntagsgottesdienst üben. Das bedeutet aber nicht, dass die sich brav irgendwo hinsetzen und ein bisschen singen. Nein, wenn meine Mädchen singen, dann geht die Post ab! Da sitzt niemand lange still. Es wird getrommelt, gehüpft, geklatscht, getanzt und gejubelt. Und das alles zu Kirchenliedern – bei uns unmöglich. Da kommt es auch nicht selten vor, dass unsere Maassai-Mädchen gemeinsam anfangen ihre Stammestänze zu tanzen oder sich die Mädchen gegenseitig die Bewegungen ihres Stammes beibringen. Das ist wunderschön anzuschauen.

Sonntags heißt es Ausschlafen, da erst um 8 Uhr Messe ist. Danach helfe ich in der Küche, beende meine Wäsche oder bin anders aktiv. Nach dem Mittagessen gehen wir um 15 Uhr zum Fußballspielen auf einen Bolzplatz, wo wir uns eine bis eineinhalb Stunden austoben. Nicht jeder Fußballer würde die Sportart vermutlich als solche erkennen, aber es macht Spaß und wenn ein Tor fällt, ist das Geschrei groß. Heimlaufen, duschen und schon ist es wieder Zeit für das Gebet und Abendessen.

Das ist eine ganz normale Woche bei mir. Auch wenn der Ablauf im  Detail vielleicht nicht so spannend ist, ist er doch für mich eine große Umstellung gewesen.