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Daheim in meiner Bar

Man kennt mich dort nicht nur, man weiß auch längst, was ich will. Ohne lange auf meine Bestellung zu warten, schenkt Jesús sofort ein Bier ein und stellt es mir auf den Tresen. Ich bin in meiner Stammkneipe. Für mich ist es die „Barça-Bar“, auch wenn über dem Eingang in großen Lettern steht „XAICA – BAR RESTAURANT PIZZERIA“. „Barça-Bar“, weil die Wände des Lokals in den Farben des berühmten Fußballclubs Barcelonas gestrichen sind und weil auf den über einem Duzend Fernsehbildschirmen fast ausschließlich Fussball läuft. Es ist keine besondere Bar, und schon gleich gar kein besonderes Restaurant, und es hat auch rein gar nichts mit einer italienischen Pizzeria zu tun. Aber es ist ganz einfach das meiner Wohnung am nächsten liegende Lokal. Ich brauche nur die Straße vor meiner Haustür überqueren und ein paar Meter in die nächste Gasse gehen. Touristen verirren sich in meine Barça-Bar ganz selten, obwohl sie keine 200 Meter von der Plaça Catalunya entfernt liegt. Dafür ist sie viel zu uninteressant und unauffällig. Auch ist die Speisenkarte nicht wirklich auf Touristen ausgerichtet. Es sind eher die einfachen Arbeiter, Alleinstehende, Arbeitslose und Rentner, nicht selten auch Obdachlose, die zum Stammpublikum meiner Barça-Bar gehören. In den benachbarten Szenen-Lokalen, die inzwischen auch hier im einst verrufenen Viertel Raval wie Pilze aus dem Boden schießen, könnten sie sich ein Essen gar nicht leisten. Und wenn’s mal auch für das einfache Tagesmenü nicht reicht, dann schlägt die immer lustige Köchin Beatriz halt schnell mal für 2 Euro 50 eine Tortilla ein.

Barça-Bar. Foto: Ottmar Breitenhuber

Es ist auch nicht nur des Essens wegen, weshalb die Gäste meine Barça-Bar aufsuchen. Es ist die Gesellschaft, es sind die Leute. Man kennt sich, auch wenn man nicht viel voneinander weiß. In der Barça-Bar können wir über alles reden und es gibt immer einen, der einem zuhört. Meist sind es nicht die großen Themen, vielmehr Alltägliches, Oberflächliches oder auch Belangloses. Aber trotzdem, es sind unsere Themen, das was uns gerade beschäftigt. Doch es muss auch nicht immer gesprochen werden, viele sitzen oft schweigend an ihrem Platz, vor einem Bier, essen in Ruhe vor sich hin, stieren auf den Bildschirm – und wissen trotzdem, sie sind nicht allein.

Wir sind schon ein buntes Häufchen: Die beiden Kellner Pau und Jesús sind Spanier, der eine aus Barcelona, der andere aus Galizien. In der Küche arbeitet Thai aus Vietnam – alle nennen ihn aber nur „el chino“ – und die Pizzen bäckt keiner besser als Beatriz aus der Dominikanischen Republik. Auf der anderen Seite der Theke sind es auch fast immer die selben: ein frühpensionierter Bankangestellter, ein von seiner Frau verlassener Bauarbeiter, eine vereinsamte Witwe, ein obdachloser Nigerianer, der sich mit Alteisensammeln über Wasser hält, ein deutscher Pfarrer, der keine Lust auf einen Abend allein hat, und so weiter. Lauter völlig unterschiedliche Persönlichkeiten, jeder mit seiner ganz eigenen Geschichte, die verglichen miteinander vielleicht nicht gegensätzlicher sein können.

Und was führt uns hier zusammen? Trotz der niedrigen Preise könnten wir das, was wir zum Essen und Trinken brauchen, im benachbarten 24 Stunden geöffneten Supermarkt billiger haben. Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein! Es sind die Menschen, die sich hier begegnen wollen. Wir sitzen hier nebeneinander, mehr oder weniger zufällig, treffen uns, hören einander unsere Geschichten erzählen, richten uns dabei vielleicht ein wenig gegenseitig auf, stärken uns – und fühlen uns ganz einfach daheim in meiner Barça-Bar.

In den verborgenen Gassen Barcelonas – Unterwegs mit einem ehemaligen Obdachlosen

La Rambla dels Caputxins

Wir treffen uns vor dem Liceu, der Oper Barcelonas. Das herrliche Jugendstilgebäude liegt direkt an den Ramblas und hat eine eigene Metro-Station. Über zwei Millionen Touristen schlendern angeblich monatlich auf der berühmten Flaniermeile hier vorbei. Heute drängen sich zwischen den Italienern und Japanern in buntem Freizeitlook auch Herrschaften der katalanischen Highsociety in feiner Abendrobe. Es ist Prämiere von Mozarts „La Flauta Magica“. Obwohl er nur 20 Meter neben mir steht, entdecke ich ihn erst nach einer halben Minute Ausschau, Juan Gonejero. Am Liceu, an der Oper, wollte er sich mit mir treffen, „weil hier die verrückten und gegensätzlichen Welten Barcelonas wie nirgend anderswo aufeinander prallen“. Der 54-jährige Spanier möchte mir „sein“ Barcelona zeigen. Seit gut zwei Jahren ist er professioneller Stadtführer und verdient sich damit seinen Lebensunterhalt. Die Nachfrage nach seinen Führungen ist steigend. Aber nicht nur, weil die Zahl der Touristen in Barcelona ständig ansteigt, Juan zeigt seinen Kunden neben den berühmten Sehenswürdigkeiten der katalanischen Mittelmeermetropole auch noch was ganz anderes: Die unsichtbare Welt der Penner, Obdachlosen, Junkies und Bettler. Über fünf Jahre hat Juan in dieser Welt gelebt – und überlebt, dank „Chiringuito de Dios“ – der Obdachlosen-Tafel

des Deutschen Wolfgang Striebinger – und „Hidden City Tours“ – Stadtführungen von ehemaligen Obdachlosen, einer Initiative der Engländerin Lisa Grace.

Carrer dels tres Llits

Als erstes führt er mich in die Carrer dels tres Llits, in die „Gasse der drei Löwen“. Sie führt direkt von der Plaça Reial hinein ins Zentrum der mittelalterlichen Altstadt. Der „Königliche Platz“ gilt als das „Wohnzimmer Barcelonas“ und als „i-Pünktchen“ bei einem Altstadtbummel mit Spaziergang über die Ramblas. Die heutige Anlage des rechteckigen Platzes stammt aus dem Jahr 1848 und ist napoleonischen Stadtplänen nachempfunden. Der herrliche Brunnen im Zentrum, die von Antoni Gaudí entworfenen Laternen und die Palmen geben dem Ort sein unverwechselbares, südländisches Flair. Egal ob bei Tag oder bei Nacht, der Platz wird rund um die Uhr von Müßiggängern, Touristen und vielen anderen Gestalten heimgesucht. Einen großen Gewinn aus dieser ununterbrochenen Bevölkerung ziehen auch die unzähligen Restaurants und Cafés unter den kühlen Arkaden an den vier Seiten. Dazwischen – ein Jazzfan darf natürlich nicht vergessen, darauf hinzuweisen – der weltberühmte Jazzclub „Jamboree“, in dem sich die Musiker der lokalen und weltweiten Jazzszene die Klinke reichen.

Und gerade 50 Meter neben diesem Highlight der Sehenswürdigkeiten Barcelonas, eben in der „Drei-Löwen-Gasse“, dahin zog es Juan ein- bis zweimal täglich, als er noch auf der Straße lebte. Die „Missionarinnen der Barmherzigkeit“, die Schwestern der heiligen Mutter Theresa von Kalkutta unterhielten hier jahrelang ihre Obdachlosen-Tafel. Ohne diese Einrichtungen, wie es sie von unterschiedlichen Institutionen in allen Vierteln Barcelonas gibt, hätten die meisten Wohnsitzlosen keine Überlebenschance. Über 200 Essen gaben sie täglich aus. Vor einigen Jahren sind die Schwestern in das ehemalige Kloster Sant Augusti im Stadtteil „Raval“ umgezogen, dort ist die Not noch größer.

La Rambla de Santa Mònica

Auf dem Weg zurück zu den Ramblas kommen wir an dem Fünf-Sterne-Restaurant „Los Caracoles“ vorbei. Juan und ich können durch einen Fensterschlitz sehen, wie in der Küche gerade die berühmten Schnecken des Hauses gebrutzelt werden. Bevor uns aber das Wasser im Mund zusammen läuft, drängt mein Stadtführer weiter, er will mir eine Filiale der CaixaBank, der bekanntesten „Volksbank“ Kataloniens, zeigen. Bankautomat und Eingang liegen an einem kleinen Platz, unmittelbar neben der hochbelebten Rambla de Santa Mònica. Nicht nur die zahlreichen Touristen, die Geld abheben wollen, zieht es in die geschützte Ecke und in den Vorraum der Bank, auch zahlreiche dunkle Gestalten lümmeln sich hier herum. Dort kann man den Leuten direkt „auf die Pelle rücken“, erklärt mir Juan, und so gibt dann fast jeder, nachdem er sich einige Hundert Euro gezogen hat, ein oder auch mal zwei Euro an den aufdringlichen Bettler ab. Außerdem ist der Vorraum ein idealer Schlafplatz, besonders in den kalten Wintermonaten. Die Tür lässt sich sogar von Innen zusperren.

Carrer de Lancaster

Wir überqueren die Ramblas und dringen in die dunklen Gassen des Raval ein, des seit Jahrhunderten verrufensten Viertels von Barcelona. Bis heute ist in der Stadt der Migrantenanteil nirgends so hoch wie hier. Arabische Schlachtereien, pakistanische Telefonläden und afrikanische Shops mit Plastikramsch aller Art unmittelbar nebeneinander. Angeblich bis zu 30 000 Migranten jährlich musste der Stadtteil in den letzten Jahrzehnten aufnehmen. Außerdem konzentriert sich hier auch das „Rotlichtmilieu“.

Gerade knapp 50 Meter haben wir die Ramblas hinter uns gelassen, da stoßen wir an der Rückseite des Teatre Principal auf die Carrer de Lancaster, wo bis vor Kurzem noch öffentliche Toiletten-Kabinen standen. Hier erzählt mir Juan die Geschichte von Mario, den er einmal in einer der Kabinen mit einer Überdosis gefunden hat. Durch einen sofort herbeigerufenen Notarzt konnte der Drogenabhängige gerade noch rechtzeitig gerettet werden. Das war vielleicht vor zehn Jahren. Ob Mario heute noch lebt, weiß Juan nicht, er hat schon jahrelang keinen Kontakt mehr in die Szene.

Plaça de Blanquerna

Wir kommen an die Plaça de Blanquerna, und damit an das Museu Maritim, das sich in den mittelalterlichen Schiffswerften, den Drassanes, befindet. Von dem kleinen, unspektakulären Platz führt eine unauffällige Tür in das Rückgebäude des Museums, man könnte vermuten es wäre der Hintereingang. Hier ist das „Baluar“, klärt mich Juan auf, Barcelonas größter „Pick-Saal“. Unter ärztlicher Aufsicht können sich dort Junkies ihr Heroin spritzen. Das nötige Werkzeug und die professionelle medizinische Betreuung wird ihnen in der Einrichtung der Generalitat de Catalunya, der katalanischen Landesregierung, zur Verfügung gestellt – natürlich hygienisch sauber. Ohne diese Anlaufstelle für die Drogenabhängigen gäbe es sicher noch weit mehr Drogentote in der Stadt.

Carrer de l’Hort de Sant Pau

Nur einen Steinwurf weiter, stehen wir vor Sant Pau del Camp – meiner Lieblingskirche. Im Jahr 911 wird das Benediktinerkloster zum ersten Mal erwähnt, damals stand es auf freiem Feld, vor den Toren der Stadt. Heute ist es das einzige Kirchengebäude in Barcelona, das noch weitgehend in seinem ursprünglichen romanisch-mozarabischer Baustil erhalten geblieben ist. Auch Picasso hat sich oft stundenlang in dem wunderschönen kleinen Kreuzgang aufgehalten und sich inspirieren lassen. Zwei Jahre lang habe ich regelmäßig an Werktagen in der kleinen Pfarrgemeinde die Messe gefeiert. Östlich des ehemaligen Klostergeländes schließt sich der „Garten des hl. Paulus“ an, dieser wird begrenzt von den Gebäuden des Konservatoriums und der „Guardia Civil“, der staatlichen Landpolizei. Trotz dieser kirchlichen und polizeilichen Nachbarschaft ist der „Hort de Sant Pau“ bis heute – vor allem in Abend- und Nachstunden – ein bekannter Platz für „Drücker“ und Drogenhändler. Tagsüber sind vor allem die bürgerlichen Schrebergärten und der Kinderspielplatz neben der Kirchenmauer belebt. Kinder, Eltern, Kleingärtner, Kirchenbesucher, Touristen, Drogenjunkies und -händler, Polizisten und Musikstudenten tummeln sich in einem Umkreis von gerade mal 150 Meter.

Carrer de l’Aurora

Einen ganz besonderen Ort möchte mir Juan vor Abschluss der Tour noch zeigen: In Mitten von abgerissenen und halb eingefallenen Häusern, versteckt hinter schmutzigen, dunklen Gassen, eine kleine, grüne Oase – neben der „Gasse des Sonnenaufgangs“. Eine Freifläche, die durch den Abriss mehrerer Gebäuden entstanden war, wurde in Eigeninitiative von Nachbarn, Migranten, Hausbesetzern und Obdachlosen als Garten und kleiner Park hergerichtet. Sofas, Tische und Stühle aus dem Sperrmüll, liebevoll zwischen Blumenbeeten und Wegen aufgestellt, laden zum Verweilen ein. Die hohen Häuserwände sind mit bunten Graffiti bemalt. An einer großen weißen Fläche an einer der Hauswände werden sonntags Filme projiziert, sagt Juan. Eine scheinbar perfekte, friedliche Oase in Mitten eines sozialen Chaos – wenn nicht an der Hauswand direkt neben dem Eingang zu dieser Oase das Graffiti-Denkmal an den Tod von J. A. Benitez wäre. Das Bild erinnert an den 50-Jährigen, der im Jahre 2013 an dieser Stelle ums Leben kam, nachdem er von Polizisten zusammengeschlagen worden war.

Carrer d’Espalter

Die letzte Station auf meiner Tour mit Juan ist der „Chiringuito de Dios“, die „Suppenküche Gottes“. In der engen Gasse „Espalter“, zwischen einem pakistanischen Handyladen und der supermodernen, neuen FilmoTeca, liegt die kleine Obdachlosen-Tafel, die für Juan zur Endstation in seinem Leben auf der Straße wurde. Der Schwabe Wolfgang Striebinger hat die Tafel vor über 20 Jahren gegründet. Inzwischen wird sie von einem eingetragenen Verein verwaltet, der Wolfgang als Geschäftsführer angestellt hat. In drei Schichten werden fünf Tage in der Woche zwischen 60 und 80 Essen ausgegeben, Frühstück und Abendessen. Donnerstagmittag gibt es eine riesige Paella, gestiftet vom Starkoch eines Fünf-Sterne-Hotels am Strand. Außerdem können sich täglich an die 30 Familien Obst, Salat, Brot, Nudeln und allerlei anderer verpackter Lebensmitteln abholen, das dem Chiringuito von Supermärkten überlassen worden ist. Drei bis fünf feste Mitarbeiter hat Wolfgang, ehemalige Obdachlose. Sie „schmeißen den Laden“ ehrenamtlich, dafür können sie kostenlos in einer Wohnung neben dem Chiringuito wohnen. Vor gut sechs Jahren kam Juan hierher. Der Chiringuito hat ihm das Leben gerettet, ist er überzeugt. Hätte er diese Chance damals nicht ergriffen, dann hätte er es wahrscheinlich nie mehr weg von der Straße, zurück in eine gesicherte Existenz, geschafft.

Und im Chiringuito de Dios war es schließlich auch, wo vor zwei Jahren die junge Engländerin Lisa Grace auf den Deutsch-Spanier aufmerksam wurde. Lisa war gerade dabei eine eigene Firma zu gründen, „Hidden City Tours“, und suchte dafür die richtigen Leute. Nach einer professionellen Schulung durch Historiker und Stadtkenner sollen ehemalige Obdachlose ihre ganz eigene Art von Stadtführungen anbieten. Ein Projekt, das in manchen Großstädten Europas bereits seit Jahren gut funktioniert und ankommt. Und auch in der von Touristen überfüllten Stadt Barcelona kann sich die Firmengründerin Lisa nun vor lauter Nachfrage fast nicht mehr retten. Lisa hat eine Marktlücke entdeckt und Juan seine Leidenschaft: Den Menschen „seine“ Stadt zeigen.

Seit fünf Jahren lebe ich nun in Barcelona. Was mir Juan aber in drei Stunden gezeigt hat, das habe ich in all den fünf Jahren nicht gesehen. Mir tun meine Füße weh vom vielen Laufen, und mir brummt mein Kopf von der Hitze der Abendsonne und vom aufmerksamen Zuhören. Wir setzen uns auf die Terrasse einer Bar und bestellen uns was zum Trinken. Es geht auf Mitternacht zu, als ich endlich meinen Heimweg antrete. Juan hätte noch die ganze Nacht hindurch faszinierende Geschichten aus seinem spannenden Leben erzählen können. Geschichten eines Menschen, der es geschafft hat, und der deshalb heute furchtbar stolz und dankbar ist.