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Indien: Der Fluch der Entwicklung

Neun der zehn Städte mit der weltweit größten Luftverschmutzung liegen in Indien. Trotzdem gibt es noch Regionen mit weitgehend intakter Natur, besonders im Nordosten. Aber auch dort heißt es oft: Wirtschaftswachstum um jeden Preis, auch auf Kosten der Umwelt. Steht also den Wald- und Berg­völkern eine ähnliche Zukunft bevor wie den Menschen in Delhi, Mumbai und Kalkutta? Und wenn der Abbau von Tropenholz schnelles Geld verspricht – warum sollten sich die Menschen dann um den Schutz der Natur kümmern?

  Gut muss Es geschmeckt haben, das Picknick hier am Fluss. Denn die Teller, auf denen eben noch ein kleiner Berg Reis mit scharfer Soße lag, sind leer gegessen. Gerade rechtzeitig, denn der Reisebus lässt seinen Motor anspringen. Fertig machen zur Weiterfahrt. Noch schnell ein paar Fotos gemacht fürs Internetprofil, und dann geht dieser Ausflug in die Natur auch schon wieder zu Ende. Die jungen Menschen aus der Großstadt, schick gekleidet in karierten Hemden, blauen Jeans oder farbenfrohen Stoffkleidern, kehren wieder heim in die Stadt, in der sie leben und das Geld verdienen, das ihnen am freien Tag einen Ausflug ins Grüne ermöglicht.

Als sich die Staubwolke, die der Bus auf der ungeteerten Straße hinter sich herzieht, langsam in Luft auflöst, bleibt vor allem eines zurück: ein Berg aus Papp- und Plastiktellern, achtlos weggeworfen nach dem schnellen Mittagessen.  

Es ist schon so: Der moderne Mensch zerstört genau das, was er liebt. Das gilt auch hier im Nordosten von Indien, an der kleinen Brücke von Umsiang. Hier gibt es noch unberührte Natur, frische Luft, und freie Sicht auf Gottes schöne Schöpfung – alles, was in Indiens Megacities mit ihren Müllbergen und den Wolken von Smog kaum noch zu finden ist.

Mit wachsendem Wohlstand entsteht in Indien eine Mittelschicht, die sich Kon­sum und Tourismus nach westlichem Vorbild leisten kann. Aber damit wächst eben auch der Müll. Und das ist nur einer der Gründe, weshalb man für die friedliche Gegend hier am Fluss Schlimmes befürchten muss.

In der „Heimat der Wolken“

Wer die Brücke von Umsiang überquert, gelangt in den Bundestaat Meghalaya hinüber. „Heimat der Wolken“ bedeutet der Name im Sanskrit, den man sich 1972 ausdachte, als die Völker der Khasi und der Garo einen eigenen Bundesstaat innerhalb der großen Nation Indien erhielten. Zu dieser Region gehören einige der wenigen noch übrig gebliebenen Regenwaldgebiete Indiens. Durch das feuchte Monsunklima wird das Dorf Cherrapunji zum Ort mit der größten Regenmenge weltweit.

Der Brite Rudyard Kipling ließ 1895 eine Geschichte seines legendären „Dschungelbuches“ in den Garo Hills spielen. Sie erzählt von wilden Elefanten und einer sagenumwobenen Tier- und Pflanzenwelt. Auch die Völker der Khasi und der Garo kennen bis heute viele Legenden – wie diejenige vom Hahn, der jeden Morgen die Sonne zurückbringt, nachdem sie am Abend zuvor verschwunden ist.

Aber auch wenn Touristiker und Werbeleute solche Geschichten gerne vermarkten und Meghalaya als Sehnsuchtsort für moderne Großstädter anpreisen – für Märchen bleibt hier eigentlich keine Zeit. Nach Angaben der Umweltorganisation WWF sind bereits zwei Drittel der Waldflächen verschwunden – abgeholzt, verbrannt, verbaut.

Dabei wäre die traditionelle Lebensweise der Khasi und Garo seit Urzeiten darauf ausgelegt, der Natur nur gerade soviel abzuringen, wie für ein gutes Leben innerhalb der Dorfgemeinschaft notwendig ist. „Wir nennen das jhum cultivation“, sagt Diana Mary Jarain, während sie ihr kleines Feld zeigt. „Dort drüben wachsen Reis und Yams, daneben Süßkartoffeln.“ Demnächst wird Senf angebaut. „Auch Wassermelonen wachsen hier ganz gut.“

Möglich ist das nur, weil ihre Familie die Fläche gerodet und das getrocknete Holz abgebrannt hat. Die Asche bleibt liegen und macht die Erde fruchtbar. Das reicht etwa drei, vier Jahre, dann zieht man weiter und der Boden darf wieder zuwuchern. Bis zum nächsten Mal. Aber heutzutage wächst die Bevölkerung, die Landflächen werden knapper, die Böden bekommen immer weniger Zeit zur Erholung.

Während Frau Jarain erzählt, schleppen drei Burschen einige Säcke Holzkohle heran. Sie haben sie in den vergangenen Wochen aus den abgehackten Ästen hergestellt und wollen sie verkaufen. Etwa 500 Rupien (6,30 Euro) werden sie für einen großen Sack einnehmen. „Aber nur, wenn das Holz schön hart ist und gut brennen kann“, sagt Ferio, einer der drei. „Sonst gibt es nur 300 Rupien.“

Es ist hier ganz normal, dass die drei Jungen arbeiten, während ihre Tante Diana ihnen sagt, was zu tun ist. Die Khasi sind eine „matrilineare Gesellschaft“, das heißt: Die Erbfolge geht über die Frauen der Familie, offiziell gehört ihnen meist auch das Land. Selbst der Name „Khasi“ bedeutet: „Von einer Mutter geboren“.

Aber was jetzt? In den vergangenen Jahren haben sich immer mehr Khasi-Männer Landbesitz gesichert, und machen Geschäfte zum Beispiel mit Bergbau-Unternehmen, Zementfabrikanten oder Kohlehändlern. In einigen Hügeln wird Uran abgebaut, anderswo graben sich die Menschen so genannte „Rattenlöcher“ ins Gestein und suchen nach wertvoller Steinkohle.

Dabei ist doch der Schutz von Umwelt und Natur fest in der indischen Verfassung verankert. Gesetze sollen saubere Flüsse und abgasfreie Luft garantieren, und das Holz der Regenwälder vor Axt und Säge bewahren. „Verbote werden nichts bringen“, sagt der Franziskanerbruder Collinsius Wanniang. Denn wovon sollen die Menschen dann leben? Die Mission der Franziskaner hat sich auf einigen Hügeln des kleinen Dorfes Orlong Hada niedergelassen.

Vorbild: Franz von Assisi und sein „Sonnengesang“

Im „Zentrum für Ökospiritualität“ suchen die Ordensbrüder nach neuen Wegen zu einer nachhaltigen Entwicklung und einer Bewahrung der Schöpfung – ganz im Sinne des heiligen Franz von Assisi, ihres Namenspatrons. Er war es, der bereits im 13. Jahrhundert seinen „Sonnengesang“ schrieb und darin die Wunder der Natur, von „Bruder Sonne“ bis „Schwester Mond“, bestaunte.

Doch die Franziskaner wissen, dass es nicht nur bei der spirituellen Idee bleiben darf. Ganz konkrete Maßnahmen sind gefordert. Bruder Collinsius Wanniang sagt: „Wenn wir den Menschen keine Alternativen bieten, um ihr Einkommen zu sichern, dann wird unsere Mutter Natur immer in Gefahr bleiben.“ Weil dann Landrechte billig verscherbelt werden, Bäume für schnellen Profit geschlagen und die Böden ausgelaugt werden.

Darum haben die Ordensmänner jetzt zum Beispiel Gummibäume angepflanzt. Aus deren Rinde tropft ein Saft, den man abzapfen, pressen, trocknen und zu Kautschuk verarbeiten kann. Naturkautschuk ist ein begehrter Rohstoff für die Industrie auf der ganzen Welt – Autoreifen, Schuhsohlen und etwa 40 000 weitere Produkte entstehen daraus. „Seit einem Jahr stelle ich Kautschuk her“, sagt Dorfbewohner Hubert Pumah, der bei den Franziskanern Arbeit gefunden hat. Gerade hängt er einen neuen Stapel zum Trocknen auf. „Für ein Kilo bekommen wir ungefähr 95 bis 105 Rupien.“ Umgerechnet sind das nur etwa 1,20 bis 1,30 Euro, aber immerhin.

„Vielleicht ist es nicht viel, was wir tun können“, sagt Bruder Collinsius Wanniang. Aber er kennt ein Sprichwort, das er gerne benutzt: „Besser eine kleine Kerze anzünden, als sich über die Dunkelheit beklagen.“

INFO

Rund acht Millionen Ureinwohner in Indien kämpfen derzeit um ihre angestammten Lebensräume in den Wäldern und Bergen. Hintergrund ist eine Klage von Naturschutzverbänden vor dem Obersten Gerichtshof im Februar 2019. Sie forderten die Vertreibung von Waldbewohnern, die keinen Nachweis für ihr Landrecht erbringen können. Der Oberste Gerichtshof in Delhi ordnete zunächst für Juli 2019 die Umsiedlung von Ureinwohnern an, die kein verbrieftes Bleiberecht besitzen. Nun soll es jedoch im Herbst 2019 eine weitere Anhörung geben.

Naturschützer fürchten um den Rückgang der Lebensräume für bedrohte Tierarten und beschuldigen indigene Volksgruppen, die Zerstörung der Urwälder mit ihrer Lebensweise, zum Beispiel Brandrodung voranzutreiben. Ureinwohner entgegnen, dass sie das rohstoffreiche Ökosystem des Waldes schon seit Jahrtausenden erfolgreich schützen, auch gegen große Konzerne.

Indiens Forstgesetz aus dem Jahr 2006 garantiert den Bewohnern der Wälder ein Landrecht, wenn sie nachweisen können, dass ihre Familien seit mindestens drei Generationen in einer bestimmten Region leben. Doch von den knapp drei Millionen Anträgen auf Anerkennung der Bleiberechte wurden bislang mindestens 1,2 Millionen abgelehnt.

„Die indigenen Einwohner, unter ihnen viele Christen, gehören zu den bedrohtesten Bevölkerungsgruppen. Trotz ihrer per Gesetz gesicherten Rechte werden sie von der indischen Regierung nicht ausreichend geschützt“, sagt missio-Präsident Monsignore Wolfgang Huber. Insgesamt zählen rund 104 Millionen Menschen in Indien zu den indigenen Stammesgruppen, das sind knapp zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Ihnen steht die katholische Kirche Indiens besonders bei.

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