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Gewalt und unmenschliche Haftbedingungen in Brasilien

Gestern bekam ich einen Anruf. Es ging um eine Rebellion im Männergefängnis von Goiânia (1.900 Insassen mit nur 850 Haftplätzen). Zwei rivalisierende Drogenbanden bekriegen sich nicht nur auf der Straße, sondern auch hinter Gitter. Das Resultat: 5 Tote, mehr als 50 Verletzte, 150 Gefangene wurden mit nur der kurzen Hose am Leib in ein anderes Gefängnis verlegt. Verzweifelte Familienangehörige versuchten blieben ohne Nachricht von ihren Söhnen oder Ehemännern.

Die Situation in Brasiliens Haftanstalten ist angespannt, und das nicht erst seit den blutigen Gefängnisrevolten im Dezember 2016 in Manaus und Boa Vista im Norden des Landes. In den vergangenen Wochen gab es weitere Aufstände in Rio Grande do Sul, Paraíba, São Paulo, Rio Grande do Sul, Paraíba, Rio de Janeiro – die Liste ist lang.
Die Gefängnisseelsorge, in der ich über zwei Jahrzehnte in Brasilien tätig bin, klagt seit Jahren die unmenschlichen Verhältnisse in den Gefängnissen an. Jedes einzelne ist ein Pulverfass, das jederzeit explodieren kann. 25 Jahre nach dem Massaker von Carandiru in São Paulo, bei dem offiziell 111 Gefangene getötet wurden, hat sich im brasilianischen Straffvollzug nichts verändert. Im Gegenteil: Es wurde schlimmer. In Manaus wurden 56 Gefangene, im Boa Vista 33 bei den Revolten getötet.

Die Medien geben den rivalisierenden Drogenbanden die Schuld. Aber wir von der Gefängnisseelsorge sehen andere Gründe. Es ist ein fadenscheiniges Argument, die derzeitige Gewalt in den Gefängnissen einfach auf die rivalisierenden Drogenbanden zu schieben. Damit zieht sich der Staat aus der Verantwortung. Denn die organisierten Drogenbanden sind nur ein Produkt der unmenschlichen Haftbedingungen und der repressiven Politik der Regierung. Masseninhaftierungen, das selektive Strafsystem, unterdrückende Drogenpolitik, Folter und verzögerte und langwierige Gerichtsverfahren sind die wahren Ursachen der Gefängnisrevolten: 40 bis 70 Prozent der Gefangenen befinden sich über Monate oder sogar Jahre in Untersuchungshaft.

Der brasilianische Staat hat jüngst ein Sicherheitsprogramm vorgestellt, von dem wir nicht erwarten, dass sich die Situation im Strafvollzug ändern wird. Im Gegenteil: Jahrelanges Wegschauen und ausschließlich repressive Politik kann man nicht in kürzester Zeit mit einen Notprogramm rückgängig machen. Noch dazu mit Vorschlägen, die unserer Meinung nach die aktuelle unterdrückende und selektive Strafpolitik verstärken.

Auf der Agenda der Gefängnisseelsorge stehen vor allem die folgenden Richtlinien, um die Situation in den Gefängnissen zu ändern, die Haftentlassungen und den Straferlass möglich zu machen und die gemeinschaftlichen Praktiken der friedlichen Konfliktlösung zu stärken. Wir setzen uns für folgende Maßnahmen ein: Aussetzung jeglicher Investitionen in den Bau von neuen Gefängnisgebäuden; eine Einschränkung der vorläufigen Festnahmen; die Verkürzung der Strafzeiten und eine Entkriminalisierung im Bereich der Drogenpolitik; die Erweiterung der Garantien im Strafvollzug und Öffnung der Gefängnisse für die Gesellschaft; ein absolutes Verbot der Privatisierung des Gefängnissystems; die Bekämpfung der Folter sowie die Entmilitarisierung der Polizeieinheiten und der öffentlichen Verwaltung.

Zu diesem Thema habe ich kürzlich auch ein Interview mit Adveniat geführt.

Bolivien – Pfarrseelsorge in Santa Cruz de la Sierra

Es gibt einen gewissen Rhythmus im Leben, und doch ist jedes Jahr und jeder Tag neu und anders. Dies kann ich zumindest von 2014 sagen. In Bolivien herrscht relative Ruhe. Am 12. Oktober war Präsidentschaftswahl, und es war vorauszusehen, dass Evo Morales von der sozialistischen Partei wieder gewinnen würde. Es ist seine dritte Amtszeit. Dennoch hat er eigentlich nichts Wesentliches verändert oder verbessert, obwohl er immer vom Cambio (Wechsel) spricht. Rauschgift und Gewalt sind auf dem Vormarsch und kaum aufzuhalten. Die Behörden sind nicht in der Lage (oder auch nicht gewillt) ernsthaft durchzugreifen. Mal sehen, was die nächsten fünf Jahre bringen. Ein Freund der Kirche ist der Präsident jedenfalls nicht.

In der bolivianischen Franziskanerprovinz (Provincia Misionera San Antonio) hingegen hat sich einiges getan – und dies hat auch mich ziemlich betroffen. Am 25. März wurde unser einheimischer Provinzial Pater Aurelio Pessoa zum Weihbischof von La Paz ernannt. Damit musste er seine Ämter in der Provinz ruhen lassen. Da ich Vizeprovinzial war, musste ich automatisch die Provinzleitung übernehmen und somit auch das Provinzkapitel im September vorbereiten. Dies bedeutete, dass ich viele Visitationsreisen machen musste, um mit den Mitbrüdern zu reden. Dabei begleitete mich immer auch der bolivianische Provinzsekretär. Oft war er mein Fahrer, manchmal aber waren wir auch im Flugzeug unterwegs.

Zwar bin ich inzwischen 35 Jahre in Bolivien, doch viele und wichtige Teile des Landes hatte ich noch nie gesehen. Es war also eine einmalige Gelegenheit. Allerdings war dies nicht immer sehr erfreulich: Auf engen und kurvenreichen Schotterstraßen auf 3000 bis 4000 Meter Höhe, an tiefen Schluchten vorbei… Interessant, doch nicht immer angenehm.
Dann musste ich verschiedene Versammlungen leiten und unsere Vollversammlung vorbereiten. Um eine Kandidatenliste für den neuen Provinzial aufzustellen, wurden zwei Wahlen unter allen 103 Mitbrüdern durchgeführt. In beiden Wahlen lag ich klar an der Spitze. Ich gab den Mitbrüdern kund, dass ich mich nicht zur offiziellen Wahl stellen möchte. Gründe: Ich bin 69 Jahr alt und habe durchaus keine gute Gesundheit. Andererseits muss ein Provinzial ständig unterwegs sein. Und dies bei diesen Wegen, Entfernungen und Höhenunterschieden. Zudem ist knapp die Hälfte der Mitbrüder Bolivianer. Außerdem sind wir Ausländer fast alle mehr als 65 Jahre alt. Also ist es höchste Zeit, dass die Bolivianer selbst die Verantwortung übernehmen. Allerdings bin ich in das sogenannte Definitorium gewählt worden: Es sind fünf Ratsmitglieder, zu denen auch Pater Martin Sappl aus Bad Tölz zählt. Nun geht es bald um die Versetzungen. Es wird nicht einfach sein, und die kommenden Jahre werden schwierig. Nun ja, wir hoffen, dass es gut geht.

Pfarrei San Antonio

So bin ich vorerst noch Pfarrer von San Antonio in der Großstadt Santa Cruz de la Sierra, mit knapp 1,5 Millionen Einwohnern die größter Stadt Boliviens. Seit neun Jahren bin ich hier, nachdem ich 26 Jahre in Concepcion war. Wir betreuen 13 Außenstellen, die zum Teil wie eigene Pfarreien funktionieren. Im Haus sind wir momentan fünf Franziskaner: Drei Priester arbeiten in der Pfarrei (einer davon ist zugleich Leiter der Schule mit 2.400 Schülern). Zudem ist P. Walter Neuwirth (Deutscher) hier als Pensionär, und Bruder Feliz (Pole) als Hausökonom.

In diesen neun Jahren, die ich nun hier bin, konnte ich entscheidend mithelfen, dass eine Krankenstation im Haus für Franziskaner funktioniert, dass die Pfarrkirche zweimal erweitert wurde. Auch wurden verschiedene Säle und Räume als Pfarrzentrum geschaffen. Vor einem Jahr wurde auch das sogenannte Centro Franciscano mit Speisesaal, Versammlungsräumen und 50 Betten eröffnet. Dankbar kann ich sagen, dass es sehr gut angenommen wird und fast jede Woche Gruppen kommen. Doch dies alles muss natürlich organisiert werden.

In vielen Filialen konnte ich die Kapellen erweitern oder fertigstellen lassen, dazu auch Versammlungsräume. In vier Außenstellen am Stadtrand zelebrierte ich noch einige Jahre unter den Bäumen, doch inzwischen haben wir auch dort Kapellen und Räume. Doch ist nicht nur wichtig, zu bauen, sondern auch die Pastoral aufzubauen und zugleich zu entwickeln. So gibt es überall Gruppen, Vorbereitung für Erstkommunion und Firmung, einige Seniorenclubs, Musikgruppen, Jugendgruppen… Da es hier keine Orgeln gibt, spielen die Jugendlichen mit Gitarren, Trommeln und Elektroorgeln. Es ist gut, dass man älter und damit etwas schwerhörig wird. Doch den Leuten gefällt die Lautstärke. Jedes Wochenende können wir hier im Haus bis in die Morgenstunden kostenlos tanzen, da von den verschiedenen Bars die Musik tönt und sogar die Fensterscheiben vibrieren und klirren.

Andererseits kommen viele Jugendliche in die Kirche, spielen Musik und sind in der Gemeinde aktiv. So gibt es auch viele junge Katecheten für die vielen Filialen und Gruppen – wir haben zum Beispiel 350 Firmlinge und jährlich rund 100 Hochzeiten. Manchmal ist es nicht ganz so einfach, eine solche Pfarrei mit rund 50.000 Leuten in 13 Filialen zu organisieren und zusammenzuhalten. Aber bis jetzt scheint es, dass ich es ganz gut geschafft habe.

Nach wie vor haben wir zwei Speisesäle für Kinder aus armen Familien und eine Krankenstation. Auch helfe ich bei der Finanzierung eines Lehrers in der Taubstummenschule. Für einige Religionslehrer brauche ich monatlich gut tausend Euro. Wir sind dabei, Pfarr-Caritas zu verbessern, da Arme und Kranke aus der ganzen Stadt bei uns auftauchen. Wer ist wirklich arm, wer faul, wer betrügerisch? Immer wieder stehe ich vor Entscheidungen, den wirklich Armen zu helfen ohne in die Fallen der Schwindler zu tappen. Wir überlegen, ob wir nicht eine Sozialarbeiterin für diese wichtigen Aufgaben einstellen sollten und hoffentlich auch finanzieren können.

Meine ersten Wochen in Tansania

Vier Wochen bin ich jetzt schon als Missionarin auf Zeit in Poli Singisi/Tansania und langsam komme ich an. Bei so viel Trubel wie hier herrscht, ist das gar nicht mal so leicht. Der eine Monat kommt mir vor wie drei. Unglaublich, wie viel passiert ist! Aber von vorne…

Am 11. September ging es sehr früh mit meiner Familie zum Flughafen in Nürnberg zur letzten Abschiedsrunde. Über Amsterdam flog ich zum Kilimanjaro Airport, den ich leider erst im Dunkeln erreichte, weshalb mir mein Sitzplatz am Fenster nicht sonderlich viel gebracht hat. Endlich gelandet, bin ich von einer deutschen Schwester, die hier für das Homecraft Center, in dem ich arbeite, verantwortlich ist, einer tansanischen Schwester, die auch als Lehrerin in der Schule arbeitet, und einigen Mädchen abgeholt worden. Alle haben mich sehr herzlich begrüßt. In Poli Singisi angekommen, sind allerdings rund 30 weitere Mädchen auf mich zu gerannt, die mich auch alle umarmen wollten. Das dauerte dann … 😀

Ich habe hier mein eigenes Zimmer mit eigenem Bad (an das kalte Wasser zum Duschen muss ich mich allerdings noch gewöhnen). Ein Kleiderschrank, ein Schreibtisch, ein Bett. Das Gelände besteht aus einem großen Bau, in dem sich eins der Klassenzimmer, der Store, die Teeküche, das Office und das Lehrerzimmer befinden. In einem weiteren befinden sich die Schlafräume und Bäder der Mädchen und ein Gästezimmer. Außerdem gibt es ein Küchengebäude für den Unterricht, eine Küche für die Mädchen, die ihr Essen selbst kochen, ein weiteres Klassenzimmer und einen großen Garten, in dem sie Gemüse anbauen.

Zurzeit leben hier im Konvent, der ein paar Meter vom Schulgelände entfernt ist, zehn Schwestern, die fast alle aus Tansania kommen. Am Essenstisch wird deshalb doch häufiger auch Swahili gesprochen, was ich leider (noch) nicht verstehe. Dafür sprechen wir ja zum Glück alle Englisch. Das Zusammenleben funktioniert sehr gut, auch wenn es sich eigentlich fast nur auf das Gebet und das Essen beschränkt, da die Schwestern alle einfach sehr viel beschäftigt sind.

In der ersten Woche habe ich oft bei den Mädchen gesessen und mich (versucht) mit ihnen zu unterhalten. Einige sprechen aber ganz gut Englisch, so dass es meistens klappt. Wenn es dann mal in die Stadt ging, war natürlich alles super aufregend. Viele Dinge, die hier total alltäglich sind, fand ich einfach faszinierend. Dazu gehören die übervollen, klapprigen Hiaces (auch als Dala-Dalas bekannt), die hier zusammen mit den Piki-Pikis (Motorräder) die öffentlichen Verkehrsmittel darstellen, die Frauen und Männer, die egal was oder wie auf dem Kopf tragen, die Märkte, auf denen man alles kaufen kann (und einem auch alles mehrfach angeboten wird), die vielen Menschen in Arusha und die Farben (sei es die Natur, die Kleidung der Menschen oder die Häuser).

Nachdem zuerst eine tansanische Studentin meine Stunden gehalten hatte, bin ich mittlerweile voll in meinem Tagesplan drin. Ich stehe für meine Verhältnisse sehr früh auf, nämlich um 5.40 Uhr. Dann geht es zur Messe, zum Frühstück und in den Unterricht bzw. zur Büroarbeit. Um 13 Uhr gibt es Mittagessen und von 14 bis 17 Uhr fällt noch mal Büroarbeit an. Um 18 Uhr gehe ich in die Vesper, vorher je nachdem mit Rosenkranz oder Anbetung, anschließend gibt es Abendessen. Danach verbringe ich Zeit mit den Mädchen oder alleine, bis es dann um 22 Uhr Schlafenszeit ist.

Meine erste Unterrichtsstunde war schon eine Herausforderung. Es ist nämlich gar nicht so leicht einen abwechslungsreichen und interessanten Unterricht zu gestalten. Und seine Autorität muss man sich auch erst einmal erkämpfen. Das Verständigungsproblem ist dabei, je nach Tagesform von Lehrer und Schülern, unterschiedlich groß. Aber es wird … Übung macht den Meister!

Ich hatte in den vergangenen Wochen außerdem das Glück schon einige Feiern miterleben zu dürfen – und das ist hier wirklich etwas Besonderes! Es wird getanzt, gesungen und gelacht! Es gibt viel zu Essen und auch Unterhaltungsprogramm … ein Fest für alle! Egal, ob bei der Verabschiedung von einer unserer Lehrerinnen, bei der Graduation in der Secondary School oder bei der Eröffnung eines neuen Konventgebäudes in der Nähe und der ersten Profess einer Novizin.

Außerdem habe ich Schwestern in Lushoto besucht, das in den Usambara Mountains liegt, und habe da einen der schönsten Orte überhaupt entdeckt. Mitten im Dschungel und dennoch mit Aussichtspunkten über das ganze Flachland, einfach unglaublich!

Jetzt steht aber erstmal wieder „normaler“ Alltag bevor. Wir müssen ganz schön dran bleiben, da die Mädchen im Dezember Prüfung haben und bis dahin noch einiges zu erledigen und zu schaffen ist! Deswegen, ran an den Speck, auf die Plätze, fertig, los!

Eine Nachtwanderung durch das innerste Afrika

In meinen Arbeiten im Südsudan komme ich weit herum. So will ich von einer Erfahrung berichten, die ich im Innersten Afrikas gemacht habe. In der Pfarrei Tali, eine Tagesreise von Juba, der Hauptstadt entfernt, mitten im äquatorialen Afrika bauen wir derzeit eine Hauptschule und ein Schwesternhaus. In der Pfarrei dort, die erst vor sechs Jahren wiedereröffnete werden konnte, lebt Pater Markus aus Pottenstein mit zwei Mitbrüdern aus dem Südsudan. Seit kurzer Zeit ist auch eine international aufgestellte Schwesterngemeinschaft vor Ort, die aber noch notdürftig untergebracht ist.

Zurzeit ist Regenzeit und wenn diese einmal angefangen hat, dann regnet es richtig. Das große Becken des Südsudans ist topfeben und es sammelt sich sehr viel Wasser in vielen kleinen Niederungen. Die Erdwege – als einzige Verbindungen – sind dann fast nicht mehr passierbar.

Vor einigen Wochen sind wir auf der Rückfahrt von Tali, die wir schon um 5 Uhr früh begonnen hatten, stecken geblieben. Und das schon nach rund 60 km. Wir hatten noch 120 km vor uns. Ich hatte eine Mitfahrgelegenheit mit einem kleinen Lkw des Bauunternehmers Mattia. Schon nach wenigen Stunden Fahrt sind wir total aufgesessen, aber wir kämpften bis in den Abend hinein. Die Natur ist gerade in der Regenzeit wirklich extrem. Die Männer, die mit dabei waren, sind echte Draufgänger und haben versucht, den Wagen immer wieder aus den Sümpfen raus zubringen: mit Schaufeln, Steinen, Zweigen und anderen Hau-Ruck-Techniken.

Als gar nichts mehr ging, bin ich dann mit Mattia fast 40 km zu Fuß weitergezogen, bis tief in die Nacht hinein, mitten durch zum Teil 500 m lange Sümpfe mit einer Tiefe von ca. 80 cm. In diesen Tümpeln, die natürlich auch die Wege kreuzen, gibt es wahrhaftige Froschkonzerte. Diese waren gewaltig anzuhören. Heute noch klingen sie in meinen Ohren. Überhaupt habe ich noch nie eine so kraftvolle Natur erlebt. Überall findet sich überquellendes Leben. Überall krabbelt oder bewegt sich was oder macht sich durch exotische Laute bemerkbar. Ungefähr auf halber Strecke, so um ca. 11 Uhr nachts, fanden wir dann an einer Wegkreuzung einen Wasserbrunnen mit Handpumpe und waren heilfroh darüber. Mattia meinte, wir sollten hier übernachten. Nahe des Brunnens war eine heruntergekommene Schule. Ich wollte aber eigentlich, schon wegen der Mosquitos, die Nacht im Laufen verbringen. Dann ließ ich mich aber doch überzeugen und wir legten uns auf dem Betonboden der Schule nieder. Zuvor haben wir noch – ohne Erfolg – nach einem „Watchman“ Ausschau gehalten. Als wir aber so ein bisschen dahin dösten, hatte ich plötzlich einen Lichtstrahl einer Taschenlampe im Gesicht. Gott sei Dank konnte Mattia ein bisschen Arabisch und erklärte dem Mann unsere Lage. Er meinte, sein Gewehr versteckend, dass er uns schon gesehen habe, aber sich nicht melden wollte. Immer wieder gibt es hier versprengte Soldaten, mit denen er nichts zu tun haben will, erklärte er uns. Nachdem wir aber „entdeckt“ waren, war mir wohler und ich konnte immer wieder ein wenig einnicken, natürlich auf den Morgen wartend.

Bei der „Nachtwanderung“ hatte ich am Anfang etwas Angst (Schlangen im Sumpfwasser, andere Gefahren und Menschen, die sich durch Durchziehende angegriffen fühlen), aber nach einer halben Stunden Marsch im Mondlicht habe ich festgestellt, dass man läuft wie ein Soldat. Alle Geräusche und Bewegungen des Dschungels werden dann einem vertraut und nach einer gewissen Zeit machten mir auch die Männer mit ihren Kalaschnikows nicht mehr so viel aus. Denn jeder Mann hier hat eine Waffe zur Selbstverteidigung oder für geplante Rinderdiebstähle.

Auch habe ich, während dieser doch extremen Erfahrung für mich, die gutherzige Art meines Kollegen Mattia erlebt, der wirklich die Fähigkeit hat, mit Menschen gut umzugehen und eine Ruhe ausstrahlt. Ich spürte seine Verbundenheit in Gott und das daraus resultierende Vertrauen nämlich, dass es immer wieder weiter geht und doch letztendlich gut ausgeht. Mattia kennt einige notwendige Sprachen, die hier gesprochen werden, und das war eine große Hilfe. Leid hat mir nur der Mopedfahrer getan, den wir dann schlussendlich am nächsten Tag um die Mittagszeit getroffen haben und der uns in einer Drei-Stundenfahrt durch den Busch auf einem kleinen Moped zu dritt nach Rockom gebracht hat. Beim Sturz, den wir wegen des Regens hatten, hat er sich ganz schön den Unterschenkel verbrannt. Aber einen Schmerz hat er nicht gezeigt.

So bin ich ungeplant in das Innerste Afrikas vorgedrungen. Dabei habe ich Gehöfte, Menschen und eine Natur angetroffen, die wohl vor 500 Jahren nicht viel anders waren. Insgesamt haben die Menschen auf mich eine große innere Ruhe ausgestrahlt und die Gastfreundschaft Afrikas konnte ich auch wieder neu erleben. Die angehängten Bilder können einen kleinen Einblick in die Welt des Südsudans in der Regenzeit geben.

Ein Kreuz in fünf Farben und erste Worte auf Swahili

Die vergangene Zeit war wieder sehr ereignisreich. Ich hatte meinen Aussendungsgottesdienst für den bevorstehenden Einsatz als Missionarin auf Zeit in Tansania und habe einen Informationsstand am Pfarrfest meiner Gemeinde gemacht. Außerdem war ich in einem Sprachkurs für Swahili, so dass ich jetzt schon ein paar Sachen sagen kann.

Zu meinem Aussendungsgottesdienst kam Pater Roberto Turyamureeba aus Uganda, Mitarbeiter in der Stabsstelle Weltkirche des Erzbistums Bamberg, von den Comboni-Missionaren, den ich auf dem Länderseminar kennen gelernt hatte. Zusammen mit dem Chor Sanctissimo meiner Gemeinde haben wir den Gottesdienst afrikanisch gestaltet und ich bin somit offiziell entsandt worden. Ich habe zwei markante Zeichen überreicht bekommen: ein Kreuz in fünf Farben und die Taschenbuch-Ausgabe von „Gottes Wort für jeden Tag“. Ersteres soll mich „daran erinnern, glaubwürdige Zeugin zu sein – das zweite soll auf Gott hinweisen, der sich auf die Seite der Menschen stellt.“

Was mir besonders wichtig war, was Roberto gesagt hat, ist, dass ich Botschafterin der Gemeinde von St. Walburga in Nürnberg-Eibach, aber auch von allen deutschen Gemeinden bin und dass ganz viel von dem, was ich tun werde, auf alle Deutschen projiziert werden wird. Das hat mir noch einmal deutlich gemacht, wie viel Verantwortung ich da eigentlich auch habe. Zum Abschluss habe ich dann den Segen für meinen Einsatz bekommen und dadurch die Unterstützung der ganzen Gemeinde. Es war wirklich ein sehr bewegender Gottesdienst, der mir gezeigt hat, dass es viele Menschen gibt, die hinter meinem Projekt stehen und mich dabei unterstützen – ein schönes Gefühl!

Am nächsten Tag habe ich im Rahmen des Pfarrfests einen Infostand über mein Projekt gemacht, zu dem jeder, der wollte, kommen konnte, um sich zu informieren oder sich einfach nur ein bisschen zu unterhalten und auszutauschen. Außerdem habe ich noch eine Aktion für Kinder gemacht, nämlich Kinder-Schminken, um ein paar Spenden zu sammeln. Passend zur WM haben wir natürlich Flaggen auf die Wangen gemalt. 😉

Ein weiterer Höhepunkt war der Sprachkurs für Swahili, den ich besucht habe. Wir haben unheimlich tolle Leiter gehabt, von denen eine selbst Missionarin auf Zeit war, die uns unglaublich viel beigebracht haben – an nur einem Wochenende. Und das ist wirklich gar nicht so einfach, da die Sprache komplett anders aufgebaut ist, als das Deutsche oder Englische, Französische oder Spanische, was ich so aus der Schule kenne. Aber mittlerweile kann ich mich auf Swahili vorstellen, sagen, wer ich bin, wo ich herkomme, was meine Aufgabe ist, bis zehn zählen und nach dem Weg fragen. Jetzt heißt es dann nur noch Vokabeln lernen, lernen, lernen…

Morgen starte ich in den Sommerkurs, das letzte Seminar vor unserer Ausreisen und dann in die drei Wochen Mitlebezeit im Kloster. Ich freue mich unglaublich drauf! Die Leute wieder zu sehen, sich auszutauschen, die gemeinsame Vorfreude und die vielen Erfahrungen, die wir wieder machen werden.