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Slawenapostel Kyrill – ein großer Europäer im Heiligenkalender

Es ist für mich persönlich eine große Auszeichnung und gleichzeitig eine Ehre, die folgenden Zeilen zum 1150. Todestag des großen Slawenapostels und Patrons von Europa, des heiligen Kyrill zu schreiben. Und dies aus mehreren Gründen:

  1. stammt meine Familie väterlicherseits – wie sich aus meinem Familiennamen unschwer erkennen lässt – aus jenem Raum, denen der heilige Kyrill das Christentum in ihrer Muttersprache vermittelte,
  2. bin ich als junger Theologe in jenes Kloster eingetreten, das sich wenige Kilometer von der heutigen tschechischen Grenze und vom ehemaligen Eisernen Vorhang befindet und
  3. gehörte mein Heimatkloster in Österreich über viele Jahrhunderte zur so genannten böhmischen Zirkarie unseres Prämonstratenserordens.

Das alles motivierte mich auch in meiner 11-jährigen Abtszeit das Erbe der beiden Slawenapostel durch die Errichtung einer byzantinischen Kapelle und die Feier der Gottesdienste im byzantinischen Ritus zu bewahren, im klaren Bewusstsein, dass unsere Kirche und unser Europa nach dem Wort des mittlerweile heiliggesprochenen Papstes Johannes Pauls II. „mit beiden Lungenflügeln“ atmen müssen. Wenn wir das Leben und die Wirkungsgeschichte des heiligen Kyrill betrachten, so können wir mit Fug und Recht behaupten, dass er und sein Bruder Methodius als große Europäer bezeichnet werden können.

Die Brüder Kyrill und Methodius. Foto: COr/Myrosh

Kyrill – der ursprünglich Konstantin hieß – und sein Bruder Methodius stammten aus einer hochrangigen byzantinischen Beamtenfamilie in Thessaloniki und wurden im ersten Drittel des 9. Jahrhunderts geboren, also zu jener Zeit, in der Thessaloniki sich aus dem Einflussbereich des Bischofs Roms löste und in die Jurisdiktion des Patriarchen von Konstantinopel überging. Die gediegene Ausbildung, die Konstantin-Kyrill in Konstantinopel erhielt, trug ihm den Bei- und Ehrennamen „Philosoph“ ein. Die entscheidende Wende in seinem und seines Bruders Leben trat mit der Entsendung der beiden Brüder durch den byzantinischen Kaiser Michael III. und Patriarch Photios I.  in das Großmährische Reich im Jahre 863. Der große Verdienst der beiden Brüder war die von ihnen kodifizierte altslawische Sprache, mit der sie die Bevölkerung des Großmährischen Reiches leichter erreichten, als die bayrischen Priester, die die lateinische Sprache verwendeten und des Slawischen kaum mächtig waren.

Aufgrund des Vorwurfes der Verwendung einer unkanonischen Sprache mussten sich die beiden Brüder in Rom vor Papst Hadrian II. rechtfertigen, erreichten aber die Anerkennung der slawischen Liturgiesprache im Jahre 867. Konstantin trat in Rom in ein dortiges Kloster ein, nahm den Mönchsnamen Kyrill an und verstarb dort am 14. Februar 869. Er liegt in der altrömischen Basilika S. Clemente begraben.

Das missionarische Wirken des heiligen Kyrill kann man als die erste wirkliche Evangelisierung der Slawen bezeichnen, obwohl oder gerade weil sie mit heftigen Widerständen von Seiten der Bischöfe von Regensburg und Salzburg rechnen musste, denen Böhmen nach dem Ende des Großmährischen Reiches Anfang des 10. Jahrhunderts endgültig unterstellt wurde, so dass der lateinische Ritus endgültig an die Stelle des slawischen trat.

Wenn ich anfänglich die beiden Brüder als große und echte Europäer bezeichnete, dann zeigt sich das in besonderer Weise am Wirken und der Geisteshaltung des heiligen Kyrill. Sein Verständnis von der Menschenwürde, das seinem Programm zugrunde lag, lässt sich vom Schöpfungswerk Gottes ablesen, das alle Menschen betrifft, da alle von Gott geschaffen sind. Auch der Weg diese Menschenwürde zu erlangen, steht allen Menschen offen, da Christi Erlösungswerk alle Menschen betrifft. Das war auch die grundlegende Haltung seines Missionsverständnisses, das keine Zwangsbekehrungen und Massentaufen wollte, sondern freiwillige Zustimmung zu jenen Werten, die aus dem Leben und Wirken Jesu Christi resultieren.

Aus diesem Grunde war ihm auch ein verstehender Glaube wichtig, was sich auch in der von ihm und seinem Bruder Übersetzung der ganzen Bibel ins Altkirchenslawische niederschlug. Kyrill und Methodius haben sich daher das friedliche Einbeziehen der slawischen Völker in die Staaten- und Kulturwelt ihrer Zeit – trotz zahlreicher Spannungen und Rückschläge – zum Ziel gesetzt und dieses Ziel auch erreicht. Es war wohl das hohe Bild vom Menschen, das er durch seine monastische und geistliche Prägung erhielt, und das ihn befähigte, in allen kirchenpolitischen Spannungen den Frieden zu suchen, „die anderen“ nicht zu verketzern und das Anrecht der „neuen Völker“ Europas auf den ihnen gebührenden kirchlich-kulturellen Eigenstand zu vertreten.

Papst Johannes Paul II. hat in seinem Apostolischen Schreiben „Slavorum Apostoli“ zum 1500. Todestag des heiligen Kyrill diese Eigenschaften besonders hervorgehoben und wie folgt charakterisiert: „Die Heiligen verkündeten eine Botschaft, die sich für unsere Zeit als sehr aktuell erweist, welche gerade wegen vieler schwieriger Probleme religiöser und kultureller, gesellschaftlicher und internationaler Natur eine lebenskräftige Einheit in der konkreten Gemeinschaft der verschiedenen Bestandteile sucht… Die beiden Brüder vollbrachten ihre Sendung nicht nur in hoher Achtung vor der bei den slawischen Völkern schon bestehenden Kultur, sondern haben diese zusammen mit der Religion auf hervorragende und ständige Weise gefördert und bereichert…. Kyrill und Methodius leisteten einen entscheidenden Beitrag zur Bildung Europas, und zwar nicht nur in der religiösen, christlichen Gemeinschaft, sondern auch für seine gesellschaftliche und kulturelle Einheit. Sie legten bei den slawischen Völkern das Fundament für eine christliche-humanistische Prägung der Gesellschaft, die heute durch Begriffe wie Menschenwürde, Freiheit, Unantastbarkeit der Person, Gerechtigkeit, Solidarität und personelle Verantwortung charakterisiert ist.“ (Slavorum Apostoli Nr. 26 u. 27)

Schlussendlich bilden die Slawenapostel eine „geistige Brücke zwischen der östlichen und westlichen Tradition, die beide in der einen großen Tradition der universalen Kirche zusammenfließen. Sie sind Beispiele und zugleich Fürsprecher in den ökumenischen Bestrebungen der Schwesternkirchen des Ostens und Westens, um durch Dialog und Gebet die sichtbare Einheit in der vollkommenen und umfassenden Einheit wiederzufinden.“ (Ebd. Nr. 27)