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„Die Nachrichten sitzen in meinem Büro“

Rückblick auf die Caritas-Asylberatung in der Erstaufnahmeeinrichtung in Eichstätt

Gut 2.650 Asylbewerbern aus 26 Nationen hat die Caritas in der Dependance der Erstaufnahme-einrichtung im Gebäude der früheren Realschule Maria Ward am Residenzplatz in Eichstätt geholfen. Drei Mitarbeitende der Kreisstelle Eichstätt haben seit November 2014 über 1.660 Männer und fast 300 Frauen – meistens in mehreren Gesprächen jeweils – direkt beraten. Viele von ihnen lebten mit Kindern in der Unterkunft, die Ende Juli geschlossen wird. Soweit die Zahlen von Eva Dengler. Sie ist seit Ende 2016 – als die Schließung bereits absehbar war – als einzige Caritasberaterin in der Unterkunft verblieben.

Die Lebensgeschichten hinter den Zahlen sind für die Sozialpädagogin allerdings prägender: „Die Nachrichten sitzen in meinem Büro“, bringt die Eichstätterin ihre Erfahrungen auf den Punkt. Dazu zählen ebenso Erlebnisse von Menschen, die ihr bei der Beratung vom Tod eines Angehörigen am Vortag im Boot auf dem Mittelmeer berichteten, wie Ängste von Afghanen vor Ablehnungen und Abschiebungen.

Menschen aus Afghanistan waren Eva Dengler zufolge im vergangenen Jahr mit Abstand die am meisten beratene Bevölkerungsgruppe in der Erstaufnahmeeinrichtung. „Ihre Furcht davor, in ein Land voller Gewalt abgeschoben zu werden, war auch bei uns ständig spürbar“, so Eva Dengler. Hier ähneln die Erfahrungen der Caritas-Mitarbeitenden in dieser Unterkunft denen ihrer Kolleginnen und Kollegen der dezentralen Asylberatung. Diese hatten dazu geführt, dass sich der Caritasverband Eichstätt im März mit einer öffentlichen Stellungnahme dafür aussprach, zumindest derzeit keine afghanischen Asylsuchenden abzuschieben. Darin sehen sich die Eichstätter Verantwortlichen nun durch eine aktuelle Warnmeldung des Deutschen Caritasverbandes bestätigt: „Afghanistan ist ein Land, in dem von Monat zu Monat die Zahl der toten und verletzten Zivilisten auf ein neues Rekordniveau steigt. Abschiebungen setzen die Menschen unüberschaubaren Risiken aus und sind deshalb nicht zu verantworten“, teilte Caritas-Präsident Dr. Peter Neher vergangene Woche mit.

„Natürlich geht einem vieles selbst unter die Haut“, bekennt Eva Dengler. Und wenn sie von Angesicht zu Angesicht mit dem Schicksal von zu Tode gekommenen Bootsflüchtlingen konfrontiert wurde, „dann kann man allenfalls dadurch helfen, dass man zuhört und einfach da ist“. In der Regel ist es in den Beratungen aber darum gegangen, die geflüchteten Menschen möglichst sachlich über ihre Möglichkeiten zu informieren und entsprechende Hilfen einzuleiten. In manchen Fällen ging das recht schnell: „zum Beispiel, wenn wir sie in unsere Caritas-Kleiderkammer in der Weißenburger Straße schickten“, so Eva Dengler. Lange dauerten oft hingegen Unterstützungen für medizinische Hilfen. „Einmal vermittelten wir eine Frau mit einer Risikoschwangerschaft nach München in eine Klinik. Nach einem Kaiserschnitt musste dann auch noch das geborene Kind operiert werden. Hierbei waren unzählige Gespräche mit Ärzten, der Regierung von Oberbayern und anderen nötig: zum Beispiel darüber, dass die Frau zunächst auch dort ihr Taschengeld aus Eichstätt ausbezahlt bekam und schließlich, dass sie wieder nach Eichstätt zurückkommen konnte, was sie wollte“, schildert die Caritasberaterin einen Fall. Viel Ausdauer forderten auch Verfahrensberatungen: „Um die Asylsuchenden auf ihre Anhörungen beim Bundesamt vorzubereiten, haben wir mit vielen spezielle Trainings durchgeführt. Dabei regten wir sie unter anderem an, ihre Verfolgungserfahrungen zu ihrem Vorteil möglichst detailliert zu schildern, auch wenn dies persönlich unangenehm war“, so die Sozialpädagogin. In einigen Fällen hat sie sogar mit dem Handy gemachte Bilder von einem Fotografen nachbearbeiten lassen, damit diese ein besseres Beweismittel darstellten.

„Transfer“ meistgenutztes Wort

Das meistgenutzte Wort in der Unterkunft ist nach Erfahrung der Caritasmitarbeiterin „Transfer“ gewesen. „Einige konnten es kaum abwarten, in eine dezentrale Unterkunft zu kommen – zum Teil auch, weil sie in einer Erstaufnahmeeinrichtung nicht selbst kochen dürfen. Vielfach kamen für den Transfer allerdings die Bescheide nicht rechtzeitig an, was immer wieder zu Unmut führte“, erzählt Eva Dengler. „Es gab aber auch Leute, die in Eichstätt bleiben wollten, weil sie hier in kurzer Zeit Anschluss an die Bevölkerung gefunden hatten – zum Beispiel im Sportverein – und die über ihren Transfer dann traurig waren.“ Wie andere hat auch Eva Dengler die Erstaufnahmeeinrichtung am Residenzplatz durchaus als Vorzeigeobjekt für Flüchtlingsunterkünfte schätzen gelernt: „von den kurzen Wegen in Eichstätt über ein tolles ehrenamtliches Engagement, besondere Projekte wie Extra-Schulklassen für die Bewohner, eine große Spendenbereitschaft von zum Beispiel Fahrrädern und Koffern und vielfältige Kooperationen verschiedener Gruppierungen“, deutet sie einige Punkte an.

In diesem Jahr kamen die am meisten beratenen Flüchtlinge in der Unterkunft aus Nigeria, die allerdings kaum eine Bleibeperspektive haben. Eine gute Chance auf eine Zukunft in Deutschland hat hingegen der 19-jährige Abdulrahman aus Somalia, einer der letzten von der Caritas beratenen Asylsuchenden in der Einrichtung am Residenzplatz. Er ist auch einer derjenigen, die dort am längsten untergebracht waren: Schon seit über einem Jahr ist er mit seinem Vater und einer Schwester dort. Diese haben bereits ihre Asyl-Anerkennung bekommen, Abdulrahman wartet noch darauf. „In Somalia waren wir von radikal-islamistischen Gruppen bedroht, weil mein Vater für die Regierung arbeitete“, berichtet der junge Mann. Da der Vater dialysepflichtig ist und zudem kaum deutsch spricht, sind die drei froh, nicht getrennt worden zu sein. Abdulrahman spricht bereits recht gut deutsch. Hierfür hat sich seine Teilnahme am Sprachunterricht in der Erstaufnahmeeinrichtung sowie an der Berufsschule gelohnt. In den letzten Wochen, die Eva Dengler noch in der Einrichtung ist, will der junge Mann gemeinsam mit ihr Initiativen in die Wege leiten, um seine Mutter und Geschwister aus Somalia nachzuholen. Dann hofft er, bald einen Beruf erlernen zu können: „Arzt werden ist mein Traum, aber auch Krankenpfleger wäre toll. Ich möchte gerne anderen Menschen helfen“, so der junge Somalier.

Als Patin weiterhin engagiert 

Eva Dengler wird ab August für den Sozialpsychiatrischen Dienst der Caritas-Kreisstelle Eichstätt arbeiten. „Die Erfahrungen in der Erstaufnahmeeinrichtung waren für mich sehr prägend, aber jetzt möchte ich beruflich in einen anderen Bereich Einblick bekommen, der mich auch sehr interessiert.“ Ehrenamtlich wird die Eichstätterin aber auch in der Flüchtlingsarbeit tätig bleiben, indem sie einen jungen afghanischen Asylbewerber als Patin betreut.

Aus dem Krieg in eine neue Heimat

In diesem Blog „Weitblick“ berichten in der Regel Menschen aus dem Bistum Eichstätt über ihre Erfahrungen in fernen Ländern. Viele Menschen aus diesen Ländern begegnen uns freilich mittlerweile auch mitten in Eichstätt. Seit vergangenem Jahr sind dies vor allem Asylbewerber, die in der Erstaufnahmeeinrichtung in der früheren Realschule Maria Ward untergebracht sind. So kann auch ein Besuch in dieser Einrichtung „Weitblick“ ermöglichen.

Flüchtlingsfamilie in Eichstätt
Die syrische Familie Almoustafa in der Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Eichstätt. Foto: Peter Esser

Bei einem Besuch dort treffe ich Familie Almoustafa. Sie ist erleichtert. Heute hat sie den Bescheid bekommen, nach über vier Monaten endlich aus der Erstaufnahmeeinrichtung Maria Ward in eine neue Unterkunft im Süden Bayerns umziehen zu können. Nicht, dass es der fünfköpfigen syrischen Flüchtlingsfamilie in Eichstätt schlecht ergangen wäre. Ganz im Gegenteil: „Es gefällt uns hier sehr gut und auch die Bewohner sind ganz nett“, sagt mir die derzeit alleinerziehende Mutter Maysoun. Auch in der Einrichtung selbst – in der rund 200 Flüchtlinge untergebracht sind – hatte die Familie vergleichsweise Glück. Während viele andere zusammen mit ihnen fremden Menschen in einem ehemaligen Klassenzimmer leben müssen, blieb ihre Privatsphäre gewahrt. Zwar teilt Maysoun ihr Wohn- und Schlafraum mit drei Töchtern, einem Sohn und einem Schwiegersohn, „aber in arabischen Ländern leben die Leute ja ohnehin meistens noch bei den Eltern, wenn sie verheiratet sind“, sagt sie.

Jahrelang ohne Schule

Dass sie trotz guter Erfahrungen in Eichstätt froh ist, jetzt wegziehen zu können, liegt vor allem an ihrer Sorge um die Bildung der Kinder. Bereits seit mehreren Jahren gehen diese nicht zur Schule. Und dabei sind sie zum Lernen hochmotiviert. Die zehnjährige Tochter Rama zeigt mir auf, was sie in mehrmals wöchentlich stattfindenden Deutschkursen in Maria-Ward bereits gelernt hat: „Das ist die Nase, das der Mund, hier sind die Ohren und Haare“, beschreibt sie ihr Gesicht, und zählt anschließend noch auf Deutsch bis 20.

Jetzt, wo die syrische Familie kurz vor der Anerkennung als Asylbewerber steht, sind alle hoffnungsvoll, bald ein geregeltes Leben beginnen zu können. Dann fehlt nur noch, dass auch der Ehemann und Vater nach Deutschland nachziehen kann, der seit zwei Jahren in Saudi-Arabien lebt. Mit ihm steht Ehefrau Maysoun per Handy nahezu täglich in Kontakt. Caritas-Flüchtlingsberater Mathias Schmitt sagt zu, sich für die Zusammenführung der Familie einzusetzen.

Ende einer Fluchtodyssee

Wenn die Familie schließlich vereint in einem neuen Zuhause sein wird, geht für sie eine mehrjährige Fluchtodyssee zu Ende. Durch den Krieg im Heimatland wurde ihr Haus zerstört, eine Tochter musste sogar in der Schule einen Angriff miterleben. Maysoun Almoustafa flüchtete mit ihren Kindern nach Ägypten. Sie hoffte, von dort zu ihrem Mann nach Saudi-Arabien zu gelangen. Da das nicht klappte, entschloss sie sich zur Flucht nach Europa. Wie viele andere, war die Familie in einem kleinen Boot nach Italien unterwegs. „Wenn wir gewusst hätten, wie beengt das wird und dass wir dort Leute sterben sehen würden, hätten wir das nicht gemacht“, gesteht die syrische Frau. Jetzt ist sie freilich froh, fast alles durchgestanden zu haben. Während sie mit ihren Kindern die Koffer packt, besorgt ihr Caritasberater Schmitt Zugtickets und Reisepläne für ihre Fahrt in ein neues Zuhause am nächsten Tag. Auch er zeigt sich erleichtert: „Für die Familie hat das alles schon sehr lange gedauert. Eigentlich ist es nicht vorgesehen, dass hier ankommende Kinder vier Monate lang nicht in die Schule gehen“, erklärt er. „Doch das ist natürlich auf die große Anzahl an Asylbewerbern zurückzuführen, auf die vielen Krisenherde weltweit, aber auch auf noch ungeklärte Zuständigkeiten bei den Behörden, sodass vieles nicht so schnell geht, wie man sich das wünscht.“

Knüpfen am Netzwerk für Flüchtlinge

Nachdem ich mich von der Familie verabschiedet habe, werfe ich einen Blick in die Turnhalle der ehemaligen Schule. Laut und stimmungsvoll geht es dort zu. Rund 30 Flüchtlinge spielen Basketball. Geleitet wird die Sportstunde vom 18-jährigen Ehrenamtlichen Daniel Krasselt. Zweimal in der Woche bieten er und oft auch andere Helfer Basket-, Fuß-, Feder- oder Volleyball für Asylbewerber an. Daniel hielt vor kurzem in der Schule ein Referat über die Terrorgruppe IS. Das hinterließ Spuren bei ihm und er entschloss sich, für Flüchtlinge bei uns konkret etwas zu tun, „denn die brauchen ja mal eine Abwechslung“.

Daniel Krasselt (rechts) bringt Flüchtlingen Basketball bei. Foto: Peter Esser
Daniel Krasselt (rechts) bringt Flüchtlingen Basketball bei. Foto: Peter Esser

Sportstunden für Erwachsene sowie auch für Kinder sind ein Baustein innerhalb eines Angebots, das die Caritas-Fachkräfte Mathias Schmitt, Eva Dengler und Christine Pietsch mit Ehrenamtlichen aufgebaut haben. Ganz wesentlich sind für die Alltagsarbeit die sogenannten flexiblen Helfer. „Sie können wir jederzeit anrufen, wenn es zum Beispiel darum geht, ein Kinderbett zu organisieren. Dann setzen diese sich mit ihren Freunden und Bekannten in Verbindung“, berichtet Eva Dengler. Gewinnen konnten die Caritasmitarbeiter zudem einige Paten. Diese kümmern sich speziell um eine Person oder Familie. „Die Paten organisieren zum Beispiel für kranke oder behinderte Flüchtlingskinder Termine beim Arzt und fahren auch mit ihnen dorthin“, so die Caritas-Sozialberaterin. Um Sprachbarrieren zu überwinden, konnte mittlerweile ein Kreis ehrenamtlicher Dolmetscher aufgebaut werden. Im Aufbau befindet sich zudem laut Eva Dengler eine Gruppe Ehrenamtlicher zur Begleitung schwangerer Flüchtlingsfrauen. „Sehr engagiert ist zudem unsere Fahrradgruppe: Studenten kommen einmal in der Woche in unsere Einrichtung, verleihen Fahrräder oder reparieren solche mit den Asylbewerbern. Das findet großen Anklang, auch wenn die Verständigung manchmal schwierig ist.“