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Unterwegs an der Grenze zwischen Brasilien und Bolivien

Ich war in den vergangenen Wochen viel unterwegs und habe in Städten in der Region von Rondonópolis und auch an der Grenze zwischen Brasilien und Bolivien Lepravorträge für das Gesundheitspersonal gehalten. Ich habe auch einige neue Leprafälle entdeckt. Ein Arzt in der Urwaldstadt Araputanga, den ich schon 20 Jahre kenne, behandelte einen Patienten drei Jahre auf Reumathismus. Da keine Besserung auftrat, bat er mich den Patienten zu untersuchen, es war Lepra. Die Straßen zu einigen Städten an der bolivianischen Grenze waren teilweise sehr schlecht und ein plötzlich auftretender Tropenregen hat die Erdstraße schnell in Schlamm verwandelt, was meinem alten Jeep einiges an Kraft kostete. Doch die kleinen Städte in der Region sind noch ziemlich sicher mit wenig Gewalt und vor allem die Landschaft ist sehr schön mit vielen Wasserfällen. Doch bei den Wasserfällen muss man aufpassen, weil in letzter Zeit in einigen Wasserfällen Anakondas bis zu fünf Meter gesehen wurden. Das Bild mit der Anakonda auf der Straße wurde in der Region von einem Freund gemacht.

Buschstadt Jauru mit Kirche im Bundesstaat Mato Grosso: Foto Manfred Göbel

Dreimal in den letzten Monaten hat mich der Jeep auf der Straße gelassen. Der Motor schaltete plötzlich ab, weil die Sicherung für die Einspritzpumpen durchbrannte. Jedes Mal passierte das mitten in der Prärie. Einmal kurz vor einer Polizeistation, die mir einen Abschleppdienst organisierte und zweimal in einer sehr gefährlichen Region an der Grenze zu Bolivien, wo normalerweise keiner anhält. Da wurde es mir schon ein wenig bange. Doch ein Ehepaar hielt an und benachrichtige in der nächsten Stadt – ca. 40 Kilometer entfernt – einen Abschleppdienst. Zuerst wollte ich in einer nahegelegenen Farm Hilfe holen, doch scharfe Hunde und bewaffnete Angestellte verhinderten mir den Zutritt. Nach einer Stunde kam der Abschleppdienst und brachte mich in eine Werkstatt. Es wurde die Sicherung gewechselt und ich konnte weiterfahren. Doch nach drei Kilometer blieb der Jeep wieder stehen. Der Abschleppdienst kam wieder und der Jeep musste nach Cuiabá gebracht werden, ca. 200 Km entfernt. Der Besitzer des Abschleppdienstes meinte, dass es ein guter Tag für mich gewesen sei, worauf ich protestierte und meinte, nicht für mich, sondern für ihn, da er mich zweimal abschleppen musste und Geld damit verdiente. Doch er bestand darauf und meinte, dass ich Gott danken soll, dass nur der Jeep versagte und ich ohne Schaden blieb. Da hatte er Recht, denn wenn mir der Jeep beim Überholen versagt hätte und die schweren Fernlaster mit hoher Geschwindigkeit durch die Prärie rasen, hätte das für mich böse enden können. Jetzt habe ich eine Generalüberholung des Jeeps machen lassen: Zwei Einspritzpumpen wurden ausgewechselt und die Stromversorgung überholt. Inzwischen war ich schon wieder viel unterwegs und ohne Probleme.

In Rondonópolis besuchte ich ein altes Ehepaar, das vor mehr als 35 Jahren Lepra bei mir und meiner Frau behandelte. Heute leben sie in einem kleinen Häuschen in einem Armenviertel, das ihnen ein deutscher Priester gebaut hat. Der Mann hat schwere Verstümmelungen wegen Lepra und beide sind an Chagas erkrankt. Sie haben sich sehr über meinen Besuch gefreut. In Rondonópolis hatte ich auch eine Besprechung mit den Stadträten und der Leiterin des Gesundheitsdienstes.

Im Gespräch mit Stadträten und Leiterin des Gesundheitsdienstes in Rondonopolis. Foto: privat

In einer kleinen Buschstadt hielt ich einen Vortrag für Kleinbauern, viele kannten mich noch als ich vor 30 Jahren Leprakampagnen organisierte. Nach dem Vortrag organisierten sie ein typisches Abendessen mit Reis und Huhn. Die Freude der Kleinbauern über meinen Besuch war wirklich beeindruckend. Eine weitere Kampagne ist geplant.

Die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) hat die Gelder für Südamerika und vor allem auch Brasilien drastisch gekürzt, so dass nur noch wenige Projekte unterstützt werden können. Deshalb fahre ich wieder in die Städte und helfe an der Basis, das Gesundheitspersonal auszubilden und besuche Kranke. Das macht viel Freude, denn die Menschen sind sehr dankbar, vor allem auch die Fachkräfte.

Meine angeschlagene Wirbelsäule hat bisher gut mitgemacht dank der guten Behandlung durch das orthopädische Team des Klinikums in Ingolstadt.

Anakonda auf der Straße. Foto: Manfred Göbel

Die Lage in Brasilien ist chaotisch und trostlos. Grenzenlose Korruption auf allen Ebenen (Justiz, Politik, Unternehmen, Banken, Gewerkschaften und Gesellschaft) hat das Land zerstört. Massenarbeitslosigkeit, extrem hohe Kriminalitätsrate, Chaos in allen öffentlichen Diensten – vor allem Gesundheitsversorgung – und allgemeine Frustration sind die Folge. Viele Brasilianer, vor allem Jugendliche wollen das Land verlassen. Es ist momentan keine Perspektive auf Besserung da. Eine korrupte Elite dominiert das Land, sowohl die linksorientierten als auch rechtsorientierten, konservative oder progressive, alle sind sie in Korruption verwickelt. 30 Jahre nach Ende der Militärdiktatur haben gerade diejenigen, die gegen die Militärdiktatur kämpften, das Land in den Abgrund gestürzt.

Manfred Göbel mit Erzbischof Simon Ntamwana aus Burundi in Eichstätt
Erzbischof Simon Ntamwana aus Burundi in Eichstätt. Foto: Referat Weltkirche

Im letzten Jahr war ich in Deutschland und bei der Gelegenheit hat die Hörfunkredaktion der Diözese Eichstätt ein Interview mit mir geführt. Weltkirchereferent Gerhart Rott lud mich zusammen mit dem Erzbischof von Gitega (Burundi) zum Mittagessen ein. Wir hatten ein sehr gutes Gespräch.

Manfred Göbel – ein Leben für die Kranken

Brasilien steckt tief in der Krise

Ich sitze bei fast 40° an meinem Schreibtisch, die Klimaanlage rattert gegen die Hitze. Brasilien, das vor kurzem noch wirtschaftlich aufstrebende Schwellenland mit sehr guten Prognosen für die Zukunft, wird von einer schweren politischen und wirtschaftlichen Krise erschüttert. Regierungsmitglieder, einflussreiche Politiker und Wirtschaftsbosse sind in den größten Korruptionsskandal der Geschichte des Landes verwickelt. Der halbstaatliche Ölkonzern Petrobrás, eine der größten Ölfirmen weltweit, musste Milliarden Verluste verbuchen und bangte zeitweise um seine Existenz. Während weltweit die Benzinpreise fallen, steigen sie in Brasilien.

Fehlgeschlagene Wirtschafts- und Finanzpolitik, Strafverfolgung von einflussreichen Politikern und Wirtschaftsbossen haben das Vertrauen ausländischer Investoren beträchtlich beeinflusst und große Investitionen blieben aus. Die fünftgrößte Wirtschaftsnation der Welt fällt auf Position acht zurück.

Die Folge war und ist noch ein Ansteigen der Inflation auf derzeit über 10%, der Arbeitslosigkeit auf (offiziell) 8,7 % – bei Jugendlichen sogar auf 16%. Brasilien registrierte 2015 ein negatives Wachstum von 3,1%. Die Armut, die in den letzten Jahren rückgängig war, stieg wieder an. 50% der Ärmsten müssen mit 13% des Bruttosozialproduktes auskommen. Beim Index für menschliche Entwicklung verschlechtert sich Brasilien um 1,9% und belegt Rang 75 von 188 Ländern.

Die negative wirtschaftliche Entwicklung hat die sozialen Errungenschaften der letzten Jahre neutralisiert und die sozialen Probleme verschärft. Sozialleistungen werden gestrichen, Gesundheitsprogramme befinden sich in der Krise, den Kommunen geht das Geld aus, es sind Rückschläge im Kampf gegen Abholzung und Rodung zu verzeichnen.

Trinkwasserspeicher Cantareia in der Region Sao Paulo Mitte 2015. Foto: Sabesp
Trinkwasserspeicher Cantareia in der Region Sao Paulo Mitte 2015. Foto: Sabesp

Obwohl Brasilien 12% des Trinkwassers unseres Planeten besitzt, hat der Klimawandel in den letzten Jahren zu einem bedrohlichen Wassermangel vor allem in der Region Südosten (in den Bundesstaaten São Paulo, Espírito Santo, Minas Gerais und Rio de Janeiro) verursacht und zu drastischen Rationierungsmaßnahmen für mehr als 80 Millionen Menschen geführt. Einige Wasserspeicher in dieser Region operieren unter dem Minimum und laufen Gefahr auszutrocknen.

Gewalt und Kriminalität sind eine ständige Bedrohung und Herausforderung für die Sicherheitskräfte. Obwohl Brasilien in keinen Krieg verwickelt ist, ist die Sicherheitslage prekärer als in manchen Kriegsländern. Laut UNO-Bericht belegt Brasilien den 11. Platz unter den unsichersten Ländern weltweit, mehr als 55.000 Brasilianer verloren ihr Leben im vergangenen Jahr durch Gewalt. Städte wie São Luís in Maranhão und Cuiabá im Mato Grosso zählen zu den gefährlichsten in Brasilien.

Gewaltige Gesundheitsprobleme

Brasilien führt weiterhin die Leprastatistik mit 31.000 Neuerkrankungen jährlich an, betroffen sind davon auch mehr als 2000 Kinder. Die Lepra konzentriert sich in den Regionen Norden, Nordosten und Zentralwesten, wobei die Bundesstaaten Mato Grosso mit 3000 Neuerkrankungen und Maranhão mit 3400 Neuerkrankungen die Leprastatistik anführen. Die brasilianische Regierung investiert viel in die Lepraarbeit, unterstützt nationale Kampagnen, vor allem auch in Schulen, fördert Forschung und die Ausbildung von Fachkräften. Sie schätzt die Leprahilfswerke als wichtige Partner im Kampf gegen die Krankheit.

Tuberkulose mit 70.000 Neuerkrankungen, Dengue-Fieber mit 588.000 neuen Fällen, Malaria, Leishmaniose, und viele andere Erkrankungen belasten die Gesundheitsdienste der Kommunen. Schnell wird Lepra als Gesundheitsproblem vergessen. Es ist Aufgabe der Leprahilfswerke, Lepra nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Auch wenn viele Länder von der Eliminierung der Lepra sprechen, haben wir den Kampf noch lange nicht gewonnen. Es besteht die Gefahr, dass Lepra plötzlich wieder verstärkt auftritt, wenn wir im Kampf gegen Lepra nachlassen.

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Der Kampf gegen Lepra in Brasilien

Brasilien ist das zweitgrößte Lepraland nach Indien mit 32.000 Neuerkrankungen im Jahr 2013, davon 2.400 Kinder. Die Dunkelziffer dürfte um einiges höher sein. Die Lepra konzentriert sich in den Regionen Zentralwesten, Norden und Nordosten, während die besser entwickelten Regionen im Süden und Südosten die Krankheit bereits unter Kontrolle haben. Auffallend ist die hohe Zahl der Neuerkrankungen bei Kindern, was bedeutet, dass die Krankheit noch nicht unter Kontrolle ist, denn die Kinder werden von Erwachsenen angesteckt. Deshalb startete das brasilianische Gesundheitsministerium eine Kampagne in den Schulen. In 853 Städten wurden 3,8 Millionen Schulkinder auf Lepra untersucht und 300 neue Fälle entdeckt.

Die Kampagne wird von der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW), für die ich hier in Brasilien tätig bin, unterstützt und soll jährlich wiederholt werden. Der Verein mit Sitz in Würzburg leistet Hilfe für die Lepraarbeit in den Bundesstaaten Mato Grosso, Mato Grosso do Sul, Amazonas und Maranhão, mit einer Bevölkerung von 16.568.641 Einwohner und einer Fläche von km² 3.151.607. In 2013 wurden 7.852 neue Leprafälle in diesen Bundesstaaten registriert, dabei waren 658 Kinder betroffen. Mato Grosso hat mit 91 Leprafällen pro 100.000 Einwohner die höchste Leprarate Brasiliens, gefolgt von Maranhão mit 55 Fällen pro 100.000 Einwohner. Die Bundesstaaten Maranhão und Amazonas haben eine der höchsten Armutsraten Brasiliens – über 20 Prozent der Bevölkerung gelten als arm.

Da es sich um große, dünn besiedelte Gebiete mit teilweise schwer zugänglichem Gelände, wie im Amazonasurwald im Norden vom Mato Grosso oder in Maranhão, handelt, sind auch die Lepraaktivitäten mit erheblichen Anstrengungen und Gefahren verbunden. Die Leprateams sind häufig wegen der schlechten Straßen, gefährlichen Brücken, langen Bootsfahrten und abenteuerliche Flüge im Amazonasgebiet großen Gefahren ausgesetzt. Häufig können sie mit den niedrigen Tagegeldern kaum das Hotel bezahlen. Solche Reisen sind mit erheblichen Strapazen und vielen Überstunden, die nicht abgerechnet werden, verbunden.

Das Lepraprogramm ist in den brasilianischen Basisgesundheitsdienst integriert, der durch das Programm „ Teams für Familiengesundheit“ getragen wird. Die DAHW unterstützt die Städte im Kampf gegen die Lepra und trägt dazu bei, dass die Krankheit nicht vergessen wird. In Kooperation mit den nationalen Ausbildungs- und Forschungszentren für Lepra in Manaus und in Bauru/São Paulo unterstützt der deutsche Verein die Städte bei der Ausbildung von medizinischem Fachpersonal. 4.264 Fachkräfte aus 286 Städten nahmen an Ausbildungskursen teil. Da der Wechsel der Fachkräfte sehr hoch ist, müssen permanent Fortbildungen zum Thema Lepra angeboten werden.

Die Städte organisieren zudem Aufklärungskampagnen und führen Reihenuntersuchungen in der Bevölkerung durch. Im Rahmen der Rehabilitierung von Leprakranken werden in mehr als 25 Schusterwerkstätten in den vier Bundesstaaten jährlich über 1.500 Patienten betreut. Ein Chirurg vom Referenzzentrum Alfredo da Matta in Manaus fährt regelmäßig in die Urwaldstädte, um Leprakranke zu operieren.
Die gesellschaftliche Rehabilitierung von Leprakranken ist ein wichtiger Teil der Arbeit. Leprakranke organisieren sich in Selbsthilfegruppen, um sich gegenseitig zu helfen, besser mit Problemen wie Körperbehinderungen, Vorurteilen und psychischen Problemen umzugehen. Die Gruppen werden von einem Arzt und einer Krankenschwester sowie häufig von Sozialarbeitern und Psychologen begleitet. In der Gruppe nehmen auch Menschen aus der Gemeinde teil, die nicht an Lepra erkrankt sind, um die Reintegration der Leprakranken zu fördern. Die Gruppen treffen sich wöchentlich, organisieren Aktivitäten wie Stricken, Häkeln, Nähen, Handwerkkunst, Kochen und gemeinsame Feste. Die Produkte verkaufen sie dann auf dem Markt oder bei anderen Gelegenheiten. Der Erlös wird unter den Teilnehmern aufgeteilt und die Kosten für Anschaffung von Materialien finanziert. Fünf solche Gruppen unterstützt die DAHW in den vier Bundesstaaten.

Mehr zum Thema: Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe in Brasilien

Lepra in Brasilien noch immer weit verbreitet

„Lepra, gibt es das noch?“, hört man immer häufiger. Viele verbinden Lepra mit alten Geschichten, die Hunderte ja Tausende von Jahren zurückliegen. Andere und interessantere Probleme beherrschen heute die Schlagzeilen der Presse und die Sorgen der Menschen. Sogar in den Ländern mit noch hoher Leprarate wie Indien und Brasilien wird das Problem immer mehr verdrängt, weil Lepra eine Schande für aufstrebende Schwellenländer ist.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht seit fast 20 Jahren von der Eliminierung der Lepra als öffentliches Gesundheitsproblem, musste jedoch das geplante Datum immer wieder verschieben, weil das Ziel nicht erreicht wurde. Indien hat trotz der hohen Leprazahlen das Ziel offiziell 2005 erreicht, doch die Zahl der neuen Leprafälle steigt wieder. Zurzeit laufen große Kampagnen des brasilianischen Gesundheitsministeriums mit Aufklärung, Ausbildung von Fachpersonal und intensiver Aufklärung in Schulen zur Entdeckung neuer Leprafälle. Brasilien will das Ziel der Lepraeliminierung im Jahre 2015 erreichen. Lepraeliminierung bedeutet weniger als zehn Kranke pro 100.000 Einwohner.

Lepra ist eine Infektionskrankheit, die durch das Mycobacterium Leprae hauptsächlich mittels Tröpfcheninfektion übertragen wird. Die Lepra befällt die Haut und periphere Nerven, was zu Sensibilitätsstörungen mit Lähmungen an Händen, Füssen und Augen führen kann. Auf Grund der Sensibilitätsstörungen werden Verletzungen nicht rechtzeitig erkannt, weil das Schmerzempfinden nicht mehr funktioniert, was zu schweren Wundinfektionen und Zerstörung von Nervenbahnen bis hin zu und Erblindung führen kann. Lepra ist seit Einführung der Multidrugtherapie (Kombinationstherapie mit Antibiotika) in den 80er Jahren heilbar. Die Behandlung dauert sechs bis zwölf Monate und ist kostenlos.

WHO und Regierungen konnten trotz der Verbesserung der Gesundheitsdienste und neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen die Krankheit nicht eliminieren. Die Unterstützung für die Lepraarbeit, sei es auf medizinischem, sozialem oder Forschungssektor, lässt nach. Es fehlen Gelder für Forschung zur Entwicklung eines Impfstoffes, alternativer Therapien, Resistenzentwicklung bei Lepra und Übetragungsmodus. Obwohl Brasilien ein gut organisiertes Basisgesundheitsprogramm hat, leidet dieses an fehlenden Mitteln, schlechter Planung und Korruption seitens der Stadtregierungen.

Die Unkenntnis des medizinischen Personals im Leprabereich in typischen Lepraländern ist erschreckend hoch. Die Universitäten interessieren sich nicht mehr oder kaum für das Thema. „Mit Lepra verdient man kein Geld“, hört man immer wieder von jungen Medizinern. Lepra im 21. Jahrhundert ist nicht mehr interessant und gerät immer mehr in Vergessenheit. Der Leprabazillus „freut“ sich, weil er mit seiner Jahrtausende alte Erfahrung im Umgang mit dem menschlichen Körper immer weniger Feinde zu bekämpfen hat und fast in aller Ruhe weiter arbeiten kann. Er ist noch da!

Obwohl die offiziellen Zahlen weltweit jährlich zurückgehen, zeigen lokale Untersuchungen eine erheblich hohe Dunkelziffer von Kranken, die nicht erfasst werden. Sei es in Brasilien, Indien oder in anderen Lepraländern, dort wo medizinisches Personal ausgebildet und aktiv nach Leprakranken gesucht wird, ist die Zahl der Neuerkrankungen überraschend hoch. Hoch ist auch die Zahl der Neuerkrankungen bei Kindern, was zeigt, dass der Leprabazillus nicht schläft oder geschwächt, sondern noch sehr aktiv ist.

Im Jahre 2012 wurden weltweit 232.857 neue Leprafälle in 115 Ländern registriert. 16 Länder konzentrierten 95% aller neuen Fälle und drei Länder (Indien, Brasilien und Indonesien) 80% der neuen Leprafälle. Indien steht mit 187.049 neuen Leprafällen an erster Stelle weltweit, gefolgt von Brasilien mit 33.303 neuen Fällen.

Die Zahl der neuen Leprafälle in Brasilien konzentriert sich in ärmeren Regionen des Nordens, Nordosten und Zentralwesten, während der entwickelte Süden die Lepra unter Kontrolle gebracht hat. Was zeigt, dass Lepra dort seinen Nährboden findet, wo Armut, fehlende Hygiene, Unterernährung und mangelnde Bildung noch Probleme sind.
Auch in Deutschland werden wieder einige neue Leprafälle registriert. Es handelt sich hier um eingeschleppte Infektionen aus den Lepraländern wie Indien und Brasilien. Die Lepradienste dürfen jetzt nicht nachlassen. Der Kampf gegen die Krankheit muss mit unverminderter Härte weitergeführt werden. Denn sonst kann es sein, dass eines Tages die Lepra als eine „alte – neue Krankheit“ wiederkommt, nämlich dann wenn keiner mehr eine Ahnung von Lepra hat.

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